reorg
This commit is contained in:
File diff suppressed because it is too large
Load Diff
@@ -0,0 +1,150 @@
|
||||
Was ist Wahrheit?
|
||||
|
||||
—
|
||||
|
||||
Wittgensteins Logisch Philosophische Abhandlung
|
||||
|
||||
I
|
||||
|
||||
Vom Bild zum Solipsismus
|
||||
|
||||
Marcus Hinz
|
||||
|
||||
Einleitung
|
||||
|
||||
Es gibt in der Philosophiegeschichte kaum ein Buch, bei dem Anspruch und Wirklichkeit weiter auseinander fallen, als bei Wittgensteins Logisch- p hilosophischer Abhandlung.
|
||||
|
||||
Schon im Vorwort formuliert Wittgenstein den Anspruch an die Schrift so hoch, wie man ihn nur setzen kann: Auf ein paar Dutzend Seiten (84 in der Deutschen Standardausgabe) will er „die [philosophischen] Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst“ haben, den Schlussstrich der „definitiven und unantast baren“ Wahrheit unter Jahrhunderte philosophischen Denkens setzen.
|
||||
|
||||
Ein Blick in die Rezeptionsgeschichte zeigt ein ernüchterndes Bild: Statt Klarheit ein bunter Teppich, der zum Teil skurrile Blüten treibt: So sieht man die sieben Hauptsätze etwa als Echo der sieben Tage der Schöpfung, oder nutzt de n Text als Libretto einer Oper.
|
||||
|
||||
Wittgenstein war sich sehr wohl darüber im Klaren, dass sich die Abhandlung einfachem Leseverständnis entzieht. Sie richtet sich ausdrücklich an ein Publikum, das zumindest Ähnliches schon einmal gedacht hat . Sehr klar sieht man seine Einschätzung in einem Brief an Ficker 1
|
||||
Ludwig von Ficker war Herausgeber der Zeitschrift Der Brenner (Innsbruck ). Wittgenstein kontaktierte ihn als möglichen Verleger der Abhandlung .
|
||||
Oktober / Anfang November 1919: „Von seiner Lektüre werden Sie … nicht allzuviel haben. Denn Sie werden es nicht verstehen …“ 2
|
||||
Ludwig Wittgenstein: Briefe an Ludwig von Ficker. Herausgegeben von Georg Henrik von Wright unter Mitarbeit von Walter Methlagl (= Brenner-Studien, Bd. 1). Salzburg: Otto Müller Verlag, 1969, S. 35 (Brief an Ludwig von Ficker, Okt. 1919).
|
||||
|
||||
Doch auch das von Wittgenstein intendierte Publikum tat sich mit der Rezeption des Textes schwer. Russell fasst in seiner Einleitung schon recht früh zentrale Themen der Abhandlung falsch auf, oder läuft an ihnen vorbei3
|
||||
Ich werde Russells Einleitung begleitend zum Text besprechen.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Ramsey wei st in seiner Besprechung der Abhandlung in Mind (Oktober 1923) gleich zu Beginn mit Nachdruck darauf hin, dass das Buch sehr schwer zu verstehen sei, und macht die von Wittgenstein gewählte Textform dafür verantwortlich.
|
||||
|
||||
Mr. Wittgenstein writes, not consecutive prose, but short propositions numbered so as to show the emphasis laid upon them in his exposition. This gives his work an attractive epigrammatic flavour, and perhaps makes it more accurate in detail, as each sentence must have received separate consideration; but it seems to have prevented him from giving adequate explanations of many of his technical terms and theories, perhaps because explanations require some, sacrifice of accuracy4
|
||||
Frank P. Ramsey, „Tractatus Logico-Philosophicus“ (Rezension), Mind 32, Nr. 128 (October 1923), 465–478, hier 465. doi: 10.1093/mind/XXXII.128.465.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Zwei Dinge sind am Zitat bemerkenswert: Zum einen der Hinweis, dass Wittgenstein es versäumt, seine Termini Technici zu erläutern oder methodische Hinweise zum Text zu geben.
|
||||
|
||||
Die Form allein müsste Wittgenstein davon aber nicht abhalten.
|
||||
|
||||
Ich lese den Verzicht auf methodisch e Hinweise deshalb strikter als Ramsey: Methodische Hinweise – jede Art von Satz , de r den Text transzendier t – sind zunächst nicht s anderes als weitere Sätze. Sie können den Text richtig oder falsch beschreiben. E s bleibt dann aber zweifelhaft, ob nun das eine oder das andere der Fall ist . Kein Satz kann den Inhalt eines anderen Satzes bestimmen.
|
||||
|
||||
Wittgenstein setzt sein Programm schon in der Anlage de r Abhandlung um: Was die Anwendung der einfachen Zeichen5
|
||||
Abhandlung, Satz 3.262
|
||||
, die Sätze und ihre Anordnung zeigen, kann nicht gesagt – durch andere Sätze behauptet – werden: Die Abhandlung zeigt ihren Sinn. Wittgenstein wählt die Form, um Form und Gehalt in Einklang zu bringen.
|
||||
|
||||
An die Stelle von Erläuterungsprosa setzt Wittgenstein die Satznummern, die dem Text Struktur und Transparenz geben sollen. Wittgenstein – wiederum in einem Brief an Ficker:
|
||||
|
||||
Nebenbei bemerkt, müßten die Dezimalnummern meiner Sätze unbedingt mitgedruckt werden, weil sie allein dem Buch Übersichtlichkeit und Klarheit geben und es ohne diese Numerierung ein unverständlicher Wust wäre6
|
||||
Ludwig Wittgenstein an Ludwig von Ficker, 5. Dezember 1919 , in: Annette Steinsiek / Anton Unterkircher (Hg.), Ludwig (von) Ficker – Ludwig Wittgenstein: Briefwechsel 1914–1920, Innsbruck: innsbruck university press, 2014 , S. 118.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Ramsey greift in seiner Kritik der Form zu kurz: Er stellt bei der Besprechung des Nummernsystems den Einzelsatz, der besondere Sorgfalt erfahren hat, in den Vordergrund und reduziert die von Wittgenstein gewählte Form auf ein ästhetisches Moment.
|
||||
|
||||
Eine Satzn ummer gewichtet aber nicht nur einen Satz. D ie Satznummern insgesamt bilden vielmehr ein Netz, das die Stellung jedes einzelnen Satzes der Abhandlung zu jedem anderen Satz der Abhandlung klar ausdrückt.
|
||||
|
||||
Das von Wittgenstein aufgebaute Netz der Satznummern gibt dem Text ein e sehr geschlossene Form, die auf das Textganze und eben nicht auf den Einzelsatz verweist.
|
||||
|
||||
Es ist auch offensichtlich , dass der immense Anspruch, den Wittgenstein mit der Abhandlung verbindet, nicht durch Kritik anderer Theorien oder die Lösung von Detailfragen der formalen Logik eingelöst werden kann.
|
||||
|
||||
Hier entsteht eine Verkürzung in der Rezeption, die sich bis heute fortsetzt.
|
||||
|
||||
Ich halte diese Lücke nicht primär für ein Versagen der Leser. Sie ist ein Strukturproblem der Abhandlung selbst.
|
||||
|
||||
Der Einklang von Form und Gehalt sollte der Abhandlung besondere Transparenz und Klarheit geben, aber gerade die Form verhindert ein umfassendes, ganzheitliches Verständnis. Wittgensteins Projekt scheitert an der gewählten Form: Die Nummernsystematik garantiert Geschlossenheit, erzeugt aber nicht die Transparenz, die der Text bräuchte, um seinen immensen Anspruch einzulösen.
|
||||
|
||||
Der Schlüssel liegt also darin, den Anspruch ernst zu nehmen, und herauszuarbeiten, w elche Wahrheit für Wittgenstein so definitiv, unantastbar und zentral gewesen kann .
|
||||
|
||||
Der Schwerpunkt meiner Überlegungen liegt auf einer mit dem Text konsistenten Abgrenzung der Begriffe Gegenstand / Sachverhalt / Sachlage und Tatsache sowie einer neuen Einordnung von Wittgensteins Bemerkungen zum Solipsismus.
|
||||
|
||||
## Bemerkungen zur Form und zum Vorgehen
|
||||
|
||||
1) Leserichtung
|
||||
|
||||
Abhandlung gibt über die Nummernsystematik zwei Leserichtungen vor.
|
||||
|
||||
Beiordnung (Folgenummern gleichen Gewichts --> Voranschreiten im Text)
|
||||
|
||||
Unterordnung (Folgenummern geringeren Gewichts --> Einstieg in eine Detaillierung ( Erläuterung des Obersatzes))
|
||||
|
||||
Die klassische Buchform kennt nur eine Leserichtung --> voranschreiten im Text. Abweichendes Textverhalten wird speziell markiert und durch Einleitungen / Überleitungen semantisch in den Textfluss eingebettet.
|
||||
|
||||
Folge der Nummern: Sätze, die im Fluss aufeinanderfolgen würden, stehen oft Seiten auseinander. Fehlende Einleitungssätze / Überleitungen lassen den Leser um unklaren, was Detaillierung (Erläuterung des Obersatzes) im Einzelnen bedeuten soll, welchen Zweck Wittgenstein mit dem Untersatz verfolgt:
|
||||
|
||||
Die Satzhierarchie – einfache generische Nummerm - ist kein vollständiger Ersatz für die semantische Textgliederung: Eher Verwirrung als Klarheit
|
||||
|
||||
2) Nullnummern
|
||||
|
||||
Wittgenstein erklärt sein Nummernsystem in Fußnote zu Satz 1.
|
||||
|
||||
An die dort vorgegebene Systematik hält er sich genau ein mal: In Satzreihe 1.
|
||||
|
||||
Alle anderen Satzreihen enthalten Sätze, in deren Nummern Nullen auftauchen, die so nicht in der Systematik vorgesehen sind.
|
||||
|
||||
Kein kleines Problem: über 50% Prozent des Textes in Sätzen mit Nullnummern.
|
||||
|
||||
Kein Irrtum seitens Wittgenstein ( Er hat nicht nur die Null vergessen ) Nullnummern verhalten sich in der Satzfolge anders (Satz 1 --> 1.1 ABER Satz 2 --> 2.01 (Satz 2.0 fehlt))
|
||||
|
||||
Deutung: Wittgenstein verringert das logische Gewicht, sorgt aber dafür, dass die Sätze in der Sortierreihenfolge VOR de n regulä r nummerierten landen --> Vorbemerkungen, die das enge Korsett eigentlich nicht zulassen würde.
|
||||
|
||||
3) Systematik vor Entwicklung des Gedankens
|
||||
|
||||
Wittgenstein will seine Idee abschließend und systematisch korrekt darstellen.
|
||||
|
||||
Seine Darstellung entwickelt deshalb den Gedanken nicht (er würde seine Idee vom Bild herleiten), sondern presst ihn hart in die richtige Systematik.
|
||||
|
||||
Das führt dazu, dass Teile der Idee an falschen Stellen im Buch landen --> Insbesondere ist Satzreihe 2.0 ohne die Bildtheorie nicht zu verstehen.
|
||||
|
||||
--> Deshalb: Start mit Satzreihe 2.1, nicht mit 1* und 2.0
|
||||
|
||||
4) Logische Mannigfaltigkeit nach vorne ziehen
|
||||
|
||||
Ähnlich wie drei gelagert: Steht aus systematischen Gründen falsch. Logische Mannigfaltigkeit wird direkt hier in der Bildtheorie eingeführt, um das Verständnis des Elementarsatzes zu erleichtern
|
||||
|
||||
5) Sprache ohne Kommunikation
|
||||
|
||||
Eigenart bei Wittgenstein (Früh- wie Spätwerk): Wittgenstein spricht über Sprache, aber NIE über Kommunikation. Er spricht von Verständigung, aber NIE von gemeinsamen Verständnis. --> Die Sprechsituation (hier Shannon-Weaver) kommt nie vor.
|
||||
|
||||
WICHTIG!!!! --> Früh wie Spätwerk --> Relativistik bleibt (Vorbereitung für Schlusskapitel --> Witgesnteins Sicht auf seine Irrtümer)
|
||||
|
||||
Woher die Eigenart kommt, werden wir entwickeln.
|
||||
|
||||
ABER ich werde dieses Tabu brechen, wenn angezeigt. (Auch wenn ich Wittgensteins Überzeugung nach dann Unsinn erzähle)
|
||||
|
||||
## Das Bild
|
||||
|
||||
1) Gliederpuppe vorstellen
|
||||
|
||||
Gliederpuppe als Beispiel, an dem sich Bildtheorie UNMITTELBAR nachvollziehen lässt
|
||||
|
||||
2) Vertretung / strukturelle Abbildung
|
||||
|
||||
im Wesentlichen, wie gehabt
|
||||
|
||||
Strukturelle Isomorphie --> hier als Nachahmung von Bild und Wirklichkeit einführen
|
||||
|
||||
3) Korrelation Bildinhalt / Aufbau
|
||||
|
||||
Zeigen, dass Strukturelle Isomorphie auch für die Vertretung gilt: Der Vertreter kann frei gewählt werden, WEIL er nichts abbildet: Am Vertreter ist das Vertretene nicht zu erkennen (WICHTIG!!!!!! --> einfache Zeichen / Urzeichen)
|
||||
|
||||
Zeigen, dass Vertretung eine Eigenschaft des Bilds – keine der Welt – ist. Eine „natürliche“ / „richtige“ / „vollständige“ Granularität eines Bilds gibt es nicht, es gibt angemessen und unangemessen: Ich kann mit der Figur Körperstellungen nachstellen. Zur Darstellung thailändischen Tempeltanzes reicht es nicht: Dort spielen Hand – Fingerstellung eine Rolle. (vielleicht griffigeres Beispiel)
|
||||
|
||||
JETZT: Logische Mannigfaltigkeit als Match aus Strukturiertheit und GEWÄHLTER Granularität (Logische Mannigfaltigkeit ist EBENSO Eigenschaft der Bilds)
|
||||
|
||||
JETZT: Form der Abbildung / kurz Form der Darstellung und dann die Formel FORM DER ABBILDUNG – FORM DER DARSTELLUNG = LOGISCHE FORM
|
||||
|
||||
Dann Beispiel e für Bilder
|
||||
|
||||
--> Im wesentlichen, wie gehabt
|
||||
|
||||
## Der Satz
|
||||
@@ -0,0 +1,612 @@
|
||||
Was ist Wahrheit?
|
||||
|
||||
—
|
||||
|
||||
Wittgensteins Logisch Philosophische Abhandlung
|
||||
|
||||
I
|
||||
|
||||
Vom Bild zum Solipsismus
|
||||
|
||||
Marcus Hinz
|
||||
|
||||
## Einleitung
|
||||
|
||||
-
|
||||
Wittgenstein will das perfekte Buch schreiben, bei dem Form und Gehalte zusammenfallen
|
||||
|
||||
-
|
||||
Konkret bildet er im Buch die Form des Logischen Raums nach:
|
||||
Die Sätze werden in eine streng gesetzte Hierarchie gebracht, die die Stellung jeden Satzes im Buch zu jedem anderen Satz des Buchs klar macht.
|
||||
Bedeutung der Zeichen (Termini Technici) ergibt sich aus ihrem Gebrauch im Buch
|
||||
|
||||
-
|
||||
Die Abhandlung folgt in ihren Themen strikt de r Systematik des Dargestellten ( Ontologie → [Satzreihe 1] → Das Bild [Satzreihe 2] →Der Satz [Satzreihe 3] → Die Sprache; das Kalkül [Satzreihe 4] → Grenzen der Sprache: Formale Kontradiktion und Tautologie / empirische Tautologie [Satzreihe 5] → Conclusio [Satzreihe 6] → Fazit [Satzreihe 7])
|
||||
|
||||
-
|
||||
Dieser Systematik opfert Wittgenstein die Lesbarkeit. Hier fallen zwei Aspekte besonders in Gewicht:
|
||||
|
||||
-
|
||||
Sein Gedankengang und Ziel erläutert er erst in Satzreihe 4.0, weil erst dort die Sprache, damit eben auch die Umgangssprache, Thema wird.
|
||||
|
||||
-
|
||||
Um die Bildtheorie überhaupt verstehen zu können, muss die Struktur / der Aufbau des logischen Raums klar sein.
|
||||
Das bewerkstelligt Wittgenstein, indem er in Satzreihe 2.0 – den Vorbemerkungen zum Bild – zwar den logischen Raum und seine Struktur beschreibt, das aber mit Begriffen (Tatsache, Sachverhalt, Sachlage, Gegenstand) tut, die so noch gar nicht eingeführt sind. Das macht es schier unmöglich, einen sauberen Start ins Lesen der Abhandlung zu finden (ggf. Russell aus Einleitung für falsches Verständnis von Tatsache / Sachverhalt; Kenny (?) für ontologische Lesart des Gegenstands).
|
||||
|
||||
-
|
||||
Ansatz scheitert krachend.
|
||||
|
||||
-
|
||||
Ich will deshalb den Gedankengang ins Zentrum rücken. Deshalb
|
||||
|
||||
-
|
||||
Problem und Ziel nach vorne (Satzreihe 4.0)
|
||||
|
||||
-
|
||||
Bildtheorie und Satztheorie als Grundlagen
|
||||
|
||||
-
|
||||
Logischer Raum und Tatsache im Logischen Raum
|
||||
|
||||
-
|
||||
Lösung Russells Paradox
|
||||
|
||||
-
|
||||
Funktion vs. Operation
|
||||
|
||||
-
|
||||
Kritik Mengen als Grundlage der Logik
|
||||
|
||||
-
|
||||
Cantor / Gödel und Neue Mathematik am Zahlenstrahl
|
||||
|
||||
-
|
||||
Wittgensteins Eigenbeitrag: Solipsismus als empirische Tautologie
|
||||
|
||||
-
|
||||
Relativistische Welt
|
||||
|
||||
## Wittgensteins Idee
|
||||
|
||||
Ein wenig provokant kann man Wittgenstein durchaus fragen, ob er die Abhandlung eigenem Bekunden nach, ü berhaupt hätte schreiben sollen:
|
||||
|
||||
Einerseits sieht er das Ziel der Philosophie in der Verwendung einer logisch geordneten Sprache, andererseits schreibt e r in Satz 5.5563, dass schon die Umgangssprache „logisch vollkommen geordnet“ ist.
|
||||
|
||||
Wozu braucht es dann einen Philosophen? Etwas vollkommen G eordnete m kann man keine Ordnung hinzufügen, und ihr die Ordnung zu nehmen, kann nicht Sinn der Philosophie sein.
|
||||
|
||||
Wittgenstein gibt auf diese Frage eine sehr präzise Antwort, wie oben gesagt, aber leider nicht zu Beginn der Abhandlung . Das Buch möchte Fragen, die unser Verständnis der Sprache, insbesondere der Umgangssprache betreffen, beantworten, also stehen die Bemerkungen zu m Thema, treu der Systematik folgend, auch in der Satzreihe, die sich mit der Sprache – besser dem Kalkül – befasst – Satzreihe 4.**.
|
||||
|
||||
Die Umgangssprache bildet den Ausgangspunkt der Überlegungen
|
||||
|
||||
4.002 Der Mensch besitzt die Fähigkeit Sprachen zu bauen, womit sich jeder Sinn ausdrücken lässt, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie und was jedes Wort bedeutet. – Wie man auch spricht, ohne zu wissen, wie die einzelnen Laute hervorgebracht werden.
|
||||
|
||||
Die Umgangssprache ist ein Teil des menschlichen Organismus und nicht weniger kompliziert als dieser. [...]
|
||||
|
||||
Wittgenstein betrachtet Sprache als eine biologische Gegebenheit 1
|
||||
Ich lese in der Analogie von Sprache und Organ nur, dass Wittgenstein eine metaphysische Überhöhung der Sprache vermeiden möchte: Sprache ist ein gegebener Fakt, wie jeder andere auch.
|
||||
, als etwas, das der Mensch besitzt, ähnlich, wie er Organe besitz t . Und genau wie wir nicht wissen, wie das Herz funktioniert und doch damit leben , wissen wir nicht, wie die von uns genutzten Sprachen funktionieren und trotzdem können wir sie nutzen .
|
||||
|
||||
Wenn die Sprachen aber – wie in Satz 5.5563 gesagt – logisch vollkommen geordnet s ind , st eht die Kompliziertheit einem Verständnis der Sprache und ihres Funktionierens nicht im Wege: In einer logisch vollkommen geordneten Sprache genügt einfaches Nachschauen.
|
||||
|
||||
Anders Wittgenstein:
|
||||
|
||||
4.002 […]
|
||||
|
||||
Es ist menschenunmöglich, die Sprachlogik aus ihr [der Umgangs sprache] unmittelbar zu entnehmen.
|
||||
|
||||
Die Sprache verkleidet den Gedanken. Und zwar so, dass man nach der äußeren Form des Kleides, nicht auf die Form des bekleideten Gedankens schließen kann; weil die äußere Form des Kleides nach ganz anderen Zwecken gebildet ist als danach, die Form des Körpers erkennen zu lassen.
|
||||
|
||||
Die stillschweigenden Abmachungen zum Verständnis der Um gangs sprache sind enorm kompliziert.
|
||||
|
||||
Sprache ist vielfältig geprägt: Jede Äußerung verfolgt einen bestimmten Zweck: Ein Befehl hat andere Eigenschaften als ein Gruß, dieser wieder andere als eine Frage und die wie der andere als eine Bitte oder eine Warnung.
|
||||
|
||||
Diese Zwecke überlagern einen gemeinsamen Kern, der jeder sprachlichen Äußerung eigen ist. Diesen Kern nennt Wittgenstein Gedanke. Egal ob ich befehle, grüße oder frage, jede Äußerung muss alle Information en enthalten, die benötigt w erden , um sie zu verstehen 2
|
||||
Als Informatiker würde ich sagen, dass das Modell immer vollständig sein muss, egal welche Funktion der Code hat.
|
||||
:
|
||||
|
||||
-
|
||||
Befehle ich, muss klar sein, was getan werden soll,
|
||||
|
||||
-
|
||||
grüße ich, muss klar sein, wen,
|
||||
|
||||
-
|
||||
frage ich, muss klar sein, nach was,
|
||||
|
||||
-
|
||||
warne ich, muss klar sein, wovor.
|
||||
|
||||
Ein Ruf, wie „Feuer, Feuer!“, verkürzt dieser S i cht nach einen ,
|
||||
|
||||
Gedanken, der auf einen Gegenstand ( Feuer ) hinweist, eine unmittelbare Gefährdung ( Ersticken/ Verbrennen ) anzeigt, eine Handlung (Flucht) denkt 3
|
||||
Und ruft jemand „Eiskrem, Eiskrem!“, hat das den gegenteiligen Effekt.
|
||||
, und gibt ihm die Form einer Aufforderung 4
|
||||
Die Idee des Gedankens – etwas Gemeinsamen, das alle Sprachlichen Äußerungen teilen – gibt Wittgenstein im Spätwerk dediziert auf. Man kann, ohne zu stark zu verkürzen, sagen, dass im Spätwerk an die Stelle des Gedankens für jeden der Sprachzwecke eine eigenes Sprachspiel mit jeweils eigenen Regeln treten würde.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Im Ausdruck „Feuer!Feuer!“ müssen Gegenstand, Gefahr und Handlung enthalten sein, sonst könnte man nicht richtig auf den Ausdruck reagieren. D as kann dem Ausdruck aber nicht unmittelbar entn ommen werden . Bedeutung lässt sich nicht herleiten, man muss s ie kennen – erlernt haben .
|
||||
|
||||
„ Feuer“ hat in der Äußerung „Feuer, Feuer!“ eine andere Bedeutung als in der Äußerung „ Feuer ist ein ionisiertes Gas “.
|
||||
|
||||
Beachtet die komplexen Regeln der Sprache nicht, besteht auch umgekehrt die Gefahr, hinter Worten eine falsche Bedeutung zu vermuten. Und hier findet Wittgenstein das eigentliche Thema der Abhandlung :
|
||||
|
||||
4.003 Die meisten Sätze und Fragen, welche über philosophische Dinge geschrieben worden sind, sind nicht falsch, sondern unsinnig. Wir können daher Fragen dieser Art überhaupt nicht beantworten, sondern nur ihre Unsinnigkeit feststellen. Die meisten Fragen und Sätze der Philosophen beruhen darauf, dass wir unsere Sprachlogik nicht verstehen.
|
||||
|
||||
(Sie sind von der Art der Frage, ob das Gute mehr oder weniger identisch sei als das Schöne.)
|
||||
|
||||
Und es ist nicht verwunderlich, dass die tiefsten Probleme eigentlich keine Probleme sind.
|
||||
|
||||
Die Philosophie krankt daran, dass die Komplexität der Sprache im philosophischen Denken nicht berücksichtigt wird, sie ist im Kern von Scheinproblemen geprägt, die sich bei näherem hinsehen ins Nichts auflösen.
|
||||
|
||||
Philosophie hat keinen eigenen Gegenstand, das Ziel ist vielmehr das Klarwerden von Sätzen 5
|
||||
Abhandlung, Satz 4.112
|
||||
.
|
||||
|
||||
Mit dem Fokus auf der Sprache als Gegenstand philosophischer Arbeit nimmt Wittgenstein einen Impuls auf, den er Russ el l und Whitehead bzw. Frege verdankt.
|
||||
|
||||
Anders als die Implusgeber stellt er die Sprache deutlich klarer ins Zentrum der Überlegungen und formuliert auch das Problem deutlich schärfer: Es geht nicht um die Sprache im allgemeinen, es geht um die Bedeutung der Worte: Wir wissen nicht, wie und was die Worte der Sprache bedeuten.
|
||||
|
||||
Dass Wittgenstein glaubt, das Problem so genau eingrenzen zu können, liegt wiederum an seiner Bild- und sich anschließenden Satztheorie.
|
||||
|
||||
## Das Bild
|
||||
|
||||
Die gesamte Abhandlung beruht auf Wittgensteins Überlegungen zur Funktionsweise von Modellen, die zur Abbildung der Welt genutzt werden.
|
||||
|
||||
Kern dieser Überlegungen ist die Bildtheorie, die beschreibt, wie ein Modell die Welt abbildet. In Satzreihe 2.1* stellt Wittgenstein seine Theorie vor:
|
||||
|
||||
2.1 Wir machen uns Bilder der Tatsachen.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.12 Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit.
|
||||
|
||||
Gliederpupp en, wie sie wie sie als Vorlage im Zeichentraining genutzt werden, bieten eine einfache Möglichkeit, Wittgensteins Gedanken unmittelbar aufzeigen.
|
||||
|
||||
## Der A ufbau des Bilds
|
||||
|
||||
ist das Bild eines Menschen.
|
||||
|
||||
Im Bild unterscheidet Wittgenstein zwischen festen und veränderlichen Teilen, die sich in verschiedener Weise auf das abgebildete Stück Welt beziehen.
|
||||
|
||||
## Elemente des Bilds — Vertretung
|
||||
|
||||
2.13 Den Gegenständen entsprechen im Bilde die Elemente des Bildes.
|
||||
|
||||
2.131 Die Elemente des Bildes vertreten im Bild die Gegenstände.
|
||||
|
||||
Die Elemente, von denen Wittgenstein in Satz 2.13 spricht, sind i m vorliegenden Modell einfach zu identifizieren: Sie sind durch Gelenke von einan der getrennt.
|
||||
|
||||
Jede r Teil des Modells steht für einen Gegenstand, der im Bild vorkommt — jedes Element vertritt einen Gegenstand:
|
||||
|
||||
vertritt eine Hand.
|
||||
|
||||
vertritt einen Fuß.
|
||||
|
||||
vertritt den Kopf.
|
||||
|
||||
etc. ...
|
||||
|
||||
D ie zur Vertretung genutzte n Gegenst änd e ha ben mit ihre n Pendants in der Welt nicht viel gemein: Keiner der vertretenen Gegenstände besteht aus Holz, und es fehlen wesentliche Charakteristika, der Hand zum Beispiel die Finger.
|
||||
|
||||
All diese Eigenschaften sind für die Vertretung unerheblich, ich hätte genauso gut Metall statt Holz wählen können.
|
||||
|
||||
Umgekehrt kann ich aus dem Modell aber auch keine Informationen über das Vertretene herleiten:
|
||||
|
||||
lässt nicht erkennen, dass eine Hand fünf Finger hat.
|
||||
|
||||
Informationen über das Vertretene werden im Bild einfach nicht transportier t.
|
||||
|
||||
## Das Bild als Tatsache — Nachahmung
|
||||
|
||||
Anders, betrachtet man die veränderlichen Eigenschaften des Bilds:
|
||||
|
||||
2.14 Das Bild besteht darin, dass sich seine Elemente in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten.
|
||||
|
||||
2.141 Das Bild ist eine Tatsache.
|
||||
|
||||
Das Bild ist eine Tatsache – selbst Teil der Welt, der neben dem Abgebildeten steht.
|
||||
|
||||
Die Elemente des Bilds sind nicht zufällig zusammengewürfelt, stehen vielmehr in bedeutsamer Beziehung z ueinander.
|
||||
|
||||
Das Beispielmodell hat zwei wesentliche strukturelle Eigenschaften:
|
||||
|
||||
-
|
||||
Die Proportionen der Glieder des Modells zueinander entsprechen den typischen Proportionen der Gliedmaße eines Menschen zueinander.
|
||||
|
||||
-
|
||||
Die Glieder der Puppe nehmen eine bestimmte Position zueinander ein.
|
||||
|
||||
Eine Änderung dieser Eigenschaften führt zur unmittelbaren Änderung des Bildinhalts:
|
||||
|
||||
Das Modell kann laufen: . Hier sieht man es sitzen.
|
||||
|
||||
Anders als im Falle der Vertretung ist die Beziehung der strukturellen Eigenschaften von Bild und Abgebildeten unmittelbar gegeben :
|
||||
|
||||
bildet einen sitzenden Menschen ab. Die Positionierung der Puppen glieder entspricht der Positionierung de r Gliedmaße des Menschen:
|
||||
|
||||
2.15 Dass sich die Elemente des Bildes in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten, stellt vor, dass sich die Sachen so zu einander verhalten.
|
||||
|
||||
[ ... ]
|
||||
|
||||
[ ... ]
|
||||
|
||||
2.161 In Bild und Abgebildetem muss etwas identisch sein, damit das eine überhaupt ein Bild des anderen sein kann.
|
||||
|
||||
Die Unmittelbarkeit der Abbildung besteht in der Identität der strukturellen Eigenschaften von Bild und Welt: Das Bild ahmt die Welt nach.
|
||||
|
||||
Diese einfache Beobachtung zur Funktionsweise von Modellen ist das zentrale Argument in Wittgensteins Bildtheorie. Hier führt er die Unterscheidung von sagen und zeigen ein. Z unächst ein kleines Experiment:
|
||||
|
||||
wird im Beispiel zur Vertretung der Hand genutzt.
|
||||
|
||||
Da die Hand hier vertreten wird, ist diese Festlegung ist nicht zwingend, ich kan n auch nutzen, um den Fuß des Menschen zu vertreten, etwa so: .
|
||||
|
||||
Diese Entscheidung hat Konsequenzen für das gesamte Modell:
|
||||
|
||||
ist wesentlich kürzer als , das im ursprünglichen Bild den Fuß vertritt.
|
||||
|
||||
In der Folge müssen alle Glieder der Puppe soweit verkleinert werden, bis die veränderte strukturelle Eigenschaft des Bilds — die Proportion der Größe der Glieder — wiederhergestellt ist.
|
||||
|
||||
Die Wahl der Vertretung ist frei, die Struktur dann strikt vorgegeben.
|
||||
|
||||
Strukturelle Eigenschaften können dem Bild weder zugeschrieben noch genommen werden. Sie sind gegeben, oder eben nicht.
|
||||
|
||||
Nicht: „Ich drücke etwas im Bild aus.“, sondern: „Im Bild drückt sich sein Inhalt aus“. Das Bild entsteht, indem wir die Bildelemente anordne n:
|
||||
|
||||
-
|
||||
Es gibt keine zweite Instan z — etwa das Meine n — die den Bildinhalt bestimmen könnte.
|
||||
|
||||
-
|
||||
Der Bildinhalt ist auf das, was durch die Nachahmung transportiert wird, beschränkt.
|
||||
|
||||
## Die Form der Abbildung
|
||||
|
||||
Das Zusammenspiel der Bildelemente und ihrer Anordnung fasst Wittgenstein zunächst als abbildende Beziehung zwischen Bild und Abgebildetem zusammen.
|
||||
|
||||
Die Vertretung entkoppelt Bild und Abgebildetes: Das Vorkommen von im Bild besagt nicht, dass im Bild eine Hand vor kommt.
|
||||
|
||||
Bild und Abgebildetes sind zunächst nur zwei Tatsachen, die sich unverbunden gegenüberstehen. Nicht s am Bild macht es zwingend zum Bild.
|
||||
|
||||
2.1512 Es [ das Bild] ist wie ein Maßstab an die Wirklichkeit angelegt.
|
||||
|
||||
2.15121 Nur die äußersten Punkte der Teilstriche b erühren den z u messenden Gegenstand.
|
||||
|
||||
D ie abbildende Beziehung muss aktiv hergestellt werden.
|
||||
|
||||
2.151 3 Nach dieser Auffassung gehört also zum Bilde auch noch die abbildende Beziehung, die es zum Bild macht.
|
||||
|
||||
2.1514 Die abbildende Beziehung besteht aus den Zuordnungen der Elemente des Bildes und der Sachen.
|
||||
|
||||
Die abbildende Beziehung besteht in der Festlegung, welches Element des Bilds welchem Element der Welt entsprich t, sie legt also die Regeln der Vertretung fest.
|
||||
|
||||
Sind die Regeln festgelegt, ergibt sich der Bildinhalt – wie oben gezeigt – zwingend aus der Anordnung der Elemente:
|
||||
|
||||
bildet einen sitzenden Menschen ab.
|
||||
|
||||
Es gibt keine sinnvolle Möglichkeit, aus diesem Bild das Bild eines laufenden Menschen zu machen.
|
||||
|
||||
Damit sind Bildinhalte an das gebunden, was mit den Mitteln des Bilds überhaupt nachgeahmt werden kann:
|
||||
|
||||
2.171 Das Bild kann jede Wirklichkeit abbilden, deren Form es hat.
|
||||
|
||||
Das räumliche Bild alles Räumliche, das farbige alles Farbige, etc.
|
||||
|
||||
Die Gliederpuppe kann z.B. nicht den Größenunterschied zwischen Eiffelturm und Kölner Dom abbilden.
|
||||
|
||||
Ob das Prinzip eingehalten wurde, zeigt sich am Bild, man kann es nicht behaupten:
|
||||
|
||||
2.172 Seine Form der Abbildung aber, kann das Bild nicht abbilden; es weist sie auf.
|
||||
|
||||
## An Beispielen
|
||||
|
||||
Ich habe das Beispiel der Gliederpuppe gewählt, weil sich an ihr die Form der Abbildung unmittelbar beobachten lässt.
|
||||
|
||||
Auch wenn nicht immer so klar ersichtlich, gehorcht jedes Bild der Form der Abbildung.
|
||||
|
||||
Drei Beispiele zur Verdeutlichung:
|
||||
|
||||
Der Stadtp lan
|
||||
|
||||
Ein Stadtplan zeigt die Form der Abbildung noch recht offensichtlich:
|
||||
|
||||
Plan der Stadt Worms (Ausschnitt)
|
||||
|
||||
Zur Vertretung werden einfache Linien und geometrische Formen genutzt, d ie Namen der Gebäude müssen explizit genannt werden. Strukturelle Eigenschaft ist die relative Lage der angedeuteten Gebäude und Straßen zueinander.
