Exposé zu

Was ist Wahrheit?
 —
Wittgensteins Logisch-philosophische Abhandlung

Marcus Hinz

ἔστιν ἔστιν

     Inhalt

Inhalt

1 Tatsachen und Sachverhalte	1

2 Die Idee	2

3 Gegenstände	4

3.1 Die Form des Gegenstands	5

3.2 Der Gegenstand als Substanz der Welt	6

3.3 Welt & Wirklichkeit	8

4 Das Bild	9

4.1 Der Aufbau des Modells	10

4.1.1  Vertretung	10

4.1.2  Strukturelle Abbildung	11

4.1.3  Vertretung versus strukturelle Abbildung	11

4.2 Die abbildende Beziehung	12

4.3 Die Form der Abbildung	12

4.3.1  Die Form der Darstellung	13

4.3.2  Die logische Form	14

4.4 Grenzen des Bildes	15

5 Der Gedanke	16

6 Der Satz	17

## Tatsachen und Sachverhalte

 In Satzreihe 1 bespricht Wittgenstein die der   Abhandlung  zu Grunde gelegte Ontologie.

 F ür  Wittgenstein ist  die Welt „die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge“ 1

LPA Satz 1.1
 .  Er  setzt der  gängigen Dingontologie eine Tatsachenontologie entgegen.

 Zu Beginn v on  Satzreihe  2 führt Wittgenstein ergänzend die Sachverhalte ein. Wie sich die Sachverhalte zu den Tatsachen verhalten, bleibt  aber unklar.  Wittgenstein formuliert  an dieser Stelle  nebulös: „ die Tatsache ist das Bestehen von Sachverhalten“ 2

LPA Satz 2
 .

 In seinem Vorwort zur Abhandlung formuliert Russell die wohl gängigste  Interpretation des Verhältnisses von Tatsache und Sachverhalt 3

LPA S. 262 Abs. 1 Ende
 :

What is complex in the world is a fact. Facts which are not compounded of other facts are what Mr. Wittgenstein calls  Sachverhalte, whereas a fact which may consist of two or more facts is a  Tatsache: thus, for example “Socrates is wise” is a  Sachverhalt, as well as a  Tatsache, whereas “Socrates is wise and Plato is his pupil” is a  Tatsache but not a  Sachverhalt.

 Russell schwebt an dieser Stelle ein  S tufenm odell vor, in dem  Sachverhalte die kleinsten komplexen Einheiten der Welt darstellen.  D iese Einheiten können zu  T atsachen   gruppiert  werden.

Tatsache und Sachverhalt unterscheiden sich dieser Sicht nach nicht wesentlich: Jeder Sachverhalt ist für sich  selbst bereits eine Tatsache.

 Russells  Sicht  passt  aus verschiedenen Gründen  nicht zum Text . Die zwei wichtigsten:

-

Wittgenstein  behandelt die Ontologie in Satzreihe 1. Thema  von Satz ­reihe 2 ist das Bild.

Wittgenstein führt den Sachverhalt in den Vorbemerkungeni

 Ich habe den Teil zur Form der   Abhandlung  noch nicht in das neue Manuskript übernommen. Kurz zum Thema Vor­be­merkung:

-

Wittgenstein erläutert die Systematik der Satz­num­mern in Fußnote zu Satz 1.

-

Satznummern, die eine 0 enthalten, sollte es laut dieser  Systematik nicht geben.

-

Über 50% des Textes findet sich in Sätzen mit Satz­num­mern, die eine 0 enthalten.

-

Meine These zur Systematik dieser Nummern:

-

 Die 0 in der Satznummer führt einer­seits dazu, dass die Nummer länger wird. Das logische Gewicht so num­merierter Sätze wird  a lso  geringer.

-

In der Sortierung rutscht der so num ­merierte Satz aber vor die Sätze mit regulärer Num­merierung.

Die 0 in der Satznummer gibt Wittgenstein die Möglichkeit, Sätze an der regulären Systematik vorbei, vor andere Sätze zu schmuggeln, ohne ihnen ein ungewollt hohes logisches Gewicht geben zu müssen.

Ich behandle diese Sätze als einleitende Bemerkungen zum eigentlichen Thema, das in den regulär nummerierten Sätzen besprochen wird.

0 steht für eine Vorbemerkung zu regulären Sätzen, 00 für Vorbemerkungen zu Sätzen, deren Nummer eine 0 enthält.
 zu Satz­reihe 2 ein, ordnet ihn damit syste­matisch also dem Bild – nicht der Ontologie – zu.

-

Russell bezeichnet Sachverhalte als Komplexe.

D as steht  so im Text:  Wittgenstein sagt selbst, dass  der Sachverhalt eine Verbindung von Gegenständen  ist 4

LPA Satz 2.01
.

Nimmt  man aber die Annahme, dass Sachverhalte Tatsachen sind, hinzu, erhält man einen klaren Widerspruch zu Satz 1.1:

Laut Satz 1.1 ist die Welt die Summe der Tatsachen, nicht der Dinge. Bestehen Tatsachen aber aus Gegenständen, wäre die Welt eben doch die Summe der Dinge, da diese die Tatsache konstituieren.

 Tatsächlich s pricht  Wittgenstein an verschiedenen Stellen der   Abhandlung  explizit davon, dass Sachverhalte aus Gegenständen zusammengesetzt sind.  A n keiner Stelle spricht er davon, dass dies auch für Tatsachen gilt.

 Und genauso wenig gibt es eine Stelle in der   Abhandlung , in der Wittgenstein vo m   S achverhalt  sagen würde, dass  e r   e ine Tatsache sei .

Ich habe eine These zum Verhältnis von Sachverhalt und Tatsache e ntwickelt, die Russells Widerspr uch vermeidet.

  Daneben erlaubt sie eine Sicht   auf den Text als schlüssiges Ganzes, statt ihn – wie häufig zu lesen – als eine Ansammlung von Aphorismen erscheinen zu lassen.

Und zu guter Letzt erklärt sie, was Wittgenstein meint, wenn er im Vorwort davon spricht, „die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben“5

LPA Vorwort letzter Absatz.
.

## Die Idee

 Die Kernpunkte :

-

 Eine Tatsache ist jedes Stück Wirklichkeit, über das wir Aussagen tref ­ fen können, ohne den  weiteren Kontext der Tatsache zu kennen.

-

Zu  jeder Tatsache gibt es verschiedene Zugangsweisen, die logisch un ­ ab ­ hängig voneinander sind.

