Was ist Wahrheit?

—

Wittgensteins   Logisch Philosophische Abhandlung

I

Vom Bild zum Solipsismus

Marcus Hinz
		Inhalt
Inhalt

1 Das Bild	6

1.1  Der  Aufbau des  Bilds	6

1.1.1 Elemente des Bilds — Vertretung	6

1.1.2 Das Bild als Tatsache — Nachahmung	7

1.2 Die Form der Abbildung	8

1.3 An Beispielen	9

1.4 Satzreihe 2.0: Bedingungen des Sinns	12

1.4.1 Tatsache / Sachverhalte / Gegenstände	13

1.4.2 Die Ontologie der Abhandlung	18

1.4.3 Der Gegenstand in der Welt	19

1.5 Sätze 2.173 und 2.174	21

1.5.1 Wahre und falsche Bilder: von außerhalb	21

1.5.2 Form der Darstellung	21

1.6 Die logische Form	22

1.7  gensteins  Programm   —  Die  Form en	23

2 Der Satz	25

2.1 Das Satzzeichen als Tatsache	27

2.1.1 Einfache Zeichen	28

2.1.2 Der Ausdruck (Symbol)	31

2.1.3 Satzvariable & Urbild	32

2.2 Der Satz als Bild	32

3 Solipsismus	32

4 Die Frage	33

Einleitung

 Wittgenstein  setzt  zu Beginn  den Anspruch der    Abhandlung   so  h och, wie ihn ein philosophische r   Text  überhaupt  setzen  kann:

In einem dünnen Bändchen von ein paar  dutzend Seiten (84 in der deutschen Standardausgabe) will er die „[philosophischen] Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst“ haben –  den Schlussstrich der „unantastbaren und definitiven“ Wahrheit unter Jahrhunderte philosophischen Denkens setzen.

Dieser Anspruch prägt das Buch selbst – aber auch von Anfang an seine Rezeption:  M an versucht de n  Anspruch  zu kontextualisieren oder ihm schlicht  aus dem Weg e  zu gehen:

 Die von Moore initiierte Umbenennung der der Schrift in   Tractatus Logico-Philosophicus  stellt das Buch zum Beispiel in einen  avantgardistisc h-ästhetisierenden Kontext, an dem Wittgenstein sicher nicht gelegen war 1
 Die ästhetisierende Lesart  trägt  z.T. skurrile Blüten:   Die    Abhandlung  ist wohl  der einzige philosophische Text,  der  als Libretto einer Oper  herhalten musste – und das gleich zwei mal  (Nummien 198 9  / Sulzer 2016).
 .

 Und schon im ersten Satz seiner Einleitung nimmt Russell höflich aber bestimmt Abstand zu  Wittgensteins   Anspruch  und  verlegt sich   stattdessen   darauf , einzelne Aspekte de s   Buchs  in mehr oder minder passende Kontexte zu setzen, anstatt Wittgenstein s   Bogen aufzunehmen , und die    Abhandlung   als Ganzes  zu  erläutern .

In der Rezeption entstand so eine Lücke, die ich füllen möchte.

Ich möchte herausfinden, wie Wittgenstein überhaupt  dazu kommt,  diesen Anspruch zu erheben – und natürlich, ob  er  ihm im Ende  genügt.

 Der enorme Anspruch hat  aber vor allem Folgen für das Buch selbst. So  unantastbar und definitiv der Inhalt sein soll, so  muss auch  die Form diesen Inhalt spiegel n.

 Wittgenstein  wählt den radikalen  Bruch mir der klassischen  B uchform:

Er baut einen Baum von Sätzen auf, dessen Struktur zeigt, was normalerweise durch Kapitel überschriften  und  Erläuterungen  zum Vorgehen  im Text  gesagt wird.  Die Baumstruktur  löst  solche Inhalte  ab.

 Ein Nummernsystem soll die Stellung  jede s  Satzes der   Abhandlung  zu  jedem anderen  Satz  im Text   vollständig klar machen,  und so den Gedankengang des Autors  in einer Weise offen legen, wie es Überschriften nie könnten .

Genauso betrachtet man die Termini Technici: Keiner der Begriffe wird als solcher be nannt, Geschweige denn definiert. Ganz im Sinne  von Satz 3,262 soll allein der Gebrauch Art und Bedeutung der Worte  bestimmen .

 Zeigen (in der Struktur / am Gebrauch sichtbares)  tritt an die Stelle von Sagen (einer Aussage, die stimmen kann, oder eben nicht): Wittgenstein sucht die optimale Form, seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen, will Form und Gehalt in der  Abhandlung  zur Deckung bringen.

Was auf dem Reißbrett durchdacht und konsequent wirkt, scheitert in der Lesepraxis krachend.

Ein Blick auf die  Fußnote „ Die Decimalzahlen als Nummern“  genügt, um die wichtigsten Konsequenzen zu erläutern:

Die Decimalzahlen als Nummern der einzelnen Sätze deuten das logische Gewicht der Sätze an, den Nachdruck, der auf ihnen in  meiner Darstellung liegt. Die Sätze n.1, n.2, n.3, etc., sind Bemerkungen zum Sätze No. n; die Sätze n.m1, n.m2, etc. Bemerkungen zum Satze No. n.m; und so weiter.

Wittgenstein gibt über sein sein Nummernsystem zwei Leserichtungen vor:

-
 Sätze,  mit  gleich lang er Satznummer (z.B. 2.1, 2.2, 2.3)  zeigen ein Voranschreiten im Text an:  die drei Sätze sind gleichwertige Bemerkungen zu Satz 2.

-
 Sätze mit längere r  Satznummer  (z.B. 2.11 nach 2.1)  detaillieren dagegen den Vorgängersatz, die Leserichtung ist hier also abwärts.

Bücher sind linear aufgebaut  ­ – der Form nach  fordern sie ein kontinuierliches Voranschreiten des Textflusses.

 Bei Abweichungen helfen i m Normalfall Kapitel ­ überschriften oder Anmerkungen zum Vorgehen –  man  gibt das Thema in der Überschrift vor,  kennzeichnet etwas als Exkurs, nimmt ein Thema in einem Überleitungs ­ satz explizit wieder auf .

 Wittgensteins  Verzicht  auf solche  Hilfsmittel  lässt   die   Einschränkung  der Buchform voll  durchschlagen .  Der Textfluss geht gänzlich verloren:

 T rotz ihrer stark geschlossenen Form wirkt die    Abhandlung   aphoristisch,  wie eine bloße Ansammlung von Sätzen 2
So z.B.  auch Kenny 1973.
 .  Normales Lesen ist  faktisch  nicht möglich 3
Daher auch der sehr sinnvolle und verbreitete Hinweis, zunächst nur die Hauptsätze und ersten eins oder zwei Erläuterungen zu lesen: dadurch wird die Leserichtung geglättet, das Buch nähert sich  der Normalität.
 .

 Doch Wittgenstein  verschärft das Problem noch, indem er seiner eigenen Vorgabe nicht konsequent folgt.

 Laut der oben zitierten Fußnote erläutern die Sätze n.1, n.2, n.3 jeweils den Satz n. Diese Systematik hält Wittgenstein in der Abhandlung genau einmal – in Satzreihe 1 – ein.

Bereits in Satzreihe 2  weicht er von der Vorgabe ab: Auf Satz 2 folgt nicht – wie erwartet – Satz 2.1, sondern Satz 2.01.

Dieser Bruch hat eine systematische Qualität, Wittgenstein hat in der Fußnote nicht bloß die Null vergessen. Wäre dem so, würde auf Satz 2 Satz 2.0 folgen und dann Satz 2.014
Noch klarer wir das Ganze betrachtet man Satzreihen 3, 4 und 6, die mit 3.001 bzw. 4.001 und 6.001 starten.
.

Es ist – denke ich – nicht zu schwer zu sehen, was Wittgenstein mit den Nullen bezweckt. Die Länge der Satznummer gibt das Gewicht an, das Wittgenstein dem Satz in Gesamtgefüge beimisst. Je kürzer die Nummer, desto wichtiger der Satz.

Der Sprung von Satznummer 2 auf Satznummern 2.0* und dann auf Satz­nummer 2.1 ermöglicht es Wittgenstein, Sätze in der Textfolge vor Satz 2.1 einzufügen, ohne ihnen ein  ungewollt hohes logisches Gewicht zuordnen zu müssen.

Das wirft aber nur die Frage auf, warum Wittgenstein eine von seiner eigenen Systematik abweichende Textfolge einführt.

 Klar ist, dass Wittgenstein die  eigene  Systematik bewusst bricht, de r    Abhandlung  schon in der Anlage eine Beule  verpasst .

 Klar ist auch, dass die Beule nicht klein ist: über 50% des Textes  stecken in Sätzen, deren Satznummer eine Null enthält.

Wittgenstein äußert sich nicht zur Frage. Eine zweifelsfreie Antwort wird also kaum zu finden sein.  Die Sätze fügen der   Abhandlung  ein weitere Dimension hinzu, die das das Buch noch schwieriger zugänglich macht.

Ich halte mich an die einfachste Möglichkeit, die die Diagnose zulässt: Die Sätze werden vor andere Sätze gestellt, ihr logisches Gewicht in der Systematik bewusst reduziert:

Es handelt sich um Vorbemerkungen, in denen Wittgenstein die eigentlichen Themen der  Abhandlung vorbereitet;  a m ehesten Exkurse, die dem eigent ­ lichen Thema vorangestellt werden.

Wittgenstein agiert in d ie sen  Passagen sehr frei,  z.B. taucht der Terminus Sachverhalt schon sehr früh im Text auf (Satz 2.01) wird aber erst in Satz 4.1 systematisch eingeführt. Wittgenstein versucht Inhalte  an Stellen  zu  platzieren, die seine Systematik eigentlich nicht zulässt.

Hier scheitert die Form ein zweites Mal.

 Es  gibt eine weitere Eigenart, die  sowohl Wittgensteins  Früh-  als auch  Spät ­ werk prägt, in der Rezeption aber kaum  Beachtung  findet:

 Wittgenstein spricht über Sprache, das Verstehen von Bildern  und Sätzen .  Er spricht auch davon, dass wir Sprache nutzen, um uns zu  v erständigen.  In diesem Zusammenhang thematisiert er aber nie die Kommunikation –  das gemeinsame Verstehen der ausgetauschten Sätze und Bilder:

 Modelle, wie das von Shannon Weaver5
Shannon-Weaver in „The Mathematical Theory of Communication“ 1949.

Die Theorie betrachtet die Bedingungen, unter denen Sender und Empfänger eine gemeinsames Verständnis des gesendeten und empfangen Codes sicher stellen können.
,  be s chreiben Kommunikation als Austausch  zwischen Sender und Empfänger, Sprachziel ist dort die möglichst störungsfreie,  gemeinsame  Entschlüsselung eines geteilten Codes.

 Wittgenstein meidet solche Szenarien vollständig. In seinem gesamten Werk gibt es keine Gesprächssituationen, keine Rollen, wie  sie  bei  Shannon  und  Weaver  vorkommen .  Er konzentriert sich darauf,  die Tragfähigkeit von Zeichen und Strukturen zu analysieren.  W ie diese die Inhalte geteilt werden,  wird nie Teil seiner Betrachtungen.

Auch das ist kein Zufall.  Wittgenstein versucht so seine Überlegungen vor  einer Trivialisierung durch intersubjektive Erklärungsmuster zu schützen.  Wieder soll an die Stelle des Gesagten etwas, das sich zeigt treten.

