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# Ideenpool — Index
Strukturierte Analyse aller bisherigen Texte zum Buchprojekt **"Was ist Wahrheit"** über Wittgensteins Logisch-philosophische Abhandlung (ABH). Stand: 2026-05-23.
**Zwei Bücher (Klärung 2026-05-23)**:
- **Hauptbuch** (das aktuelle Projekt): ABH-Lektüre. Mathe/QM/Ethik kommen vor — *als Illustrationen*, die Wittgenstein verständlich machen. Keine eigenständige Mathe-/QM-/Ethik-Theorie.
- **Folgeband *Viewing the World*** (zweites Buch): Vertiefung und Erweiterung. Die Anwendungsfelder ausgeführt.
## Navigation
- **[per-file/](per-file/)** — eine MD pro Quelldatei (17 Dateien) mit Hauptthesen, Begriffen, Argumentationsstruktur, Schlüsselzitaten, Themen-Tags und Auffälligkeiten.
- **[topics/](topics/)** — thematische Zusammenfassungen quer durch alle Quellen, mit ABH-Stellen, Sekundärlit-Bezügen und Querverweisen (23 Topics).
- **[_input/](_input/)** — Klartext-Extrakte aus ODT/FODT als Volltextsuchgrundlage (kann gelöscht werden, wenn nicht mehr benötigt).
## Topics
### Buch-Architektur (übergreifend)
- [[buchstruktur-viewing-the-world]] — Hauptbuch + Folgeband; vollständige Gliederung und Stand pro Kapitel.
- [[beobachter-als-grenze]] — Transversale These; Wittgensteins genialer Eigenbeitrag (Verallgemeinerung von Einstein zum Solipsismus).
- [[methode-und-form-der-abh]] — Nullnummern, Form-Gehalt-Programm, Lesestrategie, Stilleitlinien.
- [[mach-als-ursprung]] — Mach als Ursprung der Bezugsweise-Frage. Knappe Würdigung in der Einleitung.
### Kapitel-Kerne (ABH-Innenarchitektur)
- [[bildtheorie]] — drei Kernprinzipien (Vertretung, Nachahmung, Form).
- [[tatsache-sachverhalt-sachlage]] — zentrale Begriffstriade; eigene Auflösung des Russell-Widerspruchs.
- [[gegenstand]] — formal/transzendentale Lesart; deckt sich mit McGinn.
- [[form]] — Form der Abbildung / Darstellung / logische Form; Identitätsthese.
- [[logischer-raum]] — Möglichkeitsraum; Cluster um Gegenstände.
- [[klarheit]] — Einfachheit als Bedingung der Klarheit des Sinns; Triumph (unschlagbares Argument) und Debakel (überzogene Forderung der unbedingten Klarheit).
- [[welt-und-wirklichkeit]] — Ontologie-Matrix; 1.1, 2.06.
- [[satz-und-satzzeichen]] — Satz als Bild; WeltSatzzeichenSatz-Triade.
- [[einfache-zeichen-und-namen]] — Namen/Urzeichen, Ausdruck/Symbol, Granit-Beispiel.
- [[funktion-operation]] — Wahrheitsfunktion vs. Wahrheitsoperation. **Bisher nur Outline.**
- [[neinologie]] — Negation. Geplantes Kap. 5. **Bisher nur Stichwort.**
### Anwendungsfelder im Hauptbuch (Illustrationen, keine Eigentheorien)
- [[mathematik-cantor-goedel]] — **Kern: Funktion vs. Operation als Russell-Kritik.** Mengenlehre als Voraussetzung. Cantor nur als didaktische Aufhellung. **Kein eigener Text — Schlüssel-Lücke.**
- [[quantenphysik]] — **Kern: Beobachter-Verallgemeinerung von Einstein zum Solipsismus** (W.s Genius). Schrödinger-Katze etc. nur als Illustration.
- [[mach-einstein-bohr-achse]] — historische Linie. **Für Folgeband ausführlich**; Hauptbuch nur Mach-Würdigung in Einleitung.
### Solipsismus, Sprache, Ethik
- [[solipsismus]] — **empirische Tautologie** als Schlüssel-These. **Schlüssel-Lücke**: noch nicht ausgeführt.
- [[sprache]] — Linguistic Turn, Spracherwerb, "Sprache ohne Kommunikation".
- [[wahrheit]] — Buchtitel.
- [[zeigen-sagen]] — durchgängiges Motiv; Selbstreflexion des Buchs.
- [[negative-ethik]] — Epilog. Knapp halten. Für Folgeband ausführlich.
### Sekundärlit-Apparat
- [[russell-und-frege-kritik]] — Sparringspartner und Negativfolien.
- [[vergleichsfiguren]] — Vollständige Liste der philosophischen und wissenschaftlichen Bezugsfiguren.
## Quelldateien (per-file/)
### Aktuelle Arbeitsfassung
- [[kap02-satz]] — Aktueller Haupttext (Datei kap02, Innentitel "I — Vom Bild zum Solipsismus"). **Bricht ab** im Logischen-Raum-Kapitel ("Ein Vorschlag:").
- [[kap01-2026]] — 2026er Outline-Fassung. Sehr kompakt; bricht in "Das Bild" als Outline ab.
### Frühere Buchfassungen
- [[kap01-original]] — Frühere Vollfassung Kap. 1, reicht bis Solipsismus und "Die Frage" (FIXME).
### Arbeitsfragmente
- [[buffer]] — Fragment zu falschen Bildern, Form, logischer Raum. "Konstellation" als Hilfsbegriff. "Kapitel Neinologie" erwähnt.
- [[for-later-use]] — Eimer-Methapher zur Wahrnehmung. Andockbar an Solipsismus.
### Mindmap
- [[xmind-mindmap]] — Buchaufbau-Outline; nur zwei der sieben Satzreihen ausgebaut.
### Thesen
- [[thesen-abriss]] — ABH-Zitatauswahl. Bricht nach Satzreihe 2.01 ab.
### Historische Buchentwürfe
- [[2018-was-ist-wahrheit]] — Entwurf 2018-08-26. Eigenständiges Vorwort-Kapitel. Russell-Vorwort als Fall-Beispiel. Kompasssätze.
- [[2019-was-ist-wahrheit]] — Entwurf 2019-03-13. Linguistic-Turn-Rahmung mit Universalien. "Thing Thinking Strikes Back". Teekanne-Beispiel.
- [[archive-was-ist-wahrheit]] — Undatierter Entwurf. Strukturell zwischen 2019 und jetziger Fassung.
### Exposés
- [[expose-hp-schuett-old]] — Alte, ausführlichere Fassung. Kleiderständertheorie, Skelett/Exoskelett mit Kant-Bezug, "Sandwich-Position", "Sündenfall"-Note.
- [[expose-hp-schuett]] — Neuere kompakte Fassung mit **vollständiger Buch-Roadmap**.
### Exkurs
- [[exkurs-bildtheorie-solipsismus]] — Standalone-Exkurs, Bildtheorie und Solipsismus zusammengeführt. Selbstkritik im Hand/Fuß-Tausch.
### Chat-Material (2026-05-23)
- [[chat-chatgpt-satzreihe-2]] — ChatGPT-Projektzusammenfassung. Methodisch diszipliniert. Quintessenz: **"Ontologie = Rückseite der Semantik"**. Hypotheken-markieren-Methode. Vergleichsfiguren-Apparat.
- [[chat-claude-01-bildtheorie]] — Bildtheorie-Tabelle. Vier-Beispiele-Matrix als Vorlage.
- [[chat-claude-02-quantenphysik]] — QM-Belegmaterial für die Bildtheorie. Beobachter-als-Grenze-These. Falsifizierbarkeit. Wittgenstein als Vorhersage.
- [[chat-claude-03-projektübersicht]] — **Die zentrale Datei**. Komplette Buchstruktur "Viewing the World". 7 Kap. + Epilog. Originalitäts-Selbsteinschätzung.
### Sources (eigenständige Notizen)
- [[notizen-quantenphysik-abriss]] — **Historischer Abriss 19001935** zur Quantenphysik. Belegboden für die Beobachter-These; Sachstand + Meta pro Station, Heisenberg-Semantik-Aufladung, Schnitt/Kette-Kritik, Mach-Blindenstock, EPR-Non-Sequitur, eigene Wittgensteinsche Gegenposition.
### Discussions and Ideas
- [[2026-05-24-mcginn-diskussion]] — Erste systematische McGinn-Lektüre. **Fazit: das Beste zum Thema, aber nicht tief genug.** Schärft Triade Tatsache/Sachverhalt/Sachlage, harte Wendung des Solipsismus, Vorrede-Argument fürs Satzzeichen, Einstein-Verallgemeinerung als einziger konsistenter Relativismus.
## Sekundärliteratur (literatur/)
- `literatur/anscombe-introduction.md` — G.E.M. Anscombe, "An Introduction to Wittgenstein's Tractatus" (1959/63). Lesefassung. Backup-Volltext: `anscombe-introduction-raw.md`.
- `literatur/kenny-wittgenstein.md` — Anthony Kenny, "Wittgenstein" (Blackwell, rev. ed. 2006). IA-OCR; brauchbar, stellenweise rau. Index: `kenny-wittgenstein__index.md`, Analyse: `kenny-wittgenstein__analyse.md`.
- `literatur/mcginn-elucidating.md` — Marie McGinn, "Elucidating the Tractatus" (OUP 2006). Hauptsparringspartner für die transzendental-formale Gegenstands-Lesart. Index: `mcginn-elucidating__index.md`, Analyse: `mcginn-elucidating__analyse.md`.
- `literatur/russell-introduction.md` — Bertrand Russell, Einleitung zur ABH. Aus hyperlinked HTML konvertiert.
- `literatur/hintikka-solipsism.md` — Jaakko Hintikka, „On Wittgenstein's Solipsism'", *Mind* 67/265 (1958), S. 8891. **Klassisches Frühpaper zu 5.62 ff.**: Übersetzungskorrektur „die Sprache, die allein ich verstehe" → „the only language that I understand"; metaphysisches Subjekt = Totalität der Sprache; Peirce-Parallele. Index: `hintikka-solipsism__index.md`, Analyse: `hintikka-solipsism__analyse.md`.
- `literatur/kraft-sequential.md` — Tim Kraft, „How to Read the Tractatus Sequentially", *Nordic Wittgenstein Review* 5/2 (2016), S. 91124. **Verteidigung der sequenziellen Lesart** gegen die Baum-Lesart (Bazzocchi/Hacker/Kuusela); ausführliche Diskussion der Augen-Analogie (5.6er) und des Übergangs 2.063 → 2.1. Index: `kraft-sequential__index.md`, Analyse: `kraft-sequential__analyse.md`.
- `literatur/ramsey-tlp-review.md` — Frank P. Ramsey, „Critical Notice: Tractatus Logico-Philosophicus", *Mind* 32/128 (1923), S. 465478. **Historische Erstrezension**; Ramsey war Mit-Übersetzer der englischen Ausgabe 1922. Eigenständige Bildtheorie-Rekonstruktion, kritisch gegenüber Russells Einleitung; Anti-Russell-Lesart des Mystischen (6.44). Index: `ramsey-tlp-review__index.md`, Analyse: `ramsey-tlp-review__analyse.md`.
- `literatur/hertz-mechanik.md` — Heinrich Hertz, *Die Prinzipien der Mechanik in neuem Zusammenhange dargestellt* (Leipzig 1894), Vorwort + Einleitung (OCR). **Direkte Quelle der ABH-Bildtheorie** (vgl. ABH 4.04). Einführt das Bild/Symbol/Modell und die drei Bildkriterien (Zulässigkeit/Richtigkeit/Zweckmäßigkeit). Index: `hertz-mechanik__index.md`, Analyse: `hertz-mechanik__analyse.md`.
**Geplant / fehlend:**
- Wittgenstein, *Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik* (Suhrkamp Werkausgabe Bd. 6) — Pflicht für [[mathematik-cantor-goedel]].
- Wittgenstein, *Vortrag über Ethik* (1929) — relevant für [[negative-ethik]].
- Stekeler-Weithofer.
- Schulte.
## Rote Fäden / Wichtigste Erkenntnisse
1. **Anti-ontologische Lesart des Gegenstands** ist konstantes Buchfundament; deckt sich mit McGinn. Siehe `project_users_gegenstand_reading.md` im Memory.
2. **Beobachter-Verallgemeinerung** ([[beobachter-als-grenze]]) ist W.s genialer Eigenbeitrag: was bei Einstein unbemerkt vorausgesetzt ist, verallgemeinert W. und überträgt es aufs Subjekt (Solipsismus).
3. **Funktion vs. Operation** ist der Kern der Russell-Kritik. Lässt sich nur auf Basis von W.s Mengenlehre-Position erläutern.
4. **Mach als Ursprung**: würdigen in der Einleitung. Die Bezugsweise-Frage ist älter als W. — er schließt sie ab, indem er sie strukturell macht.
5. **Russells Widerspruch (1.1 vs. 2.01)** als Ausgangspunkt der eigenen Begriffsklärung.
6. **Hauptbuch ≠ Folgeband**: Mathe/QM/Ethik kommen im Hauptbuch nur als Illustrationen vor. Eigenständige Ausarbeitung im Folgeband.
7. **Methodische Disziplin**: Hypotheken markieren, nicht auflösen. Primärtext-Regel. Spirale.
8. **Originalität bewusst riskiert**: "akademisch ungedeckt". Absicherung durch peinliche Textnähe + falsifizierbare Beobachter-Grenze-These.
## Größte Schlüssel-Lücken (Hauptbuch)
- **Empirische Tautologie** als Solipsismus-Auflösung — Schlüsselbegriff nirgends ausgeführt. [[solipsismus]].
- **Funktion vs. Operation** als Russell-Kritik — Kern von Kap. 4, nur Outline-Stichworte. [[funktion-operation]] / [[mathematik-cantor-goedel]].
- **Beobachter-Verallgemeinerung** für Kap. 6 — nur im Chat, nicht in Buchfassung. [[beobachter-als-grenze]].
- **Sachlage vs. Sachverhalt** — Differenzierung steht aus; [[kap02-satz]] bricht hier ab.
- **Mach-Würdigung** in der Einleitung — noch nicht geschrieben.
## Sekundäre Lücken (knapp halten / Folgeband)
- Negative Ethik (Epilog) — knapp.
- PU-Brücke (Kap. 7) — eine Seite Öffnung.
- Cantor/Gödel ausgeführt — Folgeband.
## Konvention
- **ABH** statt TLP/Tractatus.
- **Anti-ontologische Gegenstands-Lesart** ist die positive These.
- **Hypotheken markieren, nicht auflösen** (ChatGPT-Methode).
- **Primärtext-Regel**: "in der ABH" = nur Suhrkamp-Ausgabe.
- **Stil-Ziel**: für Abi lesbar + akademisch stichhaltig; keine Polemik, keine Heideggerisierung.
- Querverweise mit `[[name]]` (ohne Pfad).
## Abfragen für künftiges Schreiben
- "Wie steht das Buch zu Thema X?" → topic-File → Stellen im Pool.
- "Wie hat sich die Position über die Jahre verschoben?" → [[2018-was-ist-wahrheit]] → [[2019-was-ist-wahrheit]] → [[archive-was-ist-wahrheit]] → [[kap01-original]] → [[kap01-2026]] → [[kap02-satz]] chronologisch.
- "Wo bin ich stehen geblieben?" → [[kap02-satz]] bricht mit "Ein Vorschlag:" ab. Anschluss: Sachverhalt/Sachlage-Differenzierung, Cleopatra-Einwand.
- "Wie war die Buchstruktur nochmal?" → [[buchstruktur-viewing-the-world]] (Hauptbuch + Folgeband).
- "Was sagt die ABH zu Y?" → topic-File mit ABH-Schlüsselstellen.
- "Was sagt Anscombe/Kenny zu Z?" → grep in `literatur/anscombe-introduction.md` bzw. `literatur/kenny-wittgenstein.md`.
- "Was steht in den Chats?" → [[chat-claude-01-bildtheorie]] / [[chat-claude-02-quantenphysik]] / [[chat-claude-03-projektübersicht]] / [[chat-chatgpt-satzreihe-2]].
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Was ist Wahrheit?
Wittgensteins Logisch Philosophische Abhandlung
I
Vom Bild zum Solipsismus
Marcus Hinz
Einleitung
Es gibt in der Philosophiegeschichte kaum ein Buch, bei dem Anspruch und Wirklichkeit weiter auseinander fallen, als bei Wittgensteins Logisch- p hilosophischer Abhandlung.
Schon im Vorwort formuliert Wittgenstein den Anspruch an die Schrift so hoch, wie man ihn nur setzen kann: Auf ein paar Dutzend Seiten (84 in der Deutschen Standardausgabe) will er „die [philosophischen] Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst“ haben, den Schlussstrich der „definitiven und unantast ­ baren“ Wahrheit unter Jahrhunderte philosophischen Denkens setzen.
Ein Blick in die Rezeptionsgeschichte zeigt ein ernüchterndes Bild: Statt Klarheit ein bunter Teppich, der zum Teil skurrile Blüten treibt: So sieht man die sieben Hauptsätze etwa als Echo der sieben Tage der Schöpfung, oder nutzt de n Text als Libretto einer Oper.
Wittgenstein war sich sehr wohl darüber im Klaren, dass sich die Abhandlung einfachem Leseverständnis entzieht. Sie richtet sich ausdrücklich an ein Publikum, das zumindest Ähnliches schon einmal gedacht hat . Sehr klar sieht man seine Einschätzung in einem Brief an Ficker 1
Ludwig von Ficker war Herausgeber der Zeitschrift Der Brenner (Innsbruck ). Wittgenstein kontaktierte ihn als möglichen Verleger der Abhandlung .
Oktober / Anfang November 1919: „Von seiner Lektüre werden Sie … nicht allzuviel haben. Denn Sie werden es nicht verstehen …“ 2
Ludwig Wittgenstein: Briefe an Ludwig von Ficker. Herausgegeben von Georg Henrik von Wright unter Mitarbeit von Walter Methlagl (= Brenner-Studien, Bd. 1). Salzburg: Otto Müller Verlag, 1969, S. 35 (Brief an Ludwig von Ficker, Okt. 1919).
Doch auch das von Wittgenstein intendierte Publikum tat sich mit der Rezeption des Textes schwer. Russell fasst in seiner Einleitung schon recht früh zentrale Themen der Abhandlung falsch auf, oder läuft an ihnen vorbei3
Ich werde Russells Einleitung begleitend zum Text besprechen.
.
Ramsey wei st in seiner Besprechung der Abhandlung in Mind (Oktober 1923) gleich zu Beginn mit Nachdruck darauf hin, dass das Buch sehr schwer zu verstehen sei, und macht die von Wittgenstein gewählte Textform dafür verantwortlich.
Mr. Wittgenstein writes, not consecutive prose, but short propositions numbered so as to show the emphasis laid upon them in his exposition. This gives his work an attractive epigrammatic flavour, and perhaps makes it more accurate in detail, as each sentence must have received separate consideration; but it seems to have prevented him from giving adequate explanations of many of his technical terms and theories, perhaps because explanations require some, sacrifice of accuracy4
Frank P. Ramsey, „Tractatus Logico-Philosophicus“ (Rezension), Mind 32, Nr. 128 (October 1923), 465478, hier 465. doi: 10.1093/mind/XXXII.128.465.
.
Zwei Dinge sind am Zitat bemerkenswert: Zum einen der Hinweis, dass Wittgenstein es versäumt, seine Termini Technici zu erläutern oder methodische Hinweise zum Text zu geben.
Die Form allein müsste Wittgenstein davon aber nicht abhalten.
Ich lese den Verzicht auf methodisch e Hinweise deshalb strikter als Ramsey: Methodische Hinweise jede Art von Satz , de r den Text transzendier t sind zunächst nicht s anderes als weitere Sätze. Sie können den Text richtig oder falsch beschreiben. E s bleibt dann aber zweifelhaft, ob nun das eine oder das andere der Fall ist . Kein Satz kann den Inhalt eines anderen Satzes bestimmen.
Wittgenstein setzt sein Programm schon in der Anlage de r Abhandlung um: Was die Anwendung der einfachen Zeichen5
Abhandlung, Satz 3.262
, die Sätze und ihre Anordnung zeigen, kann nicht gesagt durch andere Sätze behauptet werden: Die Abhandlung zeigt ihren Sinn. Wittgenstein wählt die Form, um Form und Gehalt in Einklang zu bringen.
An die Stelle von Erläuterungsprosa setzt Wittgenstein die Satznummern, die dem Text Struktur und Transparenz geben sollen. Wittgenstein wiederum in einem Brief an Ficker:
Nebenbei bemerkt, müßten die Dezimalnummern meiner Sätze unbedingt mitgedruckt werden, weil sie allein dem Buch Übersichtlichkeit und Klarheit geben und es ohne diese Numerierung ein unverständlicher Wust wäre6
Ludwig Wittgenstein an Ludwig von Ficker, 5. Dezember 1919 , in: Annette Steinsiek / Anton Unterkircher (Hg.), Ludwig (von) Ficker Ludwig Wittgenstein: Briefwechsel 19141920, Innsbruck: innsbruck university press, 2014 , S. 118.
.
Ramsey greift in seiner Kritik der Form zu kurz: Er stellt bei der Besprechung des Nummernsystems den Einzelsatz, der besondere Sorgfalt erfahren hat, in den Vordergrund und reduziert die von Wittgenstein gewählte Form auf ein ästhetisches Moment.
Eine Satzn ummer gewichtet aber nicht nur einen Satz. D ie Satznummern insgesamt bilden vielmehr ein Netz, das die Stellung jedes einzelnen Satzes der Abhandlung zu jedem anderen Satz der Abhandlung klar ausdrückt.
Das von Wittgenstein aufgebaute Netz der Satznummern gibt dem Text ein e sehr geschlossene Form, die auf das Textganze und eben nicht auf den Einzelsatz verweist.
Es ist auch offensichtlich , dass der immense Anspruch, den Wittgenstein mit der Abhandlung verbindet, nicht durch Kritik anderer Theorien oder die Lösung von Detailfragen der formalen Logik eingelöst werden kann.
Hier entsteht eine Verkürzung in der Rezeption, die sich bis heute fortsetzt.
Ich halte diese Lücke nicht primär für ein Versagen der Leser. Sie ist ein Strukturproblem der Abhandlung selbst.
Der Einklang von Form und Gehalt sollte der Abhandlung besondere Transparenz und Klarheit geben, aber gerade die Form verhindert ein umfassendes, ganzheitliches Verständnis. Wittgensteins Projekt scheitert an der gewählten Form: Die Nummernsystematik garantiert Geschlossenheit, erzeugt aber nicht die Transparenz, die der Text bräuchte, um seinen immensen Anspruch einzulösen.
Der Schlüssel liegt also darin, den Anspruch ernst zu nehmen, und herauszuarbeiten, w elche Wahrheit für Wittgenstein so definitiv, unantastbar und zentral gewesen kann .
Der Schwerpunkt meiner Überlegungen liegt auf einer mit dem Text konsistenten Abgrenzung der Begriffe Gegenstand / Sachverhalt / Sachlage und Tatsache sowie einer neuen Einordnung von Wittgensteins Bemerkungen zum Solipsismus.
## Bemerkungen zur Form und zum Vorgehen
1) Leserichtung
Abhandlung gibt über die Nummernsystematik zwei Leserichtungen vor.
Beiordnung (Folgenummern gleichen Gewichts --> Voranschreiten im Text)
Unterordnung (Folgenummern geringeren Gewichts --> Einstieg in eine Detaillierung ( Erläuterung des Obersatzes))
Die klassische Buchform kennt nur eine Leserichtung --> voranschreiten im Text. Abweichendes Textverhalten wird speziell markiert und durch Einleitungen / Überleitungen semantisch in den Textfluss eingebettet.
Folge der Nummern: Sätze, die im Fluss aufeinanderfolgen würden, stehen oft Seiten auseinander. Fehlende Einleitungssätze / Überleitungen lassen den Leser um unklaren, was Detaillierung (Erläuterung des Obersatzes) im Einzelnen bedeuten soll, welchen Zweck Wittgenstein mit dem Untersatz verfolgt:
Die Satzhierarchie einfache generische Nummerm - ist kein vollständiger Ersatz für die semantische Textgliederung: Eher Verwirrung als Klarheit
2) Nullnummern
Wittgenstein erklärt sein Nummernsystem in Fußnote zu Satz 1.
An die dort vorgegebene Systematik hält er sich genau ein mal: In Satzreihe 1.
Alle anderen Satzreihen enthalten Sätze, in deren Nummern Nullen auftauchen, die so nicht in der Systematik vorgesehen sind.
Kein kleines Problem: über 50% Prozent des Textes in Sätzen mit Nullnummern.
Kein Irrtum seitens Wittgenstein ( Er hat nicht nur die Null vergessen ) Nullnummern verhalten sich in der Satzfolge anders (Satz 1 --> 1.1 ABER Satz 2 --> 2.01 (Satz 2.0 fehlt))
Deutung: Wittgenstein verringert das logische Gewicht, sorgt aber dafür, dass die Sätze in der Sortierreihenfolge VOR de n regulä r nummerierten landen --> Vorbemerkungen, die das enge Korsett eigentlich nicht zulassen würde.
3) Systematik vor Entwicklung des Gedankens
Wittgenstein will seine Idee abschließend und systematisch korrekt darstellen.
Seine Darstellung entwickelt deshalb den Gedanken nicht (er würde seine Idee vom Bild herleiten), sondern presst ihn hart in die richtige Systematik.
Das führt dazu, dass Teile der Idee an falschen Stellen im Buch landen --> Insbesondere ist Satzreihe 2.0 ohne die Bildtheorie nicht zu verstehen.
--> Deshalb: Start mit Satzreihe 2.1, nicht mit 1* und 2.0
4) Logische Mannigfaltigkeit nach vorne ziehen
Ähnlich wie drei gelagert: Steht aus systematischen Gründen falsch. Logische Mannigfaltigkeit wird direkt hier in der Bildtheorie eingeführt, um das Verständnis des Elementarsatzes zu erleichtern
5) Sprache ohne Kommunikation
Eigenart bei Wittgenstein (Früh- wie Spätwerk): Wittgenstein spricht über Sprache, aber NIE über Kommunikation. Er spricht von Verständigung, aber NIE von gemeinsamen Verständnis. --> Die Sprechsituation (hier Shannon-Weaver) kommt nie vor.
WICHTIG!!!! --> Früh wie Spätwerk --> Relativistik bleibt (Vorbereitung für Schlusskapitel --> Witgesnteins Sicht auf seine Irrtümer)
Woher die Eigenart kommt, werden wir entwickeln.
ABER ich werde dieses Tabu brechen, wenn angezeigt. (Auch wenn ich Wittgensteins Überzeugung nach dann Unsinn erzähle)
## Das Bild
1) Gliederpuppe vorstellen
Gliederpuppe als Beispiel, an dem sich Bildtheorie UNMITTELBAR nachvollziehen lässt
2) Vertretung / strukturelle Abbildung
im Wesentlichen, wie gehabt
Strukturelle Isomorphie --> hier als Nachahmung von Bild und Wirklichkeit einführen
3) Korrelation Bildinhalt / Aufbau
Zeigen, dass Strukturelle Isomorphie auch für die Vertretung gilt: Der Vertreter kann frei gewählt werden, WEIL er nichts abbildet: Am Vertreter ist das Vertretene nicht zu erkennen (WICHTIG!!!!!! --> einfache Zeichen / Urzeichen)
Zeigen, dass Vertretung eine Eigenschaft des Bilds keine der Welt ist. Eine „natürliche“ / „richtige“ / „vollständige“ Granularität eines Bilds gibt es nicht, es gibt angemessen und unangemessen: Ich kann mit der Figur Körperstellungen nachstellen. Zur Darstellung thailändischen Tempeltanzes reicht es nicht: Dort spielen Hand Fingerstellung eine Rolle. (vielleicht griffigeres Beispiel)
JETZT: Logische Mannigfaltigkeit als Match aus Strukturiertheit und GEWÄHLTER Granularität (Logische Mannigfaltigkeit ist EBENSO Eigenschaft der Bilds)
JETZT: Form der Abbildung / kurz Form der Darstellung und dann die Formel FORM DER ABBILDUNG FORM DER DARSTELLUNG = LOGISCHE FORM
Dann Beispiel e für Bilder
--> Im wesentlichen, wie gehabt
## Der Satz
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Was ist Wahrheit?
Wittgensteins Logisch Philosophische Abhandlung
I
Vom Bild zum Solipsismus
Marcus Hinz
## Einleitung
-
Wittgenstein will das perfekte Buch schreiben, bei dem Form und Gehalte zusammenfallen
-
Konkret bildet er im Buch die Form des Logischen Raums nach:
Die Sätze werden in eine streng gesetzte Hierarchie gebracht, die die Stellung jeden Satzes im Buch zu jedem anderen Satz des Buchs klar macht.
Bedeutung der Zeichen (Termini Technici) ergibt sich aus ihrem Gebrauch im Buch
-
Die Abhandlung folgt in ihren Themen strikt de r Systematik des Dargestellten ( Ontologie → [Satzreihe 1] → Das Bild [Satzreihe 2] →Der Satz [Satzreihe 3] → Die Sprache; das Kalkül [Satzreihe 4] → Grenzen der Sprache: Formale Kontradiktion und Tautologie / empirische Tautologie [Satzreihe 5] → Conclusio [Satzreihe 6] → Fazit [Satzreihe 7])
-
Dieser Systematik opfert Wittgenstein die Lesbarkeit. Hier fallen zwei Aspekte besonders in Gewicht:
-
Sein Gedankengang und Ziel erläutert er erst in Satzreihe 4.0, weil erst dort die Sprache, damit eben auch die Umgangssprache, Thema wird.
-
Um die Bildtheorie überhaupt verstehen zu können, muss die Struktur / der Aufbau des logischen Raums klar sein.
Das bewerkstelligt Wittgenstein, indem er in Satzreihe 2.0 den Vorbemerkungen zum Bild zwar den logischen Raum und seine Struktur beschreibt, das aber mit Begriffen (Tatsache, Sachverhalt, Sachlage, Gegenstand) tut, die so noch gar nicht eingeführt sind. Das macht es schier unmöglich, einen sauberen Start ins Lesen der Abhandlung zu finden (ggf. Russell aus Einleitung für falsches Verständnis von Tatsache / Sachverhalt; Kenny (?) für ontologische Lesart des Gegenstands).
-
Ansatz scheitert krachend.
-
Ich will deshalb den Gedankengang ins Zentrum rücken. Deshalb
-
Problem und Ziel nach vorne (Satzreihe 4.0)
-
Bildtheorie und Satztheorie als Grundlagen
-
Logischer Raum und Tatsache im Logischen Raum
-
Lösung Russells Paradox
-
Funktion vs. Operation
-
Kritik Mengen als Grundlage der Logik
-
Cantor / Gödel und Neue Mathematik am Zahlenstrahl
-
Wittgensteins Eigenbeitrag: Solipsismus als empirische Tautologie
-
Relativistische Welt
## Wittgensteins Idee
Ein wenig provokant kann man Wittgenstein durchaus fragen, ob er die Abhandlung eigenem Bekunden nach, ü berhaupt hätte schreiben sollen:
Einerseits sieht er das Ziel der Philosophie in der Verwendung einer logisch geordneten Sprache, andererseits schreibt e r in Satz 5.5563, dass schon die Umgangssprache „logisch vollkommen geordnet“ ist.
Wozu braucht es dann einen Philosophen? Etwas vollkommen G eordnete m kann man keine Ordnung hinzufügen, und ihr die Ordnung zu nehmen, kann nicht Sinn der Philosophie sein.
Wittgenstein gibt auf diese Frage eine sehr präzise Antwort, wie oben gesagt, aber leider nicht zu Beginn der Abhandlung . Das Buch möchte Fragen, die unser Verständnis der Sprache, insbesondere der Umgangssprache betreffen, beantworten, also stehen die Bemerkungen zu m Thema, treu der Systematik folgend, auch in der Satzreihe, die sich mit der Sprache besser dem Kalkül befasst Satzreihe 4.**.
Die Umgangssprache bildet den Ausgangspunkt der Überlegungen
4.002 Der Mensch besitzt die Fähigkeit Sprachen zu bauen, womit sich jeder Sinn ausdrücken lässt, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie und was jedes Wort bedeutet. Wie man auch spricht, ohne zu wissen, wie die einzelnen Laute hervorgebracht werden.
Die Umgangssprache ist ein Teil des menschlichen Organismus und nicht weniger kompliziert als dieser. [...]
Wittgenstein betrachtet Sprache als eine biologische Gegebenheit 1
Ich lese in der Analogie von Sprache und Organ nur, dass Wittgenstein eine metaphysische Überhöhung der Sprache vermeiden möchte: Sprache ist ein gegebener Fakt, wie jeder andere auch.
, als etwas, das der Mensch besitzt, ähnlich, wie er Organe besitz t . Und genau wie wir nicht wissen, wie das Herz funktioniert und doch damit leben , wissen wir nicht, wie die von uns genutzten Sprachen funktionieren und trotzdem können wir sie nutzen .
Wenn die Sprachen aber wie in Satz 5.5563 gesagt logisch vollkommen geordnet s ind , st eht die Kompliziertheit einem Verständnis der Sprache und ihres Funktionierens nicht im Wege: In einer logisch vollkommen geordneten Sprache genügt einfaches Nachschauen.
Anders Wittgenstein:
4.002 […]
Es ist menschenunmöglich, die Sprachlogik aus ihr [der Umgangs ­ sprache] unmittelbar zu entnehmen.
Die Sprache verkleidet den Gedanken. Und zwar so, dass man nach der äußeren Form des Kleides, nicht auf die Form des bekleideten Gedankens schließen kann; weil die äußere Form des Kleides nach ganz anderen Zwecken gebildet ist als danach, die Form des Körpers erkennen zu lassen.
Die stillschweigenden Abmachungen zum Verständnis der Um ­gangs ­sprache sind enorm kompliziert.
Sprache ist vielfältig geprägt: Jede Äußerung verfolgt einen bestimmten Zweck: Ein Befehl hat andere Eigenschaften als ein Gruß, dieser wieder andere als eine Frage und die wie der andere als eine Bitte oder eine Warnung.
Diese Zwecke überlagern einen gemeinsamen Kern, der jeder sprachlichen Äußerung eigen ist. Diesen Kern nennt Wittgenstein Gedanke. Egal ob ich befehle, grüße oder frage, jede Äußerung muss alle Information en enthalten, die benötigt w erden , um sie zu verstehen 2
Als Informatiker würde ich sagen, dass das Modell immer vollständig sein muss, egal welche Funktion der Code hat.
:
-
Befehle ich, muss klar sein, was getan werden soll,
-
grüße ich, muss klar sein, wen,
-
frage ich, muss klar sein, nach was,
-
warne ich, muss klar sein, wovor.
Ein Ruf, wie „Feuer, Feuer!“, verkürzt dieser S i cht nach einen ,
Gedanken, der auf einen Gegenstand ( Feuer ) hinweist, eine unmittelbare Gefährdung ( Ersticken/ Verbrennen ) anzeigt, eine Handlung (Flucht) denkt 3
Und ruft jemand „Eiskrem, Eiskrem!“, hat das den gegenteiligen Effekt.
, und gibt ihm die Form einer Aufforderung 4
Die Idee des Gedankens etwas Gemeinsamen, das alle Sprachlichen Äußerungen teilen gibt Wittgenstein im Spätwerk dediziert auf. Man kann, ohne zu stark zu verkürzen, sagen, dass im Spätwerk an die Stelle des Gedankens für jeden der Sprachzwecke eine eigenes Sprachspiel mit jeweils eigenen Regeln treten würde.
.
Im Ausdruck „Feuer!Feuer!“ müssen Gegenstand, Gefahr und Handlung enthalten sein, sonst könnte man nicht richtig auf den Ausdruck reagieren. D as kann dem Ausdruck aber nicht unmittelbar entn ommen werden . Bedeutung lässt sich nicht herleiten, man muss s ie kennen erlernt haben .
„ Feuer“ hat in der Äußerung „Feuer, Feuer!“ eine andere Bedeutung als in der Äußerung „ Feuer ist ein ionisiertes Gas “.
Beachtet die komplexen Regeln der Sprache nicht, besteht auch umgekehrt die Gefahr, hinter Worten eine falsche Bedeutung zu vermuten. Und hier findet Wittgenstein das eigentliche Thema der Abhandlung :
4.003 Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig. Wir können daher Fragen dieser Art überhaupt nicht beantworten, sondern nur ihre Unsinnigkeit feststellen. Die meisten Fragen und Sätze der Philosophen beruhen darauf, dass wir unsere Sprachlogik nicht verstehen.
(Sie sind von der Art der Frage, ob das Gute mehr oder weniger identisch sei als das Schöne.)
Und es ist nicht verwunderlich, dass die tiefsten Probleme eigentlich keine Probleme sind.
Die Philosophie krankt daran, dass die Komplexität der Sprache im philosophischen Denken nicht berücksichtigt wird, sie ist im Kern von Scheinproblemen geprägt, die sich bei näherem hinsehen ins Nichts auflösen.
Philosophie hat keinen eigenen Gegenstand, das Ziel ist vielmehr das Klarwerden von Sätzen 5
Abhandlung, Satz 4.112
.
Mit dem Fokus auf der Sprache als Gegenstand philosophischer Arbeit nimmt Wittgenstein einen Impuls auf, den er Russ el l und Whitehead bzw. Frege verdankt.
Anders als die Implusgeber stellt er die Sprache deutlich klarer ins Zentrum der Überlegungen und formuliert auch das Problem deutlich schärfer: Es geht nicht um die Sprache im allgemeinen, es geht um die Bedeutung der Worte: Wir wissen nicht, wie und was die Worte der Sprache bedeuten.
Dass Wittgenstein glaubt, das Problem so genau eingrenzen zu können, liegt wiederum an seiner Bild- und sich anschließenden Satztheorie.
## Das Bild
Die gesamte Abhandlung beruht auf Wittgensteins Überlegungen zur Funktions­weise von Modellen, die zur Abbildung der Welt genutzt werden.
Kern dieser Überlegungen ist die Bildtheorie, die beschreibt, wie ein Modell die Welt abbildet. In Satzreihe 2.1* stellt Wittgenstein seine Theorie vor:
2.1 Wir machen uns Bilder der Tatsachen.
[ … ]
2.12 Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit.
Gliederpupp en, wie sie wie sie als Vorlage im Zeichen­training genutzt werden, bieten eine einfache Möglichkeit, Wittgensteins Gedanken unmittelbar aufzeigen.
## Der A ufbau des Bilds
ist das Bild eines Menschen.
Im Bild unterscheidet Wittgenstein zwischen festen und veränderlichen Teilen, die sich in verschiedener Weise auf das abgebildete Stück Welt beziehen.
## Elemente des Bilds — Vertretung
2.13 Den Gegenständen entsprechen im Bilde die Elemente des Bildes.
2.131 Die Elemente des Bildes vertreten im Bild die Gegenstände.
Die Elemente, von denen Wittgenstein in Satz 2.13 spricht, sind i m vorliegenden Modell einfach zu identifizieren: Sie sind durch Gelenke von ­einan ­der getrennt.
Jede r Teil des Modells steht für einen Gegenstand, der im Bild vorkommt — jedes Element vertritt einen Gegenstand:
vertritt eine Hand.
vertritt einen Fuß.
vertritt den Kopf.
etc. ...
D ie zur Vertretung genutzte n Gegenst änd e ha ben mit ihre n Pendants in der Welt nicht viel gemein: Keiner der vertretenen Gegenstände besteht aus Holz, und es fehlen wesentliche Charakteristika, der Hand zum Beispiel die Finger.
All diese Eigenschaften sind für die Vertretung unerheblich, ich hätte genauso gut Metall statt Holz wählen können.
Umgekehrt kann ich aus dem Modell aber auch keine Informationen über das Vertretene herleiten:
lässt nicht erkennen, dass eine Hand fünf Finger hat.
Informationen über das Vertretene werden im Bild einfach nicht transportier t.
## Das Bild als Tatsache — Nachahmung
Anders, betrachtet man die veränderlichen Eigenschaften des Bilds:
2.14 Das Bild besteht darin, dass sich seine Elemente in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten.
2.141 Das Bild ist eine Tatsache.
Das Bild ist eine Tatsache selbst Teil der Welt, der neben dem Abgebildeten steht.
Die Elemente des Bilds sind nicht zufällig zusammengewürfelt, stehen viel­mehr in bedeutsamer Beziehung z ueinander.
Das Beispielmodell hat zwei wesentliche strukturelle Eigenschaften:
-
Die Proportionen der Glieder des Modells zueinander entsprechen den typischen Proportionen der Gliedmaße eines Menschen zueinander.
-
Die Glieder der Puppe nehmen eine bestimmte Position zueinander ein.
Eine Änderung dieser Eigenschaften führt zur unmittelbaren Änderung des Bildinhalts:
Das Modell kann laufen: . Hier sieht man es sitzen.
Anders als im Falle der Vertretung ist die Beziehung der strukturellen Eigenschaften von Bild und Abgebildeten unmittelbar gegeben :
bildet einen sitzenden Menschen ab. Die Positionierung der Puppen ­ glieder entspricht der Positionierung de r Gliedmaße des Menschen:
2.15 Dass sich die Elemente des Bildes in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten, stellt vor, dass sich die Sachen so zu einander verhalten.
[ ... ]
[ ... ]
2.161 In Bild und Abgebildetem muss etwas identisch sein, damit das eine überhaupt ein Bild des anderen sein kann.
Die Unmittelbarkeit der Abbildung besteht in der Identität der strukturellen Eigenschaften von Bild und Welt: Das Bild ahmt die Welt nach.
Diese einfache Beobachtung zur Funktionsweise von Modellen ist das zentrale Argument in Wittgensteins Bildtheorie. Hier führt er die Unterscheidung von sagen und zeigen ein. Z unächst ein kleines Experiment:
wird im Beispiel zur Vertretung der Hand genutzt.
Da die Hand hier vertreten wird, ist diese Festlegung ist nicht zwingend, ich kan n auch nutzen, um den Fuß des Menschen zu vertreten, etwa so: .
Diese Entscheidung hat Konsequenzen für das gesamte Modell:
ist wesentlich kürzer als , das im ursprünglichen Bild den Fuß vertritt.
In der Folge müssen alle Glieder der Puppe soweit verkleinert werden, bis die veränderte strukturelle Eigenschaft des Bilds — die Proportion der Größe der Glieder — wiederhergestellt ist.
Die Wahl der Vertretung ist frei, die Struktur dann strikt vorgegeben.
Strukturelle Eigenschaften können dem Bild weder zugeschrieben noch genommen werden. Sie sind gegeben, oder eben nicht.
Nicht: „Ich drücke etwas im Bild aus.“, sondern: „Im Bild drückt sich sein Inhalt aus“. Das Bild entsteht, indem wir die Bildelemente anordne n:
-
Es gibt keine zweite Instan z — etwa das Meine n — die den Bildinhalt bestimmen könnte.
-
Der Bildinhalt ist auf das, was durch die Nachahmung transportiert wird, beschränkt.
## Die Form der Abbildung
Das Zusammenspiel der Bildelemente und ihrer Anordnung fasst Wittgenstein zunächst als abbildende Beziehung zwischen Bild und Abgebildetem zusammen.
Die Vertretung entkoppelt Bild und Abgebildetes: Das Vorkommen von im Bild besagt nicht, dass im Bild eine Hand vor ­ kommt.
Bild und Abgebildetes sind zunächst nur zwei Tatsachen, die sich unverbunden gegenüberstehen. Nicht s am Bild macht es zwingend zum Bild.
2.1512 Es [ das Bild] ist wie ein Maßstab an die Wirklichkeit angelegt.
2.15121 Nur die äußersten Punkte der Teilstriche b erühren den z u messenden Gegenstand.
D ie abbildende Beziehung muss aktiv hergestellt werden.
2.151 3 Nach dieser Auffassung gehört also zum Bilde auch noch die abbildende Beziehung, die es zum Bild macht.
2.1514 Die abbildende Beziehung besteht aus den Zuordnungen der Elemente des Bildes und der Sachen.
Die abbildende Beziehung besteht in der Festlegung, welches Element des Bilds welchem Element der Welt entsprich t, sie legt also die Regeln der Vertretung fest.
Sind die Regeln festgelegt, ergibt sich der Bildinhalt wie oben gezeigt zwingend aus der Anordnung der Elemente:
bildet einen sitzenden Menschen ab.
Es gibt keine sinnvolle Möglichkeit, aus diesem Bild das Bild eines laufenden Menschen zu machen.
Damit sind Bildinhalte an das gebunden, was mit den Mitteln des Bilds überhaupt nachgeahmt werden kann:
2.171 Das Bild kann jede Wirklichkeit abbilden, deren Form es hat.
Das räumliche Bild alles Räumliche, das farbige alles Farbige, etc.
Die Gliederpuppe kann z.B. nicht den Größenunterschied zwischen Eiffelturm und Kölner Dom abbilden.
Ob das Prinzip eingehalten wurde, zeigt sich am Bild, man kann es nicht behaupten:
2.172 Seine Form der Abbildung aber, kann das Bild nicht abbilden; es weist sie auf.
## An Beispielen
Ich habe das Beispiel der Gliederpuppe gewählt, weil sich an ihr die Form der Abbildung unmittelbar beobachten lässt.
Auch wenn nicht immer so klar ersichtlich, gehorcht jedes Bild der Form der Abbildung.
Drei Beispiele zur Verdeutlichung:
Der Stadtp lan
Ein Stadtplan zeigt die Form der Abbildung noch recht offensichtlich:
Plan der Stadt Worms (Ausschnitt)
Zur Vertretung werden einfache Linien und geometrische Formen genutzt, d ie Namen der Gebäude müssen explizit genannt werden. Strukturelle Eigenschaft ist die relative Lage der angedeuteten Gebäude und Straßen zueinander.
Der Bildinhalt ergibt sich zwingend aus der strukturellen Eigenschaft: Gemäß des Planes ist es unmöglich, dass das Raschitor links der Synagoge liegt, und genauso ist es nach diesem Plan ausgeschlossen, dass die Martinspforte und das Museum in unmittelbarer Nachbarschaft liegen.
Alle Elemente der Form der Abbildung sind also gegeben: Entkopplung durch die Vertretung der Gegenstände, eine strukturelle Eigenschaft, die den Bildsinn vollständig trägt und Begrenzung des Bildes durch seine Form: der Stadtplan kann nicht die Abfahrtzeiten der Stadtbusse abbilden.
Die Kuchengraphik
Ein wenig abstrakter schon die Kuchengraphik. Eine Analyse nach Wittgenstein:
Zur Vertretung werden Kreissektoren genutzt. Strukturelle Eigenschaften sind Anzahl und Winkelgröße der Sektoren.
Der Bildsinn ergibt vollständig aus den strukturellen Eigenschaften: Es unmöglich, dass die Mengenverhältnisse diesem Bild nach 10: 10: 80 sind e benso, dass es mehr oder weniger als drei Klassifikationen gibt.
Komplexer ist die Begrenzung des Bildes durch seine Form der Abbildung:
Die Kreissektoren können viele verschiedene Inhalte vertreten Altersgruppen, politische Präferenzen, Marktanteile usw. Aber nicht Beliebige s:
Es gibt formale Bedingungen, die erfüllt sein müssen, soll eine Kuchengraphik überhaupt sinnvoll sein:
-
Die genutzten Klassifikationen müssen exklusiv sein: Das heißt, n ichts, das in die Darstellung einfließt, darf mehreren Klassifikationen gleich ­ zeitig an gehören .
-
Das Bild impliziert die Vollständigkeit der Klassifikation: Der Kreis steht für ein Ganzes, das von den Sektoren vollständig (z u 100% ) ausgefüllt sein muss.
Eine Kuchengraphik kann sinnvoll die Sitzverteilung in einem Parlament darstellen den Anteil der Sitze jeder Partei an der Gesamtsitzzahl.
Sie kann aber nicht den Anteil von Autofahrern, Kuchenliebhabern und Babysittern an der Bevölkerung darstellen die Gruppen sind nicht exklusiv und ergänzen sich nicht zu 100% der Gesamtbevölkerung. Damit wird die Form der Darstellung einer Kuchengraphik verletzt.
Ein Weg-Zeit Diagramm
D ie Form der Abbildung greift aber auch im Falle dynamische r Modelle, wie hier dem Weg-Zeit Diagramm des freien Falls.
Zur Vertretung für Zeit und Strecke dienen die Achsen; Punkte im Koordinatensystem geben an , welche Strecke zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückgelegt wurde .
Die strukturelle Eigenschaft ist die Anordnung der Punkte im Diagramm, die die Beschleunigung des Körpers über die Zeit abbildet.
Auch hier wird der Sinn vollständig durch die Strukturellen Eigenschaften des Bildes hergestellt: das Bild zeigt eine Beschleunigung von ca. 9.81 m/s 2 . Die Skalierung der Achsen macht es unmöglich, dem Diagramm einen abweichende Wert e zu entnehmen.
Und auch d ieses Bild wird durch seine Form beschränkt:
Zum Beispiel lässt die Zeitachse es nicht zu, statische Beziehungen darzustellen: Es wäre Unsinn zu sagen, dass d er Eiffelturm zu Sekunde 4 höher als der Kölner Dom ist .
Die gewählten Beispiele erheben weder Anspruch auf systematische Vollständigkeit noch auf eine erschöpfende Analyse einzelner Bildtypen. Sie zeigen aber, dass Wittgensteins Bildtheorie tatsächlich weit trägt. Drei Kernprinzipien lassen sich klar herausstellen:
-
Entkopplung durch Vertretung: Die Zuordnung von Bildelement zu den Elementen des Abgebildeten ist frei. Im Gegenzug werden Informationen über das Vertretene im Bild nicht transportiert.
-
Strukturelle Identität : Der Bildsinn ist durch die strukturelle Identität von Bild und Abgebildeten unmittelbar gegeben, und kann nicht von außen an das Bild herangetragen werden: Das Bild zeigt seinen Sinn.
-
Beschränkung des möglichen Bildinhalts durch die Form: Bilder sind rein deskriptiv: Sie können nur darstellen, was sich durch ihre Struktur nachahmen lässt was in ihrer Form liegt.
Die Form der Abbildung ist nicht der Kern der Bildtheorie. Wittgenstein erarbeitet aus ihr die logische Form, die dann zur Basis für den weiteren Text wird.
Dazu leitet er zunächst in Satz 2.173 die Form der Darstellung ab. Sie spielt im weiteren Textverlauf keine Rolle mehr. Am einfachsten begreift man sie als die Notation eines Bildes: In ihr wir d alles zusammengefasst, was in Bilder n gleichen Inhalts verschieden sein kann .
Eine alternative Form der Darstellung zur Kuchengraphik oben ist zum Beispiel:
Auch wenn hier Quadrate statt Kreissektoren zur Vertretung genutzt werden, teilen sich beide Bilder ihre strukturellen Eigenschaften und logische Form.
In der logische n Form zeigt sich , dass jedes Bild welcher Art immer zugleich ein logisches Bild ist 6
Das rein logische Bild ist der Gedanke ( Abhandlung, Satz 3)
. Wittgenstein schlägt so die die Brücke zum logischen Raum: „Das Bild stellt eine mögliche Sachlage im logischen Raum dar“ 7
Abhandlung, Satz 2.202
.
Das Konstrukt des logischen Raums führt Wittgenstein schon in Satz 1.13 ein, verzichtet jedoch auf jede Erläuterung seiner Begrifflichkeit8
Neben dem logischen Raum selbst sind die Begriffe Sachverhalt, Sachlage, Tatsache, Gegenstand und Wirklichkeit zentral.
was ein Verstehen der Abhandlung schier unmöglich macht .
Im folgenden Kapitel stelle ich eine Lesart des logischen Raumes vor, die ein konsistentes und vollständiges Verständnis der Abhandlung ermöglicht.
## Der Logische Raum
Beginnen wir mit einem kleinen Experiment ; die systema ­ tischen Details werde ich danach am Text erläutern .
Ein Tatsache ist für Wittgenstein zunächst nur ein Stück Welt, über das sich unabhängig von anderen Tatsachen Bilder anfertigen lassen. Ein Beispiel 9
Tatsachen werde ich immer als Photographien darstellen. Es ist das beste, das man in einem Buch leisten kann, auch wenn es sich bei Photographien um Bilder handelt.
:
Wol fgang Brendel als Papageno
Die Zauberflöte / München 1983
Eine einfache Frage: Welche Gegenstände konstituieren diese Tatsache? W as zeigt das Bild?
Ohne viel Nachdenken kann man drei Antworten geben:
-
Wolfgang Brendel ( der Bariton),
-
Papageno ( die Opernfigur),
-
b eides.
Je nach Kontext, in den man die Gegenstände setzt, ist jede der Antworten mal richtig, mal falsch , mal unsinnig:
-
x hat auch Cosi van tu tte gesungen. x kann an dieser Stelle nur durch Wolfgang Brendel sinnvoll belegt werden. Setze ich Papageno ein, wird der Satz unsinnig.
-
x hat Papagena geheiratet. Hier führt das Einsetzen von Wolfgang Brendel zu Unsinn. Papageno kann eingesetzt werden, der Satz ist dann aber falsch .
-
Und will man Brendels Papageno mit dem eines anderen Sängers vergleichen, funktioniert das nur, nimmt man beides in den Kontext auf.
Tatsachen die Welt, wie wir sie vorf inden sind vielgestaltig. Kein Bild kann eine Tatsache vollständig abbilden. Das Bild ist die Projektion eines Aspekts der Tatsache.
Diese Aspekte nennt Wittgenstein Sachverhalte.
Die drei Beispiele oben beschreiben drei Sachverhalte, die die Tatsache, die im Photo angedeutet ist, konstitui eren 10
Natürlich nicht nur aus diesen drei Sachverhalten.
.
Gegenstände sind in diesem System nicht die ontologische Basis , aus der sich die Welt aufbaut, erfüllen vielmehr eine logische Funktion; sie kennzeichnen die Bezugsweise auf die Welt, sind Konstanten, die über verschiedene Sachverhalte hinweg eine durchgängige Bezugsweise sicher stellen 11
Abhandlung, Satz 2.0122
.
Die Verwendung von Papageno signalisiert, dass de r Opernstoff thematisiert wird, die Verwendung von Brendel, dass es um die Person des Bariton s geht.
Der Gegenstand bildet das Zentrum eines Clusters von Sachverhalten, in denen er überhaupt vorkommen kann. Alles außerhalb des Clusters ist wie oben gezeigt Unsinn.
Der logische Raum wiederholt damit eine Eigenart der Bildtheorie:
Der Sachverhalt ist von der Tatsache entkoppelt: Genau wie der Vertreter im Bild aktiv zugeordnet werden muss, müssen die Gegenstände, die den Sachverhalt ausmachen, aktiv zugeordnet werden. Nichts an
erzwingt die Isolation / Identifikation von Papageno, und die wenigsten werden gewusst haben, dass Wolfgang Brendel hier singt.
Aber wenn die Gegenstände zugeordnet sind, ergibt sich der Rest notwendig:
Ist Papageno identifiziert, ist es UNSINN von ihm zu sagen, er hätte Cosi van Tutte gesungen.
## Der Gegenstand
Diese Lesart widerspricht Prima facie dem Textbefund:
Wittgenstein führt Gegenstände (Sachen, Dinge ) in Satzreihe 2.0 explizit als atomare Substanz der Welt ein .
Genaues Lesen zeigt, dass Wittgenstein Gegenstände zwar als einfache und selbstständige Entitäten begreift, d iese Sicht aber keinen ontologischen Duktus vorgibt:
Zunächst führt das Verständnis von Gegenständen als ontologische Konstituenten der Welt schon in Satzreihen 1 und 2.0* zu einem harten Widerspruch im Text :
-
In Satz 1.1 identifiziert Wittgenstein die Welt mit der Summe der Tatsachen und ausdrücklich nicht der Dinge.
-
In Satz 2 identifiziert er die Tatsache mit dem Bestehen von Sachverhalten.
-
In Satz 2.01 identifiziert er dann den Sachverhalt als eine Verbindung von Gegenständen (Sachen, Dingen).
Wenn aber Tatsachen aus Sachverhalten bestehen, und die wiederum aus Dingen12
Eine Diskussion um Gegenstand vs. Sache vs. Ding erübrigt sich mit Blick auf Satz 4.1272.
bestehen, besteht die Welt im Ende doch aus Dingen, was in Satz 1.1 explizit verneint wurde13
An diesem Widerspruch sind meine ersten beiden Leseversuche der Abhandlung tatsächlich gescheitert. Ich wollte mich nicht so früh im Text aufs Eis führen lassen.
.
Diesem Widerspruch kann man nur vermeiden, wenn man Gegenstände in der Abhandlung nicht in einen ontologischen Kontext stellt.
Liest man Satzreihe 2.02 * etwas gen a uer , sieht man, dass Wittgenstein mit der Einführung der Gegen ­ ständ e auch keine ontologische Agenda verfolgt:
In den Sätzen 2.02 und 2.024 schreibt er Gegenständen zwar dediziert die fundamentalen Eigenschaften ontologischer Substanz Selbständigkeit und Einfachheit zu, näheres Hinsehen zeigt aber, dass der Eindruck in beiden Fällen täuscht . Beide Eigenschaften näher betrachtet:
## Selbständigkeit der Gegenstände
Gegenstände konstituieren den Sachverhalt, er ist eine Verbindung von Gegenständen14
Abhandlung, Satz 2.01.
:
Der Sachverhalt Papageno heiratet Papagena setzt die Gegenstände Papageno und Papagena in ein Verhältnis zueinander, bettet sie in eine Struktur.
Allein schon dieser Vorgang setzt eine Trennung von Gegenstand und Struktur voraus:
Der Gegenstand muss unabhängig von der Struktur benennbar sein. Die Voraussetzungen dafür formuliert Wittgenstein in Satz 2.02331: Es muss möglich sein, den Gegenstand hervorzuheben, durch eine Beschreibung in der Tatsache dem vorliegenden Stück Welt zu isolieren. Die Hürde ist nicht sehr hoch:
In der Tatsache oben kann man z.B. Kopf und Hände aber auch Kleidung hervorheben. Sehr viel abstrakter , aber genauso möglich, ist die Beschreibung verschiedener Farbflecke anhand eines Rasters beliebiger Auflösung. Die Möglichkeit Wolfgang Brendel oder Papageno hervorzuheben war Ausgangspunkt der Überlegung.
Bezugsweisen auf eine Tatsache sind vielfältig, aber nicht beliebig. Die untere Grenze setzt die Beschreibbarkeit der Gegenstände, aus denen die Struktur gebaut wird: Alles was innerhalb dieser Grenze fällt, ist möglich.
Die Wahl bleibt aber nicht ohne Folgen: Werden als konstituierende
ermöglicht Papageno oder Brendel zu isolieren.
Erst die
-
Gegenstände müssen einfach sein, weil sonst keine Bilder der Welt möglich wären (Sä tze 2.0211, f)
-
Gegenstände sind nicht d as Mobiliar der Welt, garantieren vielmehr ihre Form (2.022, f)
Den Begriff der Form führt Wittgenstein in Satzreihe 2.01 ein:
2.014 1 Die Möglichkeit seines Vorkommens in Sachverhalten, ist die Form des Gegenstandes.
Diese Definition steht am Ende von Satzreihe 2.01*, in der Wittgenstein den Gegenstand mit eine m widersprüchlichen Ton einführt:
Wittgenstein nennt Dinge selbständig, nur um im nächsten Satz der gleichen Satznummer diese Selbständigkeit als „Form der Unselbständigkeit“ wieder aufzuheben (Satz 2.0122).
Das dann angeführte Argument, dass es unmöglich sei, „ das s Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz“, ist an dieser Stelle unverständlich:
Im Argument spricht Wittgenstein plötzlich vom Wort. Allein das zeigt, dass d as Argument nur vor dem Hintergrund der Bild- und Satzt heorie verstanden werden kann . Ich werde Satzreihe 2.0* deshalb nicht entlang des Texts und vor dem Hintergrund meiner Erläuterungen zur Bild- und Satztheorie oben lesen :
Beginnen möchte ich mit der Frage, wie wir überhaupt zu Gegenständen (Sachen, Dingen) kommen. Diese Frage beantwortet Wittgenstein erstaunlich spät er st in Sätzen 2.07*:
2.027 Das Feste, das Bestehende und der Gegenstand sind Eins.
2.0271 Der Gegenstand ist das Feste, Bestehende; die Konfiguration ist das Wechselnde, Unbeständige.
Wittgenstein beschreibt hier den Gegenstand als Konstante in wechselnden Kontexten:
Im Beispiel oben ist z.B. Papageno eine Konstante, die in verschiedenen Kontexten auftritt, und deshalb als etwas unabhängig vom Kontext (der Konfiguration) B estehendes aufgefasst werden kann .
Als Nächstes ist es wichtig zu sehen, was Wittgenstein denn genau mit dem Konstanten / Bestehenden, das den Gegenstand identifiziert, meint. Dazu Sätz e 2.0233, f :
2.0233 Zwei Gegenstände von der gleichen logischen Form sind abgesehen von ihren externen Eigenschaften von einander nur dadurch unterschieden, dass sie verschieden sind.
2.02331 Entweder ein Ding hat Eigenschaften, die kein anderes hat, dann kann man es ohneweiteres durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen; oder aber, es gibt mehrere Dinge, die ihre sämtlichen Eigenschaften gemeinsam haben, dann ist es überhaupt unmöglich auf eines von ihnen zu zeigen.
Denn, ist das Ding durch nichts hervorgehoben, so kann ich es nicht hervorheben, denn sonst ist es eben hervorgehoben.
Konstant ist die Beschreibung . Weitere Anforderungen formuliert Wittgenstein nicht.
Das Konzept liest sich einfach fast schon primitiv. In Wirklichkeit grenzt sich Wittgenstein in diesen beiden Sätzen aber von fundamentalen Konzepten, die von Frege bzw. Russell eingeführt werden ab.
Russell s pricht von p articulars, als Gegenstände unmittelbarer Wahrnehmung. Bei Frege tritt an diese Stelle die Bedeutung, die vor jedem wie, das was bestimmt. Beide postulieren eine von der Logik unabhängige, „ natürliche “ Basis von Einzeldingen, auf der die Logik überhaupt erst aufsetzen kann.
< LISTE>
, das was Wittgenstein externe Eigenschaften 15
So explizit in Satz 4.023. Es ist mehr als ärgerlich, dass Wittgenstein das erst so spät klarstellt. In Satzreihe 2.0 muss fröghliches Rätselraten genügen.
nennt
Ebenso ist Wolfgang Brendel eine Konstante, die aber in anderen Kontexten auftreten kann:
< LISTE>#
Die Kombination der Beiden hat wieder andere Kontexte, in denen das Auftraten Sinn macht.
## Der Satz
Wittgenstein sieht auch im Satz ein Bild.
Das verwundert zunächst:
Nennen wir die Puppe „Ludwig“, dann würde man als Satz etwa mit „Ludwig sitzt“ wiedergeben. Unmittelbar ist keine Ähnlichkeit zwischen den Gebilden erkennbar.
Ein Beispiel gibt Wittgenstein etwas später mit dem Satz „Grün ist grün.“16
Abhandlung , Satz 3.23
Leicht abgewandelt kann man anhand des Beispiels beginnen, Wittgenstein s Über ­legungen zu plausibilisieren. Die Sätze
-
Grün ist die Komplementärfarbe von Rot.
-
Gras ist grün.
sind nicht ganz so kryptisch zu lesen, wie Wittgensteins Beispiel selbst.
Gemeinsam ist „Grün“ und „grün“ in den Sätzen, dass sie für
stehen — sie vertreten denselben Inhalt.
Austauschbar sind die Wörter deshalb aber nicht:
Im ersten Satz wird „Grün“ als Personenname17
Ich lese Personenname hier als Eigenname.
im zweiten als Eigen­schafts­wort verwendet: Nicht nur der Inhalt, auch die Positionierung des Zeichens im sprachlichen Ausdruck charakterisieren seine Bedeutung: Im ersten Fall ist die Farbe Grün — ein Gegenstand — im zweiten die Eigenschaft grün gemeint.
Der Ausdruck „… ist die Komplementärfarbe von Rot.“ läßt an der Leerstelle nur einen Eigennamen, der Ausdruck „Grass ist …“ an der Leerstelle nur ein Eigenschaftswort zu. Etwas anderes einzusetzen führt zu schlichtem Unsinn.
Wittgenstein sieht hier den gleichen Mechanismus wie im Bild am Werk:
Den einfachen Zeichen den Wörtern „Grün“ / „grün“ entsprechen die Bildelemente, s ie vertreten. „Grün“ kann durch eine beliebige andere Zeichenfolge ersetzt werden , transportiert aber auch keine Information über
.
D en Positionen der einfachen Zeiche n entsprechen die strukturellen Eigenschaften des Bilds: Sie sind unmittelbar gegeben. Der Sinn eines Satzes zeigt sich, man kann ihn ihm nicht geben.
Genau wie Bilder haben Sätze strukturelle Eigenschaften.
Genau wie im Falle der Bilder sind diese Eigenschaften mit dem Satz gegeben zeigen sich am Satz und können nicht willkürlich gesetzt oder geändert werden.
Das ist Wittgenstein s zentrales Argument in der Abhandlung. Mehr hat er nicht anzubieten.
## Der Logische Raum
Eine Schwäche meiner Argumentation oben sticht sofort ins Auge:
I m Satz „x ist die Komplementärfarbe von Rot“ x mit einem Eigenschaftswort zu belegen, führt zu Unsinn. Es führt aber zu eben so große m Unsinn, i n diesem Satz x mit Cleopatra zu belegen . Cleopatra bezeichne t aber , wie Blau oder Grün auch , einen Gegenst and .
Es hängt also nicht nur von der Wortart ab, ob eine Stelle im Satz mit ihm belegt werden kann , oder nicht.
Die These der notwendigen, strukturellen Eigenschaften des Satzes im Gegensatz zu seinen inhaltlichen, willkürlich setzbaren Eigenschaften, wäre damit hinfällig: Gewählte Inhalte entscheiden zumindest auch darüber, ob ein Satz sinnvoll ist oder nicht.
Wittgenstein würde auch im Fall des Cleopatra- Beispiels argumentieren, dass ein formaler, grammatischer Ausschluss vorliegt. Diese Überzeugung gründet auf seiner Sicht der Wirklichkeit als Logischer Raum. Zentral für dieses Konstrukt sind wiederum die Begriffe Tatsache, Sachverhalt und Sachlage, und hier gibt es in der Rezeption der Abhandlung eine Lücke: Die Begriffe sind zentral für den Text, aber nie so expliziert worden, dass sie ein konsistentes und vollständiges Verständnis der Abhandlung zuließen. Ein Vorschlag:
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Was ist Wahrheit?
Wittgensteins Logisch - Philosophische Abhandlung
Marcus Hinz
ἔστιν ἔστιν
Inhalt
Inhalt
0 Ein paar Worte zur Einführung 1
0.1 Das Ziel 1
0.2 Die Satznummern 3
0.3 Eine vorläufige Gliederung 4
1 Ontologie 5
1.1 Tatsachen 6
1.2 Sachverhalte 7
1.3 Gegenstände (Sachen, Dinge) 9
1.3.1 - Kompasssatz 1: Gegenstände und Sachverhalte (Sätze 2.01*) 9
1.3.2 - Kompasssatz 2: Das Wesen des Gegenstands (Sätze 2.02*) 11
1.3.2.0 - Ein Experiment 12
1.3.2.1 - Gegenstand und Welt 14
##
## Ein paar Worte zur Einführung
Ein paar vorläufige Bemerkungen.
## Das Ziel
Da ich den Text im ersten Schritt inhaltlich betrachten möchte, fehlt bis hierher die Besprechung der Form.
Die Abhandlung ist kein klassischer Fließtext, der durch Kapitel gegliedert ist. Wittgensteins Text besteht vielmehr aus einer Reihe hierarchisch geordneter Sätze oder kurzer Textpassagen, die über Satznummern in Beziehung zueinander gesetzt werden.
Diese Form ist das wohl auffälligste Merkmal des Texts und gleichzeitig das größte Hindernis, ihn zu verstehen.
Wittgenstein wählt die Form natürlich nicht zufällig oder aus rein ästhetischen Gründen. Er versucht damit vielmehr die Darstellung seiner Ideen zu perfektionieren: Wittgenstein strebt mit der gewählten Form den Zusammenfall von Form und Gehalt an. Die „unantastbar[e] und definitiv[e]“ 1
LPA - Vorwort letzter Absatz
Wahrheit der Abhandlung soll auch in der Form ihrer Darstellung unantastbar und definitiv sein.
Wittgensteins Vorhaben, mit der Abhandlung einen Text vorzulegen, der die endgültige Lösung der Probleme in eine ebenso endgültige Form bringt, scheitert aber auf ganzer Linie. Kein Text der Philosophie hat wohl zu mehr Missverständnissen geführt, als die Abhandlung .
Und so erreicht Wittgenstein mit der Abhandlung das genaue Gegenteil dessen, was er erreichen wollte: an die Stelle von Klarheit und Analyse tritt Unverständnis und das Ausweichen auf einen Mystizismus, der Wittgenstein sicher nicht fremd war, aber ebenso sicher nicht im Fokus seiner philosophischen Arbeit stand 2
Die Abhandlung ist sicher das einzige wissenschaftliche Werk, das als Libretto einer Oper herhalten musste.
.
Selbst Russells Vorwort zur Abhandlung ist voll von Missverständnissen des Texts. Ich möchte zwei Gründe für diese Missverständnisse herausgreifen und an Russel l s Vorwort erläutern, um mein Vorhaben zu verdeutlichen .
Zunächst ist da das Fehlen von Beispielen und anschaulichen Erläuterungen an wichtigen Stellen des Texts. Ein Beispiel aus dem ersten Drittel von Russells Vorwor t: 3
Ich muss mich für eine zitierfähige Ausgabe entscheiden. Habe ich noch nicht. Wahrscheinlich die kritische Ausgabe von Suhrkamp
„What is complex in the world is a fact. Facts which are not compounded of other facts are what Mr. Wittgenstein calls Sachverhalte , whereas a fact which may consist of two or more facts is a Tatsache : thus, for example “Socrates is wise” is a Sachverhalt , as well as a Tatsache , whereas “Socrates is wise and Plato is his pupil” is a Tatsache but not a Sachverhalt .“
Russell bezieht sich im Wesentlichen auf Satz 2 der Abhandlung :
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
Russell versteht vieles richtig:
-
Er identifiziert „Tatsache“ und „Sachverhalt“ als Termini technici.
-
Er schreibt auch zu Recht, dass einer Tatsache immer mehr als ein Sachverhalt entspricht.
Die Deutung, dass einfachen Aussagesätzen Sachverhalte und Tatsachen, zusammen ­gesetzten Sätzen aber nur Tatsachen entsprechen, ist dagegen falsch. Das kann man dem Text aber nirgends direkt entnehmen. Es ergibt sich nur indirekt aus Überlegungen zum Text4
Es ist zum Beispiel nicht möglich, dass etwas Tatsache und Sachverhalt zugleich ist, da Sachverhalte aus Gegenständen bestehen, Tatsachen dagegen nicht.
.
Ein einfaches Beispiel hätte hier Klarheit schaffen können. Wittgenstein liefert es nicht und so hat Russell schon vom ersten Satz der Abhandlung an keine die Chance, das Werk richtig zu verstehen.
Weiterhin ist bemerkenswert, dass die Abhandlung gerne als aphoristisch, oder gar als Sammlung von Aphorismen bezeichnet wird 5
FIXME: Bleibe ich hier noch schuldig
.
Von einem Buch, das in diesem Stil gehalten ist, würde man erwarten, dass die Sätze darin in losem oder gar keinem Zusammenhang zueinander stehen: ein Aphorismus ist seiner Definition nach ein Satz oder eine kurze Textpassage, die für sich eben ohne Kontext besteht6
vgl. dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Aphorismus.
.
Die Abhandlung ist aus Sätzen und kurzen Testpassagen aufgebaut, doch gibt Wittgenstein seinem Buch die genau gegenteilige Form: Die Satznummern legen die exakten Bezüge jedes einzelnen Satzes der Abhandlung im Netz aller anderen Sätze fest. Über-, Unter- oder Beiordnung eines Satzes zu jedem anderen Satz der Abhandlung ist damit vollständig bestimmt. Geschlossener kann man einen Text nicht aufbauen.
Die Satznummern gliedern den Text aber rein formal, an keiner Stelle erläutert Wittgenstein die Semantik dieser Bezüge. Und hier scheitert das Konzept erneut: die Semantik der formalen Bezüge erschließt sich eben nicht automatisch beim Lesen: der Textfluss geht verloren. Am Ende entsteht der Eindruck, man habe es mit einer Ansammlung von Einzelsätzen und nicht mit einem geschlossenen Gedankengebäude zu tun7
Das hat ganz praktische Gründe, die ich in Besprechung der Form aufzeigen möchte. Letztlich scheitert Wittgenstein daran, dass er ein zweidimensionales Gebilde - sein Netz von Sätzen - in eine eine eindimensionale Form - einen sequentiellen Text - presst.
.
Auch hier ein Beispiel in Russells Vorwort fast am Ende8
Dito
:
„These considerations lead him to a somewhat curious discussion of Solipsism.
[ …]
The metaphysical subject does not belong to the world but is a boundary of the world.
We must take up next the question of molecular propositions [...]”
Egal, wie man Wittgensteins Bemerkungen zum Solipsismus in de Abhandlung beurteilt, ist es interessant zu sehen, wie Russell das Thema im Vorwort behandelt: Schon der Start zeigt, dass Russell das Thema nicht in den Gedankengang der Abhandlung einordnen kann, und es statt dessen als „curious discussion“ abgrenzt. Und am Ende könnte der Abbruch nicht abrupter sein: Zunächst wiederholt Russell einen Kernsatz der Abhandlung , um sich dann völlig aus dem Nichts einem anderen Thema zu widmen 9
Monty Phython: „And Now for Something Completely Different.“
.
Russell gelingt es an dieser Stelle nicht, das Thema Solipsismus in Wittgensteins Gedankengebäude einzuordnen: Einstieg wie Ausstieg grenzen Wittgensteins Bemerkungen vom restlichen Text aus, statt sie in den Gedankengang zu integrieren.
Auch hier steht dem Textverständnis die Form im Weg: Wittgensteins Sicht des Solipsismus kenne ich so nur aus der Abhandlung . In der Regel wird der Solipsismus in philosophischen Texten bestenfalls als Teufel an die Wand gemalt, selten ernsthaft dis kutiert .
Ein einfacher Hinweis, dass hier eine Sicht vertreten wird, die konträr zu üblichen Sichten des Solipsismus ist, wäre für Russell ein Hinweis gewesen, dieser Passage besondere Aufmerksamkeit zu widmen, statt sie als „ curious discussion“ abzutun. Wittgenstein bietet statt dessen völlig abstrakte Satznummern.
Nun darf man von Russell ein paar Dinge sicher annehmen:
-
Er war ein geübter Leser und Verfasser philosophischer Texte.
-
Er kannte Wittgensteins Ideen auch aus Gesprächen mit ihm.
-
Er war Wittgenstein wohlgesonnen.
Nicht nur war er zu Beginn Wittgensteins Mentor, er hat auch dazu beigetragen, dass die Abhandlung überhaupt in Druck ging: Ohne sein Vorwort hätte der Verlag das Buch nicht angenommen.
Kurz gesagt: Das Verständnisproblem liegt nicht beim Leser.
Mit der vorliegenden Arbeit möchte ich zunächst nicht mehr erreichen, als die Inhalte der Abhandlung in eine verständliche Form zu bringen. Die Gedanken, die Wittgenstein dort formuliert, sind zu wertvoll, um sie in ihrem kryptischen Grab verschimmeln zu lassen.
## Die Satznummern
Eine weitere formale Herausforderung stellen die Satznummern dar, die Wittgenstein nicht vollständig erläutert:
Die Decimalzahlen als Nummern der einzelnen Sätze deuten das logische Gewicht der Sätze an, den Nachdruck, der auf ihnen in meiner Darstellung liegt. Die Sätze n.1, n.2, n.3, etc., sind Bemerkungen zum Sätze No. n; die Sätze n.m1, n.m2, etc. Bemerkungen zum Satze No. n.m; und so weiter10
LPA Fußnote zu Satz 1
.
Nach dieser Fußnote würde man erwarten, dass auf Satz 1 Satz 1.1 folgt, auf Satz 1.1 dann Satz 1.11, usw. Das stimmt auch, aber nur für Satzreihe 1. Schon in Satzreihe 2 folgt auf Satz 2 ein Satz mit Nummer 2.01, statt, wie erwartet, 2.1. Wittgenstein gibt an keiner Stelle Auskunft, was er mit den eingefügten Nullen bezweckt.
Der beste Reim, den ich mir machen konnte ist folgender: Laut Wittgenstein gibt die Satznummer das logische Gewicht der Sätze an: je weniger Stellen die Nummer hat, desto größer ist ihr Gewicht.
Das Einfügen der Null in die Satznummer führt dazu, das s der so nummerierte Satz in der Sortierung vor den erwarteten Nachfolger rutscht, sein logisches Gewicht aber trotzdem geringer als das des Nachfolgers ist.
Am Beispiel: Nehmen wir Satz 2 und sagen er hat das logische Gewicht 511
Einfach zu errechnen: Die längste Satznummer ist 5.473 21. Das sind 6 Stellen, ihr entspricht das niedrigste logische Gewicht, setzen wir dafür 0 an. Jetzt kann man einfach hochzählen: 5 Stellen = 1, 4 Stellen = 2, 3 Stellen = 3, 2 Stellen = 4 und eine Stelle schließlich 5.
. Der erwartete Nachfolger wäre Satz 2.1 mit dem logischen Gewicht von 4. Die nächste reguläre Satznummer mit einem logischen Gewicht von 3 wäre Satznummer 2.11, die auf Satz 2.1 folgt. Durch einfügen der Null erhält man die Satznummer 2.01. Sie hat ein logisches Gewicht von 3, steht in der Sortierung aber vor Satz 2.1.
Wittgenstein nutzt die eingefügte Null, um Sätze an der regulären Ordnung vorbei vor andere Sätze zu schmuggeln, und ihnen trotzdem ein niedrigeres logisches Gewicht zu geben. Er kann so Vorbemerkungen zu Sätzen schreiben, ohne ihnen ein ungewollt hohes logisches Gewicht zu geben.
Inhaltlich stehen diese Passagen tatsächlich auch zwischen den jeweiligen Sätzen. Gegen die Annahme, dass Wittgenstein hier nur Vorbemerkungen machen möchte, spricht aber, dass über 50 % des Texts in Sätzen mit Nummern stehen, die Nullen enthalten.
## Eine vorläufige Gliederung
Die folgende Gliederung der Abhandlung soll das fehlende Inhaltsverzeichnis ersetzen und so zumindest einen kleinen Ausblick auf das, was uns erwartet, erlauben.
Ich gliedere die Sätze wie folgt12
Die Gliederung ist weder abschließend noch eindeutig. Ziel meiner Gliederung ist eine möglichst einfache Darstellung des Inhalts der Abhandlung. Deswegen werfe ich die formale Korrektheit, nach der Wittgenstein die Sätze gliedert, einfach über Bord. Genauso sind mir Überlappungen der einzelnen Teile gleichgültig. Ich werde meine Gliederung zu Beginn jeden Abschnitts erläutern und Wittgensteins Sicht dagegen setzen.
:
-
Satz 1 - 2.02 7: Ontologie
-
Die Welt als Gesamtheit der Tatsachen
-
Der Sachverhalt
-
Gegenstände als Bestandteile des Sachverhalts
-
Satz 2.03 - 3.01: Bild und logischer Raum
-
Bild als Abbildung eines Sachverhalts
-
Wirklichkeit als logischer Raum
-
Sachlage n als Konstituenten der Tatsache im logischen Raum
-
Satz 3 - 4.04 Gedanke und Ausdruck des Gedankens
-
Der Gedanke als logisches Bild
-
Das Satzzeichen als Ausdruck des Gedankens
-
Projektion des Satzzeichens zum Bild
-
Satz 4 - 5.01 Bild und Wahrheit
-
Das Bild als Inhalt des sinnvollen (nicht tautologischen) Satzes
-
Analysierbarkeit aller Sätze in Elementarsätze
-
Die allgemeine Satzform
-
Satz 5 - 6.0 Die Grenzen der Logik
-
Wahrheitsfunktion vs. Wahrheitsoperation
-
Grenzen der formalen Logik
-
Grenzen der Semantik
-
»Satzbedeutung«
-
Satz 6.0 - 7 Conclusio
## Ontologie
Zu Beginn der Abhandlung stellt Wittgenstein in Satzreihe 1 recht kurz seine Ontologie vor.