-

Gegenstände konstituieren die Tatsache nicht, kennzeichnen vielmehr  die Zugangs weise zur Tatsache.

-

Erst  wenn Tatsache und Zugang sweise  bestimmt sind, kann ein Bild der Tatsache gemacht werden.

 Ein solches Bild stellt  dann einen Sachverhalt dar.

 Der  S ac hverhalt   besteht  unabhängig von, aber gleichberechtigt zu allen an­deren Sachverhalten, die ebenso auf die  Tatsache zutreffen .

-

 Gegenstände ermöglichen es also Bilder der Tatsachen zu machen. Die Tatsache ist durch sie aber nicht ontologisch bestimmt.

 Ein Beispiel zur Illustration.  F olgende Tatsache 6

Ich werde Tatsachen immer als Fotografien darstellen.

Das ist natürlich ein Kompromiss: Gerüche, Haptik und Geräusche werden so z um B eispiel nicht  abgebildet, obwohl sie Teil der Tatsache sind. Es ist das Beste, das ich in einem Buch  bieten kann.

Sätze zu wählen verbietet sich: Sätze sind immer schon Bilder.
 :

 Wolfgang Brendel als Papageno in Mozarts Zauberflöte, München 2005

Der Kontext der dargestellten Tatsache ist nicht bekannt. Man weiß z.B. nicht, ob sich noch weitere  Sänger auf der Bühne befinden. Genauso wenig ist klar, ob es sich um eine Probe oder eine Aufführung handelt,  etc..

Trotzdem ist es möglich sinnvolle Aussagen zur Tatsache zu machen, etwa, dass ein Mann auf einer Bühne steht.

 D ie Frage, was auf dem Bild zu sehen ist,  kann sehr verschieden beantwortet werden . Ich möchte zwei mögliche Antworten herausgreifen und ein wenig näher beleuchten:

-

 Es ist Papagenos erste r Auftritt in  Mozarts Zau ­ber ­flöte.

-

 Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in  Mozarts Zauberflöte.

 Beide Aussagen sind wahr, beide Aussagen beziehen sich auf denselben Gegenstand, nämlich  diesen da.

Jetzt sieht es so aus, als wäre ein gegebenes Ding zwei Dinge gleich­zeitig, nämlich ein Opernsänger und eine Opernfigur.

Man kann einwenden, dass  ich in meinen Aussagen einfach nicht vollständig notiert habe.

Richtig hätte ich sagen müssen: „Es ist Wolfgang Brendel in der Rolle des Papageno bei seinem ersten Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“

Der Satz wird ontologisch quasi nach Wolfgang Brendel aufgelöst, die Opern ­figur verschwindet als selbstständiger Teil der Welt.

Ein Einwand:

Die  Wenigsten werden gewusst haben, dass die singende Person Wolfgang Brendel ist, viele davon aber sehr wohl Papageno erkannt haben.

Der Sänger hat zunächst nichts mit der Opernfigur zu tun.

Ich kann den Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in  Mozarts Zauberflöte.“ verstehen, ohne Wolfgang Brendel zu kennen.

 Die zugrunde liegende Tatsache stellt also keine not­wendige Beziehung zwischen Sänger und Opern­figur her.

Deutlicher wird das Argument, nimmt man eine zweite Tat­sache hinzu:

Papageno in Mozarts Zauberflöte, Lindauer Marionettenoper, 2012 (?)

Wieder Papagenos erster Auftritt in der Zauberflöte.

Dieser Umstand setzt beide Tatsachen in Beziehung zueinander: Man kann etwa Papagenos Kostüm oder sein Erscheinen auf der Bühne in der jeweiligen Inszenierung vergleichen.

Diesmal  ist Papageno  eine Marionette.

Der Vergleich funktioniert nur, wenn der Sänger für die Opern ­figur unerheblich ist; wenn man vom Sänger absehen und trotz ­dem die Opernfigur betrachten kann.

Der Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in  Mozarts Zauberflöte.“ handelt nicht von Wolfgang Brendel und es ist eine wesentliche Eigenschaft des Satzes, nicht von Wolfgang Brendel zu handeln.

Wäre dem nicht so, könnte man  z.B. die Kostüme nur ver ­gleichen, wenn Wolfgang Brendel sie trägt.

 Die Sätze „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in  Mozarts Zauberflöte.“ und „ Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in  Mozarts Zauberflöte“ sind logisch unabhängig von ­einander und müssen es sein.

Trotzdem treffen beide Sätze gleichermaßen auf dasselbe Stück  Welt – dieselbe Tatsache – zu.

Die Sätze beschreiben zwei Sach­verhalte, die unabhängig von ­einander aber gleich­berechtigt auf   zutreffen.

Das ist Wittgensteins Grund gedanke:

2	Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.

Zu jeder Tatsache –  jedem Stück Welt – gibt es ver ­schiedene, logisch von ­einander unabhängige Zugangs ­weisen, die nicht auf ­einander reduziert werden können.

Jeder dieser Zugangsweisen ent ­spricht ein Sach­verhalt, der gleichberechtigt neben allen anderen Sachverhalten, die auf die Tatsache zutreffen, besteht.

Umgekehrt:

 Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugs ­weise –  nur für sich – existiert, gibt es nicht.

   dieses da ist  t atsächlich  zwei Dinge gleichzeitig: Je nach Bezugs­weise Papageno oder Wolfgang Brendel.

Ge genstände sind in diesem Sinne Nichts in der Welt. Sie kenn­zeichnen vielmehr Bezugs­wei­sen auf Tatsachen, die die Welt konstituieren.

1.1	Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.

## Gegenstände

Satzreihe 2.0

 Der erste Auftritt in der Zauberflöte ist nicht der einzige  S achverhalt, in dem Papageno eine Rolle spielt: Er ist z.B. Vogelfänger und ein ziemlich ängstlicher Typ, der zum Trinken neigt.

 In all diesen Sachverhalten spielt derselbe Papageno eine Rolle, der auch seinen ersten Auftritt in der  Z auberflöte hat.

 Ein Gegenstand kann also nicht vollständig auf  einen  Kontext reduziert werden. Eine gewisse Unabhängigkeit vom Sach­ver­halt, in dem er vorkommt, muss gegeben sein.

Wittgenstein adressiert dieses Thema in Satzreihe 2.0.

 Die Satzreihe ist eine wichtigsten aber auch eine der undankbarsten Pas­sagen der   Abhandlung .