Doch  wieder trägt die Form nicht. Wittgensteins Überlegungen zum Satzgehalt und dem Wesen des Gegenstands sind  durch Betrachtung der Zeichen und Strukturen allein kaum zugänglich.

Ich werde deshalb Wittgensteins Tabu wo nötig  brechen,  – und Perspektivität zulassen. Der Gefahr der Trivialisierung begegnet man am besten mit Transparenz.

 Der enorme Anspruch, den Wittgenstein der   Abhandlung  mit auf den Weg gibt, wird zur großen Tragik de s   Buchs .

Wittgenstein selbst scheitert daran, seine Ambition des Zusammenfalls von Form und Gehalt in etwas Lesbares zu gießen – die Rezeption daran, aus dieser Ruine  Wittgensteins Ideen herzuleiten.

  Ich  möchte zeigen, dass hinter der  Abhandlung eine klar formulierbare s Konzept steht, das durch die verunglückte Anlage nur verdeckt wird.

Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist Wittgensteins Überzeugung, die  eine Stelle – den archimedischen Punkt – gefunden zu haben, an dem alle Philosophie sich aus den Angeln heben lässt:

Egal worüber man nachdenkt – im Ende fasst man die Gedanken in ein Bild.

Das Bild stellt den Gedanken dar.

Dieser Prozess ist aber nicht atomar oder eindeutig: Kein Bild gibt die Welt wieder, „ wie sie ist“ –  ein Bild  ist eine Projektion der Welt:

 Auf einer Fotografie  fehlen zum Beispiel Geräusche, Geruch und Haptik des Abgebildeten. Genauso wird bei der Auf ­nahme die Gr öße verändert.

 Könnte man hier noch argumentieren, dass die  Projektion dem Medium der Abbildung geschuldet ist, ist es weit häufiger der Fall, dass wir  bei der  Projektion  zielgerichtet Inhalte  ändern oder reduzieren:

Möchte ich etwa darstellen, dass der Eiffelturm höher als der Kölner Dom ist, werde ich zwei ei ­nfache Zeichnungen der Gebäude nutzen, und nur darauf achten, dass die Größenverhältnisse stimmen. Etwa so:

Halcyon Maps: History of the  tallest building in Europe (Ausschnitt)6
 https://www.halcyonmaps.com/#/tallest-buildings-throughout-history/
 (Stand: 03.06.2024 / Europa ungefähr in der Mitte)

Nicht abgebildet wird hier z.B., dass der Kölner Dom aus Stein, der Eiffelturm dagegen aus Eisen gebaut ist.  Ebenso stimmen Details nicht: Der Kölner Dom ist nicht rot, der Eiffelturm nicht grau.  Natürlich stehen die Bauten auch nicht nebeneinander.

Das macht das Bild weder falsch noch unvollständig. Das Bild stellt, was es darstellt, richtig und vollständig dar.

Das Bild gibt nur einen Aspekt der Welt wieder  – es ist ein Modell.

D ie ser Prozess der Modellbildung ist Wittgenstein s  Ausgangs ­ punkt.

 Aus  de m   Modell  entwickelt er den Satz, von dort die Sprache,  und dan ach das Kalkül (die Schlussregeln).  Zum Ende  erschließt er die Grenze der Sprache.

 Diesen Weg nach zu zeichnen,  ermöglicht es  Anspruch und Wirklichkeit der   Abhandlung  zu begreifen .

 Ich beginne  also nicht  mit dem  Anfang der   Abhandlung  (Satzreihen 1**/2.0**)  ,  sondern mit  der Bildtheorie  (Satzreihe 2.1**).

  Gerade Satzreihe 2.0** – die Vorbemerkungen zur Bildtheorie –,  zeigt exemplarisch, wie sehr die gewählte Form das Verständnis behindert –  oder unmöglich macht. In der Passage nutzt Wittgenstein Begriffe und Argumente, die sich erst im Lichte der Bildtheorie überhaupt erschließen. 7
So auch Kenny

Die Inhalte der Satzreihen, die ich auslasse, werde ich einführen, sobald der inhaltliche Kontext es zulässt.

Das fundamentale  Konzept des logischen Raumes, der Tatsache, Sachlage und des Sachverhalts direkt im Anschluss an die Bildtheorie.

Die Diskussion zum Thema Gegenstand aber erst sehr viel später.

## Das Bild

 Die gesamte   Abhandlung  beruht auf Wittgensteins Überlegungen zur Funktions­weise von Modellen, die zur Abbildung der Welt genutzt werden.

Kern dieser Überlegungen ist die Bildtheorie, die beschreibt, wie ein Modell die Welt abbildet. In Satzreihe 2.1* stellt Wittgenstein seine Bildtheorie vor:

2.1	Wir machen uns Bilder der Tatsachen.

  [ … ]

2.12	Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit.

Gliederpupp en, wie sie wie sie als Vorlage im Zeichen­training genutzt werden, bieten eine einfache Möglichkeit, Wittgensteins Bildtheorie zu erläutern.

 An solchen Modellen kann man  die  Ideen unmittelbar aufzeigen.

##  Der  A ufbau des  Bilds

 ist das Bild eines Menschen.

Im Bild unterscheidet Wittgenstein zwischen festen und veränderlichen Teilen, die sich in verschiedener Weise auf das abgebildete Stück Welt beziehen.

## Elemente des Bilds  —  Vertretung

2.13	Den Gegenständen entsprechen im Bilde die Elemente des Bildes.

2.131	Die Elemente des Bildes vertreten im Bild die Gegenstände.

Die Elemente, von denen Wittgenstein in Satz 2.13 spricht, sind i m vorliegenden Modell einfach zu identifizieren: Sie sind durch Gelenke von ­einan ­der getrennt.

 Jede r Teil  des Modells steht für einen Gegenstand, der im  Bild  vorkommt   —   jedes Element vertritt einen Gegenstand:

vertritt eine Hand.

vertritt einen Fuß.

vertritt den Kopf.

etc. ...

D ie zur Vertretung genutzte n Gegenst änd e ha ben mit  ihre n  Pendants in der Welt nicht viel  gemein:  Keiner der vertretenen Gegenstände besteht aus Holz, und  es fehlen  wesentliche Charakteristika,  der Hand  zum Beispiel die Finger.

 All diese Eigenschaften sind für die Vertretung  unerheblich,  ich hätte genauso gut Metall statt Holz wählen  können.

 Umgekehrt kann ich aus dem Modell  aber auch keine Informationen über  das  Vertretene herleiten:

  lässt nicht erkennen, dass eine Hand fünf Finger hat.

Informationen über das Vertretene werden im Bild einfach  nicht transportier t.

## Das Bild als Tatsache  —  Nachahmung

 Anders, betrachtet man die  veränderlichen Eigenschaften des Bilds:

2.14	Das Bild besteht darin, dass sich seine Elemente in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten.

2.141	Das Bild ist eine Tatsache.

 Die Elemente des Bilds sind nicht zufällig zusammengewürfelt, stehen viel­mehr in bedeutsamer Beziehung  z ueinander.

 Das Vorliegen solcher  strukturel ­ le r  Eigen ­ schaften zeichnen das Bild für  Wittgenstein   als Tatsache aus.

Das Beispielmodell hat zwei  wesentliche strukturelle Eigenschaften:

-
 Die Proportionen der Glieder  des Modells zueinander entsprechen den typischen Proportionen der Gliedmaße eines Menschen zueinander.

-
Die Glieder  der Puppe nehmen eine bestimmte Position zueinander ein.

Eine Änderung dieser Eigenschaften führt zur unmittelbaren Änderung des Bildinhalts:

 Das Modell kann laufen:  . Hier   sieht man es sitzen.

Anders als im Falle der Vertretung ist die Beziehung der strukturellen Eigenschaften von Bild und Abgebildeten unmittelbar  gegeben :

   bildet einen sitzenden  Menschen ab.  Die Positionierung der Puppen ­ glieder entspricht der Positionierung de r  Gliedmaße des Menschen:

2.15	Dass sich die Elemente des Bildes in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten, stellt vor, dass sich die Sachen so zu einander verhalten.

  [ ... ]

  [ ... ]

2.161	In Bild und Abgebildetem muss etwas identisch sein, damit das eine überhaupt ein Bild des anderen sein kann.

Die Unmittelbarkeit der Abbildung besteht in der Identität der strukturellen Eigenschaften von Bild und Welt: Das Bild ahmt die Welt nach.

Diese einfache Beobachtung zur Funktionsweise von Modellen ist  das zentrale Argument in Wittgensteins Bildtheorie.  A us ihm leitet er den Begriff der Form  als logisch notwendige Struktur  her.   D azu zunächst ein kleines Experiment:

   wird im  Beispiel  zur  Vertretung  der Hand genutzt.

 Da die Hand hier vertreten wird, ist diese Festlegung  ist nicht zwingend,  ich kan n    auch nutzen, um den Fuß des Menschen zu vertreten,  etwa so: .

 Diese Entscheidung hat aber Konsequenzen für  das  gesamte Modell:

 ist  wesentlich kürzer als , das im  ursprünglichen Bild den Fuß vertritt.

 In  der Folge müssen alle Glieder der Puppe soweit verkleinert werden,  bis die veränderte strukturelle Eigenschaft des Bilds  — die Proportion der Größe der Glieder  — wiederhergestellt ist.

Die Wahl der Vertretung ist frei, die  Struktur strikt vorgegeben.

Strukturelle Eigenschaften können dem Bild weder zugeschrieben noch genommen werden. Sie sind gegeben, oder eben nicht.

Nicht: „Ich drücke etwas im Bild aus.“, sondern: „Im Bild drückt sich sein Inhalt aus“.  Das Bild entsteht,  indem  wir die  Bildelemente anordne n:

-
Es gibt keine zweite Instan z  —  etwa das Meine n  —  die den Bildinhalt bestimmen könnte.

-
Der Bildinhalt ist auf das, was durch die Nachahmung transportiert wird, beschränkt.

## Die  Form der Abbildung

 Das Zusammenspiel der Bildelemente und ihrer Anordnung fasst Wittgenstein zunächst als abbildende Beziehung zwischen Bild und Abgebildetem zusammen.

 Die Vertretung entkoppelt Bild und Abgebildetes:  Das Vorkommen von    im Bild besagt nicht, dass im Bild eine Hand vor ­ kommt.

Bild und Abgebildetes sind zunächst nur zwei Tatsachen, die sich unverbunden gegenüberstehen. Nicht s am Bild macht es zwingend zum Bild.

2.1512	Es [ das Bild] ist wie ein Maßstab an die Wirklichkeit angelegt.

 2.15121	Nur die äußersten Punkte der Teilstriche b  erühren  den z u  messenden Gegenstand.

 D ie abbildende Beziehung muss aktiv hergestellt werden.

2.151 3	Nach dieser Auffassung gehört also zum Bilde auch noch die abbildende Beziehung, die es zum Bild macht.

2.1514	Die abbildende Beziehung besteht aus den Zuordnungen der Elemente des Bildes und der Sachen.

Die abbildende Beziehung besteht in der Festlegung, welches Element des Bilds welchem Element der  Welt entsprich t,  sie  legt also die Regeln der Vertretung fest.

Sind die Regeln festgelegt, ergibt sich der Bildinhalt –  wie oben gezeigt – zwingend aus der Anordnung der Elemente:

 bildet einen sitzenden Menschen ab.

Es gibt keine sinnvolle Möglichkeit, aus diesem Bild das Bild eines laufenden Menschen zu machen.i
Abgrenzung zur Definition

 Ich habe geschrieben, dass es keine sinnvolle Möglichkeit gibt, aus  das Bild eines laufenden Menschen zu machen.