Laut Wittgenstein ist die Welt die Gesamtheit aller Tatsachen, die existieren, ohne Einfluss aufeinander zu haben13
Ich vermeide hier das Wort unabhängig, weil Wittgenstein es an dieser Stelle auch nicht nutzt.
Von Sachverhalten sagt Wittgenstein dagegen schon, dass sie unabhängig voneinander sind. Ob Wittgenstein das mit Absicht tut, kann man bei der Kürze des Texts nicht sagen. Mir erspart der Kniff, darauf hinweisen zu müssen, dass die Unabhängigkeit der Tatsachen nichts mit der Unabhängigkeit der Sachverhalte zu tun hat.
.
Das war's auch schon. Etwas anderes gibt es nicht und außer ihrer Eigenständigkeit stellt Wittgenstein keine weiteren formalen oder inhaltlichen Anforderungen an eine Tatsache.
Lebendig wird Wittgensteins Idee erst in der Abgrenzung der Tatsache zum Sachverhalt. Doch Sachverhalte gehören nicht zur Ontologie, folglich werden sie erst mit Beginn von Satzreihe 2 eingeführt.
Genauso grenzt Wittgenstein seine Tatsachenontologie zwar in Satz 1.1 gegen eine Dingontologie ab, erläutert in Satzreihe 1 aber nicht, wo er Dinge denn statt dessen einordnet. Dinge sind nicht Teil der Ontologie und landen folglich auch in Satzreihe 2.
Ein rundes Bild ergibt sich frühestens in Satz 2.02 7: Dort ist einerseits das Verhältnis von Tatsache zu Sachverhalt geklärt und anderseits dargelegt, wie Wittgenstein Gegenstände (Sachen, Dinge) in seiner Ontologie einordnet. Ich werde im Thema Ontologie deshalb Sätze 1 - 2.02 7 behandeln.
Man hätte genauso gut Sätze 1 - 2.06 3 wählen können, weil erst dann beschrieben ist, wie Wittgenstein sich das, was wir Wirklichkeit nennen, vorstellt. Ich werde Sätze 2.03 - 2.06 3 als Teil des Themas Bild behandeln.
Tatsache und Sachverhalt sind im Deutschen Synonyme. Wittgenstein stellt die beiden Wörter zu Beginn der Abhandlung gegeneinander, ohne explizit zu erläutern, wie sich das eine denn dann gegen das andere abgrenzt. Ich möchte meine Idee dazu in den nächsten zwei Abschnitten anhand eines kleinen Problems erläutern. Da Wittgenstein die Wörter nicht gegen einander abgrenzt, bleibe ich in Abschnitten 1.1 und 1.2 den harten Textbeleg schuldig.
## Tatsachen
Tatsachen sind für Wittgenstein Stücke der Wirklichkeit, die für sich selbst, das heißt, ohne andere Stücke der Wirklichkeit zu kennen, betrachtet werden können. Also zum Beispiel so etwas14
Ich werde Tatsachen immer als Fotografien darstellen. Diese Darstellung ist natürlich unvollständig. Es fehlen z.B. Geräusche und Gerüche. In Buchform ist es aber das beste, was ich liefern kann.
:
Wolfgang Brendel als Papageno in Mozarts Zauberflöte, München 2005
Das Foto stellt ein Stück Wirklichkeit dar, über das wir, ohne den Kontext zu benötigen, Aussagen machen können. Das Foto stellt einen Mann auf einer Bühne dar. Man weiß aber z. B. nicht, ob das Foto aus einer Ausführung oder einer Probe stammt. Genausowenig erkennt man, ob, und wenn ja, welche anderen Schauspieler noch auf der Bühne sind. Trotzdem stellt das Bild eine geschlossene Sinneinheit dar: Man kann z. B. sagen, dass ein singender Mann zu sehen ist. Egal, wie sich der unbekannte Kontext der Tatsache gestaltet, diese Aussage ist wahr.
Ein Gegenbeispiel wäre:
Foto
In diesem Fall erkennt man die Sinneinheit nicht, weshalb man bestenfalls diffuse Aussagen zu diesem Stück Wirklichkeit machen kann. Es ist keine Tatsache, einfach, weil nicht klar ist, worin sie denn bestünde.
Das ist der gesamte Inhalt der Sätze 1*, konkreter wird Wittgenstein an dieser Stelle nicht. Interessanter wird es, wendet man sich den Sachverhalten zu.
## Sachverhalte
Zu den Sachverhalten kommt man, stellt man die Frage, was denn auf dem ersten Bild zu sehen ist.
Es gibt sehr viele Antworten auf diese Frage, ein Beispiel hatte ich oben schon gegeben: Man sieht einen singenden Mann.
Ich möchte aus der Vielzahl möglicher Antworten zwei herausgreifen und ein wenig näher betrachten:
-
Man sieht Papagenos erstes Auftreten in der Zauberflöte.
-
Man sieht Wolfgang Brendels erstes Auftreten in der Zauberflöte.
Beide Aussagen sind wahr. Beide Aussagen widersprechen sich nicht. Beide Aussagen beziehen sich auf dasselbe Ding15
Man entschuldige die Ausdrucksweise. Es ist philosophisch nicht persönlich gemeint.
, nämlich
das da.
Dieser simple Fakt stellt das Grundprinzip der Selbstidentität des Gegenstands in Frage: Ein Ding ist ein Ding, und nicht zwei Dinge zugleich: Entweder ist das da ein Schauspieler oder eine Opernfigur, beides zugleich ist nicht möglich.
Die Replik scheint einfach: Der Satz „ Ich sehe Papagenos ersten Auftritt in der Zauberflöte.“ ist nicht vollständig und genausowenig ist es der Satz „Ich sehe Wolfgang Brendels ersten Auftritt in der Zauberflöte“. Richtig hätte man sagen müssen: „Ich sehe Wolfgang Brendel in der Rolle des Papageno bei seinem ersten Auftritt in der Zauberflöte.“
Der Widerspruch ist aufgehoben: Beide Aussagen wurden in ein gemeinsames, konsistentes logisches Konstrukt integriert.
So einfach sieht Wittgenstein die Sache nicht. Ein Gegenargument:
Die wenigsten werden gewusst haben, dass die singende Person Wolfgang Brendel ist, viele davon aber sehr wohl Papageno erkannt haben.
Der Sänger hat zunächst nichts mit der Opernfigur zu tun. Ich kann den Satz „Ich sehe Papagenos ersten Auftritt in der Zauberflöte.“ verstehen, ohne Wolfgang Brendel zu kennen. Die zugrunde liegende Tatsache stellt keine notwendige Beziehung zwischen dem Sänger und der Opernfigur her.
Deutlicher wird das Argument, kommt eine zweite Tatsache hinzu:
Papageno in Mozarts Zauberflöte, Lindauer Marionettenoper, 2012 (?)
Wieder Papagenos erster Auftritt in der Zauberflöte. Dieser Umstand setzt beide Tatsachen in Beziehung zueinander: Man kann etwa Papagenos Kostüm oder sein Erscheinen auf der Bühne in der jeweiligen Inszenierung vergleichen.
Diesmal ist Papageno eine Marionette. Der Vergleich funktioniert also nur, wenn der Sänger für die Opernfigur unerheblich ist; wenn man vom Sänger absehen und trotzdem die Opernfigur betrachten kann.
Der Satz „ Ich sehe Papagenos ersten Auftritt in der Zauberflöte.“ handelt nicht von Wolfgang Brendel und es ist eine wesentliche Eigenschaft des Satzes, nicht von Wolfgang Brendel zu handeln. Wäre dem nicht so, könnte man die Kostüme zum Beispiel nur vergleichen, wenn Wolfgang Brendel sie trägt.
Die Sätze „Ich sehe Papagenos ersten Auftritt in der Zauberflöte.“ und „Ich sehe Wolfgang Brendels ersten Auftritt in der Zauberflöte“ sind logisch unabhängig voneinander und müssen es sein.
Folglich sichert der Satz „ Ich sehe Wolfgang Brendel in der Rolle des Papageno bei seinem ersten Auftritt in der Zauberflöte.“ die Selbstidentität der Gegenstände nur scheinba r: Mit Papageno meine ich eben Papageno und nicht Papageno, der von Wolfgang Brendel verkörpert wird. Und genauso meine ich mit Wolfgang Brendel Wolfgang Brendel und nicht Wolfgang Brendel in der Rolle des Papageno.
Es ist eine wesentliche Eigenschaft der Beispielsätze, logisch unabhängig voneinander zu sein. Trotzdem treffen beide Sätze gleichermaßen auf dasselbe Stück Wirklichkeit dieselbe Tatsache zu.
Die Sätze „Ich sehe Papagenos ersten Auftritt in der Zauberflöte.“ und „Ich sehe Wolfgang Brendels ersten Auftritt in der Zauberflöte.“ beschreiben zwei Sachverhalte, die unabhängig voneinander aber gleichberechtigt auf
zutreffen.
Das ist Wittgensteins Grund gedanke:
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
Zu jeder Tatsache gibt es verschiedene, logisch voneinander unabhängige Zugangs-weisen, die nicht aufeinander reduziert werden können. Jeder dieser Zugangsweisen ent ­spricht ein Sach­verhalt, der gleichberechtigt neben allen anderen Sachverhalten, die auf die Tatsache zutreffen, besteht16
Ich hatte ja nur zwei Sachverhalte unter sehr vielen denkbaren Sachverhalten herausgegriffen.
.
Umgekehrt hebt Wittgenstein dieser Idee nach aber das Prinzip der Selbstidentität eines Gegenstands als Grundprinzip der Wirklichkeit auf:
das da ist diesem Sinne nach tatsächlich zwei Dinge gleichzeitig: Papageno und Wolfgang Brendel.
Dieser Fakt stellt für uns im täglichen Umgang mit der Tatsache überhaupt kein Problem dar. Trotzdem verträgt sich diese Ansicht nicht mit der Verwendung des Wortes Ding: Ein Ding ist ein Ding und nicht zwei Dinge zugleich.
Wittgensteins Idee hebt die Selbstidentität des Dings auf.
Wittgenstein gibt die Idee aber nicht gänzlich auf, er reduziert das Prinzip nur auf eine Ebene unterhalb der Wirklichkeit. Der Gegenstand wird auf die Ebene des Sachverhalts, dessen Bestandteil er ist, reduziert.
Die Einführung des Sachverhalts nimmt dem Gegenstand (Sache, Ding) seine universelle und eigenständige ontologische Stell ung als konstituierendes Element der Wirklichkeit. Der Gegenstand wird statt dessen zur abhängige n Größe, die durch den Sachverhalt bestimmt wird.
In Sätzen 2.01 2.063 erläutert Wittgenstein die daraus resultierenden Konsequenzen für das, was wir Wirklichkeit nennen:
## Gegenstände (Sachen, Dinge)
Die Kompasssätze zum Thema Gegenstand, Sache, Ding:
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen (Sachen, Dingen).
[ …]
2.02 Der Gegenstand ist einfach.
## Kompasssatz 1: Gegenstände und Sachverhalte (Sätze 2.01*)
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen (Sachen, Dingen).
Welcher der Beispielsätze welchen Sachverhalt beschreibt, wird durch die Gegen­stände, von denen der Satz handelt, bestimmt. Der erste Satz handelt von einer Opernfigur, der zweite von einem Sänger.
Im Beispiel haben wir den Sachverhalt von der Tatsache her betrachtet: Einer Tatsache entsprechen mehrere Sachverhalte, die sich durch die Gegenstände, aus denen sie bestehen, unterscheiden. Ordnendes Element sind die Gegenstände: Sie bestimmen die Zugangsweise, zeigen den gemeinten Sachverhalt an.
2.011 Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes sein zu können.
Der erste Auftritt in der Zauberflöte ist aber nicht der einzige Sachverhalt, in dem Papageno eine Rolle spielt. Es gibt sehr viel mehr Sachverhalte, die auf Papageno zutreffen, z. B. dass er ein Vogelfänger ist, und leicht Angst bekommt.
In all diesen Sachverhalten ist von demselben Papageno die Rede. Der Gegenstand kann also nicht auf nur einen Sachverhalt reduziert werden und mehr: Der Gegenstand muss etwas sein, das den Sachverhalten, in denen er vorkommt, gemeinsam ist. Ein Mindestmaß an Selbständigkeit muss gegeben sein.
2.0122 Das Ding ist selbständig, insofern es in allen mögliche n  Sachlagen [ 17
Sachlagen sind Sachverhalte im logischen Raum. Ich komme dazu. An dieser Stelle kann man das Wort als Synonym für Sachverhalt lesen.
] vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sachverhalt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz.)
Papageno in „Papageno“, „Ich sehe Papagenos ersten Auftritt in der Zauberflöte.“ und „Papageno ist ein Vogelfänger.“ muss denselben Gegenstand meinen. Jede andere Annahme hätte absurde Konsequenzen18
Das wird im nächsten Kapitel näher beleuchtet.
.
Soweit akzeptiert Wittgenstein die Selbständigkeit der Gegenstände. Diese Selb­ständigkeit birgt aber nichts, das dem Gegenstand eigen wäre, ihm ein eigenes ontologisches Gewicht geben würde: Die Selbständigkeit der Gegenstände ist eine Form der Unselbständigkeit.
Wittgenstein geht den kleinstmöglichen Schritt und reduziert den Gegenstand auf eine Konstante, die allen Sachverhalten eigen ist, in denen er vorkommt.
Soweit die Sachverhalte, die auf den Gegenstand zutreffen. Es gibt aber auch Sach ­verhalte, die nicht auf den Gegenstand zutreffen und trotzdem von ihm handeln.
Papageno im Satz „Papageno heiratet Pamina.“ muss sich genauso, wie alle anderen Beispielsätze auch, auf denselben Papageno beziehen, der z. B. in „Papageno ist ein Vogelfänger.“ gemeint ist. Es wäre sonst unmöglich, festzustellen, dass der Sachverhalt nicht zutrifft.
Durch die bestehenden Sachverhalte allein ist die Konstante nicht vollständig bestimmt. Erst die Berücksichtigung aller möglichen Sachverhalte 19
An dieser Stelle spricht Wittgenstein zum ersten Mal davon, dass etwas möglich oder denkbar ist.
Ich lese diese Wörter im umgangssprachlichen Sinn, nicht in dem Sinn, wie sie sehr häufig in philosophischen Seminaren verwendet werden.
Es geht nicht darum, ob etwas prinzipiell möglich ist, sondern darum, wie unsere Reaktion darauf wäre, wenn es ernsthaft vorgeschlagen würde.
Es ist z. B. unmöglich, dass Papageno mir mein Portemonnaie geklaut hat. Mag sein, dass ich mir eine Welt denken kann, in der es einen diebischen Papageno gibt. Der Praxistest zeigt aber etwas anderes: Gehe ich zur Polizei, zeige Papageno ernstens als Dieb an, wäre Gelächter das Beste, was ich zu erwarten hätte. Es ist unmöglich, dass Papageno mir mein Portemonnaie geklaut hat.
, in denen ein Gegenstand eine Rolle spielen kann, bestimmen ihn voll­ständig.
2.0123 Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vorkommens in Sachverhalten.
(Jede solche Möglichkeit muss in der Natur des Gegenstandes liegen.)
Es kann nicht nachträglich eine neue Möglichkeit gefunden werden.
Die Einschränkung, dass nachträglich keine neue Möglichkeit gefunden werden kann, folgt unmittelbar aus Wittgensteins Konstrukt des Gegenstands:
Der Gegenstand ist nicht mehr als die Konstante, die verschiedenen Sach ­verhalten20
Hier müsste eigentlich Sachlage stehen.
eigen ist. Im Nachhinein etwas über die Konstante zu erfahren, hieße sie zu ändern, dann wäre es aber nicht mehr die Konstante: Ihre Semantik wäre unklar.
Diesem Denken nach ist es unmöglich einen Gegenstand nur teilweise zu kennen. Das heißt wiederum, dass die Gegenstände abschließend und vollständig vorgeben, welche Sachverhalte möglich überhaupt denkbar sind.
2.0124 Sind alle Gegenstände gegeben, so sind damit auch alle mögliche n Sachver ­ halte gegeben.
Wittgenstein begreift einen Gegenstand als Summe aller Möglichkeiten seines Auftretens in Sachverhalten21
Ich übergehe an dieser Stelle für den Moment Satz 2.01231. Die dort eingeführte Unterscheidung zwischen internen und externen Eigenschaften werde ich später aufnehmen.
. Damit wird der Gegenstand den Tatsachen gegenüber überladen. Entscheidend ist nicht, was ist (die Sachverhalte, in denen ein Gegenstand wirklich vorkommt), sondern was sein kann (die Sachverhalte, in denen ein Gegenstand vorkommen kann die Sachlagen). Der Gegenstand (Sache, Ding) ist das Zentrum eines Raum s von Möglichkeiten, der ausgeschöpft werden k ann, aber nicht muss:
2.012 In der Logik ist nichts zufällig: Wenn das Ding im Sachverhalt vorkommen kan n , so muss die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein.
[ … ]
2.013 Jedes Ding ist, gleichsam, in einem Raume möglicher Sachverhalte.
Diesen Raum kann ich mir leer denken, nicht aber das Ding ohne den Raum.
Dieser Raum ist der Kern des logischen Raums, von dem Wittgenstein spricht, wenn er die Wirklichkeit meint.
Zunächst steht aber das Wesen des Gegenstands die formalen Eigenschaften, die gegeben sein müssen, da mit etwas eine Konstante sein kann, die verschiedenen Sachverhalten eigen ist im Zentrum seines Interesses.
## Kompasssatz 2: Das Wesen des Gegenstands (Sätze 2.02*)
2.02 Der Gegenstand ist einfach.
Die wesentliche Eigenschaft des Gegenstands ist seine Einfachheit. Das heißt, er ist nicht aus Teilen irgendwelcher Art zusammengesetzt.
2.021 Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.
2.0211 Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist.
2.021 2 Es wäre dann unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen.
An der zitierten Stelle ist allein schon bemerkenswert, dass Wittgenstein seine Forderung nicht ontologisch oder empirisch begründet. Er sieht statt dessen das Funktionieren der Sprache gefährdet: Die Möglichkeit, sinnvolle Sätze zu formulieren, hängt seiner Auffassung nach davon ab, dass die Gegenstände einfach sind.
Sein Argument leuchtet aber nicht auf Anhieb ein: „ so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist“.
Am einfachsten kommt man dem Argument auf die Spur, probiert man es einfach aus.
## - Ein Experiment
Für das Experiment brauchen wir zunächst einen Gegenstand. Zum Glück sind Wittgensteins An ­forderung en an einen Gegenstand nicht sonderlich hoch:
2.02331 Entweder ein Ding hat Eigenschaften, die kein anderes hat, dann kann man es ohneweiteres durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen; oder aber, es gibt mehrere Dinge, die ihre sämtlichen Eigenschaften gemeinsam haben, dann ist es überhaupt unmöglich auf eines von ihnen zu zeigen.
[ … ]
Alles, was durch eine Beschreibung von anderen Gegenständen unterschieden werden kann, kann als Gegenstand betrachtet werden.
Ich war nun schon immer der Meinung, dass die Blütenfarbe bei Blumen sträflich vernachlässigt wird. Um das zu korrigieren, führe ich folgende Gegenstände ein:
-
Blaue Blume → Blaume
-
Rote Blume → Blote
-
Gelbe Blume → Blelbe
-
Bunte Blume → Blunte
-
Wittgensteins Bedingung ist erfüllt: Ich kann die Gegenstände durch eine Beschreibung hervorheben (alles vor den Pfeilen) und dann auf den Gegenstand hinweisen (alles nach den Pfeilen).
Als Nächstes wird ein sinnvoller Satz, der vom Gegenstand handelt, benötigt. Nehmen wir den Satz „Die Blaume blüht.“
Man muss also zeigen können, dass de r Sin n des Satzes „Die Blaume blüht.“ davon abhängt, dass eine Blaume einfach nicht zusammengesetzt ist. Es geht nicht darum, ob der Satz wahr oder falsch ist, sondern darum, ob er überhaupt einen Sinn hat, der wahr falsch sein kann.
Im Argument spricht Wittgenstein von einem zweiten Satz, von dessen Wahrheit der Sinn des betrachteten Satzes nicht abhängen darf. Die im Beispiel verwendeten Beschreibungen sind dafür gute Kandidaten: Entscheidend für Sätze im Sinne Wittgensteins ist die funktionale Abhängigkeit der Semantik des Gesamt ­konstrukts von den Bestandteilen, aus denen es besteht die Abhängigkeit des Satzsinns von den Satzbestandteilen:
4.032 […]
(Auch der Satz: „ambulo“, ist zusammengesetzt, denn sein Stamm ergibt mit einer anderen Endung, und seine Endung mit einem anderen Stamm, einen anderen Sinn.) [ 22
Eigentlich wäre Satz 5.47 hier die bessere Wahl. In diesem Satz werden aber zu viele bis jetzt noch nicht erläuterte Termini verwendet.
]
Wird im Satz „Blaue Blume“ „Blau“ durch „Rot“ ersetzt, erhält man einen anderen Sinn. Genauso, ersetzt man „Blume“ durch „Auto“: Der Sinn des Gesamtkonstrukts ergibt sich aus den Bestandteilen des Konstrukts.
Beschreibungen sind Sätze, können also wahr oder falsch sein: „Blaue Blume“ trifft z. B. auf
zu, während es auf
nicht zutrifft.
Geht man nun davon aus, dass auch die Definition ein Satz ist, k önnte sie, wie die Beschreibung, wahr oder falsch sein.
Und wäre sie falsch, weil es sich in Wirklichkeit nicht um eine Blume, sondern ein Auto handelt, wäre der Satz „Die Blaume blüht.“ unsinnig. Der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht.“ würde von der Wahrheit des Satzes „Blaue Blume“ abhängen.
Das ist unmöglich: Der Sinn des Satzes ist gegeben, ohne dass es eine Tatsache gibt, auf die er angewendet wird. Ein Vergleichsobjekt, das ich bräuchte, um festzustellen, ob „Blaue Blume“ wahr oder falsch ist, ist für das Verständnis des Sinns nicht notwendig.
Der Satz hat einen von den Tatsachen unabhängigen Sinn.
Blaume leistet dasselbe, wie die Beschreibung „ Blaue Blume“: Der Satz „Die blaue Blume blüht.“ hat denselben Sinn, wie der Satz „Die Blaume blüht.“
Ein Satz ist Blaume deshalb aber nicht: Es zerfällt nicht in Bestandteile. Es gibt keinen Sinn, der aus den Teilen hergeleitet werden könnte23
Und die Buchstaben, aus denen es zusammengesetzt ist, sind unwesentlich.
.
Die durch die Definition etablierte Bedeutung des einfachen Zeichens kann deshalb selbst auch nur einfach sein. Im anderen Falle müsste sich jede Differenzierung der Bedeutung im einfachen Zeichen ausdrücken lassen, weil sonst nicht klar wäre, was das Zeichen meint. Eine solche Differenzierung lässt ein einfaches Zeichen aber nicht zu.
Einfache Zeichen können nichts Zusammengesetztes bedeuten24
Mit seinem Argument greift Wittgenstein hier der Abhandlung weit vor. Warum einfache Zeichen nichts komplexes bedeuten können, wird später noch einmal im Zusammenhang mit dynamischen Modellen und der logischen Mannigfaltigkeit eines sprachlichen Ausdrucks thematisiert.
.
Beschreibung und das einfache Zeichen leisten dasselbe, aber auf verschiedene Art und Weise 25
FIXME:
Vielleicht ein Zitat aus der Einleitung:
[...] It is impossible, for example, to make a statement about two men [Socrates and Plato] (assuming for the moment that the men may be treated as simples), without employing two names, […]
Russell wirft an dieser Stelle Definiens und Definiendum durcheinander → simple / name in einer Dingontologie zu erwarten
.
Die Definition stellt dabei den Übergangspunkt von Sinn nach Bedeutung dar:
Ihre Form ist die eines Satzes: Ihr Sinn ergibt sich aus den Bestandteilen, aus denen sie besteht.
Ande rs als der Satz kann und darf sie aber nicht wahr oder falsch sein, stellt vielmehr klar, was ein einfaches Zeichen bedeutet.
Und das einfache Zeichen kann nur dann eine eindeutige Bedeutung haben, wenn die Definition etwas ebenso Einfaches etabliert.
Unsere Sätze bestehen aus einfachen Zeichen, die etwas Einfaches bedeuten müssen, obwohl sie durch Zusammengesetztes definiert sind.
Es wäre sonst unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen26
Dem Sinn nach Satz 2.021
.
q.e.di
Es gibt eine weitere Möglichkeit das Experiment aufzubauen, die weniger stark dem Text vorgreift, und deshalb näher an dem sein mag, was Wittgenstein meinte. Ich war aber nicht in der Lage, sie zu Ende zu führen.
Nehmen wir zunächst an, es gäbe ein Wort, das zwei Dinge gleichzeitig bezeichnet. Sagen wir Blauto steht gleichermaßen für Blume und Auto.
Im diesem Falle wäre nicht klar, ob der Satz „Das Blauto blüht.“ unsinnig ist oder nicht. Das Problem kann man lösen, indem im Zeichen Blauto Änderungen zulässt. Blauto_a könnte Blume, Blauto_b Auto bedeuten. Dann hätten wir es aber nicht mehr mit einem einfachen Zeichen zu tun. „Blauto“ wäre in Wittgensteins Sinne ein Satz.
Im anderen Falle würde die Sinnhaftigkeit von „Das Blauto blüht.“ davon abhängen, ob gerade die Blume oder das Auto gemeint ist, was nicht sein kann, soll der Satz einen klaren Sinn haben.
Mir ist an dieser Stelle aber nicht klar, welchen Satz Wittgenstein hier meint, wenn er von einem anderen Satz spricht, von dessen Wahrheit oder Falschheit der Sinn des betrachteten Satzes nicht abhängen darf. Der Satz „Mit Blauto meine ich jetzt Blume.“ würde das Beispiel ad absurdum führen, weil ein Zirkel eingeführt würde.
Im Ende ist das Ergebnis aber das Gleiche: Die durch ein einfaches Zeichen gegebene Bedeutung kann selbst wieder nur einfach sein.
Man kann bei dieser Version des Experiments, wenn ich mich nicht irre, auch ganz auf Phantasiewörter verzichten. Im Falle des Zeichens Bank ist es ja z.B. tatsächlich so, dass wir das Gemeinte erst aus dem Kontext ableiten etwa im Falle von „Ich habe einen Kredit bei der Bank.“ oder wirklich nachfragen müssen etwa im Falle von „ Die Bank ist jetzt zehn Jahre alt.“
.
## - Gegenstand und Welt
Eine Blaume ist nun nicht der interessanteste Gegenst and, de n man sich vorstellen kann.
Die Kosten ihn einzuführen, waren aber auch nicht sonderlich hoch: Alles, was es braucht, ist eine Beschreibung, die auf eine Tatsache angewendet den Gegenstand zurück­gibt.
Ich kann die Blütenfarbe der Beschreibung einer Blume hinzufügen, und so den Genstand Blume zu einem neuen Gegenstand der Blaume spezialisieren. Uninteressant ist das Ganze, weil die Blütenfarbe nichts Wesentliches der Blume beschreibt, keine Eigenschaft ist, die die Einführung eines eigenen Gegenstands rechtfertigen würde.
Wittgensteins Auffassung ermöglicht eine Inflation von Gegenständen fragwürdigen Werts, weil sie nur die formalen Eigenschaften der Gegenstände einbezieht: Die Ein­führung der Blaume mag abwegig sein, doch hindert mich nichts an Wittgensteins Idee daran, es trotzdem zu tun 27
Hier zeigt sich eine Skepsis Wittgensteins Definitionen gegenüber, die in MS 104 (Prototractatus) deutlich er zum Ausdruck kommt. [Der Lesbarkeit halber habe ich das Zitat geglättet. Original im Anhang]
3·20107 Die Zusammenfassung des Symbols eines Komplexes in ein einfaches Symbol kann durch eine Definition ausgedrückt werden. [...] Offenbar garantiert schon der Umstand der es möglich macht daß Gewisse Formen durch eine Definition zu einen Namen projiziert werden, dafür daß dieser Name dann auch wie ein wirklicher behandelt werden kann.
.
Gegenstände sind diesem Verständnis nach nur eine notwendige aber keine hinreichende Bedingung einer korrekten Beschreibung der Welt:
2.022 Es ist offenbar, dass auch eine von der wirklichen noch so verschieden gedachte Welt Etwas eine Form mit der wirklichen gemein haben muss.
2.023 Diese feste Form besteht eben aus den Gegenständen.
Aus systematischer Sicht bilden Gegenstände die Grundlage, die es erst ermöglicht, eine Beschreibung der Welt zu formulieren, aber eben nicht mehr:
Die Welt gibt keinen Kanon von Gegenständen vor, der zu ihrer korrekten Beschreibung notwendig wäre. Statt dessen gibt es verschiedene Bezugsweisen, anhand derer die Welt beschrieben werden kann, und diese Bezugsweisen unterscheiden sich in den Gegen­ständen, die in der Beschreibung genutzt werden.
Für Wittgenstein sind Gegenstände nicht Teil der Welt, sie bilden vielmehr den Werkzeugkasten, der es erst ermöglicht sinnvolle überhaupt wahrheitsfähige Beschreibungen der Welt zu geben.
2.0231 Die Substanz der Welt  kann  nur eine Form und keine materiellen Eigen ­ schaften bestimmen. Denn diese werden erst durch die Sätze dargestellt erst durch die Konfiguration der Gegenstände gebildet.
2.0232 Beiläufig gesprochen: Die Gegenstände sind farblos.
2.0233 Zwei Gegenstände von der gleichen logischen Form sind abgesehen von ihren externen Eigenschaften von einander nur dadurch unterschieden, dass sie verschieden sind.
Man kann eine Definition in diesem Sinne als Messvorschrift begreifen: Immer, wenn die gegebene Beschreibung zutrifft, darf ich das definierte Wort nutzen.
Gegenstände sind dann so etwas wie Messapparate, die auf die Tatsachen angewendet werden, und immer dann anschlagen, wenn die Definition zutrifft.
Gegenstände sind Typen keine Instanzen. Ein Gegenstand repräsentiert Nichts, das in der Welt wäre, er ist Werkzeug, die Welt zu ordnen:
Wenn ich das Wort „Mutter“ falsch schreibe, nämlich so: „Muter“, welches t habe ich vergessen, das erste oder das zweite?
Die Frage ist unsinnig, weil in „Mutter“ dasselbe t zweimal notiert ist28
Das gleiche sieht man daran, dass es für einen Taschenspieler ein Leichtes ist, uns zwei Gegenstände als einen, oder umgekehrt einen Gegenstand als zwei vorzugaukeln.
und nicht zwei Zeichen auf etwas Gemeinsames verweisen29
FIXME: Aspektabhängigkeit klar machen
.
Ist eine Blaume blau? Sowenig wie ein Thermometer, dass 200 °C heißen Dampf misst, 200 °C heiß ist, sowenig ist eine Blaume blau: Der Gegenstand ist der Messapparat, nicht das Gemessene.
Die Welt allein ist unbestimmt, macht keine Vorgaben, wie sie zu beschreiben ist. Erst das hinzutreten der Gegenstände ermöglicht klare Bilder der Welt.
2.024 Die Substanz ist das, was unabhängig von dem was der Fall ist, besteht.
Man liest häufig, Wittgenstein postuliere, dass die Tatsachen aus Gegenständen bestünden 30
Z. B. Kellerkessel → Ressourcen
. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass Gegenstände erst auf der Ebene des Sachverhalts in Wittgensteins Modell eintreten, und diese Beziehung nicht transitiv ist Sachverhalte sind logisch unabhängig voneinander. Satz 2.024 macht Wittgensteins Position noch einmal deutlich: Die Substanz (sprich: die Gegenstände) besteht unabhängig von dem, was der Fall ist (den Tatsachen): Gegenstände sind nicht Teil der Welt, bilden vielmehr ein Gerüst, das als Bedingung einer sinnvollen Beschreibung zur Welt hinzutritt 31
Diese Lesart kann auch als Einzige den diametralen Widerspruch zwischen einer Tatsachenontologie einerseits und einfachen Gegenständen, aus denen diese Tatsachen bestehen, andererseits vermeiden.
.
2.025 Sie ist Form und Inhalt.
Gegenstände erfüllen dabei zwei Funktionen. Einerseits Stellen sie klar, von was die Rede ist, welche Bezugsweise gewählt wurde: Das ist der inhaltliche Aspekt. Andererseits geben sie der Welt Struktur. Schon in Satz 2.0123 (vgl. S.11) identifiziert Wittgenstein das Wissen, was ein Gegenstand ist, mit dem Wissen, in welchen Sachverhalten er eine Rolle spielen kann. Das ist der formale Aspekt des Gegenstands. Der Satz „Die Blume blüht.“ hat im Gegensatz zum Satz „Das Auto blüht.“ Sinn. Die Möglichkeit in bestimmten Sachverhalten vorkommen zu können, in anderen nicht, gibt dem Raum, der von den Gegenständen aufgespannt wird, Struktur.
Nun hat nicht jede Eigenschaft eines Gegenstands die gleiche Bedeutung, was seine Möglichkeiten des Vorkommens in Sachverhalten angeht.
2.01231 Um einen Gegenstand zu kennen, muss ich zwar nicht seine externen aber ich muss alle seine internen Eigenschaften kennen.
Die Farbe des Balls ist unerheblich dafür, ob er zum Fußballspielen verwendet werden kann, oder nicht. Folglich machen wir bezüglich der Farbe keine Ein­schränkungen, wenn wir beurteilen, ob etwas ein Ball ist. Sollte er dagegen nicht rund sein, wären wir nicht bereit, von einem Ball zu reden.
Alle Eigenschaften, die relevant dafür sind, ob ein Gegenstand in einem Sachverhalt vorkommen kann oder nicht, sind die internen Eigenschaften des Gegenstands, alle unwesentlichen die externen.
2.0272 Die Konfiguration der Gegenstände bildet den Sachverhalt.
2.03 Im Sachverhalt hängen die Gegenstände ineinander, wie die Glieder einer Kette.
In Sachverhalten sind Gegenstände nicht einfach wahllos zusammengewürfelt.
Entlang ihrer internen Eigenschaften lassen Gegenstände bestimmte Kombinationen zu, andere nicht.
2.031 Im Sachverhalt verhalten sich die Gegenstände in bestimmter Art und Weise zueinander.
2.032 Die Art und Weise, wie die Gegenstände im Sachverhalt zusammenhängen, ist die Struktur des Sachverhaltes.
2.033 Die Form ist die Möglichkeit der Struktur.
Wittgenstein festigt an dieser Stelle einen Begriff, den er in der Abhandlung immer wieder als technischen Term nutzt:
2.026 Nur wenn es Gegenstände gibt, kann es eine feste Form der Welt geben.
2.027 Das Feste, das Bestehende und der Gegenstand sind Eins.
He compares linguistic expression to projection in geometry. A geometrical figure may be projected in many ways: each of these ways corresponds to a different language, but the projective properties of the original figure remain unchanged whichever of these ways may be adopted.
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Was ist Wahrheit?
Wittgensteins
Logisch - Philosophische Abhandlung
Marcus Hinz
ἔστιν ἔστιν
Inhalt
Inhalt
1 - Tatsachen und Sachverhalte 1
1.1 Russells Sicht 2
1.2 Die Idee 3
1.2.1 - Tatsachen 4
1.2.2 - Sachverhalte 5
2 - Thing Thinking Strikes Back Gegenstände & Logischer Raum 9
2.1 Gegenstände und Sachverhalte 9
2.1.1 - Die Substanz der Welt 10
2.1.2 - Die Form des Gegenstands 15
2.2 Der logische Raum 17
##
(Eine erste) Einleitung
Wittgenstein und der Linguistic Turn
Zu Beginn ein e kurze Einordnung der Diskussion, die ich in diesem Buch führen möchte.
De r Ausgangspunkt meiner Überlegungen zur Abhandlung sind Wittgensteins einleitende Bemerkungen zur Ontologie (Satz­reihe 1.* und Sätze 2 & 2.01 der Abhandlung ), in denen er die Begriffe Tatsache und Sachverhalt einführt, aber eine klare Abgrenzung der Begriffe schuldig bleibt.
Zur Abgrenzung dieser Begriffe habe ich eine These formuliert, die es erlaubt, die Abhandlung insgesamt als geschlossenen Text zu ver­stehen, statt sie wie häufig zu lesen als Ansammlung zusam­men­hang­loser Aphorismen zu be­greifen.
Meine Idee unterstellt der Abhandlung ein klares onto­logisches Fundament, das auf Tatsachen und Sachver­halten beruht.
In Satz­reihe 5 wird dieses Fundament zum tragende n Element der Formulierung der all­ge­meinen Satzform, mit der Wittgenstein die philo ­so ­phischen Probleme „im Wesent ­li ­chen endgültig gelöst“ zu haben glaubt.
Ontologische Überlegungen so sehr ins Zentrum Wittgensteins Denken zu rücken, passt nicht zu seinem philoso­phi­schen Hin­ter­grund.
Der frühe Wittgenstein wird zu den Denkern des Linguistic Turn ge­rechnet, von manchen sogar als der eigentliche Protagonist der spra­ch­lichen Wende betrachtet.
Kennzeichnendes Merkmal des Linguistic Turn ist die Abwen­dung von ontologischen Fragestellungen hin zu einer Analyse der Sprache und ihres Funktionierens.
Zentral ist dabei die Annahme, dass die Komplexität und Intrans ­ parenz der Umgangssprache Ideen nahelegt, die in der alten Philosophie zu gravierenden Irrtümern geführt haben.
Ziel einer neuen Philosophie ist es deshalb, diese Irrtümer zu ver­meiden.
An die Stelle einer Analyse der Wirklichkeit tritt die Analyse der Sprach ­mechanismen, die die Irrtümer der alten Philosophie ver­ursachen.
Auf Basis dieser Analyse haben Bertrand Russell und Alfred North Whitehead auf der einen Gottlob Frege auf der anderen Seite versucht, Sprache n zu entwickeln, mit der sich die Welt ohne irreführenden Ballast beschreiben lässt.
Eine klare Sprache macht unklares Denken unmöglich.
Denken ist in diesem Sinne etwas genuin sprachliches, eine Art innerer Monolog, der nur richtig geführt werden muss, um den Irrtümern der alten Philosophie zu entgehen.
Die Gründe, Wittgenstein dieser Gruppe zuzuordnen, sind offen ­sichtlich:
-
Wittgenstein hat den richtigen Stallgeruch: Russell war sein philosophischer Ziehvater.
-
Sprache und Denken sind für Wittgenstein identisch: „Der Gedanke ist der sinnvolle Satz.“
Abhandlung Satz 4.
-
Auch Wittgenstein sieht in der Komplexität und Intrans­parenz der Umgangssprache die Wurzel aller Irrtümer der Philosophie.
Die Nutzung einer Sprache von der Art, wie Russell und Frege sie erdacht haben, kann helfen, diese Irrtümer zu ver ­me iden.
Abhandlung Sätze 3.325, 4.002 & 4.003
Ich habe deshalb lange überlegt, die Abhandlung im Kontext des Linguistic Turn und seiner Akteure vor­zu­stellen.
Ich halte diese Idee inzwischen für falsch.
Ich habe zwei Bedenken.
Am einfachsten kann ich mein erstes Bedenken an einem Problem erläutern, das die Philosophie schon seit dem Beginn ihrer Aufzeichnung begleitet: D as Universalien problem.
Kurz gesagt geht es dabei um die Frage, ob Universalien also abstrakt e oder allgemein bezeichnende Dinge, wie Farben, Gefühle, Zahlen, Werte, etc. Entsprechungen in der Welt haben oder nicht.
Für den Linguistic Turn war dieses Thema zentral, die Positionierung in der Frage klar nominalistisch:
Nehmen wir als Beispiel die Farbe Rot.
Die Annahme der Existenz eine s Dings, d as die Farbe selbst repräsentiert, ist aus der Sicht des Linguistic Turns para­digmatisch für einen Irrtum, der durch ein Missverständnis der Umgangssprache entsteht.
Hinter der Annahme steht die naive Sicht, das s alle s, was in der Sprache eine dingliche Form hat, auch eine dingliche Ent ­sprechung in der Welt braucht.
So wird überflüssigerweise ein metaphysischer Gegenstand geschaffen, der nur zu Verwirrungen führt. Es ist z.B. völlig unklar, wo diese s Ding seinen Platz in der Welt hätte (Wo wohnt Rot, und wer zahlt die Miete?).
Universalien haben keinen Platz in der Welt, sind vielmehr Konstrukte, die uns helfen eine dinglich gegebene Welt zu ordnen und zu verstehen.
Anders Wittgenstein:
5.61 Die Logik erfüllt die Welt; die Grenzen der Welt sind auch ihre Grenzen.
Wir können also in der Logik nicht sagen: Das und das gibt es in der Welt, jenes nicht.
[ ... ]
Wittgensteins Antwort ist gleich in zwei Hinsichten nicht nomi­na­listisch:
-
Der Nominalismus gibt vor, die Frage nach der Existenz der Universalien entscheiden zu können.
Wittgenstein weißt schon die Frage zurück.
-
Hinter dem Nominalismus steht eine Dingontologie, die versucht, eine gewisse Art von Gegenständen anders zu behandeln, als die gewöhnlichen.
Wittgenstein trifft eine solche Unterscheidung nicht.
Mein zweites Bedenken ist die Konsistenz des Textes.
Möchte man nicht schon in Satz 2.01 zum Schluss kommen, dass Wittgenstein inkonsistent argumentiert, muss de r Unter ­schied zwischen Tatsache und Sachverhalt ein größerer sein, als ihn z.B. Russell in seiner Einleitung annimmt.
Dieses Thema werde ich in Kapitel 1 besprechen.
Wittgenstein lehnt die Gedanken des Linguistic Turn aber nicht ab. Er führt sie vielmehr fort. Er vollendet den Kreis, der mit der sprachlichen Wende begonnen wurde.
Er gibt der Wende damit ein Fundament, das es erst ermöglicht, viele ihrer Gedanken konsistent und vollständig zu auszu­sprechen.
Mit diesen Überlegungen hat er ein Modell der Welt sui generis geschaffen. Auch nur ähnliche Überlegungen habe ich nirgends gesehen.
Wittgenstein kommt aus dem Linguistic Turn, seine Ideen zeigen z.B. aber auch eine erstaunliche Nähe zu Platon, Kant und Leibnitz.
Der Versuch, Wittgenstein in einen Kontext zu stellen, und ihn aus diesem Kontext heraus zu verstehen, macht deshalb wenig Sinn. Insofern werde ich mich von wenigen Stellen abgesehen auf die Abhandlung selbst konzentrieren.
Nur Russell genauer die Einleitung, die er zur Abhandlung verfasst hat werde ich häufiger zitieren, um eine andere Meinung zum Text zu haben.
Ich tue Russell damit Unrecht.
Wittgenstein hat alles nur erdenkliche unternommen, um das Verständnis der Abhandlung zu erschweren oder unmöglich zu machen
Die Abhandlung ist sicher die einzige philosophische Schrift, die es zum Libretto einer Oper geschafft hat.
.
Und los ...
## Tatsachen und Sachverhalte
Eine der größten Schwierigkeiten, denen man beim Lesen der Abhandlung begegnet, ist Wittgensteins Eigenart, Termini technici einzuführen, ohne sie als solche zu kenn­zeichnen, geschweige denn ihre Bedeutung zu erläutern.
Den ersten Kandidaten begegnet man direkt zu Beginn der Abhandlung : Wittgenstein führt hier die Begriffe Tatsache und Sachverhalt ein.
Der Terminus Tatsache wird in Satzreihe 1 direkt zu Beginn der Abhandlung eingeführt. Dort handelt Wittgenstein in kurzen Worten seine Ontologie ab:
1 Die Welt ist alles, was der Fall ist.
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
In Satz 1.1 grenzt Wittgenstein seine Tatsachenontologie gegen eine sicherlich üblichere Ding­ontologie ab.
Ihrem Grundgedanken nach betrachtet eine Ding ­ontologie die Dinge als die konstituierenden Elemente der Welt, aus denen sich die Tatsachen als Kombinationen der Dinge herleiten.
In diesem Sinne ist die Welt die Gesamtheit der Dinge, alles andere nur eine Ableitung daraus.
Wittgenstein setzt der Dingontologie die Tatsache als kon ­sti ­tuierendes Element der Welt entgegen.
Er kehrt dabei aber nicht einfach nur das Verhältnis von Ding und Tatsache um. Statt dessen führt er mit den Sachverhalten eine Ebene ein, die zwischen Tatsachen und Dingen steht:
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegen ­ständen. (Sachen, Dingen.)
Während Wittgenstein d ie Beziehung von Gegen ­stand und Sach ­verhalt erläutert, bleibt er in der Beschreibung de r Beziehung von Tatsache und Sachverhalt vage:
Der Sachverhalt ist ein einfacher Komplex, der sich aus Dingen zusammensetzt „eine Verbindung von Gegen­ständen. (Sachen Dingen.)“
Die Tatsache dagegen „ ist das Bestehen von Sach ­ver ­halten“. „ ist“ legt hier eine sehr enge Beziehung von Tatsache und Sachverhalt nahe, erklärt aber nicht, wie sich diese Beziehung gestaltet.
## Russells Sicht
In seinem Vorwort zur Abhandlung erläutert Russell seine Sicht:
What is complex in the world is a fact. Facts which are not compounded of other facts are what Mr. Wittgenstein calls Sachverhalte, whereas a fact which may consist of two or more facts is a Tatsache: thus, for example “Socrates is wise” is a Sachverhalt, as well as a Tatsache, whereas “Socrates is wise and Plato is his pupil” is a Tatsache but not a Sachverhalt.
Russell schwebt an dieser Stelle wohl ein hierarchisches Modell vor, in dem die Gegenstände die Bausteine von Komplexe n sind, die selbst wieder Bausteine größere r Komplexe sein können.
Sachverhalt und Tatsache unterscheiden sich dieser Sicht nach nicht wesentlich:
-
Jeder Sach­verhalt ist für sich selbst bereits eine Tat ­sache.
-
Die Beziehung von Tatsache und Sachverhalt ist analog der von Ding und Sachverhalt: Eine Tat ­sache ist ein einfacher Komplex aus Sach ­ver ­halten.
Russell dehnt den Text an dieser St elle:
In Satz 2 definiert Wittgenstein die Tatsache als das Bestehen von Sachverhalten
Einer Tatsachen entsprechen mehrere Sachverhalte.
In Satz 2.06 wird die Kardinalität noch etwas deutlicher:
2.06 [ … ]
(Das Bestehen von Sachverhalten nennen wir auch eine positive, das Nichtbestehen eine negative Tatsache.)
. Strenger Lesart nach lässt diese Aus ­sage keinen Raum, einen einzelnen Sach ­verhalt als Tatsache zu be ­trachten.
Auf der anderen Seite geht Wittgenstein auf die Beziehung von Tatsache und Sachverhalt nicht näher ein.
Die Vermutung liegt nahe, dass Russell hier die aus seiner Sicht einfachste Annahme zum Verhältnis von Sach verhalt und Tat­sache getroffen hat.
Mit Russells Lesart wird die Abhandlung aber bereits an dieser Stelle inkonsistent:
Ist der Sachverhalt eine Verbindung von Gegen ­ständen und die Tatsache wiederum eine Verbindung von Sachverhalten, ist auch die Tatsache zumindest mittelbar aus Gegenständen zusam­men­gesetzt.
Dann wären aber die Gegenstände die konsti­tu ­ieren ­den Elemente der Welt, nicht, wie in Satz 1.1 postuliert, die Tatsachen.
## Die Idee
In Satz 2.01 schreibt Wittgenstein explizit, dass der Sachverhalt eine Verbindung von Gegenständen (Sachen, Dingen) ist.
Es gibt aber keine Stelle in der Abhandlung, in der Wittgenstein schreib t, dass die Tatsache ebenso aus Gegen­ständen zusam ­mengesetzt ist.
Genauso wenig gibt es eine Stelle in der Abhandlung, in der Wittgenstein schreib t, dass die Tatsache eine Ver ­bindung von Sach ­verhalten ist.
Der Text lässt demnach Raum, die Inkonsistenz in Russells Sicht zu vermeiden.
Dazu müsste die Beziehung von Tatsache und Sach­verhalt so gestaltet sein, dass zwar Sachverhalte aus Gegen­ständen zusam ­men­gesetzt sind, Tat­sachen dagegen nicht.
Hier eine These, die Russells Widerspruch vermeidet, und der Abhandlung da rüber hinaus e inen Über­bau gibt , der eine Sicht auf den Text als schlüssiges Ganzes erlaubt, statt ihn wie häufig zu lesen als eine Ansammlung von Aphorismen erscheinen zu lassen.
## Tatsachen
Eine Tatsache ist jedes Stück Welt, über das wir, ohne den Kontext zu kennen, sinnvolle Aus ­sagen treffen können
Ich vermeide hier bewusst die Aussage, dass Tatsachen unab ­hängig voneinander sind.
Wittgenstein sagt von Sachverhalten zwar explizit, dass sie unabhängig voneinander sind (Satz 2.061), von Tatsachen sagt er das aber nicht (Satz 1.21).
Inzwischen glaube ich, dass der Unterschied, den Wittgenstein hier macht, eine Signifikanz mit Blick aus Satz 6.45 hat.
Selbst wenn es Abhängigkeiten zur Tatsache gibt, die wir nicht kennen, können wir doch Aussagen zur Tatsache machen.
Wir müssen nicht die Welt als Ganzes vor Augen haben, um Bilder der Welt haben zu können das zeigt umgekehrt dann aber auch die Grenzen der Bilder.
. Zum Beispiel so etwas
Ich werde Tatsachen immer als Fotografien darstellen. Das ist natürlich ein Kompromiss: Gerüche, Haptik und Geräusche werden so z um B eispiel nicht abgebildet, obwohl sie Teil der Tatsache sind. Es ist das Beste, das ich in einem Buch liefern kann.
:
Wolfga ng Brendel als Papageno in Mozarts Zauberflöte, München 2005
Der Kontext der dargestellten Tatsache ist nicht bekannt. Man weiß z.B. nicht, ob sich noch weitere Sänger auf der Bühne befinden. Genauso wenig ist klar, ob es sich um eine Probe oder eine Aufführung handelt, etc..
Trotzdem ist es möglich sinnvolle Aussagen zur Tatsache zu machen, zum Beispiel, dass ein Mann auf einer Bühne steht.
Anders in diesem Fall:
Foto
In diesem Fall erkennt man die Sinn einheit nicht, w eshalb sich bestenfalls diffuse Aussagen treffen lassen. Es ist keine Tat ­sache, einfach weil nicht klar wäre, worin sie denn bestünde.
## Sachverhalte
Zu den Sachverhalten kommt man, stellt man die Frage, aus welchen Dingen sich die Tatsache zusammensetzt.
Es gibt tausend Antworten auf diese Frage. Ich möchte zwei herausgreifen und ein wenig näher betrachten:
-
Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zau ­ber ­flöte.
-
Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.
Beide Aussagen sind wahr, beide Aussagen beziehen sich auf denselben Gegenstand, nämlich
diesen da.
Für eine Dingontologie ist das ein Problem:
Sollen die Dinge die konstituierenden Elemente der Welt sein, muss jederzeit klar sein, was ein Gegenstand ist, sonst wäre die Welt nicht eindeutig bestimmt.
Hier sieht es so aus, als wäre ein Ding zwei Dinge gleich­zeitig: Ein Opern­sänger und eine Opernfigur.
Die Antwort scheint zunächst einfach:
Die Aussagen, die ich ausgewählt habe, notieren nicht voll ­ständig. Richtig hätte es heißen müssen:
„ Es ist Wolfgang Brendel in der Rolle des Papageno bei seinem ersten Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“
Das Subjekt dieser Aussage ist Wolfgang Brendel, der so als das konstituierende Ding in der Tatsache gekenn­zeichnet wird. Die Opernfigur Papageno wird als Attribut de r Konstituente auf ­gelöst, und verschwindet damit als kon ­sti ­tuierendes Element der Welt.
Ein Gegenargument:
Die wenigsten werden gewusst haben, dass die singende Person Wolfgang Brendel ist, viele davon aber sehr wohl Papageno erkannt haben.
Der Sänger hat zunächst nichts mit der Opernfigur zu tun.
Ich kann den Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ verstehen, ohne Wolfgang Brendel zu kennen.
Die zugrunde liegende Tatsache stellt also keine not ­wendige Beziehung zwischen dem Sänger und der Oper n­figur her.
Deutlicher wird das Argument, nimmt man eine zweite Tat­sache hinzu:
Papageno in Mozarts Zauberflöte, Lindauer Marionettenoper, 2012 (?)
Wieder Papagenos erster Auftritt in der Zauberflöte.
Dieser Umstand setzt beide Tatsachen in Beziehung zueinander: Man kann etwa Papagenos Kostüm oder sein Erscheinen auf der Bühne in der jeweiligen Inszenierung vergleichen.
Diesmal ist Papageno eine Marionette.
Der Vergleich funktioniert nur, wenn der Sänger für die Opern ­figur unerheblich ist; wenn man vom Sänger absehen und trotz ­dem die Opernfigur betrachten kann.
Der Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ handelt nicht von Wolfgang Brendel und es ist eine wesentliche Eigenschaft des Satzes, nicht von Wolfgang Brendel zu handeln.
Wäre dem nicht so, könnte man z.B. die Kostüme nur ver ­gleichen, wenn Wolfgang Brendel sie trägt.
Die Sätze „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ und „ Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte“ sind logisch unabhängig von ­einander und müssen es sein.
Trotzdem treffen beide Sätze gleichermaßen auf dasselbe Stück Welt dieselbe Tatsache zu.
Die Sätze beschreiben zwei Sach­verhalte, die unabhängig von ­einander aber gleich­berechtigt auf
zutreffen.
Das ist Wittgensteins Grund gedanke:
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
Zu jeder Tatsache jedem Stück Welt gibt es ver ­schiedene, logisch von ­einander unabhängige Zugangs ­weisen, die nicht auf ­einander reduziert werden können.
Jeder dieser Zugangsweisen ent ­spricht ein Sach­verhalt, der gleichberechtigt neben allen anderen Sachverhalten, die auf die Tatsache zutreffen, besteht.
Umgekehrt: Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugs ­weise nur für sich existiert, gibt es nicht.
dieses da ist wirklich zwei Dinge gleichzeitig: Je nach Bezugs­weise Papageno oder Wolfgang Brendel.
Ge genstände sind in diesem Sinne nichts in der Welt. Sie kenn­zeichnen vielmehr Aspekte der Welt mögliche Bezugs­wei­sen auf Tatsachen, die die Welt konstituieren.
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
## Thing Thinking Strikes Back Gegenstände & Logischer Raum
Thema in Satzreihe 2 der Abhandlung ist das Bild der Tatsache.
Bilder stellen Sachverhalte dar.
Die Sachverhalte wurden als mögliche Zugangsweise n zur Tat ­sache eingeführt.
In den Vorbemerkungen
Ich habe den Teil zur Form der Abhandlung noch nicht in das neue Manuskript übernommen. Kurz zum Thema Vor­be­merkung:
-
Wittgenstein erläutert die Systematik der Satz­num­mern in Fußnote zu Satz 1.
-
Satznummern, die eine 0 enthalten, sollte es laut dieser Systematik nicht geben.
-
Über 50% des Textes findet sich in Sätzen mit Satz­num­mern, die eine 0 enthalten.
-
Meine These zur Systematik dieser Nummern:
-
Die 0 in der Satznummer führt einer ­seits dazu, dass die Nummer länger wird. Das logische Gewicht so num ­merierter Sätze wird dadurch geringer.
-
In der Sortierung rutscht der so num ­merierte Satz aber vor die Sätze mit regulärer Num­merierung.
Die 0 in der Satznummer gibt Wittgenstein die Möglichkeit Sätze an der regulären Systematik vorbei, vor andere Sätze zu schmuggeln, ohne ihnen ein ungewollt hohes logisches Gewicht geben zu müssen.
Ich behandle diese Sätze als einleitende Bemerkungen zum eigentlichen Thema, das in den regulär nummerierten Sätzen besprochen wird.
0 steht für eine Vorbemerkung zu regulären Sätzen, 00 für Vorbemerkungen zu Sätzen, deren Nummer eine 0 enthält.
zu m Bild Satzreihe 2.0* kehrt Wittgenstein die Betrachtungsweise um:
Er betrachtet die Bestandteile des Sachverhalts Gegenstände und ihre Möglichkeiten, sich zum Sachverhalt zu verbinden den logischen Raum.
An dieser Stelle führt Wittgenstein in Satz 2.0121 auch einen neuen Terminus technicus ein, den er, genau wie die Termini Sach ­ verhalt und Tatsache in keiner Weise abgrenzt: die Sachlage.
Zentral zur Abgrenzung dieses Terminus ist der logische Raum.
Was Wittgenstein mit dem logischen Raum meint, ist an dieser Stelle noch unklar. Ich möchte dem Text so wenig wie möglich vorgreifen, weshalb ich den Terminus zunächst synonym zum Sachverhalt lesen werde.
Liest man Satzreihe 2.0* mit Blick auf die Wörter „Sachverhalt“ und „Sachlage“ aufmerksam, kann man sie für Synonyme halten. Mal benutzt Wittgenstein den einen mal den anderen Ausdruck, ohne dass sich eine Regel erkennen ließe (dazu besonders Sätze 2.0124 & 2.014).
Diese Beobachtung ist richtig. Trotzdem sind die Termini keine Synonyme. Wichtig zur Abgrenzung sind nicht die Termini selbst, sondern der logische Raum.
Sobald der logische Raum eingeführt ist, werde ich die Abgrenzung nachholen.
## G egenstände und Sachverhalte
De r im Beispiel angesprochene Sachverhalt ist nicht de r ein ­zige Sachverhalt, in de m Papageno vorkommt.
Papageno ist z.B. ein Vogelfänger und ein ziemlich ängstlicher Typ, der zum Trinken neigt.
In jedem dieser Sachverhalte spielt derselbe Papageno eine Rolle, der auch seinen ersten Auftritt in der Zauberflöte hat.
Der Gegenstand kann also nicht auf einen einzigen Sach ­verhalt reduziert werden.
Papageno muss ein gemeinsame r und deshalb unabhängiger Teil verschiedener Sachverhalte sein.
Die hier geforderte Unabhängigkeit ist d er Kern jeder Ding ­ontologie:
Niemand wird ernsthaft bestreiten können, dass es sich bei Papageno in allen genannten Sachverhalten um denselben Gegen ­stand handelt.
Ein Ding ist dann im Minimum nichts weiter als das, was all diesen Sachverhalten gemeinsam ist und existieren muss.
Wittgenstein antwortet auf diese s Argument mit einem ent­schie­denen „Ja, aber …“.
D ieses Argument ist das Thema der Satzreihe 2.0*.
Der eigentlich argumentative Teil umfasst dabei Satzreihen 2.01* und 2.02*.
In Satzreihe 2.01* bedient Wittgensteins die tat­sachen­onto ­lo ­gische Sicht die Form des Gegenstands, während er in Satzreihe 2.02* d ie dingontologische Sicht die Substanz der Welt betrachtet.
Da ich bis hierher eine „dingontologie“ als Blaupause für meine Diskussion der Abhandlung nutze, ist es günstiger, mit Satzreihe 2.02* zu beginnen:
## Die Substanz der Welt
Die Annahme, dass es Dinge in der Welt gibt, hat Gründe:
Gegenstände sind Konstanten, die uns in verschiedenen Kon ­texten immer wieder begegnen.
Diese vom Einzelfall unabhängige Konstanz setzt eine gewisse Integrität einen inneren Halt des Gegenstands voraus, der nur durch ein Ding gegeben sein kann.
Oft ist von der Selbstidentität des Dings die Rede. Wittgenstein dazu in Satz 5.5303.
Manchen Lesarten nach ist das Kants Ding an sich.
Gibt man die Idee des Dings in der Welt auf, geht die se Integri­tät verloren.
Wittgenstein dazu:
2.02 Der Gegenstand ist einfach.
[ … ]
2.021 Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.
[ … ]
2.024 Die Substanz ist das, was unabhängig von dem was der Fall ist, besteht.
[ … ]
2.027 Das Feste, das Bestehende und der Gegen­stand sind Eins.
2.0271 Der Gegenstand ist das Feste, Bestehende; die Konfiguration ist das Wechselnde, Unbestän ­dige.
2.0272 Die Konfiguration der Gegenstände bildet den Sachverhalt.
Wittgenstein nimmt zwei Gedanken de r Ding­onto ­logie auf:
-
Dinge sind von den Sachverhalten unabhängig.
Dinge sind die Konstanten das Feste, Bestehende aus denen die Sachverhalte die Konfigurationen auf­ge­baut sind.
-
Diese Unabhängigkeit muss durch eine besondere Eigen­schaft der Gegenstände gesichert sein:
Gegenstände sind einfach.
Wie weit Wittgenstein trotz dieser Äußerungen von einer Ding­ontologie entfernt ist, zeigt das Argument, das zeigen soll, warum Gegenstände nicht zusammengesetzt sein können:
2.0211 Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist.
2.0212 Es wäre dann unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen.
Schon beim ersten Hinsehen ist klar, dass Wittgenstein hier auf der bildlichen Ebene argumentiert, um eine zumindest scheinbar onto ­logi ­sche These zu belegen.
Mit dem Argument greift er der Abhandlung aber weit vor. An dieser Stelle ist es am einfachsten, es auszuprobieren:
Nehmen wir an, ich sei der Auffassung, die Farbe sei bei der Namensgebung der Blume schon immer sträflich vernach­lässigt worden.
Statt von Blumen möchte ich deshalb im Falle von:
roten Blumen → Bloten
gelben Blumen → Blelben
blauen Blumen → Blaumen
[ … ]
sprechen.
Mit der Blote, Blelbe und Blaume habe ich drei Gegen­stände eingeführt, die Wittgensteins Anforderung an einen Gegen­stand aus Satz 2.02331 genügen: Man kann Blote, Blelbe und Blaume „durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen“.
Als sinnvollen Satz, der von einem der Gegenstände handelt, nehmen wir einfach „Die Blaume blüht“.
Man muss also zeigen können, dass der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht“ davon abhängt, dass eine Blaume einfach nicht zusammengesetzt ist.
Es geht nicht darum, ob der Satz wahr oder falsch ist, sondern darum, ob er überhaupt einen Sinn hat, der wahr oder falsch sein kann.
Im Argument ist von einem zweiten Satz die Rede, von dessen Wahr- oder Falschheit der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht.“ nicht abhängen darf.
Die zur Definition der Gegenstände genutzten Beschreibungen sind naheliegende Kandidaten.
Dass es sich bei den Beschreibungen um Sätze handelt, sieht man daran, dass sich ihr Sinn funktional aus den Satz­bestand­teilen herleiten lä sst. Nehmen wir den Satz „blaue Blume“:
Ersetzt man „blaue“ durch „rote“ ergibt sich ein neuer Sinn, genauso ersetzt man „Blume“ durch „Auto“.
Dazu zunächst Satz 4.032.
Im Argument spielt Wittgenstein mit der Unterscheidung von Sinn und Bedeutung, die noch nicht eingeführt sind. Das Thema wird noch näher beleuchtet.
Die Änderung des Sinns ist in beiden Fällen eine Funktion der Änderung des Bestandteils.
Da sie Sätze sind, können Beschreibungen wahr oder falsch sein. „blaue Blume“ trifft z.B. auf
zu, während sie auf
nicht zutrifft.
Und wäre die Beschreibung falsch, weil es sich in Wirklichkeit nicht um eine Blume, sondern ein Auto handelt, wäre der Satz „Die Blaume blüht.“ unsinnig.
Der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht.“ würde von der Wahrheit des Satzes „blaue Blume“ abhängen.
Das ist unmöglich: Der Sinn des Satzes ist gegeben, ohne dass es eine Tatsache gibt, auf die er angewendet wird.
Die Ver ­gleichs ­tatsache, d ie ich bräuchte, um festzustellen, ob „ blaue Blume“ wahr oder falsch ist, ist für das Verständnis des Sinns nicht notwendig.
Noch etwas einfacher und plastischer kann man dasselbe Argument an eine m logischen Zirkel in einer Bemerkung Russells in der Einleitung verdeutlichen:
It is impossible, for example, to make a statement about two men (assuming for the moment that the men may be treated as simples), without employing two names […]
Mit den Personen meint Russell Sokrates und Platon.
I n seiner Bemerkung in der Klammer bezweifelt er, dass diese Personen als einfache Dinge betrachte t werden können.
Im Umkehrschluss handelt es sich bei Sokrates und Platon um Komplexe also zusammensetzte Dinge.
Als Nächstes stellt sich die Frage, aus welchen Dingen sich die Person en dann zusammensetz en.
Hier gibt es viele mögliche Antworten. Man kann sie etwa als die Summe ihrer Handlungen und Erlebnisse auffassen, oder als die Summe ihrer Organe, etc..
Die Diskussion, welche Bausteine denn die richtigen sind, und warum es ausgerechnet diese sein sollten, möchte ich an dieser Stelle außen vor lassen.
Für den Zirkel ist es unerheblich, welche Bausteine man für den Komplex wählt. Man kann auch die Summe aller möglichen Bausteine wählen.
Nehmen wir für den Moment an, dass die Körperteile einer Person die Bausteine sind, aus denen sie sich zusammensetzt.
Russells Beispielsatz
Plato liebt Sokrates.
ließt sich dann
Kopf, Arme, Beine und Rumpf lieben Kopf, Arme, Beine und Rumpf.
Passt fast, aber nicht ganz: Der Satz
Demokrits Kopf, Heraklits Arme, Kritias Beine und Thales Rumpf lieben Antiphons Kopf, Aristoteles Arme, Diogenes Beine und Epiktets Rumpf.
erfüllt den transformierten Satz, sagt aber nicht, was mit Plato liebt Sokrates gemeint ist.
Im Minimum muss sicher gestellt sein, dass die Körperteile zur jeweils gemeinten Person gehören. Also notieren wir:
Platos Kopf, Platos Arme, Platos Beine und Platos Rumpf lieben Sokrates Kopf, Sokrates Arme, Sokrates Beine und Sokrates Rumpf.
qed.
Der Satz hat einen von den Tatsachen unabhängigen Sinn.
„Blaume“ ist ein einfaches Zeichen.
Schreibe ich statt „Blaume“ „Blaame“ oder „Plaume“ sind das Fehler in der Rechtschreibung, ich erhalte keine andere Be­deu­tung.
Und wäre dem so, hätten wir es mit einem Satz und seinem Sinn zu tun.
Das ist der wesentliche Unterschied zwischen Sinn und Bedeutung. Dazu noch einmal Satz 4.032.
Bedeutung ist im Gegen­satz zum Sinn keine Funktion der Bestandteile eines Ausdrucks.
Deshalb kann das, was das Zeichen vertritt seine Bedeutung, auch nur einfach sein. Sollte es hier Differenzierungen geben, könnten sie im Zeichen keinen Ausdruck finden. Die Bedeutung des Zeichens wäre unklar.
Einfache Zeichen können nichts Zusammengesetztes bedeuten.
Die Bedeu tung von „Blaume“ wurde durch einen Satz fest­gelegt.
Wesentlich für die Bedeutung ist aber, dass sie einfach ist und nicht wahr oder falsch sein kann. Nur so kann sie den Sinn eines Satzes eindeutig bestimmen.
Wittgenstein argumentiert an dieser Stelle rein formal sprach­mecha­nisch könnte man sagen.
Die Semantik von „Blaume“ spielt keine Rolle. Nehmen wir fol­gen­den möglichen Einwand zur Illustration:
Der Satz „Die Blaume blüht.“ ist sinnvoll, weil Blaume von Blume hergeleitet ist:
Blaume ist nicht einfach, sondern aus der Farbe Blau und der Blume zusammengesetzt. Die Sinnhaftigkeit des Satzes „Die Blaume blüht“ ist dann sozusagen vom Blumenteil der Blaume geerbt. Wittgenstein:
2.0231 Die Substanz der Welt kann nur eine Form [lies: Möglichkeiten] und keine materiellen Eigenschaften bestimmen. Denn diese werden erst durch die Sätze dargestellt erst durch die Konfiguration der Gegenstände gebildet.
2.0232 Beiläufig gesprochen: Die Gegenstände sind farblos.
Der Einwand verfängt nicht, weil Wittgenstein früher ansetzt:
Die angeführte semantische Beziehung zwischen Blume und Blaume ist unstrittig gegeben.
Doch erfordert allein die Darstellung der Beziehung, dass „Blaume“ zunächst eine Bedeutung hat.
Diese Bedeutung meint Wittgenstein, wenn er vom Gegenstand spricht:
-
Sie muss gegeben sein.
-
Sie ist ihrem Wesen nach einfach.
-
Sie steht vor jeder möglichen Aussage über den Gegen­stand, die wahr oder falsch sein könnte:
Der Gegenstand ist farblos.
Der Duktus der Argumentation in Satzreihe 2.02 ist klar ding ­onto ­logisch: Wittgenstein schreibt von der Substanz der Welt, und Gegenständen, die einfach sein müssen.
Er reduziert die Argumente der Dingontologie aber deutlich auf die bildlich / sprachliche Ebene.
Gegenstände sind nichts in der Welt, sind vielmehr notwendige Bedingung der Bestimmtheit des Sinns eines Bildes.
Klarer wird diese Haltung noch, betrachtet man Satzreihe 2.01:
## Die Form des Gegenstands
Ist der Gegenstand nicht Teil der Welt, kann es mit seiner Unab ­hängig ­keit nicht so weit her sein, wie Satzreihe 2.02 bei flüchtigem Lesen vermuten lä sst. Wittgenstein:
Zur Erinnerung: Derzeit lese ich Sachverhalt und Sachlage noch synonym.
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)
2.011 Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes sein zu können.
2.012 In der Logik ist nichts zufällig: Wenn das Ding im Sach ­verhalt vorkommen kann, so muss die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein.
[ … ]
2.0122 Das Ding ist selbständig, insofern es in allen möglichen Sachlagen vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sach ­ver ­ halt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz. )
Wittgenstein deutet die Selbstä ndigkeit der Gegenstände in ihr Gegen ­teil um: Ein Gegenstand ist nicht durch sich selbst, sondern durch die Sachverhalte, deren Teil er sein kann, bestimmt.
Sein Argument ist auch hier wie Falle der Substanz der Welt ein sprachliches.
Zum besseren Verständnis eine Metapher:
Die Dingontologie unterstellt ein Skelett, das dem Gegenstand von innen her seine Form gibt, und ihn deshalb unabhängig von den Kon ­texten, in denen er steht, klar abgrenzt.
Anders Wittgenstein: Er unterstellt ein Exoskelett, das d ie Integrität des Gegenstand s von außen her sichert. Dieses Exoskelett sind die Sachverhalte, in denen der Gegenstand vorkommen kann.
Gemeinsam ist beiden Ideen aber, dass der Gegenstand jeder ­zeit vollständig bestimmt sein muss.
Das eine Mal, um die Welt zu retten.
Das andere Mal, um zu wissen, wovon man spricht.
Im Rahmen einer Ding ontologie leistet der Gegenstand das selbst.
Wittgensteins Idee nach kann der Gegenstand das nicht mehr leisten: Er ist eine abhängige Größe.
Wenn trotzdem jederzeit klar sein soll, ob man es mit Papageno zu tun hat, oder nicht, müssen die Größen, die Papageno bestim­men, jederzeit vollständig bekannt sein.
Das heißt, es muss jederzeit klar sein, in welchen Sachverhalten Papageno vorkommt oder auch nur vorkommen kann.
2.0123 Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vor ­kom ­mens in Sachverhalten.
[ ... ]
Es kann nicht nachträglich eine neue Mög ­lich ­keit gefunden werden.
Wittgenstein reduziert den Gegenstand auf die abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen er vorkommen kann.
Damit wird der Gegenstand zur Hohlform: Zur Frage, was ein Ding ist, trägt das Ding selbst nichts bei.
Statt dessen wird seine Form durch die Sachverhalte bestimmt.
Ich weiß nicht, ob Wittgenstein hier ein Wortspiel sah.
2.0141 Die Möglichkeit seines Vorkommens in Sach ­ver ­halten, ist die Form des Gegenstandes.
## Der logische Raum
Die Beziehung von Gegenstand und Sachverhalt ist aber nicht beliebig. Der Gegenstand muss zum Sachverhalt passen, wie ein Schlüssel ins Schloss:
2.013 Jedes Ding ist, gleichsam, in einem Raume möglicher Sachverhalte. Diesen Raum kann ich mir leer denken, nicht aber das Ding ohne den Raum.
2.0131 Der räumliche Gegenstand muss im unend ­lichen Raume liegen. (Der Raumpunkt ist eine Argumentstelle.)
Der Fleck im Gesichtsfeld muss zwar nicht rot sein, aber eine Farbe muss er haben: er hat sozusagen den Farbenraum um sich. Der Ton muss eine Höhe haben, der Gegenstand des Tastsinnes eine Härte, usw.
Gegenstände treten in die Argumentstellen
Für Leute die programmieren können:
Den Argumentstellen entsprechen in typisierten Sprachen die Metho ­den ­signaturen.
der Sachverhalte ein, müssen also in Typ und Position zum Sachverhalt passen.
Ein konkreteres Beispiel als die Beispiele Wittgensteins macht die Sache an ­schau ­licher:
Auch hier greift Wittgenstein der Abhandlung vor.
Ich habe das Beispiel deshalb ein wenig vereinfacht. Das Thema wird im Rahmen des logischen Urbilds (Satz 3.315) näher beleuchtet.
Nehmen wir den Sachverhalt „ Cäsar war größer als Napoléon.“
D ie Beziehung „größer sein als“ stellt zwei Argumentstellen zur Verfügung (im Beispiel durch Cäsar und Napoléon besetzt ). Es gilt:
-
Die Argumentstellen können nich t mit beliebig en Typen besetzt werden:
„Wasser war größer als Napoléon.“ ist unsinnig.
-
Argumentstellen können auch nicht in beliebiger Reihe n­folge besetzt werden:
„ Napoléon war größer als Cäsar.“ sagt etwas anderes als „ Cäsar war größer als Napoléon.“.
Die Argumentstelle bestimmt demnach den ein­tre­tenden Gegen ­stand. Sie bestimmt ihn aber nicht, indem sie auf etwas in der Welt zeigt:
Ob in die erste Position Cäsar, Napoléon, Wittgenstein oder ein Blauwal eintritt, ist unwesentlich. Wesentlich ist nur, dass man von dem Gegenstand sinnvoll sagen kann, dass er größer als ein anderer ist Wasser erfüllt dieses Kriterium nicht. „ist größer als“ ist Teil der Form dieser Gegenstände.
Ein weiteres Beispiel führt zum logischen Raum:
Der Sachverhalt: „Cäsar wurde 55 Jahre alt“.
Auch die Beziehung „Jahre alt geworden sein“ bietet zwei Argument­stellen an. Je nach Besetzung der ersten Argument­stelle kann in die zweite ein sinnvolles Alter für die Besetzung der ersten Stelle eintreten.
Im Beispiel ist die erste Stelle von einem Menschen besetzt. Also kann in die zweite Stelle ein sinnvoller Wert für das Alter eines Menschen eintreten.
Setzen wir großzügig einen Wert zwischen 0 und 120 an. Ein ein­facher Test:
-
„Cäsar wurde 67 Jahre alt“→ falsch aber sinnvoll.
-
„Cäsar wurde 5693 Jahre alt“ → Unsinn.
Der Test betrachtet die obere Grenze des Alters eines Menschen. Ein Test für die untere Grenze:
-
„Cäsar wurde - 200 Jahre alt“ → Unsinn.
-
„Cäsar wurde 3 Jahre alt“ → Unsinn.
Der zweite Sachverhalt ist unsinnig, sollte aber nur falsch sein:
3 fällt in den sinnvollen Bereich des Alters eines Menschen.
Das Problem an dieser Stelle ist klarer Weise Cäsar:
Cäsar hat z.B. Gallien erobert und war römischer Diktator. Diese Sachverhalte passen nicht zu einem Lebensalter von nur 3 Jahren.
Zunächst ein anderes Beispiel, das Wittgensteins Sicht etwas all ­gemeiner illustriert. Hier die Tatsache:
Eigene Fotografie
Zwei Aussagen dazu:
-
Es ist ein e Teekanne mit Deckel und Teesieb.
-
Der Deckel hat dieselbe Farbe, wie der Griff.
Die erste Aussage ist denke ich das Paradigma jeder Ding ­ontologie:
Teekanne, Deckel und Sieb sind konkrete, greifbare Dinge, die ich z.B. nehmen und anders platzieren kann. An so etwas denkt man zuerst, denkt man an Dinge, aus denen sich die Welt zu­sam­mensetzt.
Die zweite Aussage ist eigentlich ebenso einfach zu verstehen, wie die erste, stellt eine Dingontologie aber vor Probleme:
-
Die Farbe Rot ist nicht so einfach greifbar, wie z.B. die Teekanne.
Man kann Rot nicht so einfach anders platzieren, wie man es mit einer Kanne macht.
Der Ort, an dem Rot ist, muss von einer ganz anderen Art sein, als der Ort der Kanne.
-
Die Farbe Rot ist nur ein Gegenstand. Er findet sich aber an mehr als einem Ding.
Es muss also einen Mecha­nismus geben, wie Dinge an anderen Dingen teilhaben können.
-
Die Farbe Rot findet sich auch am Griff der Kanne. Damit wird die Differenzierung der Gegenstände schwierig:
Ist der Griff ein selbständiger Gegenstand (er hat ja eine eigene Farbe), oder Teil der Teekanne (ich kaufe doch eine Teekanne, und nicht den Korpus und einen Griff)?
Wittgensteins Idee nach unterscheiden sich die beiden Aus ­sagen nicht.
In beiden Aussagen wurden lediglich verschiedene Bezugs­weisen auf eine dinglich unbestimmte Tatsache gewählt.
diese Farbe ist nichts, das Deckel, Sieb und Griff in welcher Art auch immer anhaftet, und deshalb von ihnen geteilt werden müsste.
Rot sagt lediglich, dass ich mich auf die Tatsache als Farbe beziehe.
Die Bezugsweise kann ich beliebig häufig anwenden.
Genauso wenig ist es widersprüchlich, dass dasselbe Stück Welt einmal als ein Gegenstand (die Kanne / orange), das andere Mal als zwei Gegenstände (der Griff und der Korpus / grün) betrachtet werden kann.
Das etwas in der Welt, das das Ding eigentlich ausmacht, und sozusagen seine Identität sichert, gibt es schlicht nicht. Die Tatsache ist vielmehr für verschiedene Zugangsweisen offen.
Wittgenstein
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Was ist Wahrheit? - Exkurs
Satzreihe 2.1*: Bil dtheorie
Vorbemerkungen zu Satzreihe 5.6*: Solipsismus
Marcus Hinz
Inhalt
Inhalt
1 Einleitung 1
2 Das Bild 3
2.1 Der Aufbau des Bilds 3
2.2 Vertretung 3
2.2.1 Strukturelle Eigenschaften des Bilds 4
2.3 Die abbildende Beziehung 4
2.4 Der Bildinhalt 5
2.5 Die Form der Abbildung 5
2.5.1 Die Form der Darstellung 6
2.5.2 Die logische Form 7
2.6 Grenzen des Bilds 9
3 Solipsismus 9
4 Die Frage 10
## Einleitung
Ein Bild stellt einen Teil der Welt dar.
Kein Bild gibt die Welt wieder, wie sie ist.
Die Welt wird zum Bild transformiert: Eine Fotografie bildet zum Beispiel nicht die Geräusche, den Geruch und die Haptik des Abgebildeten ab. Genauso wird bei der Aufnahme die Größe verändert.
Ist die Transformation in diesem Falle dem Medium der Abbildung geschuldet, ist es weit häufiger der Fall, dass wir Inhalte bewusst transformieren:
Möchte ich etwa darstellen, dass der Eiffelturm höher als der Kölner Dom ist, werde ich zwei einfache Zeichnungen der Gebäude nutzen , und nur darauf achten, dass die Größenverhältnisse stimmen. Etwa so:
Halcyon Maps: History of the tallest building in Europe (Ausschnitt)
Nicht abgebildet w i rd hier z.B., dass der Kölner Dom aus Stein der Eiffelturm dagegen aus Eisen gebaut ist. Das macht das Bild weder falsch noch unvollständig. Das Bild stellt das, was es darstellt, richtig dar.
