Was ist Wahrheit?

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Wittgensteins   Logisch Philosophische Abhandlung

I

Vom Bild zum Solipsismus

Marcus Hinz

Einleitung

Es gibt in der Philosophiegeschichte kaum ein Buch, bei  dem Anspruch und Wirklichkeit weiter auseinander fallen, als  bei Wittgensteins  Logisch-  p hilosophischer Abhandlung.

Schon im Vorwort formuliert  Wittgenstein den Anspruch an die Schrift so hoch, wie man ihn nur setzen kann: Auf ein paar Dutzend Seiten (84 in der Deutschen Standardausgabe) will er „die [philosophischen] Probleme  im Wesentlichen endgültig gelöst“  haben, den Schlussstrich der „definitiven und unantast ­ baren“ Wahrheit unter Jahrhunderte philosophischen Denkens setzen.

Ein Blick in die Rezeptionsgeschichte zeigt ein ernüchterndes Bild:  Statt Klarheit  ein bunter Teppich,  der zum Teil skurrile Blüten treibt: So sieht man die sieben  Hauptsätze  etwa  als Echo der sieben Tage der Schöpfung,  oder  nutzt de n Text als Libretto einer Oper.

Wittgenstein war sich sehr wohl  darüber im Klaren, dass sich die  Abhandlung einfachem Leseverständnis entzieht.  Sie  richtet sich ausdrücklich an ein Publikum, das zumindest Ähnliches schon einmal gedacht  hat .  Sehr klar  sieht man seine Einschätzung  in  einem Brief an Ficker 1
Ludwig von Ficker war Herausgeber der Zeitschrift Der Brenner (Innsbruck ). Wittgenstein kontaktierte ihn als möglichen Verleger der   Abhandlung .
   Oktober / Anfang November 1919: „Von seiner Lektüre werden Sie … nicht allzuviel haben. Denn Sie werden es nicht verstehen …“ 2
Ludwig Wittgenstein: Briefe an Ludwig von Ficker. Herausgegeben von Georg Henrik von Wright unter Mitarbeit von Walter Methlagl (= Brenner-Studien, Bd. 1). Salzburg: Otto Müller Verlag, 1969, S. 35 (Brief an Ludwig von Ficker, Okt. 1919).

Doch auch das von Wittgenstein intendierte Publikum tat sich mit der Rezeption des Textes schwer. Russell fasst in seiner Einleitung schon recht früh zentrale Themen  der  Abhandlung falsch auf, oder läuft an ihnen vorbei3
Ich werde Russells Einleitung begleitend zum Text  besprechen.
.

Ramsey wei st in seiner Besprechung der  Abhandlung in Mind  (Oktober 1923) gleich zu Beginn  mit Nachdruck darauf hin, dass das Buch  sehr schwer zu verstehen sei, und macht die von Wittgenstein gewählte Textform dafür verantwortlich.

Mr. Wittgenstein writes, not consecutive prose, but short propositions numbered so as to show the emphasis laid upon them in his exposition. This gives his work an attractive epigrammatic flavour, and perhaps makes it more accurate in detail, as each sentence must have received separate consideration; but it seems to have prevented him from giving adequate explanations of many of his technical terms and theories, perhaps because explanations require some, sacrifice of accuracy4
Frank P. Ramsey, „Tractatus Logico-Philosophicus“ (Rezension), Mind 32, Nr. 128 (October 1923), 465–478, hier 465. doi: 10.1093/mind/XXXII.128.465.
.

Zwei Dinge sind am Zitat bemerkenswert: Zum einen der Hinweis, dass Wittgenstein es versäumt, seine Termini Technici zu erläutern oder methodische Hinweise zum Text zu geben.

 Die Form allein müsste Wittgenstein davon  aber nicht abhalten.

 Ich lese den Verzicht  auf  methodisch e Hinweise   deshalb  strikter  als  Ramsey:  Methodische Hinweise –  jede Art von Satz , de r  den Text transzendier t  – sind zunächst nicht s  anderes als weitere Sätze. Sie können den Text richtig  oder falsch  beschreiben.  E s  bleibt  dann  aber  zweifelhaft, ob nun das eine oder das andere der Fall ist .  Kein Satz kann den Inhalt eines anderen Satzes bestimmen.

