Was ist Wahrheit?
 —
Wittgensteins
 Logisch - Philosophische Abhandlung

Marcus Hinz

ἔστιν ἔστιν

     Inhalt

Inhalt

1 Tatsachen und Sachverhalte	1

1.1 Russells Sicht	1

1.2 Die Idee	2

1.2.1  Tatsachen	3

1.2.2  Sachverhalte	3

2 Gegenstände & Logischer Raum	7

2.1 Gegenstände und Sachverhalte	7

2.1.1  Die Substanz der Welt	8

2.1.2  Die Form des Gegenstands	11

2.2 Der logische Raum	12

(Eine erste) Einleitung

—

Wittgenstein und der  Linguistic Turn

 Zu Beginn ein e kurze Einordnung der Diskussion,  die ich in diesem Buch führen möchte.

De r Ausgangspunkt meiner Überlegungen zur   Abhandlung  sind Wittgensteins einleitende Bemerkungen zur Ontologie (Satz­reihe 1.* und Sätze 2 & 2.01 der   Abhandlung ), in denen er die Begriffe Tatsache und Sachverhalt einführt, aber eine klare Abgrenzung der Begriffe schuldig bleibt.

 Zur Abgrenzung dieser Begriffe habe ich eine These formuliert, die es erlaubt, die   Abhandlung  insgesamt als geschlossenen Text zu ver­stehen, statt sie – wie häufig zu lesen – als Ansammlung zusam­men­hang­loser Aphorismen zu be­greifen.

Meine Idee unterstellt  der   Abhandlung ein klares onto­logisches  Konzept,  das  in Satzreihe 5 zum tragenden Element der all­ge­meinen Satzform wird, mit der Wittgenstein die philo­so­phischen Probleme „im Wesent­li­chen endgültig gelöst zu haben“

LPA Einleitung, letzter Absatz
  glaubt.

Ontologische Überlegungen so sehr ins Zentrum Wittgensteins Denken zu rücken, passt nicht zu seinem philoso­phi­schen Hin­ter­grund.

 Der frühe Wittgenstein wird zu den Denkern des  Linguistic Turn  ge­rechnet, von manchen sogar als der eigentliche Protagonist der Spra­ch­lichen Wende betrachtet.

 Kennzeichnendes Merkmal des  Linguistic Turn  ist die Abwen­dung von ontologischen Fragestellungen hin zu einer Analyse der Sprache und ihres Funktionierens.

 Zentral ist dabei die  Annahme,  dass die Komplexität und Intrans ­ parenz der Umgangssprache  Ideen  nahelegt, die in der alten Philosophie zu gravierenden Irrtümern geführt haben.

Ziel  einer neuen Philosophie ist es deshalb, diese Irrtümer zu ver­meiden.

An die Stelle einer Analyse  der Wirklichkeit tritt die Analyse der Sprach ­mechanismen, die die Irrtümer der alten Philosophie ver­ursachen.

 Auf Basis  dieser Analyse  haben  Bertrand Russell und  Alfred North Whitehead auf der einen Gottlob Frege auf der anderen Seite versucht, Sprache n zu entwickeln,  mit der sich die Welt ohne irreführenden Ballast beschreiben lässt.

Eine klare Sprache macht unklares Denken unmöglich.

Denken ist in diesem Sinne etwas genuin sprachliches, eine Art innerer Monolog, der nur richtig geführt werden muss, um den Irrtümern der  alten Philosophie zu entgehen.

Auch Wittgenstein sieht in der Verwendung einer solchen Sprache den Schlüssel  zur Vermeidung der Irrtümer, die am Anfang philosophischer Scheinprobleme stehen.

LPA Sätze 3.325 & 4.003

Er folgt deshalb den Denkansätzen Freges und Russells aber nicht kritiklos, sieht in ihnen vielmehr erste Schritte, die weitergeführt werden müssen, um  das gesteckte Ziel zu erreichen.

 In der   Abhandlung  vollendet Wittgenstein sozusagen den Kreis, der mit der Sprachlichen Wende begonnen wurde. Im Buch  möchte ich Wittgenstein s Ideen vorstellen, den  Lingu i stic Turn  zum Ziel zu führen.

Mit  seinen Überlegungen hat Wittgenstein ein Modell der Welt sui generis geschaffen. Etwas Ähnliches habe  nirgends gesehen.

 Er kommt aus dem  Linguistic Turn,  die Ideen weißen aber auch eine erstaunliche Nähe zu z.B.  Platon  oder Leibnitz auf.

Der Versuch, Wittgenstein in einen Kontext zu stellen, und ihn aus diesem Kontext heraus zu verstehen, macht deshalb wenig Sinn.  Insofern werde ich mich – von wenigen Stellen abgesehen – auf die   Abhandlung  selbst konzentrieren.

Nur Russell – genauer die Einleitung, die er zur  Abhandlung verfasst hat – werde  ich häufiger zitieren, um eine andere Meinung zum Text zu haben.

Ich tue Russell damit Unrecht.