Das Bild gibt nur einen Aspekt der Welt wieder es ist ein Modell.
Die sinntragenden Elemente der Sprache die Sätze si nd für Wittgenstein Modelle im Sinne des Beispiels oben1
Abhandlung, Satz 4.01
. Darüber hinaus spiegeln d ie Sätze unmit­telbar unsere Gedanken2
Abhandlung, Satz 4
.
Eine Analyse der Modelle und ihres Funktionierens kann also helfen unser Denken zu verstehen3
Abhandlung, Satz 4.1121
. Insbesondere werden die Grenzen, die Modellen in der Abbildung gezogen sind, auch die Grenzen unseres Denkens markieren4
Abhandlung, Einleitung Abs. 3
.
Hier nimmt Wittgenstein für sich in Anspruch, mit der Abhandlung eine abschließende Analyse des Modells und seiner Grenzen vorzulegen.
Auf nur 84 Seiten 5
TODO: überprüfen, Standarddruckausgabe Suhrkamp
will er „ die [philosophischen] Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst [ … ] haben “ 6
Abhandlung, Einleitung, letzter Absatz.
.
Die meisten der philosophischen Fragen und Theorien sind nicht falsch sondern unsinnig, weil sie Themen zum Inhalt haben, die außerhalb des modellhaft sprachlich abbildbaren liegen 7
Abhandlung, Satz 4.003
.
Wittgensteins Argumentation fußt also einerseits auf der Grenze, die er dem Modell und damit der Sprache zieht, und andererseits darauf, dass diese Grenze auch für den Gedanken gilt.
Die Grenze des sprachlich Ausdrückbaren zieht Wittgenstein in seiner Bildtheorie, die er in Satzreihe 2.1* einführt.
Den Beleg, dass die dort gezogene Grenze auch für den Gedanken gilt, in seinen Überlegungen zum Solipsismus in Satzreihe 5.6*.
Vor allem die Überlegungen zu m Solipsismus stellen hier eine Heraus ­forderung dar: Wittgenstein ist einer wenigen Denker, die den Solipsismus nicht unreflektiert mit Bausch und Bogen verwerfen8
Wie Dennet t das etwa in Consciousness Ignored tut (Dennet t, 1991, S.3,ff).
.
Statt dessen bezieht er ihn als gegebenen Sachverhalt in seine Systematik ein.
Er ist deswegen nicht der Auffassung, ein Hirn im Fass zu sein.
Sein Zugang zum Thema ist deutlich durchdachter , als er in solchen Geschichten zum Ausdruck kommt.
Beachtet man den reflektierten Zugang Wittgensteins zum Solipsismus nicht, kommt man leicht zu Russells Schluss, dass es sich bei den Aussagen um eine etwas eigenartige Betrachtung {„a somewhat curious discussion “} 9
Abhandlung. Introduction by Bertrand Russell. (S. 178, Abs.1)
des Themas handelt, und geht damit an einem zentralen Argument der Abhandlung vorbei.
Im Folgenden möchte Wittgensteins Sicht auf beide Themen kurz erläutern, um eine These, die ich zur Abhandlung entwickelt habe, besser darstellen zu können, als es ohne das Verständnis der Bildtheorie und ihrer Konsequenzen möglich ist.
## Das Bild
Wittgensteins gesamte Überlegungen in der Abhandlung beruhen auf seinen Überlegungen zur Funktionsweise von Modelle n, die zur Abbildung der Welt genutzt werden .
Kern dieser Überlegungen ist die Bildtheorie, die beschreibt, wie ein Modell die Welt abbildet. In Satzreihe 2.1* stellt Wittgenstein seine seine Bildtheorie vor:
2.1 Wir machen uns Bilder der Tatsachen.
[ … ]
2.12 Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit.
Mein Lieblingsmodell eines Modells sind Gliederpuppen, wie sie als Vorlage im Zeichen ­training genutzt werden :
Man kann Wittgensteins Bild theorie sehr viel besser an einer solchen Puppe als durch bloßen Text erläutern.
## Der A ufbau des Bilds
ist das Bild eines Menschen.
Im Bild unterscheidet Wittgenstein zwischen festen und veränderlichen Teilen, die sich in verschiedener Weise auf d as abgebildete Stück Welt beziehen:
## Vertretung
2.13 Den Gegenständen entsprechen im Bilde die Elemente des Bildes.
2.131 Die Elemente des Bildes vertreten im Bild die Gegenstände.
Die Elemente, von denen Wittgenstein in Satz 2.13 spricht, sind i m vor­liegenden Modell einfach zu identifizieren: Sie sind durch Gelenke von ­ einan ­ der getrennt.
Jede r Teil des Modells steht für einen Gegenstand, der im Bild vorkommt jedes Element vertritt einen Gegenstand:
vertritt eine Hand.
vertritt einen Fuß.
vertritt den Kopf.
[ … ]
## Struktu relle Eigenschaften des Bilds
Ebenso wie den gegenständlichen Aspekt de r Welt , wiederholt das Bild auch de ren Struktur:
2.14 Das Bild besteht darin, dass sich seine Elemente in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten.
Das Beispielmodell hat zwei wesentliche strukturelle Eigenschaften:
-
Die Proportionen der Glieder des Modells zueinander entsprechen den typischen Proportionen der Gliedmaße eines Menschen zueinander.
-
Die Glieder der Puppe nehmen eine bestimmte Position zueinander ein und stellen so die H altung eines Menschen nach.
Die Unterscheidung zwischen Vertretung und den strukturelle n Eigenschaften des Bilds ist für Wittgenstein fundamental, da sich dahinter zwei völlig ver ­ schiedene Mecha ­ nis ­ men de s Bezugs auf die Wirklichkeit verstecken.
## Die abbildende Beziehung
vertritt im Modell die Hand des Menschen.
Der zur Vertretung genutzte Gegenstand hat mit einer Hand nicht viel zu tun: Eine Hand besteht nicht aus Holz, und wesentlicher fehlen dem Vertreter die Finger, die eine Hand normalerweise ausmachen.
Beide Eigenschaften sind für die Vertretung unerheblich: Ich hätte genauso gut Metall statt Holz wählen können. Die Finger sind für den Bildinhalt ohne Belang.
Umgekehrt kann ich aus dem Modell auch keine Informationen über die Hand herleiten:
lässt nicht erkennen, dass eine Hand fünf Finger hat.
D as schadet dem Bild aber nicht: Es wird deshalb weder falsch noch unvollständig. Inform ation en über das Vertretene w e rd en im Bild einfach nicht transportier t. Der Vertreter kann deshalb frei gewählt werden.
Die Willkür in der Wahl der vertretenden Gegenstände entkoppelt das Bild vom Abgebildeten:
2.1512 Es [das Bild] ist wie ein Maßstab an die Wirklichkeit angelegt.
2.15121 Nur die äußersten Punkte der Teilstriche b erühren den zu messenden Gegenstand.
Das Vorkommen von im Bild besagt nicht, dass im Bild eine Hand vor­kommt.
Nichts am Bild macht es zwingend zum Bild 10
Das zu Satz 2.141. Das Bild als Tatsache nehme später auf.
. Die Verknüpfung zwischen Welt und Bild muss aktiv hergestellt werden:
2.151 3 Nach dieser Auffassung gehört also zum Bilde auch noch die abbildende Beziehung, die es zum Bild macht.
2.1514 Die abbildende Beziehung besteht aus den Zuordnungen der Elemente des Bildes und der Sachen.
2.1515 Diese Zuordnungen sind gleichsam die Fühler der Bildelemente, mit denen das Bild die Wirklichkeit berührt.
D ie Vertreter spielen für den Bildinhalt keine Rolle.
## D er Bildinhalt
Anders betrachtet man sich die strukturelle n Eigenschaften :
Das Modell kann laufen: . Hier sieht man es s itzen.
Eine Ä nderung der Stellung der Puppenglieder führt zur un­mittel­baren Änderung des Bildinhalts.
Anders als im Falle der Vertretung, ist die Beziehung der strukturellen Eigenschaften von Bild und Abgebildeten unmittelbar gegeben:
bildet einen s itzenden Menschen ab. Es gibt keine sinnvolle Möglichkeit, aus diesem Bild das Bild eines l aufenden Menschen zu machen.
2.15 Dass sich die Elemente des Bildes in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten, stellt vor, dass sich die Sachen so zu einander verhalten.
[ ... ]
[ ... ]
2.161 In Bild und Abgebildetem muss etwas identisch sein, damit das eine überhaupt ein Bild des anderen sein kann.
Das Bild ahmt die Welt nach: Die Positionierung der Puppenglieder e ntspricht de r Positionierung der Glied­maße beim Menschen.
Die Unmittelbarkeit der Abbildung besteht in der Übereinstimmung der strukturellen Eigenschaften von Bild und Welt . Nur soweit die se Übereinstimmung gegeben ist , ist Abbildung gegeben.
Kurz:
-
Die Elemente des Bilds sind für seinen Inhalt unerheblich, da der ver ­tre ­tende Gegenstand beliebig ist.
-
Der Bildinhalt ist allein durch die strukturellen Eigenschaften des Bilds g egeben .
Das ist der Kern von Wittgensteins Bildtheorie.
## Die Form der Abbildung
Di e strukturelle Identität zwischen Bild und Abgebildetem impliziert , dass das Bild nur den Teil der Welt abbildet, den es überhaupt nachahmen kann:
2 .17 Was das Bild mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie auf seine Art und Weise richtig oder falsch abbilden zu können, ist seine Form der Abbildung.
2.171 Das Bild kann jede Wirklichkeit abbilden, deren Form es hat.
Das räumliche Bild alles Räumliche, das farbige alles Farbige, etc.
ist ein räumliches Modell und kann deshalb Räumliches im vorliegenden Fall die Haltung des Menschen abbilden.
Eine Abbildung des Farbraums der Gemälde van Goghs ist mit dem Modell nicht möglich.
Die Form der Abbildung ist demnach eine gegebene Eigenschaft des Bilds selbst, keine, die ihm zugeordnet werden k önn te.
2.172 Seine Form der Abbildung aber, kann das Bild nicht abbilden; es weist sie auf.
[ … ]
2.174 Das Bild kann sich aber nicht außerhalb seiner Form der Dar ­stellung stellen.
Deutlich er wird die Idee hinter Wittgensteins Gedanken an einem kleinen Experiment:
wird im Beispiel zur Vertretung der Hand genutzt.
Diese Festlegung ist nicht zwingend. Ich kan n auch nutzen, um den Fuß des Menschen zu vertreteni
An dieser Stelle gibt es tatsächlich eine Unstimmigkeit in der Abhandlung .
Es ist nicht möglich zur Vertretung des Fußes zu wählen. Das liegt daran, dass sich das Verhältnis von Länge zu Breite im Falle von und deutlich u nterscheidet .
Das bedeutet, dass ich im Ende aus dem vertretenden Gegenstand doch etwas über das Vertretene lernen kann. Im vorliegenden Fall das Verhältnis von Länge zur Breite des Fusses.
Ich halte diese Unstimmigkeit für lässlich:
-
Was ich über den Gegenstand lerne ist Teil derselben Zugangsweise zur Tatsache, und auf diese Zugangsweise beschränkt.
-
Die Vorüberlegungen in dieser Passage zielen natürlich auf Satz und Wort. Ein Wort ist soweit vom Gegenstand abstrahiert, dass es solche Effekte im Falle von Satz und Wort nicht geben sollte.
Ich mag mich irren.
: .
Tue ich das, bin ich aber gezwungen, ein sehr viel kleineres Modell als das vor ­liegende zu bauen:
ist deutlich kürzer als , das im Beispiel den Fuß vertritt.
In Folge dessen müssen alle Glieder der Puppe soweit verkleinert werden, dass die veränderte strukturelle Eigenschaft des Bilds die Proportion der Größe der Glieder wiederhergestellt ist.
Anders als im Falle der Vertretung, kann d iese Beziehung zwischen Bild und Abgebildetem nicht a ufgehoben werden.
Die abbildende Beziehung besteht tatsächlich nur in den „Zuordnungen der Elemente des Bildes und der Sachen“11
Satz 2.1514 (Zitat oben)
.
Sind die Elemente aber einm a l zugeordnet liegt ein Bild vor oder eben nicht. Die Form der Abbildung ist gegeben oder eben nicht.
Das Bild weist d ie Form der Abbildung auf, i ch kann sie dem Bild nicht geben.
Für Wittgenstein besitzt die Form der Abbildung wesentliche und unwesent­liche Züge :
## Die Form der Darstellung
Die Gliederpuppe ist nicht die einzige Möglichkeit einen stehenden Menschen abzubilden:
bildet ebenso einen stehenden Menschen ab . Das Bild unterscheidet sich lediglich in den Elementen, die zur Vertretung genutzt werden. Welches Element zur Vertretung genutzt wird, trägt aber Nichts zum Bildinhalt bei.
Wichtig ist nur: Wurde n die Elemente gewählt, ist das Bild an sie gebunden, da sie die abbildende Beziehung vorg eb en sie sind quasi die Notation des Bilds. Diese Eigenschaft des Bilds nennt Wittgenstein Form der Darstellung 12
Wie wenig Gewicht Wittgenstein der Form der Da rstellung beim isst, sieht man vielleicht am besten daran, dass der Terminus außerhalb von Satzreihe 2.17 nicht mehr genutzt wird.
Der recht bekannte Satz 4.014 handelt z.B. einfach nur von verschiedenen Formen der Darstellung eines Sachverhalts. Wittgenstein hält es aber nicht für notwendig das Kind hier m it dem eigenen Terminus technicus zu belegen .
.
## Die logische Form
Lässt man bei der Form der Abbildung den unwesentliche n Teil der gewählten Darstellungsart weg, erhält man die logische Form:
2.18 Was jedes Bild, welcher Form immer, mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie überhaupt richtig oder falsch abbilden zu können, ist die logische Form, das ist, die Form der Wirklichkeit.
2.181 Ist die Form der Abbildung die logische Form, so heißt das Bild das logische Bild.
2.182 Jedes Bild ist auch ein logisches. (Dagegen ist z.B. nicht jedes Bild ein räumliches.)
ist das Bild eines Menschen.
Man kann mit dem Modell auch diese Haltung abbilden : .
Das Modell wird dadurch nicht beschädigt, ich kann ein räumliches Bild erstellen. Trotzdem würden wir das Modell so nicht als Bild des Menschen akzeptieren: Es ist für einen Menschen unmöglich, eine solche Haltung einzunehmen.
O b ein Bild vorliegt, oder nicht, wird nicht durch das Modell sondern nur durch den abgebildeten Gegenstand selbst entschieden.
Dazu muss f ür jeden Gegenstand bekannt sein , welche Rolle er in welchen Sachverhalten spielen kann 13
An dieser Stelle muss ich doch auf Satzreihe 2.0* zu sprechen kommen.
In dieser Satzreihe w erd en die Voraussetzungen für das Erstellen von Modellen diskutiert.
:
2.012 In der Logik ist nichts zufällig: Wenn das Ding im Sachverhalt vorkommen kann, so muss die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein.
[ ... ]
2.0123 Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vorkommens in Sachverhalten.
[ … ]
E in Fuß kann die dargestellte Haltung zum Bein nicht einnehmen.
A uf Basis dieses Wissens wird entschieden, ob ein sinnvolles Bild vor ­ liegt oder nicht.
Der Gegenstand befindet sich in einem Möglichkeitsraum, der vorgibt, wie er in welche Sachverhalte eintreten kann. Diese Eigenschaft nennt Wittgenstein die Form des Gegen­stands14
Dazu Sätze 2.13 & 2.0141
Wittgenstein kombiniert die Möglichkeitsräume der Gegenstände zum logischen Raum, der vorgibt, welche Sachverhalte überhaupt eintreten können (Satz 2.0??).
Bildet man davon wiederum die Untermenge aller Sachverhalte, die tatsächlich gegeben sind, erhält man die Wirklichkeit.
Logischer Raum und Wirklichkeit bilden dann das geordnete / beschreibbare Gegen ­stück zur Welt als Gesamtheit der nicht beschreibbaren Tatsachen.
Die Diskussion dieser Begriffe ist an der vorliegenden Stelle noch nicht notwendig.
.
Mit der Form des Gegenstands fügt Wittgenstein der Logik eine semantische Ebene hinzu.
Nicht jeder Gegenstand kann beliebig mit jedem anderen zum Bild kombiniert werden. Was und Art und Weise der Kombination müssen zueinander passen, um überhaupt von einem Bild sprechen zu können. Wittgenstein bezieht sich mit dieser Bemerkung auf unser en ganz gewöhnlichen Umgang mit Bildern:
Um festzustellen, ob wahr oder falsch ist, wird das Bild mit der Wirklichkeit verglichen.
A nders im Falle von . Die abbildende Beziehung kann nicht hergestellt werden. M an sieht der Konstruktion selbst an, dass kein Bild vorliegt. Der Vergleich mit der Wirklichkeit wird gar nicht erst durchgeführt .
Nur d ie Form des Sachverhalts wird auf das Modell angewendet, um den Bild ­ inh alt zu ermitteln.
Bild und Abgebildetes teilen sich die logische Form. Nur so stellt das Bild einen möglichen Sachverhalt dar.
2.19 Das logische Bild kann die Welt abbilden.
Der bis h i er her vorgestellten Überlegung nach könnten Bilder nur eine bestehende Wirklichkeit abbilden, da die geforderte Identität etwas Gegebenes voraus­setzt, zu dem die strukturellen E igenschaften des Bilds identisch sein können.
Das ist natürlich Unsinn:
bildet einen sitzenden Menschen ab, unabhängig davon, ob es tatsächlich einen Menschen gibt, der in diesem Augenblick durch dieses Modell ab ­gebildet w ird.
Auch wenn der abgebildete Mensch steht und nicht sitzt, ist die oben geforderte Identität nicht gegeben: Das Bild ist in diesem Fall falsch, was aber nichts am Bildinhalt ändert.
Die Wirklichkeit, auf die sich ein Bild bezieht, ist für Wittgenstein nicht die empirisch gegebene Wirklichkeit, vielmehr ein Möglichkeitsraum, der es ermöglicht, mögliche Wirklichkeit en nachzustellen. Diesen Raum nennt Wittgenstein den logischen Raum 15
Zuerst in Satz 1.13, An deutlichsten in Satz 4.031
An dieser Stelle muss ich doch auf Satzreihen 1 und 2.0* verweisen.
Wittgenstein nutzt den Begriff, ohne ihn jemals zu erläutern. [ TODO: fill in]
.
## Grenzen des Bilds
Satzreihe 2. 2
Die Form der Gegenstands, die Form des Sachverhalts und die logische Form der Abbildung sind identisch. E s ist die Form der Wirklichkeit.
Nur diese unmittelbare Beziehung zwischen Bild und Abgebildeten macht das Bild zum Bild.
Andere Arten der Abbildung gibt es nicht.
Das Bild ist so an die Wirklichkeit gebunden die Bindung ist eine Frage des Wie, nicht des Was; eine Frage der strukturellen Abbildung, nicht der Vertretung:
2.2 Das Bild hat mit dem Abgebildeten die logische Form der Abbildung gemein.
2.201 Das Bild bildet die Wirklichkeit ab, indem es eine Möglichkeit des Bestehens und Nichtbestehens von Sachverhalten darstellt.
2.202 Das Bild stellt eine mögliche Sachlage im logischen Raume dar.
[ … ]
2.221 Was das Bild darstellt, ist sein Sinn.
[ … ]
2.224 Aus dem Bild allein ist nicht zu erkennen, ob es wahr oder falsch ist.
2.225 Ein a priori wahres Bild gibt es nicht.
Die Grenzen der Wirklichkeit sind also auch die Grenzen des Bilds. Bilder, die darüber hinaus gehen, insbesondere solche, die unabhängig von der Wirklichkeit als Grundlage des logischen Raums dienen könnten, gibt es nicht.
Den dargestellten Bildinhalt nennt Wittgenst ein den Sinn des Bilds
## Solipsismus
Hillary Putnam16
Hillary Putna m: Reason, Truth and History [ Cambridge University Press, 1981, S. 5 f ] .
:
The case of the brains in a vat
Here is a science fiction possibility discussed by philosophers: imagine that a human being (you can imagine this to be yourself) has been subjected to an operation by an evil scientist. The persons brain (your brain) has been removed from the body and placed in a vat of nutrients which keeps the brain alive. The nerve endings have been connected to a super-scientific computer which causes the person whose brain it is to have the illusion that everything is perfectly normal. There seem to be people, objects, the sky, etc; but really all the person (you) is experiencing is the result of electronic impulses travelling from the computer to the nerve endings. The computer is so clever that if the person tries to raise his hand, the feedback from the computer will cause him to see and feel the hand being raised. Moreover, by varying the program, the evil scientist can cause the victim to experience (or hallucinate) any situation or environment the evil scientist wishes. …
Die Geschichte vom Hirn im Fass ist die derzeit wohl bekannteste Variante, anhand welcher der Solipsismus illustriert wird.
Immer, wenn ich die Geschichte lese, denke ich, dass Putman hier ein reichlich pessimis­tisches Szenario aufbaut: Warum m uss es ein böser Forscher sein?
Es handelt sich einfach um eine neue Form des Reisens. Wenn die Reise vorüber ist, wird alles wieder hergestellt und ich hatte für wenig Geld ein unbezahlbares Erlebnis.
Oder so : Ich bin in Wirklichkeit Superman, der als Mensch ein Empathie­training durchläuft (Hurra, ich kann fliegen!).
Aber m uss ich denn überhaupt menschenähnlich sein? Ich könnte etwas völlig andere r Art sein, das sein Mensch s ein nur denkt. Vielleicht bin ich das Musik­instru­ment einer weit fortgeschrittenen Zivilisation, und so fühlt sich deren Mozart an.
Nach diesem Muster lassen sich beliebig viele solipsistische Szenarien auf­bauen.
So verschieden die Geschichten sind , sind sie doch problemlos untereinander austauschbar.
Ein einzeln e Geschichte träg t nicht s zum Verständnis des Solipsismus bei.
Die Formulierung einer Geschichte , in d ie meine Erfahrung ein gebettet wird, gleicht vielmehr dem Versuch, die Form eines Berges anhand der Form der Höhle, in der ich mich befinde, zu bestimmen.
Eine systematisch korrekte Analyse des Solipsismus beschäftigt sich nicht mit belanglosen Geschichten, die um den Solipsismus gesponnen werden, vielmehr mit dem, was es ermöglicht, solche Geschichten zu erfinden.
## Die Frage
In erster Näherung schein t ein Defizit unserer Erfahrungswelt für die Unsicherheiten, die dem Solipsismus zu Grunde liegen, verantwortlich zu sein:
Unsere Wahrnehmung ist trügerisch.
FIXME --- Empirische Tautologie ---
Nur Gegenstände in Frage --- Empirie bleibt gleich == Beziehungen stabil
Nur weil ich etwas als Gegenstand wahrnehme, heißt das nicht, dass es auch so ist. Jede meiner Wahrnehmungen kann reine Illusion sein 17
Abhandlung, Satz 5.634.
.
Die mit dieser Tatsache verbundenen Befürchtung en verweis en selbst wieder auf ein sehr gängiges Bild der Welt:
Die Welt besteht aus Gegenständen.
Für eine korrekt e Wahr nehmung der Welt reicht hin wenn meine Wahrnehmung die Gegenstände, wie sie in der Welt gegeben sind, spiegelt:
Das solipsistische Szenario stellt nur die Gegenstände, nicht ihre Beziehungen untereinander, in Frage sonst der Solipsismus ist keine eine empirische Tautologie.
.
Die Möglichkeit der Illusion entzieht diesem Bild der Welt seine Basis:
Kann alles eine Illusion sein, steht jedes meiner Urteile und Handlungen in Gefahr falsch zu sein, weil es auf Basis falscher Fakten falscher Wahr­nehmung zu Stande kam.
An dieser Stelle von Wahr- oder Falsch heit zu sprechen, impliziert die Annahme, dass es ein Welt außerhalb meiner Wahrnehmung gibt.
@@ -0,0 +1,625 @@
E xposé zu
Was ist Wahrheit?
Wittgensteins Logisch-philosophische Abhandlung
Marcus Hinz
ἐστιν ἐ στιν
Inhalt
Inhalt
Einleitung 0
Textanlage 0
Die Satznummern 0
1 Tatsachen und Sachverhalte 1
1.1 Russells Sicht 1
1.2 Die Idee 2
2 Das Bild 5
2.1 Der Bildinhalt: Gegenstand, Sachverhalt & Logischer Raum 5
2.1.1 Gegenstände (Sachen, Dinge) 5
2.2 Die Bildtheorie 7
3 Das Satzzeichen / Der Satz als Modell 9
3.1 Satzinhalte 9
3.2 Der Satz als Tatsache 9
3.3 Elemente des Satzes 9
3.4 Strukturelle Eigenschaften des Satzes 9
3.5 Satzsinn 9
4 Der Satz 10
4.1 Natürliche Sprache 10
4.2 Der Satz als dynamisches Modell 10
4.3 Grenzen der Sprache 10
4.4 Elementarsatz und Logischer Raum 10
4.5 Die Wahrheitstafel 10
4.6 Wahrheitsgründe des Satzes 10
4.7 Die allgemeine Form des Satzes 10
5 Wahrscheinlichkeit / Logischer Schluss 11
5.1 Elementarsatz als Argument 11
5.2 Wahrheitsgründe 11
5.3 Interne Relationen / Wahrheitsoperationen 11
5.4 Prinzip der Reduzierbarkeit 11
5.5 Logische Gegenstände 11
5.6 Satzbedeutung 11
5.7 Solipsismus 11
6 Conclusio 12
6.1 Die Zahl 12
6.2 Logischer Schluss 12
6.3 Mathematik 12
6.4 Naturwissenschaften 12
6.5 Ethik 12
6.6 Das Mystische 12
7 Schluss 12
## Einleitun g
Das vorliegende Dokument fasst Gedanken, die ich in den letzten drei Jahren zu Wittgensteins Logisch philosophische Abhandlung entwickelt habe, zusammen.
Es ist keine abschließende Darstellung der Überlegungen, ste l lt vielmehr die Grund ­ ideen möglichst kurz dar .
Das Dokument soll helfen, Be ­ wertungen und Ideen zu sammeln, um entscheiden zu können , ob es Wert ist, die Überlegungen weiter zu verfolgen .
Neu an den Gedanken ist soweit ich sehen kann mein Verständnis der Begriffe Tatsache und Sachverhalt, die das Fundament Wittgensteins Über ­ legungen bilden.
Mein Verständnis erlaubt, die Ab h andlung als geschlossen Text zu verstehen , statt sie wie häufig zu lesen als Ansammlung unzusammen­hängender Sätze zu begreifen .
Bevor wir starten, zwei Anmerkungen zu meiner Lesart der Abhandlung :
## Text anlage
Wittgensteins Thema in der Abhandlung ist die Zeichenspr a che 1
Vgl. Satz 4.1121
.
Die dabei zu Grunde gelegte Bildtheorie ist die Basis jeder Überlegung der Abhandlung .
Der Text folgt aber nicht d i e se r Systematik. Wittgenstein gibt dem Text einen universelleren Aufbau: Beginnend mit der Ontologie entwickelt Wittgenstein ein systematisch korrektes Bild der Welt, das abschließend und unabhängig von seine r speziel l en Deduktion der Wahrheit Bestand haben soll.
Wittgenstein führt die Bildtheorie in Satzreihe 2.1* ein.
Satzreihen 1.* und 2.0* beruhen also auf der Bildtheorie, ohne dass sie ein ­geführt wurde. Das trifft insbesondere Satzreihe 2.0 zu: Wittgensteins Gedanken zu Gegen ­ ständen und Sach ­ ver ­ halten sind kaum zu verstehen, da er sich in seiner Argumentation auf Begr iffe und Konzepte bezieht, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht eingeführt sind.
Ich werde bei der Vorstellung dieser Satzreihe deshalb nicht ins Detail gehen, vielmehr werde ich auf Referenzstellen im späteren Textverlauf hinweisen, die Wittgensteins Argumente ausleuchten.
## Die Satznummern
Wittgenstein legt den Text nicht als klassischen Fließtext an.
Er ordnet seine Gedanken vielmehr in ein Satzgefüge, das über Nummern, die jedem der Sätze vorangestellt sind, die formale Stellung jedes Satzes zu jedem anderen Satz des Texts voll­ständig t ransparent macht.
Wittgenstein erläutert d ie Systematik der Satznummern in Fußnote zu Satz 1:
Die Decimalzahlen als Nummern der einzelnen Sätze deuten das logische Gewicht der Sätze an, den Nachdruck, der auf ihnen in meiner Darstellung liegt. Die Sätze n.1, n.2, n.3, etc., sind Bemerkungen zum Sätze No. n; die Sätze n.m1, n.m2, etc. Bemerkungen zum Satze No. n.m; und so weiter.
Satznummern, die eine 0 enthalten, sollte es laut dieser Systematik nicht geben.
Über die Hälfte des Textes findet sich in Sätzen mit Satz­num­mern, die eine 0 enthalten.
Darüber hinaus beginnen Satzreihen, die Satznummern mit 0 enthalten, anders als Satzreihen mit regulär nummerierten Sätzen:
Der Übergang von Satz 2 zu Satzreihe 2.1* wird über den regulär nummerierten Satz 2.1 hergestellt. Der Übergang von Satz 2 zu Satzreihe 2.0* dagegen über Satz 2.01. Der Satz 2.0 als eigenständige Anmerkung entfällt.
Meine Lesart der Systematik dieser Nummern:
-
Die 0 in der Satznummer führt dazu, dass die Nummer länger wird. Das logische Gewicht so num­merierter Sätze wird geringer.
-
In der Sortierung rutscht der so num­merierte Satz aber vor die Sätze mit regulärer Num­merierung.
Die 0 in der Satznummer gibt Wittgenstein die Möglichkeit, Sätze an der regulären Systematik vorbei, vor andere Sätze zu schmuggeln, ohne ihnen ein ungewollt hohes logisches Gewicht geben zu müssen.
Ich behandle diese Sätze als einleitende Bemerkungen zum eigent ­lichen Thema, das in den regulär nummerierten Sätzen besprochen wird.
0 steht für eine Vorbemerkung zu regulären Sätzen, 00 für Vor ­be ­merkungen zu Sätzen, deren Nummer eine 0 enthält.
## Tatsachen und Sachverhalte
Satzreihe 1.*
In Satzreihe 1 bespricht Wittgenstein die der Abhandlung zu Grunde gelegte Ontologie.
Wittgenstein betrachtet die Welt als „die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge“ 2
LPA Satz 1.1
: Er setzt der gängigen Dingontologie eine Tatsachenontologie ent ­ gegen.
Zu Beginn v on Satzreihe 2 führt Wittgenstein ergänzend die Sachverhalte ein. Wie sich die Sachverhalte zu den Tatsachen verhalten, bleibt aber unklar. Wittgenstein formuliert an dieser Stelle etwas nebulös: „ die Tatsache ist das Bestehen von Sachverhalten“ 3
LPA Satz 2
.
## Russells Sicht
In seinem Vorwort zur Abhandlung formuliert Russell die wohl gängigste Interpretation des Verhältnisses von Tatsache und Sachverhalt 4
LPA S. 262 Abs. 1 Ende
:
What is complex in the world is a fact. Facts which are not compounded of other facts are what Mr. Wittgenstein calls Sachverhalte, whereas a fact which may consist of two or more facts is a Tatsache: thus, for example “Socrates is wise” is a Sachverhalt, as well as a Tatsache, whereas “Socrates is wise and Plato is his pupil” is a Tatsache but not a Sachverhalt.
Dieser Sicht nach unterscheiden sich Tatsache und Sachverhalt nicht wesentlich.
Jeder Sachverhalt ist für sich bereits eine Tatsache, Tatsachen nicht mehr als eine Ansammlung von Sachverhalten.
Diese These passt aus mehreren Gründen nicht zum Text.
Der wichtigste ist wohl ein Widerspruch, der entsteht, zieht man Satz 2.01 in Betracht:
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)
Nimmt man an, dass Sachverhalte aus Gegenständen bestehen, und darüber hinaus, dass Tatsachen Sachverhalte sind, dann bestehen auch Tatsachen aus Gegenständen.
Ist dem so, ist die Welt die Summe der Gegenstände, nicht der Tatsachen, da die Gegenstände dann die Tatsachen konstituieren.
Ein klarer Widerspruch zu Satz 1.1, der postuliert, dass die Welt die Summe der Tatsachen und eben nicht der Gegenstände ist.
Tatsächlich sagt Wittgenstein an verschiedenen Stellen der Abhandlung , dass Sachverhalte aus Gegenständen bestehen, aber an keiner, dass das auch für Tatsachen gilt.
Und genauso wenig gibt es eine Stelle in der Abhandlung , in der Wittgenstein vo n der Tatsache sagen würde, dass sie e in Sachverhalt sei .
Ich habe eine These zum Verhältnis von Gegenstand, Sachverhalt und Tatsache entwickelt, die diesen Widerspruch vermeidet.
## Die Idee
E ine Tatsache ist jedes Stück Wirklichkeit, über das wir Aussagen tref ­ fen können, ohne den weiteren Kontext der Tatsache zu kennen 5
Ich verzichte an dieser Stelle bewusst darauf, von Tatsachen zu sagen, sie seien unabhängig voneinander. Ich folge hier Wittgenstein, der diese Ausdrucksweise ebenfalls vermeidet (vgl. S. 1.21) ich vermute mit Blick auf seine Überlegung in Satz 6.45.
.
Zum Beispiel so etwas : 6
Ich werde Tatsachen immer als Fotografien darstellen.
Das ist natürlich ein Kompromiss: Gerüche, Haptik und Geräusche werden so z um B eispiel nicht abgebildet, obwohl sie Teil der Tatsache sind. Es ist das Beste, das ich in einem Buch bieten kann.
Sätze zu wählen verbietet sich: Sätze sind immer schon Bilder.
Wolfgang Brendel als Papageno in Mozarts Zauberflöte, München 2005
Der Kontext der dargestellten Tatsache ist nicht bekannt. Man weiß z.B. nicht, ob sich noch weitere Sänger auf der Bühne befinden. Genauso wenig ist klar, ob es sich um eine Probe oder eine Aufführung handelt, etc..
Trotzdem ist es möglich sinnvolle Aussagen zur Tatsache zu machen, etwa, dass ein Mann auf einer Bühne steht.
D ie Frage, was auf dem Bild zu sehen ist, kann sehr verschieden beantwortet werden . Ich möchte zwei mögliche Antworten herausgreifen und ein wenig näher beleuchten:
-
Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zau ­ber ­flöte.
-
Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.
Beide Aussagen sind wahr, beide Aussagen beziehen sich auf denselben Gegenstand, nämlich diesen da .
Jetzt sieht es so aus, als wäre ein gegebenes Ding zwei Dinge gleich­zeitig, nämlich ein Sänger und eine Opernfigur.
Man kann versuchen die ontologische Doppeldeutigkeit z.B. so zu vermeiden:
Richtig hätte ich sagen müssen: „Es ist Wolfgang Brendel in der Rolle des Papageno bei seinem ersten Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“
Der Satz wird quasi ontologisch nach Wolfgang Brendel aufgelöst, die Opern ­figur verschwindet als selbstständiger Teil der Welt: Eindeutigkeit ist hergestellt.
Ein Einwand:
Die Wenigsten werden gewusst haben, dass die singende Person Wolfgang Brendel ist, viele davon aber sehr wohl Papageno erkannt haben.
Der Sänger hat zunächst nichts mit der Opernfigur zu tun.
Ich kann den Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ verstehen, ohne Wolfgang Brendel zu kennen.
Die zugrunde liegende Tatsache stellt keine not­wendige Beziehung zwischen Sänger und Opern­figur her.
Deutlicher wird das Argument, nimmt man eine zweite Tat­sache hinzu:
Papageno in Mozarts Zauberflöte, Lindauer Marionettenoper, 2012 (?)
Wieder Papagenos erster Auftritt in der Zauberflöte.
Dieser Umstand setzt beide Tatsachen in Beziehung zueinander: Man kann etwa Papagenos Kostüm oder sein Erscheinen auf der Bühne in der jeweiligen Inszenierung vergleichen.
Diesmal ist Papageno eine Marionette.
Der Vergleich funktioniert nur, wenn der Sänger für die Opern ­figur unerheblich ist; wenn man vom Sänger absehen und trotz ­dem die Opernfigur betrachten kann.
Der Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ handelt nicht von Wolfgang Brendel und es ist eine wesentliche Eigenschaft des Satzes, nicht von Wolfgang Brendel zu handeln.
Wäre dem nicht so, könnte man z.B. die Kostüme nur ver ­gleichen, wenn Wolfgang Brendel sie trägt.
Die Sätze „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ und „ Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte“ sind logisch unabhängig von ­einander und müssen es sein.
Trotzdem treffen beide Sätze gleichermaßen auf dasselbe Stück Welt dieselbe Tatsache zu.
Die Sätze beschreiben zwei Sach­verhalte, die unabhängig von ­einander und gleich­berechtigt auf zutreffen.
Das ist Wittgensteins Grund gedanke:
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sach ­verhalten.
Zu jeder Tatsache jedem Stück Welt gibt es ver ­schiedene, logisch von ­einander unabhängige Zugangs ­weisen, die nicht auf ­einander reduziert werden können.
Jeder dieser Zugangsweisen ent ­spricht ein Sach­verhalt, der gleichberechtigt neben allen anderen Sachverhalten, die auf die Tatsache zutreffen, besteht.
Umgekehrt:
Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugs ­weise nur für sich existiert, gibt es nicht.
D ieses da ist t atsächlich zwei Dinge gleichzeitig: Je nach Bezugs­weise Papageno oder Wolfgang Brendel.
Ge genstände sind in diesem Sinne Nichts in der Welt, kenn­zeichnen vielmehr Bezugs­wei­sen auf eine Welt, die sich in Tatsachen manifestiert .
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
## Das Bild
Satzreihe 2.*
Mit seiner Sicht de s Gegenst and s fügt Wittgenstein der Welt eine zweite Ebene hinzu, die verschiedene Bezugsweisen verschiedene Sichten auf d as selbe Stück Welt dieselbe Tatsache erlaubt.
Diese Ebene nennt Wittgenstein Wirklichkeit7
Zuerst in S. 2.06: „Das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten ist die Wirklichkeit.“
.
Bilder bilden die Wirklichkeit ab, sie stellen Sachverhalte dar:
Erst Tatsache und Bezugsweise gemeinsam erlauben die Formulierung von Inhalten, die klar genug sind, als Bild fungieren zu können.
## Der Bildinhalt: Gegenst a nd, Sachverhalt & Wirklichkeit
Satzreihe 2.0*
Die Systematik hinter diesen Überlegungen führt Wittgenstein in Satzreihe 2.0* ein. Zentral sind hier die Begriffe Gegenstand, Sachverhalt und Wirklichkeit .
## Gegenst and und Wirklichkeit
Sein erste r Auftritt in der Zauberflöte ist nicht der einzige Sachverhalt, in dem Papageno eine Rolle spielt. Er ist z.B. ein ziemlicher ängstlicher Typ, der zum Trinken neigt.
In all diesen Sachverhalten spielt derselbe Papageno eine Rolle, der auch seinen ersten Auftritt in der Zauberflöte hat: Ein Gegenstand kann nicht auf sein Vor ­kommen in einem Sachverhalt reduziert werden. Er ist eine Konstante die ver ­schiedenen Sachverhalten eigen ist.
Die Existenz der Konstante verbürgt deshalb nicht die Existenz eines Gegen ­ stands, der unabhängig von den Sachverhalten wäre, weißt vielmehr nur darauf hin, dass in all diesen Sachverhalten dieselbe Bezugsweise auf die Tatsachen gewählt wurde.
Die durch die Konstante suggerierte Selbständigkeit ist so Wittgenstein nur scheinbar 8
Auf die Unterscheidung von Sachverhalt und Sachlage gehe ich gleich ein.
:
2.011 Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes sein zu können.
[ … ]
2.0122 Das Ding ist selbständig, insofern es in allen mögliche n Sachlagen vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sachverhalt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz.)
2.0123 Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglich ­keiten seines Vorkommens in Sachverhalten.
(Jede solche Möglichkeit muss in der Natur des Gegenstandes liegen.)
Es kann nicht nachträglich eine neue Möglichkeit gefunden werden.
Die Konstante der Gegenstand (Sache, Ding) ist die vollständige und abschließende Vor­stel­lung 9
M it „Vorstellung“ reflektiere ich, dass Wittgenstein von „kennen“ spricht.
von allen Sachverhalten, in denen sie auftreten kann .
Die Konstanten bilden Kristallisationspunkte , um die herum sich Sachverhalte als Verbindungen .
D ie ordnende Funktion kann wiederum nur ausgefüllt werden, wenn Gegen­stände eine Eigenschaft besitzen :
2.02 Der Gegenstand ist einfach.
[ … ]
2.021 Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.
Wittgenstein verwendet den größten Teil der Satzreihe darauf, diese Forderung zu untermauern. E s ist eine seiner zentralen Überlegungen zu den Grenzen der Sprache.
Wie schon in der Einleitung angemerkt, beruhen seine Argumente in der Satzreihe aber allesamt auf der Bildtheorie, die an dieser Stelle noch nicht eingeführt ist.
Hier deshalb nur eine erste Näherung an das zentrale Argument der Satzreihe:
2.0211 Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist.
2.0212 Es wäre dann unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen.
Nehmen wir an, ich sei der Auffassung, die Farbe sei bei der Namensgebung der Blume schon immer sträflich vernach­lässigt worden.
Statt von Blume möchte ich deshalb im Falle von:
roten Blumen → Bloten
gelben Blumen → Blelben
blauen Blumen → Blaumen
[ … ]
sprechen.
Mit der Blote, Blelbe und Blaume habe ich drei Gegen­stände eingeführt, die Wittgensteins Anforderung an einen Gegen­stand aus Satz 2.02331 genügen:
Man kann Blote, Blelbe und Blaume „durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen“.
Im Argument fordert Wittgenstein zunächst ein en Satz, in dem der Gegenstand eine Rolle spielt. Nehmen wir einfach „Die Blaume blüht“.
Man muss also zeigen können, dass die Sinnhaftigkeit des Satzes „Die Blaume blüht“ davon ab­hängt, dass eine Blaume einfach ist.
Im Argument ist von einem zweiten Satz die Rede, von dessen Wahr- oder Falschheit der Sinn des Satzes nicht abhängen darf.
Die zur Definition der Gegenstände genutzten Beschreibungen sind nahe ­liegende Kandidaten.
Da sie Sätze sind, können die Beschreibungen wahr oder falsch sein.
Die Be­schrei­bung „blaue Blume“ trifft z.B. auf zu, während sie auf nicht zutrifft.
Und wäre die Beschreibung falsch, weil es sich in Wirklichkeit nicht um eine Blume, sondern ein Auto handelt, wäre der Satz „Die Blaume blüht.“ unsinnig.
Der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht.“ würde von der Wahrheit des Satzes „blaue Blume“ abhängen.
Das ist unmöglich: Der Sinn des Satzes ist gegeben, ohne dass es eine Tat ­sache gibt, auf die er angewendet wird.
Die Ver ­gleichs ­tatsache, d ie ich bräuchte, um festzustellen, ob „ blaue Blume“ wahr oder falsch ist, ist für das Verständnis des Sinns nicht notwendig.
Der Satz hat einen von den Tatsachen unabhängigen Sinn.
In Konsequenz:
2.024 Die Substanz ist das, was unabhängig von dem was der Fall ist, besteht.
2.025 Sie ist Form und Inhalt.
Der Sinn des Satzes „blaue Blume“ stimmt inhaltlich qua Definition mit der Bedeutung von „Blaume“ überein.
In der Form unterscheiden sich beide Konstrukte aber wesentlich. 10
Dazu Satz 3.232
Der Satz ist strukturiert und kann deshalb wahr oder falsch sein. Wahr- oder Falschheit sind Eigenschaften, die sich aus der Struktur der Konstruktion herleiten.
Das
#Der Gegenstand wird qua Beschreibung definiert, das Definierte kann aber nicht die Form der Definition haben.
Wenn die Definition des Gegenstands eine andere Form als der Gegenstand selbst hat, bleibt zur Kennzeichnung des Gegenstands nur das Zeichen selbst.
D as Zeichen ist einfach:
Anders als im Falle des Satzes, bei dem eine Änderung der Bestandteile zu einer Änderung des Sinns führt, führt eine Änderung der Bestandteile des einfachen Zeichens (sprich: Wort) nur zum Fehler.
Sollte d er Gegenstand differenziert sein , könnte die Differenzierung im ein­fachen Zeichen keinen Ausdruck finden. Die Bedeutung des Zeichens wäre unklar.
Diese Bedeutung ist gemeint, wenn von Gegenständen d ie Rede ist :
Die Argumente an dieser Stelle aufzulösen bedeutet nur, die Abhandlung bis ungefähr Satz 5 vorzuziehen. Darauf möchte ich verzichten.
## Die Bildtheorie
Bildelemente un d strukturelle Abbildung
2.1**
## D as Satz zeichen / Der Satz als Modell
## Satzinhalte
Der Gedanke
3.0*
## D er Sat z als Tatsache
Das Satzzeichen
3.1*
## Elemente des Satzes
Namen / Urzeichen
3.2*
## Strukturelle Eigenschaften des Satzes
Satzvariable
3.3*
## Satzsinn
Logische Ort
3.4* / 3.5
## Der Satz
## Natürliche Sprache
Sprache als Organ (reden, ohne zu wissen, wie die Bedeutung zu Stande kommt)
4.00*
## Der Satz als dynamisches Modell
Strukturelle Abbildung & Logische Mannigfaltigkeit
4.0*
## Grenzen der Sprache
Sagen vs. Sich Zeigen
4.1*
## Elementarsatz und Logischer Raum
Logischer Raum = Elementarsatz x Elementarsatz
4.2*
## Die Wahrheitstafel
Die Wahrheitstafel als Hilfsmittel zu r Systematisierung des logischen Raums
4.3*
## Wahrheitsgründe des Satzes
Reduktion der Wahrheits möglichkeiten des Satzes auf die Wahrheits ­ möglichkeiten der enthaltenen Elementarsätze.
Elementarsatz Wahrheitsfunktion seiner selbst.
Tautologie / Kontradiktion
4.4*
## Die allgemeine Form des Satzes
Es verhält sich so und so.
4.5*
## Wahrscheinlichkeit / Logischer Schluss
## Elementarsatz als Argument
Kritik an der Theorie Freges von der Bedeutung der Sätze und Funktionen
Elementarsätze als Wahrheitsargumente
5.0*
## Wahrheitsgründe
Logischer Schluss als strukturelle Eigenschaft von Satzgefügen. (Sätzen?)
Tautologie / Kontradiktion / Wahrscheinlichkeit
5.1*
## Interne Relationen / Wahrheitsoperationen
Wahrheitsoperation als Anwendung der Wahrheitsfunktionen auf die Elementarsätze.
Wahrheitsoperation als nicht materielle Regel zur Erzeugung eines Satzes aus einem anderen Satz (anderen Sätzen?) in Satzgefügen.
5.2*
## Prinzip der Reduzierbarkeit
Reduzierbarkeit der Wahrheitsfunktion aller Sätze (Satzarten?) auf die Wahrheitsfunktionen der Elementarsätze
5.3*
## Logische Gegenstände
Keine logischen Gegenstände.
Keine „nur“ logischen Strukturen / Gesetze → Es gibt nur einen Schluss
5.4*
## Satzbedeutung
Satzbedeutung = Verneinung aller anderen Sätze
Satzbedeutung = Stellung des Satzes im logischen Raum → Form der Abhandlung
5.5*
## Solipsismus
Solipsismus als empirisches Tautologie
Beweis Wittgensteins Auffassung der Gegenstände.
5.6*
## Conclusio
## Die Zahl
Zahlen → Resultat von Zeichenmanipulationen / Repräsentieren keine Klassen (Mengen)
6.0*
## Logischer Schluss
Der logische Schluss als Zeichenoperation (geometrische / mechanische Herleitung)
6.1*
## Mathematik
Reduktion der Mathematik auf Tautologien (Gleichungen → Substitutions ­methode)
6.2*
## Naturwissenschaften
Naturwissenschaft als Beschreibung der Welt gem. einer Form (z.B. physikalische Sicht vs. biologische Sicht).
Naturgesetze als Eigenschaft der Form der Beschreibung nicht des Beschriebenen.
Täuschung: Naturgesetze würden Welt erklären (vorher: Gott als letzte nicht zu erklärende Instanz)
## Et hik
Transzendenz der Ethik.
Keine ethischen Sätze.
6.4*
## Das Mystische
Wegfall der Frage.
6.5*
## Schluss
Satz 7
@@ -0,0 +1,950 @@
Exposé zu
Was ist Wahrheit?
Wittgensteins Logisch-philosophische Abhandlung
Marcus Hinz
ἔστιν ἔστιν
Inhalt
Inhalt
1 Tatsachen und Sachverhalte 1
2 Die Idee 2
3 Gegenstände 4
3.1 Die Form des Gegenstands 5
3.2 Der Gegenstand als Substanz der Welt 6
3.3 Welt & Wirklichkeit 8
4 Das Bild 9
4.1 Der Aufbau des Modells 10
4.1.1 Vertretung 10
4.1.2 Strukturelle Abbildung 11
4.1.3 Vertretung versus strukturelle Abbildung 11
4.2 Die abbildende Beziehung 12
4.3 Die Form der Abbildung 12
4.3.1 Die Form der Darstellung 13
4.3.2 Die logische Form 14
4.4 Grenzen des Bildes 15
5 Der Gedanke 16
6 Der Satz 17
## Tatsachen und Sachverhalte
In Satzreihe 1 bespricht Wittgenstein die der Abhandlung zu Grunde gelegte Ontologie.
F ür Wittgenstein ist die Welt „die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge“ 1
LPA Satz 1.1
. Er setzt der gängigen Dingontologie eine Tatsachenontologie entgegen.
Zu Beginn v on Satzreihe 2 führt Wittgenstein ergänzend die Sachverhalte ein. Wie sich die Sachverhalte zu den Tatsachen verhalten, bleibt aber unklar. Wittgenstein formuliert an dieser Stelle nebulös: „ die Tatsache ist das Bestehen von Sachverhalten“ 2
LPA Satz 2
.
In seinem Vorwort zur Abhandlung formuliert Russell die wohl gängigste Interpretation des Verhältnisses von Tatsache und Sachverhalt 3
LPA S. 262 Abs. 1 Ende
:
What is complex in the world is a fact. Facts which are not compounded of other facts are what Mr. Wittgenstein calls Sachverhalte, whereas a fact which may consist of two or more facts is a Tatsache: thus, for example “Socrates is wise” is a Sachverhalt, as well as a Tatsache, whereas “Socrates is wise and Plato is his pupil” is a Tatsache but not a Sachverhalt.
Russell schwebt an dieser Stelle ein S tufenm odell vor, in dem Sachverhalte die kleinsten komplexen Einheiten der Welt darstellen. D iese Einheiten können zu T atsachen gruppiert werden.
Tatsache und Sachverhalt unterscheiden sich dieser Sicht nach nicht wesentlich: Jeder Sachverhalt ist für sich selbst bereits eine Tatsache.
Russells Sicht passt aus verschiedenen Gründen nicht zum Text . Die zwei wichtigsten:
-
Wittgenstein behandelt die Ontologie in Satzreihe 1. Thema von Satz ­reihe 2 ist das Bild.
Wittgenstein führt den Sachverhalt in den Vorbemerkungeni
Ich habe den Teil zur Form der Abhandlung noch nicht in das neue Manuskript übernommen. Kurz zum Thema Vor­be­merkung:
-
Wittgenstein erläutert die Systematik der Satz­num­mern in Fußnote zu Satz 1.
-
Satznummern, die eine 0 enthalten, sollte es laut dieser Systematik nicht geben.
-
Über 50% des Textes findet sich in Sätzen mit Satz­num­mern, die eine 0 enthalten.
-
Meine These zur Systematik dieser Nummern:
-
Die 0 in der Satznummer führt einer­seits dazu, dass die Nummer länger wird. Das logische Gewicht so num­merierter Sätze wird a lso geringer.
-
In der Sortierung rutscht der so num ­merierte Satz aber vor die Sätze mit regulärer Num­merierung.
Die 0 in der Satznummer gibt Wittgenstein die Möglichkeit, Sätze an der regulären Systematik vorbei, vor andere Sätze zu schmuggeln, ohne ihnen ein ungewollt hohes logisches Gewicht geben zu müssen.
Ich behandle diese Sätze als einleitende Bemerkungen zum eigentlichen Thema, das in den regulär nummerierten Sätzen besprochen wird.
0 steht für eine Vorbemerkung zu regulären Sätzen, 00 für Vorbemerkungen zu Sätzen, deren Nummer eine 0 enthält.
zu Satz­reihe 2 ein, ordnet ihn damit syste­matisch also dem Bild nicht der Ontologie zu.
-
Russell bezeichnet Sachverhalte als Komplexe.
D as steht so im Text: Wittgenstein sagt selbst, dass der Sachverhalt eine Verbindung von Gegenständen ist 4
LPA Satz 2.01
.
Nimmt man aber die Annahme, dass Sachverhalte Tatsachen sind, hinzu, erhält man einen klaren Widerspruch zu Satz 1.1:
Laut Satz 1.1 ist die Welt die Summe der Tatsachen, nicht der Dinge. Bestehen Tatsachen aber aus Gegenständen, wäre die Welt eben doch die Summe der Dinge, da diese die Tatsache konstituieren.
Tatsächlich s pricht Wittgenstein an verschiedenen Stellen der Abhandlung explizit davon, dass Sachverhalte aus Gegenständen zusammengesetzt sind. A n keiner Stelle spricht er davon, dass dies auch für Tatsachen gilt.
Und genauso wenig gibt es eine Stelle in der Abhandlung , in der Wittgenstein vo m S achverhalt sagen würde, dass e r e ine Tatsache sei .
Ich habe eine These zum Verhältnis von Sachverhalt und Tatsache e ntwickelt, die Russells Widerspr uch vermeidet.
Daneben erlaubt sie eine Sicht auf den Text als schlüssiges Ganzes, statt ihn wie häufig zu lesen als eine Ansammlung von Aphorismen erscheinen zu lassen.
Und zu guter Letzt erklärt sie, was Wittgenstein meint, wenn er im Vorwort davon spricht, „die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben“5
LPA Vorwort letzter Absatz.
.
## Die Idee
Die Kernpunkte :
-
Eine Tatsache ist jedes Stück Wirklichkeit, über das wir Aussagen tref ­ fen können, ohne den weiteren Kontext der Tatsache zu kennen.
-
Zu jeder Tatsache gibt es verschiedene Zugangsweisen, die logisch un ­ ab ­ hängig voneinander sind.
-
Gegenstände konstituieren die Tatsache nicht, kennzeichnen vielmehr die Zugangs weise zur Tatsache.
-
Erst wenn Tatsache und Zugang sweise bestimmt sind, kann ein Bild der Tatsache gemacht werden.
Ein solches Bild stellt dann einen Sachverhalt dar.
Der S ac hverhalt besteht unabhängig von, aber gleichberechtigt zu allen an­deren Sachverhalten, die ebenso auf die Tatsache zutreffen .
-
Gegenstände ermöglichen es also Bilder der Tatsachen zu machen. Die Tatsache ist durch sie aber nicht ontologisch bestimmt.
Ein Beispiel zur Illustration. F olgende Tatsache 6
Ich werde Tatsachen immer als Fotografien darstellen.
Das ist natürlich ein Kompromiss: Gerüche, Haptik und Geräusche werden so z um B eispiel nicht abgebildet, obwohl sie Teil der Tatsache sind. Es ist das Beste, das ich in einem Buch bieten kann.
Sätze zu wählen verbietet sich: Sätze sind immer schon Bilder.
:
Wolfgang Brendel als Papageno in Mozarts Zauberflöte, München 2005
Der Kontext der dargestellten Tatsache ist nicht bekannt. Man weiß z.B. nicht, ob sich noch weitere Sänger auf der Bühne befinden. Genauso wenig ist klar, ob es sich um eine Probe oder eine Aufführung handelt, etc..
Trotzdem ist es möglich sinnvolle Aussagen zur Tatsache zu machen, etwa, dass ein Mann auf einer Bühne steht.
D ie Frage, was auf dem Bild zu sehen ist, kann sehr verschieden beantwortet werden . Ich möchte zwei mögliche Antworten herausgreifen und ein wenig näher beleuchten:
-
Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zau ­ber ­flöte.
-
Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.
Beide Aussagen sind wahr, beide Aussagen beziehen sich auf denselben Gegenstand, nämlich diesen da.
Jetzt sieht es so aus, als wäre ein gegebenes Ding zwei Dinge gleich­zeitig, nämlich ein Opernsänger und eine Opernfigur.
Man kann einwenden, dass ich in meinen Aussagen einfach nicht vollständig notiert habe.
Richtig hätte ich sagen müssen: „Es ist Wolfgang Brendel in der Rolle des Papageno bei seinem ersten Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“
Der Satz wird ontologisch quasi nach Wolfgang Brendel aufgelöst, die Opern ­figur verschwindet als selbstständiger Teil der Welt.
Ein Einwand:
Die Wenigsten werden gewusst haben, dass die singende Person Wolfgang Brendel ist, viele davon aber sehr wohl Papageno erkannt haben.
Der Sänger hat zunächst nichts mit der Opernfigur zu tun.
Ich kann den Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ verstehen, ohne Wolfgang Brendel zu kennen.
Die zugrunde liegende Tatsache stellt also keine not­wendige Beziehung zwischen Sänger und Opern­figur her.
Deutlicher wird das Argument, nimmt man eine zweite Tat­sache hinzu:
Papageno in Mozarts Zauberflöte, Lindauer Marionettenoper, 2012 (?)
Wieder Papagenos erster Auftritt in der Zauberflöte.
Dieser Umstand setzt beide Tatsachen in Beziehung zueinander: Man kann etwa Papagenos Kostüm oder sein Erscheinen auf der Bühne in der jeweiligen Inszenierung vergleichen.
Diesmal ist Papageno eine Marionette.
Der Vergleich funktioniert nur, wenn der Sänger für die Opern ­figur unerheblich ist; wenn man vom Sänger absehen und trotz ­dem die Opernfigur betrachten kann.
Der Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ handelt nicht von Wolfgang Brendel und es ist eine wesentliche Eigenschaft des Satzes, nicht von Wolfgang Brendel zu handeln.
Wäre dem nicht so, könnte man z.B. die Kostüme nur ver ­gleichen, wenn Wolfgang Brendel sie trägt.
Die Sätze „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ und „ Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte“ sind logisch unabhängig von ­einander und müssen es sein.
Trotzdem treffen beide Sätze gleichermaßen auf dasselbe Stück Welt dieselbe Tatsache zu.
Die Sätze beschreiben zwei Sach­verhalte, die unabhängig von ­einander aber gleich­berechtigt auf zutreffen.
Das ist Wittgensteins Grund gedanke:
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
Zu jeder Tatsache jedem Stück Welt gibt es ver ­schiedene, logisch von ­einander unabhängige Zugangs ­weisen, die nicht auf ­einander reduziert werden können.
Jeder dieser Zugangsweisen ent ­spricht ein Sach­verhalt, der gleichberechtigt neben allen anderen Sachverhalten, die auf die Tatsache zutreffen, besteht.
Umgekehrt:
Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugs ­weise nur für sich existiert, gibt es nicht.
dieses da ist t atsächlich zwei Dinge gleichzeitig: Je nach Bezugs­weise Papageno oder Wolfgang Brendel.
Ge genstände sind in diesem Sinne Nichts in der Welt. Sie kenn­zeichnen vielmehr Bezugs­wei­sen auf Tatsachen, die die Welt konstituieren.
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
## Gegenstände
Satzreihe 2.0
Der erste Auftritt in der Zauberflöte ist nicht der einzige S achverhalt, in dem Papageno eine Rolle spielt: Er ist z.B. Vogelfänger und ein ziemlich ängstlicher Typ, der zum Trinken neigt.
In all diesen Sachverhalten spielt derselbe Papageno eine Rolle, der auch seinen ersten Auftritt in der Z auberflöte hat.
Ein Gegenstand kann also nicht vollständig auf einen Kontext reduziert werden. Eine gewisse Unabhängigkeit vom Sach­ver­halt, in dem er vorkommt, muss gegeben sein.
Wittgenstein adressiert dieses Thema in Satzreihe 2.0.
Die Satzreihe ist eine wichtigsten aber auch eine der undankbarsten Pas­sagen der Abhandlung .
Wittgenstein nutzt in der Satzreihe zentrale Begriffe wie „ S atz“, „Bild“, „Sach­lage“, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch nicht eingeführt sind.
Insbesondere die Abgrenzung von Sachverhalt und Sachlage kann aus der Satzreihe allein nicht verstanden werden.
Daneben ist der Duktus der Satzreihe stark ontologisch geprägt.
Ich glaube viele der missverständlichen Lesarten der Abhandlung rühren einfach daher, dass beim Lesen d ieser Passage eine Ding- und eben keine Tatsachen­ontologie unter­stellt wird.
Thema von Satzreihen 2.01 & 2.02 sind die Gegenstände. In dieser Passage baut Wittgenstein ein Modell auf, das er in Satzreihen 2.03,ff auf die Sach­verhalte anwendet und schließlich zum Bild dem eigentlichen Thema der Satzreihe führt.
## Die Form des Gegenstands
Satzreihe 2.01
Am einfachsten liest sich Satzreihe 2.01 als Gegenentwurf zu dem, was in der Ontologie manchmal etwas flapsig als Kleiderständertheorie bezeichnet wird:
Betrachtet man einen Gegenstand nimmt man die Eigenschaften des Gegen­stands wahr. Jede einzelne dieser Eigenschaften kann man auch an anderen Gegen­ständen feststellen.
So entsteht der Eindruck, ein Gegenstand sei nichts mehr als eine zufällige Ansammlung d er wahrgenommenen Eigenschaften der Gegen­stand verliert seine Kohärenz.
Es muss etwas geben, das dem Gegenstand über den bloßen äußeren Ein­druck hinaus Halt gibt seine Kohärenz sichert.
Da die Gegenstände die konstituierenden Elemente der Welt sind, muss dieser Halt durch den Gegen­stand selbst gesichert werden. Zum Beispiel fordert Kant deshalb das Ding an sich , das im Verborgenen dafür sorgt, dass nicht „Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint“ 7
Kant, Kritik der reinen Vernunft.
.
Die Notwendigkeit, den Gegenstand von innen her sichern zu müssen, folgt unmittelbar aus der Annahme, dass Gegenstände die konstituierenden Elemente der Welt sind und deshalb für sich ohne äußeres Zutun Bestand haben müssen.
Wittgenstein dagegen 8
Der Terminus Sachlage ist neu.
An dieser Stelle kann er einfach synonym zu Sachverhalt gelesen werden.
Ich werde ihn im Zusammenhang mit dem logischen Raum näher erläutern.
:
2.0122 Das Ding ist selbständig, insofern es in allen mögliche n Sach ­ lagen vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sach ­ ver ­ halt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei ver ­ schiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz. )
Wie zu Beginn des Kapitels geschrieben, muss ein Gegenstand zumindest in einem gewissen Maß kontextunabhängig sein: Er ist eine Konstante, die über verschiedene Kontexte hinweg besteht.
Wittgenstein akzeptiert die Selbständigkeit des Gegenstands deutet sie aber in ihr Gegenteil um, betont s tatt dessen die Abhängigkeit des Gegenstands v om Sachverhalt.
Kann ein Gegenstand nicht auf den Kontext eines einzelnen Sachverhalts reduziert werden, so doch auf die Summe aller Sachverhalte, in denen er vorkommen kann:
2.0123 Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vor ­kom ­mens in Sachverhalten.
[ ... ]
Es kann nicht nachträglich eine neue Mög­lich­keit gefunden werden.
D as Skelett, mit dem Kant die Kohärenz der Gegenstände von innen her sichert, wird durch ein Exoskelett ersetzt, das den Gegenstand ohne eigenes Zutun als abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen er vor­kom­men kann, definiert.
W ittgenstein erweitert so die formale Logik um eine sachlogische Ebene, die die Gegenstände zum Teil eines Möglichkeitsraums macht, statt sie als Teil der Welt dessen, was ist zu betrachten.
2.012 In der Logik ist nichts zufällig: Wenn das Ding im Sach ­ verhalt vor ­ kom ­ men kan n, so muss die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein.
Der Pferdefuß des Ganzen: Mit Eliminierung der Gegenstände aus der Welt ver­wischt Wittgenstein die Grenzen zwischen Erkenntnistheorie und Ontologie 9
Ich hatte bei meiner Recherche ein Zitat entdeckt, in dem gefragt wurde, ob Wittgenstein der Unterschied zwischen Epistemologie und Ontologie geläufig gewesen sei. Gute Frage.
:
In den zitierten Sätzen reduziert Wittgenstein das Ding auf die abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen es vorkommen kann. Die Aufzählung muss abschießend sein, da sonst nicht klar wäre, was ein Ding ist.
In den Erläuterungen spricht Wittgenstein dann a ber davon, dass keine neuen Möglichkeiten gefunden werden können. Und später davon, dass man einen Gegenstand kenne .
E ine Möglichkeit nicht gefunden zu haben, oder e twas nicht zu kennen, heißt nicht, dass es diese Möglichkeit oder das Etwas nicht gibt.
Wittgenstein g ibt an dieser Stelle auf eine ontologische Frage (was ist ein Ding) eine erkenntnistheoretische Antwort (was weiß ich von dem Ding).
Stellt sich die Frage, wie man den Text weiterlesen möchte.
Wittgenstein löst den Widerspruch erst zum Ende der Abhandlung hin, in Satzreihe 5, auf.
Bis dahin ist es am günstigsten die erkenntnistheoretische Variante zu wählen: Für Wittgenstein ist dieser Lesart nach ein Gegenstand das abschließende Wissen, in welchen Sach ­verhalten der Gegenstand vorkommen kann.
Die Vorstellung davon, zu welchen Sachverhalten der Gegenstand passt, ist die Form des Gegenstands (Satz 2.0141).
Wittgenstein geht als nächstes darauf ein, wie die Vorstellung vom Gegen­stand b eschaffen ist die Form der Form, wenn man so will :
## Der Gegenstand als Substanz der Welt
Satzreihe 2.0 2
2.02 Der Gegenstand ist einfach.
[ … ]
2.021 Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.
Die beiden Sätze sind die besten Beispiele für den stark ontologischen Du ktus von Satzreihe 2.0.
Trotzdem argumentiert Wittgenstein hier nicht i n einem ding­onto­logischen Muster. Das sieht man, schaut man auf das Argument, das Wittgenstein für die Sätze ins Feld führt:
2.0211 Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist.
2.0212 Es wäre dann unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen.
Wieder die Vermischung von Ontologie und Erkenntnistheorie.
Wittgenstein argumentiert auf der sprachlichen Ebene (Sinn des Satzes), um eine ontologische These (Substanz der Welt) zu belegen.
Mit dem Argument greift W ittgenstein der Abhandlung weit vor. An dieser Stelle e ine erste n icht ganz vollständige Näherung :
Nehmen wir an, ich sei der Auffassung, die Farbe sei bei der Namensgebung der Blume schon immer sträflich vernach­lässigt worden.
Statt von Blumen möchte ich deshalb im Falle von:
roten Blumen → Bloten
gelben Blumen → Blelben
blauen Blumen → Blaumen
[ … ]
sprechen.
Mit der Blote, Blelbe und Blaume habe ich drei Gegen­stände eingeführt, die Wittgensteins Anforderung an einen Gegen­stand aus Satz 2.02331 genügen:
Man kann Blote, Blelbe und Blaume „durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen“.
Wittgenstein fordert ein en Satz, in dem der Gegenstand eine Rolle spielt. Nehmen wir einfach „Die Blaume blüht“.
Man muss also zeigen können, dass die Sinnhaftigkeit des Satzes „Die Blaume blüht“ davon ab­hängt, dass eine Blaume einfach ist.
Im Argument ist von einem zweiten Satz die Rede, von dessen Wahr- oder Falschheit der Sinn des Satzes nicht abhängen darf.
Die zur Definition der Gegenstände genutzten Beschreibungen sind nahe ­liegende Kandidaten.
Da sie Sätze sind, können Beschreibungen wahr oder falsch sein. Die Be­schrei­bung „blaue Blume“10
Einer der Vorgriffe: „blaue Blume“ ist in Wittgensteins Sinn ein Satz, weil ich rekombinieren kann:
-
„blaue Blume“ → „rote Blume“
-
„ blaue Blume“ → „blaues Auto“
trifft z.B. auf zu, während sie auf nicht zutrifft.
Und wäre die Beschreibung falsch, weil es sich in Wirklichkeit nicht um eine Blume, sondern ein Auto handelt, wäre der Satz „Die Blaume blüht.“ unsinnig.
Der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht.“ würde von der Wahrheit des Satzes „blaue Blume“ abhängen.
Das ist unmöglich: Der Sinn des Satzes ist gegeben, ohne dass es eine Tat ­sache gibt, auf die er angewendet wird.
Die Ver ­gleichs ­tatsache, d ie ich bräuchte, um festzustellen, ob „ blaue Blume“ wahr oder falsch ist, ist für das Verständnis des Sinns nicht notwendig. ii
Noch etwas einfacher und plastischer kann man dasselbe Argument an eine m logischen Zirkel in einer Bemerkung Russells in der Einleitung verdeutlichen:
It is impossible, for example, to make a statement about two men (assuming for the moment that the men may be treated as simples), without employing two names […]
Mit den Personen meint Russell Sokrates und Platon.
I n d er Bemerkung in der Klammer bezweifelt Russell, dass diese Personen als einfache Dinge betrachte t werden können.
Im Umkehrschluss handelt es sich bei Sokrates und Platon um Komplexe also zusammensetzte Dinge. Die Diskussion, aus welche n Bausteine n sie aufgebaut sind, und warum es ausgerechnet diese sein sollten, möchte ich an dieser Stelle außen vor lassen.
Nehmen wir für den Moment an, dass die Körperteile einer Person die se Bausteine sind.
Russells Beispielsatz
Plato liebt Sokrates.
ließt sich dann
Kopf, Arme, Beine und Rumpf lieben Kopf, Arme, Beine und Rumpf.
Passt fast, aber nicht ganz: Der Satz
Demokrits Kopf, Heraklits Arme, Kritias Beine und Thales Rumpf lieben Antiphons Kopf, Aristoteles Arme, Diogenes Beine und Epiktets Rumpf.
erfüllt den reformulierten Satz, sagt aber nicht, was mit Plato liebt Sokrates gemeint ist.
Im Minimum muss sicher gestellt sein, dass die Körperteile zur jeweils gemeinten Person gehören. Also notieren wir:
Platos Kopf, Platos Arme, Platos Beine und Platos Rumpf lieben Sokrates Kopf, Sokrates Arme, Sokrates Beine und Sokrates Rumpf.
QED.
Der Satz hat einen von den Tatsachen unabhängigen Sinn.
Der Gegenstand wird qua Beschreibung definiert, das Definierte kann aber nicht die Form der Definition haben.
Wenn die Definition des Gegenstands eine andere Form als der Gegenstand selbst hat, bleibt zur Kennzeichnung des Gegenstands nur das Zeichen selbst.
D as Zeichen ist einfach:
Anders als im Falle des Satzes, bei dem eine Änderung der Bestandteile zu einer Änderung des Sinns führt, führt eine Änderung der Bestandteile des einfachen Zeichens (sprich: Wort) nur zum Fehler.
Sollte d er Gegenstand differenziert sein , könnte die Differenzierung im ein­fachen Zeichen keinen Ausdruck finden. Die Bedeutung des Zeichens wäre unklar.
Diese Bedeutung ist gemeint, wenn von Gegenständen d ie Rede ist :
2.0231 Die Substanz der Welt kan n nur eine Form und keine materiellen Eigenschaften bestimmen. Denn diese werden erst durch die Sätze dargestellt erst durch die Konfiguration der Gegenstände gebildet.
2.0232 Beiläufig gesprochen: Die Gegenstände sind farblos.
Für Wittgenstein ist ein Gegenstand und seine Definition nicht äquivalent.
Ein Gegen­stand wird zwar durch eine Beschreibung definiert, tritt aber als logisches Konstrukt in die Welt ein , das Kombinationen mit einem Teil anderer Gegen­stände zulässt, andere dagegen ausschließt.
Diese Asymmetrie ist die Basis d er Idee Wittgensteins vom Bild.
## W elt & Wirklichkeit
Satzreihe 2.0 3ff
Gegenstände sind Kristallisationskerne, die durch ihre Kombinations­mög­lich­keiten einen Raum möglicher Sachverhalte aufspannen, der abschießend gegeben ist 11
Wittgenstein fasst die Möglichkeit der Kombination formal als Argumentstelle auf (S. 2.0131). Art und Position des eintretenden Gegenstands müssen passen und b eides b estimmt d en Sachverhalt :
-
Caesar war größer als Napoleon sagt etwas anderes als Napoleon war größer als Caesar .
-
Napoleon war größer als Wasser ist unsinnig.
.
2.0124 Sind alle Gegenstände gegeben, so sind damit auch alle mögliche n Sachverhalte gegeben.
Sachverhalt und Gegenstand teilen sich d emnach die Form :
2.03 Im Sachverhalt hängen die Gegenstände ineinander, wie die Glieder einer Kette.
[ … ]
2.032 Die Art und Weise, wie die Gegenstände im Sachverhalt zusam­men­hängen, ist die Struktur des Sachverhaltes.
2.033 Die Form ist die Möglichkeit der Struktur.
D er Satz „Ich war heute früh in Berlin und habe den Eiffelturm besichtigt“ ist in diesem Sinn nicht (empirisch) falsch, sondern widersprüchlich, weil die Form der Person es ausschließt, an zwei Orten gleich ­ zeitig zu sein.
E in sachlogischer Ausschluss liegt vor: Der Satz ist unsinnig.
Der Raum möglicher Sachverhalte, der durch die Gegenstände aufgespannt wird, umfasst d ann nicht nur die Sachverhalte, die tatsächlich gegeben sind, sondern auch die nur möglichen. An die Seite der Welt tritt die Wirklichkeit:
2.04 Die Gesamtheit der bestehenden Sachverhalte ist die Welt.
2.05 Die Gesamtheit der bestehenden Sachverhalte bestimmt auch, welche Sachverhalte nicht bestehen.
2.06 Das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten ist die Wirk ­ lichkeit.
(Das Bestehen von Sachverhalten nennen wir auch eine positive, das Nichtbestehen eine negative Tatsache.)
Im Möglichkeitsraum dem logischen Raum verhalten sich gegebener und bloß möglicher Sach ­verhalt gleich. Diesem Raum entspricht die Wirklichkeit, seine Elemente ne nnt Wittgenstein Sachlagen und grenzt Wirklichkeit und Welt damit voneinander ab.
Da die Vorstellung davon, in welchen Sachverhalten ein Gegenstand vorkom­men kann, immer abschließend gegeben ist, können aus der Summe der bestehenden S achverhalte auch die Sachverhalte hergeleitet werden, die nicht bestehen 12
{Mögliche Sachverhalte } {Gegebene Sachverhalte } = {Nichtgegebene Sachverhalte }
.
Das gilt aber nicht auf der Ebene des einzelnen Sachverhalts iii
Ich deute den Begriff Sachlage hier zunächst defensiv:
Es gibt sehr wohl Sachverhalte, deren Bestehen andere unmittelbar ausschließt:
Dass ich in Berlin war, besagt, dass ich nicht in Paris war.
Der Fußabdruck, den ein Sachverhalt im logischen Raum hinterlässt, ist also größer als der Sach­verhalt selbst. Eine Sachlage i st in diesem Sinne der Sachverhalt selbst plus aller unmittelbaren Implikationen seines Bestehens.
Das sieht Wittgenstein ebenso. In Satzreihe 2 kann man das an Satz 2.11 sehen: Ein Bild stellt eine Sachlage, „das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten“ dar. Der defensiven Lesart nach müsste an dieser Stelle „oder“ nicht „und“ stehen.
Konkret wird Wittgenstein in der Frage aber erst in Satzreihe 4.1ff.
Obwohl ich sehr stark dazu neige auch in Satzreihe 2 die starke Lesart zu wählen, kann man sie nicht aus der Satzreihe selbst herleiten. Sätze 2.061 und 2.062 sind klare Gegenargumente.
Doch oh Wunder: An dieser Stelle spielt die starke Lesart in Wittgensteins Argumentation noch keine Rolle. Das geschieht erst in Satzreihe 4.1ff.
:
2.061 Die Sachverhalte sind von einander unabhängig.
2.062 Aus dem Bestehen oder Nichtbestehen eines Sachverhaltes kann nicht auf das Bestehen oder Nichtbestehen eines anderen geschlossen werden.
D as Schwanken zwischen ontologischen und erkenntnistheoretischem Duktus der Satzreihe spiegelt , dass Gegen­stände und Sachverhalte Wittgensteins Idee nach in eine zunächst nicht näher beschriebene Sand ­ wich ­ position zwischen Welt und Bild geraten:
-
Sie konstituieren nicht die Welt, da von keinem Gegenstand gesagt werden kann, dass er „wirklicher“ als andere sei und Sachverhalte logisch unab­hängig voneinander sind iv
Man kann an dieser Stelle im Übrigen schon sehr schön den Unsinn sehen, von dem Wittgenstein in Satz 6.54 spricht. V ielleicht hilft das auch ein wenig, den schwankenden Duktus der Satzreihe einzu­ordnen:
W ittgenstein befördert die gesamte Welt in den logischen Raum.
Dann stellt sich natürlich die Frage, was „logisch“ hier meint: Von was der Raum mit dem Attribut abgegrenzt werden soll..
Ist die gesamte Welt oder Wirklichkeit ein logischer Raum, gibt es nichts Anderes, von dem eine Abgrenzung überhaupt möglich wäre. Damit verliert das Attribut Wittgensteins eigener Aussage nach seine Berechtigung (Satz 5.47321).
Es ist völliger Unsinn, die Welt oder Wirklichkeit als Ganzes bestimmen zu wollen, weil dazu aus ihr heraus treten müssten, was offensichtlich nicht möglich ist (Satz 6.45).
Damit ist der Raum eben doch wieder der Raum.
.
-
Andererseits sind sie auch nicht die Bilder der Welt, obwohl sie deren Inhalte bilden.
## Das Bild
Satzreihe 2.1
2.1 Wir machen uns Bilder der Tatsachen.
2.11 Das Bild stellt die Sachlage im logischen Raume, das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten vor.
2.12 Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit.
In der Welt finden wir Tatsachen vor. Da es sehr viele Zugangsweisen zu einer Tatsache gibt, kann kein Bild die Tatsache vollständig fassen.
D ie e infache , vollständige Abbildung d er Tatsache gibt es nicht.
Statt dessen wird die Tatsache im Prozess der Abbildung zum Bild umgeformt : Das Bild der Tatsache stellt eine Sachlage dar; ist auf eine Zugangs­weise zur Tatsache beschränkt. Das Bild ist nicht vollständig es ist ein Modell.
Mein Lieblingsmodell eines Modells sind Gliederpuppen, wie sie als Vorlage im Zeichen ­training genutzt werden :
Man kann viele der Bemerkungen Wittgensteins zum Modell besser an einer solchen Puppe als durch bloßen Text erläutern.
## Der A ufbau des Modells
Satzreihe n 2.13 & 2.14
ist das Modell eines Menschen.
Im M odell unterscheidet Wittgenstein zwischen festen und dynamischen Teilen, die sich in verschiedener Weise auf den abzubildenden Sachverhalt beziehen:
## Vertretung
Satzreihe 2.13
Die festen Teile des Bildes:
2.13 Den Gegenständen entsprechen im Bilde die Elemente des Bildes.
2.131 Die Elemente des Bildes vertreten im Bild die Gegenstände.
Die Elemente, von denen Wittgenstein in Satz 2.13 spricht, sind i m vor­liegenden Modell einfach zu identifizieren: Sie sind durch Gelenke von ­einan ­der getrennt.