Wittgenstein setzt sein Programm schon  in der Anlage de r   Abhandlung um: Was die  Anwendung der einfachen Zeichen5
 Abhandlung, Satz 3.262
,  die Sätze und ihre Anordnung  zeigen, kann nicht gesagt  –  durch andere Sätze behauptet  – werden: Die  Abhandlung zeigt ihren  Sinn. Wittgenstein wählt die Form, um Form und  Gehalt in Einklang zu  bringen.

An die Stelle  von Erläuterungsprosa  setzt Wittgenstein die Satznummern, die dem Text Struktur und Transparenz geben sollen. Wittgenstein   –  wiederum  in einem Brief an Ficker:

Nebenbei bemerkt, müßten die Dezimalnummern meiner Sätze unbedingt mitgedruckt werden, weil sie allein dem Buch Übersichtlichkeit und Klarheit geben und es ohne diese Numerierung ein unverständlicher Wust wäre6
Ludwig Wittgenstein an Ludwig von Ficker,   5. Dezember 1919 , in: Annette Steinsiek / Anton Unterkircher (Hg.),  Ludwig (von) Ficker – Ludwig Wittgenstein: Briefwechsel 1914–1920, Innsbruck: innsbruck university press,   2014 ,   S. 118.
.

Ramsey greift in seiner  Kritik  der Form zu kurz:  Er stellt bei der Besprechung des Nummernsystems den Einzelsatz, der besondere Sorgfalt erfahren hat, in den Vordergrund und reduziert die von Wittgenstein gewählte Form auf ein ästhetisches Moment.

 Eine   Satzn ummer  gewichtet  aber  nicht nur einen  Satz.  D ie Satznummern  insgesamt  bilden  vielmehr   ein  Netz, das die Stellung  jedes einzelnen Satzes  der   Abhandlung  zu  jedem anderen Satz  der   Abhandlung  klar ausdrückt.

Das von Wittgenstein aufgebaute Netz der Satznummern gibt dem Text ein e sehr geschlossene Form,  die auf das Textganze und eben nicht auf den Einzelsatz verweist.

 Es ist  auch  offensichtlich , dass der  immense Anspruch, den Wittgenstein mit der   Abhandlung  verbindet, nicht durch  Kritik anderer Theorien oder die Lösung von Detailfragen der formalen Logik eingelöst werden kann.

 Hier entsteht eine Verkürzung in der Rezeption, die sich bis heute fortsetzt.

Ich halte diese Lücke nicht primär für ein Versagen  der Leser. Sie ist ein Strukturproblem der  Abhandlung selbst.

 Der Einklang von Form und Gehalt sollte der   Abhandlung  besondere Transparenz und Klarheit geben, aber gerade die Form verhindert  ein  umfassendes, ganzheitliches Verständnis.  Wittgensteins  Projekt scheitert an der gewählten Form: Die Nummernsystematik garantiert Geschlossenheit, erzeugt aber nicht die Transparenz, die der Text bräuchte, um seinen  immensen Anspruch einzulösen.

  Der Schlüssel liegt also darin,  den Anspruch ernst zu nehmen, und herauszuarbeiten, w elche   Wahrheit  für Wittgenstein  so  definitiv, unantastbar  und zentral   gewesen  kann .

 Der Schwerpunkt meiner Überlegungen liegt auf einer mit dem Text konsistenten Abgrenzung der Begriffe Gegenstand / Sachverhalt / Sachlage und Tatsache sowie einer neuen Einordnung von Wittgensteins Bemerkungen zum Solipsismus.

##   Bemerkungen zur Form und zum Vorgehen

1) Leserichtung

 Abhandlung gibt über die Nummernsystematik zwei Leserichtungen vor.

Beiordnung (Folgenummern gleichen Gewichts --> Voranschreiten im Text)

Unterordnung (Folgenummern geringeren Gewichts --> Einstieg in eine Detaillierung (  Erläuterung des Obersatzes))

 Die klassische Buchform kennt nur eine Leserichtung --> voranschreiten  im Text. Abweichendes Textverhalten wird speziell markiert und durch Einleitungen / Überleitungen  semantisch  in den Textfluss eingebettet.

Folge  der Nummern: Sätze, die im Fluss aufeinanderfolgen würden, stehen oft Seiten auseinander. Fehlende Einleitungssätze / Überleitungen lassen den Leser um unklaren, was Detaillierung (Erläuterung des Obersatzes) im Einzelnen bedeuten soll, welchen Zweck Wittgenstein mit dem Untersatz verfolgt:

Die Satzhierarchie –  einfache generische Nummerm - ist kein vollständiger Ersatz für  die semantische Textgliederung:  Eher Verwirrung als Klarheit

2) Nullnummern

Wittgenstein erklärt sein Nummernsystem in Fußnote zu Satz 1.