 Wittgenstein hat alles nur erdenkliche unternommen, um das Verständnis der   Abhandlung  zu erschweren oder unmöglich zu machen

Die  Abhandlung ist sicher die einzige philosophische Schrift, die es zum Libretto einer Oper geschafft hat.
 .

Und los …

## Tatsachen und Sachverhalte

Eine der größten Schwierigkeiten, denen man beim Lesen der  Abhandlung begegnet, ist Wittgensteins Eigenart, Termini technici einzuführen, ohne sie als solche zu kenn­zeichnen,  geschweige denn ihre Bedeutung zu erläutern.

 Den ersten Kandidaten begegnet man direkt zu Beginn der   Abhandlung : Wittgenstein führt hier die Begriffe  Tatsache  und   Sachverhalt  ein.

Der Terminus  Tatsache wird  in Satzreihe 1 direkt zu Beginn der  Abhandlung eingeführt. Dort handelt Wittgenstein in kurzen Worten seine Ontologie ab:

1	Die Welt ist alles, was der Fall ist.

1.1	Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.

 In Satz 1.1 grenzt Wittgenstein  seine Tatsachenontologie gegen  eine  – sicherlich üblichere  – Ding­ontologie ab.

 Ihrem Grundgedanken nach betrachtet eine Ding ­ontologie  Dinge als die konstituierenden Elemente der Welt. Tatsachen sind Kombinationen von Dingen, sind also aus den Dingen hergeleitet.

In diesem Sinne ist die Welt die Gesamtheit der Dinge, alles andere nur eine Ableitung daraus.

Wittgenstein setzt de m Ding die Tatsache als kon ­sti ­tuierendes Element der Welt entgegen.

Er kehrt  das Verhältnis von Ding und Tatsache  dabei aber nicht einfach nur um. Statt dessen führt er mit den Sachverhalten eine Ebene ein, die zwischen Tatsachen und Dingen steht:

2	Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.

2.01	Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegen ­ständen. (Sachen, Dingen.)

Während Wittgenstein d ie  Beziehung von Gegen ­stand und Sach ­verhalt erläutert, bleibt er in der Beschreibung de r  Beziehung von Tatsache und Sachverhalt vage:

Die Tatsache „ist das Bestehen von Sach­ver­halten“. „ist“ legt hier eine sehr enge Beziehung von Tatsache und Sachverhalt nahe, erklärt aber nicht, wie sich diese Beziehung gestaltet.

## Russells Sicht

In seinem Vorwort  zur   Abhandlung  erläutert Russell  seine Sicht:

What is complex in the world is a fact. Facts which are not compounded of other facts are what Mr. Wittgenstein calls  Sachverhalte, whereas a fact which may consist of two or more facts is a  Tatsache: thus, for example “Socrates is wise” is a  Sachverhalt, as well as a  Tatsache, whereas “Socrates is wise and Plato is his pupil” is a  Tatsache but not a  Sachverhalt.

Russell schwebt an dieser Stelle wohl ein hierarchisches Modell vor, in dem die Gegenstände die Bausteine  von Komplexe n sind, die selbst wieder Bausteine größere r Komplexe sein können.

  Sachverhalt und Tatsache unterscheiden sich dieser Sicht nach nicht wesentlich:

-

Jeder Sach­verhalt ist für sich selbst bereits eine Tat ­sache.

-

Die Beziehung von Tatsache und Sachverhalt ist analog der von Ding und Sachverhalt: Eine Tat ­sache ist  eine einfache Verbindung von Sach ­ver ­halten.

Russell  dehnt  den Text an dieser St elle:

 In Satz 2 definiert Wittgenstein die Tatsache als das Bestehen von Sachverhalten

Einer Tatsachen entsprechen mehrere Sachverhalte.

 In Satz 2.06 wird die Kardinalität noch etwas deutlicher:

2.06	 [ … ]

(Das Bestehen von Sachverhalten nennen wir auch eine positive, das Nichtbestehen eine negative Tatsache.)
.  Strenger Lesart nach lässt diese Aus ­sage keinen Raum, einen einzelnen Sach ­verhalt als Tatsache zu be ­trachten.

Wichtiger:

Russells  Lesart nach wird die  Abhandlung bereits an dieser Stelle inkon ­sis ­tent:

Ist der Sachverhalt eine Verbindung von Gegen ­ständen und die Tatsache wiederum eine Verbindung von Sachverhalten,  ist auch die Tatsache – zumindest mittelbar – aus Gegenständen zusam­men­gesetzt.

Dann wären aber die Gegenstände die konsti­tu ­ieren ­den Elemente der Welt, nicht, wie in Satz 1.1 postuliert, die Tatsachen.

## Die Idee

 Russells widersprüchliche Annahme kann im Text nicht direkt nachgewiesen werden:

-

Es gibt keine Stelle in der  Abhandlung, in der Wittgenstein schreib t, dass  eine Tatsache aus Gegen­ständen zusam ­mengesetzt ist.

-

Genauso wenig gibt es eine Stelle, in der Wittgenstein schreibt, dass  eine Tatsache eine Ver­bindung von Sach­verhalten ist.