Eine  recht einfache Möglichkeit genau das zu tun, scheint die Definition zu sein.  Etwas so:

  =	 Laufender Mensch		Def.

Mit Hilfe der Definition stellt  doch einen laufenden Menschen dar.

Damit  scheint  Wittgensteins Prinzip der  strukturellen  Identität  gebrochen.

 Wittgenstein nimmt das Thema in der   Abhandlung  nicht auf. Ich halte es für wichtig den Einwand einzuordnen, um Missverständnissen bei Besprechung des Satzes vorzubeugen.

Schaut näher hin, kann man sehen, warum  die Definition Wittgenstein nicht widerlegt:

 1: Man kann am definierten Zeichen den Inhalt nicht mehr erkennen.

Solange  als Bild verwendet wird, ergibt sich der Inhalt aus der Stellung der Bildelemente zueinander, und man kann mit denselben Elementen auch andere Bilder – etwa  den  stehenden  Menschen oben – aufbauen.

Im Falle des definierten Zeichens, muss ich den Inhalt lernen, er wird quasi von außen angeheftet. Die Bildelemente spielen dabei keine Rolle mehr: Mit der Definition wird die Struktur des Bilds aufgehoben.

 2: Die beiden Möglichkeiten der Verwendung sind disjunkt.

Die Bildelemente beizubehalten und gleichzeitig zu behaupten,  stelle einen laufenden Menschen dar, ist widersprüchlich.

Dieser Widerspruch zeigt wiederum, dass die Verwendung von  als Bild nichts mit der Verwendung als definiertes Zeichen zu tun hat  —  nichts zu tun haben darf.

Die Definition macht aus  ein einfaches Zeichen, das im Bild nur vertreten kann. Das Zeichen kann frei gewählt werden, und steht damit in keinem Zusam­men­hang zum Vertretenen. Informationen über das Vertretene werden im Bild nicht transportiert.

Die Definition widerlegt Wittgensteins Beobachtungen nicht, weil sie die Unterscheidung zwischen  struktureller Abbildung und Vertretung nicht aufheben kann.

 Damit sind  Bildinhalte an  das gebunden, was mit den Mitteln des Bilds überhaupt nachgeahmt werden kann:

2.171	Das Bild kann jede Wirklichkeit abbilden, deren Form es hat.

Das räumliche Bild alles Räumliche, das farbige alles Farbige, etc.

 Die Gliederpuppe kann z.B. nicht den Größenunterschied zwischen Eiffelturm und Kölner Dom abbilden.

Ob das Prinzip eingehalten wurde, zeigt sich am Bild, man kann es nicht behaupten:

2.172	Seine Form der Abbildung aber, kann das Bild nicht abbilden; es weist sie auf.

## An Beispielen

Ich habe das Beispiel der Gliederpuppe gewählt, weil  sich an ihr  die  Form der Abbildung unmittelbar beobachten lässt.

 Auch wenn nicht immer so klar ersichtlich, gehorcht jedes Bild der Form der Abbildung.

 Drei Beispiele  zur Verdeutlichung:

 Der  Stadtp lan

Ein Stadtplan zeigt die Form der Abbildung noch recht offensichtlich:

 Plan der Stadt Worms (Ausschnitt)

Zur Vertretung werden einfache Linien und geometrische Formen genutzt,    Die Namen der  Gebäude  müssen explizit genannt werden.  Strukturelle Eigenschaft  ist  die relative Lage der angedeuteten Gebäude und Straßen zueinander.

Der Bildinhalt ergibt sich zwingend aus der strukturellen Eigenschaft: Es ist unmöglich, dass das Raschitor gemäß dieses Planes links der Synagoge liegt, und genauso ist es nach diesem Plan ausgeschlossen, dass  die Martinspforte und das Museum in unmittelbarer Nachbarschaft liegen.

Alle Elemente der Form der Abbildung sind also gegeben: Entkopplung durch die Vertretung der Gegenstände, eine strukturelle Eigenschaft, die den Bildsinn vollständig trägt und Begrenzung des Bildes durch seine Form: der Stadtplan kann nicht die Abfahrtzeiten der Stadtbusse abbilden.

 Die Kuchengraphik

Ein wenig abstrakter schon  die Kuchengraphik. Eine Analyse nach Wittgenstein:

Zur Vertretung werden Kreissektoren genutzt. Strukturelle Eigenschaften sind Anzahl und  Winkelgröße der Sektoren.

Der Bildsinn ergibt vollständig aus den strukturellen Eigenschaften: Es unmöglich, dass die Mengenverhältnisse diesem Bild nach  10: 10: 80 sind  –  e benso, dass es mehr oder weniger als drei Klassifikationen gibt.

 Komplexer ist die Begrenzung des Bildes durch seine Form der Abbildung:

Die Kreissektoren können viele verschiedene Inhalte vertreten – Altersgruppen, politische Präferenzen, Marktanteile usw. Aber nicht  Beliebige s:

Es gibt formale Bedingungen, die erfüllt sein müssen, soll eine Kuchengraphik überhaupt sinnvoll sein:

-
Die  genutzten  Klassifikationen  müssen exklusiv sein:  Das heißt,  n ichts  Dargestelltes , darf mehreren Klassifikationen gleich ­ zeitig  an gehören .

-
 Das Bild impliziert  die  Vollständigkeit der Klassifikationen:  Der Kreis steht für ein Ganzes, das von den Sektoren  vollständig (z u 100% )  ausgefüllt  sein  muss.

Eine Kuchengraphik kann sinnvoll die  Sitzverteilung in einem Parlament darstellen  –  den  Anteil der Sitze jeder Partei an der Gesamtsitzzahl.

Sie kann aber nicht den Anteil von Autofahrern, Kuchenliebhabern und Babysittern an der Bevölkerung darstellen –  die Gruppen  sind nicht exklusiv  und ergänzen sich nicht zu 100 %  der Gesamtbevölkerung.  Damit wird  die Form der Darstellung  einer Kuchengraphik verletzt.

 Ein Weg-Zeit Diagramm

 D ie Form der Abbildung  greift  aber  auch im Falle  dynamische r  Modelle, wie hier dem Weg-Zeit Diagramm des freien Falls.

Zur Vertretung  für Zeit und Strecke  dienen  die Achsen;  Punkte  im Koordinatensystem   geben an ,  welche  Strecke zu einem bestimmten Zeitpunkt  zurückgelegt wurde .

Die strukturelle Eigenschaft ist die Anordnung der Punkte im Diagramm, die die Beschleunigung des Körpers über die Zeit abbildet.

Auch hier  wird der Sinn vollständig  durch die Strukturellen Eigenschaften des Bildes hergestellt: das Bild zeigt eine Beschleunigung von ca. 9.81 m/s 2 .  Die Skalierung der Achsen macht es unmöglich, dem Diagramm einen abweichende Wert e  zu entnehmen.

 Und auch  d ieses  Bild  wird durch seine Form beschränkt:

 Zum Beispiel lässt die  Zeitachse  es nicht zu,  statische Beziehungen darzustellen:  Es wäre Unsinn zu  sagen, dass d er Eiffelturm zu Sekunde 4 höher als der Kölner Dom  ist .

Die gewählten Beispiele erheben weder Anspruch auf systematische Vollständigkeit noch auf eine erschöpfende Analyse einzelner Bildtypen.  Sie zeigen aber, dass Wittgensteins Bildtheorie tatsächlich weit trägt. Drei Kernprinzipien lassen sich klar herausstellen:

-
 Entkopplung durch Vertretung: Die  Zuordnung von Bildelement zu  den Elementen des Abgebildeten ist frei.  Im Gegenzug werden  Informationen über das Vertretene im Bild nicht transportiert.

-
 Strukturelle Identität : Der Bildsinn ist durch die strukturelle Identität von Bild und Abgebildeten  unmittelbar gegeben, und kann  nicht von außen an das Bild herangetragen werden.

-
 Beschränkung des möglichen Bildinhalts durch die Form: Bilder  sind rein deskriptiv:  Sie können nur darstellen, was sich durch ihre Struktur nachahmen lässt – was in ihrer Form liegt.

Die Form der Abbildung ist nicht der Kern der Bildtheorie. Wittgenstein erarbeitet aus ihr die logische Form,  die dann  zur Basis für den weiteren Text wird.

 Dazu leitet er zunächst in Satz 2.173 die Form der Darstellung ab.  Sie spielt im weiteren Textverlauf keine Rolle mehr. Am einfachsten begreift man sie als die Notation eines Bildes: In ihr wir alles zusammengefasst, was Bilder unterscheiden kann, aber nichts zu deren  l ogischen Form beiträgt.

Eine alternative Form der Darstellung  zur Kuchengraphik oben ist  zum Beispiel:

Auch wenn hier Quadrate statt Kreissektoren zur Vertretung genutzt werden, teilen sich beide Bilder ihre strukturellen Eigenschaften und logische Form.

 In die logische Form  fließen aber nicht nur die se  Eigenschaften  der Bilder ein.

Wittgenstein formuliert auch formale Anforderungen an die Vertretung.

##  Satzreihe 2.0:   Bedingungen des Sinns

 Die Grundlagen,  auf denen sinnvolle Bilder beruhen, arbeitet  Wittgenstein bereits in Satzreihe n 1** und   2.0* *  aus .

 Leider sind diese Satzreihen eines der besten Beispiele für  das Scheitern Wittgensteins am eigenen Anspruch:  Die    Abhandlung   glänzt hier nicht in   größter Klarheit,  im Gegenteil  führt sie zu   Frustration und  Unverständnis . Dazu Kenny:

These first pages of the Tractatus are extremely obscure. Pronouncement predominates over argument and technical terms are piled up and reduplicated (form and content = substance; facts = reality; essence = nature = form). The criterion for identity of states of affairs is left fatally undetermined, and, most baffling of all, no examples are given of objects.

Kennys  Ärger ist greifbar, und er hat gute Gründe: Wittgenstein  verwendet hier  zentrale Fachbegriffe, ohne sie methodisch sauber  zu fundieren. Inhaltlich bleiben so grundsätzliche Konzepte, wie Gegen­stand, Substanz, etc. als leere Hüllen,  ohne jeden erkennbaren Bezug zur Welt, stehen.

Es ist also nicht dem Leser anzulasten, wenn  schon der Einstieg  in den Text  den Zugang zur   Abhandlung  verstellt.

##  Tatsache / Sachverhalt e /  Gegenstände

 Um ein wenig Licht in die Satzreihe n  zu bringen, gehe  Ich in zwei Schritten vor: Zunächst erläutere ich anhand eines Beispiels Wittgensteins Idee hinter den Begriffen Tatsache und Sachverhalt; im Anschluss kläre ich die systematischen Details  am Text.

 Zunächst ein kleines Experiment.  Folgende Tatsache 8
Tatsachen werde ich immer als Photographien darstellen. Es ist das beste, das man in einem Buch leisten kann,  auch wenn es sich bei Photographien um Bilder handelt.
 :

Wol fgang Brendel als Papageno

Die Zauberflöte / München 1983

Eine einfache Frage:  W as zeigt das Bild?

Ohne viel  Nachdenken kann man drei Antworten geben:

-
Wolfgang Brendel (Der Bariton),

-
Papageno (Die Opernfigur),

-
 b eides.

 Je nach Kontext, in den man die Tatsache setzt,  ist jede der Antworten  mal richtig, mal unsinnig:

-
Wolfgang Brendel hat  auch Cosi van  tutte gesungen.  Es wäre Unsinn, das von Papageno zu sagen.

