Was ist Wahrheit?
 —
Wittgensteins
 Logisch - Philosophische Abhandlung

Marcus Hinz

ἔστιν ἔστιν

      Inhalt

Inhalt

1 -  Tatsachen und Sachverhalte	1

1.1 –  Russells Sicht	2

1.2 –  Die Idee	3

1.2.1 -  Tatsachen	4

1.2.2 -  Sachverhalte	5

2 -  Thing Thinking Strikes Back – Gegenstände & Logischer Raum	9

2.1 –  Gegenstände und Sachverhalte	9

2.1.1 -  Die Substanz der Welt	10

2.1.2 -  Die Form des Gegenstands	15

2.2 –  Der logische Raum	17

##

 (Eine erste) Einleitung

—

 Wittgenstein und der  Linguistic Turn

 Zu Beginn ein e kurze Einordnung der Diskussion,  die ich in diesem Buch führen möchte.

De r Ausgangspunkt meiner Überlegungen zur   Abhandlung  sind Wittgensteins einleitende Bemerkungen zur Ontologie (Satz­reihe 1.* und Sätze 2 & 2.01 der   Abhandlung ), in denen er die Begriffe Tatsache und Sachverhalt einführt, aber eine klare Abgrenzung der Begriffe schuldig bleibt.

 Zur Abgrenzung dieser Begriffe habe ich eine These formuliert, die es erlaubt, die   Abhandlung  insgesamt als geschlossenen Text zu ver­stehen, statt sie – wie häufig zu lesen – als Ansammlung zusam­men­hang­loser Aphorismen zu be­greifen.

Meine Idee unterstellt  der   Abhandlung ein klares onto­logisches Fundament,  das  auf Tatsachen und Sachver­halten  beruht.

 In Satz­reihe 5  wird dieses Fundament  zum tragende n Element der Formulierung der all­ge­meinen Satzform, mit der Wittgenstein die philo ­so ­phischen Probleme „im Wesent ­li ­chen endgültig gelöst“ zu haben glaubt.

Ontologische Überlegungen so sehr ins Zentrum Wittgensteins Denken zu rücken, passt nicht zu seinem philoso­phi­schen Hin­ter­grund.

 Der frühe Wittgenstein wird zu den Denkern des  Linguistic Turn  ge­rechnet, von manchen sogar als der eigentliche Protagonist der spra­ch­lichen Wende betrachtet.

 Kennzeichnendes Merkmal des  Linguistic Turn  ist die Abwen­dung von ontologischen Fragestellungen hin zu einer Analyse der Sprache und ihres Funktionierens.

 Zentral ist dabei die  Annahme,  dass die Komplexität und Intrans ­ parenz der Umgangssprache  Ideen  nahelegt, die in der alten Philosophie zu gravierenden Irrtümern geführt haben.

Ziel  einer neuen Philosophie ist es deshalb, diese Irrtümer zu ver­meiden.

An die Stelle einer Analyse  der Wirklichkeit tritt die Analyse der Sprach ­mechanismen, die die Irrtümer der alten Philosophie ver­ursachen.

  Auf Basis  dieser Analyse  haben  Bertrand Russell und  Alfred North Whitehead auf der einen Gottlob Frege auf der anderen Seite versucht, Sprache n zu entwickeln,  mit der sich die Welt ohne irreführenden Ballast beschreiben lässt.

Eine klare Sprache macht unklares Denken unmöglich.

Denken ist in diesem Sinne etwas genuin sprachliches, eine Art innerer Monolog, der nur richtig geführt werden muss, um den Irrtümern der  alten Philosophie zu entgehen.

Die Gründe, Wittgenstein dieser Gruppe zuzuordnen, sind offen ­sichtlich:

-

Wittgenstein hat den richtigen Stallgeruch:  Russell war sein philosophischer Ziehvater.

-

Sprache und Denken sind für Wittgenstein identisch: „Der Gedanke ist der sinnvolle Satz.“

 Abhandlung Satz 4.

-

Auch Wittgenstein sieht in der Komplexität und Intrans­parenz der Umgangssprache die Wurzel aller Irrtümer  der Philosophie.

Die Nutzung  einer Sprache von der Art,  wie Russell und Frege sie erdacht haben,  kann helfen, diese Irrtümer zu ver ­me iden.

 Abhandlung Sätze 3.325, 4.002 & 4.003

 Ich habe deshalb lange  überlegt, die   Abhandlung  im Kontext des  Linguistic Turn  und seiner Akteure vor­zu­stellen.

Ich halte diese Idee inzwischen für falsch.

Ich habe zwei Bedenken.

Am einfachsten kann ich mein erstes Bedenken an einem Problem erläutern, das die Philosophie schon seit dem Beginn ihrer Aufzeichnung begleitet: D as Universalien problem.

Kurz gesagt geht es  dabei um die Frage, ob  Universalien – also abstrakt e oder allgemein bezeichnende Dinge, wie Farben, Gefühle, Zahlen,  Werte, etc. – Entsprechungen in der Welt haben oder nicht.

 Für den  Linguistic Turn  war dieses Thema zentral,  die Positionierung in der Frage klar nominalistisch:

Nehmen wir als Beispiel die Farbe Rot.

 Die Annahme der Existenz eine s  Dings, d as die Farbe selbst repräsentiert, ist  aus der Sicht des  Linguistic Turns  para­digmatisch für einen Irrtum, der durch ein Missverständnis der Umgangssprache entsteht.

 Hinter der Annahme  steht die naive  Sicht, das s alle s, was in der Sprache eine dingliche Form hat, auch eine dingliche Ent ­sprechung in der Welt braucht.

So wird überflüssigerweise ein metaphysischer Gegenstand geschaffen, der nur zu Verwirrungen führt. Es ist z.B. völlig unklar, wo diese s  Ding  seinen Platz in der Welt hätte (Wo wohnt Rot, und wer zahlt die Miete?).