Der Widerspruch wäre vermieden, wenn die Beziehung von Sachverhalt und Tatsache so gestaltet ist, dass Sachverhalte zwar aus Gegenständen zusammengesetzt sind, Tatsachen dagegen nicht.

Hier eine These, die Russells Widerspruch vermeidet, und der    Abhandlung da rüber hinaus e inen Über­bau gibt , der eine Sicht auf den Text als schlüssiges Ganzes erlaubt, statt ihn – wie häufig zu lesen – als eine Ansammlung von Aphorismen erscheinen zu lassen.

##  Tatsachen

 Eine Tatsache  ist jedes Stück Welt, über das wir, ohne den Kontext zu kennen, sinnvolle Aus ­sagen treffen können

Ich vermeide hier bewusst die Aussage, dass Tatsachen unab ­hängig voneinander sind.

Wittgenstein  sagt von Sachverhalten  zwar explizit,  dass sie unabhängig voneinander sind (Satz 2.061), von Tatsachen  sagt er das aber nicht  (Satz 1.21).

Inzwischen glaube ich, dass der Unterschied, den Wittgenstein hier macht, eine Signifikanz mit Blick aus Satz 6.45 hat.

Selbst wenn es Abhängigkeiten zur Tatsache gibt, die wir nicht kennen, können wir  doch Aussagen zur Tatsache machen.

Wir müssen nicht die Welt als Ganzes vor Augen haben, um Bilder der Welt haben zu können – das zeigt umgekehrt dann aber auch die Grenzen der Bilder.
. Zum Beispiel so etwas

Ich werde Tatsachen immer als Fotografien darstellen. Das ist natürlich ein Kompromiss: Gerüche, Haptik und Geräusche werden so z um B eispiel nicht  abgebildet, obwohl sie Teil der Tatsache sind. Es ist das Beste, das ich in einem Buch liefern kann.
 :

 Wolfga ng Brendel als Papageno in Mozarts Zauberflöte, München 2005

Der Kontext der dargestellten Tatsache ist nicht bekannt. Man weiß z.B. nicht, ob sich noch weitere  Sänger auf der Bühne befinden. Genauso wenig ist klar, ob es sich um eine Probe oder eine Aufführung handelt,  etc..

Trotzdem ist  es möglich sinnvolle Aussagen zur Tatsache zu machen,  etwa, dass ein Mann auf einer Bühne steht.

Anders in diesem Fall:

Foto

In diesem Fall  kann man keine Sinn einheit  erkennen, w eshalb sich bestenfalls diffuse Aussagen treffen lassen. Es ist keine Tat ­sache, einfach weil nicht klar wäre, worin sie denn bestünde.

##  Sachverhalte

Zu den Sachverhalten kommt man, stellt man die Frage,  aus welchen Dingen sich die Tatsache  zusammensetzt.

Es gibt tausend Antworten auf diese Frage. Ich möchte zwei  herausgreifen und ein wenig näher betrachten:

-

 Es ist Papagenos erste r Auftritt in  Mozarts Zau ­ber ­flöte.

-

 Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in  Mozarts Zauberflöte.

Beide Aussagen sind wahr, beide Aussagen beziehen sich auf denselben Gegenstand, nämlich

diesen da.

 Aus dingontologischer Sicht ist das ein Problem:

Sollen die Dinge die konstituierenden Elemente der Welt sein, muss jederzeit klar sein, was ein Gegenstand ist, sonst wäre die Welt nicht eindeutig bestimmt.

Hier sieht es so aus, als wäre ein Ding zwei Dinge gleich­zeitig: Ein Opern­sänger und eine Opernfigur.

Die Antwort scheint zunächst einfach:

Die Aussagen, die ich ausgewählt habe, notieren nicht voll ­ständig. Richtig hätte es heißen müssen:

„ Es ist Wolfgang Brendel  in der Rolle des Papageno bei seinem ersten Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“

Das Subjekt dieser Aussage ist Wolfgang Brendel, der  so als das konstituierende Ding  in der Tatsache  gekenn­zeichnet wird. Die  Opernfigur Papageno wird als Attribut de r  Konstituente auf ­gelöst, und verschwindet  damit als kon ­sti ­tuierendes Element der Welt.  Die geforderte Eindeutigkeit ist hergestellt.

Ein Gegenargument:

Die  wenigsten werden gewusst haben, dass die singende Person Wolfgang Brendel ist, viele davon aber sehr wohl Papageno erkannt haben.

Der Sänger hat zunächst nichts mit der Opernfigur zu tun.

Ich kann den Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in  Mozarts Zauberflöte.“ verstehen, ohne Wolfgang Brendel zu kennen.

Die zugrunde liegende Tatsache stellt  also keine not ­wendige Beziehung zwischen Sänger und Oper n­figur her.

 Deutlicher wird das Argument, nimmt man eine zweite Tat­sache hinzu:

Papageno in Mozarts Zauberflöte, Lindauer Marionettenoper, 2012 (?)

Wieder Papagenos erster Auftritt in der Zauberflöte.