 Wittgenstein nutzt in der Satzreihe zentrale Begriffe wie „ S atz“, „Bild“, „Sach­lage“, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch nicht eingeführt sind.

Insbesondere die Abgrenzung von Sachverhalt und Sachlage kann aus der Satzreihe allein nicht verstanden werden.

 Daneben ist der Duktus der Satzreihe stark ontologisch geprägt.

 Ich glaube viele der missverständlichen Lesarten der   Abhandlung  rühren einfach daher, dass beim Lesen  d ieser Passage  eine Ding- und eben keine Tatsachen­ontologie unter­stellt wird.

 Thema von   Satzreihen 2.01 & 2.02  sind die Gegenstände. In dieser Passage baut Wittgenstein ein Modell auf, das er in Satzreihen 2.03,ff auf die Sach­verhalte anwendet  und schließlich zum  Bild – dem eigentlichen Thema der Satzreihe – führt.

## Die Form des Gegenstands

Satzreihe 2.01

Am einfachsten liest sich Satzreihe 2.01 als Gegenentwurf zu dem, was in der Ontologie  manchmal etwas flapsig  als Kleiderständertheorie  bezeichnet wird:

 Betrachtet man einen Gegenstand nimmt man die Eigenschaften  des Gegen­stands wahr. Jede einzelne dieser Eigenschaften kann man auch an anderen Gegen­ständen feststellen.

 So entsteht der Eindruck, ein Gegenstand sei nichts mehr als eine zufällige Ansammlung  d er wahrgenommenen  Eigenschaften – der Gegen­stand verliert seine Kohärenz.

 Es muss etwas geben, das dem Gegenstand über den bloßen äußeren Ein­druck hinaus Halt gibt –  seine  Kohärenz sichert.

 Da die Gegenstände die konstituierenden Elemente der Welt sind, muss dieser Halt durch den Gegen­stand selbst gesichert werden. Zum Beispiel fordert Kant deshalb das  Ding an sich , das im Verborgenen dafür sorgt, dass nicht „Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint“ 7

Kant, Kritik der reinen Vernunft.
 .

Die Notwendigkeit, den Gegenstand von innen her sichern zu müssen, folgt unmittelbar aus der Annahme, dass Gegenstände die konstituierenden Elemente der Welt sind und deshalb für sich – ohne äußeres Zutun – Bestand haben müssen.

Wittgenstein  dagegen 8

Der Terminus Sachlage ist neu.

An dieser Stelle kann er einfach synonym zu Sachverhalt gelesen werden.

Ich werde ihn im Zusammenhang mit dem logischen Raum näher erläutern.
:

 2.0122	Das Ding ist selbständig, insofern es in allen   mögliche n Sach ­ lagen vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sach ­ ver ­ halt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei ver ­ schiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz. )

Wie zu Beginn des Kapitels geschrieben, muss ein Gegenstand zumindest in  einem gewissen Maß kontextunabhängig sein:  Er ist eine Konstante, die über verschiedene Kontexte hinweg besteht.

Wittgenstein akzeptiert die Selbständigkeit des Gegenstands  deutet sie aber in ihr Gegenteil um,  betont  s tatt dessen  die Abhängigkeit des Gegenstands  v om  Sachverhalt.

Kann ein Gegenstand nicht auf den Kontext eines einzelnen Sachverhalts reduziert werden, so doch auf die Summe aller Sachverhalte, in denen er vorkommen kann:

 2.0123	Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vor ­kom ­mens in Sachverhalten.

[ ... ]

Es kann nicht nachträglich eine neue Mög­lich­keit gefunden werden.

 D as Skelett, mit dem Kant die Kohärenz der Gegenstände von innen her sichert, wird  durch  ein Exoskelett ersetzt, das den Gegenstand – ohne eigenes Zutun – als  abschließende Aufzählung  aller Sachverhalte, in denen er vor­kom­men kann, definiert.

 W ittgenstein  erweitert so die formale Logik um eine sachlogische Ebene, die die Gegenstände zum Teil eines Möglichkeitsraums macht, statt sie als Teil der Welt – dessen, was ist – zu betrachten.

 2.012	In der Logik ist nichts zufällig: Wenn das Ding im Sach ­ verhalt vor ­ kom ­ men   kan n, so muss die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein.

 Der Pferdefuß des Ganzen: Mit Eliminierung der Gegenstände aus der Welt ver­wischt Wittgenstein die Grenzen zwischen Erkenntnistheorie und Ontologie 9

 Ich hatte bei meiner Recherche ein Zitat entdeckt, in dem gefragt wurde, ob Wittgenstein der Unterschied zwischen Epistemologie und Ontologie geläufig gewesen sei. Gute Frage.
 :

 In den zitierten Sätzen  reduziert Wittgenstein  das  Ding auf die abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen es vorkommen kann. Die Aufzählung muss abschießend sein, da sonst nicht klar wäre, was ein Ding ist.

In den Erläuterungen spricht Wittgenstein dann  a ber davon, dass keine  neuen Möglichkeiten  gefunden  werden können. Und später davon, dass man einen Gegenstand  kenne .

 E ine Möglichkeit nicht gefunden zu haben, oder  e twas  nicht zu kennen, heißt nicht, dass es diese Möglichkeit oder das Etwas nicht gibt.

 Wittgenstein g ibt  an dieser Stelle auf eine ontologische Frage (was ist ein Ding) eine erkenntnistheoretische Antwort (was weiß ich von dem Ding).

Stellt sich die Frage, wie man den Text weiterlesen möchte.

 Wittgenstein löst den Widerspruch erst zum Ende der   Abhandlung  hin,  in Satzreihe 5,  auf.

Bis dahin ist es am günstigsten die erkenntnistheoretische Variante zu wählen: Für Wittgenstein ist  dieser Lesart nach ein Gegenstand das abschließende Wissen, in welchen Sach ­verhalten der Gegenstand vorkommen kann.

Die Vorstellung davon, zu welchen Sachverhalten der Gegenstand passt, ist die Form des Gegenstands  (Satz 2.0141).

 Wittgenstein geht als nächstes darauf ein, wie die Vorstellung vom Gegen­stand b eschaffen  ist –  die Form der Form, wenn man so will :

## Der Gegenstand als Substanz der Welt

Satzreihe 2.0 2

2.02	Der Gegenstand ist einfach.

[ … ]

2.021	Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.

 Die beiden Sätze sind die besten Beispiele für den stark ontologischen Du ktus  von Satzreihe  2.0.