Universalien haben keinen Platz in der Welt, sind vielmehr Konstrukte, die uns helfen eine dinglich gegebene Welt zu ordnen und zu verstehen.

Anders Wittgenstein:

5.61	Die Logik erfüllt die Welt; die Grenzen der Welt sind auch ihre Grenzen.

Wir können also in der Logik nicht sagen: Das und das gibt es in der Welt, jenes nicht.

[ ... ]

Wittgensteins Antwort ist gleich in zwei Hinsichten nicht nomi­na­listisch:

-

Der Nominalismus gibt vor, die Frage nach der Existenz der Universalien entscheiden zu können.

Wittgenstein weißt schon die Frage zurück.

-

Hinter dem Nominalismus steht eine Dingontologie, die versucht, eine gewisse Art von Gegenständen anders zu behandeln, als die  gewöhnlichen.

Wittgenstein  trifft eine solche Unterscheidung nicht.

Mein zweites Bedenken ist die Konsistenz des Textes.

Möchte man nicht schon in Satz 2.01 zum Schluss kommen, dass Wittgenstein inkonsistent argumentiert, muss  de r Unter ­schied zwischen Tatsache und Sachverhalt  ein größerer sein, als ihn z.B. Russell in seiner Einleitung annimmt.

Dieses Thema werde ich in Kapitel 1 besprechen.

  Wittgenstein lehnt die Gedanken des  Linguistic Turn  aber nicht ab. Er führt sie vielmehr fort. Er vollendet den Kreis, der mit der sprachlichen Wende begonnen wurde.

Er gibt der Wende damit ein Fundament, das es erst ermöglicht, viele ihrer Gedanken konsistent und vollständig zu auszu­sprechen.

Mit diesen Überlegungen hat er ein Modell der Welt sui generis geschaffen. Auch nur ähnliche Überlegungen habe ich nirgends gesehen.

Wittgenstein kommt aus dem  Linguistic Turn, seine Ideen zeigen  z.B. aber auch eine erstaunliche Nähe zu  Platon, Kant  und Leibnitz.

Der Versuch, Wittgenstein in einen Kontext zu stellen, und ihn aus diesem Kontext heraus zu verstehen, macht deshalb wenig Sinn.  Insofern werde ich mich – von wenigen Stellen abgesehen – auf die   Abhandlung  selbst konzentrieren.

Nur Russell – genauer die Einleitung, die er zur  Abhandlung verfasst hat – werde  ich häufiger zitieren, um eine andere Meinung zum Text zu haben.

Ich tue Russell damit Unrecht.

 Wittgenstein hat alles nur erdenkliche unternommen, um das Verständnis der   Abhandlung  zu erschweren oder unmöglich zu machen

Die  Abhandlung ist sicher die einzige philosophische Schrift, die es zum Libretto einer Oper geschafft hat.
 .

Und los ...

## Tatsachen und Sachverhalte

Eine der größten Schwierigkeiten, denen man beim Lesen der  Abhandlung begegnet, ist Wittgensteins Eigenart, Termini technici einzuführen, ohne sie als solche zu kenn­zeichnen,  geschweige denn ihre Bedeutung zu erläutern.

 Den ersten Kandidaten begegnet man direkt zu Beginn der   Abhandlung : Wittgenstein führt hier die Begriffe  Tatsache  und   Sachverhalt  ein.

Der Terminus  Tatsache wird  in Satzreihe 1 direkt zu Beginn der  Abhandlung eingeführt. Dort handelt Wittgenstein in kurzen Worten seine Ontologie ab:

1	Die Welt ist alles, was der Fall ist.

1.1	Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.

 In Satz 1.1 grenzt Wittgenstein  seine Tatsachenontologie gegen  eine  – sicherlich üblichere  – Ding­ontologie ab.

 Ihrem Grundgedanken nach betrachtet eine Ding ­ontologie  die Dinge als die konstituierenden Elemente der Welt, aus denen sich die Tatsachen – als Kombinationen der Dinge – herleiten.

In diesem Sinne ist die Welt die Gesamtheit der Dinge, alles andere nur eine Ableitung daraus.

Wittgenstein setzt der Dingontologie die Tatsache als kon ­sti ­tuierendes Element der Welt entgegen.

Er kehrt dabei aber nicht einfach nur das Verhältnis von Ding und Tatsache um. Statt dessen führt er mit den Sachverhalten eine Ebene ein, die zwischen Tatsachen und Dingen steht:

2	Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.

2.01	Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegen ­ständen. (Sachen, Dingen.)

 Während Wittgenstein d ie  Beziehung von Gegen ­stand und Sach ­verhalt erläutert, bleibt er in der Beschreibung de r  Beziehung von Tatsache und Sachverhalt vage:

 Der Sachverhalt ist ein einfacher Komplex, der sich aus Dingen  zusammensetzt – „eine Verbindung von Gegen­ständen. (Sachen Dingen.)“

 Die Tatsache  dagegen „ ist das Bestehen von Sach ­ver ­halten“. „ ist“ legt hier eine sehr enge Beziehung von  Tatsache und  Sachverhalt nahe, erklärt aber  nicht, wie  sich diese  Beziehung gestaltet.

## Russells Sicht

In seinem Vorwort  zur   Abhandlung  erläutert Russell  seine Sicht:

What is complex in the world is a fact. Facts which are not compounded of other facts are what Mr. Wittgenstein calls  Sachverhalte, whereas a fact which may consist of two or more facts is a  Tatsache: thus, for example “Socrates is wise” is a  Sachverhalt, as well as a  Tatsache, whereas “Socrates is wise and Plato is his pupil” is a  Tatsache but not a  Sachverhalt.

Russell schwebt an dieser Stelle wohl ein hierarchisches Modell vor, in dem die Gegenstände die Bausteine  von Komplexe n sind, die selbst wieder Bausteine größere r Komplexe sein können.