Dieser Umstand setzt beide Tatsachen in Beziehung zueinander: Man kann etwa Papagenos Kostüm oder sein Erscheinen auf der Bühne in der jeweiligen Inszenierung vergleichen.

Diesmal  ist Papageno  eine Marionette.

Der Vergleich funktioniert nur, wenn der Sänger für die Opern ­figur unerheblich ist; wenn man vom Sänger absehen und trotz ­dem die Opernfigur betrachten kann.

Der Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in  Mozarts Zauberflöte.“ handelt nicht von Wolfgang Brendel und es ist eine wesentliche Eigenschaft des Satzes, nicht von Wolfgang Brendel zu handeln.

Wäre dem nicht so, könnte man  z.B. die Kostüme nur ver ­gleichen, wenn Wolfgang Brendel sie trägt.

Die Sätze „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in  Mozarts  Zauberflöte.“ und „ Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in  Mozarts Zauberflöte“ sind logisch unabhängig von ­einander und müssen es sein.

Trotzdem treffen beide Sätze gleichermaßen auf dasselbe Stück  Welt – dieselbe Tatsache – zu.

Die Sätze beschreiben zwei Sach­verhalte, die unabhängig von ­einander aber gleich­berechtigt auf

zutreffen.

Das ist Wittgensteins Grund gedanke:

2	Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.

 Zu jeder Tatsache –  jedem Stück Welt – gibt es ver ­schiedene, logisch von ­einander unabhängige Zugangs ­weisen, die nicht auf ­einander reduziert werden können.

Jeder dieser Zugangsweisen ent ­spricht ein Sach­verhalt, der gleichberechtigt neben allen anderen Sachverhalten, die auf die Tatsache zutreffen, besteht.

Umgekehrt:

 Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugs ­weise –  nur für sich – existiert, gibt es nicht.

dieses da ist wirklich zwei Dinge gleichzeitig:  Je nach Bezugs­weise Papageno  oder Wolfgang Brendel.

Ge genstände sind in diesem Sinne nichts in der Welt. Sie kenn­zeichnen vielmehr Aspekte der Welt – mögliche Bezugs­wei­sen auf Tatsachen, die die Welt konstituieren.

1.1	Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.

## Gegenstände  & Logischer Raum

Mit Satzreihe 1 schließt Wittgenstein seine Gedanken zur Ontologie ab und wendet sich in Satzreihe 2 dem Bild zu.

 Trotzdem sind Gegenstände (Sachen / Dinge) Thema der Vor­bemer­kungen

Ich habe den Teil zur Form der  Abhandlung noch nicht in das neue Manuskript übernommen. Kurz zum Thema Vor­be­merkung:

-

Wittgenstein erläutert die Systematik der Satz­num­mern in Fußnote zu Satz 1.

-

Satznummern, die eine 0 enthalten, sollte es laut dieser  Systematik nicht geben.

-

Über 50% des Textes findet sich in Sätzen mit Satz­num­mern, die eine 0 enthalten.

-

Meine These zur Systematik dieser Nummern:

-

Die 0 in der Satznummer führt einer ­seits dazu, dass die Nummer länger wird. Das logische Gewicht so num ­merierter Sätze wird dadurch geringer.

-

In der Sortierung rutscht der so num ­merierte Satz aber vor die Sätze mit regulärer Num­merierung.

Die 0 in der Satznummer gibt Wittgenstein die Möglichkeit Sätze an der regulären Systematik vorbei, vor andere Sätze zu schmuggeln, ohne ihnen ein ungewollt hohes logisches Gewicht geben zu müssen.

Ich behandle diese Sätze als einleitende Bemerkungen zum eigentlichen Thema, das in den regulär nummerierten Sätzen besprochen wird.

0 steht für eine Vorbemerkung zu regulären Sätzen, 00 für Vorbemerkungen zu Sätzen, deren Nummer eine 0 enthält.
  zur Satzreihe  (Sätze 2.0ff).

Was aus dingontologischer Sicht unsinnig ist, ist aus Wittgensteins tatsachen­ontologischer Sicht nur konsequent:

 Gegenstände sind nicht die konstituierenden Elemente der Welt, kenn­zeich­nen vielmehr Bezugsweisen auf die Welt. Gegenstände sind Teil des Wies, nicht des Was‘ der Welt

Dazu  LPA Satz 5.552.
  und das Wie zeigt sich in Bildern.

Bilder stellen Sachverhalte da.

In den Vorbemerkungen  betrachtet Wittgenstein zunächst  die Bestandteile des Sachverhalts – Gegenstände (Sachen / Dinge). In einem zweiten Schritt  betrachtet er ihre Möglichkeiten, sich zum Sachverhalt zu verbinden – den logischen Raum.

An dieser Stelle führt Wittgenstein in Satz 2.0121  mit der  Sachlage  auch einen neuen Terminus technicus ein.  Die Abgrenzung der Sachlage ist besonders gegen der Sachverhalt nicht einfach

Liest man Satzreihe 2.0* mit Blick auf die Wörter „Sachverhalt“ und „Sachlage“ aufmerksam, kann man sie für Synonyme halten.