 Trotzdem argumentiert Wittgenstein hier nicht  i n  einem ding­onto­logischen Muster. Das sieht man, schaut man auf das Argument, das Wittgenstein für die Sätze ins Feld führt:

2.0211	Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist.

2.0212	Es wäre dann unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen.

Wieder die Vermischung von Ontologie und Erkenntnistheorie.

Wittgenstein argumentiert auf der sprachlichen Ebene (Sinn des Satzes), um eine ontologische These (Substanz der Welt) zu belegen.

 Mit dem  Argument  greift  W ittgenstein  der   Abhandlung  weit vor. An dieser Stelle  e ine erste –  n icht ganz  vollständige –  Näherung :

Nehmen wir an, ich sei der Auffassung, die Farbe  sei bei der Namensgebung der Blume schon immer sträflich vernach­lässigt worden.

Statt von Blumen möchte ich deshalb im Falle von:

roten Blumen		→	 Bloten

gelben Blumen	→	 Blelben

blauen Blumen	→	 Blaumen

[ … ]

sprechen.

Mit der  Blote,  Blelbe und  Blaume habe ich drei Gegen­stände eingeführt, die Wittgensteins Anforderung  an einen Gegen­stand aus Satz  2.02331 genügen:

Man kann Blote, Blelbe und Blaume „durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen“.

Wittgenstein fordert ein en Satz, in dem der Gegenstand eine Rolle spielt. Nehmen wir einfach „Die Blaume blüht“.

Man muss also zeigen können, dass die Sinnhaftigkeit des Satzes „Die Blaume blüht“ davon ab­hängt, dass  eine Blaume einfach ist.

Im Argument ist von einem zweiten Satz die Rede, von dessen Wahr- oder Falschheit der Sinn des Satzes nicht abhängen darf.

Die zur Definition der Gegenstände genutzten Beschreibungen sind nahe ­liegende Kandidaten.

 Da sie Sätze sind, können Beschreibungen wahr oder falsch sein.  Die Be­schrei­bung „blaue Blume“10

Einer der Vorgriffe: „blaue Blume“ ist in Wittgensteins Sinn ein Satz, weil ich rekombinieren kann:

-

„blaue Blume“ → „rote Blume“

-

„ blaue Blume“ →  „blaues Auto“

       trifft z.B. auf  zu, während  sie auf  nicht zutrifft.

  Und  wäre  die Beschreibung falsch, weil es sich in Wirklichkeit nicht um eine  Blume, sondern ein Auto handelt,  wäre der Satz „Die  Blaume blüht.“ unsinnig.

Der Sinn des Satzes „Die  Blaume blüht.“ würde von der Wahrheit des Satzes „blaue Blume“ abhängen.

Das ist unmöglich: Der Sinn des Satzes ist gegeben, ohne dass es eine Tat ­sache gibt, auf die er  angewendet wird.

 Die Ver ­gleichs ­tatsache, d ie ich bräuchte, um festzustellen, ob „ blaue Blume“ wahr oder falsch ist, ist für das Verständnis des Sinns  nicht notwendig. ii

Noch etwas  einfacher und plastischer kann man dasselbe Argument an eine m logischen Zirkel in einer Bemerkung Russells in  der Einleitung verdeutlichen:

It is impossible, for example, to make a statement about two men (assuming for the moment that the men may be treated as simples), without employing two names  […]

Mit den Personen meint Russell Sokrates und Platon.

I n  d er Bemerkung in der Klammer bezweifelt  Russell, dass  diese Personen als einfache Dinge betrachte t  werden können.

 Im Umkehrschluss  handelt es sich bei Sokrates und Platon um Komplexe – also zusammensetzte Dinge. Die Diskussion,  aus welche n Bausteine n  sie aufgebaut sind, und warum es ausgerechnet diese sein sollten, möchte ich an dieser Stelle außen vor lassen.

Nehmen wir für den Moment an, dass die Körperteile einer Person die se Bausteine sind.

Russells Beispielsatz

Plato liebt Sokrates.

ließt sich dann

Kopf, Arme, Beine und Rumpf lieben Kopf, Arme, Beine und Rumpf.

Passt fast, aber nicht ganz: Der Satz

Demokrits Kopf, Heraklits Arme, Kritias Beine und Thales Rumpf lieben Antiphons Kopf, Aristoteles Arme, Diogenes Beine und Epiktets Rumpf.

erfüllt den  reformulierten Satz, sagt aber nicht, was mit  Plato liebt Sokrates gemeint ist.

Im Minimum muss sicher gestellt sein, dass die Körperteile zur jeweils gemeinten Person gehören. Also notieren wir:

Platos Kopf, Platos Arme, Platos Beine und Platos Rumpf lieben Sokrates Kopf, Sokrates Arme, Sokrates Beine und Sokrates Rumpf.

 QED.

Der Satz hat einen von den Tatsachen unabhängigen Sinn.

Der Gegenstand wird qua Beschreibung definiert, das Definierte kann aber nicht die Form der Definition haben.

 Wenn die  Definition des Gegenstands eine andere Form als der Gegenstand selbst hat, bleibt zur Kennzeichnung des Gegenstands nur das Zeichen selbst.

 D as  Zeichen  ist einfach:

 Anders als im Falle des Satzes,  bei  dem eine Änderung der Bestandteile zu einer Änderung des Sinns führt, führt eine Änderung der Bestandteile des einfachen Zeichens (sprich: Wort) nur zum Fehler.

 Sollte  d er Gegenstand differenziert sein , könnte die Differenzierung im ein­fachen Zeichen keinen Ausdruck finden. Die Bedeutung des Zeichens wäre unklar.

 Diese Bedeutung ist gemeint, wenn von Gegenständen  d ie Rede ist :

 2.0231	Die Substanz der Welt   kan n nur eine Form und keine materiellen Eigenschaften bestimmen. Denn diese werden erst durch die Sätze dargestellt – erst durch die Konfiguration der Gegenstände gebildet.

2.0232	Beiläufig gesprochen: Die Gegenstände sind farblos.

 Für Wittgenstein  ist  ein Gegenstand  und seine Definition nicht äquivalent.

 Ein Gegen­stand wird zwar durch eine Beschreibung definiert,  tritt  aber als logisches Konstrukt  in die Welt  ein , das Kombinationen mit einem Teil anderer Gegen­stände zulässt, andere dagegen ausschließt.

 Diese Asymmetrie  ist  die  Basis  d er Idee  Wittgensteins vom Bild.