|
||||
|
||||
Der Bildinhalt ergibt sich zwingend aus der strukturellen Eigenschaft: Gemäß des Planes ist es unmöglich, dass das Raschitor links der Synagoge liegt, und genauso ist es nach diesem Plan ausgeschlossen, dass die Martinspforte und das Museum in unmittelbarer Nachbarschaft liegen.
|
||||
|
||||
Alle Elemente der Form der Abbildung sind also gegeben: Entkopplung durch die Vertretung der Gegenstände, eine strukturelle Eigenschaft, die den Bildsinn vollständig trägt und Begrenzung des Bildes durch seine Form: der Stadtplan kann nicht die Abfahrtzeiten der Stadtbusse abbilden.
|
||||
|
||||
Die Kuchengraphik
|
||||
|
||||
Ein wenig abstrakter schon die Kuchengraphik. Eine Analyse nach Wittgenstein:
|
||||
|
||||
Zur Vertretung werden Kreissektoren genutzt. Strukturelle Eigenschaften sind Anzahl und Winkelgröße der Sektoren.
|
||||
|
||||
Der Bildsinn ergibt vollständig aus den strukturellen Eigenschaften: Es unmöglich, dass die Mengenverhältnisse diesem Bild nach 10: 10: 80 sind – e benso, dass es mehr oder weniger als drei Klassifikationen gibt.
|
||||
|
||||
Komplexer ist die Begrenzung des Bildes durch seine Form der Abbildung:
|
||||
|
||||
Die Kreissektoren können viele verschiedene Inhalte vertreten – Altersgruppen, politische Präferenzen, Marktanteile usw. Aber nicht Beliebige s:
|
||||
|
||||
Es gibt formale Bedingungen, die erfüllt sein müssen, soll eine Kuchengraphik überhaupt sinnvoll sein:
|
||||
|
||||
-
|
||||
Die genutzten Klassifikationen müssen exklusiv sein: Das heißt, n ichts, das in die Darstellung einfließt, darf mehreren Klassifikationen gleich zeitig an gehören .
|
||||
|
||||
-
|
||||
Das Bild impliziert die Vollständigkeit der Klassifikation: Der Kreis steht für ein Ganzes, das von den Sektoren vollständig (z u 100% ) ausgefüllt sein muss.
|
||||
|
||||
Eine Kuchengraphik kann sinnvoll die Sitzverteilung in einem Parlament darstellen – den Anteil der Sitze jeder Partei an der Gesamtsitzzahl.
|
||||
|
||||
Sie kann aber nicht den Anteil von Autofahrern, Kuchenliebhabern und Babysittern an der Bevölkerung darstellen – die Gruppen sind nicht exklusiv und ergänzen sich nicht zu 100 % der Gesamtbevölkerung. Damit wird die Form der Darstellung einer Kuchengraphik verletzt.
|
||||
|
||||
Ein Weg-Zeit Diagramm
|
||||
|
||||
D ie Form der Abbildung greift aber auch im Falle dynamische r Modelle, wie hier dem Weg-Zeit Diagramm des freien Falls.
|
||||
|
||||
Zur Vertretung für Zeit und Strecke dienen die Achsen; Punkte im Koordinatensystem geben an , welche Strecke zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückgelegt wurde .
|
||||
|
||||
Die strukturelle Eigenschaft ist die Anordnung der Punkte im Diagramm, die die Beschleunigung des Körpers über die Zeit abbildet.
|
||||
|
||||
Auch hier wird der Sinn vollständig durch die Strukturellen Eigenschaften des Bildes hergestellt: das Bild zeigt eine Beschleunigung von ca. 9.81 m/s 2 . Die Skalierung der Achsen macht es unmöglich, dem Diagramm einen abweichende Wert e zu entnehmen.
|
||||
|
||||
Und auch d ieses Bild wird durch seine Form beschränkt:
|
||||
|
||||
Zum Beispiel lässt die Zeitachse es nicht zu, statische Beziehungen darzustellen: Es wäre Unsinn zu sagen, dass d er Eiffelturm zu Sekunde 4 höher als der Kölner Dom ist .
|
||||
|
||||
Die gewählten Beispiele erheben weder Anspruch auf systematische Vollständigkeit noch auf eine erschöpfende Analyse einzelner Bildtypen. Sie zeigen aber, dass Wittgensteins Bildtheorie tatsächlich weit trägt. Drei Kernprinzipien lassen sich klar herausstellen:
|
||||
|
||||
-
|
||||
Entkopplung durch Vertretung: Die Zuordnung von Bildelement zu den Elementen des Abgebildeten ist frei. Im Gegenzug werden Informationen über das Vertretene im Bild nicht transportiert.
|
||||
|
||||
-
|
||||
Strukturelle Identität : Der Bildsinn ist durch die strukturelle Identität von Bild und Abgebildeten unmittelbar gegeben, und kann nicht von außen an das Bild herangetragen werden: Das Bild zeigt seinen Sinn.
|
||||
|
||||
-
|
||||
Beschränkung des möglichen Bildinhalts durch die Form: Bilder sind rein deskriptiv: Sie können nur darstellen, was sich durch ihre Struktur nachahmen lässt – was in ihrer Form liegt.
|
||||
|
||||
Die Form der Abbildung ist nicht der Kern der Bildtheorie. Wittgenstein erarbeitet aus ihr die logische Form, die dann zur Basis für den weiteren Text wird.
|
||||
|
||||
Dazu leitet er zunächst in Satz 2.173 die Form der Darstellung ab. Sie spielt im weiteren Textverlauf keine Rolle mehr. Am einfachsten begreift man sie als die Notation eines Bildes: In ihr wir d alles zusammengefasst, was in Bilder n gleichen Inhalts verschieden sein kann .
|
||||
|
||||
Eine alternative Form der Darstellung zur Kuchengraphik oben ist zum Beispiel:
|
||||
|
||||
Auch wenn hier Quadrate statt Kreissektoren zur Vertretung genutzt werden, teilen sich beide Bilder ihre strukturellen Eigenschaften und logische Form.
|
||||
|
||||
In der logische n Form zeigt sich , dass jedes Bild – welcher Art immer – zugleich ein logisches Bild ist 6
|
||||
Das rein logische Bild ist der Gedanke ( Abhandlung, Satz 3)
|
||||
. Wittgenstein schlägt so die die Brücke zum logischen Raum: „Das Bild stellt eine mögliche Sachlage im logischen Raum dar“ 7
|
||||
Abhandlung, Satz 2.202
|
||||
.
|
||||
|
||||
Das Konstrukt des logischen Raums führt Wittgenstein schon in Satz 1.13 ein, verzichtet jedoch auf jede Erläuterung seiner Begrifflichkeit8
|
||||
Neben dem logischen Raum selbst sind die Begriffe Sachverhalt, Sachlage, Tatsache, Gegenstand und Wirklichkeit zentral.
|
||||
– was ein Verstehen der Abhandlung schier unmöglich macht .
|
||||
|
||||
Im folgenden Kapitel stelle ich eine Lesart des logischen Raumes vor, die ein konsistentes und vollständiges Verständnis der Abhandlung ermöglicht.
|
||||
|
||||
## Der Logische Raum
|
||||
|
||||
Beginnen wir mit einem kleinen Experiment ; die systema tischen Details werde ich danach am Text erläutern .
|
||||
|
||||
Ein Tatsache ist für Wittgenstein zunächst nur ein Stück Welt, über das sich – unabhängig von anderen Tatsachen – Bilder anfertigen lassen. Ein Beispiel 9
|
||||
Tatsachen werde ich immer als Photographien darstellen. Es ist das beste, das man in einem Buch leisten kann, auch wenn es sich bei Photographien um Bilder handelt.
|
||||
:
|
||||
|
||||
Wol fgang Brendel als Papageno
|
||||
|
||||
Die Zauberflöte / München 1983
|
||||
Eine einfache Frage: Welche Gegenstände konstituieren diese Tatsache? W as zeigt das Bild?
|
||||
|
||||
Ohne viel Nachdenken kann man drei Antworten geben:
|
||||
|
||||
-
|
||||
Wolfgang Brendel ( der Bariton),
|
||||
|
||||
-
|
||||
Papageno ( die Opernfigur),
|
||||
|
||||
-
|
||||
b eides.
|
||||
|
||||
Je nach Kontext, in den man die Gegenstände setzt, ist jede der Antworten mal richtig, mal falsch , mal unsinnig:
|
||||
|
||||
-
|
||||
x hat auch Cosi van tu tte gesungen. x kann an dieser Stelle nur durch Wolfgang Brendel sinnvoll belegt werden. Setze ich Papageno ein, wird der Satz unsinnig.
|
||||
|
||||
-
|
||||
x hat Papagena geheiratet. Hier führt das Einsetzen von Wolfgang Brendel zu Unsinn. Papageno kann eingesetzt werden, der Satz ist dann aber falsch .
|
||||
|
||||
-
|
||||
Und will man Brendels Papageno mit dem eines anderen Sängers vergleichen, funktioniert das nur, nimmt man beides in den Kontext auf.
|
||||
|
||||
Tatsachen – die Welt, wie wir sie vorf inden – sind vielgestaltig. Kein Bild kann eine Tatsache vollständig abbilden. Das Bild ist die Projektion eines Aspekts der Tatsache.
|
||||
|
||||
Diese Aspekte nennt Wittgenstein Sachverhalte.
|
||||
|
||||
Die drei Beispiele oben beschreiben drei Sachverhalte, die die Tatsache, die im Photo angedeutet ist, konstitui eren 10
|
||||
Natürlich nicht nur aus diesen drei Sachverhalten.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Gegenstände sind in diesem System nicht die ontologische Basis , aus der sich die Welt aufbaut, erfüllen vielmehr eine logische Funktion; sie kennzeichnen die Bezugsweise auf die Welt, sind Konstanten, die über verschiedene Sachverhalte hinweg eine durchgängige Bezugsweise sicher stellen 11
|
||||
Abhandlung, Satz 2.0122
|
||||
.
|
||||
|
||||
Die Verwendung von Papageno signalisiert, dass de r Opernstoff thematisiert wird, die Verwendung von Brendel, dass es um die Person des Bariton s geht.
|
||||
|
||||
Der Gegenstand bildet das Zentrum eines Clusters von Sachverhalten, in denen er überhaupt vorkommen kann. Alles außerhalb des Clusters ist – wie oben gezeigt – Unsinn.
|
||||
|
||||
Der logische Raum wiederholt damit eine Eigenart der Bildtheorie:
|
||||
|
||||
Der Sachverhalt ist von der Tatsache entkoppelt: Genau wie der Vertreter im Bild aktiv zugeordnet werden muss, müssen die Gegenstände, die den Sachverhalt ausmachen, aktiv zugeordnet werden. Nichts an
|
||||
|
||||
erzwingt die Isolation / Identifikation von Papageno, und die wenigsten werden gewusst haben, dass Wolfgang Brendel hier singt.
|
||||
|
||||
Aber wenn die Gegenstände zugeordnet sind, ergibt sich der Rest notwendig:
|
||||
|
||||
Ist Papageno identifiziert, ist es UNSINN von ihm zu sagen, er hätte Cosi van Tutte gesungen.
|
||||
|
||||
## Der Gegenstand
|
||||
|
||||
Diese Lesart widerspricht Prima facie dem Textbefund:
|
||||
|
||||
Wittgenstein führt Gegenstände (Sachen, Dinge ) in Satzreihe 2.0 explizit als atomare Substanz der Welt ein .
|
||||
|
||||
Genaues Lesen zeigt, dass Wittgenstein Gegenstände zwar als einfache und selbstständige Entitäten begreift, d iese Sicht aber keinen ontologischen Duktus vorgibt:
|
||||
|
||||
Zunächst führt das Verständnis von Gegenständen als ontologische Konstituenten der Welt schon in Satzreihen 1 und 2.0* zu einem harten Widerspruch im Text :
|
||||
|
||||
-
|
||||
In Satz 1.1 identifiziert Wittgenstein die Welt mit der Summe der Tatsachen und ausdrücklich nicht der Dinge.
|
||||
|
||||
-
|
||||
In Satz 2 identifiziert er die Tatsache mit dem Bestehen von Sachverhalten.
|
||||
|
||||
-
|
||||
In Satz 2.01 identifiziert er dann den Sachverhalt als eine Verbindung von Gegenständen (Sachen, Dingen).
|
||||
|
||||
Wenn aber Tatsachen aus Sachverhalten bestehen, und die wiederum aus Dingen12
|
||||
Eine Diskussion um Gegenstand vs. Sache vs. Ding erübrigt sich mit Blick auf Satz 4.1272.
|
||||
bestehen, besteht die Welt im Ende doch aus Dingen, was in Satz 1.1 explizit verneint wurde13
|
||||
An diesem Widerspruch sind meine ersten beiden Leseversuche der Abhandlung tatsächlich gescheitert. Ich wollte mich nicht so früh im Text auf’s Eis führen lassen.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Diesem Widerspruch kann man nur vermeiden, wenn man Gegenstände in der Abhandlung nicht in einen ontologischen Kontext stellt.
|
||||
|
||||
Liest man Satzreihe 2.02 * etwas gen a uer , sieht man, dass Wittgenstein mit der Einführung der Gegen ständ e auch keine ontologische Agenda verfolgt:
|
||||
|
||||
In den Sätzen 2.02 und 2.024 schreibt er Gegenständen zwar dediziert die fundamentalen Eigenschaften ontologischer Substanz – Selbständigkeit und Einfachheit – zu, näheres Hinsehen zeigt aber, dass der Eindruck in beiden Fällen täuscht . Beide Eigenschaften näher betrachtet:
|
||||
|
||||
## Selbständigkeit der Gegenstände
|
||||
|
||||
Gegenstände konstituieren den Sachverhalt, er ist eine Verbindung von Gegenständen14
|
||||
Abhandlung, Satz 2.01.
|
||||
:
|
||||
|
||||
Der Sachverhalt Papageno heiratet Papagena setzt die Gegenstände Papageno und Papagena in ein Verhältnis zueinander, bettet sie in eine Struktur.
|
||||
|
||||
Allein schon dieser Vorgang setzt eine Trennung von Gegenstand und Struktur voraus:
|
||||
|
||||
Der Gegenstand muss unabhängig von der Struktur benennbar sein. Die Voraussetzungen dafür formuliert Wittgenstein in Satz 2.02331: Es muss möglich sein, den Gegenstand hervorzuheben, durch eine Beschreibung in der Tatsache – dem vorliegenden Stück Welt – zu isolieren. Die Hürde ist nicht sehr hoch:
|
||||
|
||||
In der Tatsache oben kann man z.B. Kopf und Hände aber auch Kleidung hervorheben. Sehr viel abstrakter , aber genauso möglich, ist die Beschreibung verschiedener Farbflecke anhand eines Rasters beliebiger Auflösung. Die Möglichkeit Wolfgang Brendel oder Papageno hervorzuheben war Ausgangspunkt der Überlegung.
|
||||
|
||||
Bezugsweisen auf eine Tatsache sind vielfältig, aber nicht beliebig. Die untere Grenze setzt die Beschreibbarkeit der Gegenstände, aus denen die Struktur gebaut wird: Alles was innerhalb dieser Grenze fällt, ist möglich.
|
||||
|
||||
Die Wahl bleibt aber nicht ohne Folgen: Werden als konstituierende
|
||||
|
||||
ermöglicht Papageno oder Brendel zu isolieren.
|
||||
|
||||
Erst die
|
||||
|
||||
-
|
||||
Gegenstände müssen einfach sein, weil sonst keine Bilder der Welt möglich wären (Sä tze 2.0211, f)
|
||||
|
||||
-
|
||||
Gegenstände sind nicht d as Mobiliar der Welt, garantieren vielmehr ihre Form (2.022, f)
|
||||
|
||||
Den Begriff der Form führt Wittgenstein in Satzreihe 2.01 ein:
|
||||
|
||||
2.014 1 Die Möglichkeit seines Vorkommens in Sachverhalten, ist die Form des Gegenstandes.
|
||||
|
||||
Diese Definition steht am Ende von Satzreihe 2.01*, in der Wittgenstein den Gegenstand mit eine m widersprüchlichen Ton einführt:
|
||||
|
||||
Wittgenstein nennt Dinge selbständig, nur um im nächsten Satz der gleichen Satznummer diese Selbständigkeit als „Form der Unselbständigkeit“ wieder aufzuheben (Satz 2.0122).
|
||||
|
||||
Das dann angeführte Argument, dass es unmöglich sei, „ das s Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz“, ist an dieser Stelle unverständlich:
|
||||
|
||||
Im Argument spricht Wittgenstein plötzlich vom Wort. Allein das zeigt, dass d as Argument nur vor dem Hintergrund der Bild- und Satzt heorie verstanden werden kann . Ich werde Satzreihe 2.0* deshalb nicht entlang des Texts und vor dem Hintergrund meiner Erläuterungen zur Bild- und Satztheorie oben lesen :
|
||||
|
||||
Beginnen möchte ich mit der Frage, wie wir überhaupt zu Gegenständen (Sachen, Dingen) kommen. Diese Frage beantwortet Wittgenstein erstaunlich spät – er st in Sätzen 2.07*:
|
||||
|
||||
2.027 Das Feste, das Bestehende und der Gegenstand sind Eins.
|
||||
|
||||
2.0271 Der Gegenstand ist das Feste, Bestehende; die Konfiguration ist das Wechselnde, Unbeständige.
|
||||
|
||||
Wittgenstein beschreibt hier den Gegenstand als Konstante in wechselnden Kontexten:
|
||||
|
||||
Im Beispiel oben ist z.B. Papageno eine Konstante, die in verschiedenen Kontexten auftritt, und deshalb als etwas unabhängig vom Kontext (der Konfiguration) B estehendes aufgefasst werden kann .
|
||||
|
||||
Als Nächstes ist es wichtig zu sehen, was Wittgenstein denn genau mit dem Konstanten / Bestehenden, das den Gegenstand identifiziert, meint. Dazu Sätz e 2.0233, f :
|
||||
|
||||
2.0233 Zwei Gegenstände von der gleichen logischen Form sind – abgesehen von ihren externen Eigenschaften – von einander nur dadurch unterschieden, dass sie verschieden sind.
|
||||
|
||||
2.02331 Entweder ein Ding hat Eigenschaften, die kein anderes hat, dann kann man es ohneweiteres durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen; oder aber, es gibt mehrere Dinge, die ihre sämtlichen Eigenschaften gemeinsam haben, dann ist es überhaupt unmöglich auf eines von ihnen zu zeigen.
|
||||
|
||||
Denn, ist das Ding durch nichts hervorgehoben, so kann ich es nicht hervorheben, denn sonst ist es eben hervorgehoben.
|
||||
|
||||
Konstant ist die Beschreibung . Weitere Anforderungen formuliert Wittgenstein nicht.
|
||||
|
||||
Das Konzept liest sich einfach – fast schon primitiv. In Wirklichkeit grenzt sich Wittgenstein in diesen beiden Sätzen aber von fundamentalen Konzepten, die von Frege bzw. Russell eingeführt werden ab.
|
||||
|
||||
Russell s pricht von p articulars, als Gegenstände unmittelbarer Wahrnehmung. Bei Frege tritt an diese Stelle die Bedeutung, die vor jedem wie, das was bestimmt. Beide postulieren eine von der Logik unabhängige, „ natürliche “ Basis von Einzeldingen, auf der die Logik überhaupt erst aufsetzen kann.
|
||||
|
||||
< LISTE>
|
||||
|
||||
, das was Wittgenstein externe Eigenschaften 15
|
||||
So explizit in Satz 4.023. Es ist mehr als ärgerlich, dass Wittgenstein das erst so spät klarstellt. In Satzreihe 2.0 muss fröghliches Rätselraten genügen.
|
||||
nennt
|
||||
|
||||
Ebenso ist Wolfgang Brendel eine Konstante, die aber in anderen Kontexten auftreten kann:
|
||||
|
||||
< LISTE>#
|
||||
|
||||
Die Kombination der Beiden hat wieder andere Kontexte, in denen das Auftraten Sinn macht.
|
||||
|
||||
## Der Satz
|
||||
|
||||
Wittgenstein sieht auch im Satz ein Bild.
|
||||
|
||||
Das verwundert zunächst:
|
||||
|
||||
Nennen wir die Puppe „Ludwig“, dann würde man als Satz etwa mit „Ludwig sitzt“ wiedergeben. Unmittelbar ist keine Ähnlichkeit zwischen den Gebilden erkennbar.
|
||||
|
||||
Ein Beispiel gibt Wittgenstein etwas später mit dem Satz „Grün ist grün.“16
|
||||
Abhandlung , Satz 3.23
|
||||
Leicht abgewandelt kann man anhand des Beispiels beginnen, Wittgenstein s Über legungen zu plausibilisieren. Die Sätze
|
||||
|
||||
-
|
||||
Grün ist die Komplementärfarbe von Rot.
|
||||
|
||||
-
|
||||
Gras ist grün.
|
||||
|
||||
sind nicht ganz so kryptisch zu lesen, wie Wittgensteins Beispiel selbst.
|
||||
|
||||
Gemeinsam ist „Grün“ und „grün“ in den Sätzen, dass sie für
|
||||
|
||||
stehen — sie vertreten denselben Inhalt.
|
||||
|
||||
Austauschbar sind die Wörter deshalb aber nicht:
|
||||
|
||||
Im ersten Satz wird „Grün“ als Personenname17
|
||||
Ich lese Personenname hier als Eigenname.
|
||||
im zweiten als Eigenschaftswort verwendet: Nicht nur der Inhalt, auch die Positionierung des Zeichens im sprachlichen Ausdruck charakterisieren seine Bedeutung: Im ersten Fall ist die Farbe Grün — ein Gegenstand — im zweiten die Eigenschaft grün gemeint.
|
||||
|
||||
Der Ausdruck „… ist die Komplementärfarbe von Rot.“ läßt an der Leerstelle nur einen Eigennamen, der Ausdruck „Grass ist …“ an der Leerstelle nur ein Eigenschaftswort zu. Etwas anderes einzusetzen führt zu schlichtem Unsinn.
|
||||
|
||||
Wittgenstein sieht hier den gleichen Mechanismus wie im Bild am Werk:
|
||||
|
||||
Den einfachen Zeichen – den Wörtern „Grün“ / „grün“ – entsprechen die Bildelemente, s ie vertreten. „Grün“ kann durch eine beliebige andere Zeichenfolge ersetzt werden , transportiert aber auch keine Information über
|
||||
|
||||
.
|
||||
|
||||
D en Positionen der einfachen Zeiche n entsprechen die strukturellen Eigenschaften des Bilds: Sie sind unmittelbar gegeben. Der Sinn eines Satzes zeigt sich, man kann ihn ihm nicht geben.
|
||||
|
||||
Genau wie Bilder haben Sätze strukturelle Eigenschaften.
|
||||
|
||||
Genau wie im Falle der Bilder sind diese Eigenschaften mit dem Satz gegeben – zeigen sich am Satz – und können nicht willkürlich gesetzt oder geändert werden.
|
||||
|
||||
Das ist Wittgenstein s zentrales Argument in der Abhandlung. Mehr hat er nicht anzubieten.
|
||||
|
||||
## Der Logische Raum
|
||||
|
||||
Eine Schwäche meiner Argumentation oben sticht sofort ins Auge:
|
||||
|
||||
I m Satz „x ist die Komplementärfarbe von Rot“ x mit einem Eigenschaftswort zu belegen, führt zu Unsinn. Es führt aber zu eben so große m Unsinn, i n diesem Satz x mit Cleopatra zu belegen . Cleopatra bezeichne t aber , wie Blau oder Grün auch , einen Gegenst and .
|
||||
|
||||
Es hängt also nicht nur von der Wortart ab, ob eine Stelle im Satz mit ihm belegt werden kann , oder nicht.
|
||||
|
||||
Die These der notwendigen, strukturellen Eigenschaften des Satzes im Gegensatz zu seinen inhaltlichen, willkürlich setzbaren Eigenschaften, wäre damit hinfällig: Gewählte Inhalte entscheiden – zumindest auch – darüber, ob ein Satz sinnvoll ist oder nicht.
|
||||
|
||||
Wittgenstein würde auch im Fall des Cleopatra- Beispiels argumentieren, dass ein formaler, grammatischer Ausschluss vorliegt. Diese Überzeugung gründet auf seiner Sicht der Wirklichkeit als Logischer Raum. Zentral für dieses Konstrukt sind wiederum die Begriffe Tatsache, Sachverhalt und Sachlage, und hier gibt es in der Rezeption der Abhandlung eine Lücke: Die Begriffe sind zentral für den Text, aber nie so expliziert worden, dass sie ein konsistentes und vollständiges Verständnis der Abhandlung zuließen. Ein Vorschlag:
|
||||
@@ -0,0 +1,716 @@
|
||||
Was ist Wahrheit?
|
||||
—
|
||||
Wittgensteins Logisch - Philosophische Abhandlung
|
||||
|
||||
Marcus Hinz
|
||||
|
||||
ἔστιν ἔστιν
|
||||
|
||||
Inhalt
|
||||
|
||||
Inhalt
|
||||
|
||||
0 – Ein paar Worte zur Einführung 1
|
||||
|
||||
0.1 – Das Ziel 1
|
||||
|
||||
0.2 – Die Satznummern 3
|
||||
|
||||
0.3 – Eine vorläufige Gliederung 4
|
||||
|
||||
1 – Ontologie 5
|
||||
|
||||
1.1 – Tatsachen 6
|
||||
|
||||
1.2 – Sachverhalte 7
|
||||
|
||||
1.3 – Gegenstände (Sachen, Dinge) 9
|
||||
|
||||
1.3.1 - Kompasssatz 1: Gegenstände und Sachverhalte (Sätze 2.01*) 9
|
||||
|
||||
1.3.2 - Kompasssatz 2: Das Wesen des Gegenstands (Sätze 2.02*) 11
|
||||
|
||||
1.3.2.0 - Ein Experiment 12
|
||||
|
||||
1.3.2.1 - Gegenstand und Welt 14
|
||||
|
||||
##
|
||||
|
||||
## Ein paar Worte zur Einführung
|
||||
|
||||
Ein paar vorläufige Bemerkungen.
|
||||
|
||||
## Das Ziel
|
||||
|
||||
Da ich den Text im ersten Schritt inhaltlich betrachten möchte, fehlt bis hierher die Besprechung der Form.
|
||||
|
||||
Die Abhandlung ist kein klassischer Fließtext, der durch Kapitel gegliedert ist. Wittgensteins Text besteht vielmehr aus einer Reihe hierarchisch geordneter Sätze oder kurzer Textpassagen, die über Satznummern in Beziehung zueinander gesetzt werden.
|
||||
|
||||
Diese Form ist das wohl auffälligste Merkmal des Texts und gleichzeitig das größte Hindernis, ihn zu verstehen.
|
||||
|
||||
Wittgenstein wählt die Form natürlich nicht zufällig oder aus rein ästhetischen Gründen. Er versucht damit vielmehr die Darstellung seiner Ideen zu perfektionieren: Wittgenstein strebt mit der gewählten Form den Zusammenfall von Form und Gehalt an. Die „unantastbar[e] und definitiv[e]“ 1
|
||||
|
||||
LPA - Vorwort letzter Absatz
|
||||
Wahrheit der Abhandlung soll auch in der Form ihrer Darstellung unantastbar und definitiv sein.
|
||||
|
||||
Wittgensteins Vorhaben, mit der Abhandlung einen Text vorzulegen, der die endgültige Lösung der Probleme in eine ebenso endgültige Form bringt, scheitert aber auf ganzer Linie. Kein Text der Philosophie hat wohl zu mehr Missverständnissen geführt, als die Abhandlung .
|
||||
|
||||
Und so erreicht Wittgenstein mit der Abhandlung das genaue Gegenteil dessen, was er erreichen wollte: an die Stelle von Klarheit und Analyse tritt Unverständnis und das Ausweichen auf einen Mystizismus, der Wittgenstein sicher nicht fremd war, aber ebenso sicher nicht im Fokus seiner philosophischen Arbeit stand 2
|
||||
|
||||
Die Abhandlung ist sicher das einzige wissenschaftliche Werk, das als Libretto einer Oper herhalten musste.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Selbst Russells Vorwort zur Abhandlung ist voll von Missverständnissen des Texts. Ich möchte zwei Gründe für diese Missverständnisse herausgreifen und an Russel l s Vorwort erläutern, um mein Vorhaben zu verdeutlichen .
|
||||
|
||||
Zunächst ist da das Fehlen von Beispielen und anschaulichen Erläuterungen an wichtigen Stellen des Texts. Ein Beispiel aus dem ersten Drittel von Russells Vorwor t: 3
|
||||
|
||||
Ich muss mich für eine zitierfähige Ausgabe entscheiden. Habe ich noch nicht. Wahrscheinlich die kritische Ausgabe von Suhrkamp
|
||||
|
||||
„What is complex in the world is a fact. Facts which are not compounded of other facts are what Mr. Wittgenstein calls Sachverhalte , whereas a fact which may consist of two or more facts is a Tatsache : thus, for example “Socrates is wise” is a Sachverhalt , as well as a Tatsache , whereas “Socrates is wise and Plato is his pupil” is a Tatsache but not a Sachverhalt .“
|
||||
|
||||
Russell bezieht sich im Wesentlichen auf Satz 2 der Abhandlung :
|
||||
|
||||
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
|
||||
|
||||
Russell versteht vieles richtig:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Er identifiziert „Tatsache“ und „Sachverhalt“ als Termini technici.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Er schreibt auch zu Recht, dass einer Tatsache immer mehr als ein Sachverhalt entspricht.
|
||||
|
||||
Die Deutung, dass einfachen Aussagesätzen Sachverhalte und Tatsachen, zusammen gesetzten Sätzen aber nur Tatsachen entsprechen, ist dagegen falsch. Das kann man dem Text aber nirgends direkt entnehmen. Es ergibt sich nur indirekt aus Überlegungen zum Text4
|
||||
|
||||
Es ist zum Beispiel nicht möglich, dass etwas Tatsache und Sachverhalt zugleich ist, da Sachverhalte aus Gegenständen bestehen, Tatsachen dagegen nicht.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Ein einfaches Beispiel hätte hier Klarheit schaffen können. Wittgenstein liefert es nicht und so hat Russell schon vom ersten Satz der Abhandlung an keine die Chance, das Werk richtig zu verstehen.
|
||||
|
||||
Weiterhin ist bemerkenswert, dass die Abhandlung gerne als aphoristisch, oder gar als Sammlung von Aphorismen bezeichnet wird 5
|
||||
|
||||
FIXME: Bleibe ich hier noch schuldig
|
||||
.
|
||||
|
||||
Von einem Buch, das in diesem Stil gehalten ist, würde man erwarten, dass die Sätze darin in losem oder gar keinem Zusammenhang zueinander stehen: ein Aphorismus ist seiner Definition nach ein Satz oder eine kurze Textpassage, die für sich – eben ohne Kontext – besteht6
|
||||
|
||||
vgl. dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Aphorismus.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Die Abhandlung ist aus Sätzen und kurzen Testpassagen aufgebaut, doch gibt Wittgenstein seinem Buch die genau gegenteilige Form: Die Satznummern legen die exakten Bezüge jedes einzelnen Satzes der Abhandlung im Netz aller anderen Sätze fest. Über-, Unter- oder Beiordnung eines Satzes zu jedem anderen Satz der Abhandlung ist damit vollständig bestimmt. Geschlossener kann man einen Text nicht aufbauen.
|
||||
|
||||
Die Satznummern gliedern den Text aber rein formal, an keiner Stelle erläutert Wittgenstein die Semantik dieser Bezüge. Und hier scheitert das Konzept erneut: die Semantik der formalen Bezüge erschließt sich eben nicht automatisch beim Lesen: der Textfluss geht verloren. Am Ende entsteht der Eindruck, man habe es mit einer Ansammlung von Einzelsätzen und nicht mit einem geschlossenen Gedankengebäude zu tun7
|
||||
|
||||
Das hat ganz praktische Gründe, die ich in Besprechung der Form aufzeigen möchte. Letztlich scheitert Wittgenstein daran, dass er ein zweidimensionales Gebilde - sein Netz von Sätzen - in eine eine eindimensionale Form - einen sequentiellen Text - presst.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Auch hier ein Beispiel in Russells Vorwort fast am Ende8
|
||||
|
||||
Dito
|
||||
:
|
||||
|
||||
„These considerations lead him to a somewhat curious discussion of Solipsism.
|
||||
|
||||
[ …]
|
||||
|
||||
The metaphysical subject does not belong to the world but is a boundary of the world.
|
||||
|
||||
We must take up next the question of molecular propositions [...]”
|
||||
|
||||
Egal, wie man Wittgensteins Bemerkungen zum Solipsismus in de Abhandlung beurteilt, ist es interessant zu sehen, wie Russell das Thema im Vorwort behandelt: Schon der Start zeigt, dass Russell das Thema nicht in den Gedankengang der Abhandlung einordnen kann, und es statt dessen als „curious discussion“ abgrenzt. Und am Ende könnte der Abbruch nicht abrupter sein: Zunächst wiederholt Russell einen Kernsatz der Abhandlung , um sich dann – völlig aus dem Nichts – einem anderen Thema zu widmen 9
|
||||
|
||||
Monty Phython: „And Now for Something Completely Different.“
|
||||
.
|
||||
|
||||
Russell gelingt es an dieser Stelle nicht, das Thema Solipsismus in Wittgensteins Gedankengebäude einzuordnen: Einstieg wie Ausstieg grenzen Wittgensteins Bemerkungen vom restlichen Text aus, statt sie in den Gedankengang zu integrieren.
|
||||
|
||||
Auch hier steht dem Textverständnis die Form im Weg: Wittgensteins Sicht des Solipsismus kenne ich so nur aus der Abhandlung . In der Regel wird der Solipsismus in philosophischen Texten bestenfalls als Teufel an die Wand gemalt, selten ernsthaft dis kutiert .
|
||||
|
||||
Ein einfacher Hinweis, dass hier eine Sicht vertreten wird, die konträr zu üblichen Sichten des Solipsismus ist, wäre für Russell ein Hinweis gewesen, dieser Passage besondere Aufmerksamkeit zu widmen, statt sie als „ curious discussion“ abzutun. Wittgenstein bietet statt dessen völlig abstrakte Satznummern.
|
||||
|
||||
Nun darf man von Russell ein paar Dinge sicher annehmen:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Er war ein geübter Leser und Verfasser philosophischer Texte.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Er kannte Wittgensteins Ideen auch aus Gesprächen mit ihm.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Er war Wittgenstein wohlgesonnen.
|
||||
|
||||
Nicht nur war er zu Beginn Wittgensteins Mentor, er hat auch dazu beigetragen, dass die Abhandlung überhaupt in Druck ging: Ohne sein Vorwort hätte der Verlag das Buch nicht angenommen.
|
||||
|
||||
Kurz gesagt: Das Verständnisproblem liegt nicht beim Leser.
|
||||
|
||||
Mit der vorliegenden Arbeit möchte ich zunächst nicht mehr erreichen, als die Inhalte der Abhandlung in eine verständliche Form zu bringen. Die Gedanken, die Wittgenstein dort formuliert, sind zu wertvoll, um sie in ihrem kryptischen Grab verschimmeln zu lassen.
|
||||
|
||||
## Die Satznummern
|
||||
|
||||
Eine weitere formale Herausforderung stellen die Satznummern dar, die Wittgenstein nicht vollständig erläutert:
|
||||
|
||||
Die Decimalzahlen als Nummern der einzelnen Sätze deuten das logische Gewicht der Sätze an, den Nachdruck, der auf ihnen in meiner Darstellung liegt. Die Sätze n.1, n.2, n.3, etc., sind Bemerkungen zum Sätze No. n; die Sätze n.m1, n.m2, etc. Bemerkungen zum Satze No. n.m; und so weiter10
|
||||
|
||||
LPA Fußnote zu Satz 1
|
||||
.