Mal benutzt Wittgenstein den einen mal den anderen Ausdruck, ohne dass sich eine Regel erkennen ließe  (dazu besonders Sätze 2.0124 & 2.014).

Diese Beobachtung ist richtig. Trotzdem sind die Termini keine Synonyme. Wichtig zur Abgrenzung sind nicht die Termini selbst, sondern der logische Raum.
 .

Zentral zur Abgrenzung ist der logische Raum,  der zum Zeitpunkt der Einführung des Terminus aber noch nicht eingeführt ist.

Ich werde die Termini Sachverhalt und Sachlage deshalb zunächst synonym lesen,  und die Abgrenzung nachholen, sobald der logische Raum eingeführt wurde.

##  G egenstände und Sachverhalte

 Sein erster Auftritt in der Zauberflöte ist nicht de r ein ­zige  Sachverhalt, in de m Papageno vorkommt.

Papageno ist z.B.  ein Vogelfänger und ein ziemlich ängstlicher Typ,  der zum Trinken neigt.

In jedem dieser Sachverhalte spielt derselbe Papageno eine Rolle,  der auch seinen ersten Auftritt in der Zauberflöte hat.

Der Gegenstand kann also nicht auf einen einzigen Sach ­verhalt reduziert werden.

 Papageno muss  ein gemeinsame r  und deshalb unabhängiger Teil ver ­schie ­dener Sachverhalte sein.

Ein Ding ist so gesehen im Minimum nichts weiter als das, was all diesen Sachverhalten gemeinsam ist und  unabhängig von ihnen existieren muss.  Dann sind Dinge  aber doch konstituierende Elemente der Welt.

Dieses Argument ist  zentrales Thema der  Vorbemerkungen zu Satzreihe 2.

Der eigentlich argumentative Teil umfasst dabei S ätze 2.01 ff und 2.02 ff.

  In Satzreihe 2.01 bedient Wittgensteins  die tat­sachen­onto ­lo ­gische Sicht – die Form des Gegenstands, während  er in Satzreihe 2.02 d ie dingontologische  Sicht –  die Substanz der Welt – betrachtet.

 Da ich bis hierher eine „Dingontologie“ als Blaupause für meine Diskussion der   Abhandlung  nutze, ist es an dieser Stelle günstiger, mit Satzreihe 2.02 zu beginnen:

## Die  Substanz der Welt

Die Annahme, dass es Dinge in der Welt gibt, hat Gründe:

Gegenstände sind Konstanten, die uns in verschiedenen Kon ­texten immer wieder begegnen.

 Diese vom Einzelfall unabhängige Konstanz setzt eine gewisse Integrität – einen inneren Halt – des Gegenstands voraus, der nur durch ein Ding gege­ben sein kann.

Oft ist von der Selbstidentität des Dings die Rede. Wittgenstein dazu in Satz  5.5303.

Manchen Lesarten nach ist das Kants Ding an sich.

Gibt man die Idee des Dings in der Welt auf, geht die se  Integri­tät verloren.

Wittgenstein  dazu:

2.02	Der Gegenstand ist einfach.

[ … ]

2.021	Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.

[ … ]

2.024	Die Substanz ist das, was unabhängig von dem was der Fall ist, besteht.

[ … ]

2.027	Das Feste, das Bestehende und der Gegen­stand sind Eins.

2.0271	Der Gegenstand ist das Feste, Bestehende; die Konfiguration ist das Wechselnde, Unbestän ­dige.

2.0272	Die Konfiguration der Gegenstände bildet den Sachverhalt.

Wittgenstein nimmt zwei Gedanken de s Arguments oben auf:

-

Dinge sind vo m Einzelfall unabhängig.

 Dinge  sind die Konstanten – das Feste, Bestehende – aus denen die Sachverhalte – die Konfigurationen – auf­ge­baut sind.

-

Diese Unabhängigkeit muss durch  eine besondere Eigen­schaft   der Gegenstände gesichert sein:

Gegenstände  sind einfach.

Wie weit Wittgenstein trotz dieser Äußerungen von einer Ding­ontologie entfernt ist, zeigt das Argument, das  zeigen soll, warum Gegenstände nicht zusammengesetzt  sein können:

2.0211	Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist.

2.0212	Es wäre dann unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen.

 Schon beim ersten Hinsehen ist klar, dass Wittgenstein hier auf  der  bildlichen Ebene argumentiert.

  Mit dem Argument  greift er der   Abhandlung  aber weit vor. An dieser Stelle ist es am einfachsten, es auszuprobieren:

Nehmen wir an, ich sei der Auffassung, die Farbe  sei bei der Namensgebung der Blume schon immer sträflich vernach­lässigt worden.

Statt von Blumen möchte ich deshalb im Falle von:

roten Blumen		→	 Bloten

gelben Blumen	→	 Blelben

blauen Blumen	→	 Blaumen

[ … ]

sprechen.

Mit der  Blote,  Blelbe und  Blaume habe ich drei Gegen­stände eingeführt, die Wittgensteins Anforderung  an einen Gegen­stand aus Satz  2.02331 genügen: Man kann  Blote,  Blelbe und  Blaume „durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen“.