Jede r Teil des Modells steht für einen Gegenstand, der durch das Modell abgebildet wird jedes Element vertritt einen Gegenstand:
vertritt eine Hand.
vertritt einen Fuß.
vertritt den Kopf.
[ … ]
## Struktu relle Abbildung
Satzreihe 2.14
Ebenso wie den gegenständlichen Aspekt des Sachverhalts, wiederholt das Bild auch dessen Struktur:
2.14 Das Bild besteht darin, dass sich seine Elemente in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten.
2.141 Das Bild ist eine Tatsache.
Das Beispielmodell hat zwei wesentliche strukturelle Eigenschaften:
-
Die Glieder der Puppe nehmen eine bestimmte Position zueinander ein und stellen so die H altung eines Menschen nach 13
Dass die Glieder beweglich sind, ist an dieser Stelle hilfreich aber nicht notwendig:
Jede einzelne Stellung, die die Puppe einnehmen kann, kann man auch in einem fixen Modell nachbilden.
.
-
Die Proportionen der Glieder des Modells zueinander entsprechen den typischen Proportionen der Gliedmaße eines Menschen zueinander.
Die Unterscheidung zwischen Vertretung und struktureller Abbildung ist für Wittgenstein fundamental, da sich dahinter zwei völlig verschiedene Mecha ­ nis ­ men de s Bezugs auf den Sachverhalt verstecken:
## Vertretung versus strukturelle Abbildung
vertritt im Modell die Hand des Menschen.
Der zur Vertretung genutzte Gegenstand hat mit einer Hand nicht viel zu tun: Eine Hand besteht nicht aus Holz, und wesentlicher fehlen dem Vertreter die Finger, die eine Hand normalerweise ausmachen.
Beide Eigenschaften sind für die Vertretung unerheblich: Ich hätte genauso gut Metall statt Holz wählen, und die Finger andeuten können.
Umgekehrt kann ich aus dem Modell auch keine Informationen über die Hand herleiten:
Ich weiß z.B. nicht, ob eine typische Hand 20cm oder 2m lang ist. Und wüsste ich nicht, dass eine Hand Finger hat, könnte ich es vom vertre­tenden Gegen ­stand nicht lernen.
Information en über das Vertretene w erd en im Modell nicht transportiert.
Anders betrachtet man sich die strukturelle Abbildung:
Das Modell kann laufen: . Hier sieht man es s itzen.
Eine Ä nderung der Stellung der Puppenglieder führt in diesem Fall zur un­mittel­baren Änderung des Bildinhalts.
D ie Proportionen der Glieder können z.B. a uch so verändert werden, dass der Bild­inhalt ganz verloren geht: .
Kurz:
-
Die Elemente des Bild es sind für seinen Inhalt unerheblich, da der ver ­tre ­tende Gegenstand beliebig ist in keiner logischen Beziehung zum Vertretenen steht.
-
Der Bildinhalt ist allein durch die strukturellen Eigenschaften des Bildes g egeben .
## Die abbildende Beziehung
Satzreihe 2.15
Die Willkür in der Wahl der vertretenden Gegenstände entkoppelt das Bild vom Abgebildeten.
Nichts am Modell macht es zwingend zum Bild. Die Verknüpfung zwischen Sachverhalt und Bild14
Strikt : Die Verknüpfung zweier Tatsachen.
muss aktiv hergestellt werden:
2.151 3 Nach dieser Auffassung gehört also zum Bilde auch noch die abbildende Beziehung, die es zum Bild macht.
2.1514 Die abbildende Beziehung besteht aus den Zuordnungen der Elemente des Bildes und der Sachen.
2.1515 Diese Zuordnungen sind gleichsam die Fühler der Bildelemente, mit denen das Bild die Wirklichkeit berührt.
Die Entkopplung ist symmetrisch: Ich erfahre nichts über den Sachverhalt, nur weil die Gegenstände durch bestimmte Elemente vertreten werden.
2.1511 Das Bild ist s o mit der Wirklichkeit verknüpft es reicht bis zu ihr.
2.1512 Es ist wie ein Maßstab an die Wirklichkeit angelegt.
2.15121 Nur die äußersten Punkte der Teilstriche berühre n den zu mes ­ senden Gegenstand.
Die Entkopplung von Bild und Sachverhalt gilt aber nur auf der Ebene der Vertretung:
2.15 Dass sich die Elemente des Bildes in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten, stellt vor, dass sich die Sachen so zu einander verhalten.
Dieser Zusammenhang der Elemente des Bildes heiße seine Struktur und ihre Möglichkeit seine Form der Abbildung.
2.151 Die Form der Abbildung ist die Möglichkeit, dass sich die Dinge so zu einander verhalten, wie die Elemente des Bildes.
Analog der Form des Gegenstands stellt die Form der Abbildung sicher, dass nur sinnvolles als Bild betrachtet werden kann.
## Die Form der Abbildung
Satzreihe 2.16 & 2.17 Anfang
Um sinnvoll abbilden zu können, muss zunächst sicher gestellt sein, dass über ­haupt abgebildet wird:
2.16 Die Tatsache muss, um Bild zu sein, etwas mit dem Abgebildeten gemeinsam haben.
2.161 In Bild und Abgebildetem muss etwas identisch sein, damit das eine überhaupt ein Bild des anderen sein kann.
2 .17 Was das Bild mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie auf seine Art und Weise richtig oder falsch abbilden zu können, ist seine Form der Abbildung.
2.171 Das Bild kann jede Wirklichkeit abbilden, deren Form es hat.
Das räumliche Bild alles Räumliche, das farbige alles Farbige, etc.
ist ein räumliches Modell und kann deshalb Räumliches im vorliegenden Fall die Haltung des Menschen abbilden.
Eine Abbildung des Farbraums der Gemälde van Goghs ist mit dem Modell nicht möglich.
Die Identität zwischen Bild und Abgebildeten, die Wittgenstein in Satz 2.161 fordert, ist die Überein­stim­mung der strukturellen Eigenschaften des Bildes mit den strukturellen Eigen­schaf ­ten des abgebildeten Sachverhalts:
-
Die Positionierung der Puppenglieder e ntspricht de r Positionierung der Glied­maßen beim Menschen.
-
Die Proportionen der Puppenglieder entsprechen de n Proportionen der Glied ­maße des Menschen.
Anders als im Falle der Vertretung, hat die Übereinstimmung der strukturellen Eigenschaften von Bild und Abgebildeten aber keinerlei willkürlichen Aspekt diese Beziehung ist logisch geprägt.
bildet einen s itzenden Menschen ab. Es gibt keine (sinnvolle) Möglichkeit, aus diesem Bild das Bild eines l aufenden Menschen zu machen:
2.172 Seine Form der Abbildung aber, kann das Bild nicht abbilden; es weist sie auf.
Deutlich er wird Wittgensteins Idee an einem kleinen Experiment:
wird im Beispiel zur Vertretung der Hand genutzt.
Diese Festlegung ist nicht zwingend. Ich kan n auch nutzen, um den Fuß des Menschen zu vertretenv
An dieser Stelle gibt es tatsächlich eine Unstimmigkeit in der Abhandlung .
Es ist nicht möglich zur Vertretung des Fußes zu wählen. Das liegt daran, dass sich das Verhältnis von Länge zu Breite im Falle von und deutlich u nterscheidet .
Das bedeutet, dass ich im Ende aus dem vertretenden Gegenstand doch etwas über das Vertretene lernen kann. Im vorliegenden Fall das Verhältnis von Länge zur Breite des Fusses.
Ich halte diese Unstimmigkeit für lässlich:
-
Was ich über den Gegenstand lerne ist Teil derselben Zugangsweise zur Tatsache, und auf diese Zugangsweise beschränkt.
-
Die Vorüberlegungen in dieser Passage zielen natürlich auf Satz und Wort. Ein Wort ist soweit vom Gegenstand abstrahiert, dass es solche Effekte im Falle von Satz und Wort nicht geben sollte.
Ich mag mich irren.
.
Tue ich das, bin ich aber gezwungen, ein sehr viel kleineres Modell als das vor ­liegende zu bauen:
ist deutlich kürzer als , das im Beispiel den Fuß vertritt.
In Folge dessen müssen alle Glieder der Puppe soweit verkleinert werden, dass die veränderte strukturelle Eigenschaft des Bildes die Proportion der Größe der Glieder wiederhergestellt ist.
Anders als im Falle der Vertretung, kann d iese Beziehung zwischen Bild und Abgebildetem nicht a ufgehoben werden.
Die abbildende Beziehung besteht tatsächlich nur in den „Zuordnungen der Elemente des Bildes und der Sachen“15
Satz 2.1514 (Zitat oben)
.
Sind die Elemente aber erst zugeordnet liegt ein Bild vor oder eben nicht. Die Form der Abbildung ist gegeben oder eben nicht.
Das Bild weist d ie Form der Abbildung auf, i ch kann sie dem Bild nicht geben.
Für Wittgenstein besitzt die Form der Abbildung wesentliche und unwesent­liche Züge :
## D ie Form der Darstellung
Satzreihe 2.1 7 Ende
Erst die Entkopplung des Inhalts des Bildes vom Abgebildeten die Ver­tretung ermöglicht die Darstellung der Sachverhalte unabhängig von ihrer Wahr- oder Falschheit:
2.173 Das Bild stellt sein Objekt von außerhalb dar (sein Standpunkt ist seine Form der Darstellung), darum stellt das Bild sein Objekt richtig oder falsch dar.
2.174 Das Bild kann sich aber nicht außerhalb seiner Form der Dar ­stellung stellen.
Wie d ie Entkopplung vorgenommen wird wie die Gegenstände im Bild vertreten werden ist die Form der Dar­stellung des Bildes:
Die Formen der Darstellung von und unterscheiden sich.
Ob die eine oder die andere Form der Darstellung gewählt wird, ist für den Bildinhalt aber unerheblich 16
Wie wenig Gewicht Wittgenstein der Form der Da rstellung beim isst, sieht man vielleicht am besten daran, dass der Terminus außerhalb von Satzreihe 2.17 nicht mehr genutzt wird.
Der recht bekannte Satz 4.014 handelt z.B. einfach nur von verschiedenen Formen der Darstellung eines Sachverhalts. Wittgenstein hält es aber nicht für notwendig das Kind hier m it dem eigenen Terminus technicus zu belegen .
Die Geringschätzung mag auch damit zu tun haben, dass Wittgenstein sich im Folgenden auf genau eine Form der Darstellung konzentriert: Den Satz.
.
Wichtig ist nur: Wurde die Form der Darstellung gewählt, ist das Bild an sie gebunden, da die Form der Darstellung die abbildende Beziehung vorgibt.
## Die logische Form
Satzreihe 2.1 8 & 2.19
Lässt man bei der Form der Abbildung den unwesentliche n Teil der gewählten Darstellungsart weg, erhält man die logische Form:
2.18 Was jedes Bild, welcher Form immer, mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie überhaupt richtig oder falsch abbilden zu können, ist die logische Form, das ist, die Form der Wirklichkeit.
2.181 Ist die Form der Abbildung die logische Form, so heißt das Bild das logische Bild.
2.182 Jedes Bild ist auch ein logisches. (Dagegen ist z.B. nicht jedes Bild ein räumliches.)
Die logische Form ist der Kern der Abbildung das, was allen Bildern, die dasselbe darstellen, gemeinsam ist.
Und sie ist das Gemeinsame (Identische) von Bild und Abgebildetem, das Wittgenstein in Satz 2.16 fordert:
Wir akzeptieren als Bild des Menschen, unabhängig davon, ob die Haltung des abgebildete n Menschen der Haltung des Modells entspricht oder nicht: Im einen Falle ist das Bild wahr , im anderen falsch.
Anders in diesem Fall :
Man kann die Glieder des Modells in diese Stellung bringen, ohne das Modell zu zerstören: Die Form des Modells ist gewahrt.
Trotzdem ist kein Bild des Menschen: Die dargestellte Haltung kann un ­möglich von einem Menschen eingenommen werden.
Für d ie Frage, ob ein Bild vorliegt, oder nicht, ist die Form des Modells unerheblich. D iese Frage wird allein durch die Form des dargestellten Sach ­ verhalts entschieden.
Nur d ie Form des Sachverhalts wird auf das Modell angewendet, um den Bild ­ inh alt zu ermitteln.
Bild und Abgebildetes teilen sich die logische Form. Nur so stellt das Bild einen möglichen Sachverhalt dar.
2.19 Das logische Bild kann die Welt abbilden.
## Grenzen des Bildes
Satzreihe 2. 2
Die Form der Gegenstands, die Form des Sachverhalts und die logische Form der Abbildung sind identisch. E s ist die Form der Wirklichkeit.
Nur diese unmittelbare Beziehung zwischen Bild und Abgebildeten macht das Bild zum Bild.
Andere Arten der Abbildung gibt es nicht.
Das Bild ist so an die Wirklichkeit gebunden die Bindung ist eine Frage des Wie, nicht des Was; eine Frage der strukturellen Abbildung, nicht der Vertretung:
2.2 Das Bild hat mit dem Abgebildeten die logische Form der Abbildung gemein.
2.201 Das Bild bildet die Wirklichkeit ab, indem es eine Möglichkeit des Bestehens und Nichtbestehens von Sachverhalten darstellt.
2.202 Das Bild stellt eine mögliche Sachlage im logischen Raume dar.
[ … ]
2.221 Was das Bild darstellt, ist sein Sinn.
[ … ]
2.224 Aus dem Bild allein ist nicht zu erkennen, ob es wahr oder falsch ist.
2.225 Ein a priori wahres Bild gibt es nicht.
Die Grenzen der Wirklichkeit sind also auch die Grenzen des Bildes. Bilder, die darüber hinaus gehen, insbesondere solche, die unabhängig von der Wirklichkeit als Grundlage des logischen Raums dienen könnten, gibt es nicht.
Den dargestellten Bildinhalt nennt Wittgenst ein den Sinn des Bildes.
## D er Gedanke
Satzreihe 3.0
3 Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke.
Noch einmal:
3 Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke.
3.001 „Ein Sachverhalt ist denkbar“ heißt: Wir können uns ein Bild von ihm machen.
Wittgenstein nimmt an, dass wir in Bildern denken17
Vom Spätwerk her gesehen ist diese Annahme sein eigentlicher Sündenfall.
Gedanke und Bild zu identifizieren, heißt der Sprache einen beschreibenden Kern zu geben, der da sein muss, bevor andere F ormen der Sprache andere Sprach­spiele überhaupt greifen können (z.B. Singen, Anweisungen geben, etc …).
.
Seiner Idee nach sind Gedanken Modelle genau solche , wie ich sie oben vorgestellt habe.
Für den Gedanken gelten mutatis mutandum also dieselben Regeln, die auch für das Bild gelten:
-
Gedanken sind an den logischen Raum gebunden (S ätze 3.01 3.03*).
Die sachlogische Dimension der Wirklichkeit greift auch für den Gedanken.
Etwas außerhalb dieser Dimension zu denken, ist nicht nicht möglich, „ weil wir sonst unlogisch denken müssten“ (Satz 3.03).
-
Sowenig es a priori wahre B ilder gibt, sowenig gibt es a priori wahre Gedanken (Sätze 3.0 4 & 3.05).
Außer der Gleichsetzung des Gedankens mit dem Bild also keine neuen Ideen.
Dass Wittgenstein das Thema Gedanke kurz hält ihn insbesondere nicht detaillierter beschreibt passt zum Vorwort 18
LPA Vorwort Absätze 3 & 4.
:
Das Buch will also dem Denken eine Grenze ziehen, oder vielmehr nicht dem Denken, sondern dem Ausdruck der Gedanken: Denn um dem Denken eine Grenze zu ziehen, müssten wir beide Seiten dieser Grenze denken können [ … ].
Die Grenze wird also nur in der Sprache gezogen werden können und was jenseits der Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein.
Eine Analyse des Denkens selbst ist Wittgensteins Auffassung nach nicht möglich. Statt dessen konzentriert er sich in der Abhandlung auf das Medium, das die Gedanken zugänglich macht, die Sprache.
3.031 Man sagte einmal, dass Gott alles schaffen könne, nur nichts, was den logischen Gesetzen zuwider wäre. Wir können nämlich von einer „unlogischen“ Welt nicht sagen, wie sie aussähe.
## D er Satz
3.1 Im Satz drückt sich der Gedanke sinnlich wahrnehmbar aus.
3.11 Wir benützen das sinnlich wahrnehmbare Zeichen (Laut- oder Schriftzeichen etc.) des Satzes als Projektion der möglichen Sachlage.
Die Projektionsmethode ist das Denken des Satz-Sinnes.
3.12 Das Zeichen, durch welches wir den Gedanken ausdrücken, nenne ich das Satzzeichen. Und der Satz ist das Satzzeichen in seiner projektiven Beziehung zur Welt.
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Methapher zur Unterscheidung objektiver / subjektiver Wahrnehmung:
Man nimmt einen Eimer und füllt ihn an zwei Wasserhähnen mit Wasser.
Danach versucht man herauszufinden, welches Wasser aus welchem Hahn stammt.
Wir haben EINE Wahrnehmung.
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Was ist Wahrheit?
Wittgensteins Logisch-philosophische Abhandlung
Abriss der Thesen
Marcus Hinz
ἐστιν ἐ στιν
## Satzreihe 1 - Ontologie
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
## Satzreihe 2 - Das Bild
## Vorbemerkungen: Gegenst a nd, Sachverhalt & Wirklichkeit
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)
2.011 Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes sein zu können.
[ … ]
2.0122 Das Ding ist selbständig, insofern es in allen mögliche n Sachlagen vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sachverhalt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz.)
2.0123 Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglich ­keiten seines Vorkommens in Sachverhalten.
(Jede solche Möglichkeit muss in der Natur des Gegenstandes liegen.)
Es kann nicht nachträglich eine neue Möglichkeit gefunden werden.
##
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Was ist Wahrheit?
Wittgensteins
Logisch - Philosophische Abhandlung
Marcus Hinz
ἔστιν ἔστιν
Inhalt
Inhalt
1 Tatsachen und Sachverhalte 1
1.1 Russells Sicht 1
1.2 Die Idee 2
1.2.1 Tatsachen 3
1.2.2 Sachverhalte 3
2 Gegenstände & Logischer Raum 7
2.1 Gegenstände und Sachverhalte 7
2.1.1 Die Substanz der Welt 8
2.1.2 Die Form des Gegenstands 11
2.2 Der logische Raum 12
(Eine erste) Einleitung
Wittgenstein und der Linguistic Turn
Zu Beginn ein e kurze Einordnung der Diskussion, die ich in diesem Buch führen möchte.
De r Ausgangspunkt meiner Überlegungen zur Abhandlung sind Wittgensteins einleitende Bemerkungen zur Ontologie (Satz­reihe 1.* und Sätze 2 & 2.01 der Abhandlung ), in denen er die Begriffe Tatsache und Sachverhalt einführt, aber eine klare Abgrenzung der Begriffe schuldig bleibt.
Zur Abgrenzung dieser Begriffe habe ich eine These formuliert, die es erlaubt, die Abhandlung insgesamt als geschlossenen Text zu ver­stehen, statt sie wie häufig zu lesen als Ansammlung zusam­men­hang­loser Aphorismen zu be­greifen.
Meine Idee unterstellt der Abhandlung ein klares onto­logisches Konzept, das in Satzreihe 5 zum tragenden Element der all­ge­meinen Satzform wird, mit der Wittgenstein die philo­so­phischen Probleme „im Wesent­li­chen endgültig gelöst zu haben“
LPA Einleitung, letzter Absatz
glaubt.
Ontologische Überlegungen so sehr ins Zentrum Wittgensteins Denken zu rücken, passt nicht zu seinem philoso­phi­schen Hin­ter­grund.
Der frühe Wittgenstein wird zu den Denkern des Linguistic Turn ge­rechnet, von manchen sogar als der eigentliche Protagonist der Spra­ch­lichen Wende betrachtet.
Kennzeichnendes Merkmal des Linguistic Turn ist die Abwen­dung von ontologischen Fragestellungen hin zu einer Analyse der Sprache und ihres Funktionierens.
Zentral ist dabei die Annahme, dass die Komplexität und Intrans ­ parenz der Umgangssprache Ideen nahelegt, die in der alten Philosophie zu gravierenden Irrtümern geführt haben.
Ziel einer neuen Philosophie ist es deshalb, diese Irrtümer zu ver­meiden.
An die Stelle einer Analyse der Wirklichkeit tritt die Analyse der Sprach ­mechanismen, die die Irrtümer der alten Philosophie ver­ursachen.
Auf Basis dieser Analyse haben Bertrand Russell und Alfred North Whitehead auf der einen Gottlob Frege auf der anderen Seite versucht, Sprache n zu entwickeln, mit der sich die Welt ohne irreführenden Ballast beschreiben lässt.
Eine klare Sprache macht unklares Denken unmöglich.
Denken ist in diesem Sinne etwas genuin sprachliches, eine Art innerer Monolog, der nur richtig geführt werden muss, um den Irrtümern der alten Philosophie zu entgehen.
Auch Wittgenstein sieht in der Verwendung einer solchen Sprache den Schlüssel zur Vermeidung der Irrtümer, die am Anfang philosophischer Scheinprobleme stehen.
LPA Sätze 3.325 & 4.003
Er folgt deshalb den Denkansätzen Freges und Russells aber nicht kritiklos, sieht in ihnen vielmehr erste Schritte, die weitergeführt werden müssen, um das gesteckte Ziel zu erreichen.
In der Abhandlung vollendet Wittgenstein sozusagen den Kreis, der mit der Sprachlichen Wende begonnen wurde. Im Buch möchte ich Wittgenstein s Ideen vorstellen, den Lingu i stic Turn zum Ziel zu führen.
Mit seinen Überlegungen hat Wittgenstein ein Modell der Welt sui generis geschaffen. Etwas Ähnliches habe nirgends gesehen.
Er kommt aus dem Linguistic Turn, die Ideen weißen aber auch eine erstaunliche Nähe zu z.B. Platon oder Leibnitz auf.
Der Versuch, Wittgenstein in einen Kontext zu stellen, und ihn aus diesem Kontext heraus zu verstehen, macht deshalb wenig Sinn. Insofern werde ich mich von wenigen Stellen abgesehen auf die Abhandlung selbst konzentrieren.
Nur Russell genauer die Einleitung, die er zur Abhandlung verfasst hat werde ich häufiger zitieren, um eine andere Meinung zum Text zu haben.
Ich tue Russell damit Unrecht.
Wittgenstein hat alles nur erdenkliche unternommen, um das Verständnis der Abhandlung zu erschweren oder unmöglich zu machen
Die Abhandlung ist sicher die einzige philosophische Schrift, die es zum Libretto einer Oper geschafft hat.
.
Und los …
## Tatsachen und Sachverhalte
Eine der größten Schwierigkeiten, denen man beim Lesen der Abhandlung begegnet, ist Wittgensteins Eigenart, Termini technici einzuführen, ohne sie als solche zu kenn­zeichnen, geschweige denn ihre Bedeutung zu erläutern.
Den ersten Kandidaten begegnet man direkt zu Beginn der Abhandlung : Wittgenstein führt hier die Begriffe Tatsache und Sachverhalt ein.
Der Terminus Tatsache wird in Satzreihe 1 direkt zu Beginn der Abhandlung eingeführt. Dort handelt Wittgenstein in kurzen Worten seine Ontologie ab:
1 Die Welt ist alles, was der Fall ist.
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
In Satz 1.1 grenzt Wittgenstein seine Tatsachenontologie gegen eine sicherlich üblichere Ding­ontologie ab.
Ihrem Grundgedanken nach betrachtet eine Ding ­ontologie Dinge als die konstituierenden Elemente der Welt. Tatsachen sind Kombinationen von Dingen, sind also aus den Dingen hergeleitet.
In diesem Sinne ist die Welt die Gesamtheit der Dinge, alles andere nur eine Ableitung daraus.
Wittgenstein setzt de m Ding die Tatsache als kon ­sti ­tuierendes Element der Welt entgegen.
Er kehrt das Verhältnis von Ding und Tatsache dabei aber nicht einfach nur um. Statt dessen führt er mit den Sachverhalten eine Ebene ein, die zwischen Tatsachen und Dingen steht:
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegen ­ständen. (Sachen, Dingen.)
Während Wittgenstein d ie Beziehung von Gegen ­stand und Sach ­verhalt erläutert, bleibt er in der Beschreibung de r Beziehung von Tatsache und Sachverhalt vage:
Die Tatsache „ist das Bestehen von Sach­ver­halten“. „ist“ legt hier eine sehr enge Beziehung von Tatsache und Sachverhalt nahe, erklärt aber nicht, wie sich diese Beziehung gestaltet.
## Russells Sicht
In seinem Vorwort zur Abhandlung erläutert Russell seine Sicht:
What is complex in the world is a fact. Facts which are not compounded of other facts are what Mr. Wittgenstein calls Sachverhalte, whereas a fact which may consist of two or more facts is a Tatsache: thus, for example “Socrates is wise” is a Sachverhalt, as well as a Tatsache, whereas “Socrates is wise and Plato is his pupil” is a Tatsache but not a Sachverhalt.
Russell schwebt an dieser Stelle wohl ein hierarchisches Modell vor, in dem die Gegenstände die Bausteine von Komplexe n sind, die selbst wieder Bausteine größere r Komplexe sein können.
Sachverhalt und Tatsache unterscheiden sich dieser Sicht nach nicht wesentlich:
-
Jeder Sach­verhalt ist für sich selbst bereits eine Tat ­sache.
-
Die Beziehung von Tatsache und Sachverhalt ist analog der von Ding und Sachverhalt: Eine Tat ­sache ist eine einfache Verbindung von Sach ­ver ­halten.
Russell dehnt den Text an dieser St elle:
In Satz 2 definiert Wittgenstein die Tatsache als das Bestehen von Sachverhalten
Einer Tatsachen entsprechen mehrere Sachverhalte.
In Satz 2.06 wird die Kardinalität noch etwas deutlicher:
2.06 [ … ]
(Das Bestehen von Sachverhalten nennen wir auch eine positive, das Nichtbestehen eine negative Tatsache.)
. Strenger Lesart nach lässt diese Aus ­sage keinen Raum, einen einzelnen Sach ­verhalt als Tatsache zu be ­trachten.
Wichtiger:
Russells Lesart nach wird die Abhandlung bereits an dieser Stelle inkon ­sis ­tent:
Ist der Sachverhalt eine Verbindung von Gegen ­ständen und die Tatsache wiederum eine Verbindung von Sachverhalten, ist auch die Tatsache zumindest mittelbar aus Gegenständen zusam­men­gesetzt.
Dann wären aber die Gegenstände die konsti­tu ­ieren ­den Elemente der Welt, nicht, wie in Satz 1.1 postuliert, die Tatsachen.
## Die Idee
Russells widersprüchliche Annahme kann im Text nicht direkt nachgewiesen werden:
-
Es gibt keine Stelle in der Abhandlung, in der Wittgenstein schreib t, dass eine Tatsache aus Gegen­ständen zusam ­mengesetzt ist.
-
Genauso wenig gibt es eine Stelle, in der Wittgenstein schreibt, dass eine Tatsache eine Ver­bindung von Sach­verhalten ist.
Der Widerspruch wäre vermieden, wenn die Beziehung von Sachverhalt und Tatsache so gestaltet ist, dass Sachverhalte zwar aus Gegenständen zusammengesetzt sind, Tatsachen dagegen nicht.
Hier eine These, die Russells Widerspruch vermeidet, und der Abhandlung da rüber hinaus e inen Über­bau gibt , der eine Sicht auf den Text als schlüssiges Ganzes erlaubt, statt ihn wie häufig zu lesen als eine Ansammlung von Aphorismen erscheinen zu lassen.
## Tatsachen
Eine Tatsache ist jedes Stück Welt, über das wir, ohne den Kontext zu kennen, sinnvolle Aus ­sagen treffen können
Ich vermeide hier bewusst die Aussage, dass Tatsachen unab ­hängig voneinander sind.
Wittgenstein sagt von Sachverhalten zwar explizit, dass sie unabhängig voneinander sind (Satz 2.061), von Tatsachen sagt er das aber nicht (Satz 1.21).
Inzwischen glaube ich, dass der Unterschied, den Wittgenstein hier macht, eine Signifikanz mit Blick aus Satz 6.45 hat.
Selbst wenn es Abhängigkeiten zur Tatsache gibt, die wir nicht kennen, können wir doch Aussagen zur Tatsache machen.
Wir müssen nicht die Welt als Ganzes vor Augen haben, um Bilder der Welt haben zu können das zeigt umgekehrt dann aber auch die Grenzen der Bilder.
. Zum Beispiel so etwas
Ich werde Tatsachen immer als Fotografien darstellen. Das ist natürlich ein Kompromiss: Gerüche, Haptik und Geräusche werden so z um B eispiel nicht abgebildet, obwohl sie Teil der Tatsache sind. Es ist das Beste, das ich in einem Buch liefern kann.
:
Wolfga ng Brendel als Papageno in Mozarts Zauberflöte, München 2005
Der Kontext der dargestellten Tatsache ist nicht bekannt. Man weiß z.B. nicht, ob sich noch weitere Sänger auf der Bühne befinden. Genauso wenig ist klar, ob es sich um eine Probe oder eine Aufführung handelt, etc..
Trotzdem ist es möglich sinnvolle Aussagen zur Tatsache zu machen, etwa, dass ein Mann auf einer Bühne steht.
Anders in diesem Fall:
Foto
In diesem Fall kann man keine Sinn einheit erkennen, w eshalb sich bestenfalls diffuse Aussagen treffen lassen. Es ist keine Tat ­sache, einfach weil nicht klar wäre, worin sie denn bestünde.
## Sachverhalte
Zu den Sachverhalten kommt man, stellt man die Frage, aus welchen Dingen sich die Tatsache zusammensetzt.
Es gibt tausend Antworten auf diese Frage. Ich möchte zwei herausgreifen und ein wenig näher betrachten:
-
Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zau ­ber ­flöte.
-
Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.
Beide Aussagen sind wahr, beide Aussagen beziehen sich auf denselben Gegenstand, nämlich
diesen da.
Aus dingontologischer Sicht ist das ein Problem:
Sollen die Dinge die konstituierenden Elemente der Welt sein, muss jederzeit klar sein, was ein Gegenstand ist, sonst wäre die Welt nicht eindeutig bestimmt.
Hier sieht es so aus, als wäre ein Ding zwei Dinge gleich­zeitig: Ein Opern­sänger und eine Opernfigur.
Die Antwort scheint zunächst einfach:
Die Aussagen, die ich ausgewählt habe, notieren nicht voll ­ständig. Richtig hätte es heißen müssen:
„ Es ist Wolfgang Brendel in der Rolle des Papageno bei seinem ersten Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“
Das Subjekt dieser Aussage ist Wolfgang Brendel, der so als das konstituierende Ding in der Tatsache gekenn­zeichnet wird. Die Opernfigur Papageno wird als Attribut de r Konstituente auf ­gelöst, und verschwindet damit als kon ­sti ­tuierendes Element der Welt. Die geforderte Eindeutigkeit ist hergestellt.
Ein Gegenargument:
Die wenigsten werden gewusst haben, dass die singende Person Wolfgang Brendel ist, viele davon aber sehr wohl Papageno erkannt haben.
Der Sänger hat zunächst nichts mit der Opernfigur zu tun.
Ich kann den Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ verstehen, ohne Wolfgang Brendel zu kennen.
Die zugrunde liegende Tatsache stellt also keine not ­wendige Beziehung zwischen Sänger und Oper n­figur her.
Deutlicher wird das Argument, nimmt man eine zweite Tat­sache hinzu:
Papageno in Mozarts Zauberflöte, Lindauer Marionettenoper, 2012 (?)
Wieder Papagenos erster Auftritt in der Zauberflöte.
Dieser Umstand setzt beide Tatsachen in Beziehung zueinander: Man kann etwa Papagenos Kostüm oder sein Erscheinen auf der Bühne in der jeweiligen Inszenierung vergleichen.
Diesmal ist Papageno eine Marionette.
Der Vergleich funktioniert nur, wenn der Sänger für die Opern ­figur unerheblich ist; wenn man vom Sänger absehen und trotz ­dem die Opernfigur betrachten kann.
Der Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ handelt nicht von Wolfgang Brendel und es ist eine wesentliche Eigenschaft des Satzes, nicht von Wolfgang Brendel zu handeln.
Wäre dem nicht so, könnte man z.B. die Kostüme nur ver ­gleichen, wenn Wolfgang Brendel sie trägt.
Die Sätze „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ und „ Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte“ sind logisch unabhängig von ­einander und müssen es sein.
Trotzdem treffen beide Sätze gleichermaßen auf dasselbe Stück Welt dieselbe Tatsache zu.
Die Sätze beschreiben zwei Sach­verhalte, die unabhängig von ­einander aber gleich­berechtigt auf
zutreffen.
Das ist Wittgensteins Grund gedanke:
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
Zu jeder Tatsache jedem Stück Welt gibt es ver ­schiedene, logisch von ­einander unabhängige Zugangs ­weisen, die nicht auf ­einander reduziert werden können.
Jeder dieser Zugangsweisen ent ­spricht ein Sach­verhalt, der gleichberechtigt neben allen anderen Sachverhalten, die auf die Tatsache zutreffen, besteht.
Umgekehrt:
Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugs ­weise nur für sich existiert, gibt es nicht.
dieses da ist wirklich zwei Dinge gleichzeitig: Je nach Bezugs­weise Papageno oder Wolfgang Brendel.
Ge genstände sind in diesem Sinne nichts in der Welt. Sie kenn­zeichnen vielmehr Aspekte der Welt mögliche Bezugs­wei­sen auf Tatsachen, die die Welt konstituieren.
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
## Gegenstände  & Logischer Raum
Mit Satzreihe 1 schließt Wittgenstein seine Gedanken zur Ontologie ab und wendet sich in Satzreihe 2 dem Bild zu.
Trotzdem sind Gegenstände (Sachen / Dinge) Thema der Vor­bemer­kungen
Ich habe den Teil zur Form der Abhandlung noch nicht in das neue Manuskript übernommen. Kurz zum Thema Vor­be­merkung:
-
Wittgenstein erläutert die Systematik der Satz­num­mern in Fußnote zu Satz 1.
-
Satznummern, die eine 0 enthalten, sollte es laut dieser Systematik nicht geben.
-
Über 50% des Textes findet sich in Sätzen mit Satz­num­mern, die eine 0 enthalten.
-
Meine These zur Systematik dieser Nummern:
-
Die 0 in der Satznummer führt einer ­seits dazu, dass die Nummer länger wird. Das logische Gewicht so num ­merierter Sätze wird dadurch geringer.
-
In der Sortierung rutscht der so num ­merierte Satz aber vor die Sätze mit regulärer Num­merierung.
Die 0 in der Satznummer gibt Wittgenstein die Möglichkeit Sätze an der regulären Systematik vorbei, vor andere Sätze zu schmuggeln, ohne ihnen ein ungewollt hohes logisches Gewicht geben zu müssen.
Ich behandle diese Sätze als einleitende Bemerkungen zum eigentlichen Thema, das in den regulär nummerierten Sätzen besprochen wird.
0 steht für eine Vorbemerkung zu regulären Sätzen, 00 für Vorbemerkungen zu Sätzen, deren Nummer eine 0 enthält.
zur Satzreihe (Sätze 2.0ff).
Was aus dingontologischer Sicht unsinnig ist, ist aus Wittgensteins tatsachen­ontologischer Sicht nur konsequent:
Gegenstände sind nicht die konstituierenden Elemente der Welt, kenn­zeich­nen vielmehr Bezugsweisen auf die Welt. Gegenstände sind Teil des Wies, nicht des Was der Welt
Dazu LPA Satz 5.552.
und das Wie zeigt sich in Bildern.
Bilder stellen Sachverhalte da.
In den Vorbemerkungen betrachtet Wittgenstein zunächst die Bestandteile des Sachverhalts Gegenstände (Sachen / Dinge). In einem zweiten Schritt betrachtet er ihre Möglichkeiten, sich zum Sachverhalt zu verbinden den logischen Raum.
An dieser Stelle führt Wittgenstein in Satz 2.0121 mit der Sachlage auch einen neuen Terminus technicus ein. Die Abgrenzung der Sachlage ist besonders gegen der Sachverhalt nicht einfach
Liest man Satzreihe 2.0* mit Blick auf die Wörter „Sachverhalt“ und „Sachlage“ aufmerksam, kann man sie für Synonyme halten.
Mal benutzt Wittgenstein den einen mal den anderen Ausdruck, ohne dass sich eine Regel erkennen ließe (dazu besonders Sätze 2.0124 & 2.014).
Diese Beobachtung ist richtig. Trotzdem sind die Termini keine Synonyme. Wichtig zur Abgrenzung sind nicht die Termini selbst, sondern der logische Raum.
.
Zentral zur Abgrenzung ist der logische Raum, der zum Zeitpunkt der Einführung des Terminus aber noch nicht eingeführt ist.
Ich werde die Termini Sachverhalt und Sachlage deshalb zunächst synonym lesen, und die Abgrenzung nachholen, sobald der logische Raum eingeführt wurde.
## G egenstände und Sachverhalte
Sein erster Auftritt in der Zauberflöte ist nicht de r ein ­zige Sachverhalt, in de m Papageno vorkommt.
Papageno ist z.B. ein Vogelfänger und ein ziemlich ängstlicher Typ, der zum Trinken neigt.
In jedem dieser Sachverhalte spielt derselbe Papageno eine Rolle, der auch seinen ersten Auftritt in der Zauberflöte hat.
Der Gegenstand kann also nicht auf einen einzigen Sach ­verhalt reduziert werden.
Papageno muss ein gemeinsame r und deshalb unabhängiger Teil ver ­schie ­dener Sachverhalte sein.
Ein Ding ist so gesehen im Minimum nichts weiter als das, was all diesen Sachverhalten gemeinsam ist und unabhängig von ihnen existieren muss. Dann sind Dinge aber doch konstituierende Elemente der Welt.
Dieses Argument ist zentrales Thema der Vorbemerkungen zu Satzreihe 2.
Der eigentlich argumentative Teil umfasst dabei S ätze 2.01 ff und 2.02 ff.
In Satzreihe 2.01 bedient Wittgensteins die tat­sachen­onto ­lo ­gische Sicht die Form des Gegenstands, während er in Satzreihe 2.02 d ie dingontologische Sicht die Substanz der Welt betrachtet.
Da ich bis hierher eine „Dingontologie“ als Blaupause für meine Diskussion der Abhandlung nutze, ist es an dieser Stelle günstiger, mit Satzreihe 2.02 zu beginnen:
## Die Substanz der Welt
Die Annahme, dass es Dinge in der Welt gibt, hat Gründe:
Gegenstände sind Konstanten, die uns in verschiedenen Kon ­texten immer wieder begegnen.
Diese vom Einzelfall unabhängige Konstanz setzt eine gewisse Integrität einen inneren Halt des Gegenstands voraus, der nur durch ein Ding gege­ben sein kann.
Oft ist von der Selbstidentität des Dings die Rede. Wittgenstein dazu in Satz 5.5303.
Manchen Lesarten nach ist das Kants Ding an sich.
Gibt man die Idee des Dings in der Welt auf, geht die se Integri­tät verloren.
Wittgenstein dazu:
2.02 Der Gegenstand ist einfach.
[ … ]
2.021 Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.
[ … ]
2.024 Die Substanz ist das, was unabhängig von dem was der Fall ist, besteht.
[ … ]
2.027 Das Feste, das Bestehende und der Gegen­stand sind Eins.
2.0271 Der Gegenstand ist das Feste, Bestehende; die Konfiguration ist das Wechselnde, Unbestän ­dige.
2.0272 Die Konfiguration der Gegenstände bildet den Sachverhalt.
Wittgenstein nimmt zwei Gedanken de s Arguments oben auf:
-
Dinge sind vo m Einzelfall unabhängig.
Dinge sind die Konstanten das Feste, Bestehende aus denen die Sachverhalte die Konfigurationen auf­ge­baut sind.
-
Diese Unabhängigkeit muss durch eine besondere Eigen­schaft der Gegenstände gesichert sein:
Gegenstände sind einfach.
Wie weit Wittgenstein trotz dieser Äußerungen von einer Ding­ontologie entfernt ist, zeigt das Argument, das zeigen soll, warum Gegenstände nicht zusammengesetzt sein können:
2.0211 Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist.
2.0212 Es wäre dann unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen.
Schon beim ersten Hinsehen ist klar, dass Wittgenstein hier auf der bildlichen Ebene argumentiert.
Mit dem Argument greift er der Abhandlung aber weit vor. An dieser Stelle ist es am einfachsten, es auszuprobieren:
Nehmen wir an, ich sei der Auffassung, die Farbe sei bei der Namensgebung der Blume schon immer sträflich vernach­lässigt worden.
Statt von Blumen möchte ich deshalb im Falle von:
roten Blumen → Bloten
gelben Blumen → Blelben
blauen Blumen → Blaumen
[ … ]
sprechen.
Mit der Blote, Blelbe und Blaume habe ich drei Gegen­stände eingeführt, die Wittgensteins Anforderung an einen Gegen­stand aus Satz 2.02331 genügen: Man kann Blote, Blelbe und Blaume „durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen“.
Als sinnvollen Satz, der von einem der Gegenstände handelt, nehmen wir einfach „Die Blaume blüht“.
Man muss also zeigen können, dass der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht“ davon abhängt, dass eine Blaume einfach nicht zusammengesetzt ist.
Es geht nicht darum, ob der Satz wahr oder falsch ist, sondern darum, ob er überhaupt einen Sinn hat, der wahr oder falsch sein kann.
Im Argument ist von einem zweiten Satz die Rede, von dessen Wahr- oder Falschheit der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht.“ nicht abhängen darf.
Die zur Definition der Gegenstände genutzten Beschreibungen sind naheliegende Kandidaten.
Dass es sich bei den Beschreibungen um Sätze handelt, sieht man daran, dass sich ihr Sinn funktional aus den Satz­bestand­teilen herleiten lä sst. Nehmen wir den Satz „blaue Blume“:
Ersetzt man „blaue“ durch „rote“ ergibt sich ein neuer Sinn, genauso ersetzt man „Blume“ durch „Auto“.
Dazu zunächst Satz 4.032.
Im Argument spielt Wittgenstein mit der Unterscheidung von Sinn und Bedeutung, die noch nicht eingeführt sind. Das Thema wird noch näher beleuchtet.
Die Änderung des Sinns ist in beiden Fällen eine Funktion der Änderung des Bestandteils.
Da sie Sätze sind, können Beschreibungen wahr oder falsch sein. „blaue Blume“ trifft z.B. auf
zu, während sie auf
nicht zutrifft.
Und wäre die Beschreibung falsch, weil es sich in Wirklichkeit nicht um eine Blume, sondern ein Auto handelt, wäre der Satz „Die Blaume blüht.“ unsinnig.
Der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht.“ würde von der Wahrheit des Satzes „blaue Blume“ abhängen.
Das ist unmöglich: Der Sinn des Satzes ist gegeben, ohne dass es eine Tatsache gibt, auf die er angewendet wird.
Die Ver ­gleichs ­tatsache, d ie ich bräuchte, um festzustellen, ob „ blaue Blume“ wahr oder falsch ist, ist für das Verständnis des Sinns nicht notwendig.
Noch etwas einfacher und plastischer kann man dasselbe Argument an eine m logischen Zirkel in einer Bemerkung Russells in der Einleitung verdeutlichen:
It is impossible, for example, to make a statement about two men (assuming for the moment that the men may be treated as simples), without employing two names […]
Mit den Personen meint Russell Sokrates und Platon.
I n seiner Bemerkung in der Klammer bezweifelt er, dass diese Personen als einfache Dinge betrachte t werden können.
Im Umkehrschluss handelt es sich bei Sokrates und Platon um Komplexe also zusammensetzte Dinge.
Als Nächstes stellt sich die Frage, aus welchen Dingen sich die Person en dann zusammensetz en.
Hier gibt es viele mögliche Antworten. Man kann sie etwa als die Summe ihrer Handlungen und Erlebnisse auffassen, oder als die Summe ihrer Organe, etc..
Die Diskussion, welche Bausteine denn die richtigen sind, und warum es ausgerechnet diese sein sollten, möchte ich an dieser Stelle außen vor lassen.
Für den Zirkel ist es unerheblich, welche Bausteine man für den Komplex wählt. Man kann auch die Summe aller möglichen Bausteine wählen.
Nehmen wir für den Moment an, dass die Körperteile einer Person die Bausteine sind, aus denen sie sich zusammensetzt.
Russells Beispielsatz
Plato liebt Sokrates.
ließt sich dann
Kopf, Arme, Beine und Rumpf lieben Kopf, Arme, Beine und Rumpf.
Passt fast, aber nicht ganz: Der Satz
Demokrits Kopf, Heraklits Arme, Kritias Beine und Thales Rumpf lieben Antiphons Kopf, Aristoteles Arme, Diogenes Beine und Epiktets Rumpf.
erfüllt den transformierten Satz, sagt aber nicht, was mit Plato liebt Sokrates gemeint ist.
Im Minimum muss sicher gestellt sein, dass die Körperteile zur jeweils gemeinten Person gehören. Also notieren wir:
Platos Kopf, Platos Arme, Platos Beine und Platos Rumpf lieben Sokrates Kopf, Sokrates Arme, Sokrates Beine und Sokrates Rumpf.
qed.
Der Satz hat einen von den Tatsachen unabhängigen Sinn.
„Blaume“ ist ein einfaches Zeichen.
Schreibe ich statt „Blaume“ „Blaame“ oder „Plaume“ sind das Fehler in der Rechtschreibung, ich erhalte keine andere Be­deu­tung.
Und wäre dem so, hätten wir es mit einem Satz und seinem Sinn zu tun.
Das ist der wesentliche Unterschied zwischen Sinn und Bedeutung. Dazu noch einmal Satz 4.032.
Bedeutung ist im Gegen­satz zum Sinn keine Funktion der Bestandteile eines Ausdrucks.
Deshalb kann das, was das Zeichen vertritt seine Bedeutung, auch nur einfach sein. Sollte es hier Differenzierungen geben, könnten sie im Zeichen keinen Ausdruck finden. Die Bedeutung des Zeichens wäre unklar.
Einfache Zeichen können nichts Zusammengesetztes bedeuten.
Die Bedeu tung von „Blaume“ wurde durch einen Satz fest­gelegt.
Wesentlich für die Bedeutung ist aber, dass sie einfach ist und nicht wahr oder falsch sein kann. Nur so kann sie den Sinn eines Satzes eindeutig bestimmen.
Wittgenstein argumentiert an dieser Stelle rein formal sprach­mecha­nisch könnte man sagen.
Die Semantik von „Blaume“ spielt keine Rolle. Nehmen wir fol­gen­den möglichen Einwand zur Illustration:
Der Satz „Die Blaume blüht.“ ist sinnvoll, weil Blaume von Blume hergeleitet ist:
Blaume ist nicht einfach, sondern aus der Farbe Blau und der Blume zusammengesetzt. Die Sinnhaftigkeit des Satzes „Die Blaume blüht“ ist dann sozusagen vom Blumenteil der Blaume geerbt. Wittgenstein:
2.0231 Die Substanz der Welt kann nur eine Form [lies: Möglichkeiten] und keine materiellen Eigenschaften bestimmen. Denn diese werden erst durch die Sätze dargestellt erst durch die Konfiguration der Gegenstände gebildet.
2.0232 Beiläufig gesprochen: Die Gegenstände sind farblos.
Der Einwand verfängt nicht, weil Wittgenstein früher ansetzt:
Die angeführte semantische Beziehung zwischen Blume und Blaume ist unstrittig gegeben.
Doch erfordert allein die Darstellung der Beziehung, dass „Blaume“ zunächst eine Bedeutung hat.
Diese Bedeutung meint Wittgenstein, wenn er vom Gegenstand spricht:
-
Sie muss gegeben sein.
-
Sie ist ihrem Wesen nach einfach.
-
Sie steht vor jeder möglichen Aussage über den Gegen­stand, die wahr oder falsch sein könnte:
Der Gegenstand ist farblos.
Der Duktus der Argumentation in Satzreihe 2.02 ist klar ding ­onto ­logisch: Wittgenstein schreibt von der Substanz der Welt, und Gegenständen, die einfach sein müssen.
Er reduziert die Argumente der Dingontologie aber deutlich auf die bildlich / sprachliche Ebene.
Gegenstände sind nichts in der Welt, sind vielmehr notwendige Bedingung der Bestimmtheit des Sinns eines Bildes.
Klarer wird diese Haltung noch, betrachtet man Satzreihe 2.01:
## Die Form des Gegenstands
Ist der Gegenstand nicht Teil der Welt, kann es mit seiner Unab ­hängig ­keit nicht so weit her sein, wie Satzreihe 2.02 bei flüchtigem Lesen vermuten lä sst. Wittgenstein:
Zur Erinnerung: Derzeit lese ich Sachverhalt und Sachlage noch synonym.
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)
2.011 Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes sein zu können.
2.012 In der Logik ist nichts zufällig: Wenn das Ding im Sach ­verhalt vorkommen kann, so muss die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein.
[ … ]
2.0122 Das Ding ist selbständig, insofern es in allen möglichen Sachlagen vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sach ­ver ­halt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz. )
Wittgenstein deutet die Selbstä ndigkeit der Gegenstände in ihr Gegen ­teil um: Ein Gegenstand ist nicht durch sich selbst, sondern durch die Sachverhalte, deren Teil er sein kann, bestimmt.
Sein Argument ist auch hier wie Falle der Substanz der Welt ein sprachliches.
Zum besseren Verständnis eine Metapher:
Die Dingontologie unterstellt ein Skelett, das dem Gegenstand von innen her seine Form gibt, und ihn deshalb unabhängig von den Kon ­texten, in denen er steht, klar abgrenzt.
Anders Wittgenstein: Er unterstellt ein Exoskelett, das d ie Integrität des Gegenstand s von außen her sichert. Dieses Exoskelett sind die Sachverhalte, in denen der Gegenstand vorkommen kann.
Gemeinsam ist beiden Ideen aber, dass der Gegenstand jeder ­zeit vollständig bestimmt sein muss.
Das eine Mal, um die Welt zu retten.
Das andere Mal, um zu wissen, wovon man spricht.
Im Rahmen einer Ding ontologie leistet der Gegenstand das selbst.
Wittgensteins Idee nach kann der Gegenstand das nicht mehr leisten: Er ist eine abhängige Größe.
Wenn trotzdem jederzeit klar sein soll, ob man es mit Papageno zu tun hat, oder nicht, müssen die Größen, die Papageno bestim­men, jederzeit vollständig bekannt sein.
Das heißt, es muss jederzeit klar sein, in welchen Sachverhalten Papageno vorkommt oder auch nur vorkommen kann.
2.0123 Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vor ­kom ­mens in Sachverhalten.
[ ... ]
Es kann nicht nachträglich eine neue Mög ­lich ­keit gefunden werden.
Wittgenstein reduziert den Gegenstand auf die abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen er vorkommen kann.
Damit wird der Gegenstand zur Hohlform: Zur Frage, was ein Ding ist, trägt das Ding selbst nichts bei.
Statt dessen wird seine Form durch die Sachverhalte bestimmt.
Ich weiß nicht, ob Wittgenstein hier ein Wortspiel sah.
2.0141 Die Möglichkeit seines Vorkommens in Sach ­ver ­halten, ist die Form des Gegenstandes.
## Der logische Raum
Die Beziehung von Gegenstand und Sachverhalt ist aber nicht beliebig. Der Gegenstand muss zum Sachverhalt passen, wie ein Schlüssel ins Schloss:
2.013 Jedes Ding ist, gleichsam, in einem Raume möglicher Sachverhalte. Diesen Raum kann ich mir leer denken, nicht aber das Ding ohne den Raum.
2.0131 Der räumliche Gegenstand muss im unend ­lichen Raume liegen. (Der Raumpunkt ist eine Argumentstelle.)
Der Fleck im Gesichtsfeld muss zwar nicht rot sein, aber eine Farbe muss er haben: er hat sozusagen den Farbenraum um sich. Der Ton muss eine Höhe haben, der Gegenstand des Tastsinnes eine Härte, usw.
Gegenstände treten in die Argumentstellen
Für Leute die programmieren können:
Den Argumentstellen entsprechen in typisierten Sprachen die Metho ­den ­signaturen.
der Sachverhalte ein, müssen also in Typ und Position zum Sachverhalt passen.
Ein konkreteres Beispiel als die Beispiele Wittgensteins macht die Sache an ­schau ­licher:
Auch hier greift Wittgenstein der Abhandlung vor.
Ich habe das Beispiel deshalb ein wenig vereinfacht. Das Thema wird im Rahmen des logischen Urbilds (Satz 3.315) näher beleuchtet.
Nehmen wir den Sachverhalt „ Cäsar war größer als Napoléon.“
D ie Beziehung „größer sein als“ stellt zwei Argumentstellen zur Verfügung (im Beispiel durch Cäsar und Napoléon besetzt ). Es gilt:
-
Die Argumentstellen können nich t mit beliebig en Typen besetzt werden:
„Wasser war größer als Napoléon.“ ist unsinnig.
-
Argumentstellen können auch nicht in beliebiger Reihe n­folge besetzt werden:
„ Napoléon war größer als Cäsar.“ sagt etwas anderes als „ Cäsar war größer als Napoléon.“.
Die Argumentstelle bestimmt demnach den ein­tre­tenden Gegen ­stand. Sie bestimmt ihn aber nicht, indem sie auf etwas in der Welt zeigt:
Ob in die erste Position Cäsar, Napoléon, Wittgenstein oder ein Blauwal eintritt, ist unwesentlich. Wesentlich ist nur, dass man von dem Gegenstand sinnvoll sagen kann, dass er größer als ein anderer ist Wasser erfüllt dieses Kriterium nicht. „ist größer als“ ist Teil der Form dieser Gegenstände.
Ein weiteres Beispiel führt zum logischen Raum:
Der Sachverhalt: „Cäsar wurde 55 Jahre alt“.
Auch die Beziehung „Jahre alt geworden sein“ bietet zwei Argument­stellen an. Je nach Besetzung der ersten Argument­stelle kann in die zweite ein sinnvolles Alter für die Besetzung der ersten Stelle eintreten.
Im Beispiel ist die erste Stelle von einem Menschen besetzt. Also kann in die zweite Stelle ein sinnvoller Wert für das Alter eines Menschen eintreten.
Setzen wir großzügig einen Wert zwischen 0 und 120 an. Ein ein­facher Test:
-
„Cäsar wurde 67 Jahre alt“→ falsch aber sinnvoll.
-
„Cäsar wurde 5693 Jahre alt“ → Unsinn.
Der Test betrachtet die obere Grenze des Alters eines Menschen. Ein Test für die untere Grenze:
-
„Cäsar wurde - 200 Jahre alt“ → Unsinn.
-
„Cäsar wurde 3 Jahre alt“ → Unsinn.
Der zweite Sachverhalt ist unsinnig, sollte aber nur falsch sein:
3 fällt in den sinnvollen Bereich des Alters eines Menschen.
Das Problem an dieser Stelle ist klarer Weise Cäsar:
Cäsar hat z.B. Gallien erobert und war römischer Diktator. Diese Sachverhalte passen nicht zu einem Lebensalter von nur 3 Jahren.
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Soweit, wie bisher ausgearbeitet, hat die Rekonstruktion aber ein Defizit:
Der Bildinhalt ergibt sich dem Gedanken bis hierher nach aus der Identität der strukturellen Eigenschaften von Bild und Welt. Diese Idee setzt also für jeden gegebenen Bildinhalt ein gegebenes Pedant in der Welt voraus.
Das gilt für wahre Bilder, für falsche nicht.
## Falsche Sätze : Welt, Wirklichkeit und logischer Raum
Falsche Bilder bilden die Welt offensichtlich erwei s e nicht ab.
Diese m Umstand kann man durch die Bezugsweise des Bilds auf die Welt Rechnung tragen: Bild und falsches Bild beziehen sich auf dieselbe Welt, nur auf verschiedene Art und Weise.
Diese Rekonstruktion ist nach dem Modell der Abhandlung nicht möglich:
Abbildung besteht in der Identität der Struktur von Bild und Abgebildetem und ist damit unmittelbar gegeben.
D iese Sicht lässt keinen Raum für logische Abstraktion — verschiedene Bezugsweisen — des Bilds auf die Welt 1
Wittgenstein widerspricht dieser Idee dann auch an verschiedenen Stellen der Abhandlung sehr deutlich. Dazu Satz 4.061.
In Satz 4.022 formuliert Wittgenstein positiv, dass es nur eine Bezugsweise des Satzes auf die Welt gibt.
Das Thema wird später im Kapitel Neinologie genauer unter die Lupe genommen.
.
Wittgenstein löst das Problem durch die Einführung der Form und des logischen Raums:
2.15 Dass sich die Elemente des Bildes in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten, stellt vor, dass sich die Sachen so zu einander verhalten.
Dieser Zusammenhang der Elemente des Bildes heiße seine Struktur und ihre Möglichkeit seine Form der Abbildung.
2.151 Die Form der Abbildung ist die Möglichkeit, dass sich die Dinge so zu einander verhalten, wie die Elemente des Bildes.
Bilder beziehen sich nicht unmittelbar auf die Welt, stellen vielmehr mögliche Konstellationen 2
Ich führe den Begriff „Konstellation“ als Hilfsbegriff ein, um Wittgensteins Terminus „Sachverhalt“ zunächst zu vermeiden.
Wittgensteins Terminus lebt von der Abgrenzung zur Tatsache und Sachlage, die aber erst auf Basis der Bildtheorie verstanden werden kann.
in der Welt dar 3
Dass sich Bilder immer nur auf mögliche Konstellationen beziehen, kann man allein daran sehen, dass das Beispiel verstanden werden kann, ohne zu wissen, welcher Mensch denn nun genau abgebildet werden soll; geschweige denn sitzen müsste, um abgebildet zu sein.
.
Die Form ermöglicht die Existenz falscher Bilder als mögliche Konstellationen in der Welt.
Soll durch die Einführung der Form das Prinzip der Identität zwischen Bild und Abgebildeten nicht gebrochen werden, können sich Bilder dann aber nicht unmittelbar auf Welt beziehen:
2.11 Das Bild stellt die Sachlage im logischen Raume, das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten vor.
2.17 Was das Bild mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie auf seine Art und Weise richtig oder falsch abbilden zu können, ist seine Form der Abbildung.
Er setzt das Modell eines eigenen Raumes, in dem de Bilder angesiedelt sind, dagegen: Bilder beschreiben Sachlagen im logischen Raum4
Dazu Satz 2.11
. Der dort dargestellte Inhalt muss mit der Wirklichkeit — der logisch strukturierten Welt — ­ verglichen werden, um zu sehen, ob das Bild wahr oder falsch ist.
Obwohl Wittgenstein die Begriffe schon in Satzreihe 2.0* nutzt, steht hinter diesem Dreiklang ein komplexes Modell, das erst zu verstehen ist, wenn die Bildtheorie für den Satz dargelegt ist5
Zentral sind hier Termini Tatsache, Sachverhalt und Sachlage. Ich werde sie erst zum Ende dieses Teils einführen können.
.
Wichtig schon hier: Diese Konstruktion ermöglicht es, der wirklichen Welt eine gedachte entgegenzusetzen, und beide zu vergleichen 6
Dazu Satz 4.031
.
Der logische Raum wird zum Möglichkeitsraum, in dem abweichende Realitäten gegen die bestehende gesetzt werden können. Fundament des Ganzen ist das Prinzip der Identität der Strukturen, das garantiert, dass der Bildinhalt unmittelbar aus dem Bild entnommen werden kann.
Am Beispiel:
bildet einen sitzenden Menschen ab.
Das Prinzip der Identität der Strukturen:
Es gibt keine sinnvolle Möglichkeit, aus diesem Bild das Bild eines laufenden Menschen zu machen.i
Abgrenzung zur Definition
Ich habe geschrieben, dass es keine sinnvolle Möglichkeit gibt, aus das Bild eines laufenden Menschen zu machen.
Eine Recht einfache Möglichkeit genau das zu tun, scheint die Definition zu sein.
Wittgenstein geht auf das Thema im Zusammenhang mit der Form der Abbildung nicht ein. Man kann am Beispiel aber recht einfach zeigen, warum diese Idee nicht trägt, und so mehr Klarheit in Wittgensteins Idee vom Bild bringen:
: Laufender Mensch Def inition
Mit Hilfe der Definition stellt doch einen laufenden Menschen dar.
Damit ist eine Möglichkeit geschaffen, Wittgensteins Prinzip der Identität der Struktur zu brechen. Eine Analyse zeigt, dass dieser Eindruck falsch ist:
1: Man kann am definierten Zeichen den Inhalt nicht mehr erkennen.
Solange als Bild verwendet wird, ergibt sich der Inhalt aus der Stellung der Bildelemente zueinander, und man kann mit denselben Elementen auch andere Bilder etwa den stehenden Menschen oben aufbauen.
Im Falle des definierten Zeichens, muss ich den Inhalt lernen, er wird quasi von außen angeheftet. Die Bildelemente spielen dabei keine Rolle mehr: Mit der Definition wird die Struktur des Bilds aufgehoben.
2: Die beiden Möglichkeiten der Verwendung sind disjunkt.
Die Bildelemente beizubehalten und gleichzeitig zu behaupten, stelle einen laufenden Menschen dar, ist widersprüchlich.
Dieser Widerspruch zeigt wiederum, dass die Verwendung von als Bild nichts mit der Verwendung als definiertes Zeichen zu tun hat nichts zu tun haben darf.
Die Definition macht aus ein einfaches Zeichen, das im Bild nur vertreten kann. Das Zeichen kann frei gewählt werden, und steht damit in keinem Zusam­men­hang zum Vertretenen. Informationen über das Vertretene werden im Bild nicht transportiert.
Die Definition widerlegt Wittgensteins Beobachtungen nicht, weil sie die Unterscheidung zwischen struktureller Abbildung und Vertretung nicht aufheben kann.
Die Logik gibt die Anordnung der Glieder zwingend vor.
Der logische Raum als unabhängiger Möglichkeitsraum:
Der Bildinhalt besteht unabhängig davon, ob es einen Menschen gibt, der abgebildet wird, oder nicht.
Würde der Bildinhalt davon abhängen, dass sich das Bild auf einen Menschen (=die Welt) bezieht, den es richtig ( =Der Mensch sitzt), oder falsch (z.B. = Der Mensch steht) abbildet, sollte der Bildinhalt unklar sein, weil ich nicht gesagt habe, ob und auf welchen Menschen sich das Bild bezieht. Der Bildinhalt ist aber klar und vollständig.
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# Sheet: Was ist Wahrheit
- Was ist Wahrheit
- Einleitung
- Wittgensteins Anpruch
> 3000 Jahre Philosopiegeschite auf 84 Seiten Text lösen
> Diesen gigantuischen Anspruch ernst nehmen (nicht wie Russell)
- Wuttgesteins zentrale Idee: Das Bild
-
- Entkopplung von Bild und Abgebildetem
- Reine Deskriptivität (Strukturelle Abbildung)
- Notwendig vorgegebener Bildaufbau
- Beispiele für die Universalität der Überlegung
- Kuchengraphik
- Beispiel aus der Einleitung
- Lageplan
- Gedanke und Satz (Satzreihe 3)
- Das Modell: Gedanke / Satz / Satzzeichen
- Unterschiede zum Bild (keine Nachahmung)
- Strukturelle Eigenschaften des Satzes
- Der Satz als Tatsache
- Unterscheidung einfache Zeichen / Satz
- Vertretung / Beschreibung beim Satz
- Elementarsatz und Gegenestand
- Komplexe
- Symbol / Satzvariable
- Bedeutung und Symbol
- Satzvariable
- Der logische Raum
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# Kap. [N] — [Titel]
> **Phase**: [ ] grob skizziert · [ ] Thesen fest · [ ] Belege gefunden · [ ] erstes Schreiben · [ ] verdichtet · [ ] sitzt
## 1. Position
- **Buchstellung**: [Kap. N von 7 + Einl/Epilog]
- **Voraussetzt**: [welche vorherigen Kap.]
- **Eröffnet**: [welche nachfolgenden Kap.]
- **Ziel des Kapitels** (1 Satz):
## 2. Thesen (37)
- T1:
- T2:
- T3:
- T4:
- T5:
## 3. Begriffe (mit Kurzdefinition)
- **Begriff**: Definition
- **Begriff**: Definition
## 4. ABH-Belegstellen
- **N.NN**: Zitat / Stichwort — wozu hier benötigt
- **N.NN**: …
## 5. Argumentationsschritte (Reihenfolge im Kapitel)
1.
2.
3.
## 6. Beispiele / Illustrationen
- Beispiel: wozu eingesetzt
- Beispiel: wozu eingesetzt
## 7. SWAT
- **Stärken** (wo trägt das Argument besonders):
- **Schwächen** (wo wird's dünn):
- **Anschluss-Stellen** (an welche anderen Kap. oder Pool-Stellen):
- **Einwände / Threats** (was wird mir entgegengehalten):
## 8. Sekundärliteratur
- **Anscombe**: Stelle + wozu
- **McGinn**: Stelle + wozu
- **Kenny**: Stelle + wozu (oft als Negativfolie)
- **Russell**: Stelle + wozu (Negativfolie / Sparringspartner)
- **Weitere**:
## 9. Hypotheken / offene Fragen (markieren, nicht auflösen)
- Frage / Hypothek — wann geklärt (vermutete Kap.)
## 10. Stellen im Ideenpool
- [[per-file/...]] — wozu
- [[topics/...]] — wozu
## 11. Text-Stand
- **Phase 1 (grob)**:
- **Phase 2 (verdichtet)**:
- **Phase N (sitzt)**:
---
*Slots leer lassen, wenn noch nichts da. Füllen in Wellen — erst alle Kapitel T1-T3, dann alle ABH-Stellen, dann Beispiele, etc.*
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# Was ist Wahrheit — Entwurf 2018-08-26
**Quelle:** `archive/2018-08-26 - Was ist Wahrheit.fodt`
**Charakter:** Ältester der drei großen Buchentwürfe in `archive/`. Hat ein **explizites Vorwort-Kapitel** "Ein paar Worte zur Einführung" mit "Das Ziel" und "Die Satznummern" — Eigenheiten, die in den späteren Fassungen meist als Notiz weggekürzt sind.
**Umfang:** ~43K Zeichen, 716 Zeilen (nach Stripping), ~7K Wörter
**Datierung:** 2018-08-26
## Hauptthesen
- **"Das Ziel"**: Wittgenstein strebt Zusammenfall von Form und Gehalt an — scheitert. "Kein Text der Philosophie hat wohl zu mehr Missverständnissen geführt." Die Arbeit will die Inhalte der ABH in verständliche Form bringen.
- **Russells Vorwort als Fall-Beispiel**: Zwei konkrete Russell-Stellen werden detailliert kritisiert:
1. **Sachverhalt/Tatsache** — Russells hierarchisches Modell ist falsch, weil im Text nicht direkt nachweisbar; nur indirekt aus Überlegungen abzuleiten.
2. **Solipsismus** — Russell behandelt das Thema als "curious discussion", abrupte Übergänge ("And Now for Something Completely Different.")
- **Verständnisproblem liegt nicht beim Leser**: "Russell war ein geübter Leser philosophischer Texte, er kannte Wittgensteins Ideen auch aus Gesprächen, er war ihm wohlgesonnen." Trotzdem versteht er nicht.
- **Nullnummern-Theorie**: Ausführliche Erklärung — logisches Gewicht durch Stellenanzahl, Sortierreihenfolge separater Achse. Konkret rechnet der Autor das "logische Gewicht" aus (5 für 1-stellig, 4 für 2-stellig, …, 0 für 6-stellig).
- **Vorläufige Gliederung der ABH** in 6 Themen:
1. 12.027: Ontologie (Tatsache, Sachverhalt, Gegenstände)
2. 2.033.01: Bild und logischer Raum
3. 34.04: Gedanke und Ausdruck
4. 45.01: Bild und Wahrheit
5. 56.0: Grenzen der Logik (inkl. "Satzbedeutung")
6. 6.07: Conclusio
- **"Kompasssätze"**: Eigenständige Bezeichnung für Sätze, die als Wegweiser im Gegenstand-Komplex dienen. Kompasssatz 1 = 2.01 (Sachverhalt-Definition), Kompasssatz 2 = 2.02 (Gegenstand einfach).
- **Substanzargument zweimal durchgespielt**:
- Version 1: Blote/Blelbe/Blaume/Blunte mit Beschreibung als zweiter Satz.
- Version 2 (FIXME, nicht abgeschlossen): "Blauto" für Blume *und* Auto — Mehrdeutigkeit. Bank-Beispiel kurz erwähnt.
- **"Gegenstände sind Typen, keine Instanzen"** — explizite Programmer-Analogie aus 2018; in späteren Fassungen weicht das auf "Argumentstellen / Methodensignaturen" aus.
- **Gegenstand als Messapparat**: "Sowenig wie ein Thermometer, das 200°C heißen Dampf misst, 200°C heiß ist, sowenig ist eine Blaume blau: Der Gegenstand ist der Messapparat, nicht das Gemessene." Klare Metapher in dieser Fassung.
- **Wittgenstein gegen Definitionen skeptisch**: Prototractatus-Zitat 3.20107 wird angeführt.
- **Interne vs. externe Eigenschaften** (2.01231): Internen Eigenschaften bestimmen, in welchen Sachverhalten ein Gegenstand vorkommen kann; externe sind beliebig.
- **"Inflation von Gegenständen"**: Wittgensteins Konzept ermöglicht beliebige Gegenstandsbildung (auch unsinnige wie Blaume). Sein Konzept ist formal, nicht qualitativ wertend.
## Zentrale Begriffe
- **Tatsache** — Stück Wirklichkeit, das ohne Kontext betrachtet werden kann; Sinneinheit.
- **Sachverhalt** — Zugangsweise zur Tatsache; Verbindung von Gegenständen.
- **Sachlage** — Sachverhalt im logischen Raum (= Möglichkeitsraum); vorerst synonym zu Sachverhalt gelesen.
- **Gegenstand** — Konstante über Sachverhalte hinweg; Typ, nicht Instanz; Messapparat.
- **Kompasssatz** — eigener Begriff für orientierungsstiftende ABH-Sätze.
- **Logisches Gewicht** — Funktion der Nummern-Stellenzahl.
- **Interne vs. externe Eigenschaften** (2.01231) — interne bestimmen mögliche Sachverhalte, externe sind beliebig.
- **Selbstidentität** — Prinzip, das W. aufgibt: "das da ist tatsächlich zwei Dinge gleichzeitig: Papageno und Wolfgang Brendel".
## Argumentationsstruktur
1. **Ein paar Worte zur Einführung — Das Ziel**: Form-Gehalt-Programm-Scheitern; Russell-Beispiele (Sachverhalt/Tatsache, Solipsismus); Programm der Arbeit.
2. **Die Satznummern**: Nullnummern-Theorie mit Rechnung des "logischen Gewichts".
3. **Eine vorläufige Gliederung**: 6-Themen-Schema.
4. **Ontologie**: Welt = Tatsachen, nicht Dinge. Sachverhalte gehören nicht zur Ontologie (kommen erst in Satzreihe 2).
5. **Tatsachen**: Sinneinheit; Brendel/Papageno-Foto vs. "Foto"-Gegenbeispiel.
6. **Sachverhalte**: Zwei wahre Aussagen über dieselbe Tatsache; Lindauer-Marionetten-Test. **Wittgenstein hebt die Selbstidentität der Dinge auf**, reduziert sie auf die Ebene des Sachverhalts.
7. **Gegenstände (Sachen, Dinge)** — zwei "Kompasssätze" als Anker.
8. **Kompasssatz 1** (2.01): Sachverhalt aus Gegenständen → Gegenstand-Konstante über Sachverhalte hinweg (2.011, 2.0122). Mögliche Sachverhalte sind im Gegenstand "präjudiziert" (2.012, 2.013).
9. **Kompasssatz 2** (2.02): Gegenstand ist einfach. Substanzargument (2.0211).
10. **Ein Experiment**:
- **Version 1**: Blote/Blaume/Blelbe/Blunte. Vollständig durchgeführt mit Beschreibung als "anderer Satz" (4.032 als Stützpunkt).
- **Version 2** (FIXME): "Blauto" für Blume oder Auto. Mehrdeutigkeit. Bank-Beispiel. Nicht zu Ende geführt.
11. **Gegenstand und Welt**: Blaume als illustrierender Sonderfall. Gegenstände sind Typen, keine Instanzen. Wittgensteins Skepsis gegen Definitionen (Prototractatus 3.20107). **Messapparat-Metapher**. Welt ist unbestimmt; Gegenstände sind Werkzeugkasten. Interne vs. externe Eigenschaften. Mutter-Typo-Beispiel. Russell-englisches Zitat zur Projektion.
12. **Bricht ab** mit "z" als Stub.
## Schlüsselzitate
> "Wittgenstein wählt die Form natürlich nicht zufällig oder aus rein ästhetischen Gründen. Er versucht damit vielmehr die Darstellung seiner Ideen zu perfektionieren: Wittgenstein strebt mit der gewählten Form den Zusammenfall von Form und Gehalt an." — Z. 51
> "Wittgensteins Vorhaben, mit der Abhandlung einen Text vorzulegen, der die endgültige Lösung der Probleme in eine ebenso endgültige Form bringt, scheitert aber auf ganzer Linie." — Z. 56
> "Selbst Russells Vorwort zur Abhandlung ist voll von Missverständnissen des Texts." — Z. 63
> "Schon der Start zeigt, dass Russell das Thema [Solipsismus] nicht in den Gedankengang der Abhandlung einordnen kann, und es statt dessen als 'curious discussion' abgrenzt." — Z. 122
> "Das Verständnisproblem liegt nicht beim Leser." — Z. 149
> "Mit der vorliegenden Arbeit möchte ich zunächst nicht mehr erreichen, als die Inhalte der Abhandlung in eine verständliche Form zu bringen. Die Gedanken, die Wittgenstein dort formuliert, sind zu wertvoll, um sie in ihrem kryptischen Grab verschimmeln zu lassen." — Z. 151
> "Wittgensteins Idee hebt die Selbstidentität des Dings auf. … Wittgenstein gibt die Idee aber nicht gänzlich auf, er reduziert das Prinzip nur auf eine Ebene unterhalb der Wirklichkeit. Der Gegenstand wird auf die Ebene des Sachverhalts, dessen Bestandteil er ist, reduziert." — Z. 386-388
> "Die Einführung des Sachverhalts nimmt dem Gegenstand (Sache, Ding) seine universelle und eigenständige ontologische Stellung als konstituierendes Element der Wirklichkeit. Der Gegenstand wird statt dessen zur abhängige Größe, die durch den Sachverhalt bestimmt wird." — Z. 390
> "Wittgenstein begreift einen Gegenstand als Summe aller Möglichkeiten seines Auftretens in Sachverhalten." — Z. 464
> "Einfache Zeichen können nichts Zusammengesetztes bedeuten." — Z. 571
> "Wittgensteins Auffassung ermöglicht eine Inflation von Gegenständen fragwürdigen Werts, weil sie nur die formalen Eigenschaften der Gegenstände einbezieht: Die Einführung der Blaume mag abwegig sein, doch hindert mich nichts an Wittgensteins Idee daran, es trotzdem zu tun" — Z. 627
> "Gegenstände sind diesem Verständnis nach nur eine notwendige aber keine hinreichende Bedingung einer korrekten Beschreibung der Welt" — Z. 634
> "Die Welt gibt keinen Kanon von Gegenständen vor, der zu ihrer korrekten Beschreibung notwendig wäre. Statt dessen gibt es verschiedene Bezugsweisen, anhand derer die Welt beschrieben werden kann, und diese Bezugsweisen unterscheiden sich in den Gegenständen, die in der Beschreibung genutzt werden." — Z. 642
> "Für Wittgenstein sind Gegenstände nicht Teil der Welt, sie bilden vielmehr den Werkzeugkasten, der es erst ermöglicht sinnvolle überhaupt wahrheitsfähige Beschreibungen der Welt zu geben." — Z. 644
> "Gegenstände sind Typen keine Instanzen. Ein Gegenstand repräsentiert Nichts, das in der Welt wäre, er ist Werkzeug, die Welt zu ordnen" — Z. 656
> "Sowenig wie ein Thermometer, dass 200°C heißen Dampf misst, 200°C heiß ist, sowenig ist eine Blaume blau: Der Gegenstand ist der Messapparat, nicht das Gemessene." — Z. 668
> "Die Welt allein ist unbestimmt, macht keine Vorgaben, wie sie zu beschreiben ist. Erst das hinzutreten der Gegenstände ermöglicht klare Bilder der Welt." — Z. 670
## Themen-Tags
#tatsache #sachverhalt #sachlage #gegenstand #ding #ontologie #welt #wirklichkeit #logischer-raum #substanz #form #russell #frege #nullnummern #methode #experiment-substanz #blaume #blauto #kompasssatz #selbstidentitaet #typ-vs-instanz #messapparat #werkzeugkasten #interne-vs-externe-eigenschaften #solipsismus #programmierer-analogie #russell-vorwort-kritik #abh-gliederung #bedeutung-vs-sinn
## Auffälligkeiten / Lücken / Spannungen
- **Bricht mit "z" ab** — letzte Zeile ist nur ein Stub-Buchstabe.
- **"Das Ziel"-Sektion explizit programmatisch** — in späteren Fassungen ist diese Programmatik in Fußnoten oder Vorbemerkungen kondensiert.
- **Solipsismus wird im Vorwort/Programm erwähnt** ("Russell versteht das nicht"), aber nicht ausgeführt.
- **"Kompasssätze"** — eigene Terminologie, in späteren Fassungen nicht aufgegriffen. Sinnvoll, aber zugunsten anderer Strukturierungs-Begriffe abgelegt.
- **Zweiter Experiment-Anlauf ist FIXME**: Wittgenstein-konformere Argumentation noch nicht zu Ende geführt. Der Autor erkennt das selbst: "Im Ende ist das Ergebnis aber das Gleiche."
- **Mutter-Typo-Beispiel** und **Bank-Beispiel** sind nur kurze Andeutungen — beide gehören zum Komplex "Aspektabhängigkeit" / "Mehrdeutigkeit von Zeichen", werden hier nicht ausgearbeitet.
- **Internal-Eigenschaft als Funktion in Sachverhalten** (2.01231) wird hier ausführlicher diskutiert als in späteren Fassungen.
- **Russell-Solipsismus-Polemik** ist hier am schärfsten — wird in `kap01-original` thematisch ähnlich, aber nicht so direkt am Russell-Zitat festgemacht.
- **Wittgenstein gegen Definitionen skeptisch** — Prototractatus-Zitat wird nur hier erwähnt. Interessante Materialnotiz für späteren Einsatz.
- **Aphorismus-Definition** wird angekündigt aber als FIXME markiert: "FIXME: Bleibe ich hier noch schuldig"
## Verbindungen
- **2019-was-ist-wahrheit**: setzt diese Fassung fort, mit Linguistic-Turn-Rahmung statt dem detaillierten Russell-Vorwort-Beispiel-Programm.
- **archive-was-ist-wahrheit**: setzt 2019 fort.
- **kap01-original**: nimmt das Brendel/Papageno-Beispiel und Substanz-Argument auf, ergänzt die Bildtheorie.
- **Anscombe**: ihre Diskussion von Sachverhalt/Tatsache (über Monte-Cassino-Brief) ist die Sekundärlit-Spiegelung dieses Texts. Marcus argumentiert aus dem Textbefund statt aus dem Brief.
- **Russell** als Sparringspartner durchgehend.
- **Prototractatus**-Verweis (3.20107) ist die einzige Stelle in den Texten dieses Pools, die explizit auf das Vorwerk eingeht.
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# Was ist Wahrheit — Entwurf 2019-03-13
**Quelle:** `archive/2019-03-13 - Was ist Wahrheit.fodt`
**Charakter:** Längerer, ausgearbeiteter Buchentwurf vom 13. März 2019. Strukturell sehr ähnlich zur undatierten `archive-was-ist-wahrheit.md`, aber **deutlich ausführlicher** in Einleitung und Argumentation. Trägt das prägnante Kapitelmotto "**Thing Thinking Strikes Back**".
**Umfang:** ~39K Zeichen, 844 Zeilen (nach Stripping), ~7K Wörter
**Datierung:** 2019-03-13
## Hauptthesen
- **Linguistic-Turn-Rahmung** wie in archive-Fassung: Wittgenstein als Vollender des Linguistic Turn — Frege/Russell als Vorläufer; Wittgensteins ontologisches Fundament macht den Linguistic Turn erst konsistent.