-
Papgeno  hat Papagena geheiratet. Wolfgang Brendel  kann keine Opernfigur heiraten.

-
 Und  wollte man Brendels Papageno mit  dem eines anderen Baritons  vergleichen, funktioniert das nur, nimmt man beides in den Kontext auf.

 Eine Tatsache  ist für Wittgenstein  ein  Stück Welt, über d as  – unabhängig von anderen Tatsachen – Aussagen  möglich sind .  Aber keine Aussage beinhaltet die Tatsache als Ganzes:  Sie ist die Projektion eines Aspekts.

 Diese Aspekte nennt Wittgenstein Sachverhalte.

 Meine drei Beispiele oben beschreiben drei Sachverhalte, aus denen sich die Tatsache, die im  Photo angedeutet ist,  konstituiert 9
Natürlich nicht nur aus diesen drei Sachverhalten.
.

Gegenstände kennzeichnen in diesem System  die gewählte Bezugsweise auf die Tatsache:

Die Verwendung von  Papageno  signalisiert, dass de r Opernstoff thematisiert  wird, die Verwendung von  Brendel, dass es um  die Person des Bariton s geht.

Tatsachen sind vielgestaltig, und können erst  durch die Festlegung einer Bezugsweise zu einem Bild konkretisiert werden.

Der stark ontologische Duktus von Satzreihe 2.0*  lässt  eine solche Lesart  unplausibel erscheinen:

2	Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.

2.01	Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)

[...]

2.02	Der Gegenstand ist einfach.

[...]

2.021	Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.

Vor allem die Rede vom Gegenstand als atomare Substanz der Welt  scheint jede Relativierung oder Kontextualisierung auszuschließen.

Dagegen spricht der Beginn der  Abhandlung:

1	Die Welt ist alles, was der Fall ist.

1.1	Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.

Nimmt man den ontologischen Duktus in Satzreihe 2.0* für bare Münze, baut man einen  handfesten Widerspruch zu Sätzen 1 und 1.1 der  Abhandlung auf10
Dieser Widerspruch hat z.B. dazu geführt, dass ich meine ersten Versuche, die  Abhandlung zu lesen, recht früh abgebrochen habe.
.

Und tatsächlich relativiert Wittgenstein in seinen Erläuterungen zu den oben zitierten Sätzen  diesen Duktus selbst:

 Die Selbständigkeit des Dings  ist ein e Form de r Unselbständigkeit.  D er  Gegenstand  ist  statt dessen an die Summe  der Sachverhalte, in denen er vorkommen kann,  gebunden  (Satz 2.0122).

Trotzdem muss Wittgenstein eine atomare Substanz der Welt annehmen.

 Listet man die  drei  zentralen Argumente aus Satzreihe 2.0* untereinander11
An dieser Stelle muss ich mir begrifflichen Freiraum nehmen. Wittgenstein greift mit der verwendeten Terminologie weit in der  Abhandlung vor.

Ich werde die Wörter zunächst „naiv“ umgangssprachlich nutzen. Wenn es holprig wird, werde ich darauf aufmerksam machen.
,  wird klar, dass  für ihn die Existenz  dieser  Substanz Voraussetzung dafür  ist , dass überhaupt ein Bild der Welt entworfen werden kann:

 Argument 1: Die Bezugsweise  im und außerhalb des Satzes

2.0122	[...] (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz.)

  Die Sätze „Papageno  heiratet Papagena.“  und „Papageno behauptet, den Drachen erschlagen zu haben.“ handeln von de mselben Papageno.

Das Wort „Papageno“  verwei st über seine Verwendung in  einem einzelnen Satz hinaus – signalisiert über verschiedene Sätze hinweg, dass es um denselben Gegenstand geht,  der den  abgebildeten Sachverhalten gemeinsam ist.

Die Bezugsweise des Wortes muss im und außerhalb des Satzes gleich sein,  weil  nur die Bezugsweise die Gleichheit des Gegenstand garantiert.

 Argument 2:   Wittgensteins Subtanzargument

2.0201	Jede Aussage über Komplexe lässt sich in eine Aussage über deren Bestandteile und in diejenigen Sätze zerlegen, welche die Komplexe vollständig beschreiben.

2.021	Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.

2.0211	Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist.

2.0212	Es wäre dann unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen.

 Hier ist es die Vorbemerkung (Satz 2.0201), die das Lesen schwierig macht.  Oft wird Wittgensteins Begriff des Komplexen missdeutet, besonders wenn Komplexität  als  Zusammengesetzt  S ein im physikalisch /  materiellen  Sinne  ver ­ standen  wird.  Ein sehr gutes Beispiel ist Kenny selbst:

How the correlation between the thought-elements and the world-atoms is to be set up, we are not told. Indeed Wittgenstein confessed to Russell that he had no idea what the thought-elements were: it would, it seems, be a matter for psychology to discover (NB 129).

Kenny setzt hier eine Beziehung zwischen den einfachen Elementen des Denkens und denen der Welt voraus,  und  bemängelt , dass Wittgenstein es versäumt, diese Beziehung zu beschreiben.

Er wertet das als strukturelle Schwäche im Modell, der Wittgenstein ausweicht, indem er das Thema auf die Psychologie abwälzt.

Die  von Kenny  angeführte Stelle  (NB 129)  lie st sich  deutlich anders:

… But a  Gedanke is a  Tatsache: what are its constituents and components, and what is their relation to those of the pictured  Tatsache?" I don't know what the constituents of a thought are but I know that it must have such constituents which correspond to the words of Language. Again the kind of relation of the constituents of the thought and of the pictured fact is irrelevant. It would be a matter of psychology to find out.

Wittgenstein  weicht nicht aus,  stellt vielmehr das Ziel seiner Untersuchungen klar:

 Es geht um die Beziehung von Sprache zu m  Gedanke n   – nicht um die Beziehung des Gedankens zur Welt.

 Kennys Annahme, Wittgenstein meine mit  Gegenständen   reale  Gegenstände der Welt ist – zumindest an dieser Stelle –  schlicht  falsch.

 Gegenstände der Welt spielen in der Bildtheorie zunächst keine Rolle, sind vielmehr logische Voraussetzung, sollen Bilder der Welt überhaupt möglich sein.

Komplexität und Einfachheit  sind nicht etwas, das man in der Welt vorfindet, sondern  verschiedene Bezugsweisen auf die Welt.

Am Papgeno Beispiel kann man sich das recht einfach verdeutlichen:

Das Einfache Wort Papageno bezieht sich auf eine Opernfigur, also auf einen Gegenstand.

 Man kann Papageno auch als Komplex  betrachten12
Das ist eigentlich nicht so leicht, wie ich es jetzt darstelle. Um des Argumentes Willen.
: Er besteht aus  einem Kopf. Leib, Armen und Beinen.

Was wir  mit dem Satz „Papageno heiratet Papagena“ ausdrücken,  müsste sich Kennys Logik  nach auch  so formulieren lassen:

„Papagenos Kopf, Leib, Arme und Beine heiraten Papagena“ 13
Kenny s  eigenes Beispiel  ist ein Messer,  das er als Komplex aus Klinge und Griff begreift.  Ob man durch diese besser informiert ist, möchte ich nicht sagen.
.

In dieser Formulierung ist der Zirkelschluss  deutlich:

 Im Komplexen Bezug  muss die Einheit des Gegenstands gesichert werden  –  und das geschieht durch die Verwendung  genau des Zeichens,  das eigentlich ersetzt werden sollte.

Vermeide ich den Zirkelbezug, indem ich  das Wort Papageno weglasse, bleibt:  „Kopf, Leib, Arme und Beine heiraten Papagena“.

Dann könnten aber auch meine Beine  – oder die eines beliebigen anderen  – gemeint sein, was zu völligem Unsinn führt 14
Versucht man es umgekehrt, den Zirkel durch Einführung von Eigennamen für  Papgenos Glieder zu vermeiden,  entsteht lediglich ein Regress:

 Die neue Bezeichnung hilft nur, wenn sie festlegt, dass der Name ein Glied  Papagenos  bezeichnet.
.

Der Satz  hätte nur dann Sinn, wenn der Satz „Es handelt sich um Papagenos Glieder.“ wahr wäre. Genau wie in Satz 2.0211  angemerkt,  hinge der Sinn des Satzes von der Wahrheit eines anderen Satzes ab.

Die Forderung der strukturellen Identität zwischen Bild und Abgebildetem gilt auch für das einfache Zeichen:

 Ein einfache s Zeichen kann  nichts Komplexe s  bezeichnen.

 Argument 3:   Vorrang der Semantik –  der logische Raum

2.0231	Die Substanz der Welt  kann nur eine Form und keine materiellen Eigenschaften bestimmen. Denn diese werden erst durch die Sätze dargestellt – erst durch die Konfiguration der Gegenstände gebildet.

 Wie gesehen, meint Wittgenstein nicht s  Stoffliches, wenn er von der Substanz der Welt spricht. Substanz –  die  Gegenstände – sind  die  einfache n  Bestandteile des Gedankens,  die  eine  stabil e Bezugsweise   garantieren  und  ermöglichen, dass  verschiedene Gedanken vom Selben handeln.

Damit nimmt der Gegenstand eine zentrale Funktion im Denken ein, die ihn voll ­ständig bestimmt:

 2.0122	Das Ding ist selbständig, insofern es in allen  möglichen Sachlagen vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sachverhalt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz.)

2.0123	Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vorkommens in Sachverhalten.

[ ... ]

 Der Gegenstand (Sache / Ding) ist die  Summe der Sachlagen (denkbaren Sachverhalte 15
Die Grundbegriffe Liste am Ende des  Kapitels.
 ), in denen er vorkommen kann,  das ist Form des Gegenstands . Er bildet damit das Zentrum eines Raums möglicher Sachlagen:

2.013	Jedes Ding ist, gleichsam, in einem Raume möglicher Sachverhalte. Diesen Raum kann ich mir leer denken, nicht aber das Ding ohne den Raum.

2.0131	Der räumliche Gegenstand muss im unendlichen Raume liegen. (Der Raumpunkt ist eine Argumentstelle.)

Der Fleck im Gesichtsfeld muss zwar nicht rot sein, aber eine Farbe muss er haben: er hat sozusagen den Farbenraum um sich. Der Ton muss  eine Höhe haben, der Gegenstand des Tastsinnes  eine Härte, usw.

 Die Tatsache wird  in den Logischen Raum  projiziert  und dort  durch das  Gerüst der Gegenstände  fassbar .

Erst  dieses Gerüst erlaubt  es überhaupt ein Stück Wirklichkeit  als etwas Sinnvolles – ein en   Gedanken  – zu erfassen.

Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt.

##  Die  Ontologie der  Abhandlung

Wittgensteins Ontologie gliedert sich den Überlegungen nach also so:

Welt

Wirklichkeit

Logischer Raum

Tatsache

-
Einheiten der Wirklichkeit, die un ­ab ­hängig von einander betrachtet werden können

Sachverhalte

-
Kleinste Einheit des Verstehens der Welt

-
 Projektionen  einer  Tatsache durch ver ­ schie ­ dene Bezugs w eisen 16
 Man ließt leicht darüber hinweg, aber Wittgenstein betont diese Kardinalität  immer wieder im Text.( vgl. Satz  2, 2.034,  2.06 ).