 Als sinnvollen Satz, der von einem der Gegenstände handelt, nehmen wir einfach „Die  Blaume blüht“.

Man muss also zeigen können, dass der Sinn des Satzes „Die  Blaume blüht“  davon abhängt, dass eine Blaume einfach – nicht zusammengesetzt – ist.

Es geht nicht darum, ob der Satz wahr oder falsch ist, sondern darum, ob er überhaupt einen Sinn hat, der wahr oder falsch sein kann.

Im Argument ist von einem zweiten Satz die Rede, von dessen Wahr- oder Falschheit der Sinn des Satzes „Die  Blaume blüht.“ nicht abhängen darf.

Die zur Definition der Gegenstände genutzten Beschreibungen sind naheliegende Kandidaten.

 Dass es sich bei den Beschreibungen um Sätze  handelt, sieht man daran, dass sich ihr Sinn funktional aus den Satz­bestand­teilen herleiten lä sst. Nehmen wir den Satz „blaue Blume“:

Ersetzt man „blaue“ durch „rote“ ergibt sich ein neuer Sinn, genauso ersetzt man „Blume“ durch „Auto“.

Dazu zunächst Satz 4.032.

 Im Argument spielt Wittgenstein  mit der Unterscheidung von Sinn und Bedeutung, die noch nicht eingeführt sind. Das Thema wird noch näher beleuchtet.

Die Änderung des Sinns ist in beiden Fällen eine Funktion der Änderung des Bestandteils.

 Da sie Sätze sind, können Beschreibungen wahr oder falsch sein. „blaue Blume“ trifft z.B. auf

zu, während  sie auf

 nicht zutrifft.

 Und  wäre  die Beschreibung falsch, weil es sich in Wirklichkeit nicht um eine  Blume, sondern ein Auto handelt,  wäre der Satz „Die  Blaume blüht.“ unsinnig.

Der Sinn des Satzes „Die  Blaume blüht.“ würde von der Wahrheit des Satzes „blaue Blume“ abhängen.

Das ist unmöglich: Der Sinn des Satzes ist gegeben, ohne dass es eine Tatsache gibt, auf die er  angewendet wird.

 Die Ver ­gleichs ­tatsache, d ie ich bräuchte, um festzustellen, ob „ blaue Blume“ wahr oder falsch ist, ist für das Verständnis des Sinns  nicht notwendig.

Noch etwas  einfacher und plastischer kann man dasselbe Argument an eine m logischen Zirkel in einer Bemerkung Russells in  der Einleitung verdeutlichen:

It is impossible, for example, to make a statement about two men (assuming for the moment that the men may be treated as simples), without employing two names  […]

Mit den Personen meint Russell Sokrates und Platon.

I n  seiner Bemerkung in der Klammer bezweifelt  er, dass  diese Personen als einfache Dinge betrachte t  werden können.

 Im Umkehrschluss  handelt es sich bei Sokrates und Platon um Komplexe – also zusammensetzte Dinge.

 Als Nächstes stellt sich die Frage, aus welchen Dingen sich die Person en  dann zusammensetz en.

Hier gibt es  viele mögliche Antworten.  Man kann sie etwa als die Summe ihrer Handlungen und Erlebnisse auffassen, oder als die Summe ihrer Organe, etc..

Die Diskussion, welche Bausteine denn die richtigen sind, und warum es ausgerechnet diese sein sollten, möchte ich an dieser Stelle außen vor lassen.

Für  den Zirkel ist es unerheblich, welche Bausteine man für den Komplex wählt.  Man kann auch die Summe aller möglichen Bausteine wählen.

Nehmen wir für den Moment an, dass die Körperteile einer Person die Bausteine sind, aus denen sie sich zusammensetzt.

Russells Beispielsatz

Plato liebt Sokrates.

ließt sich dann

Kopf, Arme, Beine und Rumpf lieben Kopf, Arme, Beine und Rumpf.

Passt fast, aber nicht ganz: Der Satz

Demokrits Kopf, Heraklits Arme, Kritias Beine und Thales Rumpf lieben Antiphons Kopf, Aristoteles Arme, Diogenes Beine und Epiktets Rumpf.

erfüllt den transformierten Satz, sagt aber nicht, was mit  Plato liebt Sokrates gemeint ist.

Im Minimum muss sicher gestellt sein, dass die Körperteile zur jeweils gemeinten Person gehören. Also notieren wir:

Platos Kopf, Platos Arme, Platos Beine und Platos Rumpf lieben Sokrates Kopf, Sokrates Arme, Sokrates Beine und Sokrates Rumpf.

qed.

Der Satz hat einen von den Tatsachen unabhängigen Sinn.

„Blaume“ ist ein einfaches Zeichen.

 Schreibe ich statt „Blaume“ „Blaame“ oder „Plaume“ sind das Fehler in der Rechtschreibung, ich erhalte keine andere Be­deu­tung.

Und wäre dem so, hätten wir es mit einem Satz und seinem Sinn zu tun.