 Sachverhalt und Tatsache unterscheiden sich dieser Sicht nach nicht wesentlich:

-

Jeder Sach­verhalt ist für sich selbst bereits eine Tat ­sache.

-

Die Beziehung von Tatsache und Sachverhalt ist analog der von Ding und Sachverhalt: Eine Tat ­sache ist  ein einfacher Komplex aus Sach ­ver ­halten.

Russell  dehnt  den Text an dieser St elle:

 In Satz 2 definiert Wittgenstein die Tatsache als das Bestehen von Sachverhalten

Einer Tatsachen entsprechen mehrere Sachverhalte.

 In Satz 2.06 wird die Kardinalität noch etwas deutlicher:

2.06	 [ … ]

(Das Bestehen von Sachverhalten nennen wir auch eine positive, das Nichtbestehen eine negative Tatsache.)
.  Strenger Lesart nach lässt diese Aus ­sage  keinen Raum, einen einzelnen Sach ­verhalt als Tatsache zu be ­trachten.

Auf der anderen Seite geht Wittgenstein auf die Beziehung von Tatsache und Sachverhalt nicht näher ein.

Die Vermutung liegt nahe, dass Russell hier die  aus seiner Sicht einfachste Annahme zum Verhältnis von Sach verhalt und Tat­sache getroffen hat.

 Mit Russells  Lesart wird die  Abhandlung  aber bereits an dieser Stelle inkonsistent:

Ist der Sachverhalt eine Verbindung von Gegen ­ständen und die Tatsache wiederum eine Verbindung von Sachverhalten,  ist auch die Tatsache – zumindest mittelbar – aus Gegenständen zusam­men­gesetzt.

Dann wären aber die Gegenstände die konsti­tu ­ieren ­den Elemente der Welt, nicht, wie in Satz 1.1 postuliert, die Tatsachen.

## Die Idee

In Satz 2.01 schreibt Wittgenstein explizit, dass der Sachverhalt eine Verbindung von Gegenständen (Sachen, Dingen) ist.

Es gibt aber keine Stelle in der  Abhandlung, in der Wittgenstein schreib t, dass die Tatsache  ebenso aus Gegen­ständen zusam ­mengesetzt ist.

 Genauso wenig gibt es eine Stelle in der  Abhandlung, in der  Wittgenstein schreib t, dass die Tatsache eine Ver ­bindung von Sach ­verhalten ist.

Der Text  lässt  demnach  Raum,  die Inkonsistenz in Russells Sicht zu vermeiden.

Dazu müsste die Beziehung von Tatsache und Sach­verhalt so gestaltet sein, dass  zwar Sachverhalte aus Gegen­ständen zusam ­men­gesetzt sind, Tat­sachen dagegen nicht.

Hier eine These, die Russells Widerspruch vermeidet, und der    Abhandlung da rüber hinaus e inen Über­bau gibt , der eine Sicht auf den Text als schlüssiges Ganzes erlaubt, statt ihn – wie häufig zu lesen – als eine Ansammlung von Aphorismen erscheinen zu lassen.

##  Tatsachen

 Eine Tatsache  ist	jedes Stück Welt, über das wir, ohne den Kontext zu kennen, sinnvolle Aus ­sagen treffen können

Ich vermeide hier bewusst die Aussage, dass Tatsachen unab ­hängig voneinander sind.

Wittgenstein  sagt von Sachverhalten  zwar explizit,  dass sie unabhängig voneinander sind (Satz 2.061), von Tatsachen  sagt er das aber nicht  (Satz 1.21).

Inzwischen glaube ich, dass der Unterschied, den Wittgenstein hier macht, eine Signifikanz mit Blick aus Satz 6.45 hat.

Selbst wenn es Abhängigkeiten zur Tatsache gibt, die wir nicht kennen, können wir  doch Aussagen zur Tatsache machen.

Wir müssen nicht die Welt als Ganzes vor Augen haben, um Bilder der Welt haben zu können – das zeigt umgekehrt dann aber auch die Grenzen der Bilder.
. Zum Beispiel so etwas

Ich werde Tatsachen immer als Fotografien darstellen. Das ist natürlich ein Kompromiss: Gerüche, Haptik und Geräusche werden so z um B eispiel nicht  abgebildet, obwohl sie Teil der Tatsache sind. Es ist das Beste, das ich in einem Buch liefern kann.
:

 Wolfga ng Brendel als Papageno in Mozarts Zauberflöte, München 2005

Der Kontext der dargestellten Tatsache ist nicht bekannt. Man weiß z.B. nicht, ob sich noch weitere  Sänger auf der Bühne befinden. Genauso wenig ist klar, ob es sich um eine Probe oder eine Aufführung handelt,  etc..

Trotzdem ist  es möglich sinnvolle Aussagen zur Tatsache zu machen, zum Beispiel, dass ein Mann auf einer Bühne steht.

 Anders in diesem Fall:

Foto

In diesem Fall erkennt man die Sinn einheit nicht, w eshalb sich bestenfalls diffuse Aussagen treffen lassen. Es ist keine Tat ­sache, einfach weil nicht klar wäre, worin sie denn bestünde.

## Sachverhalte

Zu den Sachverhalten kommt man, stellt man die Frage,  aus welchen Dingen sich die Tatsache  zusammensetzt.

Es gibt tausend Antworten auf diese Frage. Ich möchte zwei  herausgreifen und ein wenig näher betrachten:

-

 Es ist Papagenos erste r Auftritt in  Mozarts Zau ­ber ­flöte.

-

 Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in  Mozarts Zauberflöte.

Beide Aussagen sind wahr, beide Aussagen beziehen sich auf denselben Gegenstand, nämlich

diesen da.

 Für eine Dingontologie ist das ein Problem:

Sollen die Dinge die konstituierenden Elemente der Welt sein, muss jederzeit klar sein, was ein Gegenstand ist, sonst wäre die Welt nicht eindeutig bestimmt.