-
 I nhalt  der Bilder

Gegenstände

-
Nicht zerlegbar e, atomare Subtanz der Welt

-
Fixierung der Bezugsweise über verschie­dene Sachverhalte hinweg

-
Durch die Möglichkeit des Vorkommens in Sachverhalten konstituiert (Form des Gegenstands)

Sachlagen

-
 D enkbare Sach­verhalte, die sich aus den Kombinations­möglichkeiten der Gegen ­ stände ergeben

-
Unabhängig davon, ob sie realisiert sind, oder nicht

In der Matrix wird noch einmal die zentrale Stellung der Gegenstände als Strukturelemente des logischen Raums deutlich:  Durch ihre Form begrenzen sie die Möglichkeit denkbarer Sachverhalte und damit  auch  den logischen Raum insgesamt 17
Dazu Satz 2.0124
 .

 Der logische  Raum ist  für Wittgenstein  von vornherein vollständig   auf ­ gespannt :  Bereits  i n Satz 2.0123 stellt er fest, dass die Form des Gegenstandes abschließend  gegeben  ist 18
Das nicht nachträglich andere Sachverhalte gefunden werden könne n.
 .  Den  holistischen  Schluss zieht  er  Satz  2.063: der logische Raum umfasst alles überhaupt Denkbare.

 Dieser Holismus schwingt in der   Abhandlung  immer  implizit  in der Forderung nach der Bestimmtheit des Sinns mit –  systematisch aufgelöst wird  er  aber   erst  Satzreihe 5.5*.

##  Der Gegenstand in der Welt

 I n der  Welt  sind Gegenstände anders verankert :

2.02331	Entweder ein Ding hat Eigenschaften, die kein anderes hat, dann kann man es ohneweiteres durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen  [ … ]

Hier ist die Beschreibung führend: Alles, was beschreibbar ist, kann als Gegenstand gelten. Doch es gibt keine Notwendigkeit:

Weder muss alles, was beschreibbar ist, als Gegenstand aufgefasst werden, noch ist alles Beschreibbare einfach.

 Das Konzept des Gegenstands als Konstituente des logischen Raums  einerseits , und als  identifizierbarer  Teil der Welt  andererseits sind  windschief zueinander. Nehmen wir die Eigenschaft rot:

-
Einen Stein, der nicht rot ist,  ist kein Rubin. Hier ist rot eine  konstitutive -  also interne  - Eigenschaft, die den logischen Raum strukturiert.

-
Anders beim Ball: Ob ein Ball rot oder blau ist, spielt für  ihn als Gegenstand keine Rolle.  Die Behauptung, rote Bälle rollen, blaue nicht, ist reiner Unsinn.

 Wittgenstein zieht sich bei der Verankerung der Gegenstände in der Welt auf eine bloße Minimalforderung zurück:

Gegenstände  müssen identifizierbar –  d.h. in verschiedenen Kontexten   durch ihre  externen Eigenschaften  unterscheidbar – sein,  mehr nicht.

Nichts an dieser Forderung rechtfertigt die prägende, strukturierende Kraft, die Gegenstände  im  logischen Raum  entfalten 19
Dazu natürlich auch Satz 2.01231.
  –  die Einordnung des Gegenstands im logischen Raum überlädt ihn semantisch  –  ohne dass es dafür eine Rechtfertigung  in  der Welt   gäbe .

Die se semantische Überladung des Gegenstandsbegriffs öffnet – zumindest scheinbar – einen Raum für spekulative Interpretationen der Welt. Und es ist tatsächlich eines der großen Themen der   Abhandlung , zu prüfen, ob solche Räume  sich  auch tatsächlich systematisch verwerten lassen oder bloßes Rauschen sind.

Die Form des Gegenstands fließt als wesentlicher Teil in die logische Form ein.

## Die logische Form

Satz 2.18  bündelt  die Stränge der bisherigen  Überlegungen zur  B ildtheorie  mit denen  zur Substanz:

2.18	Was jedes Bild, welcher Form immer, mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie überhaupt – richtig oder falsch – abbilden zu können, ist die logische Form, das ist, die Form der Wirklichkeit.

In der logischen Form verbindet Wittgenstein den Formbegriff  der Bildtheorie mit dem Begriff der Wirklichkeit, den er  in  Satz 2.0 6 – im Übergang zur Bildtheorie –  einführt.

 Den Begriff Wirklichkeit leitet

Einerseits spricht Wittgenstein in 2.0 von der Wirklichkeit als Summe aller denkbaren Sachverhalte, also von einem Möglichkeitsraum, innerhalb dessen sich Gedanken bewegen können.

 Anderseits führt er mit der Form der Abbildung in Satzreihe 2.1  einen weiteren Begriff der Möglichkeit ein: Die Forderung der Identität der strukturellen Eigenschaften zwischen Bild und Abgebildetem schränkt die Ausdrucksmöglichkeiten des Bildes ein.

Flüchtiges Lesen – zumindest ging es mir so – erweckt den Eindruck, dass Wittgenstein hier von der Möglichkeit  der Möglichkeit spricht.

Es ist sinnvoll, zunächst die Möglichkeitsbefriffe abzugrenzen, um dann zu sehen, warum Wittgenstein hier keine formale Unterscheidung trifft.

 In  ordinary language, as has been said, the logical form of thoughts is concealed.  [ ... ]  Wittgenstein believed, one of which is that many of our words signify complex objects. For instance, my knife consists of a blade and a handle related in a certain way: so that if the sentence `My fork is to the left of my knife' is to be true, the blade and the handle must be in  a  certain relationship. This relationship is not pictorially represented in the expression `my knife' in the way that the relationship between knife and fork is pictorially represented by the whole sentence. It would be possible, no doubt, to bring out this relationship by rewriting the sentence into a fuller account of the situation, thus: `My fork is to the left of my knife-blade, and my fork is to the left of my knife-handle, and my knife-blade blade is attached to my knife handle.' But clearly, the fork, the knife-handle and the knife-blade are themselves complex objects consisting of parts in spatial relations. There appears to be no end to this further rewriting, or analysis, of the proposition, until we come to symbols which denote entirely non-complex objects. So, for Wittgenstein, a fully analysed proposition will consist of an enormously long combination of atomic propositions, each of which will contain names of simple objects, names related to each other in ways which will picture, truly or falsely, the relations between the objects they represent. Such full analysis of a proposition is no doubt humanly impossible to give; but the thought expressed by the proposition already has the complexity of the fully analysed proposition. The thought is related to its expression in ordinary language by extremely complicated rules. We operate these rules from moment to moment without knowing what they are, just as we speak without knowing the mechanisms by which we produce the particular sounds (TLP 3.2-3.24, 4.002). Such, in crude outline, is the picture theory of meaning. The outline will be filled in later in the book. Meanwhile we may notice that according to the theory one very important connection between language and the world is made by the correlation between the ultimate elements of thoughts, and the simples or atoms which constitute the substance of the world. How the correlation between the thought-elements and the world-atoms is to be set up, we are not told. Indeed Wittgenstein confessed fessed to Russell that he had no idea what the thought-elements were: it would, it seems, be a matter for psychology to discover (NB 129). One thing, however, seems likely: the correlation between names and what they name is something   which each of us must make for himself; so that each of us is master of a language which is, in a sense, private to himself. Much of the Tractatus is devoted to showing how, with the aid of various logical techniques, propositions of many different kinds are to be analysed into atomic pictures and their combinations. Would-be propositions positions which are incapable of such analysis reveal themselves as pseudo-propositions which yield no pictures of the world. Among these, it turns out, are the propositions of philosophy. Metaphysicians attempt to describe the logical form of the world; but this is an impossible task. A picture, Wittgenstein believed, must be independent of what it pictures: it must be capable of being a false picture, or it is no picture at all. It follows that there can be no pictures of the logical form of the world, for any proposition must itself share that logical form and cannot be independent pendent of it. We cannot, so to speak, get far enough away from the logical form to take a picture of it (TLP 4.12-4.121). What the metaphysician attempts to say cannot be said, but can only be shown. Philosophy, rightly understood, is not a

 verwei ss t

Führt man diese Idee mit der Form der Abbildung zusammen, wird die Vertretung in ihrem Stellenwert deutlich angehoben:

Die Wahlfreiheit in der Auswahl des Elements, das zur Vertretung des Gegenstands genutzt wird, entkoppelt Bild vom Abgebildetem. Aber mit der Wahl des Elements wähle ich nicht nur ein arbiträres Zeichen, das  genauso anders sein könnte, ich lege vielmehr auch die Bezugsweise des Bildes fest.

Es entsteht eine zweite Ebene, die über die bloße Nachahmung hinausgeht, und über die Bedeutung der Zeichen in das Bild eintritt.

##  Sä tze  2.173 und 2.174

Die Form der Abbildung ist nicht der Kern der Bildtheorie. Wittgenstein leitet  aus ihr die logische Form als das eigentliche Fundament der Bildtheorie her.

Der Weg dorthin ist ein wenig steinig, weil Wittgenstein in der Herleitung  — Sätze 2.173 und 2.174  — zwei Dinge auf einmal tut:

2.173	Das Bild stellt sein Objekt von außerhalb dar (sein Standpunkt ist seine Form der Darstellung), darum stellt das Bild sein Objekt richtig oder falsch dar.

2.174	Das Bild kann sich aber nicht außerhalb seiner Form der Darstellung stellen.

##  Wahre und falsche Bilder:  von  außerhalb

Der Forderung der st rukturellen Identität bindet Bild und Abgebildetes unmittelbar aneinander.  Gilt dieses Prinzip,  kann ein Bild  nicht unmittelbares Abbild der Welt sein:

  I m Falle falscher Bilder  gibt es  kein Stück Welt,  zu dem das  Bild  die  geforderte  strukturelle Identität   aufweisen  könnte:  Das Bild muss „von außerhalb“ funktionieren, um überhaupt falsch sein zu können.

 Falsche Bilder beziehen sich nicht in anderer Weise auf die Welt  als wahre Bilder, vielmehr bezieht  sich  kein Bild direkt auf die Welt:  Im Falle von     ist  nicht klar, ob und wenn ja, welcher Mensch hier abgebildet wird, trotzdem ist der Bildinhalt vollständig gegeben 20
 Für den Satz dazu   Abhandlung ,  Satz  4.0 61. Wir werden die Überlegung in diesem Kontext noch vertiefen.
 .

 Als Heimat für die Bildinhalte führt Wittgenstein schon in Satzreihe 1 den logischen Raum ein. Bildinhalte sind  dort unabhängig von der Welt  angesiedelt, und können mit der  Welt verglichen werden, um ihre Wahr- oder Falschheit festzustellen.

## Form der Darstellung

 Daneben  führt Wittgenstein  i n den Sätzen 2.173 und 2.174 den Terminus  Form der Darstellung  ein, um ihn sofort wieder zu verwerfen: Der Terminus spielt im weiteren Verlauf der   Abhandlung  keine Rolle mehr.

Wittgenstein erläutert den Begriff nicht, und dass er nur an dieser Stelle verwendet wir d, macht  s eine  Erklärung  zu einem undankbaren Geschäft. Hier meine Idee dazu:

   ist nicht die einzige Möglichkeit, einen stehenden Menschen abzubilden:    bildet ebenso einen stehenden Menschen ab.

 D ie Bilder unterscheiden sich lediglich in den zur Vertretung gewählten Elementen.  Ein gleicher Bildinhalt wird auf verschiedene Weise n  dargestellt:  Die Bilder unterscheiden sich in ihrer Form der Darstellung.

 D ie Form der Darstellung  zeigt  zwar  an , wie ein Bild zu verstehen ist  —  sie gibt Standpunkt vor, von dem aus das Bild zu verstehen ist, trägt aber nichts zum eigentlichen Bildinhalt bei 21
Man kann sagen, dass die Form der Darstellung die Notation des Bildes festlegt.