Das ist der wesentliche Unterschied zwischen Sinn und Bedeutung. Dazu noch einmal Satz 4.032.

Bedeutung ist – im Gegen­satz zum Sinn – keine Funktion der Bestandteile eines Ausdrucks.

Deshalb kann das, was das Zeichen  vertritt – seine Bedeutung, auch nur einfach sein. Sollte es hier Differenzierungen geben, könnten sie im Zeichen keinen Ausdruck finden.  Die Bedeutung des Zeichens wäre unklar.

Einfache Zeichen können nichts Zusammengesetztes bedeuten.

Die Bedeu tung von „Blaume“ wurde durch einen Satz fest­gelegt.

Wesentlich für die Bedeutung ist aber, dass sie einfach ist und nicht wahr oder falsch sein kann. Nur so kann sie den Sinn eines Satzes eindeutig bestimmen.

Wittgenstein  argumentiert an dieser Stelle rein formal – sprach­mecha­nisch könnte man sagen.

Die Semantik von „Blaume“ spielt keine Rolle. Nehmen wir fol­gen­den möglichen Einwand  zur Illustration:

 Der Satz „Die Blaume blüht.“  ist sinnvoll, weil Blaume von Blume hergeleitet ist:

Blaume  ist nicht einfach, sondern aus  der Farbe Blau und der Blume zusammengesetzt.  Die Sinnhaftigkeit des Satzes  „Die Blaume blüht“ ist dann – sozusagen – vom Blumenteil der Blaume geerbt. Wittgenstein:

2.0231	Die Substanz der Welt  kann nur eine Form  [lies: Möglichkeiten]  und keine materiellen Eigenschaften bestimmen. Denn diese werden erst durch die Sätze dargestellt – erst durch die Konfiguration der Gegenstände gebildet.

2.0232	Beiläufig gesprochen: Die Gegenstände sind farblos.

 Der Einwand verfängt nicht, weil Wittgenstein früher ansetzt:

Die angeführte semantische Beziehung zwischen Blume und Blaume ist unstrittig gegeben.

Doch erfordert  allein die Darstellung der Beziehung, dass  „Blaume“  zunächst eine Bedeutung hat.

Diese Bedeutung meint Wittgenstein, wenn er vom Gegenstand spricht:

-

Sie muss gegeben sein.

-

Sie ist ihrem Wesen nach einfach.

-

Sie steht vor jeder möglichen Aussage über den Gegen­stand, die wahr oder falsch sein könnte:

Der Gegenstand ist farblos.

Der  Duktus der Argumentation in Satzreihe 2.02 ist klar ding ­onto ­logisch:  Wittgenstein schreibt von der Substanz der Welt, und Gegenständen, die einfach sein müssen.

Er reduziert die Argumente  der Dingontologie  aber deutlich auf die bildlich / sprachliche Ebene.

Gegenstände sind nichts in der Welt, sind vielmehr  notwendige Bedingung  der Bestimmtheit des Sinns eines Bildes.

Klarer wird diese Haltung noch, betrachtet man Satzreihe 2.01:

## Die  Form des Gegenstands

Ist der Gegenstand nicht  Teil der Welt, kann es mit seiner Unab ­hängig ­keit nicht so weit her sein, wie Satzreihe 2.02 bei flüchtigem Lesen vermuten lä sst.  Wittgenstein:

Zur Erinnerung: Derzeit lese ich Sachverhalt und Sachlage noch synonym.

2.01	Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)

2.011	Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes sein zu können.

2.012	In der Logik ist nichts zufällig: Wenn das Ding im Sach ­verhalt vorkommen  kann, so muss die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein.

[ … ]

2.0122	Das Ding ist selbständig, insofern es in allen  möglichen Sachlagen vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sach ­ver ­halt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz. )

Wittgenstein deutet die Selbstä ndigkeit der Gegenstände in ihr Gegen ­teil um:  Ein Gegenstand ist nicht durch sich selbst, sondern durch die Sachverhalte, deren Teil er sein kann, bestimmt.

Sein Argument ist auch hier – wie Falle der Substanz der Welt – ein sprachliches.

 Zum besseren Verständnis eine Metapher:

 Die Dingontologie unterstellt ein Skelett, das dem Gegenstand von innen her seine Form gibt, und ihn  deshalb unabhängig von den Kon ­texten, in denen er steht, klar abgrenzt.

Anders Wittgenstein: Er unterstellt ein Exoskelett, das d ie Integrität des Gegenstand s von außen  her  sichert.  Dieses Exoskelett sind die Sachverhalte, in denen der Gegenstand vorkommen kann.

 Gemeinsam ist beiden Ideen  aber, dass der Gegenstand jeder ­zeit vollständig bestimmt sein muss.

Das eine Mal, um die Welt zu retten.

Das andere Mal, um zu wissen, wovon man spricht.

 Im Rahmen einer Ding ontologie leistet der Gegenstand  das selbst.

 Wittgensteins Idee nach  kann der Gegenstand das nicht mehr leisten: Er ist eine abhängige Größe.