 Hier sieht es so aus, als wäre ein Ding zwei Dinge gleich­zeitig: Ein Opern­sänger und eine Opernfigur.

Die Antwort scheint zunächst einfach:

Die Aussagen, die ich ausgewählt habe, notieren nicht voll ­ständig. Richtig hätte es heißen müssen:

„ Es ist Wolfgang Brendel  in der Rolle des Papageno bei seinem ersten Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“

Das Subjekt dieser Aussage ist Wolfgang Brendel, der  so als das konstituierende Ding  in der Tatsache  gekenn­zeichnet wird. Die  Opernfigur Papageno wird als Attribut de r  Konstituente auf ­gelöst, und verschwindet  damit als kon ­sti ­tuierendes Element der Welt.

Ein Gegenargument:

Die  wenigsten werden gewusst haben, dass die singende Person Wolfgang Brendel ist, viele davon aber sehr wohl Papageno erkannt haben.

Der Sänger hat zunächst nichts mit der Opernfigur zu tun.

Ich kann den Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in  Mozarts Zauberflöte.“ verstehen, ohne Wolfgang Brendel zu kennen.

Die zugrunde liegende Tatsache stellt  also keine not ­wendige Beziehung zwischen dem Sänger und der Oper n­figur her.

Deutlicher wird das Argument, nimmt man eine zweite Tat­sache hinzu:

Papageno in Mozarts Zauberflöte, Lindauer Marionettenoper, 2012 (?)

Wieder Papagenos erster Auftritt in der Zauberflöte.

Dieser Umstand setzt beide Tatsachen in Beziehung zueinander: Man kann etwa Papagenos Kostüm oder sein Erscheinen auf der Bühne in der jeweiligen Inszenierung vergleichen.

Diesmal  ist Papageno  eine Marionette.

 Der Vergleich funktioniert nur, wenn der Sänger für die Opern ­figur unerheblich ist; wenn man vom Sänger absehen und trotz ­dem die Opernfigur betrachten kann.

Der Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in  Mozarts Zauberflöte.“ handelt nicht von Wolfgang Brendel und es ist eine wesentliche Eigenschaft des Satzes, nicht von Wolfgang Brendel zu handeln.

Wäre dem nicht so, könnte man  z.B. die Kostüme nur ver ­gleichen, wenn Wolfgang Brendel sie trägt.

Die Sätze „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in  Mozarts  Zauberflöte.“ und „ Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in  Mozarts Zauberflöte“ sind logisch unabhängig von ­einander und müssen es sein.

Trotzdem treffen beide Sätze gleichermaßen auf dasselbe Stück  Welt – dieselbe Tatsache – zu.

Die Sätze beschreiben zwei Sach­verhalte, die unabhängig von ­einander aber gleich­berechtigt auf

zutreffen.

Das ist Wittgensteins Grund gedanke:

2	Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.

Zu jeder Tatsache –  jedem Stück Welt – gibt es ver ­schiedene, logisch von ­einander unabhängige Zugangs ­weisen, die nicht auf ­einander reduziert werden können.

Jeder dieser Zugangsweisen ent ­spricht ein Sach­verhalt, der gleichberechtigt neben allen anderen Sachverhalten, die auf die Tatsache zutreffen, besteht.

  Umgekehrt: Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugs ­weise –  nur für sich – existiert, gibt es nicht.

dieses da ist wirklich zwei Dinge gleichzeitig:  Je nach Bezugs­weise Papageno  oder Wolfgang Brendel.

Ge genstände sind in diesem Sinne nichts in der Welt. Sie kenn­zeichnen vielmehr Aspekte der Welt – mögliche Bezugs­wei­sen auf Tatsachen, die die Welt konstituieren.

1.1	Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.

##  Thing Thinking Strikes Back – Gegenstände  & Logischer Raum

Thema in Satzreihe 2 der  Abhandlung ist das Bild  der Tatsache.

Bilder stellen Sachverhalte dar.

Die Sachverhalte wurden  als mögliche Zugangsweise n zur Tat ­sache eingeführt.

In den Vorbemerkungen

Ich habe den Teil zur Form der  Abhandlung noch nicht in das neue Manuskript übernommen. Kurz zum Thema Vor­be­merkung:

-

Wittgenstein erläutert die Systematik der Satz­num­mern in Fußnote zu Satz 1.

-

Satznummern, die eine 0 enthalten, sollte es laut dieser  Systematik nicht geben.

-

Über 50% des Textes findet sich in Sätzen mit Satz­num­mern, die eine 0 enthalten.

-

Meine These zur Systematik dieser Nummern:

-

Die 0 in der Satznummer führt einer ­seits dazu, dass die Nummer länger wird. Das logische Gewicht so num ­merierter Sätze wird dadurch geringer.

-

In der Sortierung rutscht der so num ­merierte Satz aber vor die Sätze mit regulärer Num­merierung.

Die 0 in der Satznummer gibt Wittgenstein die Möglichkeit Sätze an der regulären Systematik vorbei, vor andere Sätze zu schmuggeln, ohne ihnen ein ungewollt hohes logisches Gewicht geben zu müssen.

Ich behandle diese Sätze als einleitende Bemerkungen zum eigentlichen Thema, das in den regulär nummerierten Sätzen besprochen wird.

0 steht für eine Vorbemerkung zu regulären Sätzen, 00 für Vorbemerkungen zu Sätzen, deren Nummer eine 0 enthält.
 zu m Bild  – Satzreihe 2.0*  –  kehrt Wittgenstein die Betrachtungsweise um:

 Er betrachtet die Bestandteile des Sachverhalts – Gegenstände – und ihre Möglichkeiten,  sich zum  Sachverhalt zu verbinden – den logischen Raum.

An dieser Stelle führt Wittgenstein in Satz 2.0121  auch einen neuen Terminus technicus ein, den er,  genau wie die Termini  Sach ­ verhalt und  Tatsache  in keiner Weise abgrenzt: die  Sachlage.