|
||||
|
||||
Nach dieser Fußnote würde man erwarten, dass auf Satz 1 Satz 1.1 folgt, auf Satz 1.1 dann Satz 1.11, usw. Das stimmt auch, aber nur für Satzreihe 1. Schon in Satzreihe 2 folgt auf Satz 2 ein Satz mit Nummer 2.01, statt, wie erwartet, 2.1. Wittgenstein gibt an keiner Stelle Auskunft, was er mit den eingefügten Nullen bezweckt.
|
||||
|
||||
Der beste Reim, den ich mir machen konnte ist folgender: Laut Wittgenstein gibt die Satznummer das logische Gewicht der Sätze an: je weniger Stellen die Nummer hat, desto größer ist ihr Gewicht.
|
||||
|
||||
Das Einfügen der Null in die Satznummer führt dazu, das s der so nummerierte Satz in der Sortierung vor den erwarteten Nachfolger rutscht, sein logisches Gewicht aber trotzdem geringer als das des Nachfolgers ist.
|
||||
|
||||
Am Beispiel: Nehmen wir Satz 2 und sagen er hat das logische Gewicht 511
|
||||
|
||||
Einfach zu errechnen: Die längste Satznummer ist 5.473 21. Das sind 6 Stellen, ihr entspricht das niedrigste logische Gewicht, setzen wir dafür 0 an. Jetzt kann man einfach hochzählen: 5 Stellen = 1, 4 Stellen = 2, 3 Stellen = 3, 2 Stellen = 4 und eine Stelle schließlich 5.
|
||||
. Der erwartete Nachfolger wäre Satz 2.1 mit dem logischen Gewicht von 4. Die nächste reguläre Satznummer mit einem logischen Gewicht von 3 wäre Satznummer 2.11, die auf Satz 2.1 folgt. Durch einfügen der Null erhält man die Satznummer 2.01. Sie hat ein logisches Gewicht von 3, steht in der Sortierung aber vor Satz 2.1.
|
||||
|
||||
Wittgenstein nutzt die eingefügte Null, um Sätze an der regulären Ordnung vorbei vor andere Sätze zu schmuggeln, und ihnen trotzdem ein niedrigeres logisches Gewicht zu geben. Er kann so Vorbemerkungen zu Sätzen schreiben, ohne ihnen ein ungewollt hohes logisches Gewicht zu geben.
|
||||
|
||||
Inhaltlich stehen diese Passagen tatsächlich auch zwischen den jeweiligen Sätzen. Gegen die Annahme, dass Wittgenstein hier nur Vorbemerkungen machen möchte, spricht aber, dass über 50 % des Texts in Sätzen mit Nummern stehen, die Nullen enthalten.
|
||||
|
||||
## Eine vorläufige Gliederung
|
||||
|
||||
Die folgende Gliederung der Abhandlung soll das fehlende Inhaltsverzeichnis ersetzen und so zumindest einen kleinen Ausblick auf das, was uns erwartet, erlauben.
|
||||
|
||||
Ich gliedere die Sätze wie folgt12
|
||||
|
||||
Die Gliederung ist weder abschließend noch eindeutig. Ziel meiner Gliederung ist eine möglichst einfache Darstellung des Inhalts der Abhandlung. Deswegen werfe ich die formale Korrektheit, nach der Wittgenstein die Sätze gliedert, einfach über Bord. Genauso sind mir Überlappungen der einzelnen Teile gleichgültig. Ich werde meine Gliederung zu Beginn jeden Abschnitts erläutern und Wittgensteins Sicht dagegen setzen.
|
||||
:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Satz 1 - 2.02 7: Ontologie
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Welt als Gesamtheit der Tatsachen
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Der Sachverhalt
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Gegenstände als Bestandteile des Sachverhalts
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Satz 2.03 - 3.01: Bild und logischer Raum
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Bild als Abbildung eines Sachverhalts
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Wirklichkeit als logischer Raum
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Sachlage n als Konstituenten der Tatsache im logischen Raum
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Satz 3 - 4.04 Gedanke und Ausdruck des Gedankens
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Der Gedanke als logisches Bild
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Das Satzzeichen als Ausdruck des Gedankens
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Projektion des Satzzeichens zum Bild
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Satz 4 - 5.01 Bild und Wahrheit
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Das Bild als Inhalt des sinnvollen (nicht tautologischen) Satzes
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Analysierbarkeit aller Sätze in Elementarsätze
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die allgemeine Satzform
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Satz 5 - 6.0 Die Grenzen der Logik
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Wahrheitsfunktion vs. Wahrheitsoperation
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Grenzen der formalen Logik
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Grenzen der Semantik
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
»Satzbedeutung«
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Satz 6.0 - 7 Conclusio
|
||||
|
||||
## Ontologie
|
||||
|
||||
Zu Beginn der Abhandlung stellt Wittgenstein in Satzreihe 1 recht kurz seine Ontologie vor.
|
||||
|
||||
Laut Wittgenstein ist die Welt die Gesamtheit aller Tatsachen, die existieren, ohne Einfluss aufeinander zu haben13
|
||||
|
||||
Ich vermeide hier das Wort unabhängig, weil Wittgenstein es an dieser Stelle auch nicht nutzt.
|
||||
|
||||
Von Sachverhalten sagt Wittgenstein dagegen schon, dass sie unabhängig voneinander sind. Ob Wittgenstein das mit Absicht tut, kann man bei der Kürze des Texts nicht sagen. Mir erspart der Kniff, darauf hinweisen zu müssen, dass die Unabhängigkeit der Tatsachen nichts mit der Unabhängigkeit der Sachverhalte zu tun hat.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Das war's auch schon. Etwas anderes gibt es nicht und außer ihrer Eigenständigkeit stellt Wittgenstein keine weiteren formalen oder inhaltlichen Anforderungen an eine Tatsache.
|
||||
|
||||
Lebendig wird Wittgensteins Idee erst in der Abgrenzung der Tatsache zum Sachverhalt. Doch Sachverhalte gehören nicht zur Ontologie, folglich werden sie erst mit Beginn von Satzreihe 2 eingeführt.
|
||||
|
||||
Genauso grenzt Wittgenstein seine Tatsachenontologie zwar in Satz 1.1 gegen eine Dingontologie ab, erläutert in Satzreihe 1 aber nicht, wo er Dinge denn statt dessen einordnet. Dinge sind nicht Teil der Ontologie und landen folglich auch in Satzreihe 2.
|
||||
|
||||
Ein rundes Bild ergibt sich frühestens in Satz 2.02 7: Dort ist einerseits das Verhältnis von Tatsache zu Sachverhalt geklärt und anderseits dargelegt, wie Wittgenstein Gegenstände (Sachen, Dinge) in seiner Ontologie einordnet. Ich werde im Thema Ontologie deshalb Sätze 1 - 2.02 7 behandeln.
|
||||
|
||||
Man hätte genauso gut Sätze 1 - 2.06 3 wählen können, weil erst dann beschrieben ist, wie Wittgenstein sich das, was wir Wirklichkeit nennen, vorstellt. Ich werde Sätze 2.03 - 2.06 3 als Teil des Themas Bild behandeln.
|
||||
|
||||
Tatsache und Sachverhalt sind im Deutschen Synonyme. Wittgenstein stellt die beiden Wörter zu Beginn der Abhandlung gegeneinander, ohne explizit zu erläutern, wie sich das eine denn dann gegen das andere abgrenzt. Ich möchte meine Idee dazu in den nächsten zwei Abschnitten anhand eines kleinen Problems erläutern. Da Wittgenstein die Wörter nicht gegen einander abgrenzt, bleibe ich in Abschnitten 1.1 und 1.2 den harten Textbeleg schuldig.
|
||||
|
||||
## Tatsachen
|
||||
|
||||
Tatsachen sind für Wittgenstein Stücke der Wirklichkeit, die für sich selbst, das heißt, ohne andere Stücke der Wirklichkeit zu kennen, betrachtet werden können. Also zum Beispiel so etwas14
|
||||
|
||||
Ich werde Tatsachen immer als Fotografien darstellen. Diese Darstellung ist natürlich unvollständig. Es fehlen z.B. Geräusche und Gerüche. In Buchform ist es aber das beste, was ich liefern kann.
|
||||
:
|
||||
|
||||
Wolfgang Brendel als Papageno in Mozarts Zauberflöte, München 2005
|
||||
|
||||
Das Foto stellt ein Stück Wirklichkeit dar, über das wir, ohne den Kontext zu benötigen, Aussagen machen können. Das Foto stellt einen Mann auf einer Bühne dar. Man weiß aber z. B. nicht, ob das Foto aus einer Ausführung oder einer Probe stammt. Genausowenig erkennt man, ob, und wenn ja, welche anderen Schauspieler noch auf der Bühne sind. Trotzdem stellt das Bild eine geschlossene Sinneinheit dar: Man kann z. B. sagen, dass ein singender Mann zu sehen ist. Egal, wie sich der unbekannte Kontext der Tatsache gestaltet, diese Aussage ist wahr.
|
||||
|
||||
Ein Gegenbeispiel wäre:
|
||||
|
||||
Foto
|
||||
|
||||
In diesem Fall erkennt man die Sinneinheit nicht, weshalb man bestenfalls diffuse Aussagen zu diesem Stück Wirklichkeit machen kann. Es ist keine Tatsache, einfach, weil nicht klar ist, worin sie denn bestünde.
|
||||
|
||||
Das ist der gesamte Inhalt der Sätze 1*, konkreter wird Wittgenstein an dieser Stelle nicht. Interessanter wird es, wendet man sich den Sachverhalten zu.
|
||||
|
||||
## Sachverhalte
|
||||
|
||||
Zu den Sachverhalten kommt man, stellt man die Frage, was denn auf dem ersten Bild zu sehen ist.
|
||||
|
||||
Es gibt sehr viele Antworten auf diese Frage, ein Beispiel hatte ich oben schon gegeben: Man sieht einen singenden Mann.
|
||||
|
||||
Ich möchte aus der Vielzahl möglicher Antworten zwei herausgreifen und ein wenig näher betrachten:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Man sieht Papagenos erstes Auftreten in der Zauberflöte.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Man sieht Wolfgang Brendels erstes Auftreten in der Zauberflöte.
|
||||
|
||||
Beide Aussagen sind wahr. Beide Aussagen widersprechen sich nicht. Beide Aussagen beziehen sich auf dasselbe Ding15
|
||||
|
||||
Man entschuldige die Ausdrucksweise. Es ist philosophisch nicht persönlich gemeint.
|
||||
, nämlich
|
||||
|
||||
das da.
|
||||
|
||||
Dieser simple Fakt stellt das Grundprinzip der Selbstidentität des Gegenstands in Frage: Ein Ding ist ein Ding, und nicht zwei Dinge zugleich: Entweder ist das da ein Schauspieler oder eine Opernfigur, beides zugleich ist nicht möglich.
|
||||
|
||||
Die Replik scheint einfach: Der Satz „ Ich sehe Papagenos ersten Auftritt in der Zauberflöte.“ ist nicht vollständig und genausowenig ist es der Satz „Ich sehe Wolfgang Brendels ersten Auftritt in der Zauberflöte“. Richtig hätte man sagen müssen: „Ich sehe Wolfgang Brendel in der Rolle des Papageno bei seinem ersten Auftritt in der Zauberflöte.“
|
||||
|
||||
Der Widerspruch ist aufgehoben: Beide Aussagen wurden in ein gemeinsames, konsistentes logisches Konstrukt integriert.
|
||||
|
||||
So einfach sieht Wittgenstein die Sache nicht. Ein Gegenargument:
|
||||
|
||||
Die wenigsten werden gewusst haben, dass die singende Person Wolfgang Brendel ist, viele davon aber sehr wohl Papageno erkannt haben.
|
||||
|
||||
Der Sänger hat zunächst nichts mit der Opernfigur zu tun. Ich kann den Satz „Ich sehe Papagenos ersten Auftritt in der Zauberflöte.“ verstehen, ohne Wolfgang Brendel zu kennen. Die zugrunde liegende Tatsache stellt keine notwendige Beziehung zwischen dem Sänger und der Opernfigur her.
|
||||
|
||||
Deutlicher wird das Argument, kommt eine zweite Tatsache hinzu:
|
||||
|
||||
Papageno in Mozarts Zauberflöte, Lindauer Marionettenoper, 2012 (?)
|
||||
|
||||
Wieder Papagenos erster Auftritt in der Zauberflöte. Dieser Umstand setzt beide Tatsachen in Beziehung zueinander: Man kann etwa Papagenos Kostüm oder sein Erscheinen auf der Bühne in der jeweiligen Inszenierung vergleichen.
|
||||
|
||||
Diesmal ist Papageno eine Marionette. Der Vergleich funktioniert also nur, wenn der Sänger für die Opernfigur unerheblich ist; wenn man vom Sänger absehen und trotzdem die Opernfigur betrachten kann.
|
||||
|
||||
Der Satz „ Ich sehe Papagenos ersten Auftritt in der Zauberflöte.“ handelt nicht von Wolfgang Brendel und es ist eine wesentliche Eigenschaft des Satzes, nicht von Wolfgang Brendel zu handeln. Wäre dem nicht so, könnte man die Kostüme zum Beispiel nur vergleichen, wenn Wolfgang Brendel sie trägt.
|
||||
|
||||
Die Sätze „Ich sehe Papagenos ersten Auftritt in der Zauberflöte.“ und „Ich sehe Wolfgang Brendels ersten Auftritt in der Zauberflöte“ sind logisch unabhängig voneinander und müssen es sein.
|
||||
|
||||
Folglich sichert der Satz „ Ich sehe Wolfgang Brendel in der Rolle des Papageno bei seinem ersten Auftritt in der Zauberflöte.“ die Selbstidentität der Gegenstände nur scheinba r: Mit ‚Papageno‘ meine ich eben Papageno und nicht Papageno, der von Wolfgang Brendel verkörpert wird. Und genauso meine ich mit ‚Wolfgang Brendel‘ Wolfgang Brendel und nicht Wolfgang Brendel in der Rolle des Papageno.
|
||||
|
||||
Es ist eine wesentliche Eigenschaft der Beispielsätze, logisch unabhängig voneinander zu sein. Trotzdem treffen beide Sätze gleichermaßen auf dasselbe Stück Wirklichkeit – dieselbe Tatsache – zu.
|
||||
|
||||
Die Sätze „Ich sehe Papagenos ersten Auftritt in der Zauberflöte.“ und „Ich sehe Wolfgang Brendels ersten Auftritt in der Zauberflöte.“ beschreiben zwei Sachverhalte, die unabhängig voneinander aber gleichberechtigt auf
|
||||
|
||||
zutreffen.
|
||||
|
||||
Das ist Wittgensteins Grund gedanke:
|
||||
|
||||
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
|
||||
|
||||
Zu jeder Tatsache gibt es verschiedene, logisch voneinander unabhängige Zugangs-weisen, die nicht aufeinander reduziert werden können. Jeder dieser Zugangsweisen ent spricht ein Sachverhalt, der gleichberechtigt neben allen anderen Sachverhalten, die auf die Tatsache zutreffen, besteht16
|
||||
|
||||
Ich hatte ja nur zwei Sachverhalte unter sehr vielen denkbaren Sachverhalten herausgegriffen.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Umgekehrt hebt Wittgenstein dieser Idee nach aber das Prinzip der Selbstidentität eines Gegenstands als Grundprinzip der Wirklichkeit auf:
|
||||
|
||||
das da ist diesem Sinne nach tatsächlich zwei Dinge gleichzeitig: Papageno und Wolfgang Brendel.
|
||||
|
||||
Dieser Fakt stellt für uns im täglichen Umgang mit der Tatsache überhaupt kein Problem dar. Trotzdem verträgt sich diese Ansicht nicht mit der Verwendung des Wortes Ding: Ein Ding ist ein Ding und nicht zwei Dinge zugleich.
|
||||
|
||||
Wittgensteins Idee hebt die Selbstidentität des Dings auf.
|
||||
|
||||
Wittgenstein gibt die Idee aber nicht gänzlich auf, er reduziert das Prinzip nur auf eine Ebene unterhalb der Wirklichkeit. Der Gegenstand wird auf die Ebene des Sachverhalts, dessen Bestandteil er ist, reduziert.
|
||||
|
||||
Die Einführung des Sachverhalts nimmt dem Gegenstand (Sache, Ding) seine universelle und eigenständige ontologische Stell ung als konstituierendes Element der Wirklichkeit. Der Gegenstand wird statt dessen zur abhängige n Größe, die durch den Sachverhalt bestimmt wird.
|
||||
|
||||
In Sätzen 2.01 – 2.063 erläutert Wittgenstein die daraus resultierenden Konsequenzen für das, was wir Wirklichkeit nennen:
|
||||
|
||||
## Gegenstände (Sachen, Dinge)
|
||||
|
||||
Die Kompasssätze zum Thema Gegenstand, Sache, Ding:
|
||||
|
||||
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen (Sachen, Dingen).
|
||||
|
||||
[ …]
|
||||
|
||||
2.02 Der Gegenstand ist einfach.
|
||||
|
||||
## Kompasssatz 1: Gegenstände und Sachverhalte (Sätze 2.01*)
|
||||
|
||||
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen (Sachen, Dingen).
|
||||
|
||||
Welcher der Beispielsätze welchen Sachverhalt beschreibt, wird durch die Gegenstände, von denen der Satz handelt, bestimmt. Der erste Satz handelt von einer Opernfigur, der zweite von einem Sänger.
|
||||
|
||||
Im Beispiel haben wir den Sachverhalt von der Tatsache her betrachtet: Einer Tatsache entsprechen mehrere Sachverhalte, die sich durch die Gegenstände, aus denen sie bestehen, unterscheiden. Ordnendes Element sind die Gegenstände: Sie bestimmen die Zugangsweise, zeigen den gemeinten Sachverhalt an.
|
||||
|
||||
2.011 Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes sein zu können.
|
||||
|
||||
Der erste Auftritt in der Zauberflöte ist aber nicht der einzige Sachverhalt, in dem Papageno eine Rolle spielt. Es gibt sehr viel mehr Sachverhalte, die auf Papageno zutreffen, z. B. dass er ein Vogelfänger ist, und leicht Angst bekommt.
|
||||
|
||||
In all diesen Sachverhalten ist von demselben Papageno die Rede. Der Gegenstand kann also nicht auf nur einen Sachverhalt reduziert werden und mehr: Der Gegenstand muss etwas sein, das den Sachverhalten, in denen er vorkommt, gemeinsam ist. Ein Mindestmaß an Selbständigkeit muss gegeben sein.
|
||||
|
||||
2.0122 Das Ding ist selbständig, insofern es in allen mögliche n Sachlagen [ 17
|
||||
|
||||
Sachlagen sind Sachverhalte im logischen Raum. Ich komme dazu. An dieser Stelle kann man das Wort als Synonym für Sachverhalt lesen.
|
||||
] vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sachverhalt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz.)
|
||||
|
||||
‚Papageno‘ in „Papageno“, „Ich sehe Papagenos ersten Auftritt in der Zauberflöte.“ und „Papageno ist ein Vogelfänger.“ muss denselben Gegenstand meinen. Jede andere Annahme hätte absurde Konsequenzen18
|
||||
|
||||
Das wird im nächsten Kapitel näher beleuchtet.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Soweit akzeptiert Wittgenstein die Selbständigkeit der Gegenstände. Diese Selbständigkeit birgt aber nichts, das dem Gegenstand eigen wäre, ihm ein eigenes ontologisches Gewicht geben würde: Die Selbständigkeit der Gegenstände ist eine Form der Unselbständigkeit.
|
||||
|
||||
Wittgenstein geht den kleinstmöglichen Schritt und reduziert den Gegenstand auf eine Konstante, die allen Sachverhalten eigen ist, in denen er vorkommt.
|
||||
|
||||
Soweit die Sachverhalte, die auf den Gegenstand zutreffen. Es gibt aber auch Sach verhalte, die nicht auf den Gegenstand zutreffen und trotzdem von ihm handeln.
|
||||
|
||||
‚Papageno‘ im Satz „Papageno heiratet Pamina.“ muss sich genauso, wie alle anderen Beispielsätze auch, auf denselben Papageno beziehen, der z. B. in „Papageno ist ein Vogelfänger.“ gemeint ist. Es wäre sonst unmöglich, festzustellen, dass der Sachverhalt nicht zutrifft.
|
||||
|
||||
Durch die bestehenden Sachverhalte allein ist die Konstante nicht vollständig bestimmt. Erst die Berücksichtigung aller möglichen Sachverhalte 19
|
||||
|
||||
An dieser Stelle spricht Wittgenstein zum ersten Mal davon, dass etwas möglich oder denkbar ist.
|
||||
|
||||
Ich lese diese Wörter im umgangssprachlichen Sinn, nicht in dem Sinn, wie sie sehr häufig in philosophischen Seminaren verwendet werden.
|
||||
|
||||
Es geht nicht darum, ob etwas prinzipiell möglich ist, sondern darum, wie unsere Reaktion darauf wäre, wenn es ernsthaft vorgeschlagen würde.
|
||||
|
||||
Es ist z. B. unmöglich, dass Papageno mir mein Portemonnaie geklaut hat. Mag sein, dass ich mir eine Welt denken kann, in der es einen diebischen Papageno gibt. Der Praxistest zeigt aber etwas anderes: Gehe ich zur Polizei, zeige Papageno ernstens als Dieb an, wäre Gelächter das Beste, was ich zu erwarten hätte. Es ist unmöglich, dass Papageno mir mein Portemonnaie geklaut hat.
|
||||
, in denen ein Gegenstand eine Rolle spielen kann, bestimmen ihn vollständig.
|
||||
|
||||
2.0123 Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vorkommens in Sachverhalten.
|
||||
|
||||
(Jede solche Möglichkeit muss in der Natur des Gegenstandes liegen.)
|
||||
|
||||
Es kann nicht nachträglich eine neue Möglichkeit gefunden werden.
|
||||
|
||||
Die Einschränkung, dass nachträglich keine neue Möglichkeit gefunden werden kann, folgt unmittelbar aus Wittgensteins Konstrukt des Gegenstands:
|
||||
|
||||
Der Gegenstand ist nicht mehr als die Konstante, die verschiedenen Sach verhalten20
|
||||
|
||||
Hier müsste eigentlich Sachlage stehen.
|
||||
eigen ist. Im Nachhinein etwas über die Konstante zu erfahren, hieße sie zu ändern, dann wäre es aber nicht mehr die Konstante: Ihre Semantik wäre unklar.
|
||||
|
||||
Diesem Denken nach ist es unmöglich einen Gegenstand nur teilweise zu kennen. Das heißt wiederum, dass die Gegenstände abschließend und vollständig vorgeben, welche Sachverhalte möglich – überhaupt denkbar – sind.
|
||||
|
||||
2.0124 Sind alle Gegenstände gegeben, so sind damit auch alle mögliche n Sachver halte gegeben.
|
||||
|
||||
Wittgenstein begreift einen Gegenstand als Summe aller Möglichkeiten seines Auftretens in Sachverhalten21
|
||||
|
||||
Ich übergehe an dieser Stelle für den Moment Satz 2.01231. Die dort eingeführte Unterscheidung zwischen internen und externen Eigenschaften werde ich später aufnehmen.
|
||||
. Damit wird der Gegenstand den Tatsachen gegenüber überladen. Entscheidend ist nicht, was ist (die Sachverhalte, in denen ein Gegenstand wirklich vorkommt), sondern was sein kann (die Sachverhalte, in denen ein Gegenstand vorkommen kann – die Sachlagen). Der Gegenstand (Sache, Ding) ist das Zentrum eines Raum s von Möglichkeiten, der ausgeschöpft werden k ann, aber nicht muss:
|
||||
|
||||
2.012 In der Logik ist nichts zufällig: Wenn das Ding im Sachverhalt vorkommen kan n , so muss die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.013 Jedes Ding ist, gleichsam, in einem Raume möglicher Sachverhalte.
|
||||
|
||||
Diesen Raum kann ich mir leer denken, nicht aber das Ding ohne den Raum.
|
||||
|
||||
Dieser Raum ist der Kern des logischen Raums, von dem Wittgenstein spricht, wenn er die Wirklichkeit meint.
|
||||
|
||||
Zunächst steht aber das Wesen des Gegenstands – die formalen Eigenschaften, die gegeben sein müssen, da mit etwas eine Konstante sein kann, die verschiedenen Sachverhalten eigen ist – im Zentrum seines Interesses.
|
||||
|
||||
## Kompasssatz 2: Das Wesen des Gegenstands (Sätze 2.02*)
|
||||
|
||||
2.02 Der Gegenstand ist einfach.
|
||||
|
||||
Die wesentliche Eigenschaft des Gegenstands ist seine Einfachheit. Das heißt, er ist nicht aus Teilen irgendwelcher Art zusammengesetzt.
|
||||
|
||||
2.021 Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.
|
||||
|
||||
2.0211 Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist.
|
||||
|
||||
2.021 2 Es wäre dann unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen.
|
||||
|
||||
An der zitierten Stelle ist allein schon bemerkenswert, dass Wittgenstein seine Forderung nicht ontologisch oder empirisch begründet. Er sieht statt dessen das Funktionieren der Sprache gefährdet: Die Möglichkeit, sinnvolle Sätze zu formulieren, hängt seiner Auffassung nach davon ab, dass die Gegenstände einfach sind.
|
||||
|
||||
Sein Argument leuchtet aber nicht auf Anhieb ein: „ so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist“.
|
||||
|
||||
Am einfachsten kommt man dem Argument auf die Spur, probiert man es einfach aus.
|
||||
|
||||
## - Ein Experiment
|
||||
|
||||
Für das Experiment brauchen wir zunächst einen Gegenstand. Zum Glück sind Wittgensteins An forderung en an einen Gegenstand nicht sonderlich hoch:
|
||||
|
||||
2.02331 Entweder ein Ding hat Eigenschaften, die kein anderes hat, dann kann man es ohneweiteres durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen; oder aber, es gibt mehrere Dinge, die ihre sämtlichen Eigenschaften gemeinsam haben, dann ist es überhaupt unmöglich auf eines von ihnen zu zeigen.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
Alles, was durch eine Beschreibung von anderen Gegenständen unterschieden werden kann, kann als Gegenstand betrachtet werden.
|
||||
|
||||
Ich war nun schon immer der Meinung, dass die Blütenfarbe bei Blumen sträflich vernachlässigt wird. Um das zu korrigieren, führe ich folgende Gegenstände ein:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Blaue Blume → Blaume
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Rote Blume → Blote
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Gelbe Blume → Blelbe
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Bunte Blume → Blunte
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
…
|
||||
|
||||
Wittgensteins Bedingung ist erfüllt: Ich kann die Gegenstände durch eine Beschreibung hervorheben (alles vor den Pfeilen) und dann auf den Gegenstand hinweisen (alles nach den Pfeilen).
|
||||
|
||||
Als Nächstes wird ein sinnvoller Satz, der vom Gegenstand handelt, benötigt. Nehmen wir den Satz „Die Blaume blüht.“
|
||||
|
||||
Man muss also zeigen können, dass de r Sin n des Satzes „Die Blaume blüht.“ davon abhängt, dass eine Blaume einfach – nicht zusammengesetzt – ist. Es geht nicht darum, ob der Satz wahr oder falsch ist, sondern darum, ob er überhaupt einen Sinn hat, der wahr falsch sein kann.
|
||||
|
||||
Im Argument spricht Wittgenstein von einem zweiten Satz, von dessen Wahrheit der Sinn des betrachteten Satzes nicht abhängen darf. Die im Beispiel verwendeten Beschreibungen sind dafür gute Kandidaten: Entscheidend für Sätze – im Sinne Wittgensteins – ist die funktionale Abhängigkeit der Semantik des Gesamt konstrukts von den Bestandteilen, aus denen es besteht – die Abhängigkeit des Satzsinns von den Satzbestandteilen:
|
||||
|
||||
4.032 […]
|
||||
|
||||
(Auch der Satz: „ambulo“, ist zusammengesetzt, denn sein Stamm ergibt mit einer anderen Endung, und seine Endung mit einem anderen Stamm, einen anderen Sinn.) [ 22
|
||||
|
||||
Eigentlich wäre Satz 5.47 hier die bessere Wahl. In diesem Satz werden aber zu viele bis jetzt noch nicht erläuterte Termini verwendet.
|
||||
]
|
||||
|
||||
Wird im Satz „Blaue Blume“ „Blau“ durch „Rot“ ersetzt, erhält man einen anderen Sinn. Genauso, ersetzt man „Blume“ durch „Auto“: Der Sinn des Gesamtkonstrukts ergibt sich aus den Bestandteilen des Konstrukts.
|
||||
|
||||
Beschreibungen sind Sätze, können also wahr oder falsch sein: „Blaue Blume“ trifft z. B. auf
|
||||
|
||||
zu, während es auf
|
||||
|
||||
nicht zutrifft.
|
||||
|
||||
Geht man nun davon aus, dass auch die Definition ein Satz ist, k önnte sie, wie die Beschreibung, wahr oder falsch sein.
|
||||
|
||||
Und wäre sie falsch, weil es sich in Wirklichkeit nicht um eine Blume, sondern ein Auto handelt, wäre der Satz „Die Blaume blüht.“ unsinnig. Der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht.“ würde von der Wahrheit des Satzes „Blaue Blume“ abhängen.
|
||||
|
||||
Das ist unmöglich: Der Sinn des Satzes ist gegeben, ohne dass es eine Tatsache gibt, auf die er angewendet wird. Ein Vergleichsobjekt, das ich bräuchte, um festzustellen, ob „Blaue Blume“ wahr oder falsch ist, ist für das Verständnis des Sinns nicht notwendig.
|
||||
|
||||
Der Satz hat einen von den Tatsachen unabhängigen Sinn.
|
||||
|
||||
‚Blaume‘ leistet dasselbe, wie die Beschreibung „ Blaue Blume“: Der Satz „Die blaue Blume blüht.“ hat denselben Sinn, wie der Satz „Die Blaume blüht.“
|
||||
|
||||
Ein Satz ist ‚Blaume‘ deshalb aber nicht: Es zerfällt nicht in Bestandteile. Es gibt keinen Sinn, der aus den Teilen hergeleitet werden könnte23
|
||||
|
||||
Und die Buchstaben, aus denen es zusammengesetzt ist, sind unwesentlich.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Die durch die Definition etablierte Bedeutung des einfachen Zeichens kann deshalb selbst auch nur einfach sein. Im anderen Falle müsste sich jede Differenzierung der Bedeutung im einfachen Zeichen ausdrücken lassen, weil sonst nicht klar wäre, was das Zeichen meint. Eine solche Differenzierung lässt ein einfaches Zeichen aber nicht zu.
|
||||
|
||||
Einfache Zeichen können nichts Zusammengesetztes bedeuten24
|
||||
|
||||
Mit seinem Argument greift Wittgenstein hier der Abhandlung weit vor. Warum einfache Zeichen nichts komplexes bedeuten können, wird später noch einmal im Zusammenhang mit dynamischen Modellen und der logischen Mannigfaltigkeit eines sprachlichen Ausdrucks thematisiert.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Beschreibung und das einfache Zeichen leisten dasselbe, aber auf verschiedene Art und Weise 25
|
||||
|
||||
FIXME:
|
||||
|
||||
Vielleicht ein Zitat aus der Einleitung:
|
||||
|
||||
[...] It is impossible, for example, to make a statement about two men [Socrates and Plato] (assuming for the moment that the men may be treated as simples), without employing two names, […]
|
||||
|
||||
Russell wirft an dieser Stelle Definiens und Definiendum durcheinander → simple / name in einer Dingontologie zu erwarten
|
||||
.
|
||||
|
||||
Die Definition stellt dabei den Übergangspunkt von Sinn nach Bedeutung dar:
|
||||
|
||||
Ihre Form ist die eines Satzes: Ihr Sinn ergibt sich aus den Bestandteilen, aus denen sie besteht.
|
||||
|
||||
Ande rs als der Satz kann und darf sie aber nicht wahr oder falsch sein, stellt vielmehr klar, was ein einfaches Zeichen bedeutet.
|
||||
|
||||
Und das einfache Zeichen kann nur dann eine eindeutige Bedeutung haben, wenn die Definition etwas ebenso Einfaches etabliert.
|
||||
|
||||
Unsere Sätze bestehen aus einfachen Zeichen, die etwas Einfaches bedeuten müssen, obwohl sie durch Zusammengesetztes definiert sind.
|
||||
|
||||
Es wäre sonst unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen26
|
||||
|
||||
Dem Sinn nach Satz 2.021
|
||||
.
|
||||
|
||||
q.e.di
|
||||
|
||||
Es gibt eine weitere Möglichkeit das Experiment aufzubauen, die weniger stark dem Text vorgreift, und deshalb näher an dem sein mag, was Wittgenstein meinte. Ich war aber nicht in der Lage, sie zu Ende zu führen.
|
||||
|
||||
Nehmen wir zunächst an, es gäbe ein Wort, das zwei Dinge gleichzeitig bezeichnet. Sagen wir ‚Blauto‘ steht gleichermaßen für Blume und Auto.
|
||||
|
||||
Im diesem Falle wäre nicht klar, ob der Satz „Das Blauto blüht.“ unsinnig ist oder nicht. Das Problem kann man lösen, indem im Zeichen ‚Blauto‘ Änderungen zulässt. ‚Blauto_a‘ könnte Blume, ‚Blauto_b‘ Auto bedeuten. Dann hätten wir es aber nicht mehr mit einem einfachen Zeichen zu tun. „Blauto“ wäre in Wittgensteins Sinne ein Satz.
|
||||
|
||||
Im anderen Falle würde die Sinnhaftigkeit von „Das Blauto blüht.“ davon abhängen, ob gerade die Blume oder das Auto gemeint ist, was nicht sein kann, soll der Satz einen klaren Sinn haben.
|
||||
|
||||
Mir ist an dieser Stelle aber nicht klar, welchen Satz Wittgenstein hier meint, wenn er von einem anderen Satz spricht, von dessen Wahrheit oder Falschheit der Sinn des betrachteten Satzes nicht abhängen darf. Der Satz „Mit Blauto meine ich jetzt Blume.“ würde das Beispiel ad absurdum führen, weil ein Zirkel eingeführt würde.
|
||||
|
||||
Im Ende ist das Ergebnis aber das Gleiche: Die durch ein einfaches Zeichen gegebene Bedeutung kann selbst wieder nur einfach sein.
|
||||
|
||||
Man kann bei dieser Version des Experiments, wenn ich mich nicht irre, auch ganz auf Phantasiewörter verzichten. Im Falle des Zeichens ‚Bank‘ ist es ja z.B. tatsächlich so, dass wir das Gemeinte erst aus dem Kontext ableiten – etwa im Falle von „Ich habe einen Kredit bei der Bank.“ oder wirklich nachfragen müssen – etwa im Falle von „ Die Bank ist jetzt zehn Jahre alt.“
|
||||
.
|
||||
|
||||
## - Gegenstand und Welt
|
||||
|
||||
Eine Blaume ist nun nicht der interessanteste Gegenst and, de n man sich vorstellen kann.
|
||||
|
||||
Die Kosten ihn einzuführen, waren aber auch nicht sonderlich hoch: Alles, was es braucht, ist eine Beschreibung, die auf eine Tatsache angewendet den Gegenstand zurückgibt.