- **Zwei Bedenken gegen pure Linguistic-Turn-Lesart**:
1. **Universalien-Problem**: Linguistic Turn ist klar nominalistisch ("Wo wohnt Rot?"). Wittgenstein dagegen weist schon die Frage zurück (5.61) — trifft keine Sonderbehandlung für Universalien gegenüber anderen Gegenständen.
2. **Textkonsistenz**: Russells Lesart Tatsache=Verbindung-von-Sachverhalten macht ABH schon bei 2.01 inkonsistent zu 1.1.
- **Tatsachen ≠ Verbindungen von Sachverhalten**: Es gibt keine ABH-Stelle, an der Wittgenstein das schreibt. Lösung: Tatsachen sind nicht aus Gegenständen zusammengesetzt, Sachverhalte schon.
- **Tatsache = Stück Welt mit Mindestmaß an Sinneinheit**: Brendel/Papageno-Bild als Beispiel; "Foto" ohne Sinneinheit ist keine Tatsache.
- **Sachverhalt als Bezugsweise**: Brendel-Auftritt vs. Papageno-Auftritt — zwei wahre, logisch unabhängige Aussagen über dieselbe Tatsache.
- **Lindauer-Marionetten-Test**: zweite Tatsache mit Marionette beweist, dass Papageno unabhängig vom Sänger steht.
- **"Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugsweise nur für sich existiert, gibt es nicht."**
- **Gegenstände sind nichts in der Welt**, sondern Aspekte/Bezugsweisen auf Tatsachen.
- **"Thing Thinking Strikes Back"**: pointierte Kapitel-Überschrift für die Spannung mit Satzreihen 2.0 — Wittgenstein wirkt dingontologisch, ist es aber nicht.
- **Substanzargument 2.0211** durchgespielt mit Blote/Blelbe/Blaume. "Bedeutung ist im Gegensatz zum Sinn keine Funktion der Bestandteile."
- **Sokrates-Plato-Zirkel** identisch zur archive-Fassung.
- **Skelett vs. Exoskelett** Metapher.
- **Gegenstand als Hohlform** — abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen er vorkommen kann.
- **Argumentstellen / Programmierer-Analogie**: Methodensignaturen in typisierten Sprachen.
- **Teekanne-Beispiel** mit Farbe Rot — neu gegenüber archive-Fassung: zwei Aussagen ("Es ist eine Teekanne mit Deckel und Sieb" / "Der Deckel hat dieselbe Farbe wie der Griff"). Eine Dingontologie verheddert sich am Ort und Vorkommen der Farbe. W.s Lesart: verschiedene Bezugsweisen auf eine dinglich unbestimmte Tatsache.
## Zentrale Begriffe
- **Tatsache** — Stück Welt mit Sinneinheit, Aussagen-fähig ohne Kontext.
- **Sachverhalt** — Bezugsweise auf eine Tatsache; aus Gegenständen aufgebaut.
- **Sachlage** — vorerst synonym mit Sachverhalt gelesen.
- **Gegenstand** — Aspekt/Bezugsweise; kein Ding in der Welt; Hohlform.
- **Dingontologie** — Position, die Gegenstände als konstituierende Bausteine der Welt setzt; wird durchgängig kontrastiert mit W.s Position.
- **Linguistic Turn** — Rahmen; Wittgenstein als Vollender.
- **Universalien** — von Nominalisten als Pseudoprobleme abgetan; W. weist die Frage zurück.
- **Substanz der Welt** — Gegenstände, aber als formale Bedingung, nicht stofflich.
- **Skelett / Exoskelett** — Metapher für Ding- vs. Sachverhaltsontologie.
- **Hohlform** — Bezeichnung für den Gegenstand bei W.
- **Argumentstelle** — Position im Sachverhalt; durch Typ und Reihenfolge bestimmt.
- **Sinn vs. Bedeutung** — Sinn: Funktion der Bestandteile; Bedeutung: einfach, nicht zusammensetzbar.
## Argumentationsstruktur
1. **(Erste) Einleitung — Wittgenstein und der Linguistic Turn**: Linguistic-Turn-Verortung, zwei Bedenken gegen pure Zuordnung (Universalien, Textkonsistenz), Wittgenstein als Vollender, Russell als Sparringspartner.
2. **Tatsachen und Sachverhalte**: 1.1 vs. Dingontologie, 2 & 2.01 führen Sachverhalt ein, Vagheit bei Tatsache↔Sachverhalt.
3. **Russells Sicht**: Zitat aus Vorwort, hierarchisches Modell, Widerspruch zu 1.1.
4. **Die Idee** (Auflösung): Tatsachen sind nicht aus Gegenständen zusammengesetzt.
5. **Tatsachen**: Brendel/Papageno-Bild, Vergleich zu "Foto"-Tatsache ohne Sinneinheit.
6. **Sachverhalte**: Zwei Aussagen → zwei Sachverhalte über dieselbe Tatsache. Lindauer-Marionetten-Test. Schluss: "Gegenstände sind nichts in der Welt."
7. **Thing Thinking Strikes Back Gegenstände & Logischer Raum**:
- Vorbemerkungen-Diagnose (Nullnummern).
- Sachverhalt vs. Sachlage vorerst synonym.
- 2.01 (Form) vs. 2.02 (Substanz) — Reihenfolge: Substanz zuerst, weil Dingontologie Blaupause.
8. **Die Substanz der Welt**:
- Argumente für Dingontologie (Konstanten, Selbstidentität, Kants Ding an sich).
- Substanzargument 2.0211 durchgespielt mit Blote/Blaume.
- Sokrates-Plato-Zirkel.
- Bedeutung ≠ Sinn.
9. **Form des Gegenstands**:
- 2.0122: Selbständigkeit als Form der Unselbständigkeit.
- Skelett/Exoskelett.
- Hohlform.
10. **Der logische Raum**:
- Schlüssel/Schloss-Verhältnis (2.013).
- Argumentstellen / Programmierer-Analogie.
- Cäsar/Napoleon-Beispiel.
- Cäsar/Alter-Beispiel (Cäsar wurde 3 Jahre alt = Unsinn).
- **Teekanne-Beispiel** mit Farbe Rot — Universalien neu eingebracht.
11. **Bricht ab** nach Schlusspointe zum Teekannenbeispiel, mitten in "Wittgenstein" (Z. 844).
## Schlüsselzitate
> "Meine Idee unterstellt der Abhandlung ein klares ontologisches Fundament, das auf Tatsachen und Sachverhalten beruht. In Satzreihe 5 wird dieses Fundament zum tragenden Element der Formulierung der allgemeinen Satzform" — Z. 48-50
> "Hinter der Annahme [Existenz von Rot als Ding] steht die naive Sicht, dass alles, was in der Sprache eine dingliche Form hat, auch eine dingliche Entsprechung in der Welt braucht. So wird überflüssigerweise ein metaphysischer Gegenstand geschaffen, der nur zu Verwirrungen führt. Es ist z.B. völlig unklar, wo dieses Ding seinen Platz in der Welt hätte (Wo wohnt Rot, und wer zahlt die Miete?)." — Z. 106-108
> "Wittgensteins Antwort ist gleich in zwei Hinsichten nicht nominalistisch: Der Nominalismus gibt vor, die Frage nach der Existenz der Universalien entscheiden zu können. Wittgenstein weißt schon die Frage zurück." — Z. 120-126
> "Er gibt der Wende damit ein Fundament, das es erst ermöglicht, viele ihrer Gedanken konsistent und vollständig zu auszusprechen." — Z. 142 (über W.s Verhältnis zum Linguistic Turn)
> "Mit Russells Lesart wird die Abhandlung aber bereits an dieser Stelle inkonsistent: Ist der Sachverhalt eine Verbindung von Gegenständen und die Tatsache wiederum eine Verbindung von Sachverhalten, ist auch die Tatsache zumindest mittelbar aus Gegenständen zusammengesetzt. Dann wären aber die Gegenstände die konstituierenden Elemente der Welt, nicht, wie in Satz 1.1 postuliert, die Tatsachen." — Z. 228-232
> "Der Text lässt demnach Raum, die Inkonsistenz in Russells Sicht zu vermeiden. Dazu müsste die Beziehung von Tatsache und Sachverhalt so gestaltet sein, dass zwar Sachverhalte aus Gegenständen zusammengesetzt sind, Tatsachen dagegen nicht." — Z. 242-244
> "Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugsweise nur für sich existiert, gibt es nicht." — Z. 352
> "Gegenstände sind in diesem Sinne nichts in der Welt. Sie kennzeichnen vielmehr Aspekte der Welt mögliche Bezugsweisen auf Tatsachen, die die Welt konstituieren." — Z. 356
> "Wittgenstein deutet die Selbständigkeit der Gegenstände in ihr Gegenteil um: Ein Gegenstand ist nicht durch sich selbst, sondern durch die Sachverhalte, deren Teil er sein kann, bestimmt." — Z. 671
> "Damit wird der Gegenstand zur Hohlform: Zur Frage, was ein Ding ist, trägt das Ding selbst nichts bei." — Z. 703
> "Wittgensteins Idee nach unterscheiden sich die beiden Aussagen [Teekanne-Beispiel] nicht. In beiden Aussagen wurden lediglich verschiedene Bezugsweisen auf eine dinglich unbestimmte Tatsache gewählt." — Z. 830-832
> "Das etwas in der Welt, das das Ding eigentlich ausmacht, und sozusagen seine Identität sichert, gibt es schlicht nicht. Die Tatsache ist vielmehr für verschiedene Zugangsweisen offen." — Z. 842
## Themen-Tags
#tatsache #sachverhalt #sachlage #gegenstand #ding #ontologie #welt #wirklichkeit #logischer-raum #substanz #form #bildtheorie #russell #frege #linguistic-turn #linguistic-turn-vollender #universalien #nominalismus #bedeutung-vs-sinn #einfache-zeichen #komplex #zirkel #regress #argumentstelle #programmierer-analogie #exoskelett #hohlform #nullnummern #methode #teekanne
## Auffälligkeiten / Lücken / Spannungen
- **"Thing Thinking Strikes Back"** als Kapitel-Überschrift: prägnant, mit Spannungs-Versprechen. In späteren Fassungen fehlt diese rhetorische Markierung — möglicher Verlust.
- **Universalien-Argument** vs. Linguistic Turn ist hier explizit ausgeführt — in der archive-Fassung gibt es das nur angerissen. In späteren Fassungen ganz verschwunden (kann später unter Solipsismus/Empirische Tautologie aufgegriffen werden, ist aber nicht so direkt verbunden).
- **Teekanne-Beispiel** mit Farbe Rot — anschauliche Ergänzung zur Universalien-Frage. In späteren Fassungen nicht aufgegriffen.
- **Bricht im Logischen-Raum-Kapitel ab** mitten in der Argumentation.
- **Klare Spannung beim Substanz-Konzept**: 2.0211 "muss" eine Substanz angenommen werden — gleichzeitig wird die Lesart explizit anti-dingontologisch geführt. Auflösung über "Substanz = Bedeutungsbedingung, nicht stofflich" wird hier expliziter ausgeführt als anderswo.
## Verbindungen
- **archive-was-ist-wahrheit**: 2019er-Fassung ist Vorgänger der archive-Fassung; der Kerntext ist in der archive-Fassung schon weitgehend übernommen, aber gekürzt (Linguistic-Turn-Bedenken kürzer, Teekanne-Beispiel weg).
- **2018-was-ist-wahrheit**: noch ältere Fassung, vermutlich Vorstufe von 2019.
- **kap01-original**: setzt die Bildtheorie hinzu, die hier noch nicht behandelt wird; übernimmt die anti-ontologische Lesart.
- **kap02-satz / kap01-2026**: weiterentwickelte Versionen; Linguistic-Turn-Verortung weggefallen, dafür neue Programmatik.
- **Thesen-Abriss**: identischer ABH-Stellenkanon (1.1, 2.01, 2.0122, 2.0123).
- **Expose HP Schütt**: vermutlich destillierte Form des 2018/2019-Materials.
- **Anscombe**: Sachverhalt-Tatsache-Diskussion deckt sich teilweise; Anscombe stützt sich auch auf den Monte-Cassino-Brief (2018-Quelle), während Marcus den Brief nicht zitiert sondern stattdessen den Textbefund vs. Russell argumentiert.
- **McGinn** (über Sekundärlit): die "Gegenstände sind nichts in der Welt" Position deckt sich. Universalien-Frage als Pseudoproblem nominalistischer Provenienz wird bei W. zurückgewiesen — passt zur formal/transzendentalen Lesart.
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# Diskussion 2026-05-24 — McGinn-Lektüre
**Quelle:** `discussions and ideas/2026-05-24 - McGinn_Diskussion.md`
**Charakter:** Erste systematische Auseinandersetzung mit Marie McGinn, *Elucidating the Tractatus* (OUP 2006, 459 S.). Erkundung + eigene Verschärfung. Liefert keine Buchtext-Bausteine — Begriffs- und Diagnosearbeit.
**Umfang:** ~280 Zeilen
**Datum:** 2026-05-24
## Fazit User (zentral)
> McGinn ist das **BESTE zum Thema**, das ich bis hierher gehört habe — **nicht tief genug.**
## Was McGinn liefert (positive Aufschließung)
- **Anti-ontologische Lesart des Gegenstands** (Ishiguro-Linie übernommen): Gegenstand als formale Rolle eines Zeichens im Repräsentationssystem. Substanz = logischer Raum, nicht metaphysisches Material. Deckt sich exakt mit Buchprojekt-Lesart.
- **"Mode of signification"** als zentraler Begriff (Kap. 7): lexikalische Entsprechung zu Bezugsweise — als Eigenschaft des Zeichens.
- **Solipsismus als Tautologie** (Kap. 11): "Solipsism coincides with pure realism" als Klärung der inneren Relation SubjektWelt.
- **Russell-Kritik** verteilt auf Kap. 2, 3, 11, 12: trifft das geteilte Bild Frege/Russell (Logik als externe maximal allgemeine Wahrheiten), nicht technische Details.
- **Theory of Types** (Kap. 7, zu TLP 3.333.333): wird nicht repariert, sondern überflüssig. Paradoxien kommen gar nicht in den Blick.
- **Logischer Raum**: "There is one and only one logical space and it is shared by language and the reality it depicts" (Z. 4794).
## Schlüssel-Lücken bei McGinn (eigene Diagnose)
### Tatsache = bestehender Sachverhalt (Flachstelle)
McGinn kollabiert die ABH-Triade auf zwei Funktionen:
- "A fact is the existence of a possible state of affairs. A fact is what is represented by a true elementary proposition" (Z. 47904792).
- 1:1: wahrer Elementarsatz ↔ Sachverhalt ↔ (falls bestehend) Tatsache.
- Sachlage bekommt keine eigenständige Arbeit, "situation" und "state of affairs" als Synonyme.
→ Verliert die **Vielgestaltigkeit der Tatsache**. Hat keine Mechanik, um zu erklären, *wie* sich Welten unterscheiden könnten, wenn Tatsachen direkt in wahren Elementarsätzen ausgedrückt sind.
### Logischer Raum zwischen Subjekten — nicht thematisiert
- Strukturell *mein* Raum: TLP 5.6, "the world — my world — is simply what is described in the true propositions of my language" (Z. 92409244).
- Andere Subjekte nur bei TLP 5.542 "A judges that p" (Z. 93189346): Erkennung über Spracherkennung.
- Sagt **nicht** "wir teilen einen logischen Raum". Frage nach Intersubjektivität wird nicht aufgemacht.
### Mystik (TLP 6.4ff) — strukturell ausgeschlossen
- **12 Kapitel, kein Kapitel zur Mystik.** Buch endet bei Kap. 12 (ABH/PI-Übergang).
- 5.5521 ("wie könnte es eine Logik geben, da es eine Welt gibt") rein logisch gelesen (Z. 83128333). Das *Daß* verschwindet.
- 5.621 ("Welt und Leben sind eins") als logische Reziprozität gelesen (Z. 92769282), *vor* 6.4. Leben in Logik aufgelöst.
- ineffable-Erwähnungen nur als Reaktion auf Diamond/Conant — Methodendebatte, kein Inhalt.
- → Anti-metaphysische Vorsicht entzieht der Mystik den strukturellen Ort.
### Mengenlehre — nicht eigenständig
Drei indirekte Berührungen (Russells calculus of classes, Typentheorie, Zahlreihe/Nachfolger Z. 61406145, formale Begriffe als 'functions or classes' Z. 6204). Kein Cantor, kein ZF.
## Eigener Beitrag der Sitzung (User)
### Vielgestaltigkeit + Bezugsweise als Strukturraum
- **Tatsache** (vielgestaltig, invariant) — das, was bezogen wird.
- **Sachverhalt** (Bezugsweise) — frame-spezifische Auswahl.
- **Sachlage** — Konfiguration der für ein Subjekt bestehenden Sachverhalte.
→ Grammatik für **Welt-Differenz auf gemeinsamer Wirklichkeit**.
### Bildtheorie-Konsequenz (User-Wende, leicht formuliert)
> Bildtheorie/Satztheorie zeigen, dass nur nachgeahmt wird. Die Nachahmung läuft über das Satzzeichen — nur Externes. Unser Denken ist nach internen Eigenschaften gerichtet, am Zeichen nicht zu sehen. **Das Satzzeichen hat eine SYSTEMATISCHE Unterdeckung dem Satz gegenüber. Da sitzt die Perspektive.**
Textliche Verankerung: TLP 3.12, 3.32, 3.321 ("Zwei verschiedene Symbole können das Zeichen gemein haben").
### Harte Wendung des Solipsismus (User-Wende, hart formuliert)
> Der Kern des Solipsismus ist nicht — wie McGinn meint — die Frage, ob ich wissen kann, ob jemand anderer Gedanken hat. Der Kern ist das **WISSEN, dass ich es von mir SELBST nicht sagen kann** — wer sagt mir, dass es sich nicht genauso anfühlt, der Chinesische Raum zu sein, oder eben Claude.
- Selbsterkenntnis steht nicht prinzipiell anders da als Fremderkenntnis.
- Macht 5.62 erst zur Tautologie: nicht widerlegbar, nicht bewährbar — nicht einmal vom Solipsisten an sich selbst.
### Vorrede-Argument für das Satzzeichen-Konzept
Aus "nicht dem Denken, sondern dem Ausdruck der Gedanken":
- Eine Grenze braucht zwei *erreichbare* Seiten.
- Vom Denken aus nicht möglich.
- Grenze muss am Externen liegen — das Satzzeichen *ist* das Externe.
- Erklärt, warum W. das (in der Praxis triviale, methodisch unelegante) Satzzeichen-Konzept überhaupt einführt.
### Fünf-Schritt-Bogen Vorrede → 6.522
- **Vorrede:** Grenze nur am Ausdruck.
- **3.12:** Satzzeichen = die externe Seite.
- **3.321:** Satzzeichen unterdeckt Symbol systematisch.
- **5.62:** Solipsist *meint*, lässt sich nicht *sagen* — weil Sagen am Satzzeichen, Meinen am Symbol.
- **6.522:** Unaussprechliches zeigt sich — der Rest zwischen Symbol und Satzzeichen.
McGinn rekonstruiert die Schritte einzeln, verliert aber den Bogen.
### Einstein-Verallgemeinerung als eigentlicher Relativismus
Drei strukturelle Merkmale (Einstein → philosophisch generalisiert):
1. Kein Außenstandpunkt zum Sagen — auch nicht des Subjekts zu sich selbst.
2. Invariante Form: Bildtheorie / Bipolarität / Form der Darstellung.
3. Variable: Bezugsweisen / Sachlagen.
Schärfer als Einstein: **keine Lorentz-Transformation** zwischen Subjekt-Frames. Geteilte Form erlaubt Kommunikation auf Satzzeichen-Ebene, überbrückt Symbol-Ebene nicht.
**Tatsache als Invariante** = das *Daß*, das nicht in einem Frame aussagbar ist, das alle Frames teilen. Mystisches als strukturelle Bedingung.
Landläufiger Relativismus inkonsistent (setzt Außenstandpunkt voraus). Einstein-generalisierter Relativismus ist die **einzige konsistente Form.**
## Was die Diskussion für das Buchprojekt sichert
- **McGinn als Sparringspartner**: anti-ontologische Lesart deckt sich → zitierfähig für Gegenstands-Position. Aber nicht als Komplize für die eigene Tiefe.
- **Diagnose-Linie**: wo McGinn vorsichtig wird (Mystik, Welt-Differenz), greift die Buchposition strukturell durch.
- **Strukturbestätigung**: die Triade Tatsache/Sachverhalt/Sachlage ist nicht nur deutungstechnisch, sondern *systematisch notwendig*, um Welt-Differenz und Mystik überhaupt zu greifen.
- **Vorrede-Anbindung**: das Satzzeichen-Konzept (sonst unmotiviert wirkend) bekommt seinen methodischen Grund aus dem Grenze-Argument der Vorrede.
## Schlüssel-Lücken (Buchprojekt) — durch die Diskussion geschärft
- [[tatsache-sachverhalt-sachlage]] — die Triade als Voraussetzung für Welt-Differenz UND Mystik-Anschluss.
- [[solipsismus]] — empirische Tautologie konkret über die Satzzeichen-Symbol-Unterdeckung anschließbar; harte Wendung (Selbst-Mitteilungsproblem) als Schlüssel.
- [[beobachter-als-grenze]] — Einstein-Verallgemeinerung als *eigentlicher* Relativismus, mit dem Argument, warum landläufiger Relativismus inkonsistent ist.
- [[satz-und-satzzeichen]] — Vorrede-Argument als Begründung des Satzzeichen-Konzepts.
- [[zeigen-sagen]] — der Bogen Vorrede → 3.12 → 3.321 → 5.62 → 6.522 als ein Argument.
## Methodische Notiz
User-Korrektur am Ende: **viel geredet, geklärt — keine Fakten, keine Arbeit am Buch.** Diskussion war Diagnose- und Begriffsarbeit, kein Textbeitrag.
## Themen-Tags
#mcginn #sekundärliteratur #tatsache-sachverhalt-sachlage #bildtheorie #satzzeichen #symbol #unterdeckung #solipsismus #chinesisches-zimmer #selbsterkenntnis #vorrede #grenze #mystik #daß-der-welt #relativismus #einstein-verallgemeinerung #beobachter-grenze #russell-kritik #theory-of-types #logischer-raum
## Verbindungen
- McGinn ergänzt [[chat-claude-03-projektübersicht]] um Sekundärlit-Rückendeckung für anti-ontologische Gegenstands-Lesart.
- Schärft [[tatsache-sachverhalt-sachlage]]: McGinns Kollaps zeigt, was die Triade *strukturell* leistet.
- Verbindet [[solipsismus]] mit [[satz-und-satzzeichen]] über die Unterdeckungs-Struktur.
- Liefert Material für [[beobachter-als-grenze]]: Einstein-Generalisierung als konsistente Relativismus-Form.
- Anschluss [[zeigen-sagen]]: Fünf-Schritt-Bogen Vorrede → 6.522.
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# Was ist Wahrheit (undatierter Archiv-Entwurf)
**Quelle:** `archive/Was ist Wahrheit.fodt`
**Charakter:** Undatierter, durchformulierter Entwurf mit Inhaltsverzeichnis. Liest sich wie eine vollständige Frühfassung der ersten beiden inhaltlichen Kapitel ("Tatsachen und Sachverhalte", "Gegenstände & Logischer Raum"). Bricht im Logischen-Raum-Kapitel ab.
**Umfang:** ~34K Zeichen, 722 Zeilen, ~6K Wörter
**Datierung:** Undatiert, aber inhaltlich/strukturell zwischen den 2018/2019er Entwürfen und der jetzigen Arbeitsfassung. Kein "Vom Bild zum Solipsismus"-Untertitel — vermutlich ältere thematische Fokussierung auf den Ontologie-/Logik-Komplex.
## Hauptthesen
- **Linguistic-Turn-Rahmung**: Wittgenstein als Vollender des Linguistic Turn — der Kreis, der mit der sprachlichen Wende begonnen wurde, wird in der ABH geschlossen. Frege/Russell/Whitehead als Vorläufer.
- **Wittgenstein hat ein Modell der Welt sui generis geschaffen** ("Etwas Ähnliches habe nirgends gesehen") — Nähe zu Platon und Leibniz wird erwähnt, aber Kontextualisierung wird abgelehnt.
- **Russells Sachverhalt/Tatsache-Lesart führt zu Widerspruch**: Russell setzt hierarchisches Modell voraus (Sachverhalt = einfache Tatsache; Tatsache = Verbindung von Sachverhalten) → impliziert Gegenstände als Bausteine der Welt → kollidiert mit 1.1.
- **Die Idee — eigene Auflösung**: Sachverhalte sind aus Gegenständen zusammengesetzt, Tatsachen *nicht*. Tatsachen sind Stücke Welt, über die sich unabhängig Aussagen machen lassen; Sachverhalte sind verschiedene Bezugsweisen auf dieselbe Tatsache.
- **Gegenstände sind nichts in der Welt, sondern Bezugsweisen auf Tatsachen**: Dies ist die expliziteste Formulierung der anti-ontologischen Lesart in den durchgearbeiteten Texten dieses Pools.
- **Brendel-Papageno als Doppel-Tatsache**: Brendel + Marionetten-Papageno aus Lindau — zwei Tatsachen, in denen Papageno auftritt, beweisen, dass die Opernfigur unabhängig vom Sänger steht.
- **Blote/Blelbe/Blaume-Test des Substanzarguments**: 2.0211 wird durchgespielt mit einem Kunstwort "Blaume" (blaue Blume). Sinn von "Die Blaume blüht" darf nicht von Wahrheit eines anderen Satzes (Beschreibungssatz für Blaume) abhängen → einfache Zeichen können nur Einfaches bedeuten.
- **Sokrates/Plato-Zerlegung als Zirkel**: Russells Beispiel zur Komplexität wird durchgespielt. Auflösung in Körperteile führt zu Regress; Auflösung erfordert immer das gerade ersetzende Zeichen — Zirkel.
- **Bedeutung vs. Sinn**: "Bedeutung ist im Gegensatz zum Sinn keine Funktion der Bestandteile eines Ausdrucks." Einfache Zeichen können nichts Zusammengesetztes bedeuten.
- **Skelett vs. Exoskelett**: Dingontologie unterstellt inneres Skelett des Gegenstands; Wittgensteins Lesart ein Exoskelett aus Sachverhalten, in denen der Gegenstand vorkommen kann.
- **Gegenstand als Hohlform**: "Zur Frage, was ein Ding ist, trägt das Ding selbst nichts bei. Statt dessen wird seine Form durch die Sachverhalte bestimmt."
- **Argumentstellen + Programmierer-Analogie**: Methodensignaturen in typisierten Sprachen entsprechen Argumentstellen in Sachverhalten. Cäsar/Napoleon-Beispiel: Typ + Reihenfolge der Argumente sind nicht beliebig.
- **Sinnvoll ≠ Wahr**: "Cäsar wurde 3 Jahre alt" ist unsinnig, obwohl 3 im sinnvollen Bereich liegt — wegen Cäsars sonstigen Sachverhalten.
## Zentrale Begriffe
- **Tatsache** — Stück Welt, über das unabhängig vom Kontext sinnvolle Aussagen möglich sind.
- **Sachverhalt** — Bezugsweise auf eine Tatsache; aus Gegenständen zusammengesetzt.
- **Sachlage** — synonym mit Sachverhalt gelesen, vorläufig.
- **Gegenstand / Ding / Sache** — nichts in der Welt; Aspekt einer Tatsache, der eine Bezugsweise konstituiert. Hohlform, nicht Substanz.
- **Substanz der Welt** — Gegenstände; aber nicht stofflich verstanden.
- **Linguistic Turn** — Rahmen, in den der frühe Wittgenstein gehört.
- **Bedeutung** vs. **Sinn** — Bedeutung ist einfach, nicht zusammensetzbar. Sinn ist Funktion der Bestandteile eines Ausdrucks.
- **Argumentstelle** — die Position im Sachverhalt, in die ein Gegenstand eintritt; durch Typ und Reihenfolge bestimmt.
- **Exoskelett** (eigene Metapher) — die Sachverhalte, in denen der Gegenstand vorkommt, sichern seine Identität von außen.
- **Hohlform** — Bezeichnung für den Gegenstand bei W.s Lesart.
## Argumentationsstruktur
1. **(Erste) Einleitung — Wittgenstein und der Linguistic Turn**: kontextuelle Verortung; Russell/Frege/Whitehead als Vorläufer; W.s Eigenständigkeit.
2. **Tatsachen und Sachverhalte**:
- W.s Eigenart: Termini ohne Erläuterung.
- 1.1 setzt Tatsache gegen Ding.
- 2 & 2.01 führen Sachverhalt ein, lassen Verhältnis Tatsache↔Sachverhalt vage.
3. **Russells Sicht** (Zitat aus Russells Einleitung): hierarchisches Modell, das zu Widerspruch mit 1.1 führt.
4. **Die Idee** (eigene These): Sachverhalte aus Gegenständen, Tatsachen nicht.
5. **Tatsachen** mit Brendel/Papageno-Beispiel.
6. **Sachverhalte**: Zwei wahre Aussagen über dieselbe Tatsache; Doppel-Brendel/Marionetten-Papageno; logische Unabhängigkeit der Sachverhalte.
7. **Gegenstände & Logischer Raum**:
- Nullnummern-Diagnose als Vorbemerkung-Strategie.
- W. beginnt mit Substanz (2.02), dann Form (2.01).
- **Substanz der Welt**: Dinge als Konstanten in Kontexten. Blote/Blaume-Test. Sokrates-Plato-Zirkel.
- Bedeutung vs. Sinn.
- "Gegenstände sind nichts in der Welt, sind vielmehr notwendige Bedingung der Bestimmtheit des Sinns eines Bildes."
8. **Form des Gegenstands**:
- Selbständigkeit als Form der Unselbständigkeit.
- Skelett-Exoskelett-Metapher.
- Gegenstand als Hohlform.
9. **Der logische Raum**:
- Beziehung Gegenstand↔Sachverhalt: Schlüssel ins Schloss.
- Argumentstellen / Programmierer-Analogie.
- Cäsar/Napoléon (Beispiel 1) — Typ + Reihenfolge.
- Cäsar/Alter (Beispiel 2) — Sinnvoll ≠ Wahr (Cäsar wurde 3 Jahre alt).
10. **Bricht ab** im Logischen-Raum-Kapitel, mitten in der Erläuterung des Alters-Beispiels.
## Schlüsselzitate
> "Mit seinen Überlegungen hat Wittgenstein ein Modell der Welt sui generis geschaffen. Etwas Ähnliches habe nirgends gesehen." — Z. 77
> "Wittgenstein hat alles nur erdenkliche unternommen, um das Verständnis der Abhandlung zu erschweren oder unmöglich zu machen" — Z. 87 (Fußnote zum Russell-Zitat-Programm)
> "Russells Lesart nach wird die Abhandlung bereits an dieser Stelle inkonsistent: Ist der Sachverhalt eine Verbindung von Gegenständen und die Tatsache wiederum eine Verbindung von Sachverhalten, ist auch die Tatsache zumindest mittelbar aus Gegenständen zusammengesetzt. Dann wären aber die Gegenstände die konstituierenden Elemente der Welt, nicht, wie in Satz 1.1 postuliert, die Tatsachen." — Z. 157-161
> "Der Widerspruch wäre vermieden, wenn die Beziehung von Sachverhalt und Tatsache so gestaltet ist, dass Sachverhalte zwar aus Gegenständen zusammengesetzt sind, Tatsachen dagegen nicht." — Z. 175
> "Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugsweise nur für sich existiert, gibt es nicht." — Z. 285
> "Gegenstände sind in diesem Sinne nichts in der Welt. Sie kennzeichnen vielmehr Aspekte der Welt mögliche Bezugsweisen auf Tatsachen, die die Welt konstituieren." — Z. 289
> "Gegenstände sind nicht die konstituierenden Elemente der Welt, kennzeichnen vielmehr Bezugsweisen auf die Welt. Gegenstände sind Teil des Wies, nicht des Was' der Welt … und das Wie zeigt sich in Bildern. Bilder stellen Sachverhalte da." — Z. 334-339
> "Bedeutung ist im Gegensatz zum Sinn keine Funktion der Bestandteile eines Ausdrucks." — Z. 536
> "Einfache Zeichen können nichts Zusammengesetztes bedeuten." — Z. 540
> "Gegenstände sind nichts in der Welt, sind vielmehr notwendige Bedingung der Bestimmtheit des Sinns eines Bildes." — Z. 584
> "Wittgenstein deutet die Selbständigkeit der Gegenstände in ihr Gegenteil um: Ein Gegenstand ist nicht durch sich selbst, sondern durch die Sachverhalte, deren Teil er sein kann, bestimmt." — Z. 604
> "Die Dingontologie unterstellt ein Skelett, das dem Gegenstand von innen her seine Form gibt, und ihn deshalb unabhängig von den Kontexten, in denen er steht, klar abgrenzt. Anders Wittgenstein: Er unterstellt ein Exoskelett, das die Integrität des Gegenstands von außen her sichert. Dieses Exoskelett sind die Sachverhalte, in denen der Gegenstand vorkommen kann." — Z. 610-612
> "Wittgenstein reduziert den Gegenstand auf die abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen er vorkommen kann. Damit wird der Gegenstand zur Hohlform: Zur Frage, was ein Ding ist, trägt das Ding selbst nichts bei." — Z. 634-637
> "Den Argumentstellen entsprechen in typisierten Sprachen die Methodensignaturen." — Z. 658 (Programmierer-Analogie)
## Themen-Tags
#tatsache #sachverhalt #sachlage #gegenstand #ding #ontologie #welt #wirklichkeit #logischer-raum #substanz #form #bildtheorie #russell #frege #linguistic-turn #linguistic-turn-vollender #bedeutung-vs-sinn #einfache-zeichen #komplex #zirkel #regress #argumentstelle #programmierer-analogie #exoskelett #hohlform #nullnummern #methode
## Auffälligkeiten / Lücken / Spannungen
- **Bricht im Logischen-Raum-Kapitel ab** (mitten in einer Beispielerläuterung).
- **Linguistic-Turn-Rahmung** ist in den späteren Fassungen weggefallen oder verschoben — der jetzige Haupttext beginnt anders.
- **"Exoskelett-Metapher"** ist eine schöne, kommunikative Formulierung — taucht in den späteren Fassungen so nicht mehr auf. Könnte ein Verlust sein.
- **Sokrates-Plato-Zirkelargument** ist klarer ausgearbeitet als in späteren Fassungen.
- **Argumentstellen mit Programmierer-Analogie** — der Autor bringt seine IT-Perspektive ein. Auch in späteren Fassungen vorhanden (Brendel-Cluster), aber dort weniger explizit.
- **"Wittgenstein hat alles nur erdenkliche unternommen, um das Verständnis der Abhandlung zu erschweren oder unmöglich zu machen"** — die polemische Spitze in der Fußnote ist in späteren Fassungen weicher formuliert.
- **Sachlage = Sachverhalt vorerst synonym** — Differenzierung explizit auf später verschoben, die hier noch nicht geleistet wird. Auch in späteren Texten teils ungelöst.
- **Methoden-Hinweise stehen im Text** (Z. 192, 299, 343 etc.) — der Autor hat sich entschieden, Fußnoten/Klammern für Meta-Aspekte zu nutzen.
## Verbindungen
- **2018 / 2019-was-ist-wahrheit**: vermutlich ältere, ähnlich strukturierte Fassungen.
- **kap01-original**: setzt die Ontologie-Analyse fort, kommt zu der gleichen anti-ontologischen Lesart, ergänzt aber das Bildtheorie-Kapitel.
- **kap02-satz**: die Idee "Gegenstände sind nichts in der Welt" wird dort weiter ausgearbeitet und explizit gegen Russell/Frege gestellt.
- **Expose HP Schütt**: vermutlich destillierte Form dieser Argumentation für externe Leser.
- **Thesen-Abriss**: die hier durchgegangenen ABH-Stellen (1.1, 2, 2.01, 2.011, 2.0122, 2.0123, 2.0141) sind dort als Skelett aufgeführt.
- **Anscombe** (`literatur/anscombe-introduction.md`): Anscombe verwirft Stenius' Vorschlag, Sachlage als nicht-atomares Pendant zu Sachverhalt zu lesen — ähnliche Diagnose der Begriffsverwirrung.
- **McGinn**: die Position "Gegenstände sind nichts in der Welt … notwendige Bedingung der Bestimmtheit des Sinns" deckt sich mit McGinns elucidatory reading (siehe `project_users_gegenstand_reading.md` in memory).
+58
View File
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# buffer (Scratch / Arbeitsfragment)
**Quelle:** `buffer.odt` (Vault-Root)
**Charakter:** Scratch-Buffer. Ein abgeschlossenes Textfragment zum Thema **falsche Sätze, Form der Abbildung, logischer Raum** — vermutlich Material, das aus einer der Kap.-1-Fassungen ausgegliedert wurde, weil es eine bestimmte Schwierigkeit isoliert behandelt.
**Umfang:** ~7K Zeichen, 106 Zeilen, ~1000 Wörter
## Hauptthesen
- **Defizit der bisherigen Bildtheorie-Rekonstruktion**: Wenn der Bildinhalt aus struktureller Identität von Bild und Welt entsteht, ist das nur für *wahre* Bilder gegeben — falsche Bilder bilden die Welt offensichtlich nicht ab.
- **Wittgensteins Lösung**: Einführung der **Form der Abbildung** und des **logischen Raums** als unabhängiger Möglichkeitsraum.
- **Falsche Bilder als mögliche Konstellationen**: Bilder beziehen sich nicht unmittelbar auf die Welt, sondern stellen mögliche Sachlagen im logischen Raum dar. Vergleich mit der Wirklichkeit entscheidet über wahr/falsch.
- **Identität der Strukturen bleibt das Fundament**: Bildinhalt unabhängig vom konkreten Welt-Bezug; Inhalt steht "klar und vollständig" da, auch ohne Welt-Referenz.
- **Abgrenzung zur Definition**: Definition wäre ein scheinbarer Weg, das Strukturprinzip zu brechen, ist aber funktional disjunkt zur Bildverwendung — sie macht aus dem Bildelement ein bloßes Vertretungs-Zeichen. Strukturelle Abbildung und Vertretung bleiben klar getrennt.
## Zentrale Begriffe
- **Konstellation** — Hilfsbegriff des Autors, um Wittgensteins "Sachverhalt" zunächst zu vermeiden; markiert eine mögliche Anordnung, ohne das Tatsache/Sachlage-System schon zu importieren.
- **Form der Abbildung** — "die Möglichkeit, dass sich die Dinge so zu einander verhalten, wie die Elemente des Bildes" (2.151).
- **Logischer Raum** — Möglichkeitsraum, in dem abweichende Realitäten gegen die bestehende gesetzt werden.
- **Identität der Strukturen** — das durchgängige Prinzip; bleibt durch die Möglichkeit-/Form-Konstruktion gewahrt.
- **Definition** — explizit *kein* Bestandteil der Bildtheorie; sie schafft Vertretungs-Zeichen, nicht abbildende Elemente.
## Argumentationsstruktur
1. Problemexposition: Identität von Bild und Welt schließt falsche Bilder aus.
2. Eine intuitive Lösung (verschiedene Bezugsweisen auf dieselbe Welt) wird verworfen, mit Verweis auf 4.022 (Wittgenstein selbst: nur eine Bezugsweise).
3. Lösung über Form/logischen Raum (2.15, 2.151, 2.11, 2.17 zitiert).
4. **Exkurs Definition**: hypothetischer Einwand, dass Definitionen Bilder beliebig umdeuten könnten. Zwei Gründe gegen den Einwand: (a) am definierten Zeichen ist der Inhalt nicht mehr erkennbar; (b) die beiden Verwendungsweisen sind disjunkt.
5. Schlusspunkt: Bildinhalt steht unabhängig von Welt-Bezug fest.
## Schlüsselzitate
> "Soweit, wie bisher ausgearbeitet, hat die Rekonstruktion aber ein Defizit: Der Bildinhalt ergibt sich dem Gedanken bis hierher nach aus der Identität der strukturellen Eigenschaften von Bild und Welt. Diese Idee setzt also für jeden gegebenen Bildinhalt ein gegebenes Pedant in der Welt voraus. Das gilt für wahre Bilder, für falsche nicht." — Z. 1-5
> "Bilder beziehen sich nicht unmittelbar auf die Welt, stellen vielmehr mögliche Konstellationen in der Welt dar" — Z. 33-37
> "Der logische Raum wird zum Möglichkeitsraum, in dem abweichende Realitäten gegen die bestehende gesetzt werden können. Fundament des Ganzen ist das Prinzip der Identität der Strukturen, das garantiert, dass der Bildinhalt unmittelbar aus dem Bild entnommen werden kann." — Z. 61
> "Die Definition macht aus [dem Bildelement] ein einfaches Zeichen, das im Bild nur vertreten kann. Das Zeichen kann frei gewählt werden, und steht damit in keinem Zusammenhang zum Vertretenen." — Z. 96
> "Würde der Bildinhalt davon abhängen, dass sich das Bild auf einen Menschen (=die Welt) bezieht, den es richtig (=Der Mensch sitzt), oder falsch (z.B. = Der Mensch steht) abbildet, sollte der Bildinhalt unklar sein, weil ich nicht gesagt habe, ob und auf welchen Menschen sich das Bild bezieht. Der Bildinhalt ist aber klar und vollständig." — Z. 106
## Themen-Tags
#bildtheorie #form #logischer-raum #wahrheit #moeglichkeit #abbildung #vertretung #struktur #falsche-saetze #sachlage #definition
## Auffälligkeiten / Lücken / Spannungen
- **Erwähnung "Kapitel Neinologie"** (Z. 22) — vom Autor geprägter Begriff für ein geplantes Kapitel über Negation. Bisher nicht in anderen sichtbaren Dateien aufgegriffen — Kandidat für ein eigenes Kapitel.
- **Hilfsbegriff "Konstellation"** statt "Sachverhalt": deutet auf eine pädagogische Strategie hin — Begriffe erst spät einführen, wenn alles Material da ist.
- **Übergang zu Sachverhalt/Sachlage** wird angekündigt ("erst zum Ende dieses Teils") — der Buffer ist also ein Zwischenschritt im didaktischen Aufbau.
- **Behandlung von "wahr/falsch"** ist hier eingeführt, aber der eigentliche Anschluss an das Wahrheits-Thema des Buchtitels ("Was ist Wahrheit") wird noch nicht expliziert.
## Verbindungen
- **kap02-satz**: Behandelt das gleiche Material auf höherem Niveau und ohne den Hilfsbegriff "Konstellation". Buffer scheint eine Vorstufe oder ein didaktisch alternativer Pfad.
- **kap01-original / kap01-2026**: Vermutlich Vorgängermaterial, aus dem dieser Buffer als Reinform ausgegliedert wurde.
- **Geplantes "Kapitel Neinologie"**: noch nirgends ausgeführt — to-do.
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# Chat — ChatGPT, Satzreihe 2.0 Projektzusammenfassung
**Quelle:** `chats/2026-05-23 - chatgpt - wittgenstein_satzreihe_2_projektzusammenfassung.md`
**Charakter:** ChatGPT-generierte Projektzusammenfassung. Gewaschener, methodisch disziplinierter Ton als die ODT-Fassungen. Stellenweise schärfer formuliert.
**Umfang:** 406 Zeilen, ~5K Wörter
## Quintessenz
> "Die Ontologie des Tractatus ist nicht Selbstzweck. Sie ist die Rückseite seiner Semantik."
## Hauptthesen
- **ABH-Ontologie als Antwort auf semantisches Problem**: nicht "welche Dinge gibt es?", sondern "was muss konstant sein, damit Sätze überhaupt verschiedene Möglichkeiten darstellen können?".
- **Argumentationskette**: Gegenstand → Substanz → Form → Konfiguration → mögliches Vorkommen → logischer Raum → Welt als Summe der Tatsachen.
- **Begriffsfunktionen explizit**:
- **Gegenstand** = konstanter Bezugspunkt im Satzsystem; ermöglicht Stabilität der Darstellung.
- **Substanz** = die notwendige Stabilität in wechselnden Konfigurationen, nicht stoffliches Substrat.
- **Form** = logische Anschlussfähigkeit, Möglichkeit der Verbindung.
- **Konfiguration** = konkrete Anordnung von Gegenständen im Sachverhalt.
- **Logischer Raum** = strukturierter Möglichkeitsraum sinnvoller Darstellung.
- **Tatsachen haben Satzform**: gegliederte Strukturen, deshalb durch Sätze darstellbar.
## Methodische Festlegungen (zentral für Spiraltechnik!)
- **Hypotheken markieren, nicht ausdiskutieren** — bestimmte Probleme bleiben sichtbar, aber werden in Satzreihe 2.0 nicht aufgelöst.
- **Primärtext-Regel**: "in der Abhandlung" = nur die hochgeladene Suhrkamp-Ausgabe; keine externen Quellen vermischen.
- **Keine vorschnelle Auflösung von Folgeproblemen**:
- Negative Tatsache (verbleibt für Satzreihe 5).
- Stellung der Gegenstände in der Welt.
- Negation.
- Grenze der Sprache.
- Subjekt.
- Verhältnis Welt ↔ logischer Raum.
- **Arbeitsweise bei neuen Abschnitten**: zuerst grobe Kapitelstruktur, dann argumentative Ränder prüfen.
## Stilistische Leitlinien
- Klar, nüchtern, argumentativ.
- **Keine Polemik, keine Heideggerisierung, keine "Tiefe" durch dunkle Sprache simulieren.**
- Keine bloße Nacherzählung, keine vorschnelle Modernisierung.
- Übergänge explizit machen.
- Hypotheken klar benennen, aber nicht ausdiskutieren.
- Vergleichsfiguren nicht zum Selbstzweck.
## Abgrenzungen
- Gegen naive Gegenstandsontologie.
- Gegen reine Sprachpsychologie.
- Gegen empiristische Lesart.
- Gegen vorschnelle spätere-Wittgenstein-Lesart.
- Gegen metaphysische Überladung.
## Vergleichsfiguren-Apparat
Klar als **Folien, nicht Schlüssel** markiert:
- **Aristoteles**: Substanz/Form/Möglichkeit — Vorsicht vor klassischer Substanzmetaphysik.
- **Scholastik**: Form als Bestimmbarkeit, Substanz/Akzidenz — Gefahr ontologischer Überladung.
- **Frege**: Satz als gegliederte Einheit, Funktion/Argument, Sinn/Bedeutung. W. verschiebt stärker auf Bild/Sachverhalt/log. Raum.
- **Whitehead/Russell**: logischer Atomismus, Elementarsatz/atomare Tatsache. Frage: wie weit übernimmt W. den Atomismus, wo radikalisiert er ihn?
- **Heidegger**: Welt nicht als Dingmenge — heikel, aber produktiv. Abgrenzung gegen existenzialontologische Überformung.
- **Chomsky**: formale Strukturbedingungen, grammatische vs. logische Möglichkeit. Nur Vergleichsfolie.
- **Joachim Schulte**: textnahe Differenzierung, keine vorschnelle Korrektur des frühen W. aus dem Spätwerk.
## Offene Arbeitsfragen (aus Chat)
1. Wie genau ist der Gegenstand als Bedingung von Sinn zu fassen, ohne ihn in ein empirisches Ding zu verwandeln?
2. Wie lässt sich Substanz als semantische Stabilität erklären?
3. Wie wird aus der Form des Gegenstands der logische Raum?
4. Wie lässt sich zeigen, dass ein falscher Satz sinnvoll bleibt?
5. Wie weit darf die spätere-Wittgenstein-Perspektive als Kontrollfolie dienen?
6. Wo muss Kenny kritisiert werden, wo ist seine Lesart nur zu grob?
7. Wie kann das Papageno-Beispiel weitergeführt werden, ohne zu didaktisch zu werden?
8. Wo werden negative Tatsachen und Stellung der Gegenstände nur markiert?
## Konkrete Anschlussstelle
**Satz 2.0231** als Drehpunkt für "Argument 3: Vorrang der Semantik":
1. Formbegriff präzisieren.
2. Form = Möglichkeit des Vorkommens in Sachverhalten.
3. Übergang Gegenstand/Substanz → logischer Raum.
4. Vorrang der Semantik sichtbar machen.
5. Hypotheken markieren, nicht auflösen.
## Themen-Tags
#methode #form #gegenstand #substanz #tatsache #sachverhalt #logischer-raum #welt #hypotheken-markieren #primartext-regel #stil #vergleichsfiguren #aristoteles #scholastik #frege #russell #heidegger #chomsky #schulte #spätwerk-abgrenzung #naive-gegenstandsontologie #sprachpsychologie #empirismus-kritik #metaphysische-überladung
## Auffälligkeiten / Spannungen
- **Stilistisch deutlich disziplinierter** als Deine ODT-Fassungen. "Kleiderständertheorie", "Wittgenstein hat alles erdenkliche unternommen…" — solche Polemik fehlt hier komplett.
- **Methodische Disziplin "Hypotheken markieren"** löst genau das Problem, an dem die ODT-Fassungen abbrechen.
- **"Ontologie = Rückseite der Semantik"** als pointierte Quintessenz.
- **Argumentationskette als Diagramm** (Gegenstand → … → Welt) ist die klarste Visualisierung im gesamten Pool.
## Verbindungen
- Deckt sich substanziell mit [[archive-was-ist-wahrheit]], [[kap01-original]], [[kap02-satz]], [[2019-was-ist-wahrheit]], [[2018-was-ist-wahrheit]] und beiden Expos.
- Disziplinierter Ton als methodisches Vorbild für die finale Fassung.
- Methodische Festlegungen ("Hypotheken markieren") sollten in die Buch-Methodik direkt einfließen — gehört zur [[methode-und-form-der-abh]].
- Vergleichsfiguren-Apparat ist gänzlich neu im Pool und sollte als eigene Liste geführt werden.
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# Chat — Claude 01: Wittgenstein Bildtheorie
**Quelle:** `chats/2026-05-23 - claude - 01_Wittgenstein_Bildtheorie.md`
**Charakter:** Verdichtete Tabellen-Form des Kap.-1-Stoffs. Liefert gegenüber dem ODT-Material vor allem klare Strukturierung, keine substanzielle Neuheit.
**Umfang:** 92 Zeilen, ~1K Wörter
## Hauptthesen (in Tabellenform)
### Drei Kernprinzipien × vier Beispiele
| Bild | Vertretung | Strukturelle Eigenschaft | Formbeschränkung |
|---|---|---|---|
| **Gliederpuppe** | Gelenkteile | Proportionen + Gelenkstellung | Kein Größenvergleich Gebäude |
| **Stadtplan** | Linien, Formen | Relative Lage der Gebäude | Keine Abfahrtszeiten |
| **Kuchengraphik** | Kreissektoren | Anzahl + Winkelgröße | Nur exklusive, vollständige Klassen |
| **Weg-Zeit-Diagramm** | Achsen, Punkte | Anordnung der Punkte | Keine statischen Beziehungen |
Sehr gute Vorlage für die finale Bildtheorie-Sektion.
### Drei Argumente für atomare Gegenstände
1. **Bezugsweise im und außerhalb des Satzes**.
2. **Substanzargument** (2.0211).
3. **Vorrang der Semantik** (2.0231): "Gegenstände sind nicht stofflich. Die Substanz der Welt kann nur Form bestimmen, keine materiellen Eigenschaften."
### Formale Probleme der ABH
- Nummernsystem gebrochen (>50% Nullnummern-Sätze).
- Keine Kapitelüberschriften, kein Fluss → aphoristisch.
- **Tabu**: keine Kommunikationsperspektive (kein Shannon-Weaver) — vermeidet Trivialisierung durch intersubjektive Muster.
- Terminologie ohne Definition.
## Tatsache / Sachverhalt / Gegenstand kompakt
- **Tatsache**: Stück Welt, vielgestaltig, kein Bild enthält sie als Ganzes.
- **Sachverhalt**: Aspekt/Projektion der Tatsache. Mehrere konstituieren dieselbe Tatsache.
- **Gegenstand**: gewählte **Bezugsweise** auf die Tatsache. Fixiert, welcher Sachverhalt thematisiert wird.
Papageno/Brendel-Foto als kondensiertes Beispiel.
## Logischer Raum kompakt
- Jeder Gegenstand = Zentrum eines Raums möglicher Sachlagen (2.013).
- Tatsachen im logischen Raum = die Welt.
- Tatsache wird in den logischen Raum projiziert; durch das Gerüst der Gegenstände fassbar.
## Themen-Tags
#bildtheorie #vertretung #nachahmung #formbeschränkung #tatsache #sachverhalt #gegenstand #logischer-raum #bezugsweise #methode #nullnummern #kommunikation #shannon-weaver
## Auffälligkeiten
- **Vier-Beispiele-Tabelle** ist im Pool die kompakteste Vorlage.
- **"Tabu" Shannon-Weaver** ist hier explizit als Punkt der Einleitung markiert.
- **Originalformulierung "der archimedische Punkt"**: "Egal worüber man nachdenkt am Ende fasst man den Gedanken in ein Bild" (aus [[kap01-original]] übernommen).
## Verbindungen
- [[kap01-original]] / [[kap02-satz]] / [[exkurs-bildtheorie-solipsismus]] — alle behandeln denselben Stoff ausführlicher.
- [[chat-claude-03-projektübersicht]] — komplette Buchstruktur, in der dieser Stoff Kap. 1 ist.
- [[bildtheorie]] (Topic) — Hauptaufnahme dieser Tabelle.
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# Chat — Claude 02: Quantenphysik & Wittgenstein
**Quelle:** `chats/2026-05-23 - claude - 02_Quantenphysik_Wittgenstein.md`
**Charakter:** **Vollständig neues Material**. Belege, dass die Bildtheorie auch außerhalb der ABH trägt. QM nicht als Thema, sondern als Illustration des Arguments.
**Umfang:** 112 Zeilen, ~1.5K Wörter
## Grundthese
> **Der Beobachter ist die Grenze des Bildes.**
>
> Er kann nicht im Bild vorkommen, weil er das Bild macht. Das ist keine Lücke es ist logische Notwendigkeit.
>
> Relativität und Quantenmechanik scheitern unabhängig voneinander an exakt derselben Stelle. Wittgenstein erklärt, warum sie dort scheitern müssen.
## Wittgenstein als Vorhersage (falsifizierbar formuliert)
ABH 1921 sagt strukturell voraus, was nach 1927 in der Physik passiert:
- **Heisenberg 1927** (Unschärferelation)
- **Von Neumann 1932** (Messprozess)
- **EPR 1935** (Vollständigkeitsfrage)
- **Bell 1964** (Lokalität)
**Falsifizierbar**: Wenn jemand eine Theorie baut, die den Beobachter vollständig integriert — ohne ihn als Grenze vorauszusetzen —, ist Wittgenstein widerlegt. Das hat bisher niemand geschafft.
## Historische Stationen (im Buch nicht chronologisch zu erzählen)
### Planck 1900 — Wirkungsquantum h
- Diskrete Energiepakete. Grenze der Beschreibung gegeben.
### Heisenberg 1927 — Unschärfe
- Δx · Δp ≥ h/4π.
- **Heisenbergs Schnitt**: willkürliche, aber notwendige Grenze zwischen Quantensystem und Messapparat.
- **Von Neumanns Kette**: Problem verschiebt sich endlos.
- **Wittgenstein-Lesart**: Unschärfe ist Eigenschaft des **Bildes** (Formalismus), nicht der Natur. Der Formalismus kann seine Grenze nicht darstellen — er zeigt sie nur. **Heisenbergs Behauptung, die Grenze sei prinzipiell, ist weder vom Gedankenexperiment noch vom Formalismus gedeckt.**
### Bohr 1927 — Komplementarität
- Welle/Teilchen schließen sich aus, sind beide nötig.
- **Wittgenstein-Lesart**: Komplementarität = zwei **Bezugsweisen** auf dieselbe Tatsache. Formal korrekt, aber trivial. **Bohrs Fehler**: er verwechselt eine Eigenschaft der Beschreibung mit einer Eigenschaft der Realität.
### Solvay 1927 — Bohr gegen Einstein
- Alle relevanten Physiker anwesend.
- Einsteins Strategie: Vollständigkeit angreifen, nicht Mathematik.
- Bohrs Strategie: Gedankenexperimente widerlegen, Unschärfe-Verletzung nachweisen.
- Ergebnis: Bohr "gewinnt" → Kopenhagener Deutung wird Konsens.
### EPR 1935
- Einsteins Argument: Über Messung am Zwillingsteilchen wären Ort+Impuls von Teilchen 2 angebbar, ohne Interaktion → Teilchen 2 hat bestimmten Ort+Impuls.
- Steht/fällt mit **Lokalität**.
- Bohr: zwei Teilchen sind unteilbares System; man darf ihnen keine unabhängigen Eigenschaften zuschreiben.
### Schrödinger 1935 — Verschränkung & Katze
- Reaktion auf EPR. Schrödinger prägt "Verschränkung".
- Katze tot+lebendig bis zur Beobachtung.
## Das vereinheitlichende Argument
**Relativität und QM teilen dasselbe ungelöste Problem**:
- **Relativität**: schafft absolutes Bezugssystem ab, behält aber den Beobachter als jemanden, der ein Bezugssystem **wählt**. Wahl wird nicht reflektiert.
- **QM**: Beobachter bestimmt durch die Messung, was sich zeigt — aber *was* der Beobachter ist, bleibt offen. Heisenbergs Schnitt, Von Neumanns Kette verschieben das Problem.
**Wittgensteins Auflösung**: Der Beobachter kann nicht in die Theorie integriert werden, weil jede Theorie ein Bild ist und jedes Bild einen Beobachter **voraussetzt**, nicht enthält. Das ist keine Lücke — es ist logische Notwendigkeit.
## Das Non Sequitur als Spiegel der ABH
Wittgenstein fordert vollständige Notation. Genau das kann kein Bild leisten — weil die Form des Bildes sich nicht im Bild zeigen lässt (2.172).
**Das Non Sequitur im Vollständigkeitsstreit Einstein/Bohr ist exakt dieser Punkt**: Man kann innerhalb des Formalismus nicht zeigen, ob er vollständig ist. Nicht weil der Formalismus schlecht ist, sondern weil kein Formalismus das kann.
## Zur Verwendung im Buch
QM **nicht chronologisch erzählen**, sondern an den Stellen einsetzen, wo sie das Argument illustriert:
| Stelle im Buch | QM-Beleg |
|---|---|
| Bildtheorie | Schrödinger: will anschauliches Bild, scheitert am eigenen Formalismus |
| Form der Abbildung / Bezugsweise | Heisenberg-Schnitt, Von-Neumann-Kette |
| Formale vs. ontologische Eigenschaft | Unschärfe, Komplementarität, Nicht-Vertauschbarkeit |
| Vollständigkeit ist unsinnig | EPR/Bohr — Non Sequitur ist nicht behebbar |
> **Vorsicht**: QM-Belege sind dünn, Interpretationen aufgeblasen, Experimente fragwürdiger als ihr Ruf. **Nur 23 wasserdichte Beispiele verwenden, keine Chronologie.**
## Offene Fragen
- Welche 23 QM-Beispiele sind wirklich wasserdicht?
- Wie viel historische Herleitung braucht der Leser?
- Haupttext knapp + eigenständiges Kapitel (kein Anhang) — Strategie noch offen.
## Themen-Tags
#beobachter-grenze #quantenphysik #heisenberg #von-neumann #epr #bohr #einstein #schrödinger #bell #komplementarität #unschärfe #verschränkung #non-sequitur #vollständigkeit #lokalität #relativität #form-der-abbildung #wittgenstein-vorhersage #falsifizierbarkeit #mach #solvay-1927
## Auffälligkeiten / Spannungen
- **Komplett neu** im Pool. Nirgends im ODT-Material erwähnt außer minimal in [[expose-hp-schuett]] (Kap. 6.3 Naturwissenschaften).
- **Falsifizierbarkeitsangabe** ist ein starkes argumentatives Asset.
- **Selbst-Vorsicht** ("QM-Belege sind dünn") ist methodisch sauber.
- **Vereinheitlichende These**: Relativität + QM scheitern an derselben Stelle — das ist eine sehr starke These, die akademisch nicht abgesichert ist (eigene Lesart).
## Verbindungen
- [[chat-claude-03-projektübersicht]]: in der Buchstruktur Kap. 5/6.
- [[form]] / [[bildtheorie]] / [[zeigen-sagen]]: theoretische Anknüpfungspunkte.
- [[methode-und-form-der-abh]]: "Form kann sich nicht abbilden" ist die methodische Grundlage.
- **Neue Topics nötig**: [[beobachter-als-grenze]], [[quantenphysik]], [[mach-einstein-bohr-achse]].
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# Chat — Claude 03: Projektübersicht & Buchstruktur
**Quelle:** `chats/2026-05-23 - claude - 03_Projektübersicht_Buchstruktur.md`
**Charakter:** **Die zentrale Datei** — komplette Buchstruktur und Programmatik. Substantielle Erweiterung gegenüber dem ODT-Material: das Buch ist viel größer dimensioniert.
**Umfang:** 123 Zeilen, ~1.5K Wörter
**Arbeitstitel:** **Viewing the World**
## Kernargument (das alles trägt)
> Jedes Bild braucht eine Bezugsweise.
> Die Bezugsweise ist notwendig, aber willkürlich.
> Sie sagt nichts über das Abgebildete.
> **Die Form des Bildes kann vom Bild nicht abgebildet werden.**
>
> Daraus folgt:
> - Mathematische Grundlagen (Mengen sind keine Dinge)
> - Die Grenze jeder physikalischen Theorie (Vollständigkeit ist unsinnig)
> - Der Raum für Ethik (was sich nicht sagen lässt)
## Vereinheitlichendes Thema
Mach wirft das absolute Bezugssystem weg. → Einstein und Bohr sehen Teile der Konsequenz, können sie aber nicht zu Ende denken. → Wittgenstein löst es logisch auf — in der Bildtheorie. **Relativität und QM scheitern an exakt derselben Stelle.** Wittgenstein erklärt warum: Der Beobachter ist die Grenze des Bildes, nicht Teil davon.
## Buchstruktur (vollständig)
| Kap. | Titel | Inhalt |
|---|---|---|
| **Einleitung** | Anspruch, Lücke, Ansatz | W.s Anspruch (endgültig gelöst), Versagen der Form, Scheitern der Rezeption. These vorsichtig ankündigen. Begründung für Umordnung (Bildtheorie zuerst). |
| **1** | Das Bild | Bildtheorie: Vertretung, strukturelle Identität, Formbeschränkung. Tatsache/Sachverhalt/Gegenstand. Logischer Raum. → *Aktueller Text*. |
| **2** | Der Satz | Vom Bild zum Satz. Logisches Bild. |
| **3** | Natürliche Sprache | Sprache und Sprachspiel. |
| **4** | Das Kalkül & Mathematik | Schlussregeln. W.s **Cantor/Gödel-Kritik**. als abgeschlossene Menge ist mystisch. Diagonalisierung als Grenzüberschreitung. |
| **5** | Grenzen / Solipsismus | Grenze der Sprache. **Neinologie**. |
| **6** | Conclusio | Kontingenz, Satzreihe 6. Quantenphysik-Belege (23, wasserdicht). |
| **7** | Tractatus → PU | Bestand des Relativismus. Was fällt (starres Kalkül), was bleibt (Relativismus der Bezugssysteme). Kurz, als Öffnung. |
| **Epilog** | Negative Ethik | Abgrenzung zu W.s Stagnation. Relativismus ≠ Beliebigkeit. Staat kann nur regulieren, was sagbar ist. |
## Methode & Stil
- **Alltagsbeispiel → akademischer Beleg**: Papageno zeigt das Prinzip, Mathe/QM zeigen, dass es trägt.
- Bilder sind **Kern des Gehalts**, nicht Illustration.
- **Stil-Ziel**: klar genug für Abi + Interesse; stichhaltig genug für akademischen Diskurs.
- **Keine Abwehrschlachten** im Fließtext.
- **Fußnoten für aufmerksame Leser**; Haupttext einfach.
- "Was sich sagen lässt, lässt sich klar sagen."
## Kernthesen nach Kapitel
### Bildtheorie (Kap. 1)
- Tatsache vielgestaltig; Sachverhalte sind Projektionen.
- Gegenstand nicht materiell — logische Voraussetzung für Bilder.
- **Logischer Raum ist kein absolutes Bezugssystem — er ist das Bezugssystem, das ich setze.**
### Mathematik (Kap. 4) — *neu im Pool*
- **Cantors Diagonalisierung**: Grenzüberschreitung (Zeichen vs. Metazeichen).
- **Gödels Unvollständigkeitssatz**: Selbstreferenz ist unzulässig (Wittgenstein: Unsinn, Ebenen-Verwechslung).
- ** als abgeschlossene Menge**: mystisch, kein gültiger mathematischer Begriff (ABH 6.45).
### QM (Kap. 5/6) — *neu im Pool*
- Beobachter ist Grenze des Bildes → Relativität und QM können ihn nicht integrieren.
- Non Sequitur im Vollständigkeitsstreit ist Spiegel der Bildtheorie.
- 23 wasserdichte Beispiele, keine Chronologie.
### Relativismus (Kap. 7) — *neu im Pool*
- Es gibt kein allgemeines Bezugssystem für die Regeln.
- Richtigkeit ist immer relativ zu einem Bezugssystem — **kein Nihilismus**.
- Parallele: Gegenstände relativ zum Spiel / Kriterien relativ zur Praxis.
### Negative Ethik (Epilog) — *neu im Pool*
- W. zieht persönliche Konsequenz: Schweigen, Stagnation.
- **Alternative**: Relativismus ≠ Beliebigkeit (Einstein als Prior Art).
- Was jenseits der Sagbarkeit liegt, ist per logischer Notwendigkeit geschützt.
## Selbsteinschätzung
| Dimension | Stand |
|---|---|
| Struktur | Tragfähig |
| **Originalität** | **Hoch — akademisch ungedeckt, keine Verbündeten in der Sekundärliteratur** |
| Belastbarkeit | Gut innerhalb der eigenen Lesart; Mathe/QM brauchen Detailarbeit |
| Größtes Risiko | "Einzelmeinung" — abgesichert durch peinliche Textnähe |
| Stil | Schwankt noch; muss durchgehend für Abiturient lesbar werden |
## Offene Arbeitsthemen
- [ ] Kapitel 1 weiterführen (logischer Raum ausarbeiten).
- [ ] Einleitung: These ankündigen, Begründung für Umordnung.
- [ ] Cantor/Gödel: W.s Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik aufarbeiten.
- [ ] QM-Belege auf 23 wasserdichte Fälle reduzieren.
- [ ] Verhältnis Kap. 4 (Mathe) / Kap. 5 (QM) klären: Mathe ist W.s Beitrag, QM ist Anwendung.
- [ ] Ethik-Kapitel: Wie kurz ist kurz genug? Nicht schmalzig.
- [ ] Sprachlicher Schliff (Ton durchgehend für Abiturient lesbar).
- [ ] Dokumentenformat: .docx (LibreOffice/Pages) für Manuskript mit eingebetteten Bildern.
## Themen-Tags
#buchstruktur #viewing-the-world #bezugsweise #beobachter-grenze #bildtheorie #satz #sprache #mathematik #cantor #gödel #quantenphysik #solipsismus #neinologie #relativismus #pu-brücke #negative-ethik #mach-einstein-bohr-achse #stil-abiturient #originalität #methode #vergleichsfiguren
## Auffälligkeiten / Spannungen
- **Buch ist viel größer als nur ABH-Lektüre**: Sprache, Mathe, QM, Ethik. Das ändert die Dimension.
- **Cantor/Gödel-Kritik** als Wittgenstein-Anwendung — bisher nirgends im Pool.
- **Negative Ethik als Epilog** — Anschluss an W.s Schweigen mit Gegenposition (Einstein).
- **PU-Brücke** als Kap. 7 — Spätwerk-Bezug systematisch.
- **"Neinologie"** als eigener Begriff für ein Negations-Kapitel (war schon in [[buffer]] angekündigt).
- **Originalität bewusst riskiert**: "akademisch ungedeckt" als Selbsteinschätzung. McGinn (im Memory) ist die hauptsächliche Rückendeckung; sonst ist das Buch sehr eigenständig.
## Verbindungen
- **Alle bisherigen Buchfassungen** sind das ABH-Innerei (Kap. 1-2) — diese Projektübersicht setzt den Rahmen drumherum.
- [[chat-claude-01-bildtheorie]]: Kondensiert Kap. 1.
- [[chat-claude-02-quantenphysik]]: liefert Belegapparat für Kap. 5/6.
- [[chat-chatgpt-satzreihe-2]]: liefert methodische Disziplin (Hypotheken markieren).
- **Neue Topics erforderlich**: [[buchstruktur-viewing-the-world]], [[beobachter-als-grenze]], [[quantenphysik]], [[mathematik-cantor-goedel]], [[negative-ethik]], [[funktion-operation]], [[mach-einstein-bohr-achse]], [[neinologie]].
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# Exkurs — Bildtheorie & Solipsismus
**Quelle:** `archive/Exkurs - Bildtheorie & Solipsismus.fodt`
**Charakter:** Exkurs / Standalone-Text, der Bildtheorie (Satzreihe 2.1*) und Solipsismus (Satzreihe 5.6*) zusammenfasst. Wirkt wie ein **destilliertes Material-Stück**, das den Brückenschlag zwischen den beiden ABH-Komplexen leistet. Großteils inhaltlich deckungsgleich mit `kap01-original.md`, aber kompakter und fokussierter.
**Umfang:** ~23K Zeichen, 495 Zeilen, ~4K Wörter
**Datierung:** Undatiert — vermutlich Material, das aus einer Buchfassung ausgegliedert wurde, um den Bildtheorie→Solipsismus-Bogen separat zu klären.
## Hauptthesen
- **Buchprogramm zweiteilig**: Wittgensteins Argumentation fußt auf (1) der Grenze, die er Modell und Sprache zieht, und (2) dass diese Grenze auch für den Gedanken gilt. Grenze 1 wird in Satzreihe 2.1* (Bildtheorie) gezogen, der Beleg für (2) liegt in Satzreihe 5.6* (Solipsismus).
- **Wittgenstein verwirft den Solipsismus NICHT**: anders als Dennett ("Consciousness Ignored", 1991). Er bezieht ihn als "gegebenen Sachverhalt" in seine Systematik ein.
- **Russell-Polemik**: Russell beschreibt den Solipsismus-Teil als "a somewhat curious discussion" — geht damit am zentralen Argument vorbei.
- **Bildtheorie-Kernprinzipien** (wie in kap01-original):
- **Vertretung** ist frei, entkoppelt Bild von Welt.
- **Strukturelle Eigenschaften** sind unmittelbar gegeben, nicht setzbar.
- **Form der Abbildung** = das, was nachgeahmt werden muss; **Form der Darstellung** = Notation, beliebig; **logische Form** = Form der Abbildung minus Form der Darstellung.
- **Selbst-Kritik des Hand/Fuß-Tausches**: Der Autor merkt eine Unstimmigkeit im Original-Beispiel an: Das Verhältnis von Länge zu Breite zwischen Hand- und Fuß-Element der Gliederpuppe ist nicht gleich, also kann nicht jedes Element jeden Gegenstand vertreten. Damit lerne ich doch etwas über das Vertretene aus dem Vertreter. Der Autor markiert das als "lässlich".
- **Form des Gegenstands** als Möglichkeitsraum: Welche Sachverhalte ein Gegenstand zulässt, ist seine Form (2.0123). Logischer Raum entsteht durch Kombination der Möglichkeitsräume aller Gegenstände.
- **Solipsismus-Diskussion mit Putnams Hirn-im-Fass**: identisch zu kap01-original.
- **"Empirische Tautologie"** als geplante Auflösung des Solipsismus — bleibt FIXME.
## Zentrale Begriffe
- **Bildtheorie** — Lehre von der Funktionsweise von Modellen, die zur Abbildung der Welt genutzt werden.
- **Vertretung** — freie Zuordnung von Bildelement zu Gegenstand.
- **Strukturelle Eigenschaft** — gegebene Beziehung im Bild.
- **Form der Abbildung** — was Bild und Wirklichkeit gemein haben müssen.
- **Form der Darstellung** — Notation; in der ABH nur in Satzreihe 2.17 verwendet.
- **Logische Form** — wesentlicher Anteil der Form der Abbildung.
- **Form des Gegenstands** — Möglichkeitsraum seines Vorkommens in Sachverhalten.
- **Logischer Raum** — Kombination der Möglichkeitsräume; vorgibt, welche Sachverhalte eintreten können.
- **Wirklichkeit** — Untermenge des logischen Raums, die tatsächlich realisiert ist.
- **Solipsismus** — Position, die W. nicht ablehnt, sondern in seine Systematik einbezieht.
- **Empirische Tautologie** — projektierter Solipsismus-Begriff.
## Argumentationsstruktur
1. **Einleitung**: Modell-Begriff (Eiffelturm/Kölner-Dom-Beispiel). ABH-Programm. Wittgenstein-Anspruch. Bridge Bildtheorie → Solipsismus. Anti-Dennett-Note.
2. **Das Bild** mit Gliederpuppe:
- Aufbau (feste/veränderliche Teile).
- Vertretung (frei, entkoppelt).
- Strukturelle Eigenschaften des Bilds.
- Abbildende Beziehung (Maßstab-Metapher, 2.1512).
- Der Bildinhalt (Nachahmung).
3. **Die Form der Abbildung**:
- Hand-/Fuß-Tausch (mit selbst-kritischer Anmerkung).
- Form der Darstellung (Notation).
- Logische Form (= Form der Abbildung minus Form der Darstellung).
- **Form des Gegenstands** und logischer Raum.
4. **Grenzen des Bilds** (Satzreihe 2.2*).
5. **Solipsismus**: Putnam-Hirn-im-Fass, Polemik gegen "böser Forscher", eigene Vorschläge (Reisen, Superman, Musikinstrument).
6. **Die Frage**: FIXME — empirische Tautologie als Auflösung.
## Schlüsselzitate
> "Wittgensteins Argumentation fußt also einerseits auf der Grenze, die er dem Modell und damit der Sprache zieht, und andererseits darauf, dass diese Grenze auch für den Gedanken gilt." — Z. 88
> "Wittgenstein ist einer wenigen Denker, die den Solipsismus nicht unreflektiert mit Bausch und Bogen verwerfen" — Z. 94
> "Statt dessen bezieht er ihn als gegebenen Sachverhalt in seine Systematik ein. Er ist deswegen nicht der Auffassung, ein Hirn im Fass zu sein. Sein Zugang zum Thema ist deutlich durchdachter, als er in solchen Geschichten zum Ausdruck kommt." — Z. 99-103
> "Die Unmittelbarkeit der Abbildung besteht in der Übereinstimmung der strukturellen Eigenschaften von Bild und Welt. Nur soweit diese Übereinstimmung gegeben ist, ist Abbildung gegeben." — Z. 227
> "Es ist nicht möglich zur Vertretung [...] des Fußes zu wählen. Das liegt daran, dass sich das Verhältnis von Länge zu Breite im Falle von [...] und [...] deutlich unterscheidet. Das bedeutet, dass ich im Ende aus dem vertretenden Gegenstand doch etwas über das Vertretene lernen kann. Im vorliegenden Fall das Verhältnis von Länge zur Breite des Fusses. Ich halte diese Unstimmigkeit für lässlich" — Z. 269-275 (selbst-kritische Fußnote)
> "Das Bild weist die Form der Abbildung auf, ich kann sie dem Bild nicht geben." — Z. 304
> "Wittgenstein kombiniert die Möglichkeitsräume der Gegenstände zum logischen Raum, der vorgibt, welche Sachverhalte überhaupt eintreten können. Bildet man davon wiederum die Untermenge aller Sachverhalte, die tatsächlich gegeben sind, erhält man die Wirklichkeit." — Z. 362-364
> "Die Wirklichkeit, auf die sich ein Bild bezieht, ist für Wittgenstein nicht die empirisch gegebene Wirklichkeit, vielmehr ein Möglichkeitsraum, der es ermöglicht, mögliche Wirklichkeiten nachzustellen. Diesen Raum nennt Wittgenstein den logischen Raum" — Z. 393
> "Eine systematisch korrekte Analyse des Solipsismus beschäftigt sich nicht mit belanglosen Geschichten, die um den Solipsismus gesponnen werden, vielmehr mit dem, was es ermöglicht, solche Geschichten zu erfinden." — Z. 463
> "Das solipsistische Szenario stellt nur die Gegenstände, nicht ihre Beziehungen untereinander, in Frage sonst der Solipsismus ist keine eine empirische Tautologie." — Z. 486
## Themen-Tags
#bildtheorie #form #form-der-abbildung #form-der-darstellung #logische-form #form-des-gegenstands #vertretung #abbildung #strukturelle-eigenschaft #nachahmung #logischer-raum #moeglichkeit #wirklichkeit #welt #solipsismus #empirische-tautologie #putnam #dennett #russell-vorwort-kritik #selbstkritik
## Auffälligkeiten / Lücken / Spannungen
- **Selbstkritik im Hand/Fuß-Tausch** ist die einzige Stelle im Material-Pool, an dem der Autor das Gliederpuppen-Beispiel hinterfragt. Wichtige methodologische Notiz: das Beispiel hat eine Spannung, die der Autor erkennt und "lässlich" abtut. Diese Stelle sollte beim Schreiben des finalen Bildtheorie-Kapitels neu betrachtet werden — der Anspruch "Vertretung ist frei" wird mit dieser Konzession aufgeweicht.
- **"Solipsismus als gegebener Sachverhalt"**: starke Position — Wittgenstein "ist deswegen nicht der Auffassung, ein Hirn im Fass zu sein", aber er bezieht den Solipsismus systematisch ein. Diese Differenzierung könnte im Buch noch ausgeführt werden.
- **Anti-Dennett-Note** kurz, aber pointiert. Dennett 1991 als Negativfolie.
- **Bricht mit "Die Frage" FIXME ab** — identisch zu kap01-original. Die "empirische Tautologie" als Schlüsselbegriff bleibt im gesamten Material-Pool unausgeführt.
- **Begriff "Form des Gegenstands"** wird hier zentral inszeniert — als Möglichkeitsraum, der direkt in den logischen Raum mündet. Diese Verbindung Form-des-Gegenstands → Logischer Raum wird in `kap02-satz` weniger direkt formuliert.
## Verbindungen
- **kap01-original**: Inhalt großteils deckungsgleich, hier kompakter und ohne Satzreihe-2.0-Diskussion (Gegenstand-Diskussion). Konzentriert sich auf Bildtheorie und Solipsismus-Brücke.
- **kap02-satz**: setzt den gleichen Stoff in noch späterer Fassung um, ohne die Solipsismus-Sektion.
- **kap01-2026**: enthält die Sektion "Das Bild" als Outline, die hier ausgeführt ist.
- **buffer.md**: behandelt das Wahrheits-Problem (wahr/falsche Bilder → Form/logischer Raum), das hier nur kurz erwähnt wird.
- **for-later-use**: Eimer-Metapher zur Wahrnehmung — direkt andockbar an den Solipsismus-Abschnitt dieses Exkurses.
- **2018 / 2019 / archive Was-ist-Wahrheit**: enthalten die Gegenstand-Diskussion, die im Exkurs ausgelassen ist.
- **Anscombe Kap. "Mysticism and Solipsism"** als Sekundärlit-Sparring relevant.
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# Exposé für HP Schütt (alte Fassung)
**Quelle:** `archive/Exposé für HP Schütt - old.fodt`
**Charakter:** Ältere, **inhaltlich detailliertere** Fassung des Exposés. Statt der Roadmap der neuen Fassung führt diese Version die zentralen Argumente in den ersten 4 Kapiteln aus (Tatsachen+Sachverhalte / Die Idee / Gegenstände / Das Bild). Bricht im Kapitel "Der Satz" ab.
**Umfang:** ~43K Zeichen, 950 Zeilen, ~7K Wörter
**Adressat:** wie neue Fassung HP Schütt.
## Hauptthesen (zusätzlich/anders zur neuen Fassung)
- **"Kleiderständertheorie"** — eigene polemische Bezeichnung für die Position, dass ein Gegenstand nichts mehr als eine zufällige Ansammlung seiner Eigenschaften ist. Wittgensteins Lesart wird als Gegenentwurf positioniert.
- **Skelett vs. Exoskelett-Metapher** explizit mit Kant-Bezug: Kants "Ding an sich" als das Skelett, das Kohärenz von innen sichert; Wittgenstein ersetzt es durch Exoskelett der Sachverhalte.