Zentral zur Abgrenzung dieses Terminus ist der logische Raum.

Was Wittgenstein mit dem logischen Raum meint, ist an dieser Stelle noch unklar.  Ich möchte dem Text so wenig wie möglich vorgreifen, weshalb ich den Terminus zunächst synonym zum Sachverhalt lesen werde.

Liest man Satzreihe 2.0* mit Blick auf die Wörter „Sachverhalt“ und „Sachlage“ aufmerksam, kann man sie für Synonyme halten. Mal benutzt Wittgenstein den einen mal den anderen Ausdruck, ohne dass sich eine Regel erkennen ließe  (dazu besonders Sätze 2.0124 & 2.014).

Diese Beobachtung ist richtig. Trotzdem sind die Termini keine Synonyme. Wichtig zur Abgrenzung sind nicht die Termini selbst, sondern der logische Raum.

Sobald der logische Raum eingeführt ist, werde ich die Abgrenzung nachholen.

##  G egenstände und Sachverhalte

De r im Beispiel angesprochene Sachverhalt  ist nicht de r ein ­zige  Sachverhalt, in de m Papageno vorkommt.

Papageno ist z.B.  ein Vogelfänger und ein ziemlich ängstlicher Typ,  der zum Trinken neigt.

 In jedem dieser Sachverhalte spielt derselbe Papageno eine Rolle,  der auch seinen ersten Auftritt in der Zauberflöte hat.

Der Gegenstand kann also nicht auf einen einzigen Sach ­verhalt reduziert werden.

 Papageno muss  ein gemeinsame r  und deshalb unabhängiger Teil verschiedener Sachverhalte sein.

Die hier geforderte Unabhängigkeit ist d er  Kern jeder Ding ­ontologie:

Niemand wird ernsthaft bestreiten können, dass es sich bei Papageno in allen genannten Sachverhalten um denselben Gegen ­stand handelt.

Ein Ding ist dann  im Minimum nichts weiter als  das, was all diesen Sachverhalten gemeinsam  ist und existieren muss.

Wittgenstein antwortet auf diese s  Argument mit einem  ent­schie­denen „Ja, aber …“.

D ieses Argument ist  das Thema der Satzreihe 2.0*.

Der eigentlich argumentative Teil umfasst dabei Satzreihen 2.01* und 2.02*.

 In Satzreihe 2.01* bedient Wittgensteins  die tat­sachen­onto ­lo ­gische Sicht – die Form des Gegenstands, während  er in Satzreihe 2.02* d ie dingontologische  Sicht –  die Substanz der Welt – betrachtet.

 Da ich bis hierher eine „dingontologie“ als Blaupause für meine Diskussion der   Abhandlung  nutze, ist es günstiger, mit Satzreihe 2.02* zu beginnen:

## Die  Substanz der Welt

Die Annahme, dass es Dinge in der Welt gibt, hat Gründe:

Gegenstände sind Konstanten, die uns in verschiedenen Kon ­texten immer wieder begegnen.

 Diese vom Einzelfall unabhängige Konstanz setzt eine gewisse Integrität – einen inneren Halt – des Gegenstands voraus, der  nur durch ein Ding gegeben sein kann.

Oft ist von der Selbstidentität des Dings die Rede. Wittgenstein dazu in Satz  5.5303.

Manchen Lesarten nach ist das Kants Ding an sich.

Gibt man die Idee des Dings in der Welt auf, geht die se  Integri­tät verloren.

 Wittgenstein  dazu:

2.02	Der Gegenstand ist einfach.

[ … ]

2.021	Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.

[ … ]

2.024	Die Substanz ist das, was unabhängig von dem was der Fall ist, besteht.

[ … ]

2.027	Das Feste, das Bestehende und der Gegen­stand sind Eins.

2.0271	Der Gegenstand ist das Feste, Bestehende; die Konfiguration ist das Wechselnde, Unbestän ­dige.

2.0272	Die Konfiguration der Gegenstände bildet den Sachverhalt.

Wittgenstein nimmt zwei Gedanken de r Ding­onto ­logie auf:

-

Dinge sind von den Sachverhalten unabhängig.

 Dinge  sind die Konstanten – das Feste, Bestehende – aus denen die Sachverhalte – die Konfigurationen – auf­ge­baut sind.

-

Diese Unabhängigkeit muss durch  eine besondere Eigen­schaft   der Gegenstände gesichert sein:

Gegenstände  sind einfach.

Wie weit Wittgenstein trotz dieser Äußerungen von einer Ding­ontologie entfernt ist, zeigt das Argument, das  zeigen soll, warum Gegenstände nicht zusammengesetzt  sein können:

2.0211	Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist.

2.0212	Es wäre dann unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen.

 Schon beim ersten Hinsehen ist klar, dass Wittgenstein hier auf  der  bildlichen Ebene argumentiert, um eine –  zumindest scheinbar – onto ­logi ­sche These zu belegen.

 Mit dem Argument  greift er der   Abhandlung  aber weit vor. An dieser Stelle ist es am einfachsten, es auszuprobieren:

 Nehmen wir an, ich sei der Auffassung, die Farbe  sei bei der Namensgebung der Blume schon immer sträflich vernach­lässigt worden.

Statt von Blumen möchte ich deshalb im Falle von:

roten Blumen	→	 Bloten

gelben Blumen	→	 Blelben

blauen Blumen	→	 Blaumen

[ … ]

sprechen.

Mit der  Blote,  Blelbe und  Blaume habe ich drei Gegen­stände eingeführt, die Wittgensteins Anforderung  an einen Gegen­stand aus Satz  2.02331 genügen: Man kann  Blote,  Blelbe und  Blaume „durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen“.

 Als sinnvollen Satz, der von einem der Gegenstände handelt, nehmen wir einfach „Die  Blaume blüht“.