|
||||
|
||||
Ich kann die Blütenfarbe der Beschreibung einer Blume hinzufügen, und so den Genstand Blume zu einem neuen Gegenstand – der Blaume – spezialisieren. Uninteressant ist das Ganze, weil die Blütenfarbe nichts Wesentliches der Blume beschreibt, keine Eigenschaft ist, die die Einführung eines eigenen Gegenstands rechtfertigen würde.
|
||||
|
||||
Wittgensteins Auffassung ermöglicht eine Inflation von Gegenständen fragwürdigen Werts, weil sie nur die formalen Eigenschaften der Gegenstände einbezieht: Die Einführung der Blaume mag abwegig sein, doch hindert mich nichts an Wittgensteins Idee daran, es trotzdem zu tun 27
|
||||
|
||||
Hier zeigt sich eine Skepsis Wittgensteins Definitionen gegenüber, die in MS 104 (Prototractatus) deutlich er zum Ausdruck kommt. [Der Lesbarkeit halber habe ich das Zitat geglättet. Original im Anhang]
|
||||
|
||||
3·20107 Die Zusammenfassung des Symbols eines Komplexes in ein einfaches Symbol kann durch eine Definition ausgedrückt werden. [...] Offenbar garantiert schon der Umstand der es möglich macht daß Gewisse Formen durch eine Definition zu einen Namen projiziert werden, dafür daß dieser Name dann auch wie ein wirklicher behandelt werden kann.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Gegenstände sind diesem Verständnis nach nur eine notwendige aber keine hinreichende Bedingung einer korrekten Beschreibung der Welt:
|
||||
|
||||
2.022 Es ist offenbar, dass auch eine von der wirklichen noch so verschieden gedachte Welt Etwas – eine Form – mit der wirklichen gemein haben muss.
|
||||
|
||||
2.023 Diese feste Form besteht eben aus den Gegenständen.
|
||||
|
||||
Aus systematischer Sicht bilden Gegenstände die Grundlage, die es erst ermöglicht, eine Beschreibung der Welt zu formulieren, aber eben nicht mehr:
|
||||
|
||||
Die Welt gibt keinen Kanon von Gegenständen vor, der zu ihrer korrekten Beschreibung notwendig wäre. Statt dessen gibt es verschiedene Bezugsweisen, anhand derer die Welt beschrieben werden kann, und diese Bezugsweisen unterscheiden sich in den Gegenständen, die in der Beschreibung genutzt werden.
|
||||
|
||||
Für Wittgenstein sind Gegenstände nicht Teil der Welt, sie bilden vielmehr den Werkzeugkasten, der es erst ermöglicht sinnvolle – überhaupt wahrheitsfähige – Beschreibungen der Welt zu geben.
|
||||
|
||||
2.0231 Die Substanz der Welt kann nur eine Form und keine materiellen Eigen schaften bestimmen. Denn diese werden erst durch die Sätze dargestellt – erst durch die Konfiguration der Gegenstände gebildet.
|
||||
|
||||
2.0232 Beiläufig gesprochen: Die Gegenstände sind farblos.
|
||||
|
||||
2.0233 Zwei Gegenstände von der gleichen logischen Form sind – abgesehen von ihren externen Eigenschaften – von einander nur dadurch unterschieden, dass sie verschieden sind.
|
||||
|
||||
Man kann eine Definition in diesem Sinne als Messvorschrift begreifen: Immer, wenn die gegebene Beschreibung zutrifft, darf ich das definierte Wort nutzen.
|
||||
|
||||
Gegenstände sind dann so etwas wie Messapparate, die auf die Tatsachen angewendet werden, und immer dann anschlagen, wenn die Definition zutrifft.
|
||||
|
||||
Gegenstände sind Typen keine Instanzen. Ein Gegenstand repräsentiert Nichts, das in der Welt wäre, er ist Werkzeug, die Welt zu ordnen:
|
||||
|
||||
Wenn ich das Wort „Mutter“ falsch schreibe, nämlich so: „Muter“, welches ‚t‘ habe ich vergessen, das erste oder das zweite?
|
||||
|
||||
Die Frage ist unsinnig, weil in „Mutter“ dasselbe ‚t‘ zweimal notiert ist28
|
||||
|
||||
Das gleiche sieht man daran, dass es für einen Taschenspieler ein Leichtes ist, uns zwei Gegenstände als einen, oder umgekehrt einen Gegenstand als zwei vorzugaukeln.
|
||||
und nicht zwei Zeichen auf etwas Gemeinsames verweisen29
|
||||
|
||||
FIXME: Aspektabhängigkeit klar machen
|
||||
.
|
||||
|
||||
Ist eine Blaume blau? Sowenig wie ein Thermometer, dass 200 °C heißen Dampf misst, 200 °C heiß ist, sowenig ist eine Blaume blau: Der Gegenstand ist der Messapparat, nicht das Gemessene.
|
||||
|
||||
Die Welt allein ist unbestimmt, macht keine Vorgaben, wie sie zu beschreiben ist. Erst das hinzutreten der Gegenstände ermöglicht klare Bilder der Welt.
|
||||
|
||||
2.024 Die Substanz ist das, was unabhängig von dem was der Fall ist, besteht.
|
||||
|
||||
Man liest häufig, Wittgenstein postuliere, dass die Tatsachen aus Gegenständen bestünden 30
|
||||
|
||||
Z. B. Kellerkessel → Ressourcen
|
||||
. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass Gegenstände erst auf der Ebene des Sachverhalts in Wittgensteins Modell eintreten, und diese Beziehung nicht transitiv ist – Sachverhalte sind logisch unabhängig voneinander. Satz 2.024 macht Wittgensteins Position noch einmal deutlich: Die Substanz (sprich: die Gegenstände) besteht unabhängig von dem, was der Fall ist (den Tatsachen): Gegenstände sind nicht Teil der Welt, bilden vielmehr ein Gerüst, das als Bedingung einer sinnvollen Beschreibung zur Welt hinzutritt 31
|
||||
|
||||
Diese Lesart kann auch als Einzige den diametralen Widerspruch zwischen einer Tatsachenontologie einerseits und einfachen Gegenständen, aus denen diese Tatsachen bestehen, andererseits vermeiden.
|
||||
.
|
||||
|
||||
2.025 Sie ist Form und Inhalt.
|
||||
|
||||
Gegenstände erfüllen dabei zwei Funktionen. Einerseits Stellen sie klar, von was die Rede ist, welche Bezugsweise gewählt wurde: Das ist der inhaltliche Aspekt. Andererseits geben sie der Welt Struktur. Schon in Satz 2.0123 (vgl. S.11) identifiziert Wittgenstein das Wissen, was ein Gegenstand ist, mit dem Wissen, in welchen Sachverhalten er eine Rolle spielen kann. Das ist der formale Aspekt des Gegenstands. Der Satz „Die Blume blüht.“ hat im Gegensatz zum Satz „Das Auto blüht.“ Sinn. Die Möglichkeit in bestimmten Sachverhalten vorkommen zu können, in anderen nicht, gibt dem Raum, der von den Gegenständen aufgespannt wird, Struktur.
|
||||
|
||||
Nun hat nicht jede Eigenschaft eines Gegenstands die gleiche Bedeutung, was seine Möglichkeiten des Vorkommens in Sachverhalten angeht.
|
||||
|
||||
2.01231 Um einen Gegenstand zu kennen, muss ich zwar nicht seine externen – aber ich muss alle seine internen Eigenschaften kennen.
|
||||
|
||||
Die Farbe des Balls ist unerheblich dafür, ob er zum Fußballspielen verwendet werden kann, oder nicht. Folglich machen wir bezüglich der Farbe keine Einschränkungen, wenn wir beurteilen, ob etwas ein Ball ist. Sollte er dagegen nicht rund sein, wären wir nicht bereit, von einem Ball zu reden.
|
||||
|
||||
Alle Eigenschaften, die relevant dafür sind, ob ein Gegenstand in einem Sachverhalt vorkommen kann oder nicht, sind die internen Eigenschaften des Gegenstands, alle unwesentlichen die externen.
|
||||
|
||||
2.0272 Die Konfiguration der Gegenstände bildet den Sachverhalt.
|
||||
|
||||
2.03 Im Sachverhalt hängen die Gegenstände ineinander, wie die Glieder einer Kette.
|
||||
|
||||
In Sachverhalten sind Gegenstände nicht einfach wahllos zusammengewürfelt.
|
||||
|
||||
Entlang ihrer internen Eigenschaften lassen Gegenstände bestimmte Kombinationen zu, andere nicht.
|
||||
|
||||
2.031 Im Sachverhalt verhalten sich die Gegenstände in bestimmter Art und Weise zueinander.
|
||||
|
||||
2.032 Die Art und Weise, wie die Gegenstände im Sachverhalt zusammenhängen, ist die Struktur des Sachverhaltes.
|
||||
|
||||
2.033 Die Form ist die Möglichkeit der Struktur.
|
||||
|
||||
Wittgenstein festigt an dieser Stelle einen Begriff, den er in der Abhandlung immer wieder als technischen Term nutzt:
|
||||
|
||||
2.026 Nur wenn es Gegenstände gibt, kann es eine feste Form der Welt geben.
|
||||
|
||||
2.027 Das Feste, das Bestehende und der Gegenstand sind Eins.
|
||||
|
||||
He compares linguistic expression to projection in geometry. A geometrical figure may be projected in many ways: each of these ways corresponds to a different language, but the projective properties of the original figure remain unchanged whichever of these ways may be adopted.
|
||||
|
||||
z
|
||||
@@ -0,0 +1,844 @@
|
||||
Was ist Wahrheit?
|
||||
—
|
||||
Wittgensteins
|
||||
Logisch - Philosophische Abhandlung
|
||||
|
||||
Marcus Hinz
|
||||
|
||||
ἔστιν ἔστιν
|
||||
|
||||
Inhalt
|
||||
|
||||
Inhalt
|
||||
|
||||
1 - Tatsachen und Sachverhalte 1
|
||||
|
||||
1.1 – Russells Sicht 2
|
||||
|
||||
1.2 – Die Idee 3
|
||||
|
||||
1.2.1 - Tatsachen 4
|
||||
|
||||
1.2.2 - Sachverhalte 5
|
||||
|
||||
2 - Thing Thinking Strikes Back – Gegenstände & Logischer Raum 9
|
||||
|
||||
2.1 – Gegenstände und Sachverhalte 9
|
||||
|
||||
2.1.1 - Die Substanz der Welt 10
|
||||
|
||||
2.1.2 - Die Form des Gegenstands 15
|
||||
|
||||
2.2 – Der logische Raum 17
|
||||
|
||||
##
|
||||
|
||||
(Eine erste) Einleitung
|
||||
|
||||
—
|
||||
|
||||
Wittgenstein und der Linguistic Turn
|
||||
|
||||
Zu Beginn ein e kurze Einordnung der Diskussion, die ich in diesem Buch führen möchte.
|
||||
|
||||
De r Ausgangspunkt meiner Überlegungen zur Abhandlung sind Wittgensteins einleitende Bemerkungen zur Ontologie (Satzreihe 1.* und Sätze 2 & 2.01 der Abhandlung ), in denen er die Begriffe Tatsache und Sachverhalt einführt, aber eine klare Abgrenzung der Begriffe schuldig bleibt.
|
||||
|
||||
Zur Abgrenzung dieser Begriffe habe ich eine These formuliert, die es erlaubt, die Abhandlung insgesamt als geschlossenen Text zu verstehen, statt sie – wie häufig zu lesen – als Ansammlung zusammenhangloser Aphorismen zu begreifen.
|
||||
|
||||
Meine Idee unterstellt der Abhandlung ein klares ontologisches Fundament, das auf Tatsachen und Sachverhalten beruht.
|
||||
|
||||
In Satzreihe 5 wird dieses Fundament zum tragende n Element der Formulierung der allgemeinen Satzform, mit der Wittgenstein die philo so phischen Probleme „im Wesent li chen endgültig gelöst“ zu haben glaubt.
|
||||
|
||||
Ontologische Überlegungen so sehr ins Zentrum Wittgensteins Denken zu rücken, passt nicht zu seinem philosophischen Hintergrund.
|
||||
|
||||
Der frühe Wittgenstein wird zu den Denkern des Linguistic Turn gerechnet, von manchen sogar als der eigentliche Protagonist der sprachlichen Wende betrachtet.
|
||||
|
||||
Kennzeichnendes Merkmal des Linguistic Turn ist die Abwendung von ontologischen Fragestellungen hin zu einer Analyse der Sprache und ihres Funktionierens.
|
||||
|
||||
Zentral ist dabei die Annahme, dass die Komplexität und Intrans parenz der Umgangssprache Ideen nahelegt, die in der alten Philosophie zu gravierenden Irrtümern geführt haben.
|
||||
|
||||
Ziel einer neuen Philosophie ist es deshalb, diese Irrtümer zu vermeiden.
|
||||
|
||||
An die Stelle einer Analyse der Wirklichkeit tritt die Analyse der Sprach mechanismen, die die Irrtümer der alten Philosophie verursachen.
|
||||
|
||||
Auf Basis dieser Analyse haben Bertrand Russell und Alfred North Whitehead auf der einen Gottlob Frege auf der anderen Seite versucht, Sprache n zu entwickeln, mit der sich die Welt ohne irreführenden Ballast beschreiben lässt.
|
||||
|
||||
Eine klare Sprache macht unklares Denken unmöglich.
|
||||
|
||||
Denken ist in diesem Sinne etwas genuin sprachliches, eine Art innerer Monolog, der nur richtig geführt werden muss, um den Irrtümern der alten Philosophie zu entgehen.
|
||||
|
||||
Die Gründe, Wittgenstein dieser Gruppe zuzuordnen, sind offen sichtlich:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Wittgenstein hat den richtigen Stallgeruch: Russell war sein philosophischer Ziehvater.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Sprache und Denken sind für Wittgenstein identisch: „Der Gedanke ist der sinnvolle Satz.“
|
||||
|
||||
Abhandlung Satz 4.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Auch Wittgenstein sieht in der Komplexität und Intransparenz der Umgangssprache die Wurzel aller Irrtümer der Philosophie.
|
||||
|
||||
Die Nutzung einer Sprache von der Art, wie Russell und Frege sie erdacht haben, kann helfen, diese Irrtümer zu ver me iden.
|
||||
|
||||
Abhandlung Sätze 3.325, 4.002 & 4.003
|
||||
|
||||
Ich habe deshalb lange überlegt, die Abhandlung im Kontext des Linguistic Turn und seiner Akteure vorzustellen.
|
||||
|
||||
Ich halte diese Idee inzwischen für falsch.
|
||||
|
||||
Ich habe zwei Bedenken.
|
||||
|
||||
Am einfachsten kann ich mein erstes Bedenken an einem Problem erläutern, das die Philosophie schon seit dem Beginn ihrer Aufzeichnung begleitet: D as Universalien problem.
|
||||
|
||||
Kurz gesagt geht es dabei um die Frage, ob Universalien – also abstrakt e oder allgemein bezeichnende Dinge, wie Farben, Gefühle, Zahlen, Werte, etc. – Entsprechungen in der Welt haben oder nicht.
|
||||
|
||||
Für den Linguistic Turn war dieses Thema zentral, die Positionierung in der Frage klar nominalistisch:
|
||||
|
||||
Nehmen wir als Beispiel die Farbe Rot.
|
||||
|
||||
Die Annahme der Existenz eine s Dings, d as die Farbe selbst repräsentiert, ist aus der Sicht des Linguistic Turns paradigmatisch für einen Irrtum, der durch ein Missverständnis der Umgangssprache entsteht.
|
||||
|
||||
Hinter der Annahme steht die naive Sicht, das s alle s, was in der Sprache eine dingliche Form hat, auch eine dingliche Ent sprechung in der Welt braucht.
|
||||
|
||||
So wird überflüssigerweise ein metaphysischer Gegenstand geschaffen, der nur zu Verwirrungen führt. Es ist z.B. völlig unklar, wo diese s Ding seinen Platz in der Welt hätte (Wo wohnt Rot, und wer zahlt die Miete?).
|
||||
|
||||
Universalien haben keinen Platz in der Welt, sind vielmehr Konstrukte, die uns helfen eine dinglich gegebene Welt zu ordnen und zu verstehen.
|
||||
|
||||
Anders Wittgenstein:
|
||||
|
||||
5.61 Die Logik erfüllt die Welt; die Grenzen der Welt sind auch ihre Grenzen.
|
||||
|
||||
Wir können also in der Logik nicht sagen: Das und das gibt es in der Welt, jenes nicht.
|
||||
|
||||
[ ... ]
|
||||
|
||||
Wittgensteins Antwort ist gleich in zwei Hinsichten nicht nominalistisch:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Der Nominalismus gibt vor, die Frage nach der Existenz der Universalien entscheiden zu können.
|
||||
|
||||
Wittgenstein weißt schon die Frage zurück.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Hinter dem Nominalismus steht eine Dingontologie, die versucht, eine gewisse Art von Gegenständen anders zu behandeln, als die gewöhnlichen.
|
||||
|
||||
Wittgenstein trifft eine solche Unterscheidung nicht.
|
||||
|
||||
Mein zweites Bedenken ist die Konsistenz des Textes.
|
||||
|
||||
Möchte man nicht schon in Satz 2.01 zum Schluss kommen, dass Wittgenstein inkonsistent argumentiert, muss de r Unter schied zwischen Tatsache und Sachverhalt ein größerer sein, als ihn z.B. Russell in seiner Einleitung annimmt.
|
||||
|
||||
Dieses Thema werde ich in Kapitel 1 besprechen.
|
||||
|
||||
Wittgenstein lehnt die Gedanken des Linguistic Turn aber nicht ab. Er führt sie vielmehr fort. Er vollendet den Kreis, der mit der sprachlichen Wende begonnen wurde.
|
||||
|
||||
Er gibt der Wende damit ein Fundament, das es erst ermöglicht, viele ihrer Gedanken konsistent und vollständig zu auszusprechen.
|
||||
|
||||
Mit diesen Überlegungen hat er ein Modell der Welt sui generis geschaffen. Auch nur ähnliche Überlegungen habe ich nirgends gesehen.
|
||||
|
||||
Wittgenstein kommt aus dem Linguistic Turn, seine Ideen zeigen z.B. aber auch eine erstaunliche Nähe zu Platon, Kant und Leibnitz.
|
||||
|
||||
Der Versuch, Wittgenstein in einen Kontext zu stellen, und ihn aus diesem Kontext heraus zu verstehen, macht deshalb wenig Sinn. Insofern werde ich mich – von wenigen Stellen abgesehen – auf die Abhandlung selbst konzentrieren.
|
||||
|
||||
Nur Russell – genauer die Einleitung, die er zur Abhandlung verfasst hat – werde ich häufiger zitieren, um eine andere Meinung zum Text zu haben.
|
||||
|
||||
Ich tue Russell damit Unrecht.
|
||||
|
||||
Wittgenstein hat alles nur erdenkliche unternommen, um das Verständnis der Abhandlung zu erschweren oder unmöglich zu machen
|
||||
|
||||
Die Abhandlung ist sicher die einzige philosophische Schrift, die es zum Libretto einer Oper geschafft hat.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Und los ...
|
||||
|
||||
## Tatsachen und Sachverhalte
|
||||
|
||||
Eine der größten Schwierigkeiten, denen man beim Lesen der Abhandlung begegnet, ist Wittgensteins Eigenart, Termini technici einzuführen, ohne sie als solche zu kennzeichnen, geschweige denn ihre Bedeutung zu erläutern.
|
||||
|
||||
Den ersten Kandidaten begegnet man direkt zu Beginn der Abhandlung : Wittgenstein führt hier die Begriffe Tatsache und Sachverhalt ein.
|
||||
|
||||
Der Terminus Tatsache wird in Satzreihe 1 direkt zu Beginn der Abhandlung eingeführt. Dort handelt Wittgenstein in kurzen Worten seine Ontologie ab:
|
||||
|
||||
1 Die Welt ist alles, was der Fall ist.
|
||||
|
||||
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
|
||||
|
||||
In Satz 1.1 grenzt Wittgenstein seine Tatsachenontologie gegen eine – sicherlich üblichere – Dingontologie ab.
|
||||
|
||||
Ihrem Grundgedanken nach betrachtet eine Ding ontologie die Dinge als die konstituierenden Elemente der Welt, aus denen sich die Tatsachen – als Kombinationen der Dinge – herleiten.
|
||||
|
||||
In diesem Sinne ist die Welt die Gesamtheit der Dinge, alles andere nur eine Ableitung daraus.
|
||||
|
||||
Wittgenstein setzt der Dingontologie die Tatsache als kon sti tuierendes Element der Welt entgegen.
|
||||
|
||||
Er kehrt dabei aber nicht einfach nur das Verhältnis von Ding und Tatsache um. Statt dessen führt er mit den Sachverhalten eine Ebene ein, die zwischen Tatsachen und Dingen steht:
|
||||
|
||||
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
|
||||
|
||||
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegen ständen. (Sachen, Dingen.)
|
||||
|
||||
Während Wittgenstein d ie Beziehung von Gegen stand und Sach verhalt erläutert, bleibt er in der Beschreibung de r Beziehung von Tatsache und Sachverhalt vage:
|
||||
|
||||
Der Sachverhalt ist ein einfacher Komplex, der sich aus Dingen zusammensetzt – „eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen Dingen.)“
|
||||
|
||||
Die Tatsache dagegen „ ist das Bestehen von Sach ver halten“. „ ist“ legt hier eine sehr enge Beziehung von Tatsache und Sachverhalt nahe, erklärt aber nicht, wie sich diese Beziehung gestaltet.
|
||||
|
||||
## Russells Sicht
|
||||
|
||||
In seinem Vorwort zur Abhandlung erläutert Russell seine Sicht:
|
||||
|
||||
What is complex in the world is a fact. Facts which are not compounded of other facts are what Mr. Wittgenstein calls Sachverhalte, whereas a fact which may consist of two or more facts is a Tatsache: thus, for example “Socrates is wise” is a Sachverhalt, as well as a Tatsache, whereas “Socrates is wise and Plato is his pupil” is a Tatsache but not a Sachverhalt.
|
||||
|
||||
Russell schwebt an dieser Stelle wohl ein hierarchisches Modell vor, in dem die Gegenstände die Bausteine von Komplexe n sind, die selbst wieder Bausteine größere r Komplexe sein können.
|
||||
|
||||
Sachverhalt und Tatsache unterscheiden sich dieser Sicht nach nicht wesentlich:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Jeder Sachverhalt ist für sich selbst bereits eine Tat sache.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Beziehung von Tatsache und Sachverhalt ist analog der von Ding und Sachverhalt: Eine Tat sache ist ein einfacher Komplex aus Sach ver halten.
|
||||
|
||||
Russell dehnt den Text an dieser St elle:
|
||||
|
||||
In Satz 2 definiert Wittgenstein die Tatsache als das Bestehen von Sachverhalten
|
||||
|
||||
Einer Tatsachen entsprechen mehrere Sachverhalte.
|
||||
|
||||
In Satz 2.06 wird die Kardinalität noch etwas deutlicher:
|
||||
|
||||
2.06 [ … ]
|
||||
|
||||
(Das Bestehen von Sachverhalten nennen wir auch eine positive, das Nichtbestehen eine negative Tatsache.)
|
||||
. Strenger Lesart nach lässt diese Aus sage keinen Raum, einen einzelnen Sach verhalt als Tatsache zu be trachten.
|
||||
|
||||
Auf der anderen Seite geht Wittgenstein auf die Beziehung von Tatsache und Sachverhalt nicht näher ein.
|
||||
|
||||
Die Vermutung liegt nahe, dass Russell hier die aus seiner Sicht einfachste Annahme zum Verhältnis von Sach verhalt und Tatsache getroffen hat.
|
||||
|
||||
Mit Russells Lesart wird die Abhandlung aber bereits an dieser Stelle inkonsistent:
|
||||
|
||||
Ist der Sachverhalt eine Verbindung von Gegen ständen und die Tatsache wiederum eine Verbindung von Sachverhalten, ist auch die Tatsache – zumindest mittelbar – aus Gegenständen zusammengesetzt.
|
||||
|
||||
Dann wären aber die Gegenstände die konstitu ieren den Elemente der Welt, nicht, wie in Satz 1.1 postuliert, die Tatsachen.
|
||||
|
||||
## Die Idee
|
||||
|
||||
In Satz 2.01 schreibt Wittgenstein explizit, dass der Sachverhalt eine Verbindung von Gegenständen (Sachen, Dingen) ist.
|
||||
|
||||
Es gibt aber keine Stelle in der Abhandlung, in der Wittgenstein schreib t, dass die Tatsache ebenso aus Gegenständen zusam mengesetzt ist.
|
||||
|
||||
Genauso wenig gibt es eine Stelle in der Abhandlung, in der Wittgenstein schreib t, dass die Tatsache eine Ver bindung von Sach verhalten ist.
|
||||
|
||||
Der Text lässt demnach Raum, die Inkonsistenz in Russells Sicht zu vermeiden.
|
||||
|
||||
Dazu müsste die Beziehung von Tatsache und Sachverhalt so gestaltet sein, dass zwar Sachverhalte aus Gegenständen zusam mengesetzt sind, Tatsachen dagegen nicht.
|
||||
|
||||
Hier eine These, die Russells Widerspruch vermeidet, und der Abhandlung da rüber hinaus e inen Überbau gibt , der eine Sicht auf den Text als schlüssiges Ganzes erlaubt, statt ihn – wie häufig zu lesen – als eine Ansammlung von Aphorismen erscheinen zu lassen.
|
||||
|
||||
## Tatsachen
|
||||
|
||||
Eine Tatsache ist jedes Stück Welt, über das wir, ohne den Kontext zu kennen, sinnvolle Aus sagen treffen können
|
||||
|
||||
Ich vermeide hier bewusst die Aussage, dass Tatsachen unab hängig voneinander sind.
|
||||
|
||||
Wittgenstein sagt von Sachverhalten zwar explizit, dass sie unabhängig voneinander sind (Satz 2.061), von Tatsachen sagt er das aber nicht (Satz 1.21).
|
||||
|
||||
Inzwischen glaube ich, dass der Unterschied, den Wittgenstein hier macht, eine Signifikanz mit Blick aus Satz 6.45 hat.
|
||||
|
||||
Selbst wenn es Abhängigkeiten zur Tatsache gibt, die wir nicht kennen, können wir doch Aussagen zur Tatsache machen.
|
||||
|
||||
Wir müssen nicht die Welt als Ganzes vor Augen haben, um Bilder der Welt haben zu können – das zeigt umgekehrt dann aber auch die Grenzen der Bilder.
|
||||
. Zum Beispiel so etwas
|
||||
|
||||
Ich werde Tatsachen immer als Fotografien darstellen. Das ist natürlich ein Kompromiss: Gerüche, Haptik und Geräusche werden so z um B eispiel nicht abgebildet, obwohl sie Teil der Tatsache sind. Es ist das Beste, das ich in einem Buch liefern kann.
|
||||
:
|
||||
|
||||
Wolfga ng Brendel als Papageno in Mozarts Zauberflöte, München 2005
|
||||
|
||||
Der Kontext der dargestellten Tatsache ist nicht bekannt. Man weiß z.B. nicht, ob sich noch weitere Sänger auf der Bühne befinden. Genauso wenig ist klar, ob es sich um eine Probe oder eine Aufführung handelt, etc..
|
||||
|
||||
Trotzdem ist es möglich sinnvolle Aussagen zur Tatsache zu machen, zum Beispiel, dass ein Mann auf einer Bühne steht.
|
||||
|
||||
Anders in diesem Fall:
|
||||
|
||||
Foto
|
||||
|
||||
In diesem Fall erkennt man die Sinn einheit nicht, w eshalb sich bestenfalls diffuse Aussagen treffen lassen. Es ist keine Tat sache, einfach weil nicht klar wäre, worin sie denn bestünde.
|
||||
|
||||
## Sachverhalte
|
||||
|
||||
Zu den Sachverhalten kommt man, stellt man die Frage, aus welchen Dingen sich die Tatsache zusammensetzt.
|
||||
|
||||
Es gibt tausend Antworten auf diese Frage. Ich möchte zwei herausgreifen und ein wenig näher betrachten:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zau ber flöte.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.
|
||||
|
||||
Beide Aussagen sind wahr, beide Aussagen beziehen sich auf denselben Gegenstand, nämlich
|
||||
|
||||
diesen da.
|
||||
|
||||
Für eine Dingontologie ist das ein Problem:
|
||||
|
||||
Sollen die Dinge die konstituierenden Elemente der Welt sein, muss jederzeit klar sein, was ein Gegenstand ist, sonst wäre die Welt nicht eindeutig bestimmt.
|
||||
|
||||
Hier sieht es so aus, als wäre ein Ding zwei Dinge gleichzeitig: Ein Opernsänger und eine Opernfigur.
|
||||
|
||||
Die Antwort scheint zunächst einfach:
|
||||
|
||||
Die Aussagen, die ich ausgewählt habe, notieren nicht voll ständig. Richtig hätte es heißen müssen:
|
||||
|
||||
„ Es ist Wolfgang Brendel in der Rolle des Papageno bei seinem ersten Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“
|
||||
|
||||
Das Subjekt dieser Aussage ist Wolfgang Brendel, der so als das konstituierende Ding in der Tatsache gekennzeichnet wird. Die Opernfigur Papageno wird als Attribut de r Konstituente auf gelöst, und verschwindet damit als kon sti tuierendes Element der Welt.
|
||||
|
||||
Ein Gegenargument:
|
||||
|
||||
Die wenigsten werden gewusst haben, dass die singende Person Wolfgang Brendel ist, viele davon aber sehr wohl Papageno erkannt haben.
|
||||
|
||||
Der Sänger hat zunächst nichts mit der Opernfigur zu tun.
|
||||
|
||||
Ich kann den Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ verstehen, ohne Wolfgang Brendel zu kennen.
|
||||
|
||||
Die zugrunde liegende Tatsache stellt also keine not wendige Beziehung zwischen dem Sänger und der Oper nfigur her.
|
||||
|
||||
Deutlicher wird das Argument, nimmt man eine zweite Tatsache hinzu:
|
||||
|
||||
Papageno in Mozarts Zauberflöte, Lindauer Marionettenoper, 2012 (?)
|
||||
|
||||
Wieder Papagenos erster Auftritt in der Zauberflöte.
|
||||
|
||||
Dieser Umstand setzt beide Tatsachen in Beziehung zueinander: Man kann etwa Papagenos Kostüm oder sein Erscheinen auf der Bühne in der jeweiligen Inszenierung vergleichen.
|
||||
|
||||
Diesmal ist Papageno eine Marionette.
|
||||
|
||||
Der Vergleich funktioniert nur, wenn der Sänger für die Opern figur unerheblich ist; wenn man vom Sänger absehen und trotz dem die Opernfigur betrachten kann.
|
||||
|
||||
Der Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ handelt nicht von Wolfgang Brendel und es ist eine wesentliche Eigenschaft des Satzes, nicht von Wolfgang Brendel zu handeln.
|
||||
|
||||
Wäre dem nicht so, könnte man z.B. die Kostüme nur ver gleichen, wenn Wolfgang Brendel sie trägt.
|
||||
|
||||
Die Sätze „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ und „ Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte“ sind logisch unabhängig von einander und müssen es sein.
|
||||
|
||||
Trotzdem treffen beide Sätze gleichermaßen auf dasselbe Stück Welt – dieselbe Tatsache – zu.
|
||||
|
||||
Die Sätze beschreiben zwei Sachverhalte, die unabhängig von einander aber gleichberechtigt auf
|
||||
|
||||
zutreffen.
|
||||
|
||||
Das ist Wittgensteins Grund gedanke:
|
||||
|
||||
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
|
||||
|
||||
Zu jeder Tatsache – jedem Stück Welt – gibt es ver schiedene, logisch von einander unabhängige Zugangs weisen, die nicht auf einander reduziert werden können.
|
||||
|
||||
Jeder dieser Zugangsweisen ent spricht ein Sachverhalt, der gleichberechtigt neben allen anderen Sachverhalten, die auf die Tatsache zutreffen, besteht.
|
||||
|
||||
Umgekehrt: Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugs weise – nur für sich – existiert, gibt es nicht.
|
||||
|
||||
dieses da ist wirklich zwei Dinge gleichzeitig: Je nach Bezugsweise Papageno oder Wolfgang Brendel.
|
||||
|
||||
Ge genstände sind in diesem Sinne nichts in der Welt. Sie kennzeichnen vielmehr Aspekte der Welt – mögliche Bezugsweisen auf Tatsachen, die die Welt konstituieren.
|
||||
|
||||
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
|
||||
|
||||
## Thing Thinking Strikes Back – Gegenstände & Logischer Raum
|
||||
|
||||
Thema in Satzreihe 2 der Abhandlung ist das Bild der Tatsache.
|
||||
|
||||
Bilder stellen Sachverhalte dar.
|
||||
|
||||
Die Sachverhalte wurden als mögliche Zugangsweise n zur Tat sache eingeführt.
|
||||
|
||||
In den Vorbemerkungen
|
||||
|
||||
Ich habe den Teil zur Form der Abhandlung noch nicht in das neue Manuskript übernommen. Kurz zum Thema Vorbemerkung:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Wittgenstein erläutert die Systematik der Satznummern in Fußnote zu Satz 1.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Satznummern, die eine 0 enthalten, sollte es laut dieser Systematik nicht geben.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Über 50% des Textes findet sich in Sätzen mit Satznummern, die eine 0 enthalten.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Meine These zur Systematik dieser Nummern:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die 0 in der Satznummer führt einer seits dazu, dass die Nummer länger wird. Das logische Gewicht so num merierter Sätze wird dadurch geringer.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
In der Sortierung rutscht der so num merierte Satz aber vor die Sätze mit regulärer Nummerierung.
|
||||
|
||||
Die 0 in der Satznummer gibt Wittgenstein die Möglichkeit Sätze an der regulären Systematik vorbei, vor andere Sätze zu schmuggeln, ohne ihnen ein ungewollt hohes logisches Gewicht geben zu müssen.
|
||||
|
||||
Ich behandle diese Sätze als einleitende Bemerkungen zum eigentlichen Thema, das in den regulär nummerierten Sätzen besprochen wird.
|
||||
|
||||
0 steht für eine Vorbemerkung zu regulären Sätzen, 00 für Vorbemerkungen zu Sätzen, deren Nummer eine 0 enthält.
|
||||
zu m Bild – Satzreihe 2.0* – kehrt Wittgenstein die Betrachtungsweise um:
|
||||
|
||||
Er betrachtet die Bestandteile des Sachverhalts – Gegenstände – und ihre Möglichkeiten, sich zum Sachverhalt zu verbinden – den logischen Raum.
|
||||
|
||||
An dieser Stelle führt Wittgenstein in Satz 2.0121 auch einen neuen Terminus technicus ein, den er, genau wie die Termini Sach verhalt und Tatsache in keiner Weise abgrenzt: die Sachlage.
|
||||
|
||||
Zentral zur Abgrenzung dieses Terminus ist der logische Raum.
|
||||
|
||||
Was Wittgenstein mit dem logischen Raum meint, ist an dieser Stelle noch unklar. Ich möchte dem Text so wenig wie möglich vorgreifen, weshalb ich den Terminus zunächst synonym zum Sachverhalt lesen werde.
|
||||
|
||||
Liest man Satzreihe 2.0* mit Blick auf die Wörter „Sachverhalt“ und „Sachlage“ aufmerksam, kann man sie für Synonyme halten. Mal benutzt Wittgenstein den einen mal den anderen Ausdruck, ohne dass sich eine Regel erkennen ließe (dazu besonders Sätze 2.0124 & 2.014).
|
||||
|
||||
Diese Beobachtung ist richtig. Trotzdem sind die Termini keine Synonyme. Wichtig zur Abgrenzung sind nicht die Termini selbst, sondern der logische Raum.