##  W elt & Wirklichkeit

Satzreihe 2.0 3ff

 Gegenstände  sind  Kristallisationskerne, die durch ihre Kombinations­mög­lich­keiten einen Raum möglicher Sachverhalte aufspannen, der abschießend gegeben ist 11

 Wittgenstein fasst die Möglichkeit der Kombination formal als Argumentstelle auf (S. 2.0131). Art und Position des eintretenden Gegenstands müssen passen und  b eides  b estimmt   d en Sachverhalt :

-

 Caesar  war  größer als Napoleon  sagt etwas anderes als  Napoleon war größer als Caesar .

-

 Napoleon war größer als Wasser ist unsinnig.

        .

 2.0124	 Sind alle Gegenstände gegeben, so sind damit auch alle   mögliche n Sachverhalte gegeben.

 Sachverhalt und Gegenstand teilen sich  d emnach  die Form :

  2.03	 Im Sachverhalt hängen die Gegenstände ineinander, wie die Glieder einer Kette.

[ … ]

   2.032	 Die Art und Weise, wie die Gegenstände im Sachverhalt zusam­men­hängen, ist die Struktur des Sachverhaltes.

  2.033	 Die Form ist die Möglichkeit der Struktur.

  D  er Satz „Ich war heute früh in Berlin und habe den Eiffelturm besichtigt“   ist   in   diesem   Sinn nicht (empirisch) falsch, sondern   widersprüchlich, weil die Form der Person es ausschließt, an zwei Orten  gleich  ­  zeitig zu sein.

  E  in   sachlogischer Ausschluss   liegt   vor: Der Satz ist unsinnig.

  Der Raum möglicher Sachverhalte, der durch die Gegenstände aufgespannt wird, umfasst d  ann   nicht nur die Sachverhalte, die tatsächlich gegeben sind, sondern auch die nur möglichen. An die Seite der Welt tritt die Wirklichkeit:

2.04	Die Gesamtheit der bestehenden Sachverhalte ist die Welt.

2.05	Die Gesamtheit der bestehenden Sachverhalte bestimmt auch, welche Sachverhalte nicht bestehen.

 2.06	Das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten ist die Wirk ­ lichkeit.

(Das Bestehen von Sachverhalten nennen wir auch eine positive, das Nichtbestehen eine negative Tatsache.)

Im Möglichkeitsraum –  dem logischen Raum – verhalten  sich gegebener und bloß möglicher Sach ­verhalt gleich. Diesem Raum entspricht die Wirklichkeit, seine Elemente ne nnt Wittgenstein Sachlagen und grenzt Wirklichkeit und Welt damit voneinander ab.

 Da die Vorstellung  davon, in welchen Sachverhalten ein Gegenstand vorkom­men kann, immer abschließend gegeben ist, können aus der Summe der bestehenden  S achverhalte auch die Sachverhalte hergeleitet werden, die nicht bestehen 12

 {Mögliche Sachverhalte } –  {Gegebene Sachverhalte } =  {Nichtgegebene Sachverhalte }
 .

 Das gilt aber nicht auf der Ebene des einzelnen Sachverhalts iii

Ich deute den Begriff Sachlage hier  zunächst defensiv:

Es gibt sehr wohl Sachverhalte, deren Bestehen andere unmittelbar ausschließt:

Dass ich in Berlin war, besagt, dass ich nicht in Paris war.

 Der  Fußabdruck, den ein Sachverhalt im logischen Raum hinterlässt, ist also größer als der Sach­verhalt selbst. Eine Sachlage  i st  in diesem Sinne der Sachverhalt selbst plus aller unmittelbaren Implikationen seines Bestehens.

Das sieht Wittgenstein ebenso.  In Satzreihe 2 kann man das an Satz 2.11 sehen: Ein Bild stellt eine Sachlage, „das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten“ dar. Der defensiven Lesart nach müsste an dieser Stelle „oder“ nicht „und“ stehen.

Konkret wird Wittgenstein in der Frage aber erst in Satzreihe 4.1ff.

Obwohl ich sehr stark dazu neige auch in Satzreihe 2 die starke Lesart zu wählen, kann man sie nicht aus der Satzreihe selbst herleiten. Sätze 2.061 und 2.062 sind klare Gegenargumente.

Doch – oh Wunder: An dieser Stelle spielt die starke Lesart in Wittgensteins Argumentation noch keine Rolle. Das geschieht erst in Satzreihe 4.1ff.
 :

  2.061	 Die Sachverhalte sind von einander unabhängig.

  2.062	 Aus dem Bestehen oder Nichtbestehen eines Sachverhaltes kann nicht auf das Bestehen oder Nichtbestehen eines anderen geschlossen werden.

D as  Schwanken  zwischen ontologischen und erkenntnistheoretischem Duktus der Satzreihe spiegelt , dass Gegen­stände und Sachverhalte  Wittgensteins  Idee nach in eine –  zunächst  nicht näher beschriebene – Sand ­ wich ­ position  zwischen Welt und Bild  geraten:

-

Sie konstituieren nicht die Welt, da von keinem Gegenstand gesagt werden kann,  dass er „wirklicher“ als andere sei und Sachverhalte logisch unab­hängig voneinander sind iv

Man kann an dieser Stelle im Übrigen schon sehr schön den Unsinn sehen, von dem Wittgenstein in Satz 6.54 spricht.  V ielleicht hilft das auch ein wenig, den schwankenden Duktus der Satzreihe einzu­ordnen:

 W ittgenstein  befördert die gesamte Welt in den logischen Raum.

Dann stellt sich natürlich die Frage,  was „logisch“ hier meint: Von was der Raum mit dem Attribut abgegrenzt werden soll..

Ist die gesamte Welt – oder Wirklichkeit –  ein logischer Raum, gibt es nichts Anderes, von dem eine Abgrenzung überhaupt möglich wäre. Damit verliert das Attribut Wittgensteins eigener Aussage nach seine Berechtigung (Satz 5.47321).

Es ist völliger Unsinn, die Welt oder Wirklichkeit als Ganzes bestimmen zu wollen, weil dazu aus ihr heraus treten müssten, was offensichtlich nicht möglich ist (Satz 6.45).

Damit ist der Raum eben doch wieder der Raum.
 .

-

Andererseits sind sie auch nicht die Bilder der Welt, obwohl sie deren Inhalte bilden.

## Das Bild

Satzreihe 2.1

2.1	Wir machen uns Bilder der Tatsachen.

2.11	Das Bild stellt die Sachlage im logischen Raume, das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten vor.

2.12	Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit.