Man muss also zeigen können, dass der Sinn des Satzes „Die  Blaume blüht“  davon abhängt, dass eine Blaume einfach – nicht zusammengesetzt – ist.

Es geht nicht darum, ob der Satz wahr oder falsch ist, sondern darum, ob er überhaupt einen Sinn hat, der wahr oder falsch sein kann.

Im Argument ist von einem zweiten Satz die Rede, von dessen Wahr- oder Falschheit der Sinn des Satzes „Die  Blaume blüht.“ nicht abhängen darf.

Die zur Definition der Gegenstände genutzten Beschreibungen sind naheliegende Kandidaten.

 Dass es sich bei den Beschreibungen um Sätze  handelt, sieht man daran, dass sich ihr Sinn funktional aus den Satz­bestand­teilen herleiten lä sst. Nehmen wir den Satz „blaue Blume“:

Ersetzt man „blaue“ durch „rote“ ergibt sich ein neuer Sinn, genauso ersetzt man „Blume“ durch „Auto“.

Dazu zunächst Satz 4.032.

 Im Argument spielt Wittgenstein  mit der Unterscheidung von Sinn und Bedeutung, die noch nicht eingeführt sind. Das Thema wird noch näher beleuchtet.

 Die Änderung des Sinns ist in beiden Fällen eine Funktion der Änderung des Bestandteils.

 Da sie Sätze sind, können Beschreibungen wahr oder falsch sein. „blaue Blume“ trifft z.B. auf

zu, während  sie auf

nicht zutrifft.

 Und  wäre  die Beschreibung falsch, weil es sich in Wirklichkeit nicht um eine  Blume, sondern ein Auto handelt,  wäre der Satz „Die  Blaume blüht.“ unsinnig.

Der Sinn des Satzes „Die  Blaume blüht.“ würde von der Wahrheit des Satzes „blaue Blume“ abhängen.

Das ist unmöglich: Der Sinn des Satzes ist gegeben, ohne dass es eine Tatsache gibt, auf die er  angewendet wird.

 Die Ver ­gleichs ­tatsache, d ie ich bräuchte, um festzustellen, ob „ blaue Blume“ wahr oder falsch ist, ist für das Verständnis des Sinns  nicht notwendig.

Noch etwas  einfacher und plastischer kann man dasselbe Argument an eine m logischen Zirkel in einer Bemerkung Russells in  der Einleitung verdeutlichen:

It is impossible, for example, to make a statement about two men (assuming for the moment that the men may be treated as simples), without employing two names  […]

Mit den Personen meint Russell Sokrates und Platon.

I n  seiner Bemerkung in der Klammer bezweifelt  er, dass  diese Personen als einfache Dinge betrachte t  werden können.

 Im Umkehrschluss  handelt es sich bei Sokrates und Platon um Komplexe – also zusammensetzte Dinge.

 Als Nächstes stellt sich die Frage, aus welchen Dingen sich die Person en  dann zusammensetz en.

Hier gibt es  viele mögliche Antworten.  Man kann sie etwa als die Summe ihrer Handlungen und Erlebnisse auffassen, oder als die Summe ihrer Organe, etc..

Die Diskussion, welche Bausteine denn die richtigen sind, und warum es ausgerechnet diese sein sollten, möchte ich an dieser Stelle außen vor lassen.

Für  den Zirkel ist es unerheblich, welche Bausteine man für den Komplex wählt.  Man kann auch die Summe aller möglichen Bausteine wählen.

Nehmen wir für den Moment an, dass die Körperteile einer Person die Bausteine sind, aus denen sie sich zusammensetzt.

Russells Beispielsatz

Plato liebt Sokrates.

ließt sich dann

Kopf, Arme, Beine und Rumpf lieben Kopf, Arme, Beine und Rumpf.

Passt fast, aber nicht ganz: Der Satz

Demokrits Kopf, Heraklits Arme, Kritias Beine und Thales Rumpf lieben Antiphons Kopf, Aristoteles Arme, Diogenes Beine und Epiktets Rumpf.

erfüllt den transformierten Satz, sagt aber nicht, was mit  Plato liebt Sokrates gemeint ist.

Im Minimum muss sicher gestellt sein, dass die Körperteile zur jeweils gemeinten Person gehören. Also notieren wir:

Platos Kopf, Platos Arme, Platos Beine und Platos Rumpf lieben Sokrates Kopf, Sokrates Arme, Sokrates Beine und Sokrates Rumpf.

qed.

Der Satz hat einen von den Tatsachen unabhängigen Sinn.

 „Blaume“ ist ein einfaches Zeichen.

 Schreibe ich statt „Blaume“ „Blaame“ oder „Plaume“ sind das Fehler in der Rechtschreibung, ich erhalte keine andere Be­deu­tung.

Und wäre dem so, hätten wir es mit einem Satz und seinem Sinn zu tun.

Das ist der wesentliche Unterschied zwischen Sinn und Bedeutung. Dazu noch einmal Satz 4.032.

Bedeutung ist – im Gegen­satz zum Sinn – keine Funktion der Bestandteile eines Ausdrucks.

Deshalb kann das, was das Zeichen  vertritt – seine Bedeutung, auch nur einfach sein. Sollte es hier Differenzierungen geben, könnten sie im Zeichen keinen Ausdruck finden.  Die Bedeutung des Zeichens wäre unklar.

Einfache Zeichen können nichts Zusammengesetztes bedeuten.

Die Bedeu tung von „Blaume“ wurde durch einen Satz fest­gelegt.

Wesentlich für die Bedeutung ist aber, dass sie einfach ist und nicht wahr oder falsch sein kann. Nur so kann sie den Sinn eines Satzes eindeutig bestimmen.

Wittgenstein  argumentiert an dieser Stelle rein formal – sprach­mecha­nisch könnte man sagen.