|
||||
|
||||
Sobald der logische Raum eingeführt ist, werde ich die Abgrenzung nachholen.
|
||||
|
||||
## G egenstände und Sachverhalte
|
||||
|
||||
De r im Beispiel angesprochene Sachverhalt ist nicht de r ein zige Sachverhalt, in de m Papageno vorkommt.
|
||||
|
||||
Papageno ist z.B. ein Vogelfänger und ein ziemlich ängstlicher Typ, der zum Trinken neigt.
|
||||
|
||||
In jedem dieser Sachverhalte spielt derselbe Papageno eine Rolle, der auch seinen ersten Auftritt in der Zauberflöte hat.
|
||||
|
||||
Der Gegenstand kann also nicht auf einen einzigen Sach verhalt reduziert werden.
|
||||
|
||||
Papageno muss ein gemeinsame r und deshalb unabhängiger Teil verschiedener Sachverhalte sein.
|
||||
|
||||
Die hier geforderte Unabhängigkeit ist d er Kern jeder Ding ontologie:
|
||||
|
||||
Niemand wird ernsthaft bestreiten können, dass es sich bei Papageno in allen genannten Sachverhalten um denselben Gegen stand handelt.
|
||||
|
||||
Ein Ding ist dann im Minimum nichts weiter als das, was all diesen Sachverhalten gemeinsam ist und existieren muss.
|
||||
|
||||
Wittgenstein antwortet auf diese s Argument mit einem entschiedenen „Ja, aber …“.
|
||||
|
||||
D ieses Argument ist das Thema der Satzreihe 2.0*.
|
||||
|
||||
Der eigentlich argumentative Teil umfasst dabei Satzreihen 2.01* und 2.02*.
|
||||
|
||||
In Satzreihe 2.01* bedient Wittgensteins die tatsachenonto lo gische Sicht – die Form des Gegenstands, während er in Satzreihe 2.02* d ie dingontologische Sicht – die Substanz der Welt – betrachtet.
|
||||
|
||||
Da ich bis hierher eine „dingontologie“ als Blaupause für meine Diskussion der Abhandlung nutze, ist es günstiger, mit Satzreihe 2.02* zu beginnen:
|
||||
|
||||
## Die Substanz der Welt
|
||||
|
||||
Die Annahme, dass es Dinge in der Welt gibt, hat Gründe:
|
||||
|
||||
Gegenstände sind Konstanten, die uns in verschiedenen Kon texten immer wieder begegnen.
|
||||
|
||||
Diese vom Einzelfall unabhängige Konstanz setzt eine gewisse Integrität – einen inneren Halt – des Gegenstands voraus, der nur durch ein Ding gegeben sein kann.
|
||||
|
||||
Oft ist von der Selbstidentität des Dings die Rede. Wittgenstein dazu in Satz 5.5303.
|
||||
|
||||
Manchen Lesarten nach ist das Kants Ding an sich.
|
||||
|
||||
Gibt man die Idee des Dings in der Welt auf, geht die se Integrität verloren.
|
||||
|
||||
Wittgenstein dazu:
|
||||
|
||||
2.02 Der Gegenstand ist einfach.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.021 Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.024 Die Substanz ist das, was unabhängig von dem was der Fall ist, besteht.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.027 Das Feste, das Bestehende und der Gegenstand sind Eins.
|
||||
|
||||
2.0271 Der Gegenstand ist das Feste, Bestehende; die Konfiguration ist das Wechselnde, Unbestän dige.
|
||||
|
||||
2.0272 Die Konfiguration der Gegenstände bildet den Sachverhalt.
|
||||
|
||||
Wittgenstein nimmt zwei Gedanken de r Dingonto logie auf:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Dinge sind von den Sachverhalten unabhängig.
|
||||
|
||||
Dinge sind die Konstanten – das Feste, Bestehende – aus denen die Sachverhalte – die Konfigurationen – aufgebaut sind.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Diese Unabhängigkeit muss durch eine besondere Eigenschaft der Gegenstände gesichert sein:
|
||||
|
||||
Gegenstände sind einfach.
|
||||
|
||||
Wie weit Wittgenstein trotz dieser Äußerungen von einer Dingontologie entfernt ist, zeigt das Argument, das zeigen soll, warum Gegenstände nicht zusammengesetzt sein können:
|
||||
|
||||
2.0211 Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist.
|
||||
|
||||
2.0212 Es wäre dann unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen.
|
||||
|
||||
Schon beim ersten Hinsehen ist klar, dass Wittgenstein hier auf der bildlichen Ebene argumentiert, um eine – zumindest scheinbar – onto logi sche These zu belegen.
|
||||
|
||||
Mit dem Argument greift er der Abhandlung aber weit vor. An dieser Stelle ist es am einfachsten, es auszuprobieren:
|
||||
|
||||
Nehmen wir an, ich sei der Auffassung, die Farbe sei bei der Namensgebung der Blume schon immer sträflich vernachlässigt worden.
|
||||
|
||||
Statt von Blumen möchte ich deshalb im Falle von:
|
||||
|
||||
roten Blumen → Bloten
|
||||
|
||||
gelben Blumen → Blelben
|
||||
|
||||
blauen Blumen → Blaumen
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
sprechen.
|
||||
|
||||
Mit der Blote, Blelbe und Blaume habe ich drei Gegenstände eingeführt, die Wittgensteins Anforderung an einen Gegenstand aus Satz 2.02331 genügen: Man kann Blote, Blelbe und Blaume „durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen“.
|
||||
|
||||
Als sinnvollen Satz, der von einem der Gegenstände handelt, nehmen wir einfach „Die Blaume blüht“.
|
||||
|
||||
Man muss also zeigen können, dass der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht“ davon abhängt, dass eine Blaume einfach – nicht zusammengesetzt – ist.
|
||||
|
||||
Es geht nicht darum, ob der Satz wahr oder falsch ist, sondern darum, ob er überhaupt einen Sinn hat, der wahr oder falsch sein kann.
|
||||
|
||||
Im Argument ist von einem zweiten Satz die Rede, von dessen Wahr- oder Falschheit der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht.“ nicht abhängen darf.
|
||||
|
||||
Die zur Definition der Gegenstände genutzten Beschreibungen sind naheliegende Kandidaten.
|
||||
|
||||
Dass es sich bei den Beschreibungen um Sätze handelt, sieht man daran, dass sich ihr Sinn funktional aus den Satzbestandteilen herleiten lä sst. Nehmen wir den Satz „blaue Blume“:
|
||||
|
||||
Ersetzt man „blaue“ durch „rote“ ergibt sich ein neuer Sinn, genauso ersetzt man „Blume“ durch „Auto“.
|
||||
|
||||
Dazu zunächst Satz 4.032.
|
||||
|
||||
Im Argument spielt Wittgenstein mit der Unterscheidung von Sinn und Bedeutung, die noch nicht eingeführt sind. Das Thema wird noch näher beleuchtet.
|
||||
|
||||
Die Änderung des Sinns ist in beiden Fällen eine Funktion der Änderung des Bestandteils.
|
||||
|
||||
Da sie Sätze sind, können Beschreibungen wahr oder falsch sein. „blaue Blume“ trifft z.B. auf
|
||||
|
||||
zu, während sie auf
|
||||
|
||||
nicht zutrifft.
|
||||
|
||||
Und wäre die Beschreibung falsch, weil es sich in Wirklichkeit nicht um eine Blume, sondern ein Auto handelt, wäre der Satz „Die Blaume blüht.“ unsinnig.
|
||||
|
||||
Der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht.“ würde von der Wahrheit des Satzes „blaue Blume“ abhängen.
|
||||
|
||||
Das ist unmöglich: Der Sinn des Satzes ist gegeben, ohne dass es eine Tatsache gibt, auf die er angewendet wird.
|
||||
|
||||
Die Ver gleichs tatsache, d ie ich bräuchte, um festzustellen, ob „ blaue Blume“ wahr oder falsch ist, ist für das Verständnis des Sinns nicht notwendig.
|
||||
|
||||
Noch etwas einfacher und plastischer kann man dasselbe Argument an eine m logischen Zirkel in einer Bemerkung Russells in der Einleitung verdeutlichen:
|
||||
|
||||
It is impossible, for example, to make a statement about two men (assuming for the moment that the men may be treated as simples), without employing two names […]
|
||||
|
||||
Mit den Personen meint Russell Sokrates und Platon.
|
||||
|
||||
I n seiner Bemerkung in der Klammer bezweifelt er, dass diese Personen als einfache Dinge betrachte t werden können.
|
||||
|
||||
Im Umkehrschluss handelt es sich bei Sokrates und Platon um Komplexe – also zusammensetzte Dinge.
|
||||
|
||||
Als Nächstes stellt sich die Frage, aus welchen Dingen sich die Person en dann zusammensetz en.
|
||||
|
||||
Hier gibt es viele mögliche Antworten. Man kann sie etwa als die Summe ihrer Handlungen und Erlebnisse auffassen, oder als die Summe ihrer Organe, etc..
|
||||
|
||||
Die Diskussion, welche Bausteine denn die richtigen sind, und warum es ausgerechnet diese sein sollten, möchte ich an dieser Stelle außen vor lassen.
|
||||
|
||||
Für den Zirkel ist es unerheblich, welche Bausteine man für den Komplex wählt. Man kann auch die Summe aller möglichen Bausteine wählen.
|
||||
|
||||
Nehmen wir für den Moment an, dass die Körperteile einer Person die Bausteine sind, aus denen sie sich zusammensetzt.
|
||||
|
||||
Russells Beispielsatz
|
||||
|
||||
Plato liebt Sokrates.
|
||||
|
||||
ließt sich dann
|
||||
|
||||
Kopf, Arme, Beine und Rumpf lieben Kopf, Arme, Beine und Rumpf.
|
||||
|
||||
Passt fast, aber nicht ganz: Der Satz
|
||||
|
||||
Demokrits Kopf, Heraklits Arme, Kritias Beine und Thales Rumpf lieben Antiphons Kopf, Aristoteles Arme, Diogenes Beine und Epiktets Rumpf.
|
||||
|
||||
erfüllt den transformierten Satz, sagt aber nicht, was mit Plato liebt Sokrates gemeint ist.
|
||||
|
||||
Im Minimum muss sicher gestellt sein, dass die Körperteile zur jeweils gemeinten Person gehören. Also notieren wir:
|
||||
|
||||
Platos Kopf, Platos Arme, Platos Beine und Platos Rumpf lieben Sokrates Kopf, Sokrates Arme, Sokrates Beine und Sokrates Rumpf.
|
||||
|
||||
qed.
|
||||
|
||||
Der Satz hat einen von den Tatsachen unabhängigen Sinn.
|
||||
|
||||
„Blaume“ ist ein einfaches Zeichen.
|
||||
|
||||
Schreibe ich statt „Blaume“ „Blaame“ oder „Plaume“ sind das Fehler in der Rechtschreibung, ich erhalte keine andere Bedeutung.
|
||||
|
||||
Und wäre dem so, hätten wir es mit einem Satz und seinem Sinn zu tun.
|
||||
|
||||
Das ist der wesentliche Unterschied zwischen Sinn und Bedeutung. Dazu noch einmal Satz 4.032.
|
||||
|
||||
Bedeutung ist – im Gegensatz zum Sinn – keine Funktion der Bestandteile eines Ausdrucks.
|
||||
|
||||
Deshalb kann das, was das Zeichen vertritt – seine Bedeutung, auch nur einfach sein. Sollte es hier Differenzierungen geben, könnten sie im Zeichen keinen Ausdruck finden. Die Bedeutung des Zeichens wäre unklar.
|
||||
|
||||
Einfache Zeichen können nichts Zusammengesetztes bedeuten.
|
||||
|
||||
Die Bedeu tung von „Blaume“ wurde durch einen Satz festgelegt.
|
||||
|
||||
Wesentlich für die Bedeutung ist aber, dass sie einfach ist und nicht wahr oder falsch sein kann. Nur so kann sie den Sinn eines Satzes eindeutig bestimmen.
|
||||
|
||||
Wittgenstein argumentiert an dieser Stelle rein formal – sprachmechanisch könnte man sagen.
|
||||
|
||||
Die Semantik von „Blaume“ spielt keine Rolle. Nehmen wir folgenden möglichen Einwand zur Illustration:
|
||||
|
||||
Der Satz „Die Blaume blüht.“ ist sinnvoll, weil Blaume von Blume hergeleitet ist:
|
||||
|
||||
Blaume ist nicht einfach, sondern aus der Farbe Blau und der Blume zusammengesetzt. Die Sinnhaftigkeit des Satzes „Die Blaume blüht“ ist dann – sozusagen – vom Blumenteil der Blaume geerbt. Wittgenstein:
|
||||
|
||||
2.0231 Die Substanz der Welt kann nur eine Form [lies: Möglichkeiten] und keine materiellen Eigenschaften bestimmen. Denn diese werden erst durch die Sätze dargestellt – erst durch die Konfiguration der Gegenstände gebildet.
|
||||
|
||||
2.0232 Beiläufig gesprochen: Die Gegenstände sind farblos.
|
||||
|
||||
Der Einwand verfängt nicht, weil Wittgenstein früher ansetzt:
|
||||
|
||||
Die angeführte semantische Beziehung zwischen Blume und Blaume ist unstrittig gegeben.
|
||||
|
||||
Doch erfordert allein die Darstellung der Beziehung, dass „Blaume“ zunächst eine Bedeutung hat.
|
||||
|
||||
Diese Bedeutung meint Wittgenstein, wenn er vom Gegenstand spricht:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Sie muss gegeben sein.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Sie ist ihrem Wesen nach einfach.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Sie steht vor jeder möglichen Aussage über den Gegenstand, die wahr oder falsch sein könnte:
|
||||
|
||||
Der Gegenstand ist farblos.
|
||||
|
||||
Der Duktus der Argumentation in Satzreihe 2.02 ist klar ding onto logisch: Wittgenstein schreibt von der Substanz der Welt, und Gegenständen, die einfach sein müssen.
|
||||
|
||||
Er reduziert die Argumente der Dingontologie aber deutlich auf die bildlich / sprachliche Ebene.
|
||||
|
||||
Gegenstände sind nichts in der Welt, sind vielmehr notwendige Bedingung der Bestimmtheit des Sinns eines Bildes.
|
||||
|
||||
Klarer wird diese Haltung noch, betrachtet man Satzreihe 2.01:
|
||||
|
||||
## Die Form des Gegenstands
|
||||
|
||||
Ist der Gegenstand nicht Teil der Welt, kann es mit seiner Unab hängig keit nicht so weit her sein, wie Satzreihe 2.02 bei flüchtigem Lesen vermuten lä sst. Wittgenstein:
|
||||
|
||||
Zur Erinnerung: Derzeit lese ich Sachverhalt und Sachlage noch synonym.
|
||||
|
||||
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)
|
||||
|
||||
2.011 Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes sein zu können.
|
||||
|
||||
2.012 In der Logik ist nichts zufällig: Wenn das Ding im Sach verhalt vorkommen kann, so muss die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.0122 Das Ding ist selbständig, insofern es in allen möglichen Sachlagen vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sach ver halt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz. )
|
||||
|
||||
Wittgenstein deutet die Selbstä ndigkeit der Gegenstände in ihr Gegen teil um: Ein Gegenstand ist nicht durch sich selbst, sondern durch die Sachverhalte, deren Teil er sein kann, bestimmt.
|
||||
|
||||
Sein Argument ist auch hier – wie Falle der Substanz der Welt – ein sprachliches.
|
||||
|
||||
Zum besseren Verständnis eine Metapher:
|
||||
|
||||
Die Dingontologie unterstellt ein Skelett, das dem Gegenstand von innen her seine Form gibt, und ihn deshalb unabhängig von den Kon texten, in denen er steht, klar abgrenzt.
|
||||
|
||||
Anders Wittgenstein: Er unterstellt ein Exoskelett, das d ie Integrität des Gegenstand s von außen her sichert. Dieses Exoskelett sind die Sachverhalte, in denen der Gegenstand vorkommen kann.
|
||||
|
||||
Gemeinsam ist beiden Ideen aber, dass der Gegenstand jeder zeit vollständig bestimmt sein muss.
|
||||
|
||||
Das eine Mal, um die Welt zu retten.
|
||||
|
||||
Das andere Mal, um zu wissen, wovon man spricht.
|
||||
|
||||
Im Rahmen einer Ding ontologie leistet der Gegenstand das selbst.
|
||||
|
||||
Wittgensteins Idee nach kann der Gegenstand das nicht mehr leisten: Er ist eine abhängige Größe.
|
||||
|
||||
Wenn trotzdem jederzeit klar sein soll, ob man es mit Papageno zu tun hat, oder nicht, müssen die Größen, die Papageno bestimmen, jederzeit vollständig bekannt sein.
|
||||
|
||||
Das heißt, es muss jederzeit klar sein, in welchen Sachverhalten Papageno vorkommt oder auch nur vorkommen kann.
|
||||
|
||||
2.0123 Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vor kom mens in Sachverhalten.
|
||||
|
||||
[ ... ]
|
||||
|
||||
Es kann nicht nachträglich eine neue Mög lich keit gefunden werden.
|
||||
|
||||
Wittgenstein reduziert den Gegenstand auf die abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen er vorkommen kann.
|
||||
|
||||
Damit wird der Gegenstand zur Hohlform: Zur Frage, was ein Ding ist, trägt das Ding selbst nichts bei.
|
||||
|
||||
Statt dessen wird seine Form durch die Sachverhalte bestimmt.
|
||||
|
||||
Ich weiß nicht, ob Wittgenstein hier ein Wortspiel sah.
|
||||
|
||||
2.0141 Die Möglichkeit seines Vorkommens in Sach ver halten, ist die Form des Gegenstandes.
|
||||
|
||||
## Der logische Raum
|
||||
|
||||
Die Beziehung von Gegenstand und Sachverhalt ist aber nicht beliebig. Der Gegenstand muss zum Sachverhalt passen, wie ein Schlüssel ins Schloss:
|
||||
|
||||
2.013 Jedes Ding ist, gleichsam, in einem Raume möglicher Sachverhalte. Diesen Raum kann ich mir leer denken, nicht aber das Ding ohne den Raum.
|
||||
|
||||
2.0131 Der räumliche Gegenstand muss im unend lichen Raume liegen. (Der Raumpunkt ist eine Argumentstelle.)
|
||||
|
||||
Der Fleck im Gesichtsfeld muss zwar nicht rot sein, aber eine Farbe muss er haben: er hat sozusagen den Farbenraum um sich. Der Ton muss eine Höhe haben, der Gegenstand des Tastsinnes eine Härte, usw.
|
||||
|
||||
Gegenstände treten in die Argumentstellen
|
||||
|
||||
Für Leute die programmieren können:
|
||||
|
||||
Den Argumentstellen entsprechen in typisierten Sprachen die Metho den signaturen.
|
||||
der Sachverhalte ein, müssen also in Typ und Position zum Sachverhalt passen.
|
||||
|
||||
Ein konkreteres Beispiel als die Beispiele Wittgensteins macht die Sache an schau licher:
|
||||
|
||||
Auch hier greift Wittgenstein der Abhandlung vor.
|
||||
|
||||
Ich habe das Beispiel deshalb ein wenig vereinfacht. Das Thema wird im Rahmen des logischen Urbilds (Satz 3.315) näher beleuchtet.
|
||||
|
||||
Nehmen wir den Sachverhalt „ Cäsar war größer als Napoléon.“
|
||||
|
||||
D ie Beziehung „größer sein als“ stellt zwei Argumentstellen zur Verfügung (im Beispiel durch Cäsar und Napoléon besetzt ). Es gilt:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Argumentstellen können nich t mit beliebig en Typen besetzt werden:
|
||||
|
||||
„Wasser war größer als Napoléon.“ ist unsinnig.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Argumentstellen können auch nicht in beliebiger Reihe nfolge besetzt werden:
|
||||
|
||||
„ Napoléon war größer als Cäsar.“ sagt etwas anderes als „ Cäsar war größer als Napoléon.“.
|
||||
|
||||
Die Argumentstelle bestimmt demnach den eintretenden Gegen stand. Sie bestimmt ihn aber nicht, indem sie auf etwas in der Welt zeigt:
|
||||
|
||||
Ob in die erste Position Cäsar, Napoléon, Wittgenstein oder ein Blauwal eintritt, ist unwesentlich. Wesentlich ist nur, dass man von dem Gegenstand sinnvoll sagen kann, dass er größer als ein anderer ist – Wasser erfüllt dieses Kriterium nicht. „ist größer als“ ist Teil der Form dieser Gegenstände.
|
||||
|
||||
Ein weiteres Beispiel führt zum logischen Raum:
|
||||
|
||||
Der Sachverhalt: „Cäsar wurde 55 Jahre alt“.
|
||||
|
||||
Auch die Beziehung „Jahre alt geworden sein“ bietet zwei Argumentstellen an. Je nach Besetzung der ersten Argumentstelle kann in die zweite ein sinnvolles Alter für die Besetzung der ersten Stelle eintreten.
|
||||
|
||||
Im Beispiel ist die erste Stelle von einem Menschen besetzt. Also kann in die zweite Stelle ein sinnvoller Wert für das Alter eines Menschen eintreten.
|
||||
|
||||
Setzen wir großzügig einen Wert zwischen 0 und 120 an. Ein einfacher Test:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
„Cäsar wurde 67 Jahre alt“→ falsch aber sinnvoll.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
„Cäsar wurde 5693 Jahre alt“ → Unsinn.
|
||||
|
||||
Der Test betrachtet die obere Grenze des Alters eines Menschen. Ein Test für die untere Grenze:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
„Cäsar wurde - 200 Jahre alt“ → Unsinn.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
„Cäsar wurde 3 Jahre alt“ → Unsinn.
|
||||
|
||||
Der zweite Sachverhalt ist unsinnig, sollte aber nur falsch sein:
|
||||
|
||||
3 fällt in den sinnvollen Bereich des Alters eines Menschen.
|
||||
|
||||
Das Problem an dieser Stelle ist klarer Weise Cäsar:
|
||||
|
||||
Cäsar hat z.B. Gallien erobert und war römischer Diktator. Diese Sachverhalte passen nicht zu einem Lebensalter von nur 3 Jahren.
|
||||
|
||||
Zunächst ein anderes Beispiel, das Wittgensteins Sicht etwas all gemeiner illustriert. Hier die Tatsache:
|
||||
|
||||
Eigene Fotografie
|
||||
|
||||
Zwei Aussagen dazu:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Es ist ein e Teekanne mit Deckel und Teesieb.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Der Deckel hat dieselbe Farbe, wie der Griff.
|
||||
|
||||
Die erste Aussage ist – denke ich – das Paradigma jeder Ding ontologie:
|
||||
|
||||
Teekanne, Deckel und Sieb sind konkrete, greifbare Dinge, die ich z.B. nehmen und anders platzieren kann. An so etwas denkt man zuerst, denkt man an Dinge, aus denen sich die Welt zusammensetzt.
|
||||
|
||||
Die zweite Aussage ist eigentlich ebenso einfach zu verstehen, wie die erste, stellt eine Dingontologie aber vor Probleme:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Farbe Rot ist nicht so einfach greifbar, wie z.B. die Teekanne.
|
||||
|
||||
Man kann Rot nicht so einfach anders platzieren, wie man es mit einer Kanne macht.
|
||||
|
||||
Der Ort, an dem Rot ist, muss von einer ganz anderen Art sein, als der Ort der Kanne.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Farbe Rot ist nur ein Gegenstand. Er findet sich aber an mehr als einem Ding.
|
||||
|
||||
Es muss also einen Mechanismus geben, wie Dinge an anderen Dingen teilhaben können.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Farbe Rot findet sich auch am Griff der Kanne. Damit wird die Differenzierung der Gegenstände schwierig:
|
||||
|
||||
Ist der Griff ein selbständiger Gegenstand (er hat ja eine eigene Farbe), oder Teil der Teekanne (ich kaufe doch eine Teekanne, und nicht den Korpus und einen Griff)?
|
||||
|
||||
Wittgensteins Idee nach unterscheiden sich die beiden Aus sagen nicht.
|
||||
|
||||
In beiden Aussagen wurden lediglich verschiedene Bezugsweisen auf eine dinglich unbestimmte Tatsache gewählt.
|
||||
|
||||
diese Farbe ist nichts, das Deckel, Sieb und Griff in welcher Art auch immer anhaftet, und deshalb von ihnen geteilt werden müsste.
|
||||
|
||||
Rot sagt lediglich, dass ich mich auf die Tatsache als Farbe beziehe.
|
||||
|
||||
Die Bezugsweise kann ich beliebig häufig anwenden.
|
||||
|
||||
Genauso wenig ist es widersprüchlich, dass dasselbe Stück Welt einmal als ein Gegenstand (die Kanne / orange), das andere Mal als zwei Gegenstände (der Griff und der Korpus / grün) betrachtet werden kann.
|
||||
|
||||
Das etwas in der Welt, das das Ding eigentlich ausmacht, und sozusagen seine Identität sichert, gibt es schlicht nicht. Die Tatsache ist vielmehr für verschiedene Zugangsweisen offen.
|
||||
|
||||
Wittgenstein
|
||||
@@ -0,0 +1,494 @@
|
||||
Was ist Wahrheit? - Exkurs
|
||||
|
||||
Satzreihe 2.1*: Bil dtheorie
|
||||
|
||||
Vorbemerkungen zu Satzreihe 5.6*: Solipsismus
|
||||
|
||||
Marcus Hinz
|
||||
|
||||
Inhalt
|
||||
|
||||
Inhalt
|
||||
|
||||
1 Einleitung 1
|
||||
|
||||
2 Das Bild 3
|
||||
|
||||
2.1 Der Aufbau des Bilds 3
|
||||
|
||||
2.2 Vertretung 3
|
||||
|
||||
2.2.1 Strukturelle Eigenschaften des Bilds 4
|
||||
|
||||
2.3 Die abbildende Beziehung 4
|
||||
|
||||
2.4 Der Bildinhalt 5
|
||||
|
||||
2.5 Die Form der Abbildung 5
|
||||
|
||||
2.5.1 Die Form der Darstellung 6
|
||||
|
||||
2.5.2 Die logische Form 7
|
||||
|
||||
2.6 Grenzen des Bilds 9
|
||||
|
||||
3 Solipsismus 9
|
||||
|
||||
4 Die Frage 10
|
||||
|
||||
## Einleitung
|
||||
|
||||
Ein Bild stellt einen Teil der Welt dar.
|
||||
|
||||
Kein Bild gibt die Welt wieder, wie sie ist.
|
||||
|
||||
Die Welt wird zum Bild transformiert: Eine Fotografie bildet zum Beispiel nicht die Geräusche, den Geruch und die Haptik des Abgebildeten ab. Genauso wird bei der Aufnahme die Größe verändert.
|
||||
|
||||
Ist die Transformation in diesem Falle dem Medium der Abbildung geschuldet, ist es weit häufiger der Fall, dass wir Inhalte bewusst transformieren:
|
||||
|
||||
Möchte ich etwa darstellen, dass der Eiffelturm höher als der Kölner Dom ist, werde ich zwei einfache Zeichnungen der Gebäude nutzen , und nur darauf achten, dass die Größenverhältnisse stimmen. Etwa so:
|
||||
|
||||
Halcyon Maps: History of the tallest building in Europe (Ausschnitt)
|
||||
|
||||
Nicht abgebildet w i rd hier z.B., dass der Kölner Dom aus Stein der Eiffelturm dagegen aus Eisen gebaut ist. Das macht das Bild weder falsch noch unvollständig. Das Bild stellt das, was es darstellt, richtig dar.
|
||||
|
||||
Das Bild gibt nur einen Aspekt der Welt wieder – es ist ein Modell.
|
||||
|
||||
Die sinntragenden Elemente der Sprache – die Sätze – si nd für Wittgenstein Modelle im Sinne des Beispiels oben1
|
||||
|
||||
Abhandlung, Satz 4.01
|
||||
. Darüber hinaus spiegeln d ie Sätze unmittelbar unsere Gedanken2
|
||||
|
||||
Abhandlung, Satz 4
|
||||
.
|
||||
|
||||
Eine Analyse der Modelle und ihres Funktionierens kann also helfen unser Denken zu verstehen3
|
||||
|
||||
Abhandlung, Satz 4.1121
|
||||
. Insbesondere werden die Grenzen, die Modellen in der Abbildung gezogen sind, auch die Grenzen unseres Denkens markieren4
|
||||
|
||||
Abhandlung, Einleitung Abs. 3
|
||||
.
|
||||
|
||||
Hier nimmt Wittgenstein für sich in Anspruch, mit der Abhandlung eine abschließende Analyse des Modells und seiner Grenzen vorzulegen.
|
||||
|
||||
Auf nur 84 Seiten 5
|
||||
|
||||
TODO: überprüfen, Standarddruckausgabe Suhrkamp
|
||||
will er „ die [philosophischen] Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst [ … ] haben “ 6
|
||||
|
||||
Abhandlung, Einleitung, letzter Absatz.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Die meisten der philosophischen Fragen und Theorien sind nicht falsch sondern unsinnig, weil sie Themen zum Inhalt haben, die außerhalb des modellhaft – sprachlich – abbildbaren liegen 7
|
||||
|
||||
Abhandlung, Satz 4.003
|
||||
.
|
||||
|
||||
Wittgensteins Argumentation fußt also einerseits auf der Grenze, die er dem Modell und damit der Sprache zieht, und andererseits darauf, dass diese Grenze auch für den Gedanken gilt.
|
||||
|
||||
Die Grenze des sprachlich Ausdrückbaren zieht Wittgenstein in seiner Bildtheorie, die er in Satzreihe 2.1* einführt.
|
||||
|
||||
Den Beleg, dass die dort gezogene Grenze auch für den Gedanken gilt, in seinen Überlegungen zum Solipsismus in Satzreihe 5.6*.
|
||||
|
||||
Vor allem die Überlegungen zu m Solipsismus stellen hier eine Heraus forderung dar: Wittgenstein ist einer wenigen Denker, die den Solipsismus nicht unreflektiert mit Bausch und Bogen verwerfen8
|
||||
|
||||
Wie Dennet t das etwa in Consciousness Ignored tut (Dennet t, 1991, S.3,ff).
|
||||
.
|
||||
|
||||
Statt dessen bezieht er ihn als gegebenen Sachverhalt in seine Systematik ein.
|
||||
|
||||
Er ist deswegen nicht der Auffassung, ein Hirn im Fass zu sein.
|
||||
|
||||
Sein Zugang zum Thema ist deutlich durchdachter , als er in solchen Geschichten zum Ausdruck kommt.
|
||||
|
||||
Beachtet man den reflektierten Zugang Wittgensteins zum Solipsismus nicht, kommt man leicht zu Russells Schluss, dass es sich bei den Aussagen um eine etwas eigenartige Betrachtung {„a somewhat curious discussion “} 9
|
||||
|
||||
Abhandlung. Introduction by Bertrand Russell. (S. 178, Abs.1)
|
||||
des Themas handelt, und geht damit an einem zentralen Argument der Abhandlung vorbei.
|
||||
|
||||
Im Folgenden möchte Wittgensteins Sicht auf beide Themen kurz erläutern, um eine These, die ich zur Abhandlung entwickelt habe, besser darstellen zu können, als es ohne das Verständnis der Bildtheorie und ihrer Konsequenzen möglich ist.
|
||||
|
||||
## Das Bild
|
||||
|
||||
Wittgensteins gesamte Überlegungen in der Abhandlung beruhen auf seinen Überlegungen zur Funktionsweise von Modelle n, die zur Abbildung der Welt genutzt werden .
|
||||
|
||||
Kern dieser Überlegungen ist die Bildtheorie, die beschreibt, wie ein Modell die Welt abbildet. In Satzreihe 2.1* stellt Wittgenstein seine seine Bildtheorie vor:
|
||||
|
||||
2.1 Wir machen uns Bilder der Tatsachen.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.12 Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit.
|
||||
|
||||
Mein Lieblingsmodell eines Modells sind Gliederpuppen, wie sie als Vorlage im Zeichen training genutzt werden :
|
||||
|
||||
Man kann Wittgensteins Bild theorie sehr viel besser an einer solchen Puppe als durch bloßen Text erläutern.
|
||||
|
||||
## Der A ufbau des Bilds
|
||||
|
||||
ist das Bild eines Menschen.
|
||||
|
||||
Im Bild unterscheidet Wittgenstein zwischen festen und veränderlichen Teilen, die sich in verschiedener Weise auf d as abgebildete Stück Welt beziehen:
|
||||
|
||||
## Vertretung
|
||||
|
||||
2.13 Den Gegenständen entsprechen im Bilde die Elemente des Bildes.
|
||||
|
||||
2.131 Die Elemente des Bildes vertreten im Bild die Gegenstände.
|
||||
|
||||
Die Elemente, von denen Wittgenstein in Satz 2.13 spricht, sind i m vorliegenden Modell einfach zu identifizieren: Sie sind durch Gelenke von einan der getrennt.
|
||||
|
||||
Jede r Teil des Modells steht für einen Gegenstand, der im Bild vorkommt – jedes Element vertritt einen Gegenstand:
|
||||
|
||||
vertritt eine Hand.
|
||||
|
||||
vertritt einen Fuß.
|
||||
|
||||
vertritt den Kopf.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
## Struktu relle Eigenschaften des Bilds
|
||||
|
||||
Ebenso wie den gegenständlichen Aspekt de r Welt , wiederholt das Bild auch de ren Struktur:
|
||||
|
||||
2.14 Das Bild besteht darin, dass sich seine Elemente in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten.
|
||||
|
||||
Das Beispielmodell hat zwei wesentliche strukturelle Eigenschaften:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Proportionen der Glieder des Modells zueinander entsprechen den typischen Proportionen der Gliedmaße eines Menschen zueinander.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Glieder der Puppe nehmen eine bestimmte Position zueinander ein und stellen so die H altung eines Menschen nach.
|
||||
|
||||
Die Unterscheidung zwischen Vertretung und den strukturelle n Eigenschaften des Bilds ist für Wittgenstein fundamental, da sich dahinter zwei völlig ver schiedene Mecha nis men de s Bezugs auf die Wirklichkeit verstecken.
|
||||
|
||||
## Die abbildende Beziehung
|
||||
|
||||
vertritt im Modell die Hand des Menschen.
|
||||
|
||||
Der zur Vertretung genutzte Gegenstand hat mit einer Hand nicht viel zu tun: Eine Hand besteht nicht aus Holz, und wesentlicher fehlen dem Vertreter die Finger, die eine Hand normalerweise ausmachen.
|
||||
|
||||
Beide Eigenschaften sind für die Vertretung unerheblich: Ich hätte genauso gut Metall statt Holz wählen können. Die Finger sind für den Bildinhalt ohne Belang.
|
||||
|
||||
Umgekehrt kann ich aus dem Modell auch keine Informationen über die Hand herleiten:
|
||||
|
||||
lässt nicht erkennen, dass eine Hand fünf Finger hat.
|
||||
|
||||
D as schadet dem Bild aber nicht: Es wird deshalb weder falsch noch unvollständig. Inform ation en über das Vertretene w e rd en im Bild einfach nicht transportier t. Der Vertreter kann deshalb frei gewählt werden.
|
||||
|
||||
Die Willkür in der Wahl der vertretenden Gegenstände entkoppelt das Bild vom Abgebildeten:
|
||||
|
||||
2.1512 Es [das Bild] ist wie ein Maßstab an die Wirklichkeit angelegt.
|
||||
|
||||
2.15121 Nur die äußersten Punkte der Teilstriche b erühren den zu messenden Gegenstand.
|
||||
|
||||
Das Vorkommen von im Bild besagt nicht, dass im Bild eine Hand vorkommt.