- **Ontologie vs. Erkenntnistheorie**: Wittgenstein verwischt die Grenze. "In den zitierten Sätzen reduziert Wittgenstein das Ding auf die abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen es vorkommen kann. … Wittgenstein gibt an dieser Stelle auf eine ontologische Frage (was ist ein Ding) eine erkenntnistheoretische Antwort (was weiß ich von dem Ding)." Diese Frage wird erst in Satzreihe 5 aufgelöst.
- **Sandwich-Position** der Gegenstände/Sachverhalte: zwischen Welt und Bild — sie konstituieren weder die Welt noch sind sie Bilder der Welt, obwohl sie deren Inhalte bilden.
- **Cæsar/Napoleon-Beispiel** für Argumentstellen (Typ und Position).
- **"Ich war heute früh in Berlin und habe den Eiffelturm besichtigt"** — Beispiel für **sachlogischen Ausschluss** (Form der Person, gleichzeitig an zwei Orten zu sein).
- **Defensive vs. starke Lesart von Sachlage**: Defensiv: Sachlage = Sachverhalt + unmittelbare Implikationen seines Bestehens (Z. 534). Starke Lesart wird erst in Satzreihe 4.1 ff durchgehalten. In Satzreihe 2 sind Sätze 2.061/2.062 Gegenargumente gegen die starke Lesart — Sachverhalte sind dort "voneinander unabhängig".
- **Wittgenstein erweitert die formale Logik um eine sachlogische Ebene**: macht Gegenstände zu Teilen eines Möglichkeitsraums statt Teil der Welt.
- **Selbstkommentar zur Gedanken=Bild-Gleichsetzung**: "Vom Spätwerk her gesehen ist diese Annahme sein eigentlicher Sündenfall. Gedanke und Bild zu identifizieren, heißt der Sprache einen beschreibenden Kern zu geben, der da sein muss, bevor andere Formen der Sprache andere Sprachspiele überhaupt greifen können."
- **Selbstkritik Hand/Fuß-Tausch** identisch zum Exkurs-Bildtheorie.
- **"Der Satz ist das Satzzeichen in seiner projektiven Beziehung zur Welt"** (3.12) — letzter Satz vor dem Abbruch.
## Zentrale Begriffe (zusätzlich/anders)
- **Kleiderständertheorie** — polemische Eigenbezeichnung.
- **Ding an sich (Kant)** — als Negativfolie für die Gegenstands-Diskussion.
- **Sachlogische Ebene** — Wittgensteins Erweiterung der formalen Logik.
- **Sandwich-Position** — Gegenstände/Sachverhalte zwischen Welt und Bild.
- **Defensive vs. starke Lesart** der Sachlage.
- **Fußabdruck im logischen Raum** — Sachlage als Sachverhalt plus Implikationen seines Bestehens.
## Argumentationsstruktur (Unterschiede zur neuen Fassung)
Statt einer kompletten Roadmap arbeitet die alte Fassung die ersten Kapitel detailliert aus:
1. **Tatsachen und Sachverhalte**: Russell-Widerspruch, Idee.
2. **Die Idee**: Brendel/Lindauer-Marionetten.
3. **Gegenstände** (Satzreihe 2.0):
- **Form des Gegenstands** (2.01): Kleiderständertheorie als Negativfolie. Kant. Exoskelett. Erkenntnistheorie vs. Ontologie.
- **Substanz der Welt** (2.02): Substanzargument mit Blote/Blaume. Sokrates-Plato-Zirkel. **"Der Gegenstand wird qua Beschreibung definiert, das Definierte kann aber nicht die Form der Definition haben."**
- **Welt & Wirklichkeit** (2.03ff): Argumentstellen (Cæsar/Napoleon). Berlin-Eiffelturm-Beispiel. Sandwich-Position. Defensive vs. starke Lesart von Sachlage.
4. **Das Bild** (Satzreihe 2.1):
- Aufbau (Gliederpuppe).
- Vertretung.
- Strukturelle Abbildung.
- **Vertretung versus strukturelle Abbildung** (eigene Sektion).
- Abbildende Beziehung.
- Form der Abbildung (mit Hand/Fuß-Selbstkritik).
- Form der Darstellung.
- Logische Form.
- Grenzen des Bildes.
5. **Der Gedanke** (Satzreihe 3.0): Gedanke = logisches Bild. "Vom Spätwerk her gesehen Sündenfall."
6. **Der Satz** (Satzreihe 3.1 ff): Satz = Satzzeichen in projektiver Beziehung zur Welt. **Bricht hier ab.**
## Schlüsselzitate (zusätzlich)
> "Am einfachsten liest sich Satzreihe 2.01 als Gegenentwurf zu dem, was in der Ontologie manchmal etwas flapsig als Kleiderständertheorie bezeichnet wird" — Z. 284
> "Da die Gegenstände die konstituierenden Elemente der Welt sind, muss dieser Halt durch den Gegen­stand selbst gesichert werden. Zum Beispiel fordert Kant deshalb das Ding an sich, das im Verborgenen dafür sorgt, dass nicht 'Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint'" — Z. 292
> "Das Skelett, mit dem Kant die Kohärenz der Gegenstände von innen her sichert, wird durch ein Exoskelett ersetzt, das den Gegenstand ohne eigenes Zutun als abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen er vor­kom­men kann, definiert." — Z. 322
> "Wittgenstein erweitert so die formale Logik um eine sachlogische Ebene, die die Gegenstände zum Teil eines Möglichkeitsraums macht, statt sie als Teil der Welt dessen, was ist zu betrachten." — Z. 324
> "Der Pferdefuß des Ganzen: Mit Eliminierung der Gegenstände aus der Welt verwischt Wittgenstein die Grenzen zwischen Erkenntnistheorie und Ontologie" — Z. 328
> "Wittgenstein gibt an dieser Stelle auf eine ontologische Frage (was ist ein Ding) eine erkenntnistheoretische Antwort (was weiß ich von dem Ding)." — Z. 339
> "Der Gegenstand wird qua Beschreibung definiert, das Definierte kann aber nicht die Form der Definition haben. Wenn die Definition des Gegenstands eine andere Form als der Gegenstand selbst hat, bleibt zur Kennzeichnung des Gegenstands nur das Zeichen selbst." — Z. 457-459
> "Der Satz 'Ich war heute früh in Berlin und habe den Eiffelturm besichtigt' ist in diesem Sinn nicht (empirisch) falsch, sondern widersprüchlich, weil die Form der Person es ausschließt, an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Ein sachlogischer Ausschluss liegt vor: Der Satz ist unsinnig." — Z. 509-511
> "Sachlage ist in diesem Sinne der Sachverhalt selbst plus aller unmittelbaren Implikationen seines Bestehens." — Z. 538 (defensive Lesart)
> "Wittgenstein befördert die gesamte Welt in den logischen Raum. Dann stellt sich natürlich die Frage, was 'logisch' hier meint: Von was der Raum mit dem Attribut abgegrenzt werden soll. Ist die gesamte Welt oder Wirklichkeit ein logischer Raum, gibt es nichts Anderes, von dem eine Abgrenzung überhaupt möglich wäre." — Z. 561-565
> "Es ist völliger Unsinn, die Welt oder Wirklichkeit als Ganzes bestimmen zu wollen, weil dazu aus ihr heraus treten müssten, was offensichtlich nicht möglich ist (Satz 6.45). Damit ist der Raum eben doch wieder der Raum." — Z. 567-569
> "Vom Spätwerk her gesehen ist diese Annahme [Gedanke=Bild] sein eigentlicher Sündenfall. Gedanke und Bild zu identifizieren, heißt der Sprache einen beschreibenden Kern zu geben, der da sein muss, bevor andere Formen der Sprache andere Sprachspiele überhaupt greifen können (z.B. Singen, Anweisungen geben, etc …)." — Z. 906
## Themen-Tags
#tatsache #sachverhalt #sachlage #gegenstand #ding-an-sich #kleiderstaendertheorie #ontologie #erkenntnistheorie #welt #wirklichkeit #logischer-raum #substanz #form #form-des-gegenstands #form-der-abbildung #form-der-darstellung #logische-form #bildtheorie #vertretung #strukturelle-abbildung #sandwich-position #defensive-vs-starke-lesart #fussabdruck-im-logischen-raum #sachlogische-ebene #argumentstelle #cæsar-napoleon #berlin-eiffelturm #blaume #sokrates-plato #russell #frege #kant #spaetwerk-suendenfall #gedanke #satz #satzzeichen #methode #nullnummern
## Wertvolle Formulierungen für das Hauptbuch
- **"Kleiderständertheorie"** als pointierte Negativfolie.
- **"Skelett vs. Exoskelett"** mit Kant-Bezug — sehr anschaulich.
- **"Pferdefuß: Wittgenstein verwischt Erkenntnistheorie und Ontologie"** — gute methodische Klage.
- **"Sandwich-Position"** der Gegenstände — präzise Lokalisierung.
- **"Sachlogischer Ausschluss"** als Begriff für unsinnige Sätze.
- **"Gedanke=Bild als Sündenfall"** — pointierter Verweis aufs Spätwerk.
- **"Fußabdruck im logischen Raum"** für die Sachlage — schöne Metapher.
## Auffälligkeiten / Lücken / Spannungen
- **Bricht im Satz-Kapitel ab** (Z. 950) — vor Ende von Satzreihe 3.
- **"Defensive vs. starke Lesart von Sachlage"** — diese Differenzierung wird hier ausgeführt, in den neueren Fassungen so nicht. Sinnvoll, weil sie eine Spannung im Text adressiert (Sätze 2.061/2.062 vs. spätere Satzreihen).
- **"Sündenfall"-Selbstkommentar zum Gedanken=Bild** — wichtige metakritische Note. Verweist auf Spätwerk-Position, wo W. selbst diese Gleichsetzung aufgibt. Stellt die Frage, wie der Buchverfasser dazu steht.
- **Roadmap fehlt vs. neue Fassung**: Die alte Fassung führt aus, was die neue nur skizziert.
- **Kant-Bezug** (Ding an sich) ist hier explizit gemacht — in den neueren Fassungen weggefallen.
- **Polemik gegen "Kleiderständertheorie"** wirkt heute vielleicht zu burschikos — Stilfrage.
## Verbindungen
- **Expose-HP-Schütt** (neue Fassung): Roadmap-Variante derselben Sache.
- **2018 / 2019 / archive Was-ist-Wahrheit**: Quellen.
- **kap01-original**: enthält den Großteil des Bildtheorie-Materials in noch detaillierterer Form.
- **kap02-satz**: setzt das Gegenstand-Material in der jetzigen Arbeitsfassung um — die "Gegenstand ist nicht ontologisch"-These ist dort radikal ausformuliert.
- **Exkurs-Bildtheorie**: deckt sich mit Kap. 4 dieses Exposés ("Das Bild"); die Hand/Fuß-Selbstkritik ist dort identisch.
- **Anscombe**: ihre Diskussion zum Substanzargument und zur Gegenstand-Konfiguration ist die Sekundärlit-Spiegelung; auch ihr Anscombe-Argument zur Form der Gegenstände findet sich hier wieder.
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# Exposé für HP Schütt (überarbeitet)
**Quelle:** `archive/Exposé für HP Schütt.fodt`
**Charakter:** Exposé an HP Schütt — vermutlich Mentor/Verleger/Philosophiekollege. Enthält ein **vollständiges Buchgerüst** (Kapitel 17) mit Themen, Skizzen und detaillierter Ausarbeitung der Kapitel 1+2 (Tatsachen/Sachverhalte/Idee + Bild). Kapitel 37 als stichwortartige Outline.
**Umfang:** ~22K Zeichen, 625 Zeilen, ~4K Wörter
**Adressat:** HP Schütt (im Text nicht weiter charakterisiert). Aus Kontext: jemand, dem man "die Grundideen möglichst kurz darstellen" muss, damit er "Bewertungen und Ideen sammeln" kann, um zu entscheiden, "ob es Wert ist, die Überlegungen weiter zu verfolgen". Klingt nach Mentor/Sparringspartner.
## Hauptthesen
- **"Drei Jahre Gedanken"** zusammengefasst — programmatisches Exposé, kein Lehrbuch.
- **Das Neue an den Gedanken**: das eigene Verständnis von Tatsache und Sachverhalt, das der ABH einen geschlossenen Text statt einer Sammlung von Aphorismen macht.
- **Textanlage-Diagnose**: ABH-Thema ist die Zeichensprache (4.1121); Bildtheorie ist die Basis. Aber W. baut den Text universeller auf — Ontologie zuerst, dann Bildtheorie. Satzreihe 2.0 setzt die Bildtheorie schon voraus, ist deshalb schwer verständlich.
- **Nullnummern-Theorie** kompakt: Nullen ermöglichen Vorbemerkungen ohne ungewolltes logisches Gewicht; >50% Text ist betroffen.
- **Russell-Widerspruch** kompakt: Russell-Lesart → Sachverhalt ⊂ Tatsache → Tatsachen aus Gegenständen → Widerspruch zu 1.1.
- **Idee**: Sachverhalte aus Gegenständen, Tatsachen nicht.
- **Brendel/Papageno + Lindauer-Marionetten** als Demonstration.
- **"Gegenstände sind in diesem Sinne Nichts in der Welt, kennzeichnen vielmehr Bezugsweisen auf eine Welt, die sich in Tatsachen manifestiert."**
- **Wirklichkeit als zweite Ebene**: zwischen Welt (Tatsachen) und Bild — die Ebene, in der Bezugsweisen artikuliert werden.
- **Substanzargument 2.0211 mit Blote/Blaume** in kompakter Form.
- **Substanz = Form und Inhalt (2.025)**: zwei Funktionen — Klarstellung Bezugsweise (Inhalt) und Strukturierung der Welt (Form, Möglichkeit des Vorkommens).
- **VOLLER BUCH-ROADMAP**:
- **3** Satzzeichen / Satz als Modell (Gedanke, Satzzeichen als Tatsache, Namen/Urzeichen, Satzvariable, Satzsinn, logischer Ort)
- **4** Der Satz (natürliche Sprache als Organ, dynamisches Modell, Grenzen, Elementarsatz, Wahrheitstafel, allgemeine Form: "Es verhält sich so und so.")
- **5** Wahrscheinlichkeit / Logischer Schluss (Kritik an Frege, Tautologie/Kontradiktion, Wahrheitsoperation, Reduzierbarkeit, "Keine logischen Gegenstände", Satzbedeutung = Stellung im logischen Raum → **Form der Abhandlung**, **Solipsismus als empirische Tautologie**)
- **6** Conclusio (Zahl, Logischer Schluss, Mathematik, Naturwissenschaften, Ethik, Das Mystische)
- **7** Schluss (Satz 7)
## Zentrale Begriffe
- Standard-Set: **Tatsache, Sachverhalt, Sachlage, Gegenstand, Wirklichkeit, Welt, Logischer Raum, Substanz, Form, Bildtheorie**.
- **Bezugsweise** — Kern-Term der eigenen Lesart.
- **Konstante** — was über Sachverhalte hinweg dasselbe bleibt.
- **Kristallisationspunkt** — Bild für die Funktion der Konstante (Z. 349).
- **Elementarsatz**, **Wahrheitstafel**, **Wahrheitsfunktion**, **Wahrheitsoperation** — als Programm-Begriffe für Kap. 45.
- **Empirische Tautologie** — geplanter Solipsismus-Schlüsselbegriff (Kap. 5.6/5.7).
- **Logischer Ort** — für Kap. 3.5.
- **Logische Mannigfaltigkeit** — für Kap. 4.2.
## Argumentationsstruktur
1. **Einleitung**: Drei Jahre Gedanken zusammenfassen; Idee zur Abgrenzung Tatsache/Sachverhalt als das Neue.
2. **Textanlage**: ABH-Thema ist die Zeichensprache; Bildtheorie als Basis, aber textlich später; Satzreihe 2.0 deshalb undurchsichtig.
3. **Die Satznummern**: Nullnummern-Theorie kompakt.
4. **Tatsachen und Sachverhalte**: Welt-Tatsachen-Ontologie (1.1); Vagheit beim Verhältnis Tatsache↔Sachverhalt.
5. **Russells Sicht**: Zitat, hierarchisches Modell, Widerspruch.
6. **Die Idee**: Tatsachen nicht aus Gegenständen; Brendel/Lindauer-Beispiel; "Gegenstände sind nichts in der Welt".
7. **Das Bild**: Wirklichkeit als zweite Ebene; Bilder bilden Wirklichkeit ab.
8. **Der Bildinhalt: Gegenstand, Sachverhalt & Wirklichkeit**: Gegenstand als Konstante; Konstante = Kristallisationspunkt für Sachverhalte. Selbständigkeit ist scheinbar (2.0122). Substanzargument (2.0211/0212) kompakt mit Blote/Blaume. Substanz = Form und Inhalt (2.025).
9. **Die Bildtheorie**: Stub (Bildelemente und strukturelle Abbildung; 2.1**).
10. **Das Satzzeichen / Der Satz als Modell** + Unter-Sektionen: Stub-Outlines mit Stichworten:
- Satzinhalte → Der Gedanke (3.0*)
- Der Satz als Tatsache → Das Satzzeichen (3.1*)
- Elemente des Satzes → Namen / Urzeichen (3.2*)
- Strukturelle Eigenschaften → Satzvariable (3.3*)
- Satzsinn → Logische Ort (3.4* / 3.5)
11. **Der Satz** + Unter-Sektionen:
- Natürliche Sprache: Sprache als Organ (reden, ohne zu wissen, wie Bedeutung zustande kommt; 4.00*)
- Der Satz als dynamisches Modell: Strukturelle Abbildung & Logische Mannigfaltigkeit (4.0*)
- Grenzen der Sprache: Sagen vs. Sich Zeigen (4.1*)
- Elementarsatz und Logischer Raum: "Logischer Raum = Elementarsatz x Elementarsatz" (4.2*)
- Die Wahrheitstafel: Als Hilfsmittel zur Systematisierung des logischen Raums (4.3*)
- Wahrheitsgründe des Satzes: Reduktion auf Wahrheitsmöglichkeiten der Elementarsätze; Tautologie/Kontradiktion (4.4*)
- Allgemeine Form des Satzes: "Es verhält sich so und so." (4.5*)
12. **Wahrscheinlichkeit / Logischer Schluss** + Unter-Sektionen:
- Elementarsatz als Argument: Kritik an Frege (5.0*)
- Wahrheitsgründe: Schluss als strukturelle Eigenschaft; Tautologie/Kontradiktion/Wahrscheinlichkeit (5.1*)
- Interne Relationen / Wahrheitsoperationen: nicht-materielle Erzeugungsregeln (5.2*)
- Prinzip der Reduzierbarkeit (5.3*)
- Logische Gegenstände: "Keine logischen Gegenstände. Keine 'nur' logischen Strukturen / Gesetze → Es gibt nur einen Schluss" (5.4*)
- Satzbedeutung: "Verneinung aller anderen Sätze" = "Stellung des Satzes im logischen Raum → Form der Abhandlung" (5.5*)
- **Solipsismus**: "als empirische Tautologie. Beweis Wittgensteins Auffassung der Gegenstände." (5.6*)
13. **Conclusio**:
- Die Zahl: "Resultat von Zeichenmanipulationen / Repräsentieren keine Klassen (Mengen)" (6.0*)
- Logischer Schluss als Zeichenoperation (geometrische/mechanische Herleitung) (6.1*)
- Mathematik: Reduktion auf Tautologien; Gleichungen → Substitutionsmethode (6.2*)
- Naturwissenschaften: Beschreibung gemäß einer Form; Naturgesetze als Eigenschaft der Form, nicht des Beschriebenen; Täuschung "Naturgesetze würden Welt erklären"
- Ethik: Transzendenz; keine ethischen Sätze (6.4*)
- Das Mystische: Wegfall der Frage (6.5*)
14. **Schluss**: Satz 7.
## Schlüsselzitate
> "Neu an den Gedanken ist soweit ich sehen kann mein Verständnis der Begriffe Tatsache und Sachverhalt, die das Fundament Wittgensteins Überlegungen bilden. Mein Verständnis erlaubt, die Abhandlung als geschlossen Text zu verstehen, statt sie wie häufig zu lesen als Ansammlung unzusammenhängender Sätze zu begreifen." — Z. 103-105
> "Wittgensteins Thema in der Abhandlung ist die Zeichensprache. Die dabei zu Grunde gelegte Bildtheorie ist die Basis jeder Überlegung der Abhandlung. Der Text folgt aber nicht dieser Systematik." — Z. 111-118
> "Gegenstände sind in diesem Sinne Nichts in der Welt, kennzeichnen vielmehr Bezugsweisen auf eine Welt, die sich in Tatsachen manifestiert." — Z. 294
> "Mit seiner Sicht des Gegenstands fügt Wittgenstein der Welt eine zweite Ebene hinzu, die verschiedene Bezugsweisen verschiedene Sichten auf dasselbe Stück Welt dieselbe Tatsache erlaubt. Diese Ebene nennt Wittgenstein Wirklichkeit." — Z. 302-304
> "Bilder bilden die Wirklichkeit ab, sie stellen Sachverhalte dar: Erst Tatsache und Bezugsweise gemeinsam erlauben die Formulierung von Inhalten, die klar genug sind, als Bild fungieren zu können." — Z. 309-311
> "Die Konstanten bilden Kristallisationspunkte, um die herum sich Sachverhalte als Verbindungen" — Z. 349 (Schluss-Stub)
> "Logischer Raum = Elementarsatz x Elementarsatz" — Z. 499 (Outline-Notiz Kap. 4.2)
> "Allgemeine Form des Satzes: Es verhält sich so und so." — Z. 521
> "Keine logischen Gegenstände. Keine 'nur' logischen Strukturen / Gesetze → Es gibt nur einen Schluss" — Z. 559-561
> "Satzbedeutung = Verneinung aller anderen Sätze. Satzbedeutung = Stellung des Satzes im logischen Raum → Form der Abhandlung" — Z. 567-569
> "Solipsismus als empirisches Tautologie. Beweis Wittgensteins Auffassung der Gegenstände." — Z. 575-577
> "Naturgesetze als Eigenschaft der Form der Beschreibung nicht des Beschriebenen. Täuschung: Naturgesetze würden Welt erklären (vorher: Gott als letzte nicht zu erklärende Instanz)" — Z. 605-607
> "Ethik: Transzendenz der Ethik. Keine ethischen Sätze." — Z. 611-613
> "Das Mystische: Wegfall der Frage." — Z. 619
## Wertvolle Formulierungen für das Hauptbuch
- "**Gegenstände sind Nichts in der Welt, kennzeichnen Bezugsweisen auf eine Welt, die sich in Tatsachen manifestiert**" — kompakte Formulierung der eigenen Position.
- "**Kristallisationspunkte**" für Konstanten — schönes Bild.
- "**Satzbedeutung = Stellung des Satzes im logischen Raum → Form der Abhandlung**" — verbindet Inhalt mit Methodik-Programm.
- "**Solipsismus als empirische Tautologie**" — der Schlüsselbegriff, der bisher nirgends ausgeführt wird.
- "**Naturgesetze als Eigenschaft der Form der Beschreibung nicht des Beschriebenen**" — pointierter Naturwissenschafts-Take.
- "**Das Mystische: Wegfall der Frage.**" — kompakter Ethik/Mystik-Schluss.
## Themen-Tags
#tatsache #sachverhalt #gegenstand #bezugsweise #welt #wirklichkeit #logischer-raum #substanz #form #bildtheorie #satz #satzzeichen #gedanke #elementarsatz #wahrheitstafel #wahrheitsfunktion #wahrheitsoperation #allgemeine-satzform #satzbedeutung #solipsismus #empirische-tautologie #zahl #mathematik #naturwissenschaft #ethik #mystik #logischer-schluss #russell #frege #nullnummern #abh-gliederung #abh-roadmap #kristallisationspunkt
## Auffälligkeiten / Lücken / Spannungen
- **Vollständigste Roadmap der ABH-Behandlung** in den Pool-Dateien. Sehr wertvoll für die Buchplanung — auch wenn Kap. 3-7 nur stichwortartig sind.
- **Kap. 5-7 sind im jetzigen Material weitgehend unbearbeitet**: Wahrheitstafel, allgemeine Satzform, Wahrscheinlichkeit, Mathematik, Naturwissenschaft, Ethik, Mystik. Hier gibt's außer dieser Outline noch nichts.
- **Bricht in Kap. 2 (Bild/Bildtheorie) ab** — die ausgearbeiteten Sektionen Bildelemente/Bildtheorie sind nur als Stubs. Stand der Argumentation: nach Substanzargument-Blaume.
- **"Kristallisationspunkte"-Metapher** ist hier eingeführt, aber unvollständig (Satz bricht ab Z. 349). Schöne Idee.
- **Z. 423-427 enthält einen Stub-Satz** "Das" und Hashed-Out-Notiz "#Der Gegenstand wird qua Beschreibung definiert, das Definierte kann aber nicht die Form der Definition haben." — interessante Idee, die nicht ausgeführt ist.
- **Solipsismus als empirische Tautologie als "Beweis Wittgensteins Auffassung der Gegenstände"** — wichtige Verbindung, in keiner anderen Datei so explizit.
## Verbindungen
- **2018-was-ist-wahrheit / 2019-was-ist-wahrheit / archive-was-ist-wahrheit**: Quellen der ausgearbeiteten Kap. 1-2.
- **kap01-original / kap02-satz / kap01-2026**: setzen die Bildtheorie und Satz-Sektionen in eigene Buchfassungen um.
- **Exkurs-Bildtheorie**: ausgegliedert aus diesem Komplex.
- **xmind-mindmap**: deckt sich teilweise mit der Roadmap, aber weniger vollständig.
- **For-later-use** (Eimer-Methapher): andockbar an "Solipsismus als empirische Tautologie".
- **Expose-HP-Schütt-old**: vorherige Fassung dieses Exposés — strukturvergleich nötig.
- **Anscombe-Kapitel** "Mysticism and Solipsism" → relevant für Kap. 5.6 und 6.6.
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@@ -0,0 +1,40 @@
# For Later Use (Notiz)
**Quelle:** `archive/For Later Use.fodt`
**Charakter:** Kurze Notiz für späteren Gebrauch — eine isolierte Metapher.
**Umfang:** 8 Zeilen, ~30 Wörter
## Hauptthesen
- **Eimer-Metapher** zur Ununterscheidbarkeit objektiver und subjektiver Anteile in einer einzigen Wahrnehmung: Zwei Wasserquellen mischen sich in einem Eimer; im fertigen Inhalt lässt sich nicht mehr trennen, welches Wasser woher stammt. Analog: **eine** Wahrnehmung — keine Möglichkeit, ihre objektiven und subjektiven Komponenten zu trennen.
## Zentrale Begriffe
- **Wahrnehmung** — als Einheit, nicht zerlegbar in objektiv/subjektiv.
## Argumentationsstruktur
Bildhafte Metapher in drei Schritten:
1. Eimer wird an zwei Wasserhähnen befüllt.
2. Versuch der Rückverfolgung: welches Wasser kam aus welchem Hahn?
3. Aufschluss: "Wir haben EINE Wahrnehmung."
## Schlüsselzitate
> "Methapher zur Unterscheidung objektiver / subjektiver Wahrnehmung: Man nimmt einen Eimer und füllt ihn an zwei Wasserhähnen mit Wasser. Danach versucht man herauszufinden, welches Wasser aus welchem Hahn stammt. Wir haben EINE Wahrnehmung."
## Themen-Tags
#wahrnehmung #subjekt #solipsismus #methapher #erkenntnistheorie
## Auffälligkeiten / Lücken / Spannungen
- Tippfehler "Methapher" — Notiz war bewusst roh.
- Kein expliziter ABH-Bezug, aber andockbar an Satzreihen 5.6** (Subjekt, Grenze, Solipsismus).
- Die Metapher ist polemisch gegen jede klare Subjekt/Objekt-Trennung in der Wahrnehmung gerichtet — relevant für den Solipsismus-Teil.
## Verbindungen
- **Solipsismus-Kapitel** (geplant, aus xmind-Buchaufbau erkennbar): zentrale Anschlussstelle.
- **Exkurs - Bildtheorie & Solipsismus** (Archiv): vermutlich das nächstgelegene ausgeführte Material zu diesem Thema.
- Bisher in keinem der gesehenen Buchkapitel direkt aufgegriffen — wartet auf Einbau.
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# Kap. 1 (2026er Fassung) — Vom Bild zum Solipsismus
**Quelle:** `Was ist Wahrheit 01 - Vom Bild zum Solipsismus - 2026.odt` (Vault-Root)
**Charakter:** Aktuelle 2026er Fassung. Programmatischer Buch-Einstieg. Bricht in der Sektion "Das Bild" ab (Z. 150) — nur die Einleitung + Formales + Skizze "Das Bild" als Outline.
**Umfang:** ~11K Zeichen, 150 Zeilen, ~1500 Wörter
## Hauptthesen
- **ABH ist das Buch mit der größten Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit** in der Philosophiegeschichte. Wittgenstein verspricht "definitive und unantastbare" Lösung der philosophischen Probleme auf 84 Seiten — die Rezeption liefert "bunten Teppich" mit "skurrilen Blüten" (Schöpfungstage, Opernlibretti).
- **Wittgenstein wusste um die Hürde**: an Ficker 1919 — "Sie werden es nicht verstehen". Auch sein Wunschpublikum (Russell, Ramsey) hat Mühe.
- **Ramseys Form-Kritik greift zu kurz**: Satznummern gewichten nicht nur den Einzelsatz, sie bilden ein Netz, das die Stellung jedes Satzes zu jedem anderen Satz ausdrückt.
- **Strikter "Kein-Meta-Text"-Befund**: Methodische Hinweise = weitere Sätze; kein Satz kann den Inhalt eines anderen Satzes bestimmen. ABH zeigt ihren Sinn, sie kann ihn nicht sagen — Form und Gehalt fallen zusammen.
- **Aber: die Form scheitert lesepraktisch**. Die Nummernsystematik garantiert Geschlossenheit, erzeugt aber nicht die Transparenz, die der immense Anspruch bräuchte. Das ist **Strukturproblem der ABH**, nicht Leserversagen.
- **Schwerpunkt der eigenen Arbeit**: textkonsistente Abgrenzung Gegenstand / Sachverhalt / Sachlage / Tatsache + neue Einordnung des Solipsismus.
## Zentrale Begriffe
- **Anspruch vs. Wirklichkeit** — das Spannungsfeld, das die Arbeit motiviert.
- **Form-Gehalt-Einklang** — Wittgensteins Programm; im Buch durch die Nummernsystematik realisiert.
- **Nummernsystematik / Netz** — bildet Stellung jedes Satzes zu jedem anderen ab; "Beiordnung" vs. "Unterordnung".
- **Nullnummern** — Nummern wie 2.01, 2.013 (statt 2.1, 2.13) ohne 2.0 — über 50% des Texts. Vom Autor als "Vorbemerkungen mit geringerem logischem Gewicht" gedeutet, die in der Sortierreihenfolge *vor* die regulären Sätze gestellt sind.
- **Leserichtungen** — die ABH gibt zwei vor: voranschreiten (Beiordnung) und vertiefen (Unterordnung).
## Argumentationsstruktur
1. **Einleitung**: Anspruch-Wirklichkeit-Spannung. Ficker-Brief. Russell, Ramsey als Mit-Strugglers. Kritik an Ramseys ästhetischer Lesart der Form.
2. **Bemerkungen zur Form und zum Vorgehen** (fünf Punkte):
- (1) Leserichtung — Bei-/Unterordnung als Eigenheit, fehlende Überleitungen.
- (2) Nullnummern — Wittgensteins eigener Verstoß gegen seine erklärte Systematik, vom Autor positiv gedeutet als "Vorbemerkungen".
- (3) Systematik vor Entwicklung — W.s Darstellungsfehler: Satzreihe 2.0 ohne Bildtheorie unverständlich → Start mit 2.1.
- (4) Logische Mannigfaltigkeit nach vorne ziehen — analog: Vorgriff zur Verständnis-Sicherung.
- (5) **Sprache ohne Kommunikation** — Wittgenstein redet über Sprache, nie über Kommunikation. Shannon-Weaver-Sprechsituation fehlt. Früh- wie Spätwerk. **Relativistik bleibt**. Markiert: "WICHTIG!!!!" — Vorbereitung fürs Schlusskapitel über W.s Irrtümer.
3. **Das Bild** — Outline, nicht ausgeführt: Gliederpuppe → Vertretung/strukturelle Abbildung → Korrelation Bildinhalt/Aufbau → Logische Mannigfaltigkeit (=Strukturiertheit + gewählte Granularität) → Formel: FORM DER ABBILDUNG FORM DER DARSTELLUNG = LOGISCHE FORM.
4. **Der Satz** — nur Überschrift; Text endet hier.
## Schlüsselzitate
> "Es gibt in der Philosophiegeschichte kaum ein Buch, bei dem Anspruch und Wirklichkeit weiter auseinander fallen, als bei Wittgensteins Logisch-philosophischer Abhandlung." — Einleitung Z. 15
> "Wittgenstein war sich sehr wohl darüber im Klaren, dass sich die Abhandlung einfachem Leseverständnis entzieht. Sie richtet sich ausdrücklich an ein Publikum, das zumindest Ähnliches schon einmal gedacht hat." — Z. 21
> "'Von seiner Lektüre werden Sie … nicht allzuviel haben. Denn Sie werden es nicht verstehen …'" — Wittgenstein an Ficker, Brief Okt./Nov. 1919, Z. 23
> "Methodische Hinweise jede Art von Satz, der den Text transzendiert sind zunächst nichts anderes als weitere Sätze. Sie können den Text richtig oder falsch beschreiben. Es bleibt dann aber zweifelhaft, ob nun das eine oder das andere der Fall ist. Kein Satz kann den Inhalt eines anderen Satzes bestimmen." — Z. 40
> "Die Form allein müsste Wittgenstein davon aber nicht abhalten." — Z. 38 (über das Versäumnis methodischer Hinweise)
> "Die Satznummern insgesamt bilden vielmehr ein Netz, das die Stellung jedes einzelnen Satzes der Abhandlung zu jedem anderen Satz der Abhandlung klar ausdrückt." — Z. 54
> "Wittgensteins Projekt scheitert an der gewählten Form: Die Nummernsystematik garantiert Geschlossenheit, erzeugt aber nicht die Transparenz, die der Text bräuchte, um seinen immensen Anspruch einzulösen." — Z. 64
> "Der Schwerpunkt meiner Überlegungen liegt auf einer mit dem Text konsistenten Abgrenzung der Begriffe Gegenstand / Sachverhalt / Sachlage und Tatsache sowie einer neuen Einordnung von Wittgensteins Bemerkungen zum Solipsismus." — Z. 68
> "Wittgenstein erklärt sein Nummernsystem in Fußnote zu Satz 1. An die dort vorgegebene Systematik hält er sich genau ein mal: In Satzreihe 1." — Z. 88-90
> "Eigenart bei Wittgenstein (Früh- wie Spätwerk): Wittgenstein spricht über Sprache, aber NIE über Kommunikation. Er spricht von Verständigung, aber NIE von gemeinsamen Verständnis." — Z. 116
> "ABER ich werde dieses Tabu brechen, wenn angezeigt. (Auch wenn ich Wittgensteins Überzeugung nach dann Unsinn erzähle)" — Z. 122
## Themen-Tags
#methode #form #abh-systematik #notation #zeigen-sagen #sprache #kommunikation #relativismus #solipsismus #russell #ramsey #ficker #leserichtung #nullnummern #bildtheorie #logische-form #logische-mannigfaltigkeit
## Auffälligkeiten / Lücken / Spannungen
- **Text bricht ab** mit "Der Satz" als bloßer Überschrift (Z. 150).
- **Die Sektion "Das Bild" ist nur eine Outline**, nicht ausformulierter Text — Skelett mit Stichworten.
- **Versprochenes Schlusskapitel** zu Wittgensteins Irrtümern: Punkt (5) "Sprache ohne Kommunikation" wird ausdrücklich als Vorbereitung dafür markiert.
- **Nullnummern-Deutung** ist eine eigenständige These des Autors, mit konkretem Textbefund: über 50% des Textes mit Nullnummern. Nicht trivial — verdient eigene Behandlung.
- **Formelwerk**: "FORM DER ABBILDUNG FORM DER DARSTELLUNG = LOGISCHE FORM" (Z. 144) ist eine eigenwillige Formulierung, die in anderen Texten so nicht auftaucht.
- **"Neinologie"** wird hier nicht erwähnt, taucht aber in `buffer.md` auf — ist also ein Begriff aus paralleler Entwicklung.
## Verbindungen
- **kap01-original**: ältere, vollständigere Fassung — Vergleich klärt, was 2026 weggekürzt/programmatisiert wurde.
- **kap02-satz**: ausgearbeitete Bildtheorie + Logischer Raum + Gegenstand — setzt die hier nur skizzierten Punkte um.
- **xmind-mindmap**: deckt sich strukturell mit der Outline ("Wittgensteins Anspruch", "zentrale Idee: Das Bild").
- **Thesen-Abriss**: enthält die ABH-Zitatauswahl, die hier in Punkt 5 noch fehlt.
- **buffer.md**: behandelt die "wahr/falsch via Form & logischer Raum"-Etappe, die hier in "Das Bild" als zukünftiger Punkt 4 vorgesehen ist.
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# Kap. 1 (Originalfassung) — Vom Bild zum Solipsismus
**Quelle:** `Was ist Wahrheit 01 - Vom Bild zum Solipsismus.odt` (Vault-Root)
**Charakter:** Ältere, sehr viel ausführlichere Fassung von Kap. 1. Enthält Material, das in `kap02-satz` aufgegriffen und in `kap01-2026` programmatisch gekürzt wird. **Reicht inhaltlich weiter** als beide nachfolgenden Fassungen — bis Solipsismus und "Die Frage".
**Umfang:** ~81K Zeichen, 1358 Zeilen, ~12K Wörter
**Stand:** Unvollendet — bricht im Solipsismus-Kapitel ab; "Die Frage" ist nur angefangen, mit Marker `FIXME --- Empirische Tautologie ---`.
## Hauptthesen
- **ABH-Anspruchsspannung als Buchmotiv**: Wittgenstein verspricht endgültige Lösung der philosophischen Probleme; Rezeption bleibt unverständlich. Russell weicht aus, "kontextualisiert" statt zu erläutern. Lücke füllen.
- **Form-Gehalt-Programm** scheitert lesepraktisch — Nummernsystematik gibt Geschlossenheit, nicht Transparenz. **Die Beule der Nullnummern** (50% des Texts) ist bewusst gesetzt, nicht Versehen — die Sätze werden in der Sortierreihenfolge vor regulär nummerierte gestellt, um als Vorbemerkungen platziert zu werden.
- **Drei Argumente Wittgensteins für die Notwendigkeit einfacher Gegenstände** (rekonstruiert):
1. **Bezugsweise im und außerhalb des Satzes** (2.0122) — Identität des Gegenstands über Sätze hinweg.
2. **Substanzargument** (2.0201 / 2.021 / 2.0211 / 2.0212) — ohne Substanz hinge Satzsinn von Wahrheit eines anderen Satzes ab.
3. **Vorrang der Semantik / Logischer Raum** (2.0231) — Substanz bestimmt nur Form, keine materiellen Eigenschaften.
- **Substanz ist nicht stofflich**: Gegenstände sind die einfachen Bestandteile des Gedankens, die stabile Bezugsweise sichern. Der Gegenstand wird durch die Möglichkeit seines Vorkommens in Sachverhalten konstituiert (= seine Form).
- **Kenny-Kritik**: Kenny missdeutet Wittgensteins "Komplex" als materielle Zusammensetzung (Messer = Klinge+Griff). Argumentation am Papageno-Beispiel zeigt: Zerlegung führt zu Zirkel oder Regress. Kenny "wertet das als strukturelle Schwäche im Modell, der Wittgenstein ausweicht" — falsch, W. stellt nur klar, dass ihn die Beziehung Sprache→Gedanke interessiert, nicht Gedanke→Welt.
- **Gegenstand im logischen Raum vs. Gegenstand in der Welt** sind **windschief**. Im log. Raum: konstitutiv-strukturierende Funktion. In der Welt: bloße Identifizierbarkeit durch externe Eigenschaften (2.02331). Die Welt-Verankerung "rechtfertigt nicht die prägende, strukturierende Kraft" — semantische Überladung.
- **Wittgensteins Formel** für die drei Formen: **Form der Abbildung Form der Darstellung = Logische Form**. Form der Darstellung ≈ Notation eines Bildes, willkürlich/austauschbar.
- **Satz = logisches Bild**: Sprache verkleidet den Gedanken; der Satz teilt nur die logische Form mit dem Abgebildeten. Strukturelle Identität wird durch Forderung des "gegebenen Satzsinns" substituiert (3.13) — was Wittgensteins Argument schwächt.
- **Einfache Zeichen / Namen / Urzeichen** sind nicht systematisch ausgezeichnet (keine Grundbegriffe der Ontologie), sondern durch ihre Bezugsweise: ihre Bedeutung wird erläutert, nicht definiert (3.263 Zirkel). **Spracherwerb-Beispiel "Hase"**: Bedeutung wird umschrieben, nicht benannt; Lernen erfolgt durch Annäherung, nie unfallfrei.
- **Granit-Beispiel** zeigt Symbol/Ausdruck-Theorie: Zwei Sprecher können denselben Satz für wahr halten, ohne dieselbe Bedeutung von "Granit" zu teilen — der Sinn des Satzes erfasst nur einen Aspekt der Bedeutung, das ist der **Ausdruck (Symbol)**.
- **Solipsismus-Programm**: Belanglose Geschichten (Putnam: Hirn im Fass) lenken ab — der eigentliche Solipsismus ist **empirische Tautologie**: das Szenario stellt nur die Gegenstände in Frage, nicht ihre Beziehungen untereinander. (Hier bricht der Text ab.)
## Zentrale Begriffe
- **Tatsache** — Stück Welt, über das unabhängig von anderen Aussagen möglich sind; Projektion eines Aspekts.
- **Sachverhalt** — Aspekt einer Tatsache; Verbindung von Gegenständen.
- **Sachlage** — denkbarer Sachverhalt (Kombinationsmöglichkeiten der Gegenstände); unabhängig davon, ob realisiert oder nicht.
- **Gegenstand** — Konstante der Bezugsweise. **In der Welt**: identifizierbar durch externe Eigenschaften (Minimalforderung). **Im log. Raum**: konstitutiv für Form & Möglichkeit der Sachverhalte. Diese beiden sind windschief.
- **Wirklichkeit** — Summe aller denkbaren Sachverhalte; Möglichkeitsraum.
- **Welt** — alles, was der Fall ist; Tatsachen, nicht Dinge.
- **Logischer Raum** — Heimat der Bildinhalte; vollständig aufgespannt durch die Form der Gegenstände (2.013); umfasst alles Denkbare (2.063).
- **Form der Abbildung** — die Möglichkeit, dass sich Dinge so verhalten wie die Bildelemente (2.151).
- **Form der Darstellung** — Notation; willkürliches Wie der Vertretung.
- **Logische Form** — Form der Abbildung minus Form der Darstellung; das, was Bild und Wirklichkeit gemein haben müssen.
- **Substanz** — die Gegenstände, als einfache Bestandteile des Gedankens (nicht stofflich!).
- **Form des Gegenstands** — die Möglichkeit seines Vorkommens in Sachverhalten (2.0141).
- **Satzzeichen** — physikalische Instanz; Tatsache.
- **Satz** — Zwischenglied zwischen Satzzeichen und Welt; Projektionsweise.
- **Gedanke** — logisches Bild der Tatsachen (3); im Satz sinnlich wahrnehmbar ausgedrückt.
- **Name / Urzeichen** — einfaches Zeichen, dessen Bedeutung nicht sprachlich ausdrückbar ist; durch Erläuterung illustrierbar.
- **Ausdruck / Symbol** — Aspekt der Bedeutung, der den Sinn des Satzes ausmacht (3.31).
- **Empirische Tautologie** — Wittgensteins Eigenbeitrag zum Solipsismus-Problem.
## Argumentationsstruktur
1. **Einleitung**: Anspruch, Rezeption (Moore, Russell, Ramsey), Form-Konzept, Nullnummern-Diagnose, Sprache-ohne-Kommunikation-Befund, Programmatik.
2. **Das Bild** (Satzreihe 2.1*): Gliederpuppe, Vertretung, Bild als Tatsache, Nachahmung.
3. **Form der Abbildung**: Abgrenzung Definition, Beispiele (Stadtplan, Kuchengraphik, Weg-Zeit-Diagramm), drei Kernprinzipien.
4. **Satzreihe 2.0: Bedingungen des Sinns**: Kenny-Zitat zur Obskurität, dann Brendel/Papageno-Beispiel.
5. **Drei Argumente** für Substanz: Bezugsweise, Substanzargument, Vorrang der Semantik.
6. **Die Ontologie der ABH** (Matrix): Welt → Wirklichkeit → Logischer Raum → Tatsache → Sachverhalte → Gegenstände → Sachlagen.
7. **Gegenstand in der Welt**: Minimalforderung (Beschreibbarkeit), Windschiefe zur Konstrukt-Funktion, semantische Überladung. Rubin-Stein-Beispiel.
8. **Sätze 2.173/2.174**: Wahre/falsche Bilder von außerhalb; Form der Darstellung als Notation.
9. **Die logische Form** (2.18-2.19): Bündelt Bildtheorie und Substanzbegriff. Formel.
10. **Wittgensteins Programm — Die Formen**: drei Formen rekapituliert.
11. **Der Satz**: Bildtheorie auf den Satz übertragen. Satzzeichen als Tatsache. Einfache Zeichen, Namen/Urzeichen, Spracherwerb (Hase), Granit-Symbol-Beispiel.
12. **Der Ausdruck (Symbol)**: Aspekt-Theorie der Bedeutung.
13. **Satzvariable & Urbild** (Stub).
14. **Der Satz als Bild** (Stub).
15. **Solipsismus**: Putnam Hirn-im-Fass; Polemik gegen "böse Wissenschaftler"-Framing; eigene Vorschläge (Superman, Musikinstrument). Eigentliches Thema: das, was solche Geschichten ermöglicht.
16. **Die Frage** (Stub mit FIXME): Empirische Tautologie als Solipsismus-Auflösung. Nur Gegenstände in Frage, Beziehungen stabil.
## Schlüsselzitate
> "In der Rezeption entstand so eine Lücke, die ich füllen möchte. Ich möchte herausfinden, wie Wittgenstein überhaupt dazu kommt, diesen Anspruch zu erheben und natürlich, ob er ihm im Ende genügt." — Z. 75-77
> "Was auf dem Reißbrett durchdacht und konsequent wirkt, scheitert in der Lesepraxis krachend." — Z. 91
> "Klar ist, dass Wittgenstein die eigene Systematik bewusst bricht, der Abhandlung schon in der Anlage eine Beule verpasst. Klar ist auch, dass die Beule nicht klein ist: über 50% des Textes stecken in Sätzen, deren Satznummer eine Null enthält." — Z. 133-135
> "Es handelt sich um Vorbemerkungen, in denen Wittgenstein die eigentlichen Themen der Abhandlung vorbereitet; am ehesten Exkurse, die dem eigentlichen Thema vorangestellt werden." — Z. 141
> "Hier scheitert die Form ein zweites Mal." — Z. 145 (zur Sachverhalts-Verwendung in 2.0)
> "Wittgenstein versucht so seine Überlegungen vor einer Trivialisierung durch intersubjektive Erklärungsmuster zu schützen. Wieder soll an die Stelle des Gesagten etwas, das sich zeigt treten. Doch wieder trägt die Form nicht. … Ich werde deshalb Wittgensteins Tabu wo nötig brechen, und Perspektivität zulassen." — Z. 159-163
> "Wittgenstein selbst scheitert daran, seine Ambition des Zusammenfalls von Form und Gehalt in etwas Lesbares zu gießen die Rezeption daran, aus dieser Ruine Wittgensteins Ideen herzuleiten. Ich möchte zeigen, dass hinter der Abhandlung eine klar formulierbares Konzept steht, das durch die verunglückte Anlage nur verdeckt wird." — Z. 167-169
> "Egal worüber man nachdenkt im Ende fasst man die Gedanken in ein Bild." — Z. 173
> "Wittgenstein versucht Inhalte an Stellen zu platzieren, die seine Systematik eigentlich nicht zulässt." — Z. 143
> "Trotzdem muss Wittgenstein eine atomare Substanz der Welt annehmen." — Z. 566
> "Kenny setzt hier eine Beziehung zwischen den einfachen Elementen des Denkens und denen der Welt voraus … Er wertet das als strukturelle Schwäche im Modell, der Wittgenstein ausweicht, indem er das Thema auf die Psychologie abwälzt. … Kennys Annahme, Wittgenstein meine mit Gegenständen reale Gegenstände der Welt ist zumindest an dieser Stelle schlicht falsch." — Z. 598-610
> "Gegenstände der Welt spielen in der Bildtheorie zunächst keine Rolle, sind vielmehr logische Voraussetzung, sollen Bilder der Welt überhaupt möglich sein. Komplexität und Einfachheit sind nicht etwas, das man in der Welt vorfindet, sondern verschiedene Bezugsweisen auf die Welt." — Z. 612-614
> "Wie gesehen, meint Wittgenstein nichts Stoffliches, wenn er von der Substanz der Welt spricht. Substanz die Gegenstände sind die einfachen Bestandteile des Gedankens, die eine stabile Bezugsweise garantieren und ermöglichen, dass verschiedene Gedanken vom Selben handeln." — Z. 652
> "Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt." — Z. 676
> "Das Konzept des Gegenstands als Konstituente des logischen Raums einerseits, und als identifizierbarer Teil der Welt andererseits sind windschief zueinander." — Z. 744
> "Nichts an dieser Forderung rechtfertigt die prägende, strukturierende Kraft, die Gegenstände im logischen Raum entfalten die Einordnung des Gegenstands im logischen Raum überlädt ihn semantisch ohne dass es dafür eine Rechtfertigung in der Welt gäbe." — Z. 756-758
> "Form der Abbildung Form der Darstellung = Logische Form." — Z. 834
> "Der Hauptgedanke der Abhandlung — Wittgensteins zentrale Entdeckung — ist, dass dieser Anschein trügt: Auch Sätze — und damit unsere Gedanken — sind nur gewöhnliche Bilder." — Z. 962
> "Die Bedeutung der Namen der Urzeichen ist demnach der Teil des Satzes, der weder im Satzzeichen noch im Satz transportiert wird. Statt dessen bleibt die Bedeutung bei der Einzelperson, und macht die Sprache so zu der Sprache, die ganz allein ich verstehe." — Z. 1200
> "Eine systematisch korrekte Analyse des Solipsismus beschäftigt sich nicht mit belanglosen Geschichten, die um den Solipsismus gesponnen werden, vielmehr mit dem, was es ermöglicht, solche Geschichten zu erfinden." — Z. 1326
> "Das solipsistische Szenario stellt nur die Gegenstände, nicht ihre Beziehungen untereinander, in Frage sonst der Solipsismus ist keine eine empirische Tautologie." — Z. 1349
## Themen-Tags
#bildtheorie #form #logische-form #form-der-abbildung #form-der-darstellung #logischer-raum #tatsache #sachverhalt #sachlage #gegenstand #welt #wirklichkeit #substanz #satz #satzzeichen #gedanke #elementarsatz #einfache-zeichen #name #urzeichen #ausdruck #symbol #spracherwerb #solipsismus #empirische-tautologie #wittgenstein-vs-russell #wittgenstein-vs-frege #kenny-kritik #nullnummern #methode #zeigen-sagen #sprache #kommunikation #relativismus #moore-tlp-naming #ramsey
## Auffälligkeiten / Lücken / Spannungen
- **Text bricht im Solipsismus-Kapitel ab**, "Die Frage" enthält nur FIXME-Marker. Die "empirische Tautologie" als Eigenbeitrag wird angekündigt, aber nicht ausgeführt.
- **Spannung Substanz vs. nicht-ontologisch**: Der Text muss eingestehen "Trotzdem muss Wittgenstein eine atomare Substanz der Welt annehmen" (Z. 566). Wird gelöst durch die Lesart "Substanz ist nicht stofflich, sondern logische Funktion". Das ist die formal/transzendentale Lesart in ihrer ausgearbeiteten Form — der nachfolgende `kap02-satz` setzt sie noch radikaler um ("Gegenstände sind nicht die ontologische Basis", explicit).
- **"Windschief" als Schlüsselwort**: das Verhältnis Gegenstand-im-Welt vs. Gegenstand-im-log-Raum wird so gekennzeichnet — sehr präzise Diagnose.
- **Russell-Russell-Konflikt** bleibt unscharf: Mehrfach kritisch erwähnt, aber nicht systematisch durchgearbeitet. In `kap02-satz` schärfer formuliert ("particulars", "natürliche Basis").
- **Längeres Kenny-Zitat** (Z. 480, Z. 596, Z. 782 ff) als Sparringspartner für die "obskure"-Diagnose — Kennys Position dient als Negativfolie. Dies bestätigt das Buchkonzept: Kenny/Anscombe gezielt befragen, nicht durcharbeiten.
- **Satzvariable & Urbild** bleibt Stub (Z. 1262-1265) — geplant, nicht ausgeführt.
- **"Der Satz als Bild"** als Schlussabschnitt von Kap. 1 — nur Zusammenfassung, keine eigenständige Ausführung.
- **Spracherwerb / "Sprache nur ich verstehe"** (Z. 1200) ist eine starke Behauptung mit Solipsismus-Anschluss — wird hier eingeführt aber nicht weiterverfolgt.
- **Granit-Beispiel** ist methodisch wertvoll und in dieser Klarheit nur in dieser Fassung — in `kap02-satz` nicht aufgegriffen.
## Verbindungen
- **kap01-2026**: programmatische Kürzung dieser Fassung. Behält Einleitung, kürzt restliches Material auf Outline.
- **kap02-satz**: setzt die Bildtheorie + Logischer Raum + Gegenstand-Anti-Ontologie aus diesem Text fortgeschrieben um, bricht ebenfalls ab.
- **buffer.md**: Material zu wahr/falsch + Definition aus diesem Text scheint dort isoliert.
- **2018 / 2019 / archive Was-ist-Wahrheit**: vermutlich Vorgängerfassungen dieses Textes.
- **Solipsismus-Material**: noch nicht in eigene Datei ausgegliedert — der "Exkurs - Bildtheorie & Solipsismus" könnte verwandtes Material enthalten.
- **Anscombe**: Kapitel "Mysticism and Solipsism" relevant.
- **Kenny**: explizit als Negativfolie für die ontologische Lesart genutzt — Kennys Position erscheint mehrfach zitiert. Wenn der Kenny-EPUB (jetzt unter `literatur/kenny-wittgenstein.md`) durchsuchbar ist, wird er hier zum Sparringspartner.
- **For-later-use** (Eimer-Methapher): andockbar an den Solipsismus-Anschluss.
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# Kap. 2 — Der Satz (aktueller Haupttext)
**Quelle:** `Was ist Wahrheit kap02 - Der Satz.odt` (Vault-Root)
**Charakter:** Aktueller Haupttext, Arbeitsfassung. Trotz Dateinamen "kap02" trägt der Innentitel "I — Vom Bild zum Solipsismus" — das Material ist also Kap. 1 in der jetzigen Struktur, oder der Autor versteht es als integralen Anfangsteil mit beiden Themen.
**Umfang:** ~35K Zeichen, 612 Zeilen, ~5K Wörter
**Status:** Unvollendet — Text bricht ab mit "Ein Vorschlag:" (Z. 612), unmittelbar vor der angekündigten Auflösung des Tatsache/Sachverhalt/Sachlage-Komplexes.
## Hauptthesen
- **Form-Gehalt-Identität in der ABH**: Wittgenstein bildet im Buch die Form des Logischen Raums nach — strikte Hierarchie der Sätze, Bedeutung der Termini aus dem Gebrauch im Buch.
- **Wittgensteins Darstellungsstrategie scheitert lesepraktisch**: Begriffe (Tatsache, Sachverhalt, Sachlage, Gegenstand) werden in Satzreihe 2.0 verwendet, bevor sie in den späteren Reihen eingeführt werden. "Ansatz scheitert krachend."
- **Gegenstrategie des Autors**: Problem und Ziel (Satzreihe 4.0) zuerst, dann Bild- und Satztheorie als Grundlage, dann Logischer Raum.
- **Bildtheorie hat drei Kernprinzipien**: (1) Entkopplung durch Vertretung, (2) strukturelle Identität (Nachahmung), (3) Beschränkung des möglichen Bildinhalts durch die Form.
- **Bilder sind rein deskriptiv**: "Es gibt keine zweite Instanz — etwa das Meinen — die den Bildinhalt bestimmen könnte." Sinn zeigt sich, wird nicht gegeben.
- **Logischer Raum wiederholt die Bildtheorie-Prinzipien**: Tatsache↔Sachverhalt↔Gegenstand parallel zu Bild↔Anordnung↔Vertretung.
- **Gegenstand NICHT ontologisch**: keine atomare Substanz, sondern logische Funktion — Konstante der Bezugsweise, Zentrum eines Sachverhalts-Clusters. Diese Lesart ist der Position des Autors zentral und mit Textbeleg (Widerspruch 1.1 vs. 2.01) gestützt.
- **Wittgensteins Konstante ist die Beschreibung** (2.0233 f) — explizite Abgrenzung gegen Russells *particulars* und Freges *Bedeutung*. Beide setzen vor-logische Einzeldinge; bei W. ist das Konstante das, was durch Beschreibung hervorgehoben werden kann.
- **Der Satz ist ein Bild**: Wortvertretung + Wortstellung als strukturelle Eigenschaft. Strukturelle Eigenschaften sind nicht setzbar — der Satzsinn zeigt sich.
## Zentrale Begriffe
- **Tatsache** — ein Stück Welt, über das sich unabhängig von anderen Tatsachen Bilder anfertigen lassen. Vielgestaltig; kein Bild bildet eine Tatsache vollständig ab.
- **Sachverhalt** — Aspekt einer Tatsache, "eine Verbindung von Gegenständen". Konstituiert die Tatsache.
- **Gegenstand** — Konstante der Bezugsweise; logische Funktion, kein ontologisches Atom. Zentrum eines Sachverhalts-Clusters.
- **Logischer Raum** — System der Sachverhalts-Cluster; bestimmt, was sinnvoll gesagt werden kann.
- **Form der Abbildung** — die formal-strukturelle Identität zwischen Bild und Abgebildetem; nicht abbildbar, "weist sich auf".
- **Vertretung** — freie Zuordnung Bildelement ↔ Gegenstand; entkoppelt Bild von Welt.
- **Strukturelle Eigenschaft** — die im Bild gegebenen Beziehungen, die nicht setzbar/änderbar sind.
- **Nachahmung** — strukturelle Identität von Bild und Welt.
- **Gedanke** — der gemeinsame Kern jeder sprachlichen Äußerung (Befehl, Frage, Gruß teilen ihn).
- **Externe Eigenschaft** — Eigenschaften eines Gegenstands jenseits seiner logischen Form (Satz 4.023; in 2.0233 implizit).
## Argumentationsstruktur
1. **Einleitung** programmatisch: ABH formal-systematische Konstruktion. Wittgensteins Darstellungs­strategie kollidiert mit Lesbarkeit. Eigene Re-Ordnung wird angekündigt.
2. **Wittgensteins Idee** (4.002 ff): Umgangssprache ist logisch vollkommen geordnet, aber die Sprachlogik ist ihr nicht direkt entnehmbar. Sprache als biologisches Faktum, keine Metaphysik. Philosophie befasst sich mit Klärung von Sätzen (4.112).
3. **Das Bild** (2.1*): Vorstellung anhand der Gliederpuppe. Drei Bewegungen:
- Vertretung (Gegenstände ↔ Elemente) als freie Zuordnung
- Nachahmung (Strukturelle Eigenschaften) als notwendig gegeben
- Form der Abbildung als Grenze der Abbildbarkeit
4. **An Beispielen**: Stadtplan Worms, Kuchengraphik, Weg-Zeit-Diagramm. Drei Kernprinzipien herausdestilliert.
5. **Logischer Raum** (Beispiel Brendel/Papageno): Sachverhalts-Cluster um Gegenstände, Sinn/Unsinn-Grenze durch Cluster-Mitgliedschaft.
6. **Der Gegenstand**: Anti-ontologische Lesart. Widerspruchsargument (1.1 ↔ 2.01). Selbständigkeit als "Form der Unselbständigkeit" (2.0122). Beschreibung als Konstante (2.0233 f) — Abgrenzung Russell/Frege.
7. **Der Satz** (Grün/grün-Beispiel): Wort als Bildelement, Stellung als strukturelle Eigenschaft. "Das ist Wittgensteins zentrales Argument in der Abhandlung. Mehr hat er nicht anzubieten."
8. **Der Logische Raum** (zweiter Anlauf): Cleopatra-Einwand zeigt, dass formale/grammatische Erklärung allein nicht reicht. Hier bricht der Text ab.
## Schlüsselzitate
> "Wittgenstein will das perfekte Buch schreiben, bei dem Form und Gehalte zusammenfallen" — Einleitung Z. 16
> "Konkret bildet er im Buch die Form des Logischen Raums nach: Die Sätze werden in eine streng gesetzte Hierarchie gebracht, die die Stellung jeden Satzes im Buch zu jedem anderen Satz des Buchs klar macht. Bedeutung der Zeichen (Termini Technici) ergibt sich aus ihrem Gebrauch im Buch" — Einleitung Z. 19-21
> "Ansatz scheitert krachend." — Einleitung Z. 37 (über W.s Darstellungsstrategie)
> "Wittgenstein betrachtet Sprache als eine biologische Gegebenheit, als etwas, das der Mensch besitzt, ähnlich, wie er Organe besitzt. Und genau wie wir nicht wissen, wie das Herz funktioniert und doch damit leben, wissen wir nicht, wie die von uns genutzten Sprachen funktionieren und trotzdem können wir sie nutzen." — Abschnitt Wittgensteins Idee, Z. 85-87
> "Diese Zwecke überlagern einen gemeinsamen Kern, der jeder sprachlichen Äußerung eigen ist. Diesen Kern nennt Wittgenstein Gedanke. Egal ob ich befehle, grüße oder frage, jede Äußerung muss alle Informationen enthalten, die benötigt werden, um sie zu verstehen" — Wittgensteins Idee, Z. 103
> "Strukturelle Eigenschaften können dem Bild weder zugeschrieben noch genommen werden. Sie sind gegeben, oder eben nicht." — Abschnitt Bild als Tatsache, Z. 251
> "Nicht: 'Ich drücke etwas im Bild aus.', sondern: 'Im Bild drückt sich sein Inhalt aus'." — Z. 253
> "Es gibt keine zweite Instanz — etwa das Meinen — die den Bildinhalt bestimmen könnte." — Z. 256
> "Bilder sind rein deskriptiv: Sie können nur darstellen, was sich durch ihre Struktur nachahmen lässt was in ihrer Form liegt." — Drei Kernprinzipien, Z. 366
> "Gegenstände sind in diesem System nicht die ontologische Basis, aus der sich die Welt aufbaut, erfüllen vielmehr eine logische Funktion; sie kennzeichnen die Bezugsweise auf die Welt, sind Konstanten, die über verschiedene Sachverhalte hinweg eine durchgängige Bezugsweise sicher stellen" — Der Logische Raum, Z. 431
> "Der Gegenstand bildet das Zentrum eines Clusters von Sachverhalten, in denen er überhaupt vorkommen kann. Alles außerhalb des Clusters ist wie oben gezeigt Unsinn." — Z. 437
> "Diesem Widerspruch kann man nur vermeiden, wenn man Gegenstände in der Abhandlung nicht in einen ontologischen Kontext stellt." — Der Gegenstand, Z. 474
> "An diesem Widerspruch sind meine ersten beiden Leseversuche der Abhandlung tatsächlich gescheitert. Ich wollte mich nicht so früh im Text auf's Eis führen lassen." — Fußnote Z. 471 (autobiografische Notiz)
> "Konstant ist die Beschreibung. Weitere Anforderungen formuliert Wittgenstein nicht." — Selbständigkeit der Gegenstände, Z. 538
> "Russell spricht von particulars, als Gegenstände unmittelbarer Wahrnehmung. Bei Frege tritt an diese Stelle die Bedeutung, die vor jedem wie, das was bestimmt. Beide postulieren eine von der Logik unabhängige, 'natürliche' Basis von Einzeldingen, auf der die Logik überhaupt erst aufsetzen kann." — Z. 542
> "Das ist Wittgensteins zentrales Argument in der Abhandlung. Mehr hat er nicht anzubieten." — Der Satz, Z. 600
## Themen-Tags
#bildtheorie #logischer-raum #gegenstand #tatsache #sachverhalt #satz #abbildung #vertretung #nachahmung #form #struktur #zeigen-sagen #sprache #unsinn #wittgenstein-vs-russell #wittgenstein-vs-frege #methode #abh-systematik #cluster
## Auffälligkeiten / Lücken / Spannungen
- **Text bricht ab** mit "Ein Vorschlag:" (Z. 612) — der angekündigte Vorschlag zur Klärung von Tatsache/Sachverhalt/Sachlage steht noch aus.
- **Dateiname vs. Innentitel**: Datei heißt "kap02", trägt aber Innentitel "I — Vom Bild zum Solipsismus". Vermutlich ältere Bezeichnung, die nicht mehr passt; oder kap02 enthält die zusammengeführte Behandlung von Kap. 1+2.
- **Wiederholung "Der Logische Raum"** als Überschrift (Z. 388 und Z. 602) — zweimaliger Anlauf; der erste mit Brendel-Beispiel positiv, der zweite mit Cleopatra-Einwand kritisch. Das Wiederholungsschema deutet auf einen geplanten dialektischen Aufbau hin.
- **Cleopatra-Einwand bleibt offen**: Die These struktureller vs. inhaltlicher Eigenschaften "wäre damit hinfällig" — die Auflösung steht noch aus.
- **Platzhalter im Text**: `<LISTE>`, `<LISTE>#` markieren Stellen, an denen Inhalt nachzutragen ist (Z. 544, 552).
- **Bild-Platzhalter**: Zahlreiche Stellen mit eingebetteten Bildern (Gliederpuppe, Stadtplan, Kuchengraphik, Photographie Brendel als Papageno) — im Text erkennbar an den Lücken, wo Bild stand.
## Verbindungen
- **kap01-original** und **kap01-2026**: vermutlich frühere Fassungen desselben Stoffs; Vergleich klärt, was übernommen/verworfen wurde.
- **xmind-mindmap**: enthält Gliederungs-Skelett für "Gedanke und Satz (Satzreihe 3)" — passt zu späterem Aufbau nach diesem Text.
- **Exkurs - Bildtheorie & Solipsismus**: ergänzendes Material zur Bildtheorie, vermutlich Vertiefung einzelner Punkte.
- **Thesen-Abriss**: Listet die ABH-Stellen, die hier abgehandelt werden (2.0122, 2.0123, 2.0141 etc.) als zu erläuternde Thesen.
- **Anscombe** (`literatur/anscombe-introduction.md`): Anscombes Lesart von Sachverhalt deckt sich teilweise (Verkettung von Gegenständen, 2.03), unterscheidet sich aber durch ihre Russell-affinere Diskussion. Die hier vertretene anti-ontologische Lesart aligniert eher mit McGinn.
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# Notizen — Wittgenstein & Quantenphysik (Historischer Abriss)
**Quelle:** `sources/Wittgenstein_Quantenphysik_Notizen.md`
**Charakter:** **Arbeitsnotiz, historisches Gesamtbild.** Nicht Chat-Rekonstruktion, sondern eigenständig redigierter Abriss mit Meta-Kommentaren pro Station. Komplement zu [[chat-claude-02-quantenphysik]]: dort die These, hier der historische Boden.
**Umfang:** 259 Zeilen. Stand laut Datei-Fuß: 2026-02-07.
## Aufbau
Chronologisch von 1900 bis 1935, je Station: Sachstand + Meta-Kommentar (Lesart, oft mit Wittgenstein-Bezug). Am Ende **Merkzettel** mit losen Fäden für später.
## Historische Stationen (Inhalt der Abschnitte, nicht eigene Synthese)
### 1900 — Planck: Schwarzkörper, Wirkungsquantum h
- Ultraviolettkatastrophe; Boltzmann-Faktor unterdrückt hohe Frequenzen.
- **Meta:** Planck selbst sah Quantisierung als „formalen Kunstgriff" — keine Ontologie.
### 1905 — Einstein: Photoeffekt
- Klassische Erwartung (Verzögerung, Intensität → Geschwindigkeit) vs. Beobachtung (Schwelle, Sofortigkeit).
- E = hν, Austrittsarbeit, „Energiequanten" (nicht „Photon" — Lewis 1926).
- **Meta:** Einstein hält Quanten für real; gibt aber Welle nicht auf — Widerspruch im Wellenpaket bleibt offen.
### 1913 — Bohr: Atommodell
- Diskrete Bahnen, Quantensprung, E=hν beim Übergang. Wasserstoff exakt, ab Helium ungenau.
- **Meta:** Provisorium. Diskrete Bahnen als unbegründetes Postulat.
### 1923 — Compton: Röntgenstreuung
- Wellenlängenverschiebung mit Streuwinkel; Quant mit Impuls p = hν/c.
- **Meta:** Welle-Teilchen-Dualismus als empirisches Faktum. **Einstein 1924**: zwei unverbundene Theorien des Lichts trotz 20 Jahren Arbeit.
### 1924 — de Broglie: Materiewellen
- λ = h/mv. Davisson/Germer 1927 bestätigt für Elektronen.
- **Meta:** Bei großen Molekülen Talbot-Lau-Interferometer; Frage Teilchen-Interferenz vs. Gitter-Artefakt nicht abwegig.
### 1925 — Heisenberg: Matrizenmechanik
- Nur Beobachtbares; Matrizen statt Größen; Nicht-Vertauschbarkeit fällt an, Bedeutung unklar.
- **Meta:** **Anti-metaphysisch.** Nicht-Vertauschbarkeit ist Eigenschaft der Rechnung, nicht zwingend der Realität.
### 1926 — Schrödinger: Wellenmechanik
- Ψ als Zustand; Bohrs Postulate fallen aus Randbedingungen. **Nur für 1 Elektron exakt lösbar.** Ψ über Ortskombinationen — keine Welle im Raum mehr.
- Mathematische Äquivalenz zu Heisenberg.
- **Meta:** Schrödingers Anschaulichkeitsanspruch scheitert ab dem zweiten Elektron am eigenen Formalismus.
### 1926 — Born: Wahrscheinlichkeitsinterpretation
- Ψ als Werkzeug; |Ψ|² Aufenthaltswahrscheinlichkeit. Stöße zweiter Art → Teilchen-Argument.
- **Meta:** Sprunghaftigkeit unklar (diskontinuierlich oder nur unbeobachtet schnell?).
### 1927 — Heisenberg: Unschärferelation
- ΔxΔp ≥ ħ/2; Gammamikroskop.
- **Semantische Aufladung**: Aus formaler Nicht-Vertauschbarkeit (1925) wird physikalische Aussage (1927). Anti-Metaphysik aufgegeben.
- **Meta:** Sagt **nichts Neues gegenüber Planck 1900**. Grenze ist h. Der Zusatz „prinzipiell" ist weder vom Gedankenexperiment noch vom Formalismus gedeckt.
### 1927 — Bohr: Komplementarität
- Welle/Teilchen je nach Anordnung; Frage „was es wirklich ist" sinnlos. Messapparat nicht trennbar.
- Kein Formalismus, philosophische Haltung. Anspruch: endgültig.
- **Meta:** Lesbar als Aussage über **Bezugsweisen** — dann trivial. **Bohrs Fehler:** Eigenschaft des Bildes als Eigenschaft des Abgebildeten gelesen. Dasselbe Muster wie Heisenberg-Schnitt und Unschärfe.
### 1927/1930 — Solvay: Bohr ↔ Einstein
- Einstein 1927: **Unvollständigkeit** (Non Sequitur — logisch unangreifbar). Statt dabei zu bleiben, baut er Gedankenexperimente und wird angreifbar.
- Beweglicher Spalt (1927) und Photonenbox (1930), Bohrs Antworten (Position-Unschärfe; ART/Rotverschiebung).
- **Das Missverständnis:** Bohr verstand Einstein als Angriff auf die Unschärfe. Ehrenfest: Einsteins Punkt war Lokalität/Unvollständigkeit.
- **Überlieferung** maßgeblich von Bohr selbst, Jahrzehnte später. Ehrenfest-Zitat zur Szene.
### 1932 — Von Neumann: Formalisierung, die Kette
- Heisenberg-Schnitt; Kette schiebt Grenze nach außen; Formalismus erzwingt nirgends Kollaps.
- **Kritisch:** Schon klassisch verschiebt sich die Grenze; quantenspezifischer Unterschied ist Überlagerung, aber Detektor (10²³ Teilchen) ist nicht durchrechenbar (Schrödinger schon ab 3 Elektronen nicht exakt). Korrespondenz legt nahe: Überlagerung physikalisch bedeutungslos.
- **Mach als Vorläufer**: Blindenstock — Grenze Instrument/Welt in der Empfindung nicht auffindbar. Von Neumann zeigt formal dasselbe.
- **Meta:** Schnitt/Kette betrifft das **Bild**, nicht das Abgebildete.
### 1935 — Schrödinger: Die Katze
- Reductio gegen Extrapolation der Kette auf Makro.
- **Rezeption:** in das Gegenteil umgedeutet — Überlagerung als real.
- **Kritisch:** Kette bricht schon am Detektor ab, nicht erst an der Katze.
### 1935 — EPR
- Lokalität + perfekte Korrelation ⇒ Teilchen 2 *hat* Ort und Impuls ⇒ QM unvollständig.
- Voraussetzungen (2 Teilchen, keine Umgebung, perfekte Korrelation, Lokalität) nicht überprüfbar ohne Experiment zu zerstören.
- Bohrs Antwort: wiederholt Komplementarität, geht an Lokalität/Separabilität vorbei.
- **„Spukhafte Fernwirkung"** als Einsteins Replik.
- **Kritisch:** EPR verschiebt das Problem (auch am Zwilling nicht beides gleichzeitig messbar). **Das eigentliche Problem ist das Non Sequitur**: aus Scheitern des Angriffs folgt nicht Vollständigkeit; aus Funktionieren folgt nicht Vollständigkeit. Keiner sagt das. Bohr nutzt Abwehr taktisch als Bestätigung.
- **Meta:** Eine Analyse 2023 bestätigt Einsteins Dilemma: QM entweder unvollständig oder nichtlokal.
## Merkzettel (am Ende der Datei — lose Fäden)
- **Bohr: sinnlos vs. falsch** — Parallele zu Wittgenstein: außerhalb der Form = unsinnig, nicht falsch.
- **Einstein/Schrödinger vs. Bohr — der eigentliche Streit**: Realität mit Störeffekten an der Messgrenze vs. „Messung erzeugt das Ergebnis". Kette stützt Bohr scheinbar, weil der Formalismus nirgends einen Kollaps erzwingt.
- **DAGEGEN — Wittgensteinsche Gegenposition (Eigenposition des Users):** Willkürlichkeit der Grenze ist eine Eigenschaft des **Bildes**, nicht des Abgebildeten. „Wir müssen eine Bezugsweise wählen — aber die Bezugsweise sagt NICHTS über das Abgebildete." Wäre es eine Eigenschaft des Abgebildeten, könnte man es im Bild nicht ausdrücken.
- **Endgültige Wahrheit / Solipsismus**: keine endgültige Wahrheit, weil Bilder Verkettungen von Gegenständen sind, die uns in der Welt nicht gegeben sind (Solipsismus).
- **Schrödinger-Gleichung: Randbedingungen als Bezugsweise** — von außen herangetragen, nicht aus der Gleichung. Stärkeres Modell müsste unphysikalische Lösungen aus sich selbst ausschließen.
- **Schrödinger-Gleichung: Asymmetrie** — Korrespondenzprinzip erklärt klassisches Verhalten bei großen Massen, aber nicht warum klassisches Verhalten bei kleinen Massen versagt. Setzt Quantenverhalten voraus. *(Markierung: „noch unklar, ob das ein tragfähiger Punkt wird".)*
- **Kathodenstrahl vs. Wellenbild** — Thomson 1897 (Rädchen) vs. zerfließendes Wellenpaket. **Recherche-Auftrag:** wie hat Schrödinger das eingeordnet? Keine Äußerung gefunden.
- **Bohr: Messinstrument als Teil des Experiments** — Schlüsselquelle: Bohr, „The Quantum Postulate and the Recent Development of Atomic Theory", Como 1928, *Nature* 121, S. 580590. EPR-Antwort 1949 als Weiterentwicklung.
## Verhältnis zu [[chat-claude-02-quantenphysik]]
- Beide Dateien decken überlappendes Material, aber **unterschiedlich geschnitten**:
- Chat-Datei: **These zuerst** („Beobachter ist die Grenze des Bildes"), Falsifizierbarkeit, Buch-Anwendung. QM stark verdichtet.
- Notizen-Abriss: **Stationen zuerst**, Sachstand + Meta pro Station. Argumentative Lesart eingestreut, nicht aufgesetzt.
- Die Notizen sind die **Belegbasis** für die Behauptungen der Chat-Datei. Insbesondere:
- Heisenberg-Semantik-Aufladung 1925 → 1927 ist hier sauber ausgeführt.
- Schnitt/Kette-Kritik („physikalisch nicht durchführbar") nur hier.
- Mach als Vorläufer (Blindenstock) nur hier.
- Bohr-Überlieferung als Bohr-Selbstdarstellung; Ehrenfest-Quelle nur hier.
- Schrödinger-Katze als Reductio + Umdeutung nur hier scharf.
- EPR: 2023-Analyse, Einsteins ursprünglicher Punkt nur hier.
## Themen-Tags
#quantenphysik #planck #einstein #bohr #heisenberg #schrödinger #born #de-broglie #compton #von-neumann #epr #komplementarität #unschärfe #verschränkung #solvay #ehrenfest #katze #non-sequitur #vollständigkeit #lokalität #welle-teilchen #messprozess #heisenberg-schnitt #ψ-randbedingungen #bezugsweise #form-vs-inhalt #bild-vs-abgebildetes #mach #blindenstock #beobachter-grenze
## Auffälligkeiten / Spannungen
- **Zwei Niveaus pro Station**: Sachstand neutral; Meta-Kommentar enthält die kritische Lesart. Das ist die Methode des Pools („Hypotheken markieren") angewandt aufs eigene Material.
- **Eigene Position deutlich** im Merkzettel: „DAGEGEN — Wittgensteinsche Gegenposition". Das ist die User-Lesart, nicht referierte Sekundärlit.
- **Heisenberg-Aufladung 1925→1927** ist als eigenständiger Befund herausgearbeitet — argumentativer Hebel.
- **Schnitt/Kette-Kritik** geht weiter als die übliche Kopenhagen-Kritik: Sie bestreitet die Durchführbarkeit, nicht nur die Interpretation.
- **Selbstmarkierungen**: „Noch unklar, ob das ein tragfähiger Punkt wird" (Asymmetrie). „Dediziert recherchieren" (Kathodenstrahl/Schrödinger). Methodisch sauber.
- **Datierungsdiskrepanz**: Datei-Fuß „07.02.2026", Datei-Modifikation 22.05.2026 — Arbeitsstand.
- **Verhältnis zu McGinn-Diskussion** ([[2026-05-24-mcginn-diskussion]]) und „Einstein-Verallgemeinerung als einziger konsistenter Relativismus": der Abriss liefert die physikalische Belegbasis für genau diese Verallgemeinerung.
## Verbindungen
- [[chat-claude-02-quantenphysik]] — These; diese Datei ist deren Belegboden.
- [[quantenphysik]] (Topic) — sollte diese Datei als historische Belegbasis verlinken.
- [[mach-einstein-bohr-achse]] — direkt einschlägig; Mach/Blindenstock + Bohr-Como-Vortrag als Quellen.
- [[mach-als-ursprung]] — Vorläufer-These hier konkret belegt.
- [[beobachter-als-grenze]] — Schnitt/Kette-Kritik ist Kernmaterial.
- [[form]] / [[bildtheorie]] — „Eigenschaft des Bildes ↔ des Abgebildeten" als roter Faden.
- [[zeigen-sagen]] — Form weist sich auf (2.172) als Anschluss.
- [[solipsismus]] — Merkzettel-Eintrag zu „keine endgültige Wahrheit".