Die Semantik von „Blaume“ spielt keine Rolle. Nehmen wir fol­gen­den möglichen Einwand  zur Illustration:

 Der Satz „Die Blaume blüht.“  ist sinnvoll, weil Blaume von Blume hergeleitet ist:

Blaume  ist nicht einfach, sondern aus  der Farbe Blau und der Blume zusammengesetzt.  Die Sinnhaftigkeit des Satzes  „Die Blaume blüht“ ist dann – sozusagen – vom Blumenteil der Blaume geerbt. Wittgenstein:

2.0231	Die Substanz der Welt  kann nur eine Form  [lies: Möglichkeiten]  und keine materiellen Eigenschaften bestimmen. Denn diese werden erst durch die Sätze dargestellt – erst durch die Konfiguration der Gegenstände gebildet.

2.0232	Beiläufig gesprochen: Die Gegenstände sind farblos.

Der Einwand verfängt nicht, weil Wittgenstein früher ansetzt:

 Die angeführte semantische Beziehung zwischen Blume und Blaume ist unstrittig gegeben.

Doch erfordert  allein die Darstellung der Beziehung, dass  „Blaume“  zunächst eine Bedeutung hat.

Diese Bedeutung meint Wittgenstein, wenn er vom Gegenstand spricht:

-

Sie muss gegeben sein.

-

Sie ist ihrem Wesen nach einfach.

-

Sie steht vor jeder möglichen Aussage über den Gegen­stand, die wahr oder falsch sein könnte:

Der Gegenstand ist farblos.

Der  Duktus der Argumentation in Satzreihe 2.02 ist klar ding ­onto ­logisch:  Wittgenstein schreibt von der Substanz der Welt, und Gegenständen, die einfach sein müssen.

Er reduziert die Argumente  der Dingontologie  aber deutlich auf die bildlich / sprachliche Ebene.

Gegenstände sind nichts in der Welt, sind vielmehr  notwendige Bedingung  der Bestimmtheit des Sinns eines Bildes.

Klarer wird diese Haltung noch, betrachtet man Satzreihe 2.01:

## Die  Form des Gegenstands

Ist der Gegenstand nicht  Teil der Welt, kann es mit seiner Unab ­hängig ­keit nicht so weit her sein, wie Satzreihe 2.02 bei flüchtigem Lesen vermuten lä sst.  Wittgenstein:

Zur Erinnerung: Derzeit lese ich Sachverhalt und Sachlage noch synonym.

2.01	Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)

2.011	Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes sein zu können.

2.012	In der Logik ist nichts zufällig: Wenn das Ding im Sach ­verhalt vorkommen  kann, so muss die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein.

[ … ]

2.0122	Das Ding ist selbständig, insofern es in allen  möglichen Sachlagen vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sach ­ver ­ halt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz. )

Wittgenstein deutet die Selbstä ndigkeit der Gegenstände in ihr Gegen ­teil um:  Ein Gegenstand ist nicht durch sich selbst, sondern durch die Sachverhalte, deren Teil er sein kann, bestimmt.

Sein Argument ist auch hier – wie Falle der Substanz der Welt – ein sprachliches.

 Zum besseren Verständnis eine Metapher:

 Die Dingontologie unterstellt ein Skelett, das dem Gegenstand von innen her seine Form gibt, und ihn  deshalb unabhängig von den Kon ­texten, in denen er steht, klar abgrenzt.

Anders Wittgenstein: Er unterstellt ein Exoskelett, das d ie Integrität des Gegenstand s von außen  her  sichert.  Dieses Exoskelett sind die Sachverhalte, in denen der Gegenstand vorkommen kann.

Gemeinsam ist beiden Ideen  aber, dass der Gegenstand jeder ­zeit vollständig bestimmt sein muss.

Das eine Mal, um die Welt zu retten.

Das andere Mal, um zu wissen, wovon man spricht.

 Im Rahmen einer Ding ontologie leistet der Gegenstand  das selbst.

 Wittgensteins Idee nach  kann der Gegenstand das nicht mehr leisten: Er ist eine abhängige Größe.

 Wenn trotzdem jederzeit klar  sein soll, ob man es mit Papageno zu tun hat, oder nicht, müssen die Größen, die Papageno bestim­men, jederzeit vollständig bekannt sein.

 Das heißt, es muss jederzeit klar sein, in welchen Sachverhalten  Papageno vorkommt  oder  auch nur vorkommen kann.

2.0123	Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vor ­kom ­mens in Sachverhalten.

[ ... ]

Es kann nicht nachträglich eine neue Mög ­lich ­keit gefunden werden.

 Wittgenstein reduziert den Gegenstand auf die abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen er vorkommen kann.

Damit wird der Gegenstand zur Hohlform: Zur Frage, was ein Ding ist, trägt das Ding selbst nichts bei.

Statt dessen  wird seine Form durch die Sachverhalte bestimmt.

Ich weiß nicht, ob Wittgenstein hier ein Wortspiel sah.

2.0141	Die Möglichkeit seines Vorkommens in Sach ­ver ­halten, ist die Form des Gegenstandes.

## Der logische Raum

Die Beziehung von Gegenstand und Sachverhalt ist aber nicht beliebig. Der Gegenstand muss zum Sachverhalt passen, wie ein Schlüssel ins Schloss:

2.013	Jedes Ding ist, gleichsam, in einem Raume möglicher Sachverhalte. Diesen Raum kann ich mir leer denken, nicht aber das Ding ohne den Raum.

2.0131	Der räumliche Gegenstand muss im unend ­lichen Raume liegen. (Der Raumpunkt ist eine Argumentstelle.)

Der Fleck im Gesichtsfeld muss zwar nicht rot sein, aber eine Farbe muss er haben: er hat sozusagen den Farbenraum um sich. Der Ton muss  eine Höhe haben, der Gegenstand des Tastsinnes  eine Härte, usw.

Gegenstände treten in die Argumentstellen

Für Leute die programmieren können:

 Den Argumentstellen entsprechen in typisierten Sprachen die Metho ­den ­signaturen.
 der Sachverhalte ein, müssen also in Typ und Position zum Sachverhalt passen.