 In der Welt finden wir Tatsachen vor.  Da es sehr viele Zugangsweisen zu einer Tatsache gibt, kann kein Bild die Tatsache vollständig fassen.

 D ie   e infache , vollständige Abbildung  d er  Tatsache gibt es nicht.

 Statt dessen wird die Tatsache im Prozess der Abbildung  zum Bild   umgeformt :  Das Bild der Tatsache stellt eine Sachlage dar; ist auf eine Zugangs­weise zur Tatsache beschränkt. Das Bild ist nicht vollständig – es ist ein Modell.

Mein Lieblingsmodell eines Modells sind  Gliederpuppen,  wie sie als Vorlage  im Zeichen ­training genutzt werden :

Man kann viele der Bemerkungen Wittgensteins zum Modell besser an einer solchen  Puppe als  durch bloßen Text erläutern.

##  Der  A ufbau des Modells

Satzreihe n  2.13 & 2.14

 ist das Modell eines Menschen.

 Im  M odell  unterscheidet Wittgenstein zwischen festen und dynamischen Teilen, die sich in verschiedener Weise auf den abzubildenden Sachverhalt beziehen:

## Vertretung

Satzreihe 2.13

Die festen Teile des Bildes:

2.13	Den Gegenständen entsprechen im Bilde die Elemente des Bildes.

2.131	Die Elemente des Bildes vertreten im Bild die Gegenstände.

Die Elemente, von denen Wittgenstein in Satz 2.13 spricht, sind i m vor­liegenden Modell einfach zu identifizieren: Sie sind durch Gelenke von ­einan ­der getrennt.

Jede r Teil des Modells steht für einen Gegenstand, der durch das Modell abgebildet wird –  jedes Element vertritt einen Gegenstand:

  	vertritt eine Hand.

  	vertritt  einen Fuß.

	vertritt den Kopf.

[ … ]

##  Struktu relle Abbildung

Satzreihe 2.14

Ebenso wie den gegenständlichen Aspekt des Sachverhalts, wiederholt das Bild auch dessen Struktur:

2.14	Das Bild besteht darin, dass sich seine Elemente in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten.

2.141	Das Bild ist eine Tatsache.

Das Beispielmodell hat zwei  wesentliche strukturelle Eigenschaften:

-

 Die  Glieder   der Puppe nehmen eine bestimmte Position zueinander ein und stellen so die  H altung  eines Menschen nach 13

Dass die Glieder beweglich sind, ist an dieser Stelle hilfreich aber nicht notwendig:

Jede einzelne Stellung, die die Puppe einnehmen kann, kann man auch in einem fixen Modell nachbilden.
 .

-

 Die Proportionen der  Glieder  des Modells zueinander entsprechen den typischen Proportionen der Gliedmaße eines Menschen zueinander.

Die Unterscheidung zwischen Vertretung und struktureller Abbildung ist für Wittgenstein fundamental, da sich dahinter zwei völlig verschiedene  Mecha ­ nis ­ men de s  Bezugs auf den Sachverhalt verstecken:

## Vertretung  versus  strukturelle Abbildung

 vertritt im Modell die Hand des Menschen.

Der zur Vertretung genutzte Gegenstand hat mit einer Hand nicht viel zu tun: Eine Hand  besteht nicht aus Holz, und wesentlicher fehlen dem Vertreter die Finger, die eine Hand normalerweise ausmachen.

Beide Eigenschaften sind für die Vertretung  unerheblich: Ich hätte genauso gut Metall statt Holz wählen, und die Finger andeuten können.

Umgekehrt kann ich aus dem Modell auch keine Informationen über die Hand herleiten:

 Ich weiß z.B. nicht, ob eine typische Hand 20cm oder 2m lang ist. Und wüsste ich nicht, dass eine Hand Finger hat, könnte ich es vom vertre­tenden Gegen ­stand nicht lernen.

 Information en über das Vertretene w erd en im Modell nicht transportiert.

Anders betrachtet man sich die strukturelle Abbildung:

 Das Modell kann laufen:  .  Hier    sieht man es  s itzen.

 Eine  Ä nderung der Stellung der Puppenglieder führt in diesem Fall zur un­mittel­baren Änderung des Bildinhalts.

 D ie  Proportionen der Glieder können z.B.  a uch  so verändert werden, dass der Bild­inhalt ganz verloren geht:   .

Kurz:

-

Die Elemente des Bild es sind für seinen Inhalt unerheblich, da der ver ­tre ­tende Gegenstand  beliebig ist –  in keiner logischen Beziehung zum Vertretenen steht.

-

 Der Bildinhalt ist allein durch die strukturellen Eigenschaften des Bildes  g egeben .

##  Die abbildende Beziehung

Satzreihe 2.15

Die Willkür in der Wahl der vertretenden Gegenstände entkoppelt das Bild vom Abgebildeten.

Nichts am Modell macht es zwingend zum Bild. Die Verknüpfung zwischen Sachverhalt und Bild14

 Strikt : Die Verknüpfung zweier Tatsachen.
 muss aktiv hergestellt werden:

2.151 3	Nach dieser Auffassung gehört also zum Bilde auch noch die abbildende Beziehung, die es zum Bild macht.

2.1514	Die abbildende Beziehung besteht aus den Zuordnungen der Elemente des Bildes und der Sachen.

2.1515	Diese Zuordnungen sind gleichsam die Fühler der Bildelemente, mit denen das Bild die Wirklichkeit berührt.

 Die Entkopplung  ist  symmetrisch: Ich erfahre nichts über den Sachverhalt, nur weil die Gegenstände durch bestimmte Elemente vertreten werden.

 2.1511	Das Bild ist   s o mit der Wirklichkeit verknüpft – es reicht bis zu ihr.

2.1512	Es ist wie ein Maßstab an die Wirklichkeit angelegt.

 2.15121	Nur die äußersten Punkte der Teilstriche   berühre n den zu mes ­ senden Gegenstand.

Die Entkopplung von Bild und Sachverhalt gilt aber nur auf der Ebene der Vertretung:

2.15	Dass sich die Elemente des Bildes in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten, stellt vor, dass sich die Sachen so zu einander verhalten.

Dieser Zusammenhang der Elemente des Bildes heiße seine Struktur und ihre Möglichkeit seine Form der Abbildung.

2.151	Die Form der Abbildung ist die Möglichkeit, dass sich die Dinge so zu einander verhalten, wie die Elemente des Bildes.