Im weiteren Verlauf stellt Wittgenstein ähnliche Überlegungen unter diesem Stichwort an.
 .

Wittgenstein nutzt die Form der Darstellung  um  alles für den Bildsinn un ­ wesent ­ liche  —  willkürliche  —  zu kapseln :

 und  weich en in ihrer Form der Darstellung voneinander ab.  Die gemeinsame logische Form ermöglicht den identischen Inhalt. Wittgensteins Formel ist denkbar einfach:

Form der Abbildung – Form der Darstellung = Logische Form.

##  Die logische Form

 Wittgenstein  setzt die logische Form damit ins Zentrum der Bildtheorie: jedes Bild ist auch ein logisches:

2.181	Ist die Form der Abbildung die logische Form, so heißt das Bild das logische Bild.

2.182	Jedes Bild ist auch ein logisches. (Dagegen ist z. B. nicht jedes Bild ein räumliches.)

Allein die logische Form entscheidet darüber, ob ein Bild die Welt22
Wie in der Einleitung gesagt, lese ich Welt und Wirklichkeit hier noch synonym.
 überhaupt abbilden kann:

2.18	Was jedes Bild, welcher Form immer, mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie überhaupt – richtig oder falsch – abbilden zu können, ist die logische Form, das ist, die Form der Wirklichkeit.

[ … ]

2.19	Das logische Bild kann die Welt abbilden.

 In den Sätzen 2.18 und 2.19 taucht zum ersten Mal ein prägendes Thema der   Abhandlung  auf 23
Das stimmt nicht ganz: Zum ersten Mal wird es in Satz 2.033 formuliert.

Allerdings so kryptisch, dass ich diesen Satz erst später einordnen werde.
 :

Wittgenstein verbindet den Begriff der Form mit der Möglichkeit, dass etwas so ist: Ein Bild muss die Form der Wirklichkeit aufweisen, um sie überhaupt abbilden zu können.

Umgekehrt verbürgt dann schon die Existenz des Bilds die Möglichkeit des Abgebildeten24
 Wie in der Einleitung gesagt, lese ich  Tatsache und Sachverhalt / Sachlage an dieser Stelle noch synonym.
:

2.202	Das Bild stellt eine mögliche Sachlage im logischen Raume dar.

2.203	Das Bild enthält die Möglichkeit der Sachlage, die es darstellt.

Satzreihe  2.2* fasst  die Ergebnisse zusammen:

 Die logische Form verbürgt einen von der Welt unabhängigen Sinn  (Satz 2.221),  der mit der Wirklichkeit verglichen werden muss (Satz 2.222), um die Wahr- oder Falschheit des Bildes zu festzustellen: Ein a priori wahres Bild gibt es nicht (Satz 2.225).

Wittgensteins Bemerkungen  sind keine abstrakten Bemerkungen  zum Bild, keine Behauptungen, die auf Bilder zutreffen oder nicht.

Die Bildtheorie beschreibt  vielmehr die konkrete Funktionsweise von Bildern.  So einfach sie auf den ersten Blick wirkt, so hoch ist

Wesentliche Eigenschaften des Bilds sind für Wittgenstein also: B ilder sind vom Abgebildeten vollständig entkoppelt

Bilder stellen Sachlagen im logischen Raum dar und sind so von der Welt vollständig entkoppelt. Das erst erlaubt überhaupt die Existenz von der Welt abweichender — falscher — Bilder.

-
 Bilder sind rein beschreibend

Nur soweit  die strukturellen Eigenschaften von Bild und Abgebildeten über ­ einstimme n  —  n ur soweit das Bild das Abgebildete nachahm t  —  i st überhaupt Abbildung gegeben.

-
 Der Bild aufbau ist notwendig vorgegeben

 Der Transport des Bildinhalts beruht auf dem Prinzip der Identität der Struktur, das dafür sorgt, dass der Bildinhalt dem Bild unmittelbar  und vollständig entnommen werden kann.

##  gensteins  Programm   —  Die  Form en

 W ittgensteins Ziel ist es nicht ,  die Funktionsweise von Gliederpuppe n  oder  ähnlichen Modellen zu erläutern. Sein Ziel ist es, die Funktionsweise der Gedanken und damit ihre Grenzen darzulegen.

Die Bildtheorie ist für ihn zentral, weil er auch den Gedanken und in Folge den Satz als Bild im vorgestellten Sinn betrachtet.

 Der  erste Schritt,  die Brücke zwischen Bild und Gedanke zu schlagen , besteht in einer Differenzierung  innerhalb  der Form der Abbildung:

   ist nicht die einzige Möglichkeit, einen stehenden Menschen abzubilden:    bildet ebenso einen stehenden Menschen ab.

 D ie Bilder unterscheiden sich lediglich in den zur Vertretung gewählten Elementen.  Ein gleicher Bildinhalt wird auf verschiedene Weise n  dargestellt.

Diese Möglichkeit reflektiert Wittgenstein indem er aus der Form der Abbildung zunächst die Form der Darstellung herleitet.

2.173	Das Bild stellt sein Objekt von außerhalb dar (sein Standpunkt ist seine Form der Darstellung),  [ … ]

 Wittgenstein verfolgt die Form der Darstellung nicht weiter 25
Wittgenstein nimmt das Thema  in Satzreihe 3.34  für den Satz unter dem Stichwort Notation noch einmal auf.

 In diesem Sinne  kann sagen, dass  die Form der Darstellung die Notation des Bilds festlegt. Ist sie gesetzt, ist das Bild aber an sie gebunden.
 .  Er interessiert sich für das, was die Form der Abbildung unabhängig von der Form der Darstellung ausmacht:

2.18	Was jedes Bild, welcher Form immer, mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie überhaupt – richtig oder falsch – abbilden zu können, ist die logische Form, das ist, die Form der Wirklichkeit.

Im Falle von  und  weicht die Form der Darstellung voneinander ab.  Beiden gemeinsam ist die logische Form.

Wittgensteins Formel ist einfach:

Form der Abbildung - Form der Darstellung = Logische Form

  Umgekehrt betrachtet ist die Logische Form  dann Ker n  jeder Abbildung:

2.181	 Ist die Form der Abbildung die logische Form, so heißt das Bild das logische Bild.

2.182	Jedes Bild ist  auch ein logisches. (Dagegen ist z. B. nicht jedes Bild ein räumliches.)

 A llen Bildern gleichen Inhalts  —  des gleichen  Sinns 26
  Abhandlung ,  Satz 2.21
   —   ist die  logische Form gemeinsam.

2.2	Das Bild hat mit dem Abgebildeten die logische Form der Abbildung gemein.

Die logische Form abstrahiert über den möglichen Formen der Darstellung.

 Mit dem  Bergriff der Form in seinen drei Ausprägungen  spannt Wittgenstein den Rahmen für das  Programm der   Abhandlung  auf :  Die Form der Darstellung kann  die logische Form verbergen, und so zu Verwirrung führen.  Am deutlichsten wohl in Satzreihe 4.00* formuliert:

4.002	 [ … ]

Die Sprache verkleidet den Gedanken. Und zwar so, dass man nach der äußeren Form des Kleides, nicht auf die Form des bekleideten Gedankens schließen kann;  [ … ].

[ … ]

4.003	Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig.  [ … ] Die meisten Fragen und Sätze der Philosophen beruhen darauf, dass wir unsere Sprachlogik nicht verstehen.

[ … ]

 Und es ist nicht verwunderlich, dass die tiefsten Probleme eigentlich   keine  Probleme sind.

##  D er Satz

 Nennen wir die Puppe Ludwig, dann kann „  “ als Satz ungefähr mit „Ludwig sitzt“ wiedergeben  werden .

 Der Satz hat mit der Puppe nicht viel gemein. Insbesondere fehlen dem Satz alle Eigenschaften, die e s  im Falle der Puppe  erlauben , Wittgensteins Bildtheorie  unmittelbar nachzuvollziehen .

Wie das Prinzip der Identität der Struktur auf den Satz Anwendung finden soll, ist nicht  ein­sichtig.

Wittgensteins Idee sagt nicht, dass   „  “ und „Ludwig sitzt“  vollständig  auf ­ einander abbildbar sind:  D ie Form der Darstellung kann abweichen.

 Sie besagt aber,  dass  die Reduktion der Bilder auf ihre logische Form ­ —  eine Analys e ­ —  zeigt , da ss s ie  in beiden Fällen  die gleiche ist, und es sich in beiden   Fällen  um einfache Bilder, die dem Prinzip der Identität  der Struktur  gehorchen, handelt.

 Der Hauptgedanke der   Abhandlung   —  Wi ttgensteins zentrale Entdeckung  —  ist, dass dieser Anschein trügt: Auch Sätz e  —  un d damit unsere Gedanken  —  sind nur gewöhnliche Bilder.

Wittgenstein fasst den Gedanken als logisches Bild der Tatsachen auf,  das Im Satz erfahrbar wird:

3	Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke.

  [ ... ]

3.1	Im Satz drückt sich der Gedanke sinnlich wahrnehmbar aus.

Schon die Einführung des logischen Bildes unterscheidet  sich von der des Bild es in Satzreihe 2.*:

In Satzreihe 2 beginnt Wittgenstein damit, das Bild und seine Elemente vorzustellen. Erst zum Ende der Satzreihe hin führt e r den Bildsinn als semantische Ebene in das Konstrukt ein.  Führendes Element ist das Bild, der Sinn ergibt sich notwendig aus ihm.

Bildet man die Analogie zum Satz, ist der Gedanke das Pendant des Bildsinns, der Satz das Analogon zum Bild.

In Satzreihe 2

Im Falle des logischen Bilds ist der Gedanke

Die Analogie zwischen Bild und Satz ist nicht vollständig. Wittgenstein führt für den Satz eine weitere Differenzierung ein, die beim Bild nicht zu finden ist:

3.11	 Wir benützen das sinnlich wahrnehmbare Zeichen (Laut- oder Schriftzeichen etc.) des Satzes als Projektion der möglichen Sachlage.

Die Projektionsmethode ist das Denken des Satz-Sinnes.

3.12	Das Zeichen, durch welches wir den Gedanken ausdrücken, nenne ich das Satzzeichen. Und der Satz ist das Satzzeichen in seiner projektiven Beziehung zur Welt.

Diese Bemerkungen beschreiben die Abbildung, wie oben vorgestellt. Der Satz steht in der Mitte einer Kette aus drei Gliedern:

Am einen Ende steht d ie  Welt  ­ —   das Abgebildete.

Am anderen Ende  steht das Satzzeichen als  physikalische Instanz, die zur Abbildung genutzt wird.

Als Zwischenglied sorgt der Satz für die Möglichkeit,  aus d em Zeichen  die Welt zu rekonstruieren und umgekehrt ein Stück Welt in Zeichen zu fassen.

Satz 3,13  liest sich schwieriger. Wittgenstein behandelt hier die Entkopplung von Bild und Abgebildetem und adaptiert die Idee für den Satz.

In Schritten:

 3.13	Zum Satz gehört alles, was zur Projektion gehört; aber nicht das Projizierte.

Also die Möglichkeit des Projizierten, aber nicht dieses selbst.

Im Satz ist also sein Sinn noch nicht enthalten, wohl aber die Möglichkeit, ihn auszud rücken.

[ … ]

 Wi e oben  beschrieben, siedelt Wittgenstein Bilder  ­ —  und damit auch Sätze  —   im logischen Raum an.