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# Thesen Abriss
**Quelle:** `archive/Thesen Abriss.fodt`
**Charakter:** Abriss der Thesen — eine **ABH-Zitatauswahl**, die als programmatisches Gerüst dient. Bricht nach Satzreihe 2.01 ab.
**Umfang:** 33 Zeilen, ~150 Wörter (im Wesentlichen ABH-Originalzitate)
## Hauptthesen
Der Abriss ist im Wesentlichen ein Auswahl-Apparat von ABH-Sätzen. Die Auswahl selbst zeigt, welche Stellen den Autor als Thesen-Kerne tragen:
- **1.1**: "Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge." — programmatischer Einstieg: kein ontologischer Substanz-Anker.
- **2.01**: "Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)"
- **2.011**: "Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes sein zu können." — Gegenstand existiert nur sachverhalts-fähig.
- **2.0122**: Selbständigkeit als "Form der Unselbständigkeit" — kein klassisch-ontologischer Atomismus.
- **2.0123**: Gegenstandskenntnis = a-priori-Kenntnis aller Vorkommensmöglichkeiten in Sachverhalten — die formale/transzendentale Lesart wird hier textuell gestützt.
## Zentrale Begriffe
- **Tatsache** — vor Ding/Gegenstand gesetzt.
- **Sachverhalt** — als Verbindung von Gegenständen.
- **Gegenstand / Sache / Ding** — synonym verwendet (ABH 4.1272 deckt Synonymie).
- **Form** (in 2.0122 implizit) — kein materielles, sondern relationales Merkmal.
- **ἐστιν ἐστιν** — Motto an den Anfang gestellt: parmenideische Rahmung, "ist ist" als Grundgeste.
## Argumentationsstruktur
Kein argumentierender Text, sondern **ABH-Stellenkanon**, der den geplanten Aufbau in "Satzreihen" gliedert: Satzreihe 1 (Ontologie), Satzreihe 2 (Das Bild), und darunter "Vorbemerkungen: Gegenstand, Sachverhalt & Wirklichkeit". Der Abriss präsentiert *welche* Stellen behandelt werden, nicht *wie*.
## Schlüsselzitate
> "1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge."
> "2.011 Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes sein zu können."
> "2.0122 Das Ding ist selbständig, insofern es in allen möglichen Sachlagen vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sachverhalt, eine Form der Unselbständigkeit."
> "2.0123 Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vorkommens in Sachverhalten."
> "ἐστιν ἐστιν" — Motto, Z. 9
## Themen-Tags
#tatsache #sachverhalt #gegenstand #ontologie #welt #form #abh-systematik #parmenides
## Auffälligkeiten / Lücken / Spannungen
- **Bricht abrupt ab** nach 2.0123 — gerade vor den ontologisch zentralen Stellen 2.02 ff (wo die Lesart sich entscheiden würde).
- **Aufbau-Schema "Satzreihen"** ist hier schon angedeutet — entspricht dem in `kap02-satz` ausgearbeiteten Schema (Satzreihe 1 Ontologie, 2 Bild, 3 Satz, 4 Sprache/Kalkül, 5 Grenzen, 6 Conclusio, 7 Fazit).
- **Parmenideisches Motto** ἐστιν ἐστιν — taucht auch in `2019-was-ist-wahrheit` auf; Markierung des philosophischen Bezugsrahmens.
- **Reiner Zitatauszug** mit "[...]" Auslassungen — der Abriss war als Skelett gedacht, nicht als ausformulierter Text.
## Verbindungen
- **xmind-mindmap**: gibt die Gliederung in Buchteilen vor.
- **kap02-satz**: setzt die Linie 1.1 → 2.0 ↔ Bildtheorie um.
- **2018-was-ist-wahrheit / 2019-was-ist-wahrheit**: vermutlich die Quelle dieser Zitatauswahl bzw. parallel entstanden.
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# XMind Mindmap
**Quelle:** `Was ist Wahrheit .xmind` (Vault-Root, zuletzt 2025-04-23)
**Charakter:** Mindmap des Buchaufbaus. Skelett mit zwei ausgearbeiteten Knoten (Einleitung, Gedanke und Satz/Satzreihe 3).
**Umfang:** 28 Zeilen Outline, ~150 Wörter
## Hauptthesen
- **Wittgensteins Anspruch ernst nehmen**: "3000 Jahre Philosophiegeschichte auf 84 Seiten Text lösen — diesen gigantischen Anspruch ernst nehmen (nicht wie Russell)".
- **Wittgensteins zentrale Idee: Das Bild** — Knoten mit drei Untertopics (Entkopplung, Reine Deskriptivität / strukturelle Abbildung, notwendig vorgegebener Bildaufbau).
- **Universalität der Bildtheorie** wird über Beispiele gestützt: Kuchengraphik, "Beispiel aus der Einleitung", Lageplan.
- **Satzreihe 3 — Gedanke und Satz**: Modell Gedanke / Satz / Satzzeichen. Wesentliche Unterscheidung Bild vs. Satz: "keine Nachahmung" (Vorsicht — vermutlich abkürzend gemeint; im Haupttext wird Nachahmung gerade auch für Sätze beansprucht).
- **Strukturelle Eigenschaften des Satzes**: Satz als Tatsache; Unterscheidung einfache Zeichen / Satz.
- **Vertretung / Beschreibung beim Satz**: Elementarsatz und Gegenstand, Komplexe.
- **Symbol / Satzvariable**: Bedeutung und Symbol, Satzvariable.
- **Der logische Raum** — Endknoten, ohne weitere Untergliederung.
## Zentrale Begriffe
- **Bild** — zentrale Idee Wittgensteins (laut Mindmap).
- **Entkopplung von Bild und Abgebildetem** — Untertopic.
- **Reine Deskriptivität (strukturelle Abbildung)** — Untertopic.
- **Notwendig vorgegebener Bildaufbau** — Untertopic.
- **Satz**, **Satzzeichen**, **Gedanke** — Triade in Satzreihe 3.
- **Elementarsatz**, **Komplexe** — als Begriffspaar zur Vertretung/Beschreibung.
- **Symbol**, **Satzvariable** — separate Begriffskategorie zur Bedeutung.
- **Logischer Raum** — Schlussbegriff.
## Argumentationsstruktur
Hierarchisch:
1. Einleitung
- Wittgensteins Anspruch
- Zentrale Idee: Das Bild
- (unbenannter Knoten mit drei Bild-Untertopics)
- Beispiele (Kuchengraphik, Einleitung, Lageplan)
2. Gedanke und Satz (Satzreihe 3)
- Modell
- Vertretung/Beschreibung
- Symbol/Satzvariable
- Logischer Raum
Nur diese zwei Hauptknoten sind ausgebaut. Das spätere Material (Sachverhalt-Komplex, Solipsismus, Ethik/Mystisches) fehlt in der Map.
## Schlüsselzitate
> "3000 Jahre Philosophiegeschichte auf 84 Seiten Text lösen" — Knoten "Wittgensteins Anspruch"
> "Diesen gigantischen Anspruch ernst nehmen (nicht wie Russell)" — selbe Stelle
> "Wittgensteins zentrale Idee: Das Bild" — Hauptknoten unter Einleitung
> "Der Satz als Tatsache" — Untertopic in Satzreihe 3
> "Unterscheidung einfache Zeichen / Satz" — Untertopic
> "Elementarsatz und Gegenstand" — unter "Vertretung / Beschreibung beim Satz"
## Themen-Tags
#bildtheorie #satz #gedanke #elementarsatz #gegenstand #symbol #satzvariable #logischer-raum #abh-aufbau #methode #russell
## Auffälligkeiten / Lücken / Spannungen
- **Unfertig**: nur zwei der sieben Satzreihen sind in der Mindmap. Solipsismus, Ethik/Mystisches, Wahrheit/Wahrheitsfunktion, allgemeine Satzform fehlen.
- **"Keine Nachahmung" beim Satz** (Untertopic) widerspricht der Haupttextlinie in `kap02-satz`, wo gerade gezeigt wird, dass der Satz als Bild *auch* nachahmend ist (Wortstellung als strukturelle Eigenschaft). Vermutlich nur abkürzend formuliert; Klärung nötig.
- **Tippfehler / Eile**: "Philosopiegeschite", "gigantuischen", "Anpruch", "Wuttgesteins". Die Mindmap ist Werkzeug, nicht Publikationsstand.
- **Programmatischer Seitenhieb auf Russell** an prominenter Stelle — passt zum Buchkonzept (Wittgenstein gegen Russells Lesart).
## Verbindungen
- **kap01-2026**: deckt die Einleitungs-Themen der Mindmap im Fließtext ab.
- **kap02-satz**: greift die Satzreihe-3-Themen auf (Vertretung, strukturelle Eigenschaften, Symbol).
- **Thesen-Abriss**: gibt die Satzreihen-Gliederung in ABH-Begriffen vor (Satzreihe 1 Ontologie, 2 Bild, …); Mindmap ist die zugehörige didaktische Aufbau-Skizze.
- **Anti-Russell-Stoßrichtung** wird in `kap02-satz` ausgeführt (Abgrenzung gegen particulars).
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# Topic: Der Beobachter als Grenze des Bildes
Die **transversale These** des Buchs — verbindet Bildtheorie mit QM, Relativität, Mathe und Ethik.
## Hauptthese
> Der Beobachter ist die Grenze des Bildes. Er kann nicht im Bild vorkommen, weil er das Bild macht. Das ist keine Lücke — es ist logische Notwendigkeit.
Folge: **Jede Theorie ist ein Bild und setzt einen Beobachter voraus, kann ihn aber nicht enthalten.**
Quelle: [[chat-claude-02-quantenphysik]], [[chat-claude-03-projektübersicht]].
## Argument
1. Ein Bild bildet ab. Wer abbildet, ist nicht im Abgebildeten.
2. Theorien sind Bilder im Sinne der ABH (Satz = Bild).
3. Eine Theorie kann ihre eigene Form nicht abbilden (2.172).
4. Die Form schließt den Beobachter ein (er macht die Bezugsweise).
5. → Der Beobachter zeigt sich, kann aber nicht gesagt werden.
## Anwendungen
### Relativität
- Mach: absolutes Bezugssystem weg.
- Einstein: Bezugssystem ist gewählt, aber **die Wahl wird nicht reflektiert**.
- Wittgenstein: Wahl = Bezugsweise; Beobachter steht am Rand der Theorie.
### Quantenmechanik
- **Heisenberg-Schnitt**: willkürliche, aber nötige Grenze Quantensystem/Messapparat.
- **Von-Neumann-Kette**: das Problem verschiebt sich endlos, statt gelöst zu werden.
- **EPR / Schrödinger-Katze**: Beobachter bestimmt durch Messung, was sich zeigt — *was* der Beobachter ist, bleibt offen.
- Wittgenstein erklärt warum das so sein muss: Beobachter = Grenze, nicht Inhalt.
### Mathematik
- **Cantors Diagonalisierung**: Grenzüberschreitung Zeichen ↔ Metazeichen — der Beobachter wird heimlich Teil des Bildes.
- **Gödels Selbstreferenz**: Bild bildet sich selbst ab → Ebenen-Verwechslung.
### Ethik
- Subjekt gehört nicht zur Welt (5.632 "das Subjekt ist Grenze der Welt").
- Was sich nicht sagen lässt, ist per logischer Notwendigkeit geschützt → Raum für Ethik (Epilog).
## Falsifizierbarkeitsangabe
**Wenn jemand eine Theorie baut, die den Beobachter vollständig integriert — ohne ihn als Grenze vorauszusetzen —, ist Wittgenstein widerlegt. Das hat bisher niemand geschafft.**
Diese Formulierung ist eines der wenigen falsifizierbaren Versprechen im Buch und sollte methodisch erhalten bleiben.
## Vereinheitlichendes Argument
Relativität und QM teilen **dasselbe ungelöste Problem**:
- Relativität: Beobachter wählt Bezugssystem; Wahl unreflektiert.
- QM: Beobachter bestimmt Messung; *was* der Beobachter ist, ungeklärt.
In beiden Fällen: Beobachter unverzichtbar und ungeklärt. Steht am Rand.
**Wittgensteins Auflösung**: Beobachter kann nicht in die Theorie integriert werden, weil jede Theorie ein Bild ist und jedes Bild einen Beobachter **voraussetzt**, nicht enthält.
## ABH-Schlüsselstellen
- 2.172 "Seine Form der Abbildung aber, kann das Bild nicht abbilden; es weist sie auf."
- 4.121 "Was sich in der Sprache spiegelt, kann sie nicht darstellen."
- 5.5563 — Umgangssprache logisch perfekt geordnet.
- 5.6 — Grenze meiner Sprache = Grenze meiner Welt.
- 5.62 — Solipsismus zeigt sich.
- 5.63 "Ich bin meine Welt."
- 5.631-5.633 — Das Subjekt gehört nicht zur Welt; es ist eine Grenze.
- 5.634 — Wahrnehmungs-Trügerischkeit.
- 5.64 — Solipsismus = Realismus.
- 6.45 — Welt sub specie aeterni nicht erfassbar.
- 6.522 — Das Mystische zeigt sich.
## Stellen im Pool
- [[chat-claude-02-quantenphysik]]: die ausführliche QM-Anwendung.
- [[chat-claude-03-projektübersicht]]: Buchstrukturelle Funktion.
- [[chat-claude-01-bildtheorie]]: die Bildtheorie-Voraussetzung.
- [[for-later-use]]: Eimer-Methapher zur Wahrnehmungs-Untrennbarkeit — passt strukturell.
## Sekundärliteratur
- **Anscombe** Kap. 13 ("Mysticism and Solipsism") — Schopenhauer-Anschluss, "I am the only I".
- **Kenny** — Solipsismus-Kapitel.
- **Hacker** — traditionelle Lesart.
- **Diamond/Conant** — resolute reading (radikaler als hier).
## Status & Risiko
- **Stark**: die These trägt das ganze Buch.
- **Risiko**: akademisch ungedeckt; bisher kein Sekundärliteratur-Verbündeter. **Falsifizierbarkeit als methodische Absicherung.**
- **Bisher nicht ausgearbeitet** in den ODT-Fassungen — nur im Chat.
## Verwandte Topics
[[bildtheorie]] · [[quantenphysik]] · [[mathematik-cantor-goedel]] · [[negative-ethik]] · [[solipsismus]] · [[mach-einstein-bohr-achse]] · [[form]] · [[zeigen-sagen]]
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# Topic: Bildtheorie
Wittgensteins zentrales Argument der ABH ("zentrales Argument … mehr hat er nicht anzubieten" — [[kap02-satz]] Z. 600). Die gesamte Abhandlung beruht auf dem Modell-Begriff.
## Drei Kernprinzipien
1. **Entkopplung durch Vertretung**: Die Zuordnung von Bildelement zu Gegenstand ist *frei*; im Gegenzug werden keine Informationen über das Vertretene im Bild transportiert.
2. **Strukturelle Identität (Nachahmung)**: Der Bildsinn ist durch die strukturelle Identität von Bild und Abgebildetem unmittelbar gegeben; nicht von außen anzutragen. Das Bild *zeigt* seinen Sinn.
3. **Beschränkung durch die Form**: Bilder sind rein deskriptiv — sie können nur darstellen, was sich durch ihre Struktur nachahmen lässt; was in ihrer Form liegt.
## Beispiele (Modellrepertoire des Buchs)
- **Gliederpuppe** — Hauptbeispiel; ermöglicht unmittelbare Anschauung der Theorie.
- **Stadtplan Worms** — Vertretung durch Linien/geometrische Formen; strukturelle Eigenschaft: relative Lage.
- **Kuchengraphik** — Vertretung durch Kreissektoren; strukturelle Eigenschaft: Anzahl und Winkelgröße. Formale Bedingungen: Exklusivität und Vollständigkeit der Klassifikation.
- **Weg-Zeit-Diagramm** (freier Fall) — Vertretung durch Achsen-Punkte; Beschleunigung ablesbar (≈9.81 m/s²).
- **Halcyon-Maps "tallest building"** (Eiffelturm/Kölner Dom) — Beispiel für Modell-Projektion mit gezielter Inhaltsauswahl.
- **Eigene Fotos** (Brendel als Papageno, Lindauer Marionetten) — als Beispielmaterial für Tatsachen.
## Form der Abbildung — Drei Begriffe
- **Form der Abbildung**: die Möglichkeit, dass sich die Dinge so verhalten wie die Bildelemente (2.151). Was Bild und Welt gemein haben müssen.
- **Form der Darstellung**: Notation des Bildes — willkürlich, austauschbar. Wittgenstein verwendet den Begriff nur in Satzreihe 2.17.
- **Logische Form** = Form der Abbildung minus Form der Darstellung. Was allen Bildern gleichen Inhalts gemeinsam ist.
Formel ([[kap01-original]] Z. 834, [[kap01-2026]] Z. 144): **Form der Abbildung Form der Darstellung = Logische Form.**
## Abgrenzung zur Definition
Eine Definition könnte scheinbar Bilder umdeuten ("dieses bewegungsstarre Modell stellt einen laufenden Menschen dar" qua Def.). Aber:
1. Am definierten Zeichen ist der Inhalt nicht mehr erkennbar.
2. Bildverwendung und Verwendung als definiertes Zeichen sind **disjunkt**.
Die Definition macht aus dem Bildelement ein einfaches Zeichen, das nur vertreten kann.
Behandelt in [[buffer]] und [[kap01-original]].
## Falsche Bilder
Identität von Bild und Welt schließt scheinbar falsche Bilder aus. Lösung: Bilder beziehen sich nicht direkt auf die Welt, sondern stellen mögliche Sachlagen im logischen Raum dar (2.11). Der dort dargestellte Inhalt wird mit der Wirklichkeit verglichen, um Wahr-/Falschheit festzustellen. → [[buffer]]
## Gedanke als Kern hinter den Sprachzwecken
- Wittgenstein postuliert in der Abhandlung hinter den Sprachzwecken einen gemeinsamen logischen Kern: den **Gedanken** (ABH 3: "Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke"). Über den Gedanken ist die Bildtheorie an die Satztheorie geknüpft.
- Eigene Ausarbeitung: [[kap02-satz]] Z. 57 → [[satz-und-satzzeichen]].
## Selbstkritik (offene Stelle)
**Hand/Fuß-Tausch in der Gliederpuppe**: Das Längen/Breiten-Verhältnis der Elemente unterscheidet sich — also kann *nicht* jedes Element jeden Gegenstand vertreten. Damit lerne ich aus dem Vertreter doch etwas über das Vertretene. Der Autor markiert das als "lässlich" ([[exkurs-bildtheorie-solipsismus]] Z. 269-275, [[expose-hp-schuett-old]] Z. 762-778), weist aber darauf hin, dass das beim Wort/Satz nicht greifen sollte.
## ABH-Schlüsselstellen
- 2.1 "Wir machen uns Bilder der Tatsachen."
- 2.12 "Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit."
- 2.13 / 2.131: Vertretung.
- 2.14 / 2.141: Bild als Tatsache.
- 2.15: Strukturelle Identität.
- 2.151: Form der Abbildung.
- 2.151-2.1515: Abbildende Beziehung; Maßstab-Metapher; "Fühler der Bildelemente".
- 2.16/2.161: Identität als Bedingung der Abbildung.
- 2.17: "Was das Bild mit der Wirklichkeit gemein haben muss …"
- 2.171: "Das Bild kann jede Wirklichkeit abbilden, deren Form es hat."
- 2.172: "Seine Form der Abbildung aber, kann das Bild nicht abbilden; es weist sie auf." (Zeigen!)
- 2.173/2.174: Form der Darstellung (nur hier erwähnt).
- 2.18-2.19: Logische Form. "Das logische Bild kann die Welt abbilden."
- 2.2-2.225: Ergebnisse — Sinn des Bilds; "Ein a priori wahres Bild gibt es nicht."
## Stellen im Ideenpool
- **kap02-satz** (aktuelle Arbeitsfassung): [[kap02-satz]] — Z. 151-390.
- **kap01-original** (umfassend): [[kap01-original]] — Z. 212-462.
- **exkurs-bildtheorie-solipsismus** (destillierte Form mit Solipsismus-Brücke): [[exkurs-bildtheorie-solipsismus]] — Z. 112-432.
- **expose-hp-schuett-old** (mit Selbstkritik): [[expose-hp-schuett-old]] — Z. 577-886.
- **expose-hp-schuett** (Stub): [[expose-hp-schuett]] — Z. 439-443.
- **buffer** (Wahr/Falsch + Definition): [[buffer]] — gesamter Text.
- **xmind-mindmap** (Outline mit Untertopics): [[xmind-mindmap]].
- **kap01-2026** (Outline + Formel): [[kap01-2026]] — Z. 124-148.
## Sekundärliteratur
- **Anscombe** (`literatur/anscombe-introduction.md`): Kap. 4-5 (Negation und Bildtheorie) — Bildtheorie nicht als "Spielerei", sondern als Kern der ABH. Bildtheorie + Wahrheitsfunktionen sind bei Anscombe "one and the same".
- **McGinn**: Bilder als Klärung dessen, was Sätze als Sätze tun. Anti-realistisch.
- **Kenny** (`literatur/kenny-wittgenstein.md`): "The Picture Theory of the Proposition" (Kap. 4) als eigenes Kapitel; legt mehr Gewicht auf Sprache→Welt-Korrelation.
- **Russell** (in `literatur/russell-introduction.md`): erwähnt die Bildtheorie nicht explizit. Wird im Buch als "geht am Argument vorbei" diagnostiziert.
## Programmatische Funktion
In allen Buchfassungen wird *Start mit der Bildtheorie* (Satzreihe 2.1, nicht 1.* oder 2.0*) als Lese-Strategie vorgeschlagen ("Wittgensteins eigene Darstellung scheitert lesepraktisch, weil 2.0 die Bildtheorie schon voraussetzt"). Die Bildtheorie ist die methodische Grundlage *des Buchs*, nicht nur des Inhalts.
## Verwandte Topics
[[gegenstand]] · [[tatsache-sachverhalt-sachlage]] · [[form]] · [[logischer-raum]] · [[satz-und-satzzeichen]] · [[zeigen-sagen]]
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# Topic: Buchstruktur — Hauptbuch + Folgeband
Zwei Bücher, nicht eines. Klärung 2026-05-23.
## Hauptbuch (das aktuelle Projekt)
**Eine ABH-Lektüre.** Mathe, QM, Ethik kommen vor — aber **nur als Illustrationen**, die Wittgenstein verständlich machen. Keine eigenständige Mathe-/QM-/Ethik-Theorie.
### Stilziel
- Für Abi lesbar + akademisch stichhaltig.
- Alltagsbeispiel (Papageno) → akademischer Beleg (Cantor/Schrödinger) → trägt.
- Bilder als Kern, nicht Illustration.
### Gliederung
| Kap. | Titel | Inhalt |
|---|---|---|
| Einleitung | Anspruch, Lücke, Ansatz | + **Mach-Würdigung** als Ursprung der Bezugsweise-Frage. |
| 1 | Das Bild | Bildtheorie, Tatsache/Sachverhalt/Gegenstand, Logischer Raum. *Aktueller Text*. |
| 2 | Der Satz | Vom Bild zum Satz. Logisches Bild. |
| 3 | Natürliche Sprache | Sprache und Sprachspiel. |
| 4 | Das Kalkül & Mathematik | **Kern: Funktion vs. Operation als Russell-Kritik.** Mengenlehre als Voraussetzung. **Cantor nur als didaktische Aufhellung.** Zahlenstrahl-Mathematik zeigt "einen Weg, der geht". |
| 5 | Grenzen / Solipsismus | Grenze der Sprache. Neinologie. **Empirische Tautologie** als Schlüssel. |
| 6 | Conclusio | **Kern: Beobachter-Verallgemeinerung von Einstein zum Solipsismus** als W.s genuiner Beitrag. Schrödinger-Katze nur als Illustration. |
| 7 | Tractatus → PU | Bestand des Relativismus. Kurz, als Öffnung. |
| Epilog | Negative Ethik | Knapp. Nicht schmalzig. |
### Tragende These des Hauptbuchs
> Jedes Bild braucht eine Bezugsweise.
> Die Bezugsweise ist notwendig, aber willkürlich.
> Sie sagt nichts über das Abgebildete.
> Die Form des Bildes kann vom Bild nicht abgebildet werden.
Diese These wird **durch ABH-Lektüre** entwickelt, mit Cantor und Schrödinger als didaktischen Stützen.
### W.s genuiner Beitrag (Buch-Höhepunkt)
**Beobachter-Verallgemeinerung**:
- Einstein macht es unbemerkt: Relativität setzt Beobachter voraus, klärt ihn aber nicht.
- Wittgenstein verallgemeinert: Beobachter ist die Grenze des Bildes — *jedes* Bildes.
- Münzung auf den Solipsismus: dort ist die Beobachter-Frage am schärfsten und am wenigsten als "physikalische Eigenheit" abtutbar.
- → das ist der Genius, der das Buch trägt. Siehe [[beobachter-als-grenze]].
## Folgeband — *Viewing the World*
**Das zweite Buch, nicht das aktuelle.** Wäre eine **Vertiefung und Erweiterung** der ABH-Lektüre. Würde die Anwendungsfelder eigenständig ausführen, die im Hauptbuch nur illustriert werden.
### Wahrscheinliche Themen
- **Mathematik**: Wittgensteins Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik systematisch. Cantor/Gödel-Kritik ausgeführt. -als-mystisch-These.
- **Quantenphysik**: 2-3 wasserdichte Beispiele als eigenständige Anwendung. Vereinheitlichendes Argument Relativität ↔ QM.
- **Negative Ethik**: Epilog des Hauptbuchs zur Hauptthese des Folgebands ausweiten. Einstein als Prior Art für nicht-nihilistischen Relativismus. Staat reguliert nur das Sagbare.
- **Spätwerk-Brücke**: PU-Verhältnis systematisch.
Diese Vorhaben sind **nicht Aufgabe des Hauptbuchs**. Das Hauptbuch braucht nur die Illustrationen, die zeigen, dass die Bildtheorie trägt.
## Methodische Festlegungen (für Hauptbuch und Folgeband gleich)
- **Spiraltechnik**: erst Bild, dann Satz, dann LR systematisch.
- **Hypotheken markieren, nicht auflösen** (aus [[chat-chatgpt-satzreihe-2]]).
- **Primärtext-Regel**: "in der ABH" = nur Suhrkamp-Ausgabe.
- **Hypothetisches Skelett zuerst**: alle Kapitel skizzieren → Belege → SWAT → Literatur.
## Status pro Kapitel (Hauptbuch)
| Kap. | Material | Stand |
|---|---|---|
| Einl. | [[kap01-2026]], [[kap01-original]], [[kap02-satz]] | Mach-Würdigung fehlt |
| 1 | sehr viel | Sachverhalt/Sachlage-Klärung offen |
| 2 | [[kap01-original]] Z. 892-1265, [[expose-hp-schuett-old]] | Substitution Nachahmung→Satzsinn |
| 3 | Spracherwerb in [[kap01-original]] | Sprachspiel-Brücke knapp halten |
| 4 | nur Outline | **Funktion/Operation ausarbeiten — Buchhöhepunkt 1** |
| 5 | [[kap01-original]] Solipsismus + [[exkurs-bildtheorie-solipsismus]] | **Empirische Tautologie ausarbeiten — Schlüssel-Lücke** |
| 6 | [[chat-claude-02-quantenphysik]] | **Beobachter-Verallgemeinerung ausarbeiten — Buchhöhepunkt 2** |
| 7 | nichts | Knappe Öffnung, eine Seite |
| Epilog | nichts | Knapp, nicht schmalzig |
## Verwandte Topics
[[beobachter-als-grenze]] · [[funktion-operation]] · [[mathematik-cantor-goedel]] · [[quantenphysik]] · [[mach-als-ursprung]] · [[negative-ethik]] · [[bildtheorie]] · [[methode-und-form-der-abh]]
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# Topic: Einfache Zeichen · Namen · Urzeichen · Ausdruck / Symbol
Wie die Sprache an die Welt "hookt" — und warum Bedeutung nicht systematisch übermittelbar ist.
## Eigene Hauptthese
- **Zwei Arten einfacher Zeichen**: (1) Zeichen, die für Komplexe stehen — durch Definition festgelegt. (2) **Namen / Urzeichen** — durch Erläuterungen illustriert, nicht definiert.
- **Bedeutung der Namen ist sprachlich nicht ausdrückbar**. Sie tritt undefiniert in die Sprache ein.
- **Es gibt keine Asymmetrie zwischen Sprecher und Hörer**: für beide ist der Name Urzeichen.
- **Bedeutung bleibt bei der Einzelperson** — "macht die Sprache so zu der Sprache, die ganz allein ich verstehe" ([[kap01-original]] Z. 1200). Andockstelle für [[solipsismus]].
- **Einfache Zeichen können nichts Zusammengesetztes bedeuten** (Substanzargument, [[archive-was-ist-wahrheit]] Z. 540, [[2018-was-ist-wahrheit]] Z. 571).
- **Bedeutung ≠ Sinn**: Bedeutung ist nicht Funktion der Bestandteile eines Ausdrucks; Sinn schon.
## Ausdruck / Symbol (3.31)
[[kap01-original]] Z. 1226-1261:
- Granit-Beispiel: zwei Sprecher können denselben Satz für wahr halten, ohne dieselbe Bedeutung von "Granit" zu teilen.
- Der Satzsinn erfasst nur einen *Aspekt* der Bedeutung — das ist der **Ausdruck (Symbol)**.
- "Jeden Teil des Satzes, der seinen Sinn charakterisiert, nenne ich einen Ausdruck (ein Symbol)."
- Bedeutung des Ausdrucks = was den möglichen einsetzbaren Zeichen gemeinsam ist.
## Spracherwerb (Hase-Beispiel)
[[kap01-original]] Z. 1158-1190:
- Bedeutung wird umschrieben, nicht benannt.
- Lernen erfolgt durch Annäherung; nie unfallfrei.
- "Über lange Ohren und Hinterläufe wurde gesprochen, dann kommt die Rede auf den Hasenbau. Erst da wird klar, dass der Unterschied von Hase und Kaninchen wohl doch noch nicht verstanden wurde."
## Granit-Beispiel als Aspekt-Theorie
- A und B halten "Granit ist schwerer als Wasser" für wahr — teilweise Übereinstimmung in Granit-Bedeutung.
- A hält "Granit ist das härteste Material der Erde" für wahr, B nicht — verschiedene Bedeutung.
- Übereinstimmung im ersten Satz fordert keine vollständige Bedeutungsübereinstimmung — nur den **Aspekt**, der für diesen Satzsinn relevant ist.
- Daraus: Ausdruck = Aspekt der Bedeutung, den der Satz aktiviert.
## Logischer Zirkel der Erläuterung (3.263)
Bedeutung eines Namens wird durch Erläuterungen bestimmt. Erläuterungen enthalten den Namen → setzen die Bedeutung voraus.
**Wittgenstein löst den Zirkel nicht auf**, leitet die Existenz einfacher Zeichen aus der Sprachpraxis ab ([[kap01-original]] Z. 1136-1156).
## Bank-Beispiel (Mehrdeutigkeit)
[[2018-was-ist-wahrheit]] Z. 616: "Ich habe einen Kredit bei der Bank" vs. "Die Bank ist jetzt zehn Jahre alt." Aspektabhängigkeit der Bedeutung; Mehrdeutigkeit nicht durch das Zeichen, sondern durch den Kontext aufgelöst.
## ABH-Schlüsselstellen
- 3.2 "Im Satz kann der Gedanke so ausgedrückt sein, dass den Gegenständen des Gedankens Elemente des Satzzeichens entsprechen."
- 3.203 "Der Name bedeutet den Gegenstand. Der Gegenstand ist seine Bedeutung."
- 3.22 "Der Name vertritt im Satz den Gegenstand."
- 3.221 "Die Gegenstände kann ich nur nennen. Zeichen vertreten sie. Ich kann nur von ihnen sprechen, sie aussprechen kann ich nicht. Ein Satz kann nur sagen, wie ein Ding ist, nicht was es ist."
- 3.23 "Die Forderung der Möglichkeit der einfachen Zeichen ist die Forderung der Bestimmtheit des Sinnes."
- 3.24 — Zeichen für Komplexe.
- 3.26/3.261 "Der Name ist durch keine Definition weiter zu zergliedern." / "Zwei Zeichen, eines Urzeichen, eines durch Urzeichen definiert, können nicht in derselben Weise bezeichnen."
- 3.262 "Was in den Zeichen nicht zum Ausdruck kommt, das zeigt ihre Anwendung."
- 3.263 — Logischer Zirkel der Erläuterung.
- 3.31 — Ausdruck (Symbol).
- 3.232 — Sinn vs. Bedeutung (Bedeutung-Bestandteile).
- 4.024 — Sinn des Satzes.
- 4.032 — Sinn als Funktion der Bestandteile.
- 4.243 — Bedeutung kann nicht vokabelweise gelernt werden.
## Stellen im Ideenpool
- **kap01-original** (Spracherwerb + Granit-Symbol-Theorie ausführlich): [[kap01-original]] — Z. 1096-1265.
- **archive-was-ist-wahrheit** (Sinn/Bedeutung kompakt, Sokrates-Plato-Zirkel): [[archive-was-ist-wahrheit]] — Z. 487-650.
- **2018-was-ist-wahrheit** (mit Bank-Beispiel und Wittgenstein-skeptisch ggü. Definitionen, Prototractatus-Zitat): [[2018-was-ist-wahrheit]] — Z. 615-722.
- **2019-was-ist-wahrheit**: [[2019-was-ist-wahrheit]] — Z. 565-650.
- **expose-hp-schuett-old** (Form der Definition vs. Form des Definierten): [[expose-hp-schuett-old]] — Z. 425-478.
- **expose-hp-schuett** (Kap. 3-Outline): [[expose-hp-schuett]] — Z. 445-475.
## Sekundärliteratur
- **Anscombe**: Kap. 1 (Elementary Propositions), Kap. 6 (Sign and Symbol) — Anscombes Behandlung des Sign/Symbol-Unterschieds als klassische Referenz.
- **Kenny** (`literatur/kenny-wittgenstein.md`): liest Korrelation Name-Welt-Atom als noch-zu-klärendes Problem; Wittgenstein an Russell zitiert: "matter of psychology" — wird in [[kap01-original]] Z. 596-614 als missverstanden zurückgewiesen.
- **Russell**: "Theory of Descriptions" als Hintergrund.
## Offene Fragen
- **"Sprache, die ganz allein ich verstehe"** (kap01-original Z. 1200) — Andockstelle für Solipsismus. Aufnahme im Solipsismus-Kapitel ausstehend.
- **Aspekt-Theorie und Spätwerk** — Granit-Beispiel zeigt schon Spätwerk-Strukturen (Verwendung statt Repräsentation). Vergleich/Brückenschlag?
- **"Wittgenstein gegen Definitionen skeptisch"** — Prototractatus-Zitat 3.20107 ([[2018-was-ist-wahrheit]] Z. 629). Bisher nur in 2018-Fassung.
## Verwandte Topics
[[satz-und-satzzeichen]] · [[gegenstand]] · [[bildtheorie]] · [[ausdruck-symbol]] · [[solipsismus]] · [[sprache]]
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# Topic: Form (drei Formen)
Im Buch wird "Form" in mehreren technischen Bedeutungen verwendet, die zusammen den formal-strukturellen Kern der ABH bilden.
## Die drei Formen — Übersicht
| Begriff | Definition | Funktion |
|---|---|---|
| **Form der Abbildung** | Möglichkeit, dass Dinge sich so verhalten wie Bildelemente (2.151) | bindet Bild an Wirklichkeit |
| **Form der Darstellung** | Notation des Bildes (2.173) | willkürlich, austauschbar |
| **Logische Form** | Form der Abbildung minus Form der Darstellung (2.18 ff) | Kern der Abbildung; allen Bildern gleichen Inhalts gemeinsam |
**Formel des Buchs**: **Form der Abbildung Form der Darstellung = Logische Form** ([[kap01-original]] Z. 834, [[kap01-2026]] Z. 144).
## Form des Gegenstands
- Definition (2.0141): "Die Möglichkeit seines Vorkommens in Sachverhalten, ist die Form des Gegenstandes."
- Funktion: legt fest, welche Sachverhalte ein Gegenstand zulassen kann.
- Spannungen Welt vs. log. Raum: "Form" hier rein formal-möglichkeitsräumlich, nicht stofflich.
- Substanz = Form und Inhalt (2.025) — die zwei Funktionen des Gegenstands.
## Form des Sachverhalts
- 2.032 "Die Art und Weise, wie die Gegenstände im Sachverhalt zusammenhängen, ist die Struktur des Sachverhaltes."
- 2.033 "Die Form ist die Möglichkeit der Struktur."
## Identität der Formen
Buchthese: **Form des Gegenstands, Form des Sachverhalts und logische Form der Abbildung sind identisch** ([[kap01-original]] Z. 1270, [[exkurs-bildtheorie-solipsismus]] Z. 406, [[expose-hp-schuett-old]] Z. 862). Das ist die Form der Wirklichkeit.
## Zeigen, nicht sagen
- 2.172 "Seine Form der Abbildung aber, kann das Bild nicht abbilden; es weist sie auf."
- Strukturelle Eigenschaften können dem Bild weder zugeschrieben noch genommen werden — sie sind gegeben.
- Form fällt unter das *Zeigen*, nicht das *Sagen* — verbunden mit [[zeigen-sagen]].
## ABH-Schlüsselstellen
- 2.0141, 2.025 (Form des Gegenstands).
- 2.032/2.033 (Form des Sachverhalts).
- 2.151 (Form der Abbildung).
- 2.16/2.161 (Identität als Bedingung der Abbildung).
- 2.17 (gemeinsame Form als Voraussetzung).
- 2.172 (Form weist sich auf, ist nicht abbildbar).
- 2.173/2.174 (Form der Darstellung).
- 2.18-2.19, 2.181/2.182 (logische Form, logisches Bild).
- 2.2 (Bild teilt logische Form mit Abgebildetem).
- 4.12-4.121 (Hacker: Form der Welt nicht abbildbar).
## Stellen im Ideenpool
- **kap01-original** (vollständigste Behandlung mit Formel): [[kap01-original]] — Z. 763-934.
- **kap02-satz** (Form der Abbildung in Bildtheorie-Sektion): [[kap02-satz]] — Z. 261-389.
- **exkurs-bildtheorie-solipsismus** (Standalone): [[exkurs-bildtheorie-solipsismus]] — Z. 241-432.
- **expose-hp-schuett-old** (Identität der Formen): [[expose-hp-schuett-old]] — Z. 720-886.
- **buffer** (Form als Auflösung des Wahr/Falsch-Problems): [[buffer]] — gesamter Text.
- **archive-was-ist-wahrheit** (Form des Gegenstands ausführlich): [[archive-was-ist-wahrheit]] — Z. 588-722.
- **2018-was-ist-wahrheit** (interne vs. externe Eigenschaften 2.01231): [[2018-was-ist-wahrheit]] — Z. 686-692.
## Sekundärliteratur
- **Anscombe**: Bildtheorie + Wahrheitsfunktionen "one and the same"; Form als das, was sich aufweist.
- **McGinn**: Form ist Strukturmerkmal der Sprache, nicht der Welt-an-sich.
## Offene Fragen
- "Form des Gegenstands" und "Form des Sachverhalts" — die Identitätsthese ist scharf, aber die genaue Aufschlüsselung im Text steht teilweise aus.
- "Logische Form" als technischer Begriff verschiebt sich zwischen den Fassungen. Die Formel ist konstant, die Begriffsführung manchmal locker.
## Verwandte Topics
[[bildtheorie]] · [[gegenstand]] · [[logischer-raum]] · [[zeigen-sagen]] · [[satz-und-satzzeichen]]
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# Topic: Funktion · Operation · Wahrheitsfunktion · Wahrheitsoperation
**Wittgensteins zentrale Begriffsoperation** in Satzreihen 5.2 ff und 6 — und im aktuellen Material praktisch nicht erschlossen.
## Stand der Bearbeitung
**Im ODT-Material nur als Outline-Stichworte:**
- [[kap02-satz]] Z. 55: "Funktion vs. Operation" als Programmpunkt.
- [[expose-hp-schuett-old]] Z. 256: "Wahrheitsfunktion vs. Wahrheitsoperation" als Kap.-5-Stichwort.
- [[expose-hp-schuett]] Kap. 5 Roadmap (sehr knapp):
- "Elementarsatz Wahrheitsfunktion seiner selbst."
- "Wahrheitsoperation als Anwendung der Wahrheitsfunktionen auf die Elementarsätze."
- "Wahrheitsoperation als nicht materielle Regel zur Erzeugung eines Satzes aus einem anderen Satz in Satzgefügen."
- "Reduzierbarkeit der Wahrheitsfunktion aller Sätze auf die Wahrheitsfunktionen der Elementarsätze."
- "Logischer Schluss als Zeichenoperation (geometrische / mechanische Herleitung)."
**Keine ausgearbeiteten Texte.**
## Wittgensteins Begriffe (ABH)
### Funktion
- Vor allem aus Frege-Russell-Tradition. Funktion-Argument-Struktur als Satzbau.
- 3.318 "Den Satz fasse ich wie Frege und Russell als Funktion der in ihm enthaltenen Ausdrücke auf."
- 4.126 "Funktion" als ein "formaler Begriff".
- 5.25/5.251 "Operation ≠ Funktion. Eine Funktion kann nicht ihr eigenes Argument sein, wohl aber das Resultat einer Operation ihre eigene Basis."
### Operation
- 5.21 ff: Operation als Anwendung einer Form auf Sätze.
- **5.2521**: "Operation ist das, was geschehen muss, um aus dem einen Satz den anderen zu machen."
- 5.252 — nur Operationen können progressiv iterieren ("Stamm und Operation").
- 5.253 — Operation kann Wirkung anderer Operation aufheben.
- 5.254 — Operation kann verschwinden (z.B. Negation in ~~p).
### Wahrheitsfunktion
- 5 "Der Satz ist eine Wahrheitsfunktion der Elementarsätze."
- 5.01 — Elementarsätze sind Wahrheitsargumente.
- 5.234 ff — Wahrheitsfunktionen als Resultate von Operationen.
### Wahrheitsoperation
- 5.234 — Wahrheitsfunktionen entstehen durch Wahrheitsoperationen aus Elementarsätzen.
- 5.3 — Wahrheitsoperationen sind die Operationen, die aus Elementarsätzen Wahrheitsfunktionen erzeugen.
### Allgemeine Form
- **6** — "Die allgemeine Form der Wahrheitsfunktion ist: [p̄, ξ̄, N(ξ̄)]"
- 6.001 — die N-Operation (gemeinsame Verneinung) ist die einzige nötige Operation.
## Wittgensteins Pointe
- **Funktion = wesentlich begrifflich**: ein Argument-Schema mit fixer Stelle.
- **Operation = ein Übergang**: nicht Schema, sondern Verfahren der Erzeugung.
- **Anti-Frege/Russell**: Funktion allein reicht nicht — der Satz entsteht durch Operation, nicht durch Funktionsanwendung.
- **Reduktion**: alle Sätze als Resultat der N-Operation auf Elementarsätzen.
- **"Keine logischen Gegenstände"** (5.4): Verneinung, "und", "oder" sind keine Gegenstände, sondern Resultate von Operationen.
## Programmatik fürs Buch
Nach [[expose-hp-schuett]] Kap. 5:
- Anti-Frege-Argument: **Kritik an der Theorie Freges von der Bedeutung der Sätze und Funktionen**.
- Reduzierbarkeit der Wahrheitsfunktion aller Sätze auf die der Elementarsätze.
- Wahrheitsoperation als **nicht-materielle Regel**.
- Verbindung zur **Mathematik** ([[mathematik-cantor-goedel]]): Gleichung als Substitutionsoperation.
- Logischer Schluss als Zeichenoperation — "geometrische / mechanische Herleitung".
## Stellen im Pool
- [[expose-hp-schuett]] Z. 504-525, 535-555, 587-599.
- [[expose-hp-schuett-old]] Z. 256 (Outline).
- [[kap02-satz]] Z. 55 (Outline).
- [[chat-claude-03-projektübersicht]] Kap. 4 erwähnt Schlussregeln.
## Sekundärliteratur
- **Anscombe** Kap. 7 "Wittgenstein, Frege and Ramsey" — direkt für Funktions-Diskussion.
- **Anscombe** Kap. 8 "Operations" — **vermutlich der dichteste Anker** für dieses Thema. In `literatur/anscombe-introduction.md` verfügbar.
- **Anscombe** Kap. 9 "Formal Concepts and Formal Series" — Reihen / Iteration.
- **Anscombe** Kap. 10 "The General Form of Proposition" — Allgemeine Satzform (6).
- **Kenny** Kap. "The Criticism of Principia" — direkt zum Frege/Russell-Verhältnis.
- **Frege**: Funktion und Begriff (1891).
- **Russell**: Principles of Mathematics (1903).
## Anschlussstellen im Buch
- **Kap. 4 (Kalkül & Mathematik)**: Wahrheitsoperation als Zeichenoperation; Reduktion der Mathematik auf Tautologien; Gleichung als Substitution.
- **Kap. 2/3 (Satz/Sprache)**: Frege-Kritik bei der Bedeutungsfrage.
- **Kap. 5 (Grenzen)**: "Keine logischen Gegenstände" als Folge.
## Risiken / Schwierigkeit
- Sehr technisches Material. **Stil-Bruch zu "Abiturient lesbar"** droht.
- Frege/Russell-Vergleich muss präzise sein.
- Allgemeine Form der Wahrheitsfunktion (Satz 6) ist berüchtigt schwer.
## Offene Arbeitsfragen
- Wie das Verhältnis Funktion/Operation in **einem** klaren Bild zeigen?
- Welche Alltagsbeispiele tragen hier? (Brendel-Cluster reicht nicht — braucht Operations-Beispiel.)
- Was sagt Anscombe Kap. 8 genau dazu? → Lesen.
- Wie viel Mathematik-Notation kann der Haupttext vertragen?
- "Geometrische / mechanische Herleitung" — was meint W. konkret? (Beziehung zu Substitutionsmethode in 6.2 ff.)
## Verwandte Topics
[[satz-und-satzzeichen]] · [[mathematik-cantor-goedel]] · [[russell-und-frege-kritik]] · [[form]] · [[logischer-raum]] · [[bildtheorie]]
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# Topic: Gegenstand
Zentrale These des Buchs — **nicht-ontologische Lesart**. Gegenstände sind keine Welt-Bausteine, sondern formal/transzendentale Bedingung dafür, dass es überhaupt sinnvolle Rede über die Welt geben kann.
## Eigene Hauptthese
- **Gegenstände sind nichts in der Welt**, sondern Bezugsweisen auf Tatsachen.
- Sie kennzeichnen, *wie* auf die Welt zugegriffen wird (das *Wie*, nicht das *Was* der Welt).
- Der Gegenstand ist eine Konstante über Sachverhalte hinweg — was diesen Sachverhalten gemeinsam ist; "Kristallisationspunkt" eines Sachverhalts-Clusters.
- Die Selbständigkeit des Gegenstands ist eine "Form der Unselbständigkeit" (2.0122) — er ist durch die Sachverhalte bestimmt, in denen er vorkommen kann.
- Die Form des Gegenstands = die Möglichkeit seines Vorkommens in Sachverhalten (2.0141).
- Wittgensteins Argument für die Einfachheit der Gegenstände (2.0211 ff) ist **rein sprachlich/sprachmechanisch**, nicht ontologisch oder empirisch.
## Bilder/Metaphern (eigene)
- **Skelett vs. Exoskelett**: Dingontologie (Kant) postuliert inneres Skelett des Gegenstands; Wittgenstein ersetzt es durch Exoskelett aus Sachverhalten.
- **Hohlform**: Zur Frage, was ein Ding ist, trägt das Ding selbst nichts bei; seine Form wird durch die Sachverhalte bestimmt.
- **Messapparat**: Gegenstand ist nicht das Gemessene, sondern was das Messen ermöglicht. Eine "Blaume" ist sowenig blau, wie ein Thermometer 200°C heiß ist.
- **Werkzeugkasten**: Gegenstände als Werkzeug, die Welt zu ordnen.
- **Kristallisationspunkt** für Sachverhalte (Z. 349 expose-hp-schuett).
- **Typ, nicht Instanz** (2018-Fassung).
## Argumente
### 1. Widerspruchsargument
Die nicht-ontologische Lesart ist *notwendig*, um Widerspruch zwischen 1.1 (Welt aus Tatsachen, nicht Dingen) und 2.01 (Sachverhalt = Verbindung von Gegenständen) zu vermeiden.
### 2. Substanzargument (2.0211 durchgespielt)
"Blote / Blelbe / Blaume" als Kunstwörter mit Beschreibung. Wenn ein Satz wie "Die Blaume blüht" sinnvoll sein soll, darf sein Sinn nicht von der Wahrheit eines anderen Satzes (der Beschreibung) abhängen. → Einfache Zeichen können nichts Zusammengesetztes bedeuten.
### 3. Bezugsweise-Argument (2.0122)
"Es ist unmöglich, dass Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz" — derselbe Gegenstand muss in verschiedenen Sätzen dieselbe Bezugsweise haben.
### 4. Sokrates-Plato-Zirkel
Russells Beispiel "two men assuming … as simples" durchgespielt: Zerlegung in Körperteile führt zu Zirkel oder Regress. Komplex kann nicht durch Zusammensetzung definiert werden.
### 5. Form-des-Gegenstands-Argument (2.0123)
"Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vorkommens in Sachverhalten" — der Gegenstand ist auf die abschließende Liste seiner Sachverhalts-Möglichkeiten reduziert.
## ABH-Schlüsselstellen
- 2.012.0141: Gegenstand und Sachverhalt; Form des Gegenstands.
- 2.022.025: Gegenstand einfach, Substanz der Welt.
- 2.0211/2.0212: Substanzargument.
- 2.023, 2.0231: Substanz = Form, nicht materielle Eigenschaft. Gegenstände farblos.
- 2.0233/2.02331: Identifizierbarkeit durch Beschreibung; interne vs. externe Eigenschaften.
- 2.027/2.0271: Das Feste, Bestehende. Konfiguration wechselt.
- 3.221: "Ein Satz kann nur sagen, wie ein Ding ist, nicht was es ist."
- 3.203: "Der Name bedeutet den Gegenstand. Der Gegenstand ist seine Bedeutung."
## Stellen im Ideenpool
- **kap02-satz** (radikalste Formulierung der Anti-Ontologie): [[kap02-satz]] — Z. 431-555.
- **kap01-original** (ausführlich, mit "windschief"-Diagnose): [[kap01-original]] — Z. 474-758.
- **2018-was-ist-wahrheit** (Kompasssätze, Blaume-Experiment, Typ-vs-Instanz, Messapparat): [[2018-was-ist-wahrheit]] — Z. 394-722.
- **2019-was-ist-wahrheit**: [[2019-was-ist-wahrheit]] — Z. 360-770.
- **archive-was-ist-wahrheit** (Skelett/Exoskelett, Hohlform, Argumentstellen): [[archive-was-ist-wahrheit]] — Z. 293-722.
- **expose-hp-schuett-old** (Kleiderständertheorie vs. Ding an sich, Sandwich-Position): [[expose-hp-schuett-old]] — Z. 256-553.
- **expose-hp-schuett** (kompakt, Kristallisationspunkte): [[expose-hp-schuett]] — Z. 256-435.
- **Thesen-Abriss**: [[thesen-abriss]] — alle ABH-Stellen aufgelistet.
## Sekundärliteratur
- **McGinn** (über NDPR-Review-Quotes): die ABH-Eröffnung "do not articulate a realist metaphysics that lays down requirements for language, but are merely an attempt to clarify the logical order that is essential to any system of true/false representation" (S. 158). Diese Position deckt sich exakt mit der eigenen Lesart.
- **Anscombe** (`literatur/anscombe-introduction.md`, Kap. 1): Sachverhalt als Verkettung von Gegenständen (2.03); Form des Gegenstands "die Möglichkeit seines Vorkommens in atomic facts" (2.0141). Anscombe ist nahe an der formalen Lesart, betont aber stärker die "logische Voraussetzung"-Funktion und Russell-Bezug.
- **Kenny** (`literatur/kenny-wittgenstein.md`): liest Gegenstände als "world-atoms" und beklagt fehlende Erklärung der Korrelation — wird in [[kap01-original]] (Z. 596-614) explizit als *missdeutet* zurückgewiesen. Kennys "Messer = Klinge+Griff"-Beispiel wird mit Papageno-Zerlegung gekontert.
- **Stekeler-Weithofer** (deutscher Großkommentar; noch nicht im Pool): Kandidat für Sparring zur formalen Lesart.
- **Diamond/Conant ("New Wittgenstein")**: radikalere Variante der nicht-ontologischen Lesart — der ABH-Text wird als programmatisch unsinn-produzierend gelesen. **Geht über die eigene Position hinaus**: bei W. erlitten die ontologischen Sätze keine Selbstauflösung, sondern werden klärend gebraucht.
## Memory-Anker
Siehe `project_users_gegenstand_reading.md`: die nicht-ontologische Lesart ist die Grundlage des Buchprojekts; McGinn ist der hauptsächliche Sparringspartner.
## Offene Fragen / Lücken
- Verhältnis Gegenstand-im-Welt (2.02331, Minimalforderung) zu Gegenstand-im-logischen-Raum: "windschief" diagnostiziert ([[kap01-original]] Z. 744), Auflösung noch ausstehend.
- "Sündenfall"-Note: Gleichsetzung Gedanke=Bild als Hypothek aus Spätwerk-Sicht ([[expose-hp-schuett-old]] Z. 906). Was bedeutet das für die eigene Lesart?
- **Wahl zwischen erkenntnistheoretischer und ontologischer Lesart der "abschließenden Aufzählung"** wird in expose-hp-schuett-old explizit thematisiert; Auflösung in Satzreihe 5.
- Universalien (Rot, Z. 96 ff in 2019): wird in 2019 angerissen, aber nicht weiterverfolgt.
## Verwandte Topics
[[tatsache-sachverhalt-sachlage]] · [[form]] · [[logischer-raum]] · [[einfache-zeichen-und-namen]] · [[bildtheorie]] · [[russell-kritik]]
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# Topic: Klarheit
Klarheit als Forderung und als Bedingung — bei Wittgenstein doppelseitig: Bedingung des Sinns einerseits, überzogene Forderung andererseits.
## Eigene Hauptthese
*(noch zu füllen)*
## Triumph und Debakel
- **Triumph**: Das Argument (Einfachheit als Bedingung der Klarheit des Sinns, 2.0211/2.0212 → 3.23) ist unschlagbar — präziser: logisch unwiderlegbar.
- **Debakel**: Genau hieraus zieht Wittgenstein seine völlig überzogene Forderung der unbedingten Klarheit.
→ Ausführung: [[logischer-raum]] (gleichlautende Sektion).
## ABH-Schlüsselstellen
- 2.0211/2.0212 — Bestimmtheit des Sinnes verlangt Substanz / Einfachheit.
- 3.23 — Forderung nach Bestimmtheit des Sinnes.
- 4.112 — "Der Zweck der Philosophie ist die logische Klärung der Gedanken." / "Das Resultat der Philosophie sind nicht 'philosophische Sätze', sondern das Klarwerden von Sätzen."
- 4.116 — "Alles was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen."
- 4.003 — Pseudo-Probleme aus Nicht-Verstehen der Sprachlogik (Unsinn statt Falschheit, weil Klarheit fehlt).
- 5.5563 — "Alle Sätze unserer Umgangssprache sind, so wie sie sind, logisch vollkommen geordnet." (Klarheit ist schon da.)
## Stellen im Ideenpool
- **logischer-raum** (Triumph/Debakel, Einfachheit als Bedingung der Klarheit): [[logischer-raum]] — gleichlautende Sektion.
- **gegenstand** (formale/transzendentale Lesart — Einfachheit als Bedingung): [[gegenstand]].
- **methode-und-form-der-abh** (4.112 Klärung der Sätze): [[methode-und-form-der-abh]] — Z. 74.
- **bildtheorie** (Klärung dessen, was Sätze als Sätze tun): [[bildtheorie]] — Sekundärlit-Sektion (McGinn).
- **sprache** (Klare Sprache vs. unklare Welt — Linguistic Turn): [[sprache]] — Z. 16.
## Sekundärliteratur
- **McGinn** (`literatur/mcginn-elucidating__analyse.md`): "clarification" ist Hauptbegriff (Buchtitel "Elucidating"). Prekonzeption "logic frames all thought + clarity of expression" als geteilte Voraussetzung mit Frege/Russell (Z. 12611263). McGinn diagnostiziert "Sprache als exakter Kalkül" als unausgesprochene Voraussetzung W.s — siehe [[logischer-raum]] McGinn-Sekundärlit-Eintrag.
- **Ramsey** (`literatur/ramsey-tlp-review__analyse.md`, Z. 33): fordert eigene Klärung des Klarheits-Begriffs nach 4.112: "we cannot be satisfied with this account without some further explanation of 'clarity'". Eigene Definition: "a written sentence is 'clear' in so far as it has visible properties correlated with or 'showing' the internal properties of its sense."
- **Russell** (`literatur/russell-introduction.md`): logically perfect language als Ziel — Klarheit durch ideale Sprache (siehe `preis-der-objektivität/kapitel/01-...` Sekundärlit Russell).
- **Kenny** (`literatur/kenny-wittgenstein.md`): Philosophie als Tätigkeit, "Klarwerden von Sätzen" (zu 4.111/4.112). Aber: unscharfe Trennung beim Sagen/Zeigen — Sagbares verschwimmt ins Nebulös-Mystische (siehe `preis-der-objektivität/kapitel/02-bildtheorie` Sekundärlit Kenny).
## Offene Fragen
- Wittgensteins eigene Forderung der **unbedingten Klarheit** — Belegstellen sortieren (kandidiert: 3.23, 4.116, 5.5563).
- Beziehung zu McGinns "Prekonzeption" (Sprache = exakter Kalkül): identisch, parallel oder Konsequenz?
- Spätwerk-Revision der Klarheits-Forderung — derzeit nicht im Buch-Scope, aber strukturell verknüpft.
## Verwandte Topics
[[logischer-raum]] · [[gegenstand]] · [[bildtheorie]] · [[methode-und-form-der-abh]] · [[sprache]] · [[zeigen-sagen]]
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# Topic: Logischer Raum
Wittgensteins Möglichkeitsraum, in dem Bilder (und damit Sätze) ihren Sinn haben — *bevor* Wahr-/Falschheit gegen die Wirklichkeit geprüft wird. Strukturierendes Konstrukt durch die Form der Gegenstände.
## Eigene Hauptthese
- **Logischer Raum** = der Möglichkeitsraum, in dem Sachverhalte als sinnvolle Konfigurationen von Gegenständen liegen. Aufgespannt durch die Form der Gegenstände (was ein Gegenstand mit welchen anderen kombinieren kann).
- Bildinhalte sind im logischen Raum angesiedelt — *unabhängig* von der Welt. Das ermöglicht falsche Bilder als mögliche Sachlagen.
- **Wirklichkeit** = die Untermenge des logischen Raums, die tatsächlich realisiert ist (vs. nur möglich).
- Der **Gegenstand bildet das Zentrum eines Clusters von Sachverhalten** — alles außerhalb des Clusters ist Unsinn ([[kap02-satz]] Z. 437).
- Sinn/Unsinn-Grenze entspricht der Cluster-Mitgliedschaft.
## Einfachheit als Bedingung der Klarheit des Sinns — Triumph und Debakel
- **Triumph**: Das Argument (Einfachheit als Bedingung der Klarheit des Sinns, 2.0211/2.0212 → 3.23) ist unschlagbar — präziser: logisch unwiderlegbar.
- **Debakel**: Genau hieraus zieht Wittgenstein seine völlig überzogene Forderung der unbedingten Klarheit.
## Argumentstellen (Programmierer-Analogie)
Gegenstände treten in Argumentstellen der Sachverhalte ein; Stellen sind durch **Typ und Position** bestimmt.
"Den Argumentstellen entsprechen in typisierten Sprachen die Methodensignaturen." ([[archive-was-ist-wahrheit]] Z. 658)
### Beispiele
- **Cäsar war größer als Napoleon** — Typ-Test: "Wasser war größer als Napoleon" ist unsinnig (Typ-Verletzung). Reihenfolge-Test: "Napoleon war größer als Cäsar" sagt etwas anderes.
- **Cäsar wurde 3 Jahre alt** — **sinnvoll≠wahr**: 3 ist im sinnvollen Bereich, aber wegen Cäsars sonstigen Sachverhalten (Gallien erobert, Diktator) ist der Satz unsinnig.
- **Ich war heute früh in Berlin und habe den Eiffelturm besichtigt** — sachlogischer Ausschluss (Form der Person).
- **Cleopatra ist die Komplementärfarbe von Rot** — Wortart allein genügt nicht; Cleopatra bezeichnet einen Gegenstand, aber falsch eingesetzt ([[kap02-satz]] Z. 606).
## Brendel/Papageno-Cluster
Beispiel-Cluster ([[kap02-satz]] Z. 396-447):
- "Wolfgang Brendel hat Cosi van tutte gesungen" — sinnvoll (Brendel-Cluster).
- "Papageno hat Cosi van tutte gesungen" — unsinnig (außerhalb Cluster).
- "Papageno hat Papagena geheiratet" — sinnvoll, falsch (Papageno-Cluster).
- "Wolfgang Brendel hat Papagena geheiratet" — unsinnig.
## Defensive vs. starke Lesart von Sachlage
[[expose-hp-schuett-old]] Z. 530-547:
- **Defensiv**: Sachlage = Sachverhalt + unmittelbare Implikationen seines Bestehens.
- **Stark**: Sachlage als vollwertiger Möglichkeitsraum mit aller Implikationsstruktur.
- In Satzreihe 2 unterstützt der Text die defensive Lesart (2.061: Sachverhalte unabhängig). Erst in Satzreihe 4.1 ff wird die starke Lesart durchgehalten.
## Holismus
[[kap01-original]] Z. 728-732: "Der logische Raum ist von vornherein vollständig aufgespannt: Bereits in Satz 2.0123 stellt er fest, dass die Form des Gegenstandes abschließend gegeben ist." Holismus implicit; systematische Auflösung erst Satzreihe 5.5*.
## ABH-Schlüsselstellen
- 1.13 "Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt." (logischer Raum bereits hier eingeführt!)
- 2.013 "Jedes Ding ist, gleichsam, in einem Raume möglicher Sachverhalte. Diesen Raum kann ich mir leer denken, nicht aber das Ding ohne den Raum."
- 2.0131 "Der räumliche Gegenstand muss im unendlichen Raume liegen. (Der Raumpunkt ist eine Argumentstelle.)" — plus Farbe/Ton/Härte-Beispiel.
- 2.014 / 2.0141: Form des Gegenstands = Möglichkeit des Vorkommens in Sachverhalten.
- 2.0124 "Sind alle Gegenstände gegeben, so sind damit auch alle möglichen Sachverhalte gegeben."
- 2.06 Wirklichkeit = Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten.
- 2.063 (Holismus).
- 4.031 Möglichkeitsraum für Gedanke-Welt-Vergleich.
- 5.5* (systematische Auflösung).
- 5.47321 ("logisch" als Attribut der ganzen Welt verliert Berechtigung).
- 6.45 ("Welt als Ganzes" nicht erfassbar).
## Stellen im Ideenpool
- **kap02-satz** (Brendel-Cluster, Cleopatra-Einwand): [[kap02-satz]] — Z. 388-612.
- **kap01-original** (Ontologie-Matrix, Holismus): [[kap01-original]] — Z. 644-730.
- **buffer** (Form, logischer Raum als Möglichkeitsraum für falsche Bilder): [[buffer]] — gesamter Text.
- **expose-hp-schuett-old** (defensive vs. starke Lesart, Sandwich-Position): [[expose-hp-schuett-old]] — Z. 479-575.
- **archive-was-ist-wahrheit** (Argumentstellen, Cäsar-Beispiele): [[archive-was-ist-wahrheit]] — Z. 644-722.
- **2019-was-ist-wahrheit** (Teekanne-Beispiel zur Universalien-Auflösung): [[2019-was-ist-wahrheit]] — Z. 790-845.
- **2018-was-ist-wahrheit** (Blaume-Inflation): [[2018-was-ist-wahrheit]] — Z. 620-722.
- **exkurs-bildtheorie-solipsismus** (logische Form als Kern): [[exkurs-bildtheorie-solipsismus]] — Z. 360-432.
## Sekundärliteratur
- **Anscombe**: Satz 5.525 "Possibility of a state of affairs is expressed not in a proposition but in an expression's being a significant proposition" — Anscombe analysiert diese Stelle ausführlich (Kap. 5-6).
- **McGinn**: logische Struktur ist Eigenschaft der Sprache; Wirklichkeit hat sie nur "as object of representation". Stützt die formale Lesart des logischen Raums.
## Offene Fragen
- Verhältnis Sachlage / Sachverhalt: 2018-Fassung lässt "Sachlage" als Synonym lesen; 2019/archive ebenso; expose-hp-schuett-old gibt erste Differenzierung (defensive). **Auflösung steht noch aus** — Stelle, an der [[kap02-satz]] abbricht.
- Universalien-Anschluss: 2019-Fassung erwähnt "Rot" als nicht-platzierten Gegenstand; in späteren Fassungen weg.
- "Logischer Raum" als Sammelbegriff vs. spezifische Cluster — Strukturklärung steht aus.
## Verwandte Topics
[[gegenstand]] · [[form]] · [[tatsache-sachverhalt-sachlage]] · [[welt-und-wirklichkeit]] · [[bildtheorie]] · [[satz-und-satzzeichen]]
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# Topic: Mach als Ursprung
Ernst Mach als **eigentlicher Ursprung** der Bezugsweise-Frage, die das Buch behandelt. Erst beim Schreiben/Diskutieren klargeworden (User-Notiz 2026-05-23).
## Hauptthese
> Ernst Mach ist der Ursprung dessen, was Einstein, Bohr und Wittgenstein dann je auf ihre Weise weitertreiben.
>
> Mach wirft das absolute Bezugssystem weg.
> Aber er reflektiert die Wahl des Bezugssystems nicht.
> Einstein nimmt es auf, ohne die Wahl zu klären.
> Wittgenstein klärt die Wahl als logische Notwendigkeit: Beobachter = Grenze des Bildes.
**Das muss gewürdigt werden.** Wittgenstein steht nicht im luftleeren Raum — Mach ist die Erstformulierung.
## Wo Mach im Buch erscheint
**Knapp, in der Einleitung des Hauptbuchs**:
- Eine halbe bis ganze Seite.
- Würdigung, kein eigenes Kapitel.
- Funktion: dem Leser klarmachen, dass die Bezugsweise-Frage älter ist als Wittgenstein, und dass Wittgensteins Beitrag eine *logisch-strukturelle Erweiterung* dieser Linie ist.
- Vermeidet den Eindruck, das Buch baue eine "neue Theorie" — es greift eine Linie auf und schließt sie ab.
## Mach: Was hat er getan?
### "Die Mechanik in ihrer Entwicklung" (1883)
- Kritik am Newton'schen absoluten Raum und absoluten Zeit.
- Bewegung ist immer relativ zu anderen Massen, nicht zu einem absoluten Raum.
- Inspiration für Einsteins Relativität (Einstein hat das selbst anerkannt).
### Was Mach noch nicht macht
- Er fragt nicht: "Was bedeutet es, dass *ich* das Bezugssystem wähle?"
- Er thematisiert nicht: "Der Beobachter ist Voraussetzung jeder Theorie, kann aber nicht in ihr stehen."
- Die Wahl des Bezugssystems bleibt bei ihm pragmatisch, nicht erkenntnistheoretisch.
### Was Wittgenstein hinzufügt
- Die Bezugsweise ist nicht nur in der Physik notwendig, sondern in *jedem* Bild.
- Der Beobachter ist Grenze, nicht Inhalt — logisch notwendig.
- Damit wird Machs pragmatische Relativierung zur **strukturellen Notwendigkeit**.
## Buchpraktische Stellung
### Einleitung
> "Ernst Mach hat zuerst gesehen, dass es kein absolutes Bezugssystem gibt — er hat es nur in der Physik formuliert. Wittgenstein zeigt, warum es kein absolutes Bezugssystem geben *kann*: weil jede Theorie ein Bild ist und jedes Bild einen Beobachter voraussetzt, den es nicht enthalten kann."
### In Kap. 6 (Conclusio)
- Mach-Einstein-Wittgenstein-Linie als Conclusio-Argument: was bei Mach pragmatisch ist, bei Einstein technisch wird, klärt Wittgenstein logisch.
## Stellen im Pool
- [[chat-claude-03-projektübersicht]] Z. 24-28 — Mach erstmals erwähnt.
- [[mach-einstein-bohr-achse]] — ausführlichere historische Linie (für Folgeband).
## Sekundärliteratur
- **Ernst Mach**, *Die Mechanik in ihrer Entwicklung* (1883).
- **Einstein**, Aussagen über Machs Einfluss (in Schilpp, *Albert Einstein: Philosopher-Scientist*).
- Sekundärliteratur zum Wiener Kreis (Mach als Wegbereiter, dann Carnap/Schlick) — kann andeuten, dass auch Wittgensteins Umfeld Mach kannte.
## Was im Folgeband bleibt
Die historische Achse Mach → Einstein → Bohr → Wittgenstein ausführlich, mit Solvay 1927 etc. → [[mach-einstein-bohr-achse]] und [[quantenphysik]].
## Risiken
- **Übergewichtung**: nicht zu lang machen. Mach ist Ursprungs-Notiz, nicht eigenes Kapitel.
- **Wiener-Kreis-Falle vermeiden**: Wittgenstein gehörte nicht dazu, auch wenn er teilweise rezipiert wurde.
- **Pragmatische vs. strukturelle Lesart** klar trennen — Mach pragmatisch, W. strukturell.
## Verwandte Topics
[[beobachter-als-grenze]] · [[quantenphysik]] · [[mach-einstein-bohr-achse]] · [[buchstruktur-viewing-the-world]]
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# Topic: Mach Einstein Bohr Wittgenstein-Achse
Die historische Linie, die das Buch zusammenhält. Aus [[chat-claude-03-projektübersicht]].
## Achse
> **Mach** wirft das absolute Bezugssystem weg.
> **Einstein und Bohr** sehen Teile der Konsequenz, können sie aber nicht zu Ende denken.
> **Wittgenstein** löst es logisch auf — in der Bildtheorie.
Relativität und QM scheitern an exakt derselben Stelle: Der Beobachter ist nötig, wird aber nicht in die Theorie integriert. Wittgenstein erklärt warum: **Der Beobachter ist die Grenze des Bildes, nicht Teil davon** (siehe [[beobachter-als-grenze]]).
## Stationen
### Ernst Mach
- Kritik am Newton'schen absoluten Raum.
- **"Die Mechanik in ihrer Entwicklung"** (1883).
- Folge: kein "absolutes" Bezugssystem mehr.
- Aber: die Wahl des Bezugssystems wird bei Mach nicht selbst reflektiert.
### Albert Einstein
- **Spezielle Relativitätstheorie (1905)**: Bezugssystem als Konstante des Lichts gewählt.
- **Allgemeine Relativitätstheorie (1915)**: Bezugssystem als Krümmung der Raumzeit.
- **Wahl wird nicht reflektiert** — Wittgenstein-Lesart: Beobachter steht am Rand.
- **EPR 1935**: Vollständigkeitsangriff auf QM.
- "Spukhafte Fernwirkung" — Lokalitätsforderung.
### Niels Bohr
- **Komplementarität (1927)**: Welle/Teilchen als zwei Bezugsweisen.
- **Kopenhagener Deutung**: was nicht messbar, hat keine Realität.
- **Wittgenstein-Lesart**: Bohr verwechselt Eigenschaft der Beschreibung mit Eigenschaft der Realität ([[chat-claude-02-quantenphysik]]).
- Auf Bohr lässt sich die Bildtheorie also kritisch anwenden, statt sie als Verbündete zu nehmen.
### Wittgenstein
- ABH 1921: strukturelle Antwort auf das Problem.
- "Beobachter = Grenze des Bildes" — keine Lücke, sondern logische Notwendigkeit.
- 5.6 "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt."
- 5.632 "Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt."
- 5.64 "Der Solipsismus, streng durchgeführt, fällt mit dem reinen Realismus zusammen."
## Verwendung im Buch
- **Einleitung**: vermutlich nicht — zu viel auf einmal.
- **Kap. 1 (Bild)**: knapp anteasern beim Bezugsweise-Begriff.
- **Kap. 6 (Conclusio)**: ausführen als Conclusio-Argument.
- **Epilog (Negative Ethik)**: Einstein als Prior Art für nicht-nihilistischen Relativismus.
## Risiken
- **Historische Linearität** zu erzählen wäre langweilig und unwasserdicht. **Anwenden, nicht erzählen.**
- **Bohr nicht als Verbündeter**, sondern als ambivalentes Beispiel.
- Mach-Anschluss bisher in keiner Buchfassung — gänzliche neu.
## Bisher im Pool
- [[chat-claude-02-quantenphysik]]: Solvay 1927 als zentrale Szene.
- [[chat-claude-03-projektübersicht]]: die Achse als Punkt "Vereinheitlichendes Thema".
- Sonst keine Texte.
## Sekundärliteratur
- **Mach**, "Die Mechanik in ihrer Entwicklung" (1883).
- **Einstein**, "Über die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie" (1916, populär).
- **Bohr**, "Atomic Physics and Human Knowledge".
- **Heisenberg**, "Physik und Philosophie".
- **Schilpp** (Hg.), "Albert Einstein: Philosopher-Scientist".
## Verwandte Topics
[[beobachter-als-grenze]] · [[quantenphysik]] · [[bildtheorie]] · [[buchstruktur-viewing-the-world]] · [[negative-ethik]]
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# Topic: Mathematik · Russell-Kritik · Cantor (als Illustration)
**Kap. 4 des Hauptbuchs.** Kern ist **nicht** eine Mathematik-Theorie, sondern Wittgensteins **Russell-Kritik über Funktion vs. Operation**. Cantor erscheint nur als didaktische Aufhellung — er macht den Punkt anschaulich, ist nicht selbst das Thema.
## Hauptthese (umgewichtet)
**Funktion vs. Operation ist der Kern der Russell-Kritik.** Diese Kritik lässt sich nur auf Basis von Wittgensteins Stellung zur Mengenlehre erläutern.
Logische Reihenfolge im Kapitel:
1. **Mengenlehre-Stellung** Wittgensteins als Voraussetzung (Mengen sind keine Dinge).
2. **Funktion vs. Operation** als Pointe der Kritik an Russells *Principia Mathematica*.
3. **Cantor / Diagonalisierung** nur als didaktische Aufhellung (Beispiel, das W. verständlich macht).
4. **Eigene Zahlenstrahl-Mathematik** zeigt nur "einen Weg, der geht" — Illustration, nicht Theorie.
## Wittgensteins Stellung zur Mengenlehre
- **Mengen sind keine Dinge** — Konsequenz der anti-ontologischen Lesart des Gegenstands.
- ** als abgeschlossene Menge ist mystisch** — kein gültiger mathematischer Begriff (Anwendung von 6.45).
- Mengenlehre als Sprachverwirrung: man behandelt Konstruktionsregeln als ob sie Gegenstände wären.
- Wichtige Stellen (Pflicht-Aufarbeitung aus "Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik"):
- Kritik des Cantor'schen Diagonalverfahrens.
- "Es gibt keine 'Klasse aller Klassen'."
- Anti-Platonismus in der Mathematik.
## Russell-Kritik: Funktion vs. Operation
### Wittgensteins Pointe
- **Funktion** (Frege/Russell): Schema mit fester Argumentstelle; "f(x)".
- **Operation** (W.): Übergang/Verfahren; "wie aus einem Satz der andere wird" (5.2521).
- Russell behandelt Logik als ob sie Funktionsanwendung wäre. W.: das funktioniert nicht für die zentralen logischen Begriffe — Verneinung, Konjunktion etc. sind Operationen, nicht Funktionen.
- **"Keine logischen Gegenstände"** (5.4): "nicht", "und", "oder" sind keine Gegenstände, sondern Resultate von Operationen.
- **Allgemeine Form der Wahrheitsfunktion** (6) = N-Operation als einzige nötige Operation.
### Folge für die Mengenlehre
- Russells Typentheorie ist Funktionsdenken angewendet auf Klassen.
- W.s Operationsdenken macht das überflüssig — und entzieht der Mengenlehre den Boden.
### Folge für Cantor
- Diagonalisierung setzt voraus, dass eine Menge "schon da" ist und durchgegangen werden kann.
- W.: das ist Operationsdenken (Konstruktion) verkleidet als Gegenstandsdenken (gegebene Menge).
- **Diagonalisierung als Grenzüberschreitung**: Zeichen vs. Metazeichen — der Beobachter wird heimlich Teil des Bildes.
## ABH-Schlüsselstellen
- 3.318 "Den Satz fasse ich wie Frege und Russell als Funktion der in ihm enthaltenen Ausdrücke auf." (positiv W. zu Frege/Russell)
- 4.1273 (Russell-Kritik bzgl. Ahnenbeziehung — direkt einschlägig).
- 4.126 — Funktion als formaler Begriff.
- 5.2-5.254 — Operations-Theorie.
- 5.25/5.251 — Operation ≠ Funktion. "Eine Funktion kann nicht ihr eigenes Argument sein, wohl aber das Resultat einer Operation ihre eigene Basis."
- 5.2521 — Operation = was geschehen muss, um aus dem einen Satz den anderen zu machen.
- 5.4 — "Es gibt keine logischen Gegenstände."
- 5.43 — alle Sätze der Logik sagen dasselbe.
- 6 — Allgemeine Form der Wahrheitsfunktion.
- 6.02-6.03 — Reihe der Zahlen, allgemeine Form der ganzen Zahl.
- 6.2-6.22 — Mathematik = logische Methode; Gleichungen.
- 6.211 — Anwendung von Gleichungen.
- **6.45** — Welt als begrenztes Ganzes; mystisch. Kernzitat für -als-mystisch-These.
## Stellen im Pool
- [[expose-hp-schuett]] Kap. 5-6 Roadmap-Stichworte (Wahrheitsoperation als nicht-materielle Regel; Mathematik als Tautologie-Reduktion).
- [[chat-claude-03-projektübersicht]] Kapitel-4-Skizze.
- [[kap02-satz]] Z. 55 — "Funktion vs. Operation" als Programmpunkt.
**Keine ausgearbeiteten Texte.** Das ist die größte konzeptionelle Lücke des Hauptbuchs.
## Sekundärliteratur
- **Wittgenstein**, "Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik" (Suhrkamp Werkausgabe Bd. 6) — Pflicht. Nicht im Vault.
- **Anscombe** Kap. 7 "Wittgenstein, Frege and Ramsey" — Funktions-Diskussion.
- **Anscombe** Kap. 8 "Operations" — N-Operation. **Dichtester Anker im Vault.**
- **Anscombe** Kap. 9 "Formal Concepts and Formal Series".
- **Anscombe** Kap. 10 "The General Form of Proposition" — Satz 6.
- **Kenny** Kap. "The Criticism of Principia" — direkt einschlägig.
- **Frege**, "Funktion und Begriff" (1891).
- **Russell/Whitehead**, *Principia Mathematica*.
- **Cantor**, "Über eine elementare Frage der Mannigfaltigkeitslehre" (1891).
## Anschlussstellen im Hauptbuch
- **Kap. 4 (Kalkül & Mathematik)**: Hauptaufnahme.
- **Kap. 2/3 (Satz/Sprache)**: Frege-Kritik bei der Bedeutungsfrage andocken.
- **Kap. 5 (Grenzen)**: "Keine logischen Gegenstände" als Folge.
## Was im Folgeband (*Viewing the World*) bleibt
- Cantor/Gödel als eigenständiges Mathematik-Kapitel.
- "Bemerkungen über die Grundlagen" systematisch.
- Konstruktivismus-Anschluss (Brouwer?).
- Diagonalisierung detailliert.
→ [[buchstruktur-viewing-the-world]] für die Aufteilung.
## Risiken
- **Stil-Bruch zu "Abiturient lesbar"** droht. Strategie: Cantor *sehr kurz* einsetzen, nicht erklären — nur den Punkt machen.
- Frege/Russell-Vergleich muss präzise sein, ohne in Logik-Lehrbuch-Modus zu fallen.