|
||||
|
||||
Nichts am Bild macht es zwingend zum Bild 10
|
||||
|
||||
Das zu Satz 2.141. Das Bild als Tatsache nehme später auf.
|
||||
. Die Verknüpfung zwischen Welt und Bild muss aktiv hergestellt werden:
|
||||
|
||||
2.151 3 Nach dieser Auffassung gehört also zum Bilde auch noch die abbildende Beziehung, die es zum Bild macht.
|
||||
|
||||
2.1514 Die abbildende Beziehung besteht aus den Zuordnungen der Elemente des Bildes und der Sachen.
|
||||
|
||||
2.1515 Diese Zuordnungen sind gleichsam die Fühler der Bildelemente, mit denen das Bild die Wirklichkeit berührt.
|
||||
|
||||
D ie Vertreter spielen für den Bildinhalt keine Rolle.
|
||||
|
||||
## D er Bildinhalt
|
||||
|
||||
Anders betrachtet man sich die strukturelle n Eigenschaften :
|
||||
|
||||
Das Modell kann laufen: . Hier sieht man es s itzen.
|
||||
|
||||
Eine Ä nderung der Stellung der Puppenglieder führt zur unmittelbaren Änderung des Bildinhalts.
|
||||
|
||||
Anders als im Falle der Vertretung, ist die Beziehung der strukturellen Eigenschaften von Bild und Abgebildeten unmittelbar gegeben:
|
||||
|
||||
bildet einen s itzenden Menschen ab. Es gibt keine sinnvolle Möglichkeit, aus diesem Bild das Bild eines l aufenden Menschen zu machen.
|
||||
|
||||
2.15 Dass sich die Elemente des Bildes in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten, stellt vor, dass sich die Sachen so zu einander verhalten.
|
||||
|
||||
[ ... ]
|
||||
|
||||
[ ... ]
|
||||
|
||||
2.161 In Bild und Abgebildetem muss etwas identisch sein, damit das eine überhaupt ein Bild des anderen sein kann.
|
||||
|
||||
Das Bild ahmt die Welt nach: Die Positionierung der Puppenglieder e ntspricht de r Positionierung der Gliedmaße beim Menschen.
|
||||
|
||||
Die Unmittelbarkeit der Abbildung besteht in der Übereinstimmung der strukturellen Eigenschaften von Bild und Welt . Nur soweit die se Übereinstimmung gegeben ist , ist Abbildung gegeben.
|
||||
|
||||
Kurz:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Elemente des Bilds sind für seinen Inhalt unerheblich, da der ver tre tende Gegenstand beliebig ist.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Der Bildinhalt ist allein durch die strukturellen Eigenschaften des Bilds g egeben .
|
||||
|
||||
Das ist der Kern von Wittgensteins Bildtheorie.
|
||||
|
||||
## Die Form der Abbildung
|
||||
|
||||
Di e strukturelle Identität zwischen Bild und Abgebildetem impliziert , dass das Bild nur den Teil der Welt abbildet, den es überhaupt nachahmen kann:
|
||||
|
||||
2 .17 Was das Bild mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie auf seine Art und Weise – richtig oder falsch – abbilden zu können, ist seine Form der Abbildung.
|
||||
|
||||
2.171 Das Bild kann jede Wirklichkeit abbilden, deren Form es hat.
|
||||
|
||||
Das räumliche Bild alles Räumliche, das farbige alles Farbige, etc.
|
||||
|
||||
ist ein räumliches Modell und kann deshalb Räumliches – im vorliegenden Fall die Haltung des Menschen – abbilden.
|
||||
|
||||
Eine Abbildung des Farbraums der Gemälde van Goghs ist mit dem Modell nicht möglich.
|
||||
|
||||
Die Form der Abbildung ist demnach eine gegebene Eigenschaft des Bilds selbst, keine, die ihm zugeordnet werden k önn te.
|
||||
|
||||
2.172 Seine Form der Abbildung aber, kann das Bild nicht abbilden; es weist sie auf.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.174 Das Bild kann sich aber nicht außerhalb seiner Form der Dar stellung stellen.
|
||||
|
||||
Deutlich er wird die Idee hinter Wittgensteins Gedanken an einem kleinen Experiment:
|
||||
|
||||
wird im Beispiel zur Vertretung der Hand genutzt.
|
||||
|
||||
Diese Festlegung ist nicht zwingend. Ich kan n auch nutzen, um den Fuß des Menschen zu vertreteni
|
||||
|
||||
An dieser Stelle gibt es tatsächlich eine Unstimmigkeit in der Abhandlung .
|
||||
|
||||
Es ist nicht möglich zur Vertretung des Fußes zu wählen. Das liegt daran, dass sich das Verhältnis von Länge zu Breite im Falle von und deutlich u nterscheidet .
|
||||
|
||||
Das bedeutet, dass ich im Ende aus dem vertretenden Gegenstand doch etwas über das Vertretene lernen kann. Im vorliegenden Fall das Verhältnis von Länge zur Breite des Fusses.
|
||||
|
||||
Ich halte diese Unstimmigkeit für lässlich:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Was ich über den Gegenstand lerne ist Teil derselben Zugangsweise zur Tatsache, und auf diese Zugangsweise beschränkt.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Vorüberlegungen in dieser Passage zielen natürlich auf Satz und Wort. Ein Wort ist soweit vom Gegenstand abstrahiert, dass es solche Effekte im Falle von Satz und Wort nicht geben sollte.
|
||||
|
||||
Ich mag mich irren.
|
||||
|
||||
: .
|
||||
|
||||
Tue ich das, bin ich aber gezwungen, ein sehr viel kleineres Modell als das vor liegende zu bauen:
|
||||
|
||||
ist deutlich kürzer als , das im Beispiel den Fuß vertritt.
|
||||
|
||||
In Folge dessen müssen alle Glieder der Puppe soweit verkleinert werden, dass die veränderte strukturelle Eigenschaft des Bilds – die Proportion der Größe der Glieder – wiederhergestellt ist.
|
||||
|
||||
Anders als im Falle der Vertretung, kann d iese Beziehung zwischen Bild und Abgebildetem nicht a ufgehoben werden.
|
||||
|
||||
Die abbildende Beziehung besteht tatsächlich nur in den „Zuordnungen der Elemente des Bildes und der Sachen“11
|
||||
|
||||
Satz 2.1514 (Zitat oben)
|
||||
.
|
||||
|
||||
Sind die Elemente aber einm a l zugeordnet liegt ein Bild vor – oder eben nicht. Die Form der Abbildung ist gegeben – oder eben nicht.
|
||||
|
||||
Das Bild weist d ie Form der Abbildung auf, i ch kann sie dem Bild nicht geben.
|
||||
|
||||
Für Wittgenstein besitzt die Form der Abbildung wesentliche und unwesentliche Züge :
|
||||
|
||||
## Die Form der Darstellung
|
||||
|
||||
Die Gliederpuppe ist nicht die einzige Möglichkeit einen stehenden Menschen abzubilden:
|
||||
|
||||
bildet ebenso einen stehenden Menschen ab . Das Bild unterscheidet sich lediglich in den Elementen, die zur Vertretung genutzt werden. Welches Element zur Vertretung genutzt wird, trägt aber Nichts zum Bildinhalt bei.
|
||||
|
||||
Wichtig ist nur: Wurde n die Elemente gewählt, ist das Bild an sie gebunden, da sie die abbildende Beziehung vorg eb en – sie sind quasi die Notation des Bilds. Diese Eigenschaft des Bilds nennt Wittgenstein Form der Darstellung 12
|
||||
|
||||
Wie wenig Gewicht Wittgenstein der Form der Da rstellung beim isst, sieht man vielleicht am besten daran, dass der Terminus außerhalb von Satzreihe 2.17 nicht mehr genutzt wird.
|
||||
|
||||
Der recht bekannte Satz 4.014 handelt z.B. einfach nur von verschiedenen Formen der Darstellung eines Sachverhalts. Wittgenstein hält es aber nicht für notwendig das Kind hier m it dem eigenen Terminus technicus zu belegen .
|
||||
.
|
||||
|
||||
## Die logische Form
|
||||
|
||||
Lässt man bei der Form der Abbildung den unwesentliche n Teil der gewählten Darstellungsart weg, erhält man die logische Form:
|
||||
|
||||
2.18 Was jedes Bild, welcher Form immer, mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie überhaupt – richtig oder falsch – abbilden zu können, ist die logische Form, das ist, die Form der Wirklichkeit.
|
||||
|
||||
2.181 Ist die Form der Abbildung die logische Form, so heißt das Bild das logische Bild.
|
||||
|
||||
2.182 Jedes Bild ist auch ein logisches. (Dagegen ist z. B. nicht jedes Bild ein räumliches.)
|
||||
|
||||
ist das Bild eines Menschen.
|
||||
|
||||
Man kann mit dem Modell auch diese Haltung abbilden : .
|
||||
|
||||
Das Modell wird dadurch nicht beschädigt, ich kann ein räumliches Bild erstellen. Trotzdem würden wir das Modell so nicht als Bild des Menschen akzeptieren: Es ist für einen Menschen unmöglich, eine solche Haltung einzunehmen.
|
||||
|
||||
O b ein Bild vorliegt, oder nicht, wird nicht durch das Modell sondern nur durch den abgebildeten Gegenstand selbst entschieden.
|
||||
|
||||
Dazu muss f ür jeden Gegenstand bekannt sein , welche Rolle er in welchen Sachverhalten spielen kann 13
|
||||
|
||||
An dieser Stelle muss ich doch auf Satzreihe 2.0* zu sprechen kommen.
|
||||
|
||||
In dieser Satzreihe w erd en die Voraussetzungen für das Erstellen von Modellen diskutiert.
|
||||
:
|
||||
|
||||
2.012 In der Logik ist nichts zufällig: Wenn das Ding im Sachverhalt vorkommen kann, so muss die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein.
|
||||
|
||||
[ ... ]
|
||||
|
||||
2.0123 Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vorkommens in Sachverhalten.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
E in Fuß kann die dargestellte Haltung zum Bein nicht einnehmen.
|
||||
|
||||
A uf Basis dieses Wissens wird entschieden, ob ein sinnvolles Bild vor liegt oder nicht.
|
||||
|
||||
Der Gegenstand befindet sich in einem Möglichkeitsraum, der vorgibt, wie er in welche Sachverhalte eintreten kann. Diese Eigenschaft nennt Wittgenstein die Form des Gegenstands14
|
||||
|
||||
Dazu Sätze 2.13 & 2.0141
|
||||
|
||||
Wittgenstein kombiniert die Möglichkeitsräume der Gegenstände zum logischen Raum, der vorgibt, welche Sachverhalte überhaupt eintreten können (Satz 2.0??).
|
||||
|
||||
Bildet man davon wiederum die Untermenge aller Sachverhalte, die tatsächlich gegeben sind, erhält man die Wirklichkeit.
|
||||
|
||||
Logischer Raum und Wirklichkeit bilden dann das geordnete / beschreibbare Gegen stück zur Welt als Gesamtheit der nicht beschreibbaren Tatsachen.
|
||||
|
||||
Die Diskussion dieser Begriffe ist an der vorliegenden Stelle noch nicht notwendig.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Mit der Form des Gegenstands fügt Wittgenstein der Logik eine semantische Ebene hinzu.
|
||||
|
||||
Nicht jeder Gegenstand kann beliebig mit jedem anderen zum Bild kombiniert werden. Was und Art und Weise der Kombination müssen zueinander passen, um überhaupt von einem Bild sprechen zu können. Wittgenstein bezieht sich mit dieser Bemerkung auf unser en ganz gewöhnlichen Umgang mit Bildern:
|
||||
|
||||
Um festzustellen, ob wahr oder falsch ist, wird das Bild mit der Wirklichkeit verglichen.
|
||||
|
||||
A nders im Falle von . Die abbildende Beziehung kann nicht hergestellt werden. M an sieht der Konstruktion selbst an, dass kein Bild vorliegt. Der Vergleich mit der Wirklichkeit wird gar nicht erst durchgeführt .
|
||||
|
||||
Nur d ie Form des Sachverhalts wird auf das Modell angewendet, um den Bild inh alt zu ermitteln.
|
||||
|
||||
Bild und Abgebildetes teilen sich die logische Form. Nur so stellt das Bild einen möglichen Sachverhalt dar.
|
||||
|
||||
2.19 Das logische Bild kann die Welt abbilden.
|
||||
|
||||
Der bis h i er her vorgestellten Überlegung nach könnten Bilder nur eine bestehende Wirklichkeit abbilden, da die geforderte Identität etwas Gegebenes voraussetzt, zu dem die strukturellen E igenschaften des Bilds identisch sein können.
|
||||
|
||||
Das ist natürlich Unsinn:
|
||||
|
||||
bildet einen sitzenden Menschen ab, unabhängig davon, ob es tatsächlich einen Menschen gibt, der in diesem Augenblick durch dieses Modell ab gebildet w ird.
|
||||
|
||||
Auch wenn der abgebildete Mensch steht und nicht sitzt, ist die oben geforderte Identität nicht gegeben: Das Bild ist in diesem Fall falsch, was aber nichts am Bildinhalt ändert.
|
||||
|
||||
Die Wirklichkeit, auf die sich ein Bild bezieht, ist für Wittgenstein nicht die empirisch gegebene Wirklichkeit, vielmehr ein Möglichkeitsraum, der es ermöglicht, mögliche Wirklichkeit en nachzustellen. Diesen Raum nennt Wittgenstein den logischen Raum 15
|
||||
|
||||
Zuerst in Satz 1.13, An deutlichsten in Satz 4.031
|
||||
|
||||
An dieser Stelle muss ich doch auf Satzreihen 1 und 2.0* verweisen.
|
||||
|
||||
Wittgenstein nutzt den Begriff, ohne ihn jemals zu erläutern. [ TODO: fill in]
|
||||
.
|
||||
|
||||
## Grenzen des Bilds
|
||||
|
||||
Satzreihe 2. 2
|
||||
|
||||
Die Form der Gegenstands, die Form des Sachverhalts und die logische Form der Abbildung sind identisch. E s ist die Form der Wirklichkeit.
|
||||
|
||||
Nur diese unmittelbare Beziehung zwischen Bild und Abgebildeten macht das Bild zum Bild.
|
||||
|
||||
Andere Arten der Abbildung gibt es nicht.
|
||||
|
||||
Das Bild ist so an die Wirklichkeit gebunden – die Bindung ist eine Frage des Wie, nicht des Was; eine Frage der strukturellen Abbildung, nicht der Vertretung:
|
||||
|
||||
2.2 Das Bild hat mit dem Abgebildeten die logische Form der Abbildung gemein.
|
||||
|
||||
2.201 Das Bild bildet die Wirklichkeit ab, indem es eine Möglichkeit des Bestehens und Nichtbestehens von Sachverhalten darstellt.
|
||||
|
||||
2.202 Das Bild stellt eine mögliche Sachlage im logischen Raume dar.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.221 Was das Bild darstellt, ist sein Sinn.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.224 Aus dem Bild allein ist nicht zu erkennen, ob es wahr oder falsch ist.
|
||||
|
||||
2.225 Ein a priori wahres Bild gibt es nicht.
|
||||
|
||||
Die Grenzen der Wirklichkeit sind also auch die Grenzen des Bilds. Bilder, die darüber hinaus gehen, insbesondere solche, die – unabhängig von der Wirklichkeit – als Grundlage des logischen Raums dienen könnten, gibt es nicht.
|
||||
|
||||
Den dargestellten Bildinhalt nennt Wittgenst ein den Sinn des Bilds
|
||||
|
||||
## Solipsismus
|
||||
|
||||
Hillary Putnam16
|
||||
|
||||
Hillary Putna m: Reason, Truth and History [ Cambridge University Press, 1981, S. 5 f ] .
|
||||
:
|
||||
|
||||
The case of the brains in a vat
|
||||
|
||||
Here is a science fiction possibility discussed by philosophers: imagine that a human being (you can imagine this to be yourself) has been subjected to an operation by an evil scientist. The person’s brain (your brain) has been removed from the body and placed in a vat of nutrients which keeps the brain alive. The nerve endings have been connected to a super-scientific computer which causes the person whose brain it is to have the illusion that everything is perfectly normal. There seem to be people, objects, the sky, etc; but really all the person (you) is experiencing is the result of electronic impulses travelling from the computer to the nerve endings. The computer is so clever that if the person tries to raise his hand, the feedback from the computer will cause him to ‘see’ and ‘feel’ the hand being raised. Moreover, by varying the program, the evil scientist can cause the victim to ‘experience’ (or hallucinate) any situation or environment the evil scientist wishes. …
|
||||
|
||||
Die Geschichte vom Hirn im Fass ist die derzeit wohl bekannteste Variante, anhand welcher der Solipsismus illustriert wird.
|
||||
|
||||
Immer, wenn ich die Geschichte lese, denke ich, dass Putman hier ein reichlich pessimistisches Szenario aufbaut: Warum m uss es ein böser Forscher sein?
|
||||
|
||||
Es handelt sich einfach um eine neue Form des Reisens. Wenn die Reise vorüber ist, wird alles wieder hergestellt und ich hatte für wenig Geld ein unbezahlbares Erlebnis.
|
||||
|
||||
Oder so : Ich bin in Wirklichkeit Superman, der als Mensch ein Empathietraining durchläuft (Hurra, ich kann fliegen!).
|
||||
|
||||
Aber m uss ich denn überhaupt menschenähnlich sein? Ich könnte etwas völlig andere r Art sein, das sein Mensch s ein nur denkt. Vielleicht bin ich das Musikinstrument einer weit fortgeschrittenen Zivilisation, und so fühlt sich deren Mozart an.
|
||||
|
||||
Nach diesem Muster lassen sich beliebig viele solipsistische Szenarien aufbauen.
|
||||
|
||||
So verschieden die Geschichten sind , sind sie doch problemlos untereinander austauschbar.
|
||||
|
||||
Ein einzeln e Geschichte träg t nicht s zum Verständnis des Solipsismus bei.
|
||||
|
||||
Die Formulierung einer Geschichte , in d ie meine Erfahrung ein gebettet wird, gleicht vielmehr dem Versuch, die Form eines Berges anhand der Form der Höhle, in der ich mich befinde, zu bestimmen.
|
||||
|
||||
Eine systematisch korrekte Analyse des Solipsismus beschäftigt sich nicht mit belanglosen Geschichten, die um den Solipsismus gesponnen werden, vielmehr mit dem, was es ermöglicht, solche Geschichten zu erfinden.
|
||||
|
||||
## Die Frage
|
||||
|
||||
In erster Näherung schein t ein Defizit unserer Erfahrungswelt für die Unsicherheiten, die dem Solipsismus zu Grunde liegen, verantwortlich zu sein:
|
||||
|
||||
Unsere Wahrnehmung ist trügerisch.
|
||||
|
||||
FIXME --- Empirische Tautologie ---
|
||||
|
||||
Nur Gegenstände in Frage --- Empirie bleibt gleich == Beziehungen stabil
|
||||
|
||||
Nur weil ich etwas als Gegenstand wahrnehme, heißt das nicht, dass es auch so ist. Jede meiner Wahrnehmungen kann reine Illusion sein 17
|
||||
|
||||
Abhandlung, Satz 5.634.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Die mit dieser Tatsache verbundenen Befürchtung en verweis en selbst wieder auf ein sehr gängiges Bild der Welt:
|
||||
|
||||
Die Welt besteht aus Gegenständen.
|
||||
|
||||
Für eine korrekt e Wahr nehmung der Welt reicht hin wenn meine Wahrnehmung die Gegenstände, wie sie in der Welt gegeben sind, spiegelt:
|
||||
|
||||
Das solipsistische Szenario stellt nur die Gegenstände, nicht ihre Beziehungen untereinander, in Frage – sonst der Solipsismus ist keine eine empirische Tautologie.
|
||||
|
||||
.
|
||||
|
||||
Die Möglichkeit der Illusion entzieht diesem Bild der Welt seine Basis:
|
||||
|
||||
Kann alles eine Illusion sein, steht jedes meiner Urteile und Handlungen in Gefahr falsch zu sein, weil es auf Basis falscher Fakten – falscher Wahrnehmung – zu Stande kam.
|
||||
|
||||
An dieser Stelle von Wahr- oder Falsch heit zu sprechen, impliziert die Annahme, dass es ein Welt außerhalb meiner Wahrnehmung gibt.
|
||||
@@ -0,0 +1,625 @@
|
||||
E xposé zu
|
||||
|
||||
Was ist Wahrheit?
|
||||
—
|
||||
Wittgensteins Logisch-philosophische Abhandlung
|
||||
|
||||
Marcus Hinz
|
||||
|
||||
ἐστιν ἐ στιν
|
||||
|
||||
Inhalt
|
||||
|
||||
Inhalt
|
||||
|
||||
Einleitung 0
|
||||
|
||||
Textanlage 0
|
||||
|
||||
Die Satznummern 0
|
||||
|
||||
1 Tatsachen und Sachverhalte 1
|
||||
|
||||
1.1 Russells Sicht 1
|
||||
|
||||
1.2 Die Idee 2
|
||||
|
||||
2 Das Bild 5
|
||||
|
||||
2.1 Der Bildinhalt: Gegenstand, Sachverhalt & Logischer Raum 5
|
||||
|
||||
2.1.1 Gegenstände (Sachen, Dinge) 5
|
||||
|
||||
2.2 Die Bildtheorie 7
|
||||
|
||||
3 Das Satzzeichen / Der Satz als Modell 9
|
||||
|
||||
3.1 Satzinhalte 9
|
||||
|
||||
3.2 Der Satz als Tatsache 9
|
||||
|
||||
3.3 Elemente des Satzes 9
|
||||
|
||||
3.4 Strukturelle Eigenschaften des Satzes 9
|
||||
|
||||
3.5 Satzsinn 9
|
||||
|
||||
4 Der Satz 10
|
||||
|
||||
4.1 Natürliche Sprache 10
|
||||
|
||||
4.2 Der Satz als dynamisches Modell 10
|
||||
|
||||
4.3 Grenzen der Sprache 10
|
||||
|
||||
4.4 Elementarsatz und Logischer Raum 10
|
||||
|
||||
4.5 Die Wahrheitstafel 10
|
||||
|
||||
4.6 Wahrheitsgründe des Satzes 10
|
||||
|
||||
4.7 Die allgemeine Form des Satzes 10
|
||||
|
||||
5 Wahrscheinlichkeit / Logischer Schluss 11
|
||||
|
||||
5.1 Elementarsatz als Argument 11
|
||||
|
||||
5.2 Wahrheitsgründe 11
|
||||
|
||||
5.3 Interne Relationen / Wahrheitsoperationen 11
|
||||
|
||||
5.4 Prinzip der Reduzierbarkeit 11
|
||||
|
||||
5.5 Logische Gegenstände 11
|
||||
|
||||
5.6 Satzbedeutung 11
|
||||
|
||||
5.7 Solipsismus 11
|
||||
|
||||
6 Conclusio 12
|
||||
|
||||
6.1 Die Zahl 12
|
||||
|
||||
6.2 Logischer Schluss 12
|
||||
|
||||
6.3 Mathematik 12
|
||||
|
||||
6.4 Naturwissenschaften 12
|
||||
|
||||
6.5 Ethik 12
|
||||
|
||||
6.6 Das Mystische 12
|
||||
|
||||
7 Schluss 12
|
||||
|
||||
## Einleitun g
|
||||
|
||||
Das vorliegende Dokument fasst Gedanken, die ich in den letzten drei Jahren zu Wittgensteins Logisch philosophische Abhandlung entwickelt habe, zusammen.
|
||||
|
||||
Es ist keine abschließende Darstellung der Überlegungen, ste l lt vielmehr die Grund ideen möglichst kurz dar .
|
||||
|
||||
Das Dokument soll helfen, Be wertungen und Ideen zu sammeln, um entscheiden zu können , ob es Wert ist, die Überlegungen weiter zu verfolgen .
|
||||
|
||||
Neu an den Gedanken ist – soweit ich sehen kann – mein Verständnis der Begriffe Tatsache und Sachverhalt, die das Fundament Wittgensteins Über legungen bilden.
|
||||
|
||||
Mein Verständnis erlaubt, die Ab h andlung als geschlossen Text zu verstehen , statt sie – wie häufig zu lesen – als Ansammlung unzusammenhängender Sätze zu begreifen .
|
||||
|
||||
Bevor wir starten, zwei Anmerkungen zu meiner Lesart der Abhandlung :
|
||||
|
||||
## Text anlage
|
||||
|
||||
Wittgensteins Thema in der Abhandlung ist die Zeichenspr a che 1
|
||||
|
||||
Vgl. Satz 4.1121
|
||||
.
|
||||
|
||||
Die dabei zu Grunde gelegte Bildtheorie ist die Basis jeder Überlegung der Abhandlung .
|
||||
|
||||
Der Text folgt aber nicht d i e se r Systematik. Wittgenstein gibt dem Text einen universelleren Aufbau: Beginnend mit der Ontologie entwickelt Wittgenstein ein systematisch korrektes Bild der Welt, das abschließend und unabhängig von seine r speziel l en Deduktion der Wahrheit Bestand haben soll.
|
||||
|
||||
Wittgenstein führt die Bildtheorie in Satzreihe 2.1* ein.
|
||||
|
||||
Satzreihen 1.* und 2.0* beruhen also auf der Bildtheorie, ohne dass sie ein geführt wurde. Das trifft insbesondere Satzreihe 2.0 zu: Wittgensteins Gedanken zu Gegen ständen und Sach ver halten sind kaum zu verstehen, da er sich in seiner Argumentation auf Begr iffe und Konzepte bezieht, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht eingeführt sind.
|
||||
|
||||
Ich werde bei der Vorstellung dieser Satzreihe deshalb nicht ins Detail gehen, vielmehr werde ich auf Referenzstellen im späteren Textverlauf hinweisen, die Wittgensteins Argumente ausleuchten.
|
||||
|
||||
## Die Satznummern
|
||||
|
||||
Wittgenstein legt den Text nicht als klassischen Fließtext an.
|
||||
|
||||
Er ordnet seine Gedanken vielmehr in ein Satzgefüge, das über Nummern, die jedem der Sätze vorangestellt sind, die formale Stellung jedes Satzes zu jedem anderen Satz des Texts vollständig t ransparent macht.
|
||||
|
||||
Wittgenstein erläutert d ie Systematik der Satznummern in Fußnote zu Satz 1:
|
||||
|
||||
Die Decimalzahlen als Nummern der einzelnen Sätze deuten das logische Gewicht der Sätze an, den Nachdruck, der auf ihnen in meiner Darstellung liegt. Die Sätze n.1, n.2, n.3, etc., sind Bemerkungen zum Sätze No. n; die Sätze n.m1, n.m2, etc. Bemerkungen zum Satze No. n.m; und so weiter.
|
||||
|
||||
Satznummern, die eine 0 enthalten, sollte es laut dieser Systematik nicht geben.
|
||||
|
||||
Über die Hälfte des Textes findet sich in Sätzen mit Satznummern, die eine 0 enthalten.
|
||||
|
||||
Darüber hinaus beginnen Satzreihen, die Satznummern mit 0 enthalten, anders als Satzreihen mit regulär nummerierten Sätzen:
|
||||
|
||||
Der Übergang von Satz 2 zu Satzreihe 2.1* wird über den regulär nummerierten Satz 2.1 hergestellt. Der Übergang von Satz 2 zu Satzreihe 2.0* dagegen über Satz 2.01. Der Satz 2.0 als eigenständige Anmerkung entfällt.
|
||||
|
||||
Meine Lesart der Systematik dieser Nummern:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die 0 in der Satznummer führt dazu, dass die Nummer länger wird. Das logische Gewicht so nummerierter Sätze wird geringer.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
In der Sortierung rutscht der so nummerierte Satz aber vor die Sätze mit regulärer Nummerierung.
|
||||
|
||||
Die 0 in der Satznummer gibt Wittgenstein die Möglichkeit, Sätze an der regulären Systematik vorbei, vor andere Sätze zu schmuggeln, ohne ihnen ein ungewollt hohes logisches Gewicht geben zu müssen.
|
||||
|
||||
Ich behandle diese Sätze als einleitende Bemerkungen zum eigent lichen Thema, das in den regulär nummerierten Sätzen besprochen wird.
|
||||
|
||||
0 steht für eine Vorbemerkung zu regulären Sätzen, 00 für Vor be merkungen zu Sätzen, deren Nummer eine 0 enthält.
|
||||
|
||||
## Tatsachen und Sachverhalte
|
||||
|
||||
Satzreihe 1.*
|
||||
|
||||
In Satzreihe 1 bespricht Wittgenstein die der Abhandlung zu Grunde gelegte Ontologie.
|
||||
|
||||
Wittgenstein betrachtet die Welt als „die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge“ 2
|
||||
|
||||
LPA Satz 1.1
|
||||
: Er setzt der gängigen Dingontologie eine Tatsachenontologie ent gegen.
|
||||
|
||||
Zu Beginn v on Satzreihe 2 führt Wittgenstein ergänzend die Sachverhalte ein. Wie sich die Sachverhalte zu den Tatsachen verhalten, bleibt aber unklar. Wittgenstein formuliert an dieser Stelle etwas nebulös: „ die Tatsache ist das Bestehen von Sachverhalten“ 3
|
||||
|
||||
LPA Satz 2
|
||||
.
|
||||
|
||||
## Russells Sicht
|
||||
|
||||
In seinem Vorwort zur Abhandlung formuliert Russell die wohl gängigste Interpretation des Verhältnisses von Tatsache und Sachverhalt 4
|
||||
|
||||
LPA S. 262 Abs. 1 Ende
|
||||
:
|
||||
|
||||
What is complex in the world is a fact. Facts which are not compounded of other facts are what Mr. Wittgenstein calls Sachverhalte, whereas a fact which may consist of two or more facts is a Tatsache: thus, for example “Socrates is wise” is a Sachverhalt, as well as a Tatsache, whereas “Socrates is wise and Plato is his pupil” is a Tatsache but not a Sachverhalt.
|
||||
|
||||
Dieser Sicht nach unterscheiden sich Tatsache und Sachverhalt nicht wesentlich.
|
||||
|
||||
Jeder Sachverhalt ist für sich bereits eine Tatsache, Tatsachen nicht mehr als eine Ansammlung von Sachverhalten.
|
||||
|
||||
Diese These passt aus mehreren Gründen nicht zum Text.
|
||||
|
||||
Der wichtigste ist wohl ein Widerspruch, der entsteht, zieht man Satz 2.01 in Betracht:
|
||||
|
||||
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)
|
||||
|
||||
Nimmt man an, dass Sachverhalte aus Gegenständen bestehen, und darüber hinaus, dass Tatsachen Sachverhalte sind, dann bestehen auch Tatsachen aus Gegenständen.
|
||||
|
||||
Ist dem so, ist die Welt die Summe der Gegenstände, nicht der Tatsachen, da die Gegenstände dann die Tatsachen konstituieren.
|
||||
|
||||
Ein klarer Widerspruch zu Satz 1.1, der postuliert, dass die Welt die Summe der Tatsachen und eben nicht der Gegenstände ist.
|
||||
|
||||
Tatsächlich sagt Wittgenstein an verschiedenen Stellen der Abhandlung , dass Sachverhalte aus Gegenständen bestehen, aber an keiner, dass das auch für Tatsachen gilt.
|
||||
|
||||
Und genauso wenig gibt es eine Stelle in der Abhandlung , in der Wittgenstein vo n der Tatsache sagen würde, dass sie e in Sachverhalt sei .
|
||||
|
||||
Ich habe eine These zum Verhältnis von Gegenstand, Sachverhalt und Tatsache entwickelt, die diesen Widerspruch vermeidet.
|
||||
|
||||
## Die Idee
|
||||
|
||||
E ine Tatsache ist jedes Stück Wirklichkeit, über das wir Aussagen tref fen können, ohne den weiteren Kontext der Tatsache zu kennen 5
|
||||
|
||||
Ich verzichte an dieser Stelle bewusst darauf, von Tatsachen zu sagen, sie seien unabhängig voneinander. Ich folge hier Wittgenstein, der diese Ausdrucksweise ebenfalls vermeidet (vgl. S. 1.21) – ich vermute mit Blick auf seine Überlegung in Satz 6.45.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Zum Beispiel so etwas : 6
|
||||
|
||||
Ich werde Tatsachen immer als Fotografien darstellen.
|
||||
|
||||
Das ist natürlich ein Kompromiss: Gerüche, Haptik und Geräusche werden so z um B eispiel nicht abgebildet, obwohl sie Teil der Tatsache sind. Es ist das Beste, das ich in einem Buch bieten kann.
|
||||
|
||||
Sätze zu wählen verbietet sich: Sätze sind immer schon Bilder.
|
||||
|
||||
Wolfgang Brendel als Papageno in Mozarts Zauberflöte, München 2005
|
||||
|
||||
Der Kontext der dargestellten Tatsache ist nicht bekannt. Man weiß z.B. nicht, ob sich noch weitere Sänger auf der Bühne befinden. Genauso wenig ist klar, ob es sich um eine Probe oder eine Aufführung handelt, etc..
|
||||
|
||||
Trotzdem ist es möglich sinnvolle Aussagen zur Tatsache zu machen, etwa, dass ein Mann auf einer Bühne steht.
|
||||
|
||||
D ie Frage, was auf dem Bild zu sehen ist, kann sehr verschieden beantwortet werden . Ich möchte zwei mögliche Antworten herausgreifen und ein wenig näher beleuchten:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zau ber flöte.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.
|
||||
|
||||
Beide Aussagen sind wahr, beide Aussagen beziehen sich auf denselben Gegenstand, nämlich diesen da .
|
||||
|
||||
Jetzt sieht es so aus, als wäre ein gegebenes Ding zwei Dinge gleichzeitig, nämlich ein Sänger und eine Opernfigur.
|
||||
|
||||
Man kann versuchen die ontologische Doppeldeutigkeit z.B. so zu vermeiden:
|
||||
|
||||
Richtig hätte ich sagen müssen: „Es ist Wolfgang Brendel in der Rolle des Papageno bei seinem ersten Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“
|
||||
|
||||
Der Satz wird quasi ontologisch nach Wolfgang Brendel aufgelöst, die Opern figur verschwindet als selbstständiger Teil der Welt: Eindeutigkeit ist hergestellt.
|
||||
|
||||
Ein Einwand:
|
||||
|
||||
Die Wenigsten werden gewusst haben, dass die singende Person Wolfgang Brendel ist, viele davon aber sehr wohl Papageno erkannt haben.
|
||||
|
||||
Der Sänger hat zunächst nichts mit der Opernfigur zu tun.
|
||||
|
||||
Ich kann den Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ verstehen, ohne Wolfgang Brendel zu kennen.
|
||||
|
||||
Die zugrunde liegende Tatsache stellt keine notwendige Beziehung zwischen Sänger und Opernfigur her.
|
||||
|
||||
Deutlicher wird das Argument, nimmt man eine zweite Tatsache hinzu:
|
||||
|
||||
Papageno in Mozarts Zauberflöte, Lindauer Marionettenoper, 2012 (?)
|
||||
|
||||
Wieder Papagenos erster Auftritt in der Zauberflöte.
|
||||
|
||||
Dieser Umstand setzt beide Tatsachen in Beziehung zueinander: Man kann etwa Papagenos Kostüm oder sein Erscheinen auf der Bühne in der jeweiligen Inszenierung vergleichen.
|
||||
|
||||
Diesmal ist Papageno eine Marionette.
|
||||
|
||||
Der Vergleich funktioniert nur, wenn der Sänger für die Opern figur unerheblich ist; wenn man vom Sänger absehen und trotz dem die Opernfigur betrachten kann.