 Das im Satz dargestellte Stück Welt  ­ —  das Projizierte  ­ —  ist folglich nicht Teil des Satzes,  auch nicht als Gegenstand des Bezugs:  Der Satzsinn muss aktiv gedacht werden (Satz 3.11).

 Der Sinn  ist  im Satz  deshalb  nur als Möglichkeit angelegt.  Es stell t  sich  dann  die Frage, wie die  Form der Abbildung im Falle des Satzes   si cher gestellt ist:

 Im Fall der Gliederpuppe fallen Form und Gehalt zusammen: Der Bildsinn ist dem Bild  unmittelbar zu entnehmen und wird durch die  Form hergestellt.

 Im Fall des Satzes gilt das nicht.

 Auch Wittgensteins Auskunft, die Projektionsmethode sei „das Denken des Satz-Sinnes“ 27
  Abhandlung ,  Satz 3.11 (oben zitiert)
  ist an dieser Stelle wenig ergiebig: Wie die se  Methode die  Form  sichern soll, bleibt unklar.

 Statt hier unmittelbar Klarheit zu schaffen, stellt Wittgenstein an die Stelle der Nachahmung die Forderung eines gegebenen Satzsinns:

3.13	 [ … ]

(„Der Inhalt des Satzes“ heißt der Inhalt des sinnvollen Satzes.)

Im Satz ist die Form seines Sinnes enthalten, aber nicht dessen Inhalt.

Die Substitution der Nach ­ahmung durch den Satzsinn schwächt  Wittgensteins Argument wesentlich:

 Wittgenstein muss die Überlegungen  zum Bild  noch einmal für den Satz  —  das logische Bild  —  wiederholen. So entsteht zu Beginn von Satzreihe 3 der Eindruck, der Text würde mäandern.

## Das Satzzeichen als Tatsache

 Ist der Satz ein Bild,  wie oben vorgestellt ,  ist auch seine wesentliche Eigenschaft, dass es sich um eine Tatsache handelt :

3.14	Das Satzzeichen besteht darin, dass sich seine Elemente, die Wörter, in ihm auf bestimmte Art und Weise zu einander verhalten.

Das Satzzeichen ist eine Tatsache.

Satz 3.14 ist ein Echo der Sätze 2.14 und 2.141:

Was für Bilder gilt, gilt eben auch für das Satzzeichen.

  Wie oben gesagt, ist die Idee,     und „Ludwig sitzt.“  als Geschwister zu sehen,  nicht unmittelbar einsichtig.

 Wittgenstein sieht darin  aber  nur eine Verschleierung, die durch die  die Form der Darstellung   —  also den unwesentlichen Teil der Form der Abbildung  —  zu Stande kommt 28
  Abhandlung , Satz 3.143
 .

Entscheidend ist,  dass „Ludwig sitzt.“  kein  Wörtergemisch  ist.  Ähnlich wie im Fall der Gliederpuppe

Ein Beispiel gibt Wittgenstein  etwas später mit dem Satz „Grün ist grün.“29
  Abhandlung , Satz 3.23
 Leicht abgewandelt kann man anhand des Beispiels  beginnen, Wittgenstein s Über ­legungen  zu plausibilisieren.  Die Sätze

-
Grün ist die Komplementärfarbe von Rot.

-
Gras ist grün.

sind nicht ganz so kryptisch zu lesen, wie Wittgensteins Beispiel  selbst.

Gemeinsam ist „Grün“ und „grün“ in den Sätzen, dass  sie für

 stehen   —   sie vertreten denselben Inhalt.

Austauschbar sind die Zeichen deshalb nicht:

Im ersten Satz wird „Grün“ als Personenname30
Ich lese Personenname hier als Eigenname.
 im zweiten als Eigen­schafts­wort verwendet: Nicht nur der Inhalt, auch die Verwendungsweise des Zeichens charakterisieren seine Bedeutung: Im ersten Fall ist die Farbe Grün  — ein Gegenstand  — im zweiten die Eigenschaft grün gemeint.

Ähnlich, wie im Fall des Bilds,  gibt es  zur jeweiligen Verwendung   des Zeichens „Grün“ keine sinnvolle Alternative:

 „… ist die Komplementärfarbe von Rot.“ lässt nur einen Gegenstand als Argument zu, und genauso kommt bei „Gras ist …“ nur eine Eigenschaft in Frage.  Jeder Versuch diese  Bezugsweisen  aufzuheben führt zu völligem Unsinn.

Auch Sätze haben strukturelle Eigenschaften, von denen nicht sinnvoll abgewichen werden kann. Auch im Satz greift die abbildende Beziehung:

 3.1432	Nicht: „Das komplexe Zeichen ‚ aRb‘  sagt, dass  a  in der Beziehung  R  zu  b  steht“, sondern:   Das s „ a “ in einer gewissen Beziehung zu „ b “ steht, sagt,   das s  aRb .

 3.144	Sachlagen kann man beschreiben, nicht   benenne n.

(Namen gleichen Punkten, Sätze Pfeilen, sie haben Sinn.)

Der Sinn wird über die korrekte Anordnung der Zeichen im Satzzeichen aus ­gedrückt. Die Anordnung  und Bezugsweise der Zeichen ist nicht wahlfrei.

Auch  der Satz ahmt das Abgebildete nur nach. Er beschreibt den Gedanken.

Klarer wird Wittgensteins Idee,  betrachtet man seine  weitere Analyse de s Satz­e s:

##  Einfache Zeichen

Den Elementen des Bilds entsprechen im Satz die Wörter31
 Vgl. dazu   Abhandlung,  Satz 3.14, oben zitiert
.

 Im Satz  werden die Wörter in bestimmter – sinnvoller – Weise angeordnet.

Wittgenstein identifiziert zwei Arten von einfachen  Zeichen im Satz,  die sich da rin  unterscheiden, wie ihre Bedeutung bestimmt wird:

-
Zeichen, die für Komplexe stehen.

-
 Ihre Bedeutung wird durch eine Definition festgelegt 32
  Abhandlung,  Sätze 3.24  (Ende)  und 3.2361
 .

-
Namen oder Urzeichen

Die Bedeutung der Namen  kann durch Erläuterungen illustriert, aber nicht exakt bestimmt werden 33
  Abhandlung,  Satz 3.263
 .

Zeichen, die für Komplexe stehen, werde ich folgend im Rahmen der Satzvariablen besprechen. Zunächst die Namen oder Urzeichen.

Namen vertreten im Satz Gegenstände34
  Abhandlung,  Satz 3. 22
.

Der Satz ist ein Bild des Gedankens. Gengenstand meint an dieser Stelle deshalb nicht einen Teil der Welt, sondern einen Bestandteil des Gedankens, den der Satz abbildet:

3.2	Im Satze kann der Gedanke so ausgedrückt sein, dass den Gegenständen des Gedankens  Elemente des Satzzeichens entsprechen.

Unabhängig davon, ob „Grün“ die Farbe oder die Eigenschaft meint, haben beide Zeichen eine ihnen eigene Bedeutung, die bekannt sein muss, um Sätze, in denen sie verwendet werden, zu verstehen. Diese Bedeutung ist gemeint, wenn von Gegenständen des Gedankens die Rede ist:35
TBD: Eigentlich formuliert Wittgenstein hier bewusst zweideutig. Das lässt sich aber erst im Zusammenhang mit dem Solipsismus klären.

 3.203	Der Name bedeutet den Gegenstand. Der Gegenstand ist seine Bedeutung. („A“ ist dasselbe Zeichen wie „A“.)

Wie Namen zu ihrer Bedeutung kommen, erläutert Wittgenstein in Satz 3.263.  Er formuliert  dort ein en logische n Zirkel:

Die Bedeutung  eines  Namens wird  durch Erläuterungen bestimmt. Eine Erläuterung handelt aber immer schon vom  Namen in Frage.  Das Verständnis der Erläuterung  setzt also die Kenntnis der Bedeutung  des Namens bereits voraus.

Wittgenstein löst den Zirkel nicht auf.  Betrachtet man  sein Argument in Satz 3.23, scheinbar aus systematischen Gründen :

3.23	Die Forderung der Möglichkeit der einfachen Zeichen ist die Forderung der Bestimmtheit des Sinnes.

 Gibt es in einer Sprache definierte Zeichen, so werden sie mit Hilfe anderer Zeichen dieser Sprache definiert. Egal wie weit die Definitionsketten reichen,  die  Analyse der definierten Zeichen führt im Ende immer zu einem Punkt, an   dem es keine weiteren Zeichen mehr gibt, anhand derer das betrachtete Zeichen definiert sein könnte.

Diese Zeichen bilden das Fundament, auf dem die gesamte Sprache fußt.  Ihre Stellung in der Systematik  macht sie zu  den Urzeichen d ieser Sprache.  Ihre Bedeutung  kann sprachlich nicht aus gedrück t  werden.

 Die Existenz dieser Zeichen wird zur bloßen Forderung.

Wittgenstein  leitet  den Zirkel aber nicht  systematisch her36
Er formuliert diese Überlegung erst später in Satz 4.2211.
.  Die Existenz der einfachen Zeichen ist für ihn nicht logische Notwendigkeit, er  leitet sie aus der Sprach­praxis ab:

3.22	Der Name vertritt im Satz den Gegenstand.

 3.221	Die Gegenstände kann ich nur   nenne n. Zeichen vertreten sie. Ich kann nur   vo n ihnen sprechen,   sie ausspreche n kann ich nicht. Ein Satz kann nur sagen,   wi e ein Ding ist, nicht   wa s es ist.

 Sehr verständlich  wird die Bemerkung  betrachtet man den  Sprach­erwerb.  Am Beispiel des Zeichens „Hase“ :

 Ein Kind lernt die Bedeutung des Wortes  durch eine Kombination verschiedener  Techniken :

-
 Man  betrachtet  Bilder von Hasen  oder zeigt auf Hasen   und nennt das Wort,

-
Man erklärt Dinge  oder stellt Fragen,

-
Man singt,  spielt, trägt Gedichte vor,

-
etc. ...

 Ganz wie Wittgenstein sagt,  wird die Bedeutung des Wortes in keinem der Beispiele benannt, sie wird umschrieben. Die Bedeutung kann nicht benannt und erlernt werden, wie man eine Vokabel lernt 37
  Dazu zunächst Abhandlung,  Satz 4.243.

TBD * Kann man sagen:, dass hier Begriffe gebildet werden, während im Falle der Vokabeln ein Wissen tradiert wird? (Um die Liste zu schreiben, muss ich die Bedeutung der Zeichen kennen).
 .

 Es handelt sich um einen Prozess, der immer näher zum Ziel führt. Aber im Ende hilft nur zu warten und zu hoffen, dass die Bemühungen Früchte tragen, und das Kind die Bedeutung von sich aus lernt 38
Und das funktioniert auch nie unfallfrei.
 .

Umgekehrt gibt es keine Eigenschaft im  Ausdruck des Zeichens, die ver­bürgen würde, dass es mit der richtigen Bedeutung gemeint ist.

Man kann etwa denken, ein Kind habe die Bedeutung von „Hase“ gelernt: Über lange Ohren und Hinterläufe wurde gesprochen, dann kommt die Rede auf den Hasenbau.

Erst da wird klar, dass der Unterschied von Hase und Kaninchen wohl doch noch nicht verstanden wurde.

 Ob die Bedeutung richtig erlernt wurde, kann nur indirekt erschlossen werden.  Der Grad des Lernerfolgs  zeigt sich in der korrekten  An wendung des Zeichens, und reicht eben auch nur soweit die  An wendung  korrekt  ist:

3.262	Was in den Zeichen nicht zum Ausdruck kommt, das zeigt ihre Anwendung. Was die Zeichen verschlucken, das spricht ihre Anwendung aus.