An die dort vorgegebene Systematik hält er sich genau ein mal: In Satzreihe 1.

Alle anderen  Satzreihen enthalten Sätze, in deren Nummern Nullen auftauchen, die so nicht in der Systematik vorgesehen sind.

Kein kleines Problem: über 50% Prozent des Textes in Sätzen mit Nullnummern.

Kein Irrtum seitens Wittgenstein ( Er hat nicht nur die Null vergessen ) Nullnummern verhalten sich in der Satzfolge  anders (Satz 1 --> 1.1 ABER Satz 2 --> 2.01 (Satz 2.0 fehlt))

Deutung: Wittgenstein verringert das logische Gewicht, sorgt aber dafür, dass die Sätze in der Sortierreihenfolge VOR de n regulä r nummerierten landen -->  Vorbemerkungen, die das enge Korsett eigentlich nicht zulassen würde.

3)  Systematik vor Entwicklung des Gedankens

 Wittgenstein will seine Idee abschließend und systematisch korrekt darstellen.

Seine Darstellung entwickelt deshalb den Gedanken nicht (er würde seine Idee vom Bild herleiten), sondern presst ihn hart in die richtige Systematik.

Das führt dazu, dass Teile der Idee an falschen Stellen im Buch landen --> Insbesondere ist Satzreihe 2.0 ohne die Bildtheorie nicht zu verstehen.

--> Deshalb: Start mit Satzreihe 2.1, nicht mit 1* und 2.0

 4) Logische Mannigfaltigkeit nach vorne ziehen

 Ähnlich wie drei gelagert: Steht aus systematischen Gründen falsch. Logische Mannigfaltigkeit wird direkt  hier in der Bildtheorie eingeführt, um das Verständnis des Elementarsatzes zu erleichtern

 5) Sprache ohne Kommunikation

Eigenart bei Wittgenstein (Früh- wie Spätwerk): Wittgenstein spricht über Sprache, aber NIE über Kommunikation. Er spricht von Verständigung, aber NIE von gemeinsamen Verständnis. --> Die Sprechsituation  (hier Shannon-Weaver) kommt nie vor.

WICHTIG!!!! --> Früh wie Spätwerk --> Relativistik bleibt  (Vorbereitung für Schlusskapitel --> Witgesnteins Sicht auf seine Irrtümer)

Woher die Eigenart kommt, werden wir entwickeln.

ABER ich werde dieses Tabu brechen, wenn angezeigt. (Auch wenn ich Wittgensteins Überzeugung nach dann Unsinn erzähle)

## Das Bild

1) Gliederpuppe vorstellen

Gliederpuppe als Beispiel, an dem sich Bildtheorie UNMITTELBAR nachvollziehen lässt

2) Vertretung / strukturelle Abbildung

im Wesentlichen, wie gehabt

Strukturelle Isomorphie --> hier als Nachahmung von Bild und Wirklichkeit einführen

3) Korrelation Bildinhalt / Aufbau

Zeigen, dass Strukturelle Isomorphie auch für die Vertretung gilt: Der Vertreter kann frei gewählt werden, WEIL er nichts abbildet: Am Vertreter ist das Vertretene nicht zu erkennen  (WICHTIG!!!!!! --> einfache Zeichen / Urzeichen)

Zeigen, dass Vertretung eine Eigenschaft des Bilds – keine der Welt – ist. Eine „natürliche“ / „richtige“ / „vollständige“ Granularität eines Bilds gibt es nicht, es gibt angemessen und unangemessen: Ich kann mit der Figur Körperstellungen nachstellen. Zur Darstellung thailändischen Tempeltanzes  reicht es nicht: Dort spielen Hand – Fingerstellung eine Rolle. (vielleicht griffigeres Beispiel)

JETZT: Logische Mannigfaltigkeit als Match aus Strukturiertheit und GEWÄHLTER Granularität  (Logische Mannigfaltigkeit ist EBENSO Eigenschaft der Bilds)

JETZT: Form der Abbildung / kurz Form der Darstellung und dann die Formel FORM DER  ABBILDUNG – FORM DER  DARSTELLUNG = LOGISCHE FORM

Dann Beispiel e für Bilder

--> Im wesentlichen, wie gehabt

## Der Satz