|
||||
|
||||
Der Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ handelt nicht von Wolfgang Brendel und es ist eine wesentliche Eigenschaft des Satzes, nicht von Wolfgang Brendel zu handeln.
|
||||
|
||||
Wäre dem nicht so, könnte man z.B. die Kostüme nur ver gleichen, wenn Wolfgang Brendel sie trägt.
|
||||
|
||||
Die Sätze „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ und „ Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte“ sind logisch unabhängig von einander und müssen es sein.
|
||||
|
||||
Trotzdem treffen beide Sätze gleichermaßen auf dasselbe Stück Welt – dieselbe Tatsache – zu.
|
||||
|
||||
Die Sätze beschreiben zwei Sachverhalte, die unabhängig von einander und gleichberechtigt auf zutreffen.
|
||||
|
||||
Das ist Wittgensteins Grund gedanke:
|
||||
|
||||
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sach verhalten.
|
||||
|
||||
Zu jeder Tatsache – jedem Stück Welt – gibt es ver schiedene, logisch von einander unabhängige Zugangs weisen, die nicht auf einander reduziert werden können.
|
||||
|
||||
Jeder dieser Zugangsweisen ent spricht ein Sachverhalt, der gleichberechtigt neben allen anderen Sachverhalten, die auf die Tatsache zutreffen, besteht.
|
||||
|
||||
Umgekehrt:
|
||||
|
||||
Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugs weise – nur für sich – existiert, gibt es nicht.
|
||||
|
||||
D ieses da ist t atsächlich zwei Dinge gleichzeitig: Je nach Bezugsweise Papageno oder Wolfgang Brendel.
|
||||
|
||||
Ge genstände sind in diesem Sinne Nichts in der Welt, kennzeichnen vielmehr Bezugsweisen auf eine Welt, die sich in Tatsachen manifestiert .
|
||||
|
||||
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
|
||||
|
||||
## Das Bild
|
||||
|
||||
Satzreihe 2.*
|
||||
|
||||
Mit seiner Sicht de s Gegenst and s fügt Wittgenstein der Welt eine zweite Ebene hinzu, die verschiedene Bezugsweisen – verschiedene Sichten – auf d as selbe Stück Welt – dieselbe Tatsache – erlaubt.
|
||||
|
||||
Diese Ebene nennt Wittgenstein Wirklichkeit7
|
||||
|
||||
Zuerst in S. 2.06: „Das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten ist die Wirklichkeit.“
|
||||
.
|
||||
|
||||
Bilder bilden die Wirklichkeit ab, sie stellen Sachverhalte dar:
|
||||
|
||||
Erst Tatsache und Bezugsweise gemeinsam erlauben die Formulierung von Inhalten, die klar genug sind, als Bild fungieren zu können.
|
||||
|
||||
## Der Bildinhalt: Gegenst a nd, Sachverhalt & Wirklichkeit
|
||||
|
||||
Satzreihe 2.0*
|
||||
|
||||
Die Systematik hinter diesen Überlegungen führt Wittgenstein in Satzreihe 2.0* ein. Zentral sind hier die Begriffe Gegenstand, Sachverhalt und Wirklichkeit .
|
||||
|
||||
## Gegenst and und Wirklichkeit
|
||||
|
||||
Sein erste r Auftritt in der Zauberflöte ist nicht der einzige Sachverhalt, in dem Papageno eine Rolle spielt. Er ist z.B. ein ziemlicher ängstlicher Typ, der zum Trinken neigt.
|
||||
|
||||
In all diesen Sachverhalten spielt derselbe Papageno eine Rolle, der auch seinen ersten Auftritt in der Zauberflöte hat: Ein Gegenstand kann nicht auf sein Vor kommen in einem Sachverhalt reduziert werden. Er ist eine Konstante die ver schiedenen Sachverhalten eigen ist.
|
||||
|
||||
Die Existenz der Konstante verbürgt deshalb nicht die Existenz eines Gegen stands, der unabhängig von den Sachverhalten wäre, weißt vielmehr nur darauf hin, dass in all diesen Sachverhalten dieselbe Bezugsweise auf die Tatsachen gewählt wurde.
|
||||
|
||||
Die durch die Konstante suggerierte Selbständigkeit ist – so Wittgenstein – nur scheinbar 8
|
||||
|
||||
Auf die Unterscheidung von Sachverhalt und Sachlage gehe ich gleich ein.
|
||||
:
|
||||
|
||||
2.011 Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes sein zu können.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.0122 Das Ding ist selbständig, insofern es in allen mögliche n Sachlagen vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sachverhalt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz.)
|
||||
|
||||
2.0123 Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglich keiten seines Vorkommens in Sachverhalten.
|
||||
|
||||
(Jede solche Möglichkeit muss in der Natur des Gegenstandes liegen.)
|
||||
|
||||
Es kann nicht nachträglich eine neue Möglichkeit gefunden werden.
|
||||
|
||||
Die Konstante – der Gegenstand (Sache, Ding) – ist die vollständige und abschließende Vorstellung 9
|
||||
|
||||
M it „Vorstellung“ reflektiere ich, dass Wittgenstein von „kennen“ spricht.
|
||||
von allen Sachverhalten, in denen sie auftreten kann .
|
||||
|
||||
Die Konstanten bilden Kristallisationspunkte , um die herum sich Sachverhalte als Verbindungen .
|
||||
|
||||
D ie ordnende Funktion kann wiederum nur ausgefüllt werden, wenn Gegenstände eine Eigenschaft besitzen :
|
||||
|
||||
2.02 Der Gegenstand ist einfach.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.021 Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.
|
||||
|
||||
Wittgenstein verwendet den größten Teil der Satzreihe darauf, diese Forderung zu untermauern. E s ist eine seiner zentralen Überlegungen zu den Grenzen der Sprache.
|
||||
|
||||
Wie schon in der Einleitung angemerkt, beruhen seine Argumente in der Satzreihe aber allesamt auf der Bildtheorie, die an dieser Stelle noch nicht eingeführt ist.
|
||||
|
||||
Hier deshalb nur eine erste Näherung an das zentrale Argument der Satzreihe:
|
||||
|
||||
2.0211 Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist.
|
||||
|
||||
2.0212 Es wäre dann unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen.
|
||||
|
||||
Nehmen wir an, ich sei der Auffassung, die Farbe sei bei der Namensgebung der Blume schon immer sträflich vernachlässigt worden.
|
||||
|
||||
Statt von Blume möchte ich deshalb im Falle von:
|
||||
|
||||
roten Blumen → Bloten
|
||||
|
||||
gelben Blumen → Blelben
|
||||
|
||||
blauen Blumen → Blaumen
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
sprechen.
|
||||
|
||||
Mit der Blote, Blelbe und Blaume habe ich drei Gegenstände eingeführt, die Wittgensteins Anforderung an einen Gegenstand aus Satz 2.02331 genügen:
|
||||
|
||||
Man kann Blote, Blelbe und Blaume „durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen“.
|
||||
|
||||
Im Argument fordert Wittgenstein zunächst ein en Satz, in dem der Gegenstand eine Rolle spielt. Nehmen wir einfach „Die Blaume blüht“.
|
||||
|
||||
Man muss also zeigen können, dass die Sinnhaftigkeit des Satzes „Die Blaume blüht“ davon abhängt, dass eine Blaume einfach ist.
|
||||
|
||||
Im Argument ist von einem zweiten Satz die Rede, von dessen Wahr- oder Falschheit der Sinn des Satzes nicht abhängen darf.
|
||||
|
||||
Die zur Definition der Gegenstände genutzten Beschreibungen sind nahe liegende Kandidaten.
|
||||
|
||||
Da sie Sätze sind, können die Beschreibungen wahr oder falsch sein.
|
||||
|
||||
Die Beschreibung „blaue Blume“ trifft z.B. auf zu, während sie auf nicht zutrifft.
|
||||
|
||||
Und wäre die Beschreibung falsch, weil es sich in Wirklichkeit nicht um eine Blume, sondern ein Auto handelt, wäre der Satz „Die Blaume blüht.“ unsinnig.
|
||||
|
||||
Der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht.“ würde von der Wahrheit des Satzes „blaue Blume“ abhängen.
|
||||
|
||||
Das ist unmöglich: Der Sinn des Satzes ist gegeben, ohne dass es eine Tat sache gibt, auf die er angewendet wird.
|
||||
|
||||
Die Ver gleichs tatsache, d ie ich bräuchte, um festzustellen, ob „ blaue Blume“ wahr oder falsch ist, ist für das Verständnis des Sinns nicht notwendig.
|
||||
|
||||
Der Satz hat einen von den Tatsachen unabhängigen Sinn.
|
||||
|
||||
In Konsequenz:
|
||||
|
||||
2.024 Die Substanz ist das, was unabhängig von dem was der Fall ist, besteht.
|
||||
|
||||
2.025 Sie ist Form und Inhalt.
|
||||
|
||||
Der Sinn des Satzes „blaue Blume“ stimmt inhaltlich – qua Definition – mit der Bedeutung von „Blaume“ überein.
|
||||
|
||||
In der Form unterscheiden sich beide Konstrukte aber wesentlich. 10
|
||||
|
||||
Dazu Satz 3.232
|
||||
|
||||
Der Satz ist strukturiert und kann deshalb wahr oder falsch sein. Wahr- oder Falschheit sind Eigenschaften, die sich aus der Struktur der Konstruktion herleiten.
|
||||
|
||||
Das
|
||||
|
||||
#Der Gegenstand wird qua Beschreibung definiert, das Definierte kann aber nicht die Form der Definition haben.
|
||||
|
||||
Wenn die Definition des Gegenstands eine andere Form als der Gegenstand selbst hat, bleibt zur Kennzeichnung des Gegenstands nur das Zeichen selbst.
|
||||
|
||||
D as Zeichen ist einfach:
|
||||
|
||||
Anders als im Falle des Satzes, bei dem eine Änderung der Bestandteile zu einer Änderung des Sinns führt, führt eine Änderung der Bestandteile des einfachen Zeichens (sprich: Wort) nur zum Fehler.
|
||||
|
||||
Sollte d er Gegenstand differenziert sein , könnte die Differenzierung im einfachen Zeichen keinen Ausdruck finden. Die Bedeutung des Zeichens wäre unklar.
|
||||
|
||||
Diese Bedeutung ist gemeint, wenn von Gegenständen d ie Rede ist :
|
||||
|
||||
Die Argumente an dieser Stelle aufzulösen bedeutet nur, die Abhandlung bis ungefähr Satz 5 vorzuziehen. Darauf möchte ich verzichten.
|
||||
|
||||
## Die Bildtheorie
|
||||
|
||||
Bildelemente un d strukturelle Abbildung
|
||||
|
||||
2.1**
|
||||
|
||||
## D as Satz zeichen / Der Satz als Modell
|
||||
|
||||
## Satzinhalte
|
||||
|
||||
Der Gedanke
|
||||
|
||||
3.0*
|
||||
|
||||
## D er Sat z als Tatsache
|
||||
|
||||
Das Satzzeichen
|
||||
|
||||
3.1*
|
||||
|
||||
## Elemente des Satzes
|
||||
|
||||
Namen / Urzeichen
|
||||
|
||||
3.2*
|
||||
|
||||
## Strukturelle Eigenschaften des Satzes
|
||||
|
||||
Satzvariable
|
||||
|
||||
3.3*
|
||||
|
||||
## Satzsinn
|
||||
|
||||
Logische Ort
|
||||
|
||||
3.4* / 3.5
|
||||
|
||||
## Der Satz
|
||||
|
||||
## Natürliche Sprache
|
||||
|
||||
Sprache als Organ (reden, ohne zu wissen, wie die Bedeutung zu Stande kommt)
|
||||
|
||||
4.00*
|
||||
|
||||
## Der Satz als dynamisches Modell
|
||||
|
||||
Strukturelle Abbildung & Logische Mannigfaltigkeit
|
||||
|
||||
4.0*
|
||||
|
||||
## Grenzen der Sprache
|
||||
|
||||
Sagen vs. Sich Zeigen
|
||||
|
||||
4.1*
|
||||
|
||||
## Elementarsatz und Logischer Raum
|
||||
|
||||
Logischer Raum = Elementarsatz x Elementarsatz
|
||||
|
||||
4.2*
|
||||
|
||||
## Die Wahrheitstafel
|
||||
|
||||
Die Wahrheitstafel als Hilfsmittel zu r Systematisierung des logischen Raums
|
||||
|
||||
4.3*
|
||||
|
||||
## Wahrheitsgründe des Satzes
|
||||
|
||||
Reduktion der Wahrheits möglichkeiten des Satzes auf die Wahrheits möglichkeiten der enthaltenen Elementarsätze.
|
||||
|
||||
Elementarsatz Wahrheitsfunktion seiner selbst.
|
||||
|
||||
Tautologie / Kontradiktion
|
||||
|
||||
4.4*
|
||||
|
||||
## Die allgemeine Form des Satzes
|
||||
|
||||
Es verhält sich so und so.
|
||||
|
||||
4.5*
|
||||
|
||||
## Wahrscheinlichkeit / Logischer Schluss
|
||||
|
||||
## Elementarsatz als Argument
|
||||
|
||||
Kritik an der Theorie Freges von der Bedeutung der Sätze und Funktionen
|
||||
|
||||
Elementarsätze als Wahrheitsargumente
|
||||
|
||||
5.0*
|
||||
|
||||
## Wahrheitsgründe
|
||||
|
||||
Logischer Schluss als strukturelle Eigenschaft von Satzgefügen. (Sätzen?)
|
||||
|
||||
Tautologie / Kontradiktion / Wahrscheinlichkeit
|
||||
|
||||
5.1*
|
||||
|
||||
## Interne Relationen / Wahrheitsoperationen
|
||||
|
||||
Wahrheitsoperation als Anwendung der Wahrheitsfunktionen auf die Elementarsätze.
|
||||
|
||||
Wahrheitsoperation als nicht materielle Regel zur Erzeugung eines Satzes aus einem anderen Satz (anderen Sätzen?) in Satzgefügen.
|
||||
|
||||
5.2*
|
||||
|
||||
## Prinzip der Reduzierbarkeit
|
||||
|
||||
Reduzierbarkeit der Wahrheitsfunktion aller Sätze (Satzarten?) auf die Wahrheitsfunktionen der Elementarsätze
|
||||
|
||||
5.3*
|
||||
|
||||
## Logische Gegenstände
|
||||
|
||||
Keine logischen Gegenstände.
|
||||
|
||||
Keine „nur“ logischen Strukturen / Gesetze → Es gibt nur einen Schluss
|
||||
|
||||
5.4*
|
||||
|
||||
## Satzbedeutung
|
||||
|
||||
Satzbedeutung = Verneinung aller anderen Sätze
|
||||
|
||||
Satzbedeutung = Stellung des Satzes im logischen Raum → Form der Abhandlung
|
||||
|
||||
5.5*
|
||||
|
||||
## Solipsismus
|
||||
|
||||
Solipsismus als empirisches Tautologie
|
||||
|
||||
Beweis Wittgensteins Auffassung der Gegenstände.
|
||||
|
||||
5.6*
|
||||
|
||||
## Conclusio
|
||||
|
||||
## Die Zahl
|
||||
|
||||
Zahlen → Resultat von Zeichenmanipulationen / Repräsentieren keine Klassen (Mengen)
|
||||
|
||||
6.0*
|
||||
|
||||
## Logischer Schluss
|
||||
|
||||
Der logische Schluss als Zeichenoperation (geometrische / mechanische Herleitung)
|
||||
|
||||
6.1*
|
||||
|
||||
## Mathematik
|
||||
|
||||
Reduktion der Mathematik auf Tautologien (Gleichungen → Substitutions methode)
|
||||
|
||||
6.2*
|
||||
|
||||
## Naturwissenschaften
|
||||
|
||||
Naturwissenschaft als Beschreibung der Welt gem. einer Form (z.B. physikalische Sicht vs. biologische Sicht).
|
||||
|
||||
Naturgesetze als Eigenschaft der Form der Beschreibung nicht des Beschriebenen.
|
||||
|
||||
Täuschung: Naturgesetze würden Welt erklären (vorher: Gott als letzte nicht zu erklärende Instanz)
|
||||
|
||||
## Et hik
|
||||
|
||||
Transzendenz der Ethik.
|
||||
|
||||
Keine ethischen Sätze.
|
||||
|
||||
6.4*
|
||||
|
||||
## Das Mystische
|
||||
|
||||
Wegfall der Frage.
|
||||
|
||||
6.5*
|
||||
|
||||
## Schluss
|
||||
|
||||
Satz 7
|
||||
@@ -0,0 +1,950 @@
|
||||
Exposé zu
|
||||
|
||||
Was ist Wahrheit?
|
||||
—
|
||||
Wittgensteins Logisch-philosophische Abhandlung
|
||||
|
||||
Marcus Hinz
|
||||
|
||||
ἔστιν ἔστιν
|
||||
|
||||
Inhalt
|
||||
|
||||
Inhalt
|
||||
|
||||
1 Tatsachen und Sachverhalte 1
|
||||
|
||||
2 Die Idee 2
|
||||
|
||||
3 Gegenstände 4
|
||||
|
||||
3.1 Die Form des Gegenstands 5
|
||||
|
||||
3.2 Der Gegenstand als Substanz der Welt 6
|
||||
|
||||
3.3 Welt & Wirklichkeit 8
|
||||
|
||||
4 Das Bild 9
|
||||
|
||||
4.1 Der Aufbau des Modells 10
|
||||
|
||||
4.1.1 Vertretung 10
|
||||
|
||||
4.1.2 Strukturelle Abbildung 11
|
||||
|
||||
4.1.3 Vertretung versus strukturelle Abbildung 11
|
||||
|
||||
4.2 Die abbildende Beziehung 12
|
||||
|
||||
4.3 Die Form der Abbildung 12
|
||||
|
||||
4.3.1 Die Form der Darstellung 13
|
||||
|
||||
4.3.2 Die logische Form 14
|
||||
|
||||
4.4 Grenzen des Bildes 15
|
||||
|
||||
5 Der Gedanke 16
|
||||
|
||||
6 Der Satz 17
|
||||
|
||||
## Tatsachen und Sachverhalte
|
||||
|
||||
In Satzreihe 1 bespricht Wittgenstein die der Abhandlung zu Grunde gelegte Ontologie.
|
||||
|
||||
F ür Wittgenstein ist die Welt „die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge“ 1
|
||||
|
||||
LPA Satz 1.1
|
||||
. Er setzt der gängigen Dingontologie eine Tatsachenontologie entgegen.
|
||||
|
||||
Zu Beginn v on Satzreihe 2 führt Wittgenstein ergänzend die Sachverhalte ein. Wie sich die Sachverhalte zu den Tatsachen verhalten, bleibt aber unklar. Wittgenstein formuliert an dieser Stelle nebulös: „ die Tatsache ist das Bestehen von Sachverhalten“ 2
|
||||
|
||||
LPA Satz 2
|
||||
.
|
||||
|
||||
In seinem Vorwort zur Abhandlung formuliert Russell die wohl gängigste Interpretation des Verhältnisses von Tatsache und Sachverhalt 3
|
||||
|
||||
LPA S. 262 Abs. 1 Ende
|
||||
:
|
||||
|
||||
What is complex in the world is a fact. Facts which are not compounded of other facts are what Mr. Wittgenstein calls Sachverhalte, whereas a fact which may consist of two or more facts is a Tatsache: thus, for example “Socrates is wise” is a Sachverhalt, as well as a Tatsache, whereas “Socrates is wise and Plato is his pupil” is a Tatsache but not a Sachverhalt.
|
||||
|
||||
Russell schwebt an dieser Stelle ein S tufenm odell vor, in dem Sachverhalte die kleinsten komplexen Einheiten der Welt darstellen. D iese Einheiten können zu T atsachen gruppiert werden.
|
||||
|
||||
Tatsache und Sachverhalt unterscheiden sich dieser Sicht nach nicht wesentlich: Jeder Sachverhalt ist für sich selbst bereits eine Tatsache.
|
||||
|
||||
Russells Sicht passt aus verschiedenen Gründen nicht zum Text . Die zwei wichtigsten:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Wittgenstein behandelt die Ontologie in Satzreihe 1. Thema von Satz reihe 2 ist das Bild.
|
||||
|
||||
Wittgenstein führt den Sachverhalt in den Vorbemerkungeni
|
||||
|
||||
Ich habe den Teil zur Form der Abhandlung noch nicht in das neue Manuskript übernommen. Kurz zum Thema Vorbemerkung:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Wittgenstein erläutert die Systematik der Satznummern in Fußnote zu Satz 1.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Satznummern, die eine 0 enthalten, sollte es laut dieser Systematik nicht geben.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Über 50% des Textes findet sich in Sätzen mit Satznummern, die eine 0 enthalten.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Meine These zur Systematik dieser Nummern:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die 0 in der Satznummer führt einerseits dazu, dass die Nummer länger wird. Das logische Gewicht so nummerierter Sätze wird a lso geringer.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
In der Sortierung rutscht der so num merierte Satz aber vor die Sätze mit regulärer Nummerierung.
|
||||
|
||||
Die 0 in der Satznummer gibt Wittgenstein die Möglichkeit, Sätze an der regulären Systematik vorbei, vor andere Sätze zu schmuggeln, ohne ihnen ein ungewollt hohes logisches Gewicht geben zu müssen.
|
||||
|
||||
Ich behandle diese Sätze als einleitende Bemerkungen zum eigentlichen Thema, das in den regulär nummerierten Sätzen besprochen wird.
|
||||
|
||||
0 steht für eine Vorbemerkung zu regulären Sätzen, 00 für Vorbemerkungen zu Sätzen, deren Nummer eine 0 enthält.
|
||||
zu Satzreihe 2 ein, ordnet ihn damit systematisch also dem Bild – nicht der Ontologie – zu.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Russell bezeichnet Sachverhalte als Komplexe.
|
||||
|
||||
D as steht so im Text: Wittgenstein sagt selbst, dass der Sachverhalt eine Verbindung von Gegenständen ist 4
|
||||
|
||||
LPA Satz 2.01
|
||||
.
|
||||
|
||||
Nimmt man aber die Annahme, dass Sachverhalte Tatsachen sind, hinzu, erhält man einen klaren Widerspruch zu Satz 1.1:
|
||||
|
||||
Laut Satz 1.1 ist die Welt die Summe der Tatsachen, nicht der Dinge. Bestehen Tatsachen aber aus Gegenständen, wäre die Welt eben doch die Summe der Dinge, da diese die Tatsache konstituieren.
|
||||
|
||||
Tatsächlich s pricht Wittgenstein an verschiedenen Stellen der Abhandlung explizit davon, dass Sachverhalte aus Gegenständen zusammengesetzt sind. A n keiner Stelle spricht er davon, dass dies auch für Tatsachen gilt.
|
||||
|
||||
Und genauso wenig gibt es eine Stelle in der Abhandlung , in der Wittgenstein vo m S achverhalt sagen würde, dass e r e ine Tatsache sei .
|
||||
|
||||
Ich habe eine These zum Verhältnis von Sachverhalt und Tatsache e ntwickelt, die Russells Widerspr uch vermeidet.
|
||||
|
||||
Daneben erlaubt sie eine Sicht auf den Text als schlüssiges Ganzes, statt ihn – wie häufig zu lesen – als eine Ansammlung von Aphorismen erscheinen zu lassen.
|
||||
|
||||
Und zu guter Letzt erklärt sie, was Wittgenstein meint, wenn er im Vorwort davon spricht, „die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben“5
|
||||
|
||||
LPA Vorwort letzter Absatz.
|
||||
.
|
||||
|
||||
## Die Idee
|
||||
|
||||
Die Kernpunkte :
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Eine Tatsache ist jedes Stück Wirklichkeit, über das wir Aussagen tref fen können, ohne den weiteren Kontext der Tatsache zu kennen.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Zu jeder Tatsache gibt es verschiedene Zugangsweisen, die logisch un ab hängig voneinander sind.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Gegenstände konstituieren die Tatsache nicht, kennzeichnen vielmehr die Zugangs weise zur Tatsache.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Erst wenn Tatsache und Zugang sweise bestimmt sind, kann ein Bild der Tatsache gemacht werden.
|
||||
|
||||
Ein solches Bild stellt dann einen Sachverhalt dar.
|
||||
|
||||
Der S ac hverhalt besteht unabhängig von, aber gleichberechtigt zu allen anderen Sachverhalten, die ebenso auf die Tatsache zutreffen .
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Gegenstände ermöglichen es also Bilder der Tatsachen zu machen. Die Tatsache ist durch sie aber nicht ontologisch bestimmt.
|
||||
|
||||
Ein Beispiel zur Illustration. F olgende Tatsache 6
|
||||
|
||||
Ich werde Tatsachen immer als Fotografien darstellen.
|
||||
|
||||
Das ist natürlich ein Kompromiss: Gerüche, Haptik und Geräusche werden so z um B eispiel nicht abgebildet, obwohl sie Teil der Tatsache sind. Es ist das Beste, das ich in einem Buch bieten kann.
|
||||
|
||||
Sätze zu wählen verbietet sich: Sätze sind immer schon Bilder.
|
||||
:
|
||||
|
||||
Wolfgang Brendel als Papageno in Mozarts Zauberflöte, München 2005
|
||||
|
||||
Der Kontext der dargestellten Tatsache ist nicht bekannt. Man weiß z.B. nicht, ob sich noch weitere Sänger auf der Bühne befinden. Genauso wenig ist klar, ob es sich um eine Probe oder eine Aufführung handelt, etc..
|
||||
|
||||
Trotzdem ist es möglich sinnvolle Aussagen zur Tatsache zu machen, etwa, dass ein Mann auf einer Bühne steht.
|
||||
|
||||
D ie Frage, was auf dem Bild zu sehen ist, kann sehr verschieden beantwortet werden . Ich möchte zwei mögliche Antworten herausgreifen und ein wenig näher beleuchten:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zau ber flöte.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.
|
||||
|
||||
Beide Aussagen sind wahr, beide Aussagen beziehen sich auf denselben Gegenstand, nämlich diesen da.
|
||||
|
||||
Jetzt sieht es so aus, als wäre ein gegebenes Ding zwei Dinge gleichzeitig, nämlich ein Opernsänger und eine Opernfigur.
|
||||
|
||||
Man kann einwenden, dass ich in meinen Aussagen einfach nicht vollständig notiert habe.
|
||||
|
||||
Richtig hätte ich sagen müssen: „Es ist Wolfgang Brendel in der Rolle des Papageno bei seinem ersten Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“
|
||||
|
||||
Der Satz wird ontologisch quasi nach Wolfgang Brendel aufgelöst, die Opern figur verschwindet als selbstständiger Teil der Welt.
|
||||
|
||||
Ein Einwand:
|
||||
|
||||
Die Wenigsten werden gewusst haben, dass die singende Person Wolfgang Brendel ist, viele davon aber sehr wohl Papageno erkannt haben.
|
||||
|
||||
Der Sänger hat zunächst nichts mit der Opernfigur zu tun.
|
||||
|
||||
Ich kann den Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ verstehen, ohne Wolfgang Brendel zu kennen.
|
||||
|
||||
Die zugrunde liegende Tatsache stellt also keine notwendige Beziehung zwischen Sänger und Opernfigur her.
|
||||
|
||||
Deutlicher wird das Argument, nimmt man eine zweite Tatsache hinzu:
|
||||
|
||||
Papageno in Mozarts Zauberflöte, Lindauer Marionettenoper, 2012 (?)
|
||||
|
||||
Wieder Papagenos erster Auftritt in der Zauberflöte.
|
||||
|
||||
Dieser Umstand setzt beide Tatsachen in Beziehung zueinander: Man kann etwa Papagenos Kostüm oder sein Erscheinen auf der Bühne in der jeweiligen Inszenierung vergleichen.
|
||||
|
||||
Diesmal ist Papageno eine Marionette.
|
||||
|
||||
Der Vergleich funktioniert nur, wenn der Sänger für die Opern figur unerheblich ist; wenn man vom Sänger absehen und trotz dem die Opernfigur betrachten kann.
|
||||
|
||||
Der Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ handelt nicht von Wolfgang Brendel und es ist eine wesentliche Eigenschaft des Satzes, nicht von Wolfgang Brendel zu handeln.
|
||||
|
||||
Wäre dem nicht so, könnte man z.B. die Kostüme nur ver gleichen, wenn Wolfgang Brendel sie trägt.
|
||||
|
||||
Die Sätze „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ und „ Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte“ sind logisch unabhängig von einander und müssen es sein.
|
||||
|
||||
Trotzdem treffen beide Sätze gleichermaßen auf dasselbe Stück Welt – dieselbe Tatsache – zu.
|
||||
|
||||
Die Sätze beschreiben zwei Sachverhalte, die unabhängig von einander aber gleichberechtigt auf zutreffen.
|
||||
|
||||
Das ist Wittgensteins Grund gedanke:
|
||||
|
||||
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
|
||||
|
||||
Zu jeder Tatsache – jedem Stück Welt – gibt es ver schiedene, logisch von einander unabhängige Zugangs weisen, die nicht auf einander reduziert werden können.
|
||||
|
||||
Jeder dieser Zugangsweisen ent spricht ein Sachverhalt, der gleichberechtigt neben allen anderen Sachverhalten, die auf die Tatsache zutreffen, besteht.
|
||||
|
||||
Umgekehrt:
|
||||
|
||||
Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugs weise – nur für sich – existiert, gibt es nicht.
|
||||
|
||||
dieses da ist t atsächlich zwei Dinge gleichzeitig: Je nach Bezugsweise Papageno oder Wolfgang Brendel.
|
||||
|
||||
Ge genstände sind in diesem Sinne Nichts in der Welt. Sie kennzeichnen vielmehr Bezugsweisen auf Tatsachen, die die Welt konstituieren.
|
||||
|
||||
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
|
||||
|
||||
## Gegenstände
|
||||
|
||||
Satzreihe 2.0
|
||||
|
||||
Der erste Auftritt in der Zauberflöte ist nicht der einzige S achverhalt, in dem Papageno eine Rolle spielt: Er ist z.B. Vogelfänger und ein ziemlich ängstlicher Typ, der zum Trinken neigt.
|
||||
|
||||
In all diesen Sachverhalten spielt derselbe Papageno eine Rolle, der auch seinen ersten Auftritt in der Z auberflöte hat.
|
||||
|
||||
Ein Gegenstand kann also nicht vollständig auf einen Kontext reduziert werden. Eine gewisse Unabhängigkeit vom Sachverhalt, in dem er vorkommt, muss gegeben sein.
|
||||
|
||||
Wittgenstein adressiert dieses Thema in Satzreihe 2.0.
|
||||
|
||||
Die Satzreihe ist eine wichtigsten aber auch eine der undankbarsten Passagen der Abhandlung .
|
||||
|
||||
Wittgenstein nutzt in der Satzreihe zentrale Begriffe wie „ S atz“, „Bild“, „Sachlage“, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch nicht eingeführt sind.
|
||||
|
||||
Insbesondere die Abgrenzung von Sachverhalt und Sachlage kann aus der Satzreihe allein nicht verstanden werden.
|
||||
|
||||
Daneben ist der Duktus der Satzreihe stark ontologisch geprägt.
|
||||
|
||||
Ich glaube viele der missverständlichen Lesarten der Abhandlung rühren einfach daher, dass beim Lesen d ieser Passage eine Ding- und eben keine Tatsachenontologie unterstellt wird.
|
||||
|
||||
Thema von Satzreihen 2.01 & 2.02 sind die Gegenstände. In dieser Passage baut Wittgenstein ein Modell auf, das er in Satzreihen 2.03,ff auf die Sachverhalte anwendet und schließlich zum Bild – dem eigentlichen Thema der Satzreihe – führt.
|
||||
|
||||
## Die Form des Gegenstands
|
||||
|
||||
Satzreihe 2.01
|
||||
|
||||
Am einfachsten liest sich Satzreihe 2.01 als Gegenentwurf zu dem, was in der Ontologie manchmal etwas flapsig als Kleiderständertheorie bezeichnet wird:
|
||||
|
||||
Betrachtet man einen Gegenstand nimmt man die Eigenschaften des Gegenstands wahr. Jede einzelne dieser Eigenschaften kann man auch an anderen Gegenständen feststellen.
|
||||
|
||||
So entsteht der Eindruck, ein Gegenstand sei nichts mehr als eine zufällige Ansammlung d er wahrgenommenen Eigenschaften – der Gegenstand verliert seine Kohärenz.
|
||||
|
||||
Es muss etwas geben, das dem Gegenstand über den bloßen äußeren Eindruck hinaus Halt gibt – seine Kohärenz sichert.
|
||||
|
||||
Da die Gegenstände die konstituierenden Elemente der Welt sind, muss dieser Halt durch den Gegenstand selbst gesichert werden. Zum Beispiel fordert Kant deshalb das Ding an sich , das im Verborgenen dafür sorgt, dass nicht „Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint“ 7
|
||||
|
||||
Kant, Kritik der reinen Vernunft.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Die Notwendigkeit, den Gegenstand von innen her sichern zu müssen, folgt unmittelbar aus der Annahme, dass Gegenstände die konstituierenden Elemente der Welt sind und deshalb für sich – ohne äußeres Zutun – Bestand haben müssen.
|
||||
|
||||
Wittgenstein dagegen 8
|
||||
|
||||
Der Terminus Sachlage ist neu.
|
||||
|
||||
An dieser Stelle kann er einfach synonym zu Sachverhalt gelesen werden.
|
||||
|
||||
Ich werde ihn im Zusammenhang mit dem logischen Raum näher erläutern.
|
||||
:
|
||||
|
||||
2.0122 Das Ding ist selbständig, insofern es in allen mögliche n Sach lagen vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sach ver halt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei ver schiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz. )
|
||||
|
||||
Wie zu Beginn des Kapitels geschrieben, muss ein Gegenstand zumindest in einem gewissen Maß kontextunabhängig sein: Er ist eine Konstante, die über verschiedene Kontexte hinweg besteht.
|
||||
|
||||
Wittgenstein akzeptiert die Selbständigkeit des Gegenstands deutet sie aber in ihr Gegenteil um, betont s tatt dessen die Abhängigkeit des Gegenstands v om Sachverhalt.
|
||||
|
||||
Kann ein Gegenstand nicht auf den Kontext eines einzelnen Sachverhalts reduziert werden, so doch auf die Summe aller Sachverhalte, in denen er vorkommen kann:
|
||||
|
||||
2.0123 Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vor kom mens in Sachverhalten.
|
||||
|
||||
[ ... ]
|
||||
|
||||
Es kann nicht nachträglich eine neue Möglichkeit gefunden werden.
|
||||
|
||||
D as Skelett, mit dem Kant die Kohärenz der Gegenstände von innen her sichert, wird durch ein Exoskelett ersetzt, das den Gegenstand – ohne eigenes Zutun – als abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen er vorkommen kann, definiert.
|
||||
|
||||
W ittgenstein erweitert so die formale Logik um eine sachlogische Ebene, die die Gegenstände zum Teil eines Möglichkeitsraums macht, statt sie als Teil der Welt – dessen, was ist – zu betrachten.
|
||||
|
||||
2.012 In der Logik ist nichts zufällig: Wenn das Ding im Sach verhalt vor kom men kan n, so muss die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein.
|
||||
|
||||
Der Pferdefuß des Ganzen: Mit Eliminierung der Gegenstände aus der Welt verwischt Wittgenstein die Grenzen zwischen Erkenntnistheorie und Ontologie 9
|
||||
|
||||
Ich hatte bei meiner Recherche ein Zitat entdeckt, in dem gefragt wurde, ob Wittgenstein der Unterschied zwischen Epistemologie und Ontologie geläufig gewesen sei. Gute Frage.