 D ieses Muster ist nicht auf die Phase des Erlernens der Sprache beschränkt:

Zwei Personen können  z.B. den Satz  Granit ist schwerer als Wasser.  für wahr halten, und trotzdem im Falle des Satzes  Granit ist das härte s te Material der Erde.  verschiedener Auffassung sein.

 In der Differenz zeigt sich, dass beide etwas verschiedenes unter Granit ver­stehen – dem Zeichen „Granit“ eine andere Bedeutung zuordnen. Das besagt aber  nicht, dass  im Falle  de s  erste n  Satz es ein  Missverständnis  vorlag ,

 Die Bedeutung der Namen  –  der Urzeichen  –  ist demnach der Teil des Satzes, der weder im Satzzeichen noch im Satz transportiert wird. Statt dessen bleibt die Bedeutung bei der Einzelperson, und macht  die  Sprache so zu der Sprache, die ganz allein ich verstehe.

Wesentliche Merkmale der Namen sind dann:

-
Die Bedeutung des Namens  ist  sprachlich nicht ausdrückbar

-
 Insbesondere gibt es keine Asymmetrie zwischen Sprecher  und Hörer:  für  beide  tritt der Name undefiniert  – als Urzeichen  – in die Sprache ein.

-
Die Bedeutung des Namens ist  nicht ersetzbar39
  Dazu     Abhandlung,  Satz 3. 2 61.

-
 Weil Namen Urzeichen sind, ist jeder Ersatz des Zeichens eine willkürliche Neudefinition der Bedeutung, die das Zeichen in seinem Wesen verändert: Die Neudefinition  ist nicht falsch, sie  ist unsinnig.

-
Namen unterscheiden sich nicht systematisch von anderen Zeichen

Namen unterscheiden sich durch ihre Bezugsweise von definierten Zeichen, nicht durch die Systematik der vertretenen Gegenstände.

Die Tatsache, dass ein Urzeichen gegeben ist, sagt nicht, dass der Gegen­stand eine besondere Rolle in der systematischen Beschreibung der Welt (Ontologie??) – etwa als Grundbegriff – spielt.

Im Satz wird die Bedeutung des Namens nicht transportiert. Sein Sinn verdeckt die Bedeutung, reduziert sie auf das für den Sinn notwendige Maß. Ein Modell dieser Reduktion bietet Wittgenstein mit dem Ausdruck als Satzbestandteil.

##  Der Ausdruck  (Symbol)

Betrachten wir  das Beispiel oben ein wenig genauer.  Zu den Sätzen

-
 G ranit ist schwerer als Wasser.

-
 Granit ist das härte s te Material der Erde.

vertreten zwei Personen verschiedene Ansichten. Einigkeit besteht darin, dass Satz 1 wahr ist. Uneinigkeit besteht bezüglich Satz 2: Person A hält den Satz für wahr, Person B für falsch.

Die Übereinstimmung in Satz 1 weißt darauf hin, dass A und B dieselbe Vorstellung von Granit haben, dem Zeichen „Granit“ dieselbe Bedeutung zuordnen.

D er Unterschied in der Beurteilung  von Satz 2  weißt  dagegen  darauf hin, dass  beide   eine abweichende   Vorstellung von Granit haben, dem Zeichen  also  eine verschiedene Bedeutung zuordnen.

Soll „Granit“ in beiden Sätzen dieselbe Bedeutung haben, kann die Bedeutung von A und B nicht geteilt werden: A hat eine andere Vorstellung von Granit als B. Im Umkehrschluss kann die Bedeutung des Zeichens  dann nicht Bestandteil der Übereinstimmung in Satz 1 sein.

 Tatsächlich fordert Satz 1 auch nicht, dass A und B vollständig in der Bedeutung des Zeichens übereinstimmen, er setzt lediglich voraus, dass  beide die Ansicht teilen, dass Granit schwerer als Wasser ist .

Der Sinn des Satzes umfasst nur einen Teil – einen Aspekt – der Bedeutung des Zeichens „Granit“.  Einen solchen Aspekt der Bedeutung nennt Wittgenstein „Ausdruck“ oder „Symbol“.

Welcher Aspekt der Bedeutung in den Satz eintritt, wird durch die weiteren Ausdrücke im Satz vorgegeben. „… ist schwerer als Wasser.“ zeichnet einen anderen Aspekt der Bedeutung von „Granit“ aus als „… ist das härteste Material der Erde.“  Umgekehrt charakterisiert auch die Bedeutung des Zeichens „Granit“ den Satzsinn: So kann „Tinte“ „Granit“ im ersten Satz ersetzen, im zweiten dagegen nicht.

Ausdrücke (Symbole) sind die Aspekte der Bedeutung, die den Sinn des Satzes ausmachen:

3.31	Jeden Teil des Satzes, der seinen Sinn charakterisiert, nenne ich einen Ausdruck (ein Symbol).

(Der Satz selbst ist ein Ausdruck.)

Ausdruck ist alles, für den Sinn des Satzes wesentliche, was Sätze miteinander gemein haben können.

 Der Ausdruck kennzeichnet eine Form und einen Inhalt.

 Die Bedeutung des Ausdrucks „…  ist schwerer als Wasser.“  ist durch den  Aspekt der Bedeutungen von „Granit“ und „Tinte“ charakterisiert, der beiden gemeinsam ist, und es ermöglicht beide Zeichen in die Leerstelle einzusetzen. Gegeben ist die Bedeutung des Ausdrucks durch das, was der Bedeutung aller Zeichen, die in die Leerstelle eintreten können, gemeinsam ist.

## Satzvariable & Urbild

 Man kann  mit dem Modell  auch  diese s   Bil d  aufbauen: .

## Der Satz als Bild

Satzreihe 2. 2

 Die Form der Gegenstands, die Form des Sachverhalts und die logische Form der Abbildung sind identisch.  E s ist  die Form der Wirklichkeit.

Nur diese  unmittelbare Beziehung zwischen Bild und Abgebildeten macht das Bild zum Bild.

Andere Arten der Abbildung gibt es nicht.

Das Bild ist so an die Wirklichkeit gebunden – die Bindung ist eine Frage des Wie, nicht des Was; eine Frage der strukturellen Abbildung, nicht der Vertretung:

 2.2	Das Bild hat mit dem Abgebildeten die logische Form der Abbildung gemein.

2.201	Das Bild bildet die Wirklichkeit ab, indem es eine Möglichkeit des Bestehens und Nichtbestehens von Sachverhalten darstellt.

2.202	Das Bild stellt eine mögliche Sachlage im logischen Raume dar.

 [ …  ]

2.221	Was das Bild darstellt, ist sein Sinn.

 [ … ]

2.224	Aus dem Bild allein ist nicht zu erkennen, ob es wahr oder falsch ist.

2.225	Ein a priori wahres Bild gibt es nicht.

Die Grenzen der Wirklichkeit sind also auch die Grenzen des Bilds. Bilder, die darüber hinaus gehen, insbesondere solche, die – unabhängig von der Wirklichkeit – als Grundlage des logischen Raums dienen könnten, gibt es nicht.

 Den dargestellten Bildinhalt nennt Wittgenst ein den Sinn des Bilds

## Solipsismus

Hillary Putnam40
 Hillary Putna m:  Reason, Truth and History  [ Cambridge University Press, 1981, S. 5 f ] .
:

The case of the brains in a vat

Here is a science fiction possibility discussed by philosophers: imagine that a human being (you can imagine this to be yourself) has been subjected to an operation by an evil scientist. The person’s brain (your brain) has been removed from the body and placed in a vat of nutrients which keeps the brain alive. The nerve endings have been connected to a super-scientific computer which causes the person whose brain it is to have the illusion that everything is perfectly normal. There seem to be people, objects, the sky,  etc; but really all the person (you) is experiencing is the result of electronic impulses travelling from the computer to the nerve endings. The computer is so clever that if the person tries to raise his hand, the feedback from the computer will cause him to ‘see’ and ‘feel’ the hand being raised. Moreover, by varying the program, the evil scientist can cause the victim to ‘experience’ (or hallucinate) any situation or environment the evil scientist wishes. …

Die Geschichte vom Hirn im Fass ist die derzeit wohl bekannteste Variante,  anhand  welcher  der Solipsismus illustriert wird.

Immer, wenn ich  die Geschichte lese, denke ich, dass Putman hier ein  reichlich pessimis­tisches Szenario aufbaut: Warum m uss  es ein böser Forscher  sein?

Es handelt sich einfach um eine neue Form des Reisens. Wenn die Reise vorüber ist, wird alles wieder hergestellt und ich hatte für wenig Geld ein unbezahlbares Erlebnis.

 Oder so : Ich bin in Wirklichkeit Superman, der als Mensch ein Empathie­training durchläuft (Hurra, ich kann fliegen!).

  Aber m uss ich denn  überhaupt   menschenähnlich  sein? Ich könnte  etwas     völlig andere r  Art sein, das sein Mensch s ein nur denkt.  Vielleicht bin ich  das  Musik­instru­ment einer weit fortgeschrittenen   Zivilisation, und so fühlt sich deren Mozart an.

Nach diesem Muster lassen sich beliebig viele solipsistische Szenarien auf­bauen.

 So  verschieden die  Geschichten   sind , sind sie doch problemlos  untereinander  austauschbar.

Ein einzeln e  Geschichte träg t  nicht s zum Verständnis des Solipsismus bei.

 Die Formulierung  einer   Geschichte , in d ie  meine Erfahrung  ein gebettet wird, gleicht vielmehr dem Versuch, die Form eines Berges anhand der Form der Höhle, in der ich mich befinde, zu bestimmen.

Eine systematisch korrekte Analyse des Solipsismus beschäftigt sich nicht mit  belanglosen Geschichten, die um den Solipsismus gesponnen werden, vielmehr mit dem, was es ermöglicht, solche Geschichten zu erfinden.

## Die Frage

In erster Näherung schein t  ein Defizit unserer  Erfahrungswelt für die Unsicherheiten, die dem Solipsismus zu Grunde liegen, verantwortlich zu sein:

-
Unsere Wahrnehmung ist trügerisch.

FIXME --- Empirische Tautologie ---

Nur Gegenstände in Frage --- Empirie bleibt gleich == Beziehungen stabil

 Nur weil ich etwas  als Gegenstand  wahrnehme, heißt das nicht, dass es auch so ist.  Jede  meiner Wahrnehmungen kann reine Illusion  sein 41
  Abhandlung , Satz 5.634.
 .

Die  mit dieser Tatsache verbundenen Befürchtung en verweis en selbst wieder auf ein sehr gängiges Bild der Welt:

Die Welt besteht aus Gegenständen.

 Für eine korrekt e  Wahr nehmung der Welt reicht hin wenn meine Wahrnehmung die Gegenstände, wie sie in der Welt gegeben sind, spiegelt:

Das solipsistische Szenario stellt nur die Gegenstände, nicht ihre Beziehungen untereinander, in Frage – sonst der Solipsismus ist  keine eine empirische Tautologie.

.

Die Möglichkeit der Illusion entzieht diesem Bild der Welt seine Basis:

Kann alles eine Illusion sein, steht jedes meiner Urteile und Handlungen in Gefahr falsch zu sein, weil es auf Basis falscher Fakten – falscher Wahr­nehmung – zu Stande kam.

An dieser Stelle von  Wahr- oder  Falsch heit zu sprechen, impliziert die Annahme, dass es ein Welt außerhalb meiner Wahrnehmung gibt.