 Wenn trotzdem jederzeit klar  sein soll, ob man es mit Papageno zu tun hat, oder nicht, müssen die Größen, die Papageno bestim­men, jederzeit vollständig bekannt sein.

 Das heißt, es muss jederzeit klar sein, in welchen Sachverhalten  Papageno vorkommt  oder  auch nur vorkommen kann.

2.0123	Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vor ­kom ­mens in Sachverhalten.

[ ... ]

Es kann nicht nachträglich eine neue Mög ­lich ­keit gefunden werden.

Wittgenstein reduziert den Gegenstand auf die abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen er vorkommen kann.

Damit wird der Gegenstand zur Hohlform: Zur Frage, was ein Ding ist, trägt das Ding selbst nichts bei.

Statt dessen  wird seine Form durch die Sachverhalte bestimmt.

Ich weiß nicht, ob Wittgenstein hier ein Wortspiel sah.

2.0141	Die Möglichkeit seines Vorkommens in Sach ­ver ­halten, ist die Form des Gegenstandes.

## Der logische Raum

Die Beziehung von Gegenstand und Sachverhalt ist aber nicht beliebig. Der Gegenstand muss zum Sachverhalt passen, wie ein Schlüssel ins Schloss:

2.013	Jedes Ding ist, gleichsam, in einem Raume möglicher Sachverhalte. Diesen Raum kann ich mir leer denken, nicht aber das Ding ohne den Raum.

2.0131	Der räumliche Gegenstand muss im unend ­lichen Raume liegen. (Der Raumpunkt ist eine Argumentstelle.)

Der Fleck im Gesichtsfeld muss zwar nicht rot sein, aber eine Farbe muss er haben: er hat sozusagen den Farbenraum um sich. Der Ton muss  eine Höhe haben, der Gegenstand des Tastsinnes  eine Härte, usw.

Gegenstände treten in die Argumentstellen

Für Leute die programmieren können:

 Den Argumentstellen entsprechen in typisierten Sprachen die Metho ­den ­signaturen.
 der Sachverhalte ein, müssen also in Typ und Position zum Sachverhalt passen.

Ein  konkreteres Beispiel  als die Beispiele Wittgensteins macht die Sache an ­schau ­licher:

Auch hier greift Wittgenstein der  Abhandlung vor.

Ich habe das Beispiel deshalb ein wenig vereinfacht.  Das Thema wird im Rahmen des logischen Urbilds (Satz 3.315)  näher beleuchtet.

Nehmen  wir den Sachverhalt „ Cäsar war größer als  Napoléon.“

 D ie Beziehung „größer sein als“ stellt zwei Argumentstellen zur Verfügung (im Beispiel  durch  Cäsar und  Napoléon besetzt ).  Es gilt:

-

Die Argumentstellen können nich t  mit beliebig en Typen besetzt werden:

„Wasser  war größer als  Napoléon.“ ist unsinnig.

-

Argumentstellen können auch nicht in beliebiger Reihe n­folge besetzt werden:

„ Napoléon war größer als  Cäsar.“ sagt etwas anderes als „ Cäsar war größer als  Napoléon.“.

Die Argumentstelle bestimmt demnach  den ein­tre­tenden Gegen ­stand.  Sie bestimmt ihn aber nicht, indem  sie auf etwas in der Welt zeigt:

Ob in die erste Position  Cäsar,  Napoléon, Wittgenstein oder ein  Blauwal eintritt, ist unwesentlich. Wesentlich ist nur,  dass man von dem Gegenstand sinnvoll sagen kann, dass er größer als ein anderer ist – Wasser erfüllt dieses Kriterium nicht. „ist größer als“ ist Teil der Form dieser Gegenstände.

Ein  weiteres Beispiel  führt zum logischen Raum:

Der Sachverhalt: „Cäsar wurde 55 Jahre alt“.

Auch die Beziehung „Jahre alt  geworden sein“ bietet zwei Argument­stellen an.  Je nach Besetzung der ersten Argument­stelle kann in die zweite ein sinnvolles Alter für die Besetzung der ersten Stelle eintreten.

Im Beispiel ist die erste Stelle von einem Menschen besetzt.  Also kann in die zweite Stelle ein sinnvoller Wert für das Alter eines Menschen eintreten.

 Setzen wir großzügig einen Wert zwischen 0 und 120  an.  Ein ein­facher Test:

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„Cäsar wurde 67 Jahre alt“→ falsch aber sinnvoll.

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„Cäsar wurde 5693 Jahre alt“ → Unsinn.

Der Test betrachtet die obere Grenze  des Alters eines Menschen. Ein Test für die untere Grenze:

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„Cäsar wurde - 200 Jahre alt“ →  Unsinn.

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„Cäsar wurde  3 Jahre alt“ → Unsinn.

Der zweite Sachverhalt ist unsinnig, sollte aber nur falsch sein:

3 fällt in den sinnvollen Bereich des Alters eines Menschen.

Das Problem an dieser Stelle ist klarer Weise Cäsar:

Cäsar hat z.B. Gallien erobert und war römischer Diktator. Diese Sachverhalte passen nicht zu einem Lebensalter von nur 3 Jahren.