## Verwandte Topics
[[funktion-operation]] · [[russell-und-frege-kritik]] · [[satz-und-satzzeichen]] · [[gegenstand]] · [[form]] · [[beobachter-als-grenze]] · [[buchstruktur-viewing-the-world]]
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# Topic: Methode · Form der ABH · Nullnummern · Programmatik
Wittgensteins Form-Gehalt-Programm und die Diagnose seines Scheiterns. Methodische Vorbemerkungen, die in allen Buchfassungen wiederkehren.
## Eigene Hauptthese
- **Form-Gehalt-Identität ist Wittgensteins Programm**: "Wittgenstein will das perfekte Buch schreiben, bei dem Form und Gehalte zusammenfallen" ([[kap02-satz]] Z. 16).
- **Konkret bildet er die Form des Logischen Raums nach**: Sätze in strenger Hierarchie; Bedeutung der Termini aus dem Gebrauch im Buch.
- **Lesepraktisches Scheitern**: "Was auf dem Reißbrett durchdacht und konsequent wirkt, scheitert in der Lesepraxis krachend" ([[kap01-original]] Z. 91, [[2018-was-ist-wahrheit]] Z. 56).
- **Strukturproblem, nicht Leserversagen** — selbst Russell, Ramsey scheitern an dem Text ([[2018-was-ist-wahrheit]] Z. 149).
- **"Satzbedeutung = Stellung des Satzes im logischen Raum → Form der Abhandlung"** ([[expose-hp-schuett]] Z. 569): Form der ABH spiegelt den Inhalt.
## Nullnummern-Theorie
Eigene These zu Wittgensteins Satznummern-Systematik ([[kap01-2026]] Z. 86-99, [[2018-was-ist-wahrheit]] Z. 153-176):
- Wittgenstein erklärt Systematik in Fußnote zu Satz 1.
- Hält sich genau einmal daran: Satzreihe 1.
- Sätze mit 0 in der Nummer (z.B. 2.01) sollte es nicht geben.
- **Über 50% des Texts** in Sätzen mit Nullnummern.
- **Funktion**: Nullen verringern das logische Gewicht (längere Nummer), platzieren den Satz aber in der Sortierreihenfolge *vor* den regulär nummerierten Sätzen → **Vorbemerkungen**, die das enge Korsett der Systematik eigentlich nicht zulassen würde.
- **Logisches Gewicht** (2018-Fassung Z. 168-171): 6 Stellen = 0, 5 Stellen = 1, …, 1 Stelle = 5.
## Zwei Leserichtungen
[[kap01-2026]] Z. 72-86, [[kap01-original]] Z. 97-117:
- **Beiordnung** (gleiches Gewicht, z.B. 2.1, 2.2, 2.3) → Voranschreiten im Text.
- **Unterordnung** (längere Nummer, z.B. 2.11 nach 2.1) → Detaillierung, Einstieg.
- Klassische Buchform kennt nur eine. Wittgensteins Verzicht auf Überleitungen macht das Lesen praktisch unmöglich.
## "Sprache ohne Kommunikation"
[[kap01-2026]] Z. 114-122, [[kap01-original]] Z. 147-163:
- Wittgenstein spricht über Sprache, aber **nie über Kommunikation**. Shannon-Weaver-Sprechsituation taucht nicht auf.
- **Früh- wie Spätwerk**: Relativistik bleibt.
- "WICHTIG!!!! Vorbereitung für Schlusskapitel über Wittgensteins Irrtümer."
- **Tabu-Bruch angekündigt**: "Ich werde dieses Tabu brechen, wenn angezeigt. Auch wenn ich Wittgensteins Überzeugung nach dann Unsinn erzähle."
## Eigene methodische Strategie
[[kap02-satz]] Z. 39-66, [[kap01-2026]] Z. 102-122:
- **Problem und Ziel nach vorne** (Satzreihe 4.0).
- **Bildtheorie und Satztheorie als Grundlagen** (vor Satzreihe 1 und 2.0!).
- **Logischer Raum und Tatsache im Logischen Raum** danach.
- **Russell-Auseinandersetzung gezielt** statt durchgängig.
- **Strikt "kein Meta-Text"** (Selbst-Anwendung): "Kein Satz kann den Inhalt eines anderen Satzes bestimmen" ([[kap01-2026]] Z. 40).
## Wittgensteins Anspruch ernst nehmen
- "die [philosophischen] Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst" (ABH Vorwort).
- "Es gibt in der Philosophiegeschichte kaum ein Buch, bei dem Anspruch und Wirklichkeit weiter auseinander fallen" ([[kap01-2026]] Z. 15).
- Ficker-Brief 1919: "Sie werden es nicht verstehen" ([[kap01-2026]] Z. 23).
## Moore und der Tractatus-Name
- Moores Umbenennung zu "Tractatus Logico-Philosophicus" als avantgardistisch-ästhetisierender Kontextverfehler ([[kap01-original]] Z. 69).
- Im Buch wird konsequent **ABH** statt **TLP/Tractatus** verwendet (siehe `project_abh_naming.md` in memory).
## Ramseys Form-Kritik
[[kap01-2026]] Z. 30-56, [[kap01-original]] Z. 109-138:
- Ramsey (Mind 1923): "writes, not consecutive prose, but short propositions numbered so as to show the emphasis…" — Form als Hindernis identifiziert.
- **Aber Ramsey greift zu kurz**: er reduziert die Form auf ein ästhetisches Moment (Einzelsatz). Die Satznummern bilden ein **Netz**, das die Stellung jedes Satzes zu jedem anderen ausdrückt.
## ABH-Schlüsselstellen
- Vorwort (3.-4. Absatz): Anspruch der ABH; Grenze des Denkens nur in der Sprache.
- Vorwort letzter Absatz: "die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst".
- Fußnote zu 1: Satznummern-Systematik.
- 3.262 — Anwendung der Zeichen zeigt.
- 3.325 — Zeichensprache.
- 4.002 — Sprache als Organ, Sprachlogik nicht direkt entnehmbar.
- 4.003 — Unsinn statt Falschheit.
- 4.112 — Philosophie als Klärung der Sätze.
- 4.1121 — Zeichensprache als Thema.
- 5.5563 — "Sätze unserer Umgangssprache sind logisch in perfekter Ordnung."
- 6.54 — Leiter wegwerfen.
## Stellen im Ideenpool
- **kap01-2026** (programmatisch zentral): [[kap01-2026]] — Z. 30-122.
- **kap01-original** (Einleitungs-Analyse): [[kap01-original]] — Z. 61-211.
- **kap02-satz** (Einleitung kompakt): [[kap02-satz]] — Z. 14-67.
- **2018-was-ist-wahrheit** (Russell-Vorwort als Beispiel; Nullnummern + Logisches-Gewicht-Rechnung): [[2018-was-ist-wahrheit]] — Z. 43-176.
- **expose-hp-schuett** (Textanlage + Nullnummern kompakt): [[expose-hp-schuett]] — Z. 109-158.
- **archive-was-ist-wahrheit** (Vorbemerkungs-Note): [[archive-was-ist-wahrheit]] — Z. 297-330.
## Sekundärliteratur
- **`literatur/russell-introduction.md`** — Russells Einleitung. Konstanter Sparringspartner.
- **Ramseys Mind-Rezension** (Oktober 1923) — wird mehrfach zitiert. Nicht im Vault, aber Zitate über die Buchtexte zugänglich.
- **Briefe an Ficker** (1919, Suhrkamp-Brenner-Studien) — werden zitiert.
- **Anscombe**: kein methodisches Kapitel, aber durchgängige Diagnosen.
## Offene Fragen
- **"Sprache ohne Kommunikation"-Diagnose** — Bezug zum Spätwerk und Buch-Schlusskapitel ausstehend.
- **Form-der-ABH-These** (Satzbedeutung = Stellung) muss systematisch eingelöst werden.
- **Polemik-Ton** (z.B. "Kleiderständertheorie", "Wittgenstein hat alles unternommen, um das Verständnis zu erschweren") — Stilfrage für die finale Fassung.
## Verwandte Topics
[[satz-und-satzzeichen]] · [[russell-und-frege-kritik]] · [[zeigen-sagen]] · [[bildtheorie]] · [[logischer-raum]]
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# Topic: Negative Ethik (Epilog)
**Epilog des Buchs**. Abgrenzung von Wittgensteins eigener Konsequenz (Schweigen, Stagnation). Bisher nur als Programmpunkt, nicht ausgearbeitet.
## Hauptthese (aus [[chat-claude-03-projektübersicht]])
> Relativismus ≠ Beliebigkeit.
> Was jenseits der Sagbarkeit liegt, ist per logischer Notwendigkeit geschützt.
> Staat kann nur regulieren, was sagbar ist.
## Programmlinie
1. **Wittgensteins persönliche Konsequenz**: Schweigen → Stagnation. (Spätwerk-Bezug?)
2. **Alternative**: Relativismus ist kein Nihilismus. Einstein als **Prior Art** für einen Relativismus, der nicht in Beliebigkeit umschlägt.
3. **Negativ-formuliert**: Was sich nicht sagen lässt, kann nicht gesetzlich/staatlich erfasst werden — der Bereich der Ethik ist per logischer Notwendigkeit ein Schutzbereich.
## ABH-Schlüsselstellen
- 6.4 "Alle Sätze sind gleichwertig."
- 6.41 "Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen."
- 6.42 "Es kann auch keine Sätze der Ethik geben. Sätze können nichts Höheres ausdrücken."
- 6.421 "Es ist klar, dass sich die Ethik nicht aussprechen lässt. Die Ethik ist transcendental. (Ethik und Ästhetik sind Eins.)"
- 6.422 — Ethik und Belohnung/Strafe.
- 6.423 — Vom Willen als dem Träger des Ethischen kann nicht gesprochen werden.
- 6.43 — Wenn der gute oder böse Wille die Welt ändert, kann er nur die Grenzen ändern, nicht die Tatsachen.
- 6.44 "Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist."
- 6.45 — Welt sub specie aeterni = begrenztes Ganzes; Mystisches.
- 6.5 — Frage, die nicht ausgesprochen werden kann, hat keine Antwort.
- 6.52 — Lebensprobleme bleiben unberührt nach Beantwortung aller wissenschaftlichen Fragen.
- 6.521 — Lösung des Problems = sein Verschwinden.
- 6.522 "Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische."
- 6.53 — richtige Methode der Philosophie: nichts sagen außer was sich sagen lässt; dem anderen seine Unsinnigkeit zeigen.
- 6.54 — Leiter wegwerfen.
- 7 "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."
## Argumentationslinie
1. ABH zeigt: Ethik gehört nicht zur Welt (Welt = Tatsachen).
2. Ethik zeigt sich, kann sich nicht aussprechen (6.421).
3. Das ist **nicht** Negation der Ethik, sondern ihre Bedingung.
4. **Wittgenstein zieht daraus**: Schweigen, persönliche Stagnation.
5. **Alternative**: Das Schweigen ist Schutz, nicht Verzicht. Ethik ist gerade *deshalb* freier Raum, weil sie nicht sagbar ist.
6. **Politische Folge**: Staat reguliert das Sagbare. Was sich entzieht, ist per logischer Notwendigkeit jenseits staatlichen Zugriffs.
## Mach-Einstein als Prior Art
- Einstein gibt **Bezugssysteme** preis, **nicht Bezugssysteme an sich**. Relativismus, nicht Anarchie.
- Genauso: Ethik ist relativ zu einem Bezugssystem (Lebensform, Sprachspiel), aber nicht beliebig.
- Parallele: Gegenstände relativ zum Spiel / Kriterien relativ zur Praxis.
## Bisher im Pool
- **Keine ausgearbeiteten Texte**.
- Nur Programmpunkt in [[chat-claude-03-projektübersicht]].
- [[expose-hp-schuett]] Z. 611-613: "Ethik: Transzendenz. Keine ethischen Sätze." — Outline-Stich.
- [[expose-hp-schuett]] Z. 619: "Das Mystische: Wegfall der Frage."
## Sekundärliteratur
- **Anscombe** Kap. 13 "'Mysticism' and Solipsism" — direkt einschlägig.
- **Wittgenstein** "Vortrag über Ethik" (1929) — späteres Primärmaterial.
- **Schopenhauer** "Die Welt als Wille und Vorstellung" — Hintergrund.
- **Kant** "Kritik der praktischen Vernunft" — Vergleichsfolie für transzendentale Ethik.
- **Kierkegaard** — Einzelner als nicht-objektivierbar (passt strukturell).
## Risiken / Schwierigkeiten
- **"Nicht schmalzig"** ist die Selbstwarnung ([[chat-claude-03-projektübersicht]]).
- **Verhältnis zur McGinn-Lesart**: Wenn Ontologie die Rückseite der Semantik ist, ist Ethik dann der Vorderrand?
- **Staat regulieren** — politisch heikles Pflaster. Wie ohne Polemik formulieren?
- **Spätwerk-Bezug**: PU 7 §241 (Lebensform) ist relevant — gehört aber strukturell zu Kap. 7, nicht Epilog.
## Offene Fragen
- **Wie kurz ist kurz genug?** Selbst-Empfehlung in Chat: "kurz" und "nicht schmalzig".
- **Welche Beispiele tragen?** — bisher keine.
- **Einstein als Prior Art**: ausarbeiten, an welcher Stelle Einstein wirklich diesen Relativismus formuliert hat.
- **Wittgensteins persönliche Stagnation**: biografische vs. systematische Diagnose? Pflicht: keine billige Psychologisierung.
## Verwandte Topics
[[zeigen-sagen]] · [[solipsismus]] · [[beobachter-als-grenze]] · [[buchstruktur-viewing-the-world]] · [[mach-einstein-bohr-achse]]
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# Topic: Neinologie (Negation)
Eigenständige Kapitel-Idee für die Behandlung der Negation. Vom Autor geprägter Begriff, taucht in [[buffer]] und [[chat-claude-03-projektübersicht]] auf.
## Stand
- Buchstruktur: **Kap. 5 "Grenzen / Solipsismus"** enthält das Stichwort "Neinologie" ([[chat-claude-03-projektübersicht]]).
- [[buffer]] erwähnt "Das Thema wird später im Kapitel Neinologie genauer unter die Lupe genommen" (Z. 22).
- **Kein ausgearbeiteter Text.**
## Programmatik
Negation ist in der ABH überraschend reichhaltig behandelt — Anscombe widmet ihr ganze zwei Kapitel (3 und 4). Beim Buchautor ist sie ein eigenes Kapitel, aber bisher nur Stichwort.
### Vermutete Anschlusspunkte
- **Negative Tatsache** (Hypothek aus [[chat-chatgpt-satzreihe-2]]): Wenn Welt = Gesamtheit der Tatsachen, wie ist das Nicht-Bestehen zu fassen? 2.06 erweitert um "negative Tatsache" — aber wie ontologisch ernst zu nehmen?
- **Bestehen vs. Nicht-Bestehen** von Sachverhalten als Definition der Wirklichkeit (2.06).
- **Falsche Bilder** als nicht-bestehende Sachverhalte im logischen Raum (siehe [[buffer]]).
- **Negation als Operation** (5.5, 6.001 — N-Operation als einzige nötige Operation).
- **"Doppelte Negation"** als Beispiel für Operation, die sich aufhebt (5.254).
- **"Keine logischen Gegenstände"** (5.4): "nicht" ist kein Gegenstand, sondern Operation.
## ABH-Schlüsselstellen
- 2.06 — positive und negative Tatsache.
- 2.063 — Wirklichkeit insgesamt.
- 4.061-4.063 — Negation und Wahrheits-Falschheits-Beziehung.
- 4.0621 — "~p" und "p" sagen dasselbe Verschiedenes.
- 4.461-4.462 — Tautologie und Kontradiktion sind sinnlos, aber nicht unsinnig.
- 5.2-5.254 — Operationen.
- 5.43 — alle Sätze der Logik sagen dasselbe.
- 5.44 — keine "Negationsgegenstände".
- 5.5 — Wahrheitsoperationen.
- 6.001 — N-Operation als einzige nötige Operation.
## Stellen im Pool
- [[buffer]] Z. 22 (Verweis aufs Kapitel).
- [[expose-hp-schuett]] Kap. 5.0-5.4 (Wahrheitsoperationen, Reduzierbarkeit).
- [[chat-claude-03-projektübersicht]] Kap. 5.
- **Sonst nichts.**
## Sekundärliteratur
- **Anscombe** Kap. 3 "Negation: (1) The Logicians' Definition of 'not p'".
- **Anscombe** Kap. 4 "Negation: (2) The Picture Theory" — Anwendung der Bildtheorie auf Negation; sehr dichtes Material.
- **Anscombe** Kap. 8 "Operations" — N-Operation.
- **Kenny** — Kap. zur Bildtheorie und zum logischen Atomismus.
- **Hacker** — gegen Diamond/Conant: Negation als ernsthafte Theorie der ABH.
## Offene Arbeitsfragen
- Warum "Neinologie" und nicht einfach "Negation"? Ironischer Ton vs. eigenständiger Begriff?
- Wie das Verhältnis von **negativer Tatsache** zu **Nicht-Bestehen eines Sachverhalts** klären?
- Verbindung zur **Form der Abbildung**: Eine Aussage "kein Mensch sitzt da" ist nicht das Bild "Kein Mensch sitzt da" — wie geht das?
- Stellung im Buch: vor oder nach **Solipsismus**?
- Verhältnis zur **N-Operation**: braucht es technische Logik oder reicht die Anschauung?
## Verwandte Topics
[[funktion-operation]] · [[wahrheit]] · [[bildtheorie]] · [[logischer-raum]] · [[satz-und-satzzeichen]]
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# Topic: Beobachter-Verallgemeinerung · Quantenphysik (als Illustration)
**Kap. 6 (Conclusio) des Hauptbuchs.** Kern ist **nicht** eine Quantenphysik-Erklärung, sondern Wittgensteins **Beobachter-Verallgemeinerung von Einstein zum Solipsismus**. Die QM-Beispiele (Schrödinger-Katze etc.) erscheinen nur als didaktische Stützen — sie machen den Punkt anschaulich, sind nicht selbst das Thema.
## Hauptthese (umgewichtet)
**Wittgensteins genialer Eigenbeitrag**:
- Einstein wiederholt unbemerkt sein eigenes Modell: Relativität setzt einen Beobachter voraus, der ein Bezugssystem wählt — die Wahl wird aber nicht reflektiert.
- Wittgenstein erkennt und verallgemeinert das: Der Beobachter ist die Grenze *jedes* Bildes, nicht nur des physikalischen.
- Münzung auf den Solipsismus: dort ist die Beobachter-Frage am schärfsten — sie lässt sich nicht als "physikalische Eigenheit" wegerklären.
- → das ist die Stelle, an der die Bildtheorie ihre transversale Tragweite zeigt.
Siehe [[beobachter-als-grenze]].
## Argumentationslinie im Kapitel
1. **Einstein-Lesart**: Relativitätstheorie braucht einen Beobachter, der ein Bezugssystem wählt — Wahl wird nicht reflektiert.
2. **Wittgenstein-Lesart**: Beobachter ist die Grenze des Bildes. Strukturmerkmal jedes Bildes, nicht nur des physikalischen.
3. **Verallgemeinerung zum Solipsismus** (5.62 ff): Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern ist Grenze. Solipsismus zeigt sich, lässt sich nicht sagen.
4. **QM als Illustration**: Schrödinger-Katze (didaktisch), Heisenberg-Schnitt (technisch), EPR (Vollständigkeit) — als Anschauungsmaterial.
5. **Pointe**: Die Beobachter-Frage ist in der Physik unentscheidbar, weil sie die Form der Theorie betrifft, nicht ihren Inhalt (2.172).
## QM-Beispiele als Illustration (in absteigender Verständlichkeit)
| Beispiel | Funktion | Wofür einsetzen |
|---|---|---|
| **Schrödinger-Katze** | "die Katze kapiert man" | Einstieg: was bedeutet "Beobachter bestimmt"? |
| **Heisenberg-Schnitt** | technischer Anker | Beobachter-als-Grenze konkret |
| **EPR / Vollständigkeit** | Non Sequitur | Bildtheorie-Spiegel (2.172) |
| Bell, von-Neumann, Bohr-Komplementarität | Reservoir | nur falls nötig, nicht im Haupttext |
> **Vorsicht**: QM-Belege sind dünn, Interpretationen aufgeblasen, Experimente fragwürdiger als ihr Ruf ([[chat-claude-02-quantenphysik]]). **2-3 wasserdichte Beispiele reichen.**
## ABH-Schlüsselstellen
- 2.172 — Form weist sich auf, kann sich nicht abbilden.
- 4.121 — Was sich in der Sprache spiegelt, kann sie nicht darstellen.
- 5.6 — Grenzen meiner Sprache = Grenzen meiner Welt.
- 5.62 — "Was der Solipsismus nämlich meint, ist ganz richtig, nur lässt es sich nicht sagen, sondern es zeigt sich."
- 5.63 "Ich bin meine Welt."
- 5.631-5.633 — Subjekt nicht in der Welt; Grenze der Welt.
- 5.634 — Wahrnehmungs-Trügerischkeit.
- 5.64 — Solipsismus = Realismus, streng durchgeführt.
- 6.4-6.45 — Welt als begrenztes Ganzes; Mystisches.
- 6.522 — Unaussprechliches zeigt sich.
## Falsifizierbarkeitsangabe
**Wenn jemand eine Theorie baut, die den Beobachter vollständig integriert — ohne ihn als Grenze vorauszusetzen —, ist Wittgenstein widerlegt.** Bisher hat das niemand geschafft.
Diese methodische Schärfung ist ein wichtiges Asset für die "akademisch ungedeckt"-Frage.
## Stellen im Pool
- [[notizen-quantenphysik-abriss]] — **Historischer Abriss 19001935** (Planck, Einstein, Bohr, Compton, de Broglie, Heisenberg, Schrödinger, Born, von Neumann, EPR). Belegboden mit Meta-Kommentaren pro Station; enthält die scharfe Schnitt/Kette-Kritik, Heisenberg-Aufladung 1925→1927, Mach-Blindenstock-Vorläufer, EPR-Non-Sequitur. Eigenständiges Quellmaterial, nicht aus Chats abgeleitet.
- [[chat-claude-02-quantenphysik]] — These und Buch-Anwendung.
- [[chat-claude-03-projektübersicht]] — Buchstrukturelle Einordnung.
- [[expose-hp-schuett]] Z. 599-607 — knappe Erwähnung Naturwissenschaft.
## Sekundärliteratur
- **Bohr**, "Atomic Physics and Human Knowledge".
- **Einstein/Podolsky/Rosen 1935** — Original-EPR.
- **Heisenberg**, "Physik und Philosophie".
- **Schrödinger**, "Die gegenwärtige Situation in der Quantenmechanik" (1935).
- **Anscombe** Kap. 13 — Solipsismus.
## Was im Folgeband (*Viewing the World*) bleibt
- Komplettes vereinheitlichendes Argument Relativität ↔ QM ausgeführt.
- Historische Stationen Planck → Bell systematisch.
- Bohr-Komplementarität gegen die eigene Bildtheorie-Lesart durchgespielt.
- Mach-Einstein-Bohr-Wittgenstein als historische Linie ausgearbeitet.
→ [[buchstruktur-viewing-the-world]] für die Aufteilung.
## Risiken
- **Akademisch ungedeckt** — Falsifizierbarkeitsangabe als Absicherung.
- **Physiker werden die Lesart anfechten** — wichtig: QM nicht erzählen, sondern Bildtheorie illustrieren.
- **Kein "Wittgenstein war Physiker"-Effekt**: er hat QM nicht vorhergesagt, er hat die strukturelle Voraussetzung formuliert, an der QM später scheitern *muss*.
## Verwandte Topics
[[beobachter-als-grenze]] · [[solipsismus]] · [[bildtheorie]] · [[form]] · [[zeigen-sagen]] · [[mach-als-ursprung]] · [[buchstruktur-viewing-the-world]]
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# Topic: Russell · Frege · Kenny — Kritik und Abgrenzung
Wittgenstein wird im Buch klar gegen Russell und Frege positioniert; Russell-Vorwort fungiert als durchgängige Negativfolie. Kenny dient als Vertreter der ontologischen Lesart.
## Russell
### Russells Vorwort als zentrale Negativfolie
- "Russell genauer die Einleitung werde ich häufiger zitieren, um eine andere Meinung zum Text zu haben" ([[archive-was-ist-wahrheit]] Z. 83, [[2019-was-ist-wahrheit]] Z. 150).
- **Russells Sachverhalt/Tatsache-Lesart erzeugt Widerspruch**: Stufenmodell führt zu Welt aus Gegenständen → Widerspruch zu 1.1.
- **Russells Solipsismus-Behandlung als "curious discussion"**: "Schon der Start zeigt, dass Russell das Thema nicht in den Gedankengang einordnen kann" ([[2018-was-ist-wahrheit]] Z. 122).
- **Russells Bemerkung zu zwei Männern als Komplex** (Sokrates und Plato): Russells Bezweifelung, sie als simples zu nehmen, führt zum **Zirkel** beim Versuch, sie in Körperteile aufzulösen ([[2018-was-ist-wahrheit]] Z. 582-602, [[archive-was-ist-wahrheit]] Z. 486-524).
- **Russells Erklärung der allgemeinen Satzform "ist nutzlos und sollte ignoriert werden"** (Anscombe Kap. 10, in Anscombe-Volltext): das Buch greift diese Russell-Schwäche auf.
### Anti-Russell-Positionen im Buch
- **Particulars**: Russell unterstellt "Gegenstände unmittelbarer Wahrnehmung". Wittgenstein dagegen: Konstante = Beschreibung; keine vorgegebene "natürliche Basis" ([[kap02-satz]] Z. 542-544).
- **Hierarchisches Tatsache-Sachverhalt-Modell** — wird im Buch konsistent zurückgewiesen.
- **Russell verlängert/dehnt den Text** (z.B. Tatsache = Verbindung von Sachverhalten — steht nicht im Text).
- **Russells Vorwort-Kritik methodisch**: Russell missversteht den Text, obwohl er geübter Leser, Mentor und Wittgenstein wohlgesonnen ist. **"Das Verständnisproblem liegt nicht beim Leser"** ([[2018-was-ist-wahrheit]] Z. 149).
- **Moores ästhetisierende Umbenennung** "Tractatus Logico-Philosophicus" wird kritisiert ([[kap01-original]] Z. 69).
## Frege
- **Bedeutung**: Frege setzt vor-logische Einzeldinge ("die vor jedem wie, das was bestimmt"). Wittgenstein verwirft: Konstante = Beschreibung; "ist größer als" ist Teil der Form ([[kap02-satz]] Z. 542-544, [[archive-was-ist-wahrheit]] Z. 686).
- **Concepts vs. Objects**: Frege braucht zwei Sorten Referenz; W. nicht — "es gibt nichts als Objekte in Konfiguration" (Anscombe Kap. 7).
- **Logischer Schluss / Wahrheitsfunktionen**: Anscombe Kap. 7 — Frege/Russell-Kritik bei W. bezüglich Wahrheitsfunktionen.
- **Frege als positive Quelle**: ABH widmet ihm Vorwort-Dank; Bild-/Modell-Idee teils von Frege.
### Linguistic-Turn-Verortung
- **Wittgenstein ist Vollender, nicht bloß Erbe**: er gibt der sprachlichen Wende ein **Fundament** ([[2019-was-ist-wahrheit]] Z. 140-144, [[archive-was-ist-wahrheit]] Z. 75).
- **Nicht-Nominalismus**: Wittgenstein weist die Universalien-Frage zurück (5.61), trifft keine Sonderbehandlung für Universalien ([[2019-was-ist-wahrheit]] Z. 120-132).
## Kenny
### Kennys Position als Negativfolie
- **Ontologische Lesart der Gegenstände**: Kenny liest Gegenstände als "world-atoms" und beklagt fehlende Erklärung der Korrelation Name-Atom — "Wittgenstein confessed to Russell that he had no idea what the thought-elements were: it would be a matter for psychology to discover" (NB 129, zitiert in Kenny und in [[kap01-original]] Z. 596).
- **Komplex-Missverständnis**: Kennys Beispiel "Messer = Klinge + Griff" interpretiert Komplexität materiell ([[kap01-original]] Z. 627). Das wird mit der Papageno-Zerlegung als **Zirkel** entlarvt.
- **Obskuritäts-Klage**: Kenny zitiert prominent für die "extreme obscurity" der ABH-Eröffnung ([[kap01-original]] Z. 480). Wird im Buch *bestätigt*, aber als Strukturproblem (nicht Leserversagen) gedeutet.
### Wo Kennys Position relativiert wird
Wittgensteins Bemerkung in NB 129 wird *anders* gelesen: Es geht nicht um Sprache→Welt, sondern um Sprache→Gedanke. Welt-Atome sind logische Voraussetzung, nicht psychologische/empirische Entität ([[kap01-original]] Z. 602-614).
## Stellen im Ideenpool
- **2018-was-ist-wahrheit** (Russell-Vorwort-Beispiel-Programm: Sachverhalt-Stelle + Solipsismus-Stelle): [[2018-was-ist-wahrheit]] — Z. 63-150.
- **2019-was-ist-wahrheit** (Linguistic-Turn-Bedenken, Nominalismus): [[2019-was-ist-wahrheit]] — Z. 96-148.
- **archive-was-ist-wahrheit** (Russells Sicht detailliert): [[archive-was-ist-wahrheit]] — Z. 124-178.
- **expose-hp-schuett-old** (Sokrates-Plato-Zirkel, Kleiderständertheorie): [[expose-hp-schuett-old]] — Z. 65-130 und Z. 425-460.
- **expose-hp-schuett** (kompakte Russell-Kritik): [[expose-hp-schuett]] — Z. 176-205.
- **kap01-original** (Kenny-Zitat-Kritik, Russell-Solipsismus-Kritik, Anti-Particulars): [[kap01-original]] — Z. 478-614, Z. 542-544.
- **kap02-satz** (Anti-Russell-particulars, Anti-Frege-Bedeutung): [[kap02-satz]] — Z. 542-544.
## Sekundärliteratur (Volltext im Vault)
- **`literatur/russell-introduction.md`** — Russells eigene Einleitung zur ABH. Direkt zitierbar.
- **`literatur/anscombe-introduction.md`** — Anscombe nimmt teilweise gegen Russell Stellung (Sachverhalt/Tatsache), teilweise mit ihm.
- **`literatur/kenny-wittgenstein.md`** — Kenny-Volltext zum gezielten Befragen.
## Wichtige Russell-Zitate zum Sparring
> "What is complex in the world is a fact. Facts which are not compounded of other facts are what Mr. Wittgenstein calls Sachverhalte, whereas a fact which may consist of two or more facts is a Tatsache" — Russell, Introduction; wird in [[archive-was-ist-wahrheit]] Z. 128 und vielen anderen Stellen analysiert.
> "It is impossible, for example, to make a statement about two men (assuming for the moment that the men may be treated as simples), without employing two names" — Russell; zentrales Zirkel-Beispiel.
> "Wittgenstein's method of dealing with general propositions differs from previous methods by the fact that the generality comes only in specifying the set of propositions concerned" — Russell, in Anscombe-Kap. 11 zitiert.
## Offene Fragen
- **Hacker als Sparringspartner**: würde traditionelle ontologische Lesart vertreten. Bisher nicht im Pool.
- **McGinn als "Verbündete"** der eigenen formal/transzendentalen Lesart — sollte stärker eingebracht werden.
- **Frege-Komplex** ist im Buch weniger ausgearbeitet als Russell-Komplex. Lücke?
## Verwandte Topics
[[tatsache-sachverhalt-sachlage]] · [[gegenstand]] · [[methode-und-form-der-abh]] · [[solipsismus]] · [[einfache-zeichen-und-namen]]
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# Topic: Satz · Satzzeichen · Gedanke
Der Satz als Bild (3.0 ff) — Wittgensteins Übertragung der Bildtheorie auf Sprache. Inkludiert die für das Buch zentrale Triade: **Welt — Satzzeichen — Satz**.
## Eigene Hauptthese
- Der Satz ist ein Bild im Sinne der Bildtheorie. Das ist Wittgensteins **zentrale Entdeckung** in der ABH ([[kap01-original]] Z. 962).
- "Auch Sätze — und damit unsere Gedanken — sind nur gewöhnliche Bilder."
- Sätze haben strukturelle Eigenschaften (Wortstellung), die nicht setzbar sind. Der Satzsinn *zeigt sich*.
- Die Brücke vom Bild zum Satz wird über die Differenzierung **Form der Abbildung / Darstellung / logische Form** geschlagen.
## Gedanke als Kern hinter den Sprachzwecken
- Wittgenstein postuliert in der Abhandlung hinter den Sprachzwecken (Befehl, Gruß, Frage, Warnung) einen gemeinsamen logischen Kern: den **Gedanken** (ABH 3, 4).
- Eigene Ausarbeitung: [[kap02-satz]] Z. 57 (Feuer-Beispiel; Footnote: Spätwerk gibt diese Annahme dediziert auf — an die Stelle des Gedankens treten Sprachspiele).
## Drei-Gliedrige Kette (3.12)
- **Welt** — das Abgebildete.
- **Satzzeichen** — physikalische Instanz; Tatsache (3.14: "Das Satzzeichen besteht darin, dass sich seine Elemente, die Wörter, in ihm auf bestimmte Art und Weise zu einander verhalten. Das Satzzeichen ist eine Tatsache.").
- **Satz** — Zwischenglied; Satzzeichen in projektiver Beziehung zur Welt (3.12).
## "Grün ist grün" / "Komplementärfarbe von Rot" / "Gras ist grün"
[[kap01-original]] Z. 1058-1080, [[kap02-satz]] Z. 562-600:
- Gemeinsam: dasselbe Zeichen vertritt denselben Inhalt.
- Aber: Position im Satz entscheidet die Verwendungsweise. "Grün" als Eigenname (Farbe) vs. "grün" als Eigenschaftswort.
- Strukturelle Eigenschaften (Wortstellung) tragen den Sinn — analog zu Bildelementen.
## Cleopatra-Einwand
"Cleopatra ist die Komplementärfarbe von Rot" — formale grammatikalische Korrektheit, aber unsinnig. Die These rein struktureller Bedingungen wird damit angegriffen. Auflösung: **logischer Raum** und **Gegenstands-Cluster** ([[kap02-satz]] Z. 604-612). [[kap02-satz]] bricht hier ab.
## "Sätze sind immer schon Bilder"
Vermerk im Exposé ([[expose-hp-schuett]] Z. 220): "Sätze zu wählen verbietet sich [als Tatsache-Beispiel]: Sätze sind immer schon Bilder."
## Substitution Nachahmung → Satzsinn (3.13)
[[kap01-original]] Z. 1019-1034: Wittgenstein ersetzt die Nachahmung durch die Forderung eines "gegebenen Satzsinns" — die Bildtheorie wird für den Satz wiederholt. Das **mäandernde Echo** ist bei Wittgenstein **Stilmittel**, keine argumentative Schwäche.
## ABH-Schlüsselstellen
- 3 "Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke."
- 3.001 "Ein Sachverhalt ist denkbar — wir können uns ein Bild von ihm machen."
- 3.1 "Im Satz drückt sich der Gedanke sinnlich wahrnehmbar aus."
- 3.11 "Wir benützen das sinnlich wahrnehmbare Zeichen als Projektion der möglichen Sachlage. Die Projektionsmethode ist das Denken des Satz-Sinnes."
- 3.12 "Der Satz ist das Satzzeichen in seiner projektiven Beziehung zur Welt."
- 3.13 — Satzinhalt enthält Möglichkeit, nicht Inhalt.
- 3.14 "Das Satzzeichen ist eine Tatsache."
- 3.1432 "Nicht: 'das komplexe Zeichen aRb sagt, dass a in der Beziehung R zu b steht', sondern: dass 'a' in einer gewissen Beziehung zu 'b' steht, sagt, dass aRb."
- 3.144 "Sachlagen kann man beschreiben, nicht benennen. (Namen gleichen Punkten, Sätze Pfeilen, sie haben Sinn.)"
- 3.2/3.21/3.22/3.221 — Namen und Vertretung.
- 3.23: Bestimmtheit des Sinns ↔ einfache Zeichen.
- 3.262 — Anwendung der Zeichen zeigt, was sie verschlucken.
- 4.002 — Sprache als Organ; Sprachlogik nicht direkt entnehmbar.
- 4.014 — verschiedene Formen der Darstellung eines Sachverhalts.
- 4.022 — nur eine Bezugsweise des Satzes auf die Welt.
- 4.03/4.031 — Satz als Modell.
## Stellen im Ideenpool
- **kap02-satz** (aktuelle Arbeitsfassung Kap. 2): [[kap02-satz]] — Z. 556-612.
- **kap01-original** (vollständige Behandlung mit Spracherwerb): [[kap01-original]] — Z. 892-1265.
- **kap01-2026** (Outline, Sektion "Der Satz" leer): [[kap01-2026]] — Z. 150.
- **expose-hp-schuett-old** (Beginn der Satz-Diskussion, bricht ab): [[expose-hp-schuett-old]] — Z. 890-950.
- **expose-hp-schuett** (Roadmap für Kap. 3-4): [[expose-hp-schuett]] — Z. 445-525.
- **xmind-mindmap** (Satzreihe-3-Outline): [[xmind-mindmap]].
## Sekundärliteratur
- **Anscombe** (`literatur/anscombe-introduction.md`): Kap. 4 "Negation: The Picture Theory" — Bildtheorie wird gerade für den Satz entwickelt. Auch Kap. 6 "Sign and Symbol" zentral.
- **Russell** (`literatur/russell-introduction.md`): Satz als komplexe Beziehung; Russells "Bedeutung-Bezug"-Trennung wird im Buch kritisiert.
- **Kenny**: "The Picture Theory of the Proposition" als eigenes Kapitel.
## Offene Fragen / Lücken
- **Cleopatra-Einwand**: in [[kap02-satz]] eingeführt, Auflösung ausstehend.
- **Satzbedeutung = Stellung im logischen Raum → Form der Abhandlung** ([[expose-hp-schuett]] Z. 569) — diese Verbindung zur Methodik der ABH ist programmatisch wichtig, aber nicht ausgeführt.
- **Spracherwerb-Sektion** (Hase-Beispiel, [[kap01-original]] Z. 1158-1200) und der Anschluss an "Sprache, die ganz allein ich verstehe" (Z. 1200) — andockbar an [[solipsismus]].
## Verwandte Topics
[[bildtheorie]] · [[einfache-zeichen-und-namen]] · [[ausdruck-symbol]] · [[logischer-raum]] · [[form]] · [[sprache]] · [[gegenstand]]
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# Topic: Solipsismus · Empirische Tautologie
Wittgensteins Behandlung des Solipsismus in Satzreihen 5.6* — kein Ablehnen, sondern systematische Einbeziehung. Im Buch zentral als **Beweis** der eigenen Auffassung der Gegenstände.
## Eigene Hauptthese
- **Wittgenstein verwirft den Solipsismus nicht**, sondern bezieht ihn als gegebenen Sachverhalt in seine Systematik ein ([[exkurs-bildtheorie-solipsismus]] Z. 94-99).
- **Solipsismus = empirische Tautologie**: stellt nur die Gegenstände, nicht ihre Beziehungen, in Frage. **Beweis der eigenen Auffassung der Gegenstände** ([[expose-hp-schuett]] Z. 575-577).
- **Belanglose Geschichten** (Putnam, "böser Forscher") lenken ab — sie sind beliebig austauschbar und tragen nichts zum Verständnis bei.
- **Eigentliches Thema**: das, was solche Geschichten überhaupt ermöglicht.
- **Bild-Höhle-Metapher**: Eine solipsistische Geschichte zu formulieren gleicht dem Versuch, die Form eines Berges anhand der Form der Höhle, in der ich mich befinde, zu bestimmen.
## Putnams Hirn-im-Fass — Polemik
[[kap01-original]] Z. 1300-1326, [[exkurs-bildtheorie-solipsismus]] Z. 434-463:
- Warum muss es ein böser Forscher sein? Ebenso könnte es eine neue Reiseform sein.
- Oder: Ich bin in Wirklichkeit Superman im Empathietraining.
- Oder: Ich bin das Musikinstrument einer fortgeschrittenen Zivilisation, das sein Menschsein nur denkt.
- → Beliebigkeit der Szenarien zeigt: das Szenario selbst trägt nichts.
## Anti-Russell-Notiz
[[2018-was-ist-wahrheit]] Z. 113-131: Russells Behandlung in der ABH-Einleitung als "curious discussion" geht am zentralen Argument vorbei. Sie ist symptomatisch für Russells Schwierigkeit, das Thema in den Gedankengang einzuordnen.
## Anti-Dennett-Notiz
[[exkurs-bildtheorie-solipsismus]] Z. 94: Wittgenstein gehört zu den wenigen Denkern, die den Solipsismus *nicht* unreflektiert mit Bausch und Bogen verwerfen (wie Dennett 1991 in "Consciousness Ignored").
## Empirische Tautologie — Idee
[[kap01-original]] Z. 1330-1357, [[exkurs-bildtheorie-solipsismus]] Z. 465-494 (beide FIXME-Stubs):
- Trügerische Wahrnehmung (5.634) als Anschluss.
- Welt besteht aus Gegenständen — das gängige Bild.
- Solipsistisches Szenario stellt nur die Gegenstände in Frage, nicht die Beziehungen untereinander.
-**Empirie bleibt gleich; Beziehungen stabil.**
- Wahr-/Falschheit zu sprechen impliziert eine Welt außerhalb der Wahrnehmung.
## Anschlussstellen für den Buchaufbau
- **For-Later-Use** (Eimer-Methapher): "Wir haben EINE Wahrnehmung. Welches Wasser aus welchem Hahn — nicht trennbar." Andockbar als Illustration. [[for-later-use]]
- **Sprache, die ganz allein ich verstehe** ([[kap01-original]] Z. 1200): Bedeutung bleibt bei der Einzelperson.
- **"Sprache als Organ"** (4.002): biologisches Faktum.
- **"Kommunikation fehlt"** (eigene Diagnose, [[kap01-original]] Z. 147-163): Wittgenstein spricht über Sprache, nie über Kommunikation. Shannon-Weaver-Modell taucht nie auf. Das wird im Buch als Tabu identifiziert, das der Autor bei Bedarf bricht. Stärkere Solipsismus-Brücke.
## ABH-Schlüsselstellen
- 5.552 "Die 'Erfahrung', die wir zum Verstehen der Logik nötig haben, ist nicht die, dass sich etwas so und so verhält, sondern, dass etwas ist; aber das ist eben keine Erfahrung. Die Logik ist vor jeder Erfahrung — dass etwas so ist. Sie ist vor dem Wie, nicht vor dem Was."
- 5.6 "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt."
- 5.61 "Die Logik erfüllt die Welt; die Grenzen der Welt sind auch ihre Grenzen."
- 5.62 — "Was der Solipsismus nämlich meint, ist ganz richtig, nur lässt es sich nicht sagen, sondern es zeigt sich."
- 5.621 "Die Welt und das Leben sind eins."
- 5.63 "Ich bin meine Welt."
- 5.631 — "Das denkende, vorstellende Subjekt gibt es nicht."
- 5.632 "Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt."
- 5.634 — Wahrnehmungs-Trügerischkeit.
- 5.64 "Hier sieht man, dass der Solipsismus, streng durchgeführt, mit dem reinen Realismus zusammenfällt."
- 6.45 — Welt als Ganzes nicht erfassbar.
## Stellen im Ideenpool
- **kap01-original** (Solipsismus-Kapitel mit Putnam + Empirische-Tautologie-Stub): [[kap01-original]] — Z. 1298-1357.
- **exkurs-bildtheorie-solipsismus** (Standalone): [[exkurs-bildtheorie-solipsismus]] — Z. 434-494.
- **expose-hp-schuett** (Roadmap-Eintrag): [[expose-hp-schuett]] — Z. 575-577.
- **for-later-use** (Eimer-Metapher als Anschluss): [[for-later-use]].
- **kap01-2026** (programmatisch): [[kap01-2026]] — Z. 68 ("Wittgensteins Eigenbeitrag: Solipsismus als empirische Tautologie").
- **kap02-satz** (in Einleitung als Programmpunkt): [[kap02-satz]] — Z. 64.
- **2018-was-ist-wahrheit** (Russell-Vorwort-Kritik zu "curious discussion"): [[2018-was-ist-wahrheit]] — Z. 113-131.
## Sekundärliteratur
- **Anscombe** (`literatur/anscombe-introduction.md`): Kap. 13 "'Mysticism' and Solipsism" — Schopenhauer-Hintergrund, "I am the only I", Reflektion zur Grenze der Welt. Direkt relevant für den Buch-Solipsismus-Teil.
- **Kenny** (`literatur/kenny-wittgenstein.md`): "Solipsism" als eigenes Thema.
- **Putnam**: "Reason, Truth and History" (1981) — Hirn-im-Fass-Quelle.
- **Dennett**: "Consciousness Explained" (1991), zitiert als "Consciousness Ignored" (Z. 96 exkurs). Negativfolie.
- **Russell**: Behandlung in ABH-Einleitung als "curious discussion" — Negativfolie.
## Memory-Anker
Siehe `for-later-use.md`: Eimer-Metapher zur Wahrnehmung wartet auf Einbau in dieses Kapitel.
## Offene Fragen / Lücken
- **Empirische Tautologie** — Schlüsselbegriff, in keinem Text ausgeführt. **Größte Lücke** im aktuellen Material.
- **Schopenhauer-Bezug** (Anscombe) — Anschlussstelle für die eigene Lesart noch nicht erschlossen.
- **5.64 "Solipsismus = Realismus"** — sehr starke Stelle, im Material noch nicht behandelt.
- **Subjekt-Grenze (5.632)** — wie verhält sich das zur Bildtheorie-Diagnose?
## Verwandte Topics
[[gegenstand]] · [[wahrnehmung]] · [[sprache]] · [[satz-und-satzzeichen]] · [[wahrheit]] · [[methode-und-form-der-abh]]
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# Topic: Sprache · Spracherwerb · Kommunikation
Sprache als ABH-Hauptthema (4.1121); im Buch zentral für die Brücke zwischen Bildtheorie und Solipsismus.
## Eigene Hauptthese
- **Wittgensteins Thema ist die Zeichensprache** (4.1121). Die Bildtheorie ist die Basis jeder Überlegung der ABH.
- **Sprache ist biologisches Faktum**, kein metaphysisches Konstrukt. "Wittgenstein betrachtet Sprache als eine biologische Gegebenheit" ([[kap02-satz]] Z. 85-87) — wie das Herz: wir nutzen sie, ohne zu wissen, wie sie funktioniert (4.002).
- **Umgangssprache ist logisch vollkommen geordnet** (5.5563). Die Sprachlogik ist ihr aber nicht direkt entnehmbar (4.002).
- **"Sprache ohne Kommunikation"**: Wittgenstein spricht über Sprache, aber nie über Kommunikation. Shannon-Weaver-Sprechsituation fehlt. **Früh- wie Spätwerk**. Relativistik bleibt ([[kap01-2026]] Z. 114-122, [[kap01-original]] Z. 147-163).
## Linguistic-Turn-Verortung
[[2019-was-ist-wahrheit]] Z. 40-148, [[archive-was-ist-wahrheit]] Z. 38-92:
- Wittgenstein als **Vollender des Linguistic Turn**, nicht bloß Erbe.
- Frege/Russell/Whitehead als Vorläufer: klare Sprache statt unklarer Welt.
- "Denken ist in diesem Sinne etwas genuin sprachliches, eine Art innerer Monolog."
- Wittgenstein erweitert: er gibt der Wende ein **Fundament** durch seine ontologischen Überlegungen.
- **Universalien**: W. ist nicht-nominalistisch — weist die Universalien-Frage zurück (5.61). Kein "Wo wohnt Rot?".
## Spracherwerb (Hase-Beispiel)
[[kap01-original]] Z. 1158-1200:
- Kind lernt Bedeutung von "Hase" durch Annäherung — Bilder zeigen, Erklärungen, Singen, Spielen.
- Bedeutung wird **umschrieben, nicht benannt**.
- Lernen erfolgt nie unfallfrei — Beispiel: Hase/Kaninchen-Verwechslung.
- **"Bedeutung bleibt bei der Einzelperson"** → "Sprache, die ganz allein ich verstehe" — Andockstelle für Solipsismus.
## "Gedanke" — sprachlicher Kern
- 3 "Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke."
- 3.1 "Im Satz drückt sich der Gedanke sinnlich wahrnehmbar aus."
- 4 "Der Gedanke ist der sinnvolle Satz."
- **Spätwerk-Hypothek**: "Gedanke und Bild zu identifizieren, heißt der Sprache einen beschreibenden Kern zu geben, der da sein muss, bevor andere Formen der Sprache andere Sprachspiele überhaupt greifen können" ([[expose-hp-schuett-old]] Z. 906). "Vom Spätwerk her gesehen sein eigentlicher Sündenfall."
## Granit-Beispiel (Sprache als Verständigung trotz unterschiedlicher Bedeutung)
[[kap01-original]] Z. 1226-1261:
- Zwei Sprecher mit unterschiedlicher Bedeutung von "Granit" können trotzdem über bestimmte Sätze einig sein.
- **Ausdruck (Symbol) als Aspekt der Bedeutung** — siehe [[einfache-zeichen-und-namen]].
## ABH-Schlüsselstellen
- 3.325 — Begriffsschrift, Notation.
- 4 "Der Gedanke ist der sinnvolle Satz."
- 4.002 "Der Mensch besitzt die Fähigkeit Sprachen zu bauen, … ohne eine Ahnung davon zu haben, wie und was jedes Wort bedeutet. … Die Umgangssprache ist ein Teil des menschlichen Organismus und nicht weniger kompliziert als dieser. Es ist menschenunmöglich, die Sprachlogik aus ihr unmittelbar zu entnehmen. Die Sprache verkleidet den Gedanken."
- 4.003 "Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig."
- 4.014 — Verschiedene Formen der Darstellung eines Sachverhalts.
- 4.025/4.026/4.027 — Übersetzung; Verstehen aus Bestandteilen.
- 4.1121 — Sprachphilosophie ist das Thema.
- 5.5563 "Alle Sätze unserer Umgangssprache sind, so wie sie sind, logisch vollkommen geordnet."
- 5.6 "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt."
- 5.62 — "Sprache, die allein ich verstehe."
## Stellen im Ideenpool
- **kap02-satz** (Wittgensteins Idee zur Sprache, 4.002 ff): [[kap02-satz]] — Z. 79-150.
- **kap01-original** (Spracherwerb + Granit-Symbol): [[kap01-original]] — Z. 1096-1265.
- **kap01-2026** ("Sprache ohne Kommunikation"-Diagnose): [[kap01-2026]] — Z. 114-122.
- **2019-was-ist-wahrheit** (Linguistic-Turn-Verortung): [[2019-was-ist-wahrheit]] — Z. 38-148.
- **archive-was-ist-wahrheit** (Linguistic-Turn kompakt): [[archive-was-ist-wahrheit]] — Z. 38-92.
- **expose-hp-schuett** (Sprache als Organ, Kap. 4.1 Outline): [[expose-hp-schuett]] — Z. 479-483.
- **expose-hp-schuett-old** (Sündenfall-Note): [[expose-hp-schuett-old]] — Z. 906.
## Sekundärliteratur
- **Anscombe**: Kap. 1 (Spracherwerb, Acquaintance/Description), Kap. 6 (Sign and Symbol), Kap. 9 (Formale Begriffe).
- **Russell**: Theory of Descriptions als Hintergrund.
- **Shannon/Weaver** — Buch-Sparringspartner für "Sprache ohne Kommunikation".
- **Spätwerk-Wittgenstein** (PU) — relevant für die Gedanke=Bild-Hypothek; siehe `wittgenstein-schriften/Philosophische Untersuchungen/Philosophische Untersuchungen.md` im Vault.
## Offene Fragen / Lücken
- **"Sprache ohne Kommunikation"-Diagnose**: angekündigt als Schlusskapitel-Thema, bisher nirgends ausgeführt.
- **Spätwerk-Bezug**: wie verhält sich die ABH-Sprachlehre zum Spätwerk? Ist die Gedanke=Bild-Gleichsetzung wirklich der "Sündenfall"?
- **Universalien-Anschluss** ([[2019-was-ist-wahrheit]]): in späteren Fassungen weg, aber relevant.
- **Shannon-Weaver-Modell** als methodisches Werkzeug: kann es helfen, das Tabu zu brechen?
## Verwandte Topics
[[satz-und-satzzeichen]] · [[einfache-zeichen-und-namen]] · [[solipsismus]] · [[methode-und-form-der-abh]] · [[bildtheorie]]
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# Topic: Tatsache · Sachverhalt · Sachlage
Der Kern der eigenen Lesart. Russells Modell führt zu Widerspruch mit 1.1; die Auflösung liegt darin, dass Tatsachen *nicht* aus Gegenständen zusammengesetzt sind.
## Eigene Hauptthese
- **Tatsache** = Stück Welt mit Sinneinheit; über das sich, ohne den Kontext zu kennen, sinnvolle Aussagen treffen lassen.
- **Sachverhalt** = Bezugsweise auf die Tatsache; Verbindung von Gegenständen; logisch unabhängig von anderen Sachverhalten.
- **Sachlage** = Sachverhalt im logischen Raum (Möglichkeitsraum). Defensiv: Sachverhalt plus unmittelbare Implikationen. Stark: alle möglichen Konfigurationen.
- **Tatsache ist NICHT aus Sachverhalten zusammengesetzt; Sachverhalte schon aus Gegenständen.** Diese Asymmetrie ist die Auflösung des Russell-Widerspruchs.
- Eine Tatsache entspricht *mehreren* Sachverhalten; Brendel + Lindauer-Marionetten ist der Test-Fall.
## Russells Widerspruch (Auslöser)
Russells Lesart (Einleitung zur ABH): Sachverhalte sind atomare Tatsachen, Tatsachen sind Verbindungen von Sachverhalten. Daraus folgt:
- Tatsachen sind mittelbar aus Gegenständen → Welt aus Gegenständen → Widerspruch zu 1.1.
## ABH-Schlüsselstellen
- **1.1** "Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge."
- **2** "Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten."
- **2.01** "Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)"
- **2.06** "Das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten ist die Wirklichkeit. (Das Bestehen von Sachverhalten nennen wir auch eine positive, das Nichtbestehen eine negative Tatsache.)"
- **2.061** "Die Sachverhalte sind voneinander unabhängig." (vs. Tatsachen, wo das nicht steht)
- **2.0121 ff** — Sachlage eingeführt, aber nicht systematisch von Sachverhalt abgegrenzt.
- **1.21** Tatsachen sind nicht explizit unabhängig — siehe S. 6.45.
## Stellen im Ideenpool
- **2018-was-ist-wahrheit** (Kompasssatz-Behandlung; Russells Vorwort-Kritik bei "Sachverhalt is wise"): [[2018-was-ist-wahrheit]] — besonders Z. 69-90.
- **2019-was-ist-wahrheit** (mit Linguistic-Turn-Rahmung): [[2019-was-ist-wahrheit]] — Z. 161-246.
- **archive-was-ist-wahrheit** (durchgearbeitete Version mit Lindauer-Marionetten-Test): [[archive-was-ist-wahrheit]] — Z. 94-292.
- **expose-hp-schuett-old** (mit Sandwich-Position, defensive vs. starke Lesart): [[expose-hp-schuett-old]] — Z. 51-575.
- **expose-hp-schuett** (kompakte Form): [[expose-hp-schuett]] — Z. 160-296.
- **kap02-satz** (in jetziger Arbeitsfassung): [[kap02-satz]] — Z. 392-470.
- **kap01-original** (mit Ontologie-Matrix): [[kap01-original]] — Z. 393-727.
- **Thesen-Abriss** (ABH-Stellenkanon): [[thesen-abriss]].
## Sekundärliteratur
- **Anscombe** (`literatur/anscombe-introduction.md`, Kap. 1):
- Sachverhalt etymologisch "Halt der Sachen"; Verkettung einfacher Gegenstände, "hängen ineinander wie Glieder einer Kette" (2.03).
- Monte-Cassino-Brief (1919): Sachverhalt korrespondiert elementarem Satz; Tatsache korrespondiert logischem Produkt elementarer Sätze.
- 2.06 erweitert Tatsache um die "negative" Variante — Bestehen/Nichtbestehen von Sachverhalten.
- Anscombe weist Stenius' Vorschlag zurück, Sachlage als nicht-atomares Pendant zu Sachverhalt zu lesen — sie hält an W.s eigener 1919er Erklärung fest.
- Anscombes Konstanz: Sachverhalte sind *positive Einheiten*; Tatsachen können positiv oder negativ sein. Tatsache-Begriff wird durch Sachverhalt-Begriff erklärt, nicht umgekehrt.
- **McGinn** (siehe `project_users_gegenstand_reading.md` in memory, NDPR-Review-Quotes): Die Eröffnungssätze artikulieren *keine* realistische Metaphysik; sie sind Klärung der logischen Ordnung, die jedes wahr/falsch-System erfordert. Tatsache/Sachverhalt als Strukturmerkmale, nicht Welt-Inventar.
- **Kenny**: kritisierte Obskurität der ABH-Eröffnung; las Komplex materiell — wird in [[kap01-original]] und [[2018-was-ist-wahrheit]] explizit angegriffen.
## Offene Fragen / Lücken
- Klärung "Sachlage vs. Sachverhalt" — wird im aktuellen Haupttext (kap02-satz) noch nicht ausgeführt. Bricht im "Logischen Raum"-Kapitel ab.
- "Tatsache" als Sinneinheit ohne Kontext: methodisch das Foto-Kriterium tragfähig? — Defensive Markierung in mehreren Fassungen.
- "Logische Unabhängigkeit der Tatsachen" (1.21) vs. "Logische Unabhängigkeit der Sachverhalte" (2.061) — Bedeutung dieser Asymmetrie für 6.45.
## Verwandte Topics
[[gegenstand]] · [[bildtheorie]] · [[logischer-raum]] · [[welt-und-wirklichkeit]] · [[russell-kritik]]
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@@ -0,0 +1,103 @@
# Topic: Vergleichsfiguren-Apparat
Philosophische und wissenschaftliche Vergleichsfiguren des Buchs. Aus [[chat-chatgpt-satzreihe-2]]. **Folien, nicht Schlüssel.**
## Methodische Grundregel
> Vergleichsfiguren nicht zum Selbstzweck verwenden.
> Wittgenstein nicht in eine fremde Tradition zurücklesen, die er gerade transformiert.
## Liste
### Aristoteles
- **Anschluss**: Substanz, Form, Möglichkeit/Wirklichkeit.
- **Vorsicht**: vorschnelle Gleichsetzung mit klassischer Substanzmetaphysik.
- **Zu prüfen**: Verhältnis Substanz/Form bei beiden; Möglichkeit/Wirklichkeit; Gegenstand als Träger möglicher Bestimmungen; Differenz ontologische vs. semantische Funktion von Form.
### Scholastik
- **Anschluss**: Form als Bestimmbarkeit, Substanz/Akzidenz, logische Ordnung als Bedingung von Aussagefähigkeit.
- **Vorsicht**: Gefahr ontologischer Überladung des Tractatus.
### Frege
- **Anschluss**: Satz als gegliederte Einheit, Funktion/Argument-Struktur, Sinn vs. Bedeutung, Bedeutung und Wahrheitswert.
- **Abgrenzung**: Wittgenstein verschiebt stärker auf Bild, Sachverhalt und logischen Raum.
- **Kritisch**: Frege braucht zwei Sorten Referenz (Begriff vs. Objekt) — bei Wittgenstein nur Objekte in Konfiguration.
- → [[russell-und-frege-kritik]].
### Whitehead / Russell
- **Anschluss**: logischer Atomismus, Analyse komplexer Aussagen, Elementarsatz und atomare Tatsache.
- **Problem**: Wie weit übernimmt Wittgenstein den Atomismus, wo radikalisiert er ihn?
- → [[russell-und-frege-kritik]].
### Heidegger
- **Anschluss**: Welt nicht als Dingmenge, Sinnhorizont statt isolierter Gegenstände.
- **Vorsicht**: keine existenzialontologische Überformung. Heideggerisierung ist explizit ausgeschlossen ("keine Heideggerisierung" als Stil-Leitlinie).
- **Nur als Strukturvergleich**, nicht als Erklärungsschlüssel.
### Chomsky
- **Anschluss**: formale Strukturbedingungen von Sprache, grammatische vs. logische Möglichkeit.
- **Funktion**: moderner Kontrast, keine Interpretationsfolie.
### Joachim Schulte
- **Anschluss**: textnahe Wittgenstein-Interpretation.
- **Funktion**: Methode-Vorbild für textnahe Differenzierung.
- **Vorsicht**: keine vorschnelle Korrektur des frühen Wittgenstein aus dem Spätwerk.
### (Weitere relevante Figuren aus dem Material)
#### Anthony Kenny
- Hauptsächlicher Sparringspartner für die **ontologische Lesart der Gegenstände**.
- Wird im Material explizit kritisiert ([[kap01-original]] Z. 596-614 — Missdeutung von "Komplex" als materielle Zusammensetzung).
- Volltext in `literatur/kenny-wittgenstein.md`.
#### G.E.M. Anscombe
- Klassische Wittgenstein-Schülerin und Übersetzerin.
- Volltext in `literatur/anscombe-introduction.md`.
- Position: nahe der formal/transzendentalen Lesart, aber stärker Russell-affin.
- Sehr relevant für **negative Tatsache** (Kap. 4), **Operations** (Kap. 8), **Mysticism/Solipsism** (Kap. 13).
#### Marie McGinn
- **Die zentrale Verbündete** für die formal/transzendentale Lesart (siehe `project_users_gegenstand_reading.md` in memory).
- "Elucidating the Tractatus" (OUP 2006) — nicht im Vault verfügbar (DRM).
- → [[gegenstand]].
#### Diamond/Conant / "New Wittgenstein"
- **Resolute reading**: ABH-Sätze sind als Unsinn intendiert.
- Position **radikaler als die eigene** — der Buchautor baut Inhalt auf, nicht Unsinn.
- Strukturvergleich produktiv, Übernahme nicht.
#### P.M.S. Hacker
- Traditionelle / "ineffabilist" Lesart.
- "Was He Trying to Whistle It?" (2000) — gegen Diamond/Conant.
- Sparringspartner für "show vs. say".
### Wissenschaftliche Figuren (Mach-Einstein-Bohr-Achse)
Siehe [[mach-einstein-bohr-achse]] für die ausführliche Darstellung.
- **Ernst Mach**: absolutes Bezugssystem aufgegeben.
- **Albert Einstein**: relativiert, aber Beobachter unreflektiert.
- **Niels Bohr**: Komplementarität, aber Verwechslung Beschreibung/Realität.
- **Werner Heisenberg**: Schnitt, Unschärfe.
- **John von Neumann**: Kette, Messprozess.
- **Erwin Schrödinger**: Verschränkung, Katze.
- **John Bell**: Lokalitätsverletzung experimentell.
- **Hilary Putnam**: "Brain in a vat" — Solipsismus-Beispiel ([[solipsismus]]).
- **Daniel Dennett**: "Consciousness Explained" (1991) — Negativfolie für die Behandlung des Solipsismus.
### Mathematische Figuren
Siehe [[mathematik-cantor-goedel]].
- **Georg Cantor**: Diagonalisierung — Grenzüberschreitung.
- **Kurt Gödel**: Unvollständigkeit — Selbstreferenz unzulässig.
### Sonstige Bezugs-Köpfe
- **Schopenhauer**: Schmoll-Hintergrund für W.s Mystik/Solipsismus (Anscombe Kap. 13).
- **Kant**: Ding an sich — als Negativfolie für W.s Gegenstands-Diskussion ([[expose-hp-schuett-old]] Z. 292, "Skelett vs. Exoskelett").
- **Frank Ramsey**: Mind-Rezension 1923 — Form-Kritik der ABH. Wird im Buch zurückgewiesen.
- **G.E. Moore**: Tractatus-Umbenennung kritisiert.
## Verwandte Topics
[[russell-und-frege-kritik]] · [[methode-und-form-der-abh]] · [[gegenstand]] · [[mach-einstein-bohr-achse]] · [[mathematik-cantor-goedel]]
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# Topic: Wahrheit
Buchtitel. Im aktuellen Material wird der Begriff durchgängig vorausgesetzt, aber selten eigenständig thematisiert. Eine Lücke.
## Stand der Bearbeitung
- **Wahrheit als Buchthema** wird in den Einleitungen markiert (Buchtitel "Was ist Wahrheit?"), aber inhaltlich erst spät erschlossen.
- "Wittgenstein verspricht 'definitive und unantastbare Wahrheit'" — die Anspruchsspannung ist Buchmotiv ([[kap01-2026]] Z. 17, [[kap01-original]] Z. 65).
- **"Der Schlüssel liegt also darin, den Anspruch ernst zu nehmen, und herauszuarbeiten, welche Wahrheit für Wittgenstein so definitiv, unantastbar und zentral gewesen kann"** ([[kap01-2026]] Z. 66) — das ist die Lesart-Frage.
## Wahrheit im Bildtheorie-Rahmen
Auf der technischen Ebene wird Wahrheit über die Bildtheorie behandelt:
- **Bilder bilden die Wirklichkeit ab**. Ein Bild ist wahr, wenn die strukturelle Identität von Bild und Welt gegeben ist.
- **Wahr und falsch werden durch Vergleich mit der Wirklichkeit festgestellt** (2.222 ff).
- **Ein a priori wahres Bild gibt es nicht** (2.225).
- **Falsche Bilder als mögliche Sachlagen im logischen Raum** — sie beziehen sich auf dieselbe Welt wie wahre Bilder, nur auf andere Weise (siehe [[buffer]]).
## ABH-Schlüsselstellen
- 2.21 — Bild und Wirklichkeit, Sinn.
- 2.221 "Was das Bild darstellt, ist sein Sinn."
- 2.222 "In der Übereinstimmung oder Nicht-Übereinstimmung seines Sinnes mit der Wirklichkeit besteht seine Wahrheit oder Falschheit."
- 2.223 — Vergleich.
- 2.224 "Aus dem Bild allein ist nicht zu erkennen, ob es wahr oder falsch ist."
- 2.225 "Ein a priori wahres Bild gibt es nicht."
- 4.022 "Der Satz zeigt seinen Sinn. Der Satz zeigt, wie es sich verhält, wenn er wahr ist. Und er sagt, dass es sich so verhält."
- 4.024 "Einen Satz verstehen, heißt, wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist."
- 4.25 — Elementarsatz Wahrheit ↔ Bestehen des Sachverhalts.
- 4.3 ff — Wahrheitstafel, Wahrheitsmöglichkeiten.
- 4.46-4.461 — Tautologie und Kontradiktion.
- 4.464 — Tautologie sicher, Satz möglich, Kontradiktion unmöglich.
- 4.466 — Logischer Begriff "Wahrheitsbedingung".
- 5.5 — Wahrheitsfunktion als Operation auf Elementarsätzen.
- 6.1 — Sätze der Logik sind Tautologien.
## Stellen im Ideenpool
- **kap01-2026** (Programmatik, "Schwerpunkt: Lesart"): [[kap01-2026]] — Z. 66-68.
- **kap01-original** (Ausgangspunkt "archimedischer Punkt"): [[kap01-original]] — Z. 171-201.
- **kap02-satz** (Wahrheit als Vorgriff in Einleitung): [[kap02-satz]] — Z. 16-22.
- **buffer** (Wahrheit über Form/logischer Raum): [[buffer]] — gesamter Text.
- **expose-hp-schuett** (Kap. 4 "Bild und Wahrheit" Roadmap): [[expose-hp-schuett]] — Z. 234-249.
- **Thesen-Abriss** (Motto ἐστιν ἐστιν — Parmenides als philosophischer Hintergrund): [[thesen-abriss]].
## Sekundärliteratur
- **Anscombe** (`literatur/anscombe-introduction.md`): Wahrheitsfunktion und Bildtheorie als "one and the same"; Kap. 4-5.
- **McGinn**: Wahrheit als Erfordernis jedes Repräsentations-Systems.
- **Tarski / korrespondenztheoretischer Hintergrund** — bisher nicht im Buch behandelt.
## Offene Fragen (große Lücken)
- **Was ist Wahrheit?** — die titelgebende Frage ist im jetzigen Material **nicht direkt beantwortet**. Stattdessen wird die Frage als Lesart-Frage formuliert: was *Wittgenstein* unter Wahrheit verstand.
- **Wahrheit als Übereinstimmung Bild ↔ Wirklichkeit** (2.222) — die Korrespondenztheorie-Lesart. Wie verhält sie sich zur formal/transzendentalen Gegenstands-Lesart?
- **Logische Wahrheit (Tautologie)** vs. **empirische Wahrheit** — die Trennung wird über Satzreihe 4.46 vorbereitet, aber nicht im Buch ausgeführt.
- **Solipsismus-Spannung**: wenn jede Wahrnehmung Illusion sein kann, wie kann man von Wahrheit überhaupt sprechen? ([[kap01-original]] Z. 1330-1357 — FIXME-Stub.)
- **"Empirische Tautologie"** als Schlüsselbegriff — größte Lücke. Verbindet Solipsismus und Wahrheit.
## Verwandte Topics
[[bildtheorie]] · [[solipsismus]] · [[satz-und-satzzeichen]] · [[logischer-raum]] · [[methode-und-form-der-abh]]
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# Topic: Welt · Wirklichkeit
Die ontologischen Grundbegriffe der ABH und ihre Auseinanderlegung im Buch.
## Eigene Hauptthese
- **Welt** = Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge (1.1). Was der Fall ist.
- **Wirklichkeit** = das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten (2.06). Die "zweite Ebene", die verschiedene Bezugsweisen auf Tatsachen erlaubt ([[expose-hp-schuett]] Z. 302-308).
- **Logischer Raum** spannt Möglichkeiten auf; **Wirklichkeit** ist die Untermenge, die tatsächlich realisiert ist.
- **Welt allein ist unbestimmt**, macht keine Vorgaben, wie sie zu beschreiben ist. Erst das Hinzutreten der Gegenstände ermöglicht klare Bilder ([[2018-was-ist-wahrheit]] Z. 670).
- **Welt vs. Wirklichkeit** wird in den Texten teils auseinandergehalten (besonders 2018-Fassung), teils synonym gelesen.
## Ontologie-Matrix
[[kap01-original]] Z. 680-723:
| Ebene | Inhalt | Funktion |
|---|---|---|
| **Welt** | Tatsachen, die unabhängig betrachtet werden können | das, was der Fall ist |
| **Wirklichkeit** | Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten | Möglichkeitsraum |
| **Logischer Raum** | aufgespannt durch Form der Gegenstände | Strukturierung des Möglichen |
| **Tatsache** | Stück Welt mit Sinneinheit | unabhängig fassbar |
| **Sachverhalt** | Bezugsweise auf Tatsache | Inhalt der Bilder |
| **Gegenstand** | Konstante der Bezugsweise | Strukturmerkmal des log. Raums |
| **Sachlage** | denkbarer Sachverhalt | Möglichkeitsraum |
## "Tatsachen im logischen Raum sind die Welt" (1.13)
[[kap01-original]] Z. 676: Wittgenstein identifiziert die Welt mit den Tatsachen im logischen Raum — bemerkenswerter Holismus schon bei Satz 1.13.
## "Sandwich-Position"
[[expose-hp-schuett-old]] Z. 553-575: Gegenstände/Sachverhalte zwischen Welt und Bild — sie konstituieren weder die Welt (logische Unabhängigkeit der Sachverhalte) noch sind sie Bilder der Welt (obwohl sie deren Inhalte bilden).
## ABH-Schlüsselstellen
- 1 "Die Welt ist alles, was der Fall ist."
- 1.1 "Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge."
- 1.13 "Die Tatsachen im logischen Raum sind die Welt."
- 1.2 "Die Welt zerfällt in Tatsachen."
- 1.21 "Eines kann der Fall sein oder nicht der Fall sein und alles übrige gleich bleiben." (Tatsachen-Unabhängigkeit, aber subtiler formuliert als Sachverhalte-Unabhängigkeit in 2.061)
- 2.04 "Die Gesamtheit der bestehenden Sachverhalte ist die Welt."
- 2.05 "Die Gesamtheit der bestehenden Sachverhalte bestimmt auch, welche Sachverhalte nicht bestehen."
- 2.06 "Das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten ist die Wirklichkeit."
- 2.063 "Die gesamte Wirklichkeit ist die Welt."
- 5.4711 "Einen Satz angeben, heißt: die Wirklichkeit beschreiben."
- 6.45 — "Die Anschauung der Welt sub specie aeterni ist ihre Anschauung als — begrenztes — Ganzes."
## Stellen im Ideenpool
- **kap01-original** (Ontologie-Matrix mit Sätzen 2.04-2.06): [[kap01-original]] — Z. 680-723.
- **archive-was-ist-wahrheit** (Welt-vs-Dingontologie + Tatsachen+Sachverhalte): [[archive-was-ist-wahrheit]] — Z. 94-292.
- **expose-hp-schuett-old** (Sandwich-Position): [[expose-hp-schuett-old]] — Z. 479-575.
- **expose-hp-schuett** (Wirklichkeit als zweite Ebene): [[expose-hp-schuett]] — Z. 302-311.
- **kap02-satz** (Anti-Ontologie der Gegenstände in Bezug zur Welt): [[kap02-satz]] — Z. 449-475.
- **2018-was-ist-wahrheit** (Welt als unbestimmt + Werkzeugkasten): [[2018-was-ist-wahrheit]] — Z. 640-668.
- **2019-was-ist-wahrheit** (Universalien-Frage zu "Wo wohnt Rot?"): [[2019-was-ist-wahrheit]] — Z. 96-110.
- **buffer** (Wirklichkeit im logischen Raum für falsche Bilder): [[buffer]] — gesamter Text.
- **thesen-abriss** (1.1 als Auftakt): [[thesen-abriss]].
## Sekundärliteratur
- **Anscombe** (Kap. 1): Tatsache als Verbindung von Sachverhalten ist *nicht* W.s Position; Sachverhalte sind atomare Einheiten.
- **Russell** (Einleitung): hierarchisches Modell — wird im Buch zurückgewiesen.
- **McGinn**: Logische Struktur ist Eigenschaft der Sprache; Wirklichkeit hat sie nur "as object of representation".
## Offene Fragen
- **Welt ↔ Wirklichkeit ↔ Logischer Raum** — die genaue Aufschlüsselung dieser drei Ebenen wird in einigen Fassungen versucht, ist aber nicht durchgängig. Stelle, an der [[kap02-satz]] abbricht (Ein Vorschlag…).
- **1.21 vs. 2.061**: Warum sagt Wittgenstein bei Sachverhalten "unabhängig", bei Tatsachen aber nicht? Diagnose-Notiz mit Bezug auf 6.45 in [[2019-was-ist-wahrheit]] Z. 256.
- **Holismus 2.063 / 5.5*** — wie aufzulösen?
## Verwandte Topics
[[tatsache-sachverhalt-sachlage]] · [[gegenstand]] · [[logischer-raum]] · [[form]] · [[bildtheorie]]
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# Topic: Zeigen vs. Sagen
Durchgängiges Motiv im Buch. Verbunden mit Wittgensteins Form-Gehalt-Programm und der Reflexivität des ABH-Aufbaus.
## Eigene Hauptthese
- **Zeigen** (in der Struktur / am Gebrauch sichtbar) tritt an die Stelle des **Sagens** (einer Aussage, die wahr oder falsch sein kann). "Wittgenstein sucht die optimale Form, seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen, will Form und Gehalt in der Abhandlung zur Deckung bringen" ([[kap01-original]] Z. 89).
- **Kein Satz kann den Inhalt eines anderen Satzes bestimmen**: "Methodische Hinweise jede Art von Satz, der den Text transzendiert sind zunächst nichts anderes als weitere Sätze" ([[kap01-2026]] Z. 40).
- **Die ABH zeigt ihren Sinn**, sie kann ihn nicht sagen.
- **Strukturelle Eigenschaften zeigen sich** — können dem Bild weder zugeschrieben noch genommen werden (Bildtheorie).
- **Form der Abbildung kann das Bild nicht abbilden — es weist sie auf** (2.172).
## Anwendungen im Buch
### Bildtheorie
- Das Bild *zeigt* seinen Inhalt; man kann ihn nicht von außen anheften ([[kap02-satz]] Z. 251, 253).
- "Nicht: 'Ich drücke etwas im Bild aus.', sondern: 'Im Bild drückt sich sein Inhalt aus.'"
- "Es gibt keine zweite Instanz — etwa das Meinen — die den Bildinhalt bestimmen könnte" ([[kap02-satz]] Z. 256).
### Form
- Form der Abbildung "weist sich auf" (2.172) — kann nicht abgebildet werden.
- "Strukturelle Eigenschaften können dem Bild weder zugeschrieben noch genommen werden. Sie sind gegeben, oder eben nicht."
### ABH-Methode
- Satznummern statt Erläuterungsprosa: "Beim Lesen erschließt sich [die Semantik der Bezüge] nicht automatisch" ([[2018-was-ist-wahrheit]] Z. 104).
- Anwendung der Zeichen zeigt, was Zeichen "verschlucken" (3.262).
- Termini Technici werden nicht definiert (3.262); ihr Gebrauch zeigt ihre Bedeutung.
### Solipsismus
- 5.62 — "Was der Solipsismus nämlich meint, ist ganz richtig, nur lässt es sich nicht sagen, sondern es zeigt sich."
### Logische Form / Welt
- 4.12-4.121 (Anscombe-Kapitel 7 zitiert in Kenny-Volltext): "There can be no pictures of the logical form of the world."
- 6.522 — "Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische."
## Spannung: Buchtext selbst sagt vieles
- Das Buch erläutert Inhalte mit Sätzen, die *etwas sagen*. Wittgensteins Programm zwingt aber das *Zeigen*-Modell auf.
- Selbstreflexive Spannung: ein Buch über das Buch *sagt*, was das Buch *zeigt* — und damit ist es Unsinn nach W.s eigenem Maßstab. Auflösung über 6.54 ("Leiter wegwerfen") oder "Diamond/Conant resolute reading".
- Der Autor entscheidet sich: "Ich werde dieses Tabu brechen, wenn angezeigt. (Auch wenn ich Wittgensteins Überzeugung nach dann Unsinn erzähle)" ([[kap01-2026]] Z. 122).
## ABH-Schlüsselstellen
- 2.172 "Seine Form der Abbildung aber, kann das Bild nicht abbilden; es weist sie auf."
- 3.262 "Was in den Zeichen nicht zum Ausdruck kommt, das zeigt ihre Anwendung. Was die Zeichen verschlucken, das spricht ihre Anwendung aus."
- 3.325 — Zeichensprache.
- 4.022 — Der Satz zeigt seinen Sinn.
- 4.024 — Verstehen des Satzes = wissen, was der Fall ist, wenn er wahr ist.
- 4.121 "Was sich in der Sprache spiegelt, kann sie nicht darstellen. Was sich in der Sprache ausdrückt, können wir nicht durch sie ausdrücken. Der Satz zeigt die logische Form der Wirklichkeit. Er weist sie auf."
- 4.1212 "Was gezeigt werden kann, kann nicht gesagt werden."
- 5.62 — Solipsismus zeigt sich.
- 6.522 — das Mystische.
- 6.54 — Leiter wegwerfen.
## Stellen im Ideenpool
- **kap01-2026** (programmatisch zentral): [[kap01-2026]] — Z. 40-44.
- **kap01-original** (durchgängig): [[kap01-original]] — Z. 87-89, Z. 314-322.
- **kap02-satz** (Bildtheorie-Anwendung): [[kap02-satz]] — Z. 251-261, 594-598.
- **exkurs-bildtheorie-solipsismus** (Bild-zeigen): [[exkurs-bildtheorie-solipsismus]] — Z. 226-237, 295-305.
## Sekundärliteratur
- **Hacker, "Was He Trying to Whistle It?"** — gegen Diamond/Conant; traditionelle "show vs. say"-Lesart.
- **Diamond/Conant ("New Wittgenstein")**: "resolute reading" — ABH-Sätze sind als Unsinn intendiert.
- **Anscombe** (Kap. 13): Mystik / Solipsismus-Zeigen.
## Offene Fragen
- **Eigene Position zu Diamond/Conant**: deutlich nicht-resolut (der Buchtext baut Inhalt auf, nicht Unsinn). Aber wo genau die Grenze?
- **Praktische Folge fürs Schreiben**: jeder Methodensatz im eigenen Buch ist Selbstwidersprüchlich nach strenger Lesart. Tabu-Bruch ist programmatisch reflektiert.
## Verwandte Topics
[[methode-und-form-der-abh]] · [[bildtheorie]] · [[form]] · [[solipsismus]] · [[unsinn]]