Analog der Form des Gegenstands stellt die Form der Abbildung sicher, dass nur sinnvolles als Bild betrachtet werden kann.

## Die Form der Abbildung

Satzreihe 2.16  & 2.17 Anfang

Um sinnvoll abbilden zu können, muss zunächst sicher gestellt sein, dass über ­haupt abgebildet wird:

2.16	 Die Tatsache muss, um Bild zu sein, etwas mit dem Abgebildeten gemeinsam haben.

2.161	In Bild und Abgebildetem muss etwas identisch sein, damit das eine überhaupt ein Bild des anderen sein kann.

 2 .17	Was das Bild mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie auf seine Art und Weise – richtig oder falsch – abbilden zu können, ist seine Form der Abbildung.

2.171	Das Bild kann jede Wirklichkeit abbilden, deren Form es hat.

Das räumliche Bild alles Räumliche, das farbige alles Farbige, etc.

    ist ein räumliches Modell und kann deshalb Räumliches – im vorliegenden Fall die  Haltung  des Menschen – abbilden.

Eine Abbildung des Farbraums der Gemälde van Goghs ist mit dem Modell nicht möglich.

Die Identität  zwischen Bild und Abgebildeten,  die Wittgenstein in Satz 2.161  fordert, ist die Überein­stim­mung der strukturellen Eigenschaften des Bildes mit den  strukturellen Eigen­schaf ­ten des  abgebildeten Sachverhalts:

-

 Die Positionierung der Puppenglieder  e ntspricht  de r  Positionierung der Glied­maßen beim Menschen.

-

Die  Proportionen der  Puppenglieder  entsprechen de n  Proportionen  der Glied ­maße  des Menschen.

Anders als im Falle der Vertretung, hat die Übereinstimmung der strukturellen Eigenschaften von Bild und Abgebildeten  aber keinerlei willkürlichen Aspekt – diese Beziehung ist logisch geprägt.

   bildet einen  s itzenden  Menschen ab. Es gibt keine (sinnvolle) Möglichkeit, aus diesem Bild das Bild eines  l aufenden  Menschen zu machen:

2.172	Seine Form der Abbildung aber, kann das Bild nicht abbilden; es weist sie auf.

 Deutlich er wird Wittgensteins Idee an einem kleinen  Experiment:

 wird im  Beispiel zur  Vertretung der Hand genutzt.

Diese Festlegung  ist nicht zwingend. Ich kan n    auch nutzen, um den Fuß des Menschen zu vertretenv

 An dieser Stelle gibt es tatsächlich eine Unstimmigkeit in der   Abhandlung .

 Es ist nicht möglich zur Vertretung    des Fußes  zu wählen. Das liegt daran, dass sich das Verhältnis von Länge zu Breite im Falle von     und    deutlich  u nterscheidet .

Das bedeutet, dass ich im Ende aus dem vertretenden Gegenstand doch etwas über das Vertretene lernen kann. Im vorliegenden Fall das Verhältnis von Länge zur Breite des Fusses.

Ich halte diese Unstimmigkeit für lässlich:

-

Was ich über den Gegenstand lerne ist Teil derselben Zugangsweise zur Tatsache, und auf diese Zugangsweise beschränkt.

-

Die Vorüberlegungen in dieser Passage zielen natürlich auf Satz und Wort. Ein Wort ist soweit vom Gegenstand abstrahiert, dass es solche Effekte im Falle von Satz und Wort nicht geben sollte.

Ich mag mich irren.

.

Tue ich das, bin ich aber gezwungen, ein  sehr viel kleineres Modell als das vor ­liegende  zu bauen:

 ist deutlich kürzer als , das im Beispiel den Fuß vertritt.

In Folge  dessen müssen alle Glieder der Puppe soweit verkleinert werden, dass die veränderte strukturelle Eigenschaft des Bildes – die Proportion der Größe der Glieder – wiederhergestellt ist.

 Anders als im Falle der Vertretung, kann  d iese Beziehung zwischen Bild und Abgebildetem nicht  a ufgehoben  werden.

Die abbildende Beziehung besteht tatsächlich nur in den „Zuordnungen der Elemente des Bildes und der Sachen“15

Satz 2.1514  (Zitat oben)
.

Sind die Elemente aber erst zugeordnet liegt ein Bild vor – oder eben nicht. Die Form der Abbildung ist gegeben – oder eben nicht.

 Das Bild weist  d ie Form der Abbildung  auf,  i ch  kann sie dem Bild nicht geben.

 Für Wittgenstein besitzt die Form der Abbildung  wesentliche und unwesent­liche  Züge :

## D ie Form der Darstellung

Satzreihe 2.1 7 Ende

 Erst die Entkopplung des Inhalts des Bildes vom Abgebildeten – die Ver­tretung –  ermöglicht  die Darstellung der Sachverhalte unabhängig von ihrer Wahr- oder Falschheit:

 2.173	Das Bild stellt sein Objekt von außerhalb dar (sein Standpunkt ist seine Form der Darstellung), darum stellt das Bild sein Objekt richtig oder falsch dar.

2.174	Das Bild kann sich aber nicht außerhalb seiner Form der Dar ­stellung stellen.

 Wie  d ie Entkopplung vorgenommen wird – wie die Gegenstände im Bild vertreten werden –  ist die Form der Dar­stellung des Bildes:

 Die Formen der Darstellung von    und    unterscheiden sich.

Ob die eine oder die andere Form der Darstellung gewählt wird, ist für den Bildinhalt  aber unerheblich 16

Wie wenig Gewicht Wittgenstein der Form der Da rstellung beim isst, sieht man vielleicht am besten daran, dass der Terminus außerhalb von Satzreihe 2.17 nicht mehr genutzt wird.

 Der recht bekannte Satz 4.014 handelt z.B. einfach nur von verschiedenen Formen der Darstellung eines Sachverhalts. Wittgenstein hält es aber nicht für notwendig das Kind hier  m it dem eigenen Terminus technicus zu belegen .

Die Geringschätzung mag auch damit zu tun haben, dass Wittgenstein sich im Folgenden auf genau eine Form der Darstellung konzentriert: Den Satz.
.

Wichtig ist nur: Wurde die Form der Darstellung gewählt, ist das Bild an sie gebunden, da die Form der Darstellung die abbildende Beziehung vorgibt.