Ein  konkreteres Beispiel  als die Beispiele Wittgensteins macht die Sache an ­schau ­licher:

Auch hier greift Wittgenstein der  Abhandlung vor.

Ich habe das Beispiel deshalb ein wenig vereinfacht.  Das Thema wird im Rahmen des logischen Urbilds (Satz 3.315)  näher beleuchtet.

 Nehmen  wir den Sachverhalt „ Cäsar war größer als  Napoléon.“

D ie Beziehung „größer sein als“ stellt zwei Argumentstellen zur Verfügung (im Beispiel  durch  Cäsar und  Napoléon besetzt ).  Es gilt:

-

Die Argumentstellen können nich t  mit beliebig en Typen besetzt werden:

„Wasser  war größer als  Napoléon.“ ist unsinnig.

-

Argumentstellen können auch nicht in beliebiger Reihe n­folge besetzt werden:

„ Napoléon war größer als  Cäsar.“ sagt etwas anderes als „ Cäsar war größer als  Napoléon.“.

Die Argumentstelle bestimmt demnach  den ein­tre­tenden Gegen ­stand.  Sie bestimmt ihn aber nicht, indem  sie auf etwas in der Welt zeigt:

Ob in die erste Position  Cäsar,  Napoléon, Wittgenstein oder ein  Blauwal eintritt, ist unwesentlich. Wesentlich ist nur,  dass man von dem Gegenstand sinnvoll sagen kann, dass er größer als ein anderer ist – Wasser erfüllt dieses Kriterium nicht. „ist größer als“ ist Teil der Form dieser Gegenstände.

Ein  weiteres Beispiel  führt zum logischen Raum:

Der Sachverhalt: „Cäsar wurde 55 Jahre alt“.

Auch die Beziehung „Jahre alt  geworden sein“ bietet zwei Argument­stellen an.  Je nach Besetzung der ersten Argument­stelle kann in die zweite ein sinnvolles Alter für die Besetzung der ersten Stelle eintreten.

Im Beispiel ist die erste Stelle von einem Menschen besetzt.  Also kann in die zweite Stelle ein sinnvoller Wert für das Alter eines Menschen eintreten.

 Setzen wir großzügig einen Wert zwischen 0 und 120  an.  Ein ein­facher Test:

-

„Cäsar wurde 67 Jahre alt“→ falsch aber sinnvoll.

-

„Cäsar wurde 5693 Jahre alt“ → Unsinn.

Der Test betrachtet die obere Grenze  des Alters eines Menschen. Ein Test für die untere Grenze:

-

„Cäsar wurde - 200 Jahre alt“ →  Unsinn.

-

„Cäsar wurde  3 Jahre alt“ → Unsinn.

Der zweite Sachverhalt ist unsinnig, sollte aber nur falsch sein:

3 fällt in den sinnvollen Bereich des Alters eines Menschen.

 Das Problem an dieser Stelle ist klarer Weise Cäsar:

Cäsar hat z.B. Gallien erobert und war römischer Diktator. Diese Sachverhalte passen nicht zu einem Lebensalter von nur 3 Jahren.

 Zunächst ein anderes Beispiel, das Wittgensteins Sicht etwas all ­gemeiner illustriert.  Hier die Tatsache:

Eigene Fotografie

Zwei Aussagen  dazu:

-

Es ist ein e Teekanne mit  Deckel und Teesieb.

-

Der Deckel hat dieselbe Farbe, wie der Griff.

 Die erste Aussage ist – denke ich –  das Paradigma jeder Ding ­ontologie:

 Teekanne, Deckel und Sieb sind konkrete, greifbare Dinge, die ich z.B. nehmen und anders platzieren kann. An so etwas denkt man zuerst, denkt man an Dinge, aus denen sich die Welt zu­sam­mensetzt.

Die zweite Aussage ist eigentlich ebenso einfach  zu verstehen,  wie die erste, stellt  eine  Dingontologie aber vor Probleme:

-

Die Farbe Rot ist nicht so einfach greifbar, wie z.B. die Teekanne.

Man kann Rot nicht  so einfach anders platzieren, wie man  es mit  einer Kanne macht.

Der Ort, an dem Rot ist, muss von einer ganz anderen Art sein, als der Ort der Kanne.

-

 Die Farbe Rot ist  nur ein Gegenstand.  Er findet sich  aber an mehr als einem Ding.

Es muss also einen Mecha­nismus geben, wie Dinge an anderen Dingen teilhaben können.

-

 Die Farbe Rot findet sich auch am Griff der Kanne.  Damit wird  die Differenzierung der Gegenstände  schwierig:

Ist der Griff ein selbständiger Gegenstand (er hat ja eine eigene Farbe), oder Teil der Teekanne (ich kaufe  doch eine Teekanne, und nicht den Korpus und einen Griff)?

Wittgensteins  Idee nach unterscheiden sich die beiden Aus ­sagen  nicht.

In beiden Aussagen wurden lediglich verschiedene Bezugs­weisen auf eine dinglich unbestimmte Tatsache gewählt.

diese Farbe  ist nichts, das Deckel, Sieb und Griff in welcher Art auch immer anhaftet, und deshalb von ihnen geteilt werden müsste.

 Rot sagt lediglich, dass ich mich auf die Tatsache als Farbe beziehe.

Die Bezugsweise kann ich beliebig häufig anwenden.

 Genauso wenig ist es widersprüchlich, dass dasselbe Stück Welt einmal als ein Gegenstand (die Kanne / orange), das andere Mal als zwei Gegenstände (der Griff und der Korpus / grün) betrachtet werden kann.

Das etwas in der Welt, das das Ding eigentlich ausmacht, und sozusagen seine Identität sichert, gibt es schlicht nicht. Die Tatsache ist vielmehr für verschiedene Zugangsweisen  offen.

Wittgenstein