## Die logische Form

Satzreihe 2.1 8  & 2.19

Lässt man bei der Form der Abbildung  den unwesentliche n Teil  der gewählten Darstellungsart weg, erhält man die logische Form:

2.18	Was jedes Bild, welcher Form immer, mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie überhaupt – richtig oder falsch – abbilden zu können, ist die logische Form, das ist, die Form der Wirklichkeit.

2.181	 Ist die Form der Abbildung die logische Form, so heißt das Bild das logische Bild.

2.182	Jedes Bild ist auch ein logisches. (Dagegen ist z. B. nicht jedes Bild ein räumliches.)

Die logische Form  ist der Kern der Abbildung – das, was allen Bildern, die dasselbe darstellen, gemeinsam ist.

Und sie ist das Gemeinsame (Identische) von Bild und Abgebildetem, das Wittgenstein in Satz 2.16 fordert:

 Wir  akzeptieren      als Bild des Menschen, unabhängig davon, ob die Haltung des abgebildete n  Menschen der Haltung des Modells entspricht oder nicht: Im einen Falle ist das Bild  wahr , im anderen  falsch.

Anders in diesem Fall :

Man kann die Glieder des Modells in diese Stellung bringen, ohne das Modell zu zerstören: Die Form des Modells ist gewahrt.

 Trotzdem ist  kein Bild des Menschen: Die dargestellte Haltung kann un ­möglich von einem Menschen eingenommen werden.

 Für d ie Frage, ob ein Bild vorliegt, oder nicht,  ist die Form des Modells  unerheblich.  D iese Frage  wird allein  durch  die Form des  dargestellten  Sach ­ verhalts entschieden.

 Nur d ie Form des Sachverhalts wird auf das Modell angewendet, um den Bild ­ inh alt zu ermitteln.

Bild und Abgebildetes teilen sich die logische Form.  Nur so stellt das Bild einen möglichen Sachverhalt dar.

2.19	Das logische Bild kann die Welt abbilden.

## Grenzen des Bildes

 Satzreihe 2. 2

 Die Form der Gegenstands, die Form des Sachverhalts und die logische Form der Abbildung sind identisch.  E s ist  die Form der Wirklichkeit.

Nur diese  unmittelbare Beziehung zwischen Bild und Abgebildeten macht das Bild zum Bild.

Andere Arten der Abbildung gibt es nicht.

Das Bild ist so an die Wirklichkeit gebunden – die Bindung ist eine Frage des Wie, nicht des Was; eine Frage der strukturellen Abbildung, nicht der Vertretung:

2.2	Das Bild hat mit dem Abgebildeten die logische Form der Abbildung gemein.

2.201	Das Bild bildet die Wirklichkeit ab, indem es eine Möglichkeit des Bestehens und Nichtbestehens von Sachverhalten darstellt.

2.202	Das Bild stellt eine mögliche Sachlage im logischen Raume dar.

 [ …  ]

2.221	Was das Bild darstellt, ist sein Sinn.

 [ …  ]

2.224	Aus dem Bild allein ist nicht zu erkennen, ob es wahr oder falsch ist.

2.225	Ein a priori wahres Bild gibt es nicht.

Die Grenzen der Wirklichkeit sind also auch die Grenzen des Bildes. Bilder, die darüber hinaus gehen, insbesondere solche, die – unabhängig von der Wirklichkeit – als Grundlage des logischen Raums dienen könnten, gibt es nicht.

 Den dargestellten Bildinhalt nennt Wittgenst ein den Sinn des Bildes.

##  D er Gedanke

Satzreihe 3.0

3	Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke.

…

Noch einmal:

3	Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke.

3.001	„Ein Sachverhalt ist denkbar“ heißt: Wir können uns ein Bild von ihm machen.

Wittgenstein nimmt an, dass wir in Bildern denken17

Vom Spätwerk her gesehen ist diese Annahme sein eigentlicher Sündenfall.

 Gedanke und Bild zu identifizieren, heißt der Sprache einen beschreibenden Kern zu geben, der da sein muss, bevor andere  F ormen  der Sprache – andere Sprach­spiele – überhaupt greifen können (z.B. Singen,  Anweisungen  geben, etc …).
.

 Seiner Idee nach sind Gedanken Modelle – genau  solche , wie ich sie oben vorgestellt habe.

Für den Gedanken gelten mutatis mutandum also dieselben Regeln, die auch für das Bild gelten:

-

Gedanken sind an den logischen Raum gebunden  (S ätze  3.01 – 3.03*).

Die sachlogische Dimension der Wirklichkeit greift auch für den Gedanken.

Etwas außerhalb dieser Dimension zu denken, ist nicht nicht möglich, „ weil wir sonst unlogisch denken müssten“ (Satz 3.03).

-

 Sowenig es a priori wahre B ilder gibt, sowenig gibt es a priori wahre Gedanken  (Sätze 3.0 4  & 3.05).

Außer der Gleichsetzung des Gedankens mit dem Bild also keine neuen Ideen.

 Dass Wittgenstein das  Thema Gedanke  kurz hält – ihn insbesondere nicht detaillierter beschreibt – passt zum Vorwort 18

LPA – Vorwort Absätze 3 & 4.
 :

Das Buch will also dem Denken eine Grenze ziehen, oder vielmehr – nicht dem Denken, sondern dem Ausdruck der Gedanken: Denn um dem Denken eine Grenze zu ziehen, müssten wir beide Seiten dieser Grenze denken können  [ …  ].

Die Grenze wird also nur in der Sprache gezogen werden können und was jenseits der Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein.

Eine Analyse des Denkens selbst ist Wittgensteins Auffassung nach nicht möglich.  Statt dessen konzentriert er sich in der   Abhandlung  auf das  Medium,  das die Gedanken zugänglich macht, die Sprache.

3.031	Man sagte einmal, dass Gott alles schaffen könne, nur nichts, was den logischen Gesetzen zuwider wäre. – Wir können nämlich von einer „unlogischen“ Welt nicht  sagen, wie sie aussähe.

##   D er Satz

3.1	Im Satz drückt sich der Gedanke sinnlich wahrnehmbar aus.

3.11	Wir benützen das sinnlich wahrnehmbare Zeichen (Laut- oder Schriftzeichen etc.) des Satzes als Projektion der möglichen Sachlage.

Die Projektionsmethode ist das Denken des Satz-Sinnes.

3.12	Das Zeichen, durch welches wir den Gedanken ausdrücken, nenne ich das Satzzeichen. Und der Satz ist das Satzzeichen in seiner projektiven Beziehung zur Welt.