|
||||
:
|
||||
|
||||
In den zitierten Sätzen reduziert Wittgenstein das Ding auf die abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen es vorkommen kann. Die Aufzählung muss abschießend sein, da sonst nicht klar wäre, was ein Ding ist.
|
||||
|
||||
In den Erläuterungen spricht Wittgenstein dann a ber davon, dass keine neuen Möglichkeiten gefunden werden können. Und später davon, dass man einen Gegenstand kenne .
|
||||
|
||||
E ine Möglichkeit nicht gefunden zu haben, oder e twas nicht zu kennen, heißt nicht, dass es diese Möglichkeit oder das Etwas nicht gibt.
|
||||
|
||||
Wittgenstein g ibt an dieser Stelle auf eine ontologische Frage (was ist ein Ding) eine erkenntnistheoretische Antwort (was weiß ich von dem Ding).
|
||||
|
||||
Stellt sich die Frage, wie man den Text weiterlesen möchte.
|
||||
|
||||
Wittgenstein löst den Widerspruch erst zum Ende der Abhandlung hin, in Satzreihe 5, auf.
|
||||
|
||||
Bis dahin ist es am günstigsten die erkenntnistheoretische Variante zu wählen: Für Wittgenstein ist dieser Lesart nach ein Gegenstand das abschließende Wissen, in welchen Sach verhalten der Gegenstand vorkommen kann.
|
||||
|
||||
Die Vorstellung davon, zu welchen Sachverhalten der Gegenstand passt, ist die Form des Gegenstands (Satz 2.0141).
|
||||
|
||||
Wittgenstein geht als nächstes darauf ein, wie die Vorstellung vom Gegenstand b eschaffen ist – die Form der Form, wenn man so will :
|
||||
|
||||
## Der Gegenstand als Substanz der Welt
|
||||
|
||||
Satzreihe 2.0 2
|
||||
|
||||
2.02 Der Gegenstand ist einfach.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.021 Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.
|
||||
|
||||
Die beiden Sätze sind die besten Beispiele für den stark ontologischen Du ktus von Satzreihe 2.0.
|
||||
|
||||
Trotzdem argumentiert Wittgenstein hier nicht i n einem dingontologischen Muster. Das sieht man, schaut man auf das Argument, das Wittgenstein für die Sätze ins Feld führt:
|
||||
|
||||
2.0211 Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist.
|
||||
|
||||
2.0212 Es wäre dann unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen.
|
||||
|
||||
Wieder die Vermischung von Ontologie und Erkenntnistheorie.
|
||||
|
||||
Wittgenstein argumentiert auf der sprachlichen Ebene (Sinn des Satzes), um eine ontologische These (Substanz der Welt) zu belegen.
|
||||
|
||||
Mit dem Argument greift W ittgenstein der Abhandlung weit vor. An dieser Stelle e ine erste – n icht ganz vollständige – Näherung :
|
||||
|
||||
Nehmen wir an, ich sei der Auffassung, die Farbe sei bei der Namensgebung der Blume schon immer sträflich vernachlässigt worden.
|
||||
|
||||
Statt von Blumen möchte ich deshalb im Falle von:
|
||||
|
||||
roten Blumen → Bloten
|
||||
|
||||
gelben Blumen → Blelben
|
||||
|
||||
blauen Blumen → Blaumen
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
sprechen.
|
||||
|
||||
Mit der Blote, Blelbe und Blaume habe ich drei Gegenstände eingeführt, die Wittgensteins Anforderung an einen Gegenstand aus Satz 2.02331 genügen:
|
||||
|
||||
Man kann Blote, Blelbe und Blaume „durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen“.
|
||||
|
||||
Wittgenstein fordert ein en Satz, in dem der Gegenstand eine Rolle spielt. Nehmen wir einfach „Die Blaume blüht“.
|
||||
|
||||
Man muss also zeigen können, dass die Sinnhaftigkeit des Satzes „Die Blaume blüht“ davon abhängt, dass eine Blaume einfach ist.
|
||||
|
||||
Im Argument ist von einem zweiten Satz die Rede, von dessen Wahr- oder Falschheit der Sinn des Satzes nicht abhängen darf.
|
||||
|
||||
Die zur Definition der Gegenstände genutzten Beschreibungen sind nahe liegende Kandidaten.
|
||||
|
||||
Da sie Sätze sind, können Beschreibungen wahr oder falsch sein. Die Beschreibung „blaue Blume“10
|
||||
|
||||
Einer der Vorgriffe: „blaue Blume“ ist in Wittgensteins Sinn ein Satz, weil ich rekombinieren kann:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
„blaue Blume“ → „rote Blume“
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
„ blaue Blume“ → „blaues Auto“
|
||||
|
||||
trifft z.B. auf zu, während sie auf nicht zutrifft.
|
||||
|
||||
Und wäre die Beschreibung falsch, weil es sich in Wirklichkeit nicht um eine Blume, sondern ein Auto handelt, wäre der Satz „Die Blaume blüht.“ unsinnig.
|
||||
|
||||
Der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht.“ würde von der Wahrheit des Satzes „blaue Blume“ abhängen.
|
||||
|
||||
Das ist unmöglich: Der Sinn des Satzes ist gegeben, ohne dass es eine Tat sache gibt, auf die er angewendet wird.
|
||||
|
||||
Die Ver gleichs tatsache, d ie ich bräuchte, um festzustellen, ob „ blaue Blume“ wahr oder falsch ist, ist für das Verständnis des Sinns nicht notwendig. ii
|
||||
|
||||
Noch etwas einfacher und plastischer kann man dasselbe Argument an eine m logischen Zirkel in einer Bemerkung Russells in der Einleitung verdeutlichen:
|
||||
|
||||
It is impossible, for example, to make a statement about two men (assuming for the moment that the men may be treated as simples), without employing two names […]
|
||||
|
||||
Mit den Personen meint Russell Sokrates und Platon.
|
||||
|
||||
I n d er Bemerkung in der Klammer bezweifelt Russell, dass diese Personen als einfache Dinge betrachte t werden können.
|
||||
|
||||
Im Umkehrschluss handelt es sich bei Sokrates und Platon um Komplexe – also zusammensetzte Dinge. Die Diskussion, aus welche n Bausteine n sie aufgebaut sind, und warum es ausgerechnet diese sein sollten, möchte ich an dieser Stelle außen vor lassen.
|
||||
|
||||
Nehmen wir für den Moment an, dass die Körperteile einer Person die se Bausteine sind.
|
||||
|
||||
Russells Beispielsatz
|
||||
|
||||
Plato liebt Sokrates.
|
||||
|
||||
ließt sich dann
|
||||
|
||||
Kopf, Arme, Beine und Rumpf lieben Kopf, Arme, Beine und Rumpf.
|
||||
|
||||
Passt fast, aber nicht ganz: Der Satz
|
||||
|
||||
Demokrits Kopf, Heraklits Arme, Kritias Beine und Thales Rumpf lieben Antiphons Kopf, Aristoteles Arme, Diogenes Beine und Epiktets Rumpf.
|
||||
|
||||
erfüllt den reformulierten Satz, sagt aber nicht, was mit Plato liebt Sokrates gemeint ist.
|
||||
|
||||
Im Minimum muss sicher gestellt sein, dass die Körperteile zur jeweils gemeinten Person gehören. Also notieren wir:
|
||||
|
||||
Platos Kopf, Platos Arme, Platos Beine und Platos Rumpf lieben Sokrates Kopf, Sokrates Arme, Sokrates Beine und Sokrates Rumpf.
|
||||
|
||||
QED.
|
||||
|
||||
Der Satz hat einen von den Tatsachen unabhängigen Sinn.
|
||||
|
||||
Der Gegenstand wird qua Beschreibung definiert, das Definierte kann aber nicht die Form der Definition haben.
|
||||
|
||||
Wenn die Definition des Gegenstands eine andere Form als der Gegenstand selbst hat, bleibt zur Kennzeichnung des Gegenstands nur das Zeichen selbst.
|
||||
|
||||
D as Zeichen ist einfach:
|
||||
|
||||
Anders als im Falle des Satzes, bei dem eine Änderung der Bestandteile zu einer Änderung des Sinns führt, führt eine Änderung der Bestandteile des einfachen Zeichens (sprich: Wort) nur zum Fehler.
|
||||
|
||||
Sollte d er Gegenstand differenziert sein , könnte die Differenzierung im einfachen Zeichen keinen Ausdruck finden. Die Bedeutung des Zeichens wäre unklar.
|
||||
|
||||
Diese Bedeutung ist gemeint, wenn von Gegenständen d ie Rede ist :
|
||||
|
||||
2.0231 Die Substanz der Welt kan n nur eine Form und keine materiellen Eigenschaften bestimmen. Denn diese werden erst durch die Sätze dargestellt – erst durch die Konfiguration der Gegenstände gebildet.
|
||||
|
||||
2.0232 Beiläufig gesprochen: Die Gegenstände sind farblos.
|
||||
|
||||
Für Wittgenstein ist ein Gegenstand und seine Definition nicht äquivalent.
|
||||
|
||||
Ein Gegenstand wird zwar durch eine Beschreibung definiert, tritt aber als logisches Konstrukt in die Welt ein , das Kombinationen mit einem Teil anderer Gegenstände zulässt, andere dagegen ausschließt.
|
||||
|
||||
Diese Asymmetrie ist die Basis d er Idee Wittgensteins vom Bild.
|
||||
|
||||
## W elt & Wirklichkeit
|
||||
|
||||
Satzreihe 2.0 3ff
|
||||
|
||||
Gegenstände sind Kristallisationskerne, die durch ihre Kombinationsmöglichkeiten einen Raum möglicher Sachverhalte aufspannen, der abschießend gegeben ist 11
|
||||
|
||||
Wittgenstein fasst die Möglichkeit der Kombination formal als Argumentstelle auf (S. 2.0131). Art und Position des eintretenden Gegenstands müssen passen und b eides b estimmt d en Sachverhalt :
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Caesar war größer als Napoleon sagt etwas anderes als Napoleon war größer als Caesar .
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Napoleon war größer als Wasser ist unsinnig.
|
||||
|
||||
.
|
||||
|
||||
2.0124 Sind alle Gegenstände gegeben, so sind damit auch alle mögliche n Sachverhalte gegeben.
|
||||
|
||||
Sachverhalt und Gegenstand teilen sich d emnach die Form :
|
||||
|
||||
2.03 Im Sachverhalt hängen die Gegenstände ineinander, wie die Glieder einer Kette.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.032 Die Art und Weise, wie die Gegenstände im Sachverhalt zusammenhängen, ist die Struktur des Sachverhaltes.
|
||||
|
||||
2.033 Die Form ist die Möglichkeit der Struktur.
|
||||
|
||||
D er Satz „Ich war heute früh in Berlin und habe den Eiffelturm besichtigt“ ist in diesem Sinn nicht (empirisch) falsch, sondern widersprüchlich, weil die Form der Person es ausschließt, an zwei Orten gleich zeitig zu sein.
|
||||
|
||||
E in sachlogischer Ausschluss liegt vor: Der Satz ist unsinnig.
|
||||
|
||||
Der Raum möglicher Sachverhalte, der durch die Gegenstände aufgespannt wird, umfasst d ann nicht nur die Sachverhalte, die tatsächlich gegeben sind, sondern auch die nur möglichen. An die Seite der Welt tritt die Wirklichkeit:
|
||||
|
||||
2.04 Die Gesamtheit der bestehenden Sachverhalte ist die Welt.
|
||||
|
||||
2.05 Die Gesamtheit der bestehenden Sachverhalte bestimmt auch, welche Sachverhalte nicht bestehen.
|
||||
|
||||
2.06 Das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten ist die Wirk lichkeit.
|
||||
|
||||
(Das Bestehen von Sachverhalten nennen wir auch eine positive, das Nichtbestehen eine negative Tatsache.)
|
||||
|
||||
Im Möglichkeitsraum – dem logischen Raum – verhalten sich gegebener und bloß möglicher Sach verhalt gleich. Diesem Raum entspricht die Wirklichkeit, seine Elemente ne nnt Wittgenstein Sachlagen und grenzt Wirklichkeit und Welt damit voneinander ab.
|
||||
|
||||
Da die Vorstellung davon, in welchen Sachverhalten ein Gegenstand vorkommen kann, immer abschließend gegeben ist, können aus der Summe der bestehenden S achverhalte auch die Sachverhalte hergeleitet werden, die nicht bestehen 12
|
||||
|
||||
{Mögliche Sachverhalte } – {Gegebene Sachverhalte } = {Nichtgegebene Sachverhalte }
|
||||
.
|
||||
|
||||
Das gilt aber nicht auf der Ebene des einzelnen Sachverhalts iii
|
||||
|
||||
Ich deute den Begriff Sachlage hier zunächst defensiv:
|
||||
|
||||
Es gibt sehr wohl Sachverhalte, deren Bestehen andere unmittelbar ausschließt:
|
||||
|
||||
Dass ich in Berlin war, besagt, dass ich nicht in Paris war.
|
||||
|
||||
Der Fußabdruck, den ein Sachverhalt im logischen Raum hinterlässt, ist also größer als der Sachverhalt selbst. Eine Sachlage i st in diesem Sinne der Sachverhalt selbst plus aller unmittelbaren Implikationen seines Bestehens.
|
||||
|
||||
Das sieht Wittgenstein ebenso. In Satzreihe 2 kann man das an Satz 2.11 sehen: Ein Bild stellt eine Sachlage, „das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten“ dar. Der defensiven Lesart nach müsste an dieser Stelle „oder“ nicht „und“ stehen.
|
||||
|
||||
Konkret wird Wittgenstein in der Frage aber erst in Satzreihe 4.1ff.
|
||||
|
||||
Obwohl ich sehr stark dazu neige auch in Satzreihe 2 die starke Lesart zu wählen, kann man sie nicht aus der Satzreihe selbst herleiten. Sätze 2.061 und 2.062 sind klare Gegenargumente.
|
||||
|
||||
Doch – oh Wunder: An dieser Stelle spielt die starke Lesart in Wittgensteins Argumentation noch keine Rolle. Das geschieht erst in Satzreihe 4.1ff.
|
||||
:
|
||||
|
||||
2.061 Die Sachverhalte sind von einander unabhängig.
|
||||
|
||||
2.062 Aus dem Bestehen oder Nichtbestehen eines Sachverhaltes kann nicht auf das Bestehen oder Nichtbestehen eines anderen geschlossen werden.
|
||||
|
||||
D as Schwanken zwischen ontologischen und erkenntnistheoretischem Duktus der Satzreihe spiegelt , dass Gegenstände und Sachverhalte Wittgensteins Idee nach in eine – zunächst nicht näher beschriebene – Sand wich position zwischen Welt und Bild geraten:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Sie konstituieren nicht die Welt, da von keinem Gegenstand gesagt werden kann, dass er „wirklicher“ als andere sei und Sachverhalte logisch unabhängig voneinander sind iv
|
||||
|
||||
Man kann an dieser Stelle im Übrigen schon sehr schön den Unsinn sehen, von dem Wittgenstein in Satz 6.54 spricht. V ielleicht hilft das auch ein wenig, den schwankenden Duktus der Satzreihe einzuordnen:
|
||||
|
||||
W ittgenstein befördert die gesamte Welt in den logischen Raum.
|
||||
|
||||
Dann stellt sich natürlich die Frage, was „logisch“ hier meint: Von was der Raum mit dem Attribut abgegrenzt werden soll..
|
||||
|
||||
Ist die gesamte Welt – oder Wirklichkeit – ein logischer Raum, gibt es nichts Anderes, von dem eine Abgrenzung überhaupt möglich wäre. Damit verliert das Attribut Wittgensteins eigener Aussage nach seine Berechtigung (Satz 5.47321).
|
||||
|
||||
Es ist völliger Unsinn, die Welt oder Wirklichkeit als Ganzes bestimmen zu wollen, weil dazu aus ihr heraus treten müssten, was offensichtlich nicht möglich ist (Satz 6.45).
|
||||
|
||||
Damit ist der Raum eben doch wieder der Raum.
|
||||
.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Andererseits sind sie auch nicht die Bilder der Welt, obwohl sie deren Inhalte bilden.
|
||||
|
||||
## Das Bild
|
||||
|
||||
Satzreihe 2.1
|
||||
|
||||
2.1 Wir machen uns Bilder der Tatsachen.
|
||||
|
||||
2.11 Das Bild stellt die Sachlage im logischen Raume, das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten vor.
|
||||
|
||||
2.12 Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit.
|
||||
|
||||
In der Welt finden wir Tatsachen vor. Da es sehr viele Zugangsweisen zu einer Tatsache gibt, kann kein Bild die Tatsache vollständig fassen.
|
||||
|
||||
D ie e infache , vollständige Abbildung d er Tatsache gibt es nicht.
|
||||
|
||||
Statt dessen wird die Tatsache im Prozess der Abbildung zum Bild umgeformt : Das Bild der Tatsache stellt eine Sachlage dar; ist auf eine Zugangsweise zur Tatsache beschränkt. Das Bild ist nicht vollständig – es ist ein Modell.
|
||||
|
||||
Mein Lieblingsmodell eines Modells sind Gliederpuppen, wie sie als Vorlage im Zeichen training genutzt werden :
|
||||
|
||||
Man kann viele der Bemerkungen Wittgensteins zum Modell besser an einer solchen Puppe als durch bloßen Text erläutern.
|
||||
|
||||
## Der A ufbau des Modells
|
||||
|
||||
Satzreihe n 2.13 & 2.14
|
||||
|
||||
ist das Modell eines Menschen.
|
||||
|
||||
Im M odell unterscheidet Wittgenstein zwischen festen und dynamischen Teilen, die sich in verschiedener Weise auf den abzubildenden Sachverhalt beziehen:
|
||||
|
||||
## Vertretung
|
||||
|
||||
Satzreihe 2.13
|
||||
|
||||
Die festen Teile des Bildes:
|
||||
|
||||
2.13 Den Gegenständen entsprechen im Bilde die Elemente des Bildes.
|
||||
|
||||
2.131 Die Elemente des Bildes vertreten im Bild die Gegenstände.
|
||||
|
||||
Die Elemente, von denen Wittgenstein in Satz 2.13 spricht, sind i m vorliegenden Modell einfach zu identifizieren: Sie sind durch Gelenke von einan der getrennt.
|
||||
|
||||
Jede r Teil des Modells steht für einen Gegenstand, der durch das Modell abgebildet wird – jedes Element vertritt einen Gegenstand:
|
||||
|
||||
vertritt eine Hand.
|
||||
|
||||
vertritt einen Fuß.
|
||||
|
||||
vertritt den Kopf.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
## Struktu relle Abbildung
|
||||
|
||||
Satzreihe 2.14
|
||||
|
||||
Ebenso wie den gegenständlichen Aspekt des Sachverhalts, wiederholt das Bild auch dessen Struktur:
|
||||
|
||||
2.14 Das Bild besteht darin, dass sich seine Elemente in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten.
|
||||
|
||||
2.141 Das Bild ist eine Tatsache.
|
||||
|
||||
Das Beispielmodell hat zwei wesentliche strukturelle Eigenschaften:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Glieder der Puppe nehmen eine bestimmte Position zueinander ein und stellen so die H altung eines Menschen nach 13
|
||||
|
||||
Dass die Glieder beweglich sind, ist an dieser Stelle hilfreich aber nicht notwendig:
|
||||
|
||||
Jede einzelne Stellung, die die Puppe einnehmen kann, kann man auch in einem fixen Modell nachbilden.
|
||||
.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Proportionen der Glieder des Modells zueinander entsprechen den typischen Proportionen der Gliedmaße eines Menschen zueinander.
|
||||
|
||||
Die Unterscheidung zwischen Vertretung und struktureller Abbildung ist für Wittgenstein fundamental, da sich dahinter zwei völlig verschiedene Mecha nis men de s Bezugs auf den Sachverhalt verstecken:
|
||||
|
||||
## Vertretung versus strukturelle Abbildung
|
||||
|
||||
vertritt im Modell die Hand des Menschen.
|
||||
|
||||
Der zur Vertretung genutzte Gegenstand hat mit einer Hand nicht viel zu tun: Eine Hand besteht nicht aus Holz, und wesentlicher fehlen dem Vertreter die Finger, die eine Hand normalerweise ausmachen.
|
||||
|
||||
Beide Eigenschaften sind für die Vertretung unerheblich: Ich hätte genauso gut Metall statt Holz wählen, und die Finger andeuten können.
|
||||
|
||||
Umgekehrt kann ich aus dem Modell auch keine Informationen über die Hand herleiten:
|
||||
|
||||
Ich weiß z.B. nicht, ob eine typische Hand 20cm oder 2m lang ist. Und wüsste ich nicht, dass eine Hand Finger hat, könnte ich es vom vertretenden Gegen stand nicht lernen.
|
||||
|
||||
Information en über das Vertretene w erd en im Modell nicht transportiert.
|
||||
|
||||
Anders betrachtet man sich die strukturelle Abbildung:
|
||||
|
||||
Das Modell kann laufen: . Hier sieht man es s itzen.
|
||||
|
||||
Eine Ä nderung der Stellung der Puppenglieder führt in diesem Fall zur unmittelbaren Änderung des Bildinhalts.
|
||||
|
||||
D ie Proportionen der Glieder können z.B. a uch so verändert werden, dass der Bildinhalt ganz verloren geht: .
|
||||
|
||||
Kurz:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Elemente des Bild es sind für seinen Inhalt unerheblich, da der ver tre tende Gegenstand beliebig ist – in keiner logischen Beziehung zum Vertretenen steht.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Der Bildinhalt ist allein durch die strukturellen Eigenschaften des Bildes g egeben .
|
||||
|
||||
## Die abbildende Beziehung
|
||||
|
||||
Satzreihe 2.15
|
||||
|
||||
Die Willkür in der Wahl der vertretenden Gegenstände entkoppelt das Bild vom Abgebildeten.
|
||||
|
||||
Nichts am Modell macht es zwingend zum Bild. Die Verknüpfung zwischen Sachverhalt und Bild14
|
||||
|
||||
Strikt : Die Verknüpfung zweier Tatsachen.
|
||||
muss aktiv hergestellt werden:
|
||||
|
||||
2.151 3 Nach dieser Auffassung gehört also zum Bilde auch noch die abbildende Beziehung, die es zum Bild macht.
|
||||
|
||||
2.1514 Die abbildende Beziehung besteht aus den Zuordnungen der Elemente des Bildes und der Sachen.
|
||||
|
||||
2.1515 Diese Zuordnungen sind gleichsam die Fühler der Bildelemente, mit denen das Bild die Wirklichkeit berührt.
|
||||
|
||||
Die Entkopplung ist symmetrisch: Ich erfahre nichts über den Sachverhalt, nur weil die Gegenstände durch bestimmte Elemente vertreten werden.
|
||||
|
||||
2.1511 Das Bild ist s o mit der Wirklichkeit verknüpft – es reicht bis zu ihr.
|
||||
|
||||
2.1512 Es ist wie ein Maßstab an die Wirklichkeit angelegt.
|
||||
|
||||
2.15121 Nur die äußersten Punkte der Teilstriche berühre n den zu mes senden Gegenstand.
|
||||
|
||||
Die Entkopplung von Bild und Sachverhalt gilt aber nur auf der Ebene der Vertretung:
|
||||
|
||||
2.15 Dass sich die Elemente des Bildes in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten, stellt vor, dass sich die Sachen so zu einander verhalten.
|
||||
|
||||
Dieser Zusammenhang der Elemente des Bildes heiße seine Struktur und ihre Möglichkeit seine Form der Abbildung.
|
||||
|
||||
2.151 Die Form der Abbildung ist die Möglichkeit, dass sich die Dinge so zu einander verhalten, wie die Elemente des Bildes.
|
||||
|
||||
Analog der Form des Gegenstands stellt die Form der Abbildung sicher, dass nur sinnvolles als Bild betrachtet werden kann.
|
||||
|
||||
## Die Form der Abbildung
|
||||
|
||||
Satzreihe 2.16 & 2.17 Anfang
|
||||
|
||||
Um sinnvoll abbilden zu können, muss zunächst sicher gestellt sein, dass über haupt abgebildet wird:
|
||||
|
||||
2.16 Die Tatsache muss, um Bild zu sein, etwas mit dem Abgebildeten gemeinsam haben.
|
||||
|
||||
2.161 In Bild und Abgebildetem muss etwas identisch sein, damit das eine überhaupt ein Bild des anderen sein kann.
|
||||
|
||||
2 .17 Was das Bild mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie auf seine Art und Weise – richtig oder falsch – abbilden zu können, ist seine Form der Abbildung.
|
||||
|
||||
2.171 Das Bild kann jede Wirklichkeit abbilden, deren Form es hat.
|
||||
|
||||
Das räumliche Bild alles Räumliche, das farbige alles Farbige, etc.
|
||||
|
||||
ist ein räumliches Modell und kann deshalb Räumliches – im vorliegenden Fall die Haltung des Menschen – abbilden.
|
||||
|
||||
Eine Abbildung des Farbraums der Gemälde van Goghs ist mit dem Modell nicht möglich.
|
||||
|
||||
Die Identität zwischen Bild und Abgebildeten, die Wittgenstein in Satz 2.161 fordert, ist die Übereinstimmung der strukturellen Eigenschaften des Bildes mit den strukturellen Eigenschaf ten des abgebildeten Sachverhalts:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Positionierung der Puppenglieder e ntspricht de r Positionierung der Gliedmaßen beim Menschen.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Proportionen der Puppenglieder entsprechen de n Proportionen der Glied maße des Menschen.
|
||||
|
||||
Anders als im Falle der Vertretung, hat die Übereinstimmung der strukturellen Eigenschaften von Bild und Abgebildeten aber keinerlei willkürlichen Aspekt – diese Beziehung ist logisch geprägt.
|
||||
|
||||
bildet einen s itzenden Menschen ab. Es gibt keine (sinnvolle) Möglichkeit, aus diesem Bild das Bild eines l aufenden Menschen zu machen:
|
||||
|
||||
2.172 Seine Form der Abbildung aber, kann das Bild nicht abbilden; es weist sie auf.
|
||||
|
||||
Deutlich er wird Wittgensteins Idee an einem kleinen Experiment:
|
||||
|
||||
wird im Beispiel zur Vertretung der Hand genutzt.
|
||||
|
||||
Diese Festlegung ist nicht zwingend. Ich kan n auch nutzen, um den Fuß des Menschen zu vertretenv
|
||||
|
||||
An dieser Stelle gibt es tatsächlich eine Unstimmigkeit in der Abhandlung .
|
||||
|
||||
Es ist nicht möglich zur Vertretung des Fußes zu wählen. Das liegt daran, dass sich das Verhältnis von Länge zu Breite im Falle von und deutlich u nterscheidet .
|
||||
|
||||
Das bedeutet, dass ich im Ende aus dem vertretenden Gegenstand doch etwas über das Vertretene lernen kann. Im vorliegenden Fall das Verhältnis von Länge zur Breite des Fusses.
|
||||
|
||||
Ich halte diese Unstimmigkeit für lässlich:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Was ich über den Gegenstand lerne ist Teil derselben Zugangsweise zur Tatsache, und auf diese Zugangsweise beschränkt.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Vorüberlegungen in dieser Passage zielen natürlich auf Satz und Wort. Ein Wort ist soweit vom Gegenstand abstrahiert, dass es solche Effekte im Falle von Satz und Wort nicht geben sollte.
|
||||
|
||||
Ich mag mich irren.
|
||||
|
||||
.
|
||||
|
||||
Tue ich das, bin ich aber gezwungen, ein sehr viel kleineres Modell als das vor liegende zu bauen:
|
||||
|
||||
ist deutlich kürzer als , das im Beispiel den Fuß vertritt.
|
||||
|
||||
In Folge dessen müssen alle Glieder der Puppe soweit verkleinert werden, dass die veränderte strukturelle Eigenschaft des Bildes – die Proportion der Größe der Glieder – wiederhergestellt ist.
|
||||
|
||||
Anders als im Falle der Vertretung, kann d iese Beziehung zwischen Bild und Abgebildetem nicht a ufgehoben werden.
|
||||
|
||||
Die abbildende Beziehung besteht tatsächlich nur in den „Zuordnungen der Elemente des Bildes und der Sachen“15
|
||||
|
||||
Satz 2.1514 (Zitat oben)
|
||||
.
|
||||
|
||||
Sind die Elemente aber erst zugeordnet liegt ein Bild vor – oder eben nicht. Die Form der Abbildung ist gegeben – oder eben nicht.
|
||||
|
||||
Das Bild weist d ie Form der Abbildung auf, i ch kann sie dem Bild nicht geben.
|
||||
|
||||
Für Wittgenstein besitzt die Form der Abbildung wesentliche und unwesentliche Züge :
|
||||
|
||||
## D ie Form der Darstellung
|
||||
|
||||
Satzreihe 2.1 7 Ende
|
||||
|
||||
Erst die Entkopplung des Inhalts des Bildes vom Abgebildeten – die Vertretung – ermöglicht die Darstellung der Sachverhalte unabhängig von ihrer Wahr- oder Falschheit:
|
||||
|
||||
2.173 Das Bild stellt sein Objekt von außerhalb dar (sein Standpunkt ist seine Form der Darstellung), darum stellt das Bild sein Objekt richtig oder falsch dar.
|
||||
|
||||
2.174 Das Bild kann sich aber nicht außerhalb seiner Form der Dar stellung stellen.
|
||||
|
||||
Wie d ie Entkopplung vorgenommen wird – wie die Gegenstände im Bild vertreten werden – ist die Form der Darstellung des Bildes:
|
||||
|
||||
Die Formen der Darstellung von und unterscheiden sich.
|
||||
|
||||
Ob die eine oder die andere Form der Darstellung gewählt wird, ist für den Bildinhalt aber unerheblich 16
|
||||
|
||||
Wie wenig Gewicht Wittgenstein der Form der Da rstellung beim isst, sieht man vielleicht am besten daran, dass der Terminus außerhalb von Satzreihe 2.17 nicht mehr genutzt wird.
|
||||
|
||||
Der recht bekannte Satz 4.014 handelt z.B. einfach nur von verschiedenen Formen der Darstellung eines Sachverhalts. Wittgenstein hält es aber nicht für notwendig das Kind hier m it dem eigenen Terminus technicus zu belegen .
|
||||
|
||||
Die Geringschätzung mag auch damit zu tun haben, dass Wittgenstein sich im Folgenden auf genau eine Form der Darstellung konzentriert: Den Satz.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Wichtig ist nur: Wurde die Form der Darstellung gewählt, ist das Bild an sie gebunden, da die Form der Darstellung die abbildende Beziehung vorgibt.
|
||||
|
||||
## Die logische Form
|
||||
|
||||
Satzreihe 2.1 8 & 2.19
|
||||
|
||||
Lässt man bei der Form der Abbildung den unwesentliche n Teil der gewählten Darstellungsart weg, erhält man die logische Form:
|
||||
|
||||
2.18 Was jedes Bild, welcher Form immer, mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie überhaupt – richtig oder falsch – abbilden zu können, ist die logische Form, das ist, die Form der Wirklichkeit.
|
||||
|
||||
2.181 Ist die Form der Abbildung die logische Form, so heißt das Bild das logische Bild.
|
||||
|
||||
2.182 Jedes Bild ist auch ein logisches. (Dagegen ist z. B. nicht jedes Bild ein räumliches.)
|
||||
|
||||
Die logische Form ist der Kern der Abbildung – das, was allen Bildern, die dasselbe darstellen, gemeinsam ist.
|
||||
|
||||
Und sie ist das Gemeinsame (Identische) von Bild und Abgebildetem, das Wittgenstein in Satz 2.16 fordert:
|
||||
|
||||
Wir akzeptieren als Bild des Menschen, unabhängig davon, ob die Haltung des abgebildete n Menschen der Haltung des Modells entspricht oder nicht: Im einen Falle ist das Bild wahr , im anderen falsch.
|
||||
|
||||
Anders in diesem Fall :
|
||||
|
||||
Man kann die Glieder des Modells in diese Stellung bringen, ohne das Modell zu zerstören: Die Form des Modells ist gewahrt.
|
||||
|
||||
Trotzdem ist kein Bild des Menschen: Die dargestellte Haltung kann un möglich von einem Menschen eingenommen werden.
|
||||
|
||||
Für d ie Frage, ob ein Bild vorliegt, oder nicht, ist die Form des Modells unerheblich. D iese Frage wird allein durch die Form des dargestellten Sach verhalts entschieden.
|
||||
|
||||
Nur d ie Form des Sachverhalts wird auf das Modell angewendet, um den Bild inh alt zu ermitteln.
|
||||
|
||||
Bild und Abgebildetes teilen sich die logische Form. Nur so stellt das Bild einen möglichen Sachverhalt dar.
|
||||
|
||||
2.19 Das logische Bild kann die Welt abbilden.
|
||||
|
||||
## Grenzen des Bildes
|
||||
|
||||
Satzreihe 2. 2
|
||||
|
||||
Die Form der Gegenstands, die Form des Sachverhalts und die logische Form der Abbildung sind identisch. E s ist die Form der Wirklichkeit.
|
||||
|
||||
Nur diese unmittelbare Beziehung zwischen Bild und Abgebildeten macht das Bild zum Bild.
|
||||
|
||||
Andere Arten der Abbildung gibt es nicht.
|
||||
|
||||
Das Bild ist so an die Wirklichkeit gebunden – die Bindung ist eine Frage des Wie, nicht des Was; eine Frage der strukturellen Abbildung, nicht der Vertretung:
|
||||
|
||||
2.2 Das Bild hat mit dem Abgebildeten die logische Form der Abbildung gemein.
|
||||
|
||||
2.201 Das Bild bildet die Wirklichkeit ab, indem es eine Möglichkeit des Bestehens und Nichtbestehens von Sachverhalten darstellt.
|
||||
|
||||
2.202 Das Bild stellt eine mögliche Sachlage im logischen Raume dar.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.221 Was das Bild darstellt, ist sein Sinn.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.224 Aus dem Bild allein ist nicht zu erkennen, ob es wahr oder falsch ist.
|
||||
|
||||
2.225 Ein a priori wahres Bild gibt es nicht.
|
||||
|
||||
Die Grenzen der Wirklichkeit sind also auch die Grenzen des Bildes. Bilder, die darüber hinaus gehen, insbesondere solche, die – unabhängig von der Wirklichkeit – als Grundlage des logischen Raums dienen könnten, gibt es nicht.
|
||||
|
||||
Den dargestellten Bildinhalt nennt Wittgenst ein den Sinn des Bildes.
|
||||
|
||||
## D er Gedanke
|
||||
|
||||
Satzreihe 3.0
|
||||
|
||||
3 Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke.
|
||||
|
||||
…
|
||||
|
||||
Noch einmal:
|
||||
|
||||
3 Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke.
|
||||
|
||||
3.001 „Ein Sachverhalt ist denkbar“ heißt: Wir können uns ein Bild von ihm machen.
|
||||
|
||||
Wittgenstein nimmt an, dass wir in Bildern denken17
|
||||
|
||||
Vom Spätwerk her gesehen ist diese Annahme sein eigentlicher Sündenfall.
|
||||
|
||||
Gedanke und Bild zu identifizieren, heißt der Sprache einen beschreibenden Kern zu geben, der da sein muss, bevor andere F ormen der Sprache – andere Sprachspiele – überhaupt greifen können (z.B. Singen, Anweisungen geben, etc …).
|
||||
.
|
||||
|
||||
Seiner Idee nach sind Gedanken Modelle – genau solche , wie ich sie oben vorgestellt habe.
|
||||
|
||||
Für den Gedanken gelten mutatis mutandum also dieselben Regeln, die auch für das Bild gelten:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Gedanken sind an den logischen Raum gebunden (S ätze 3.01 – 3.03*).
|
||||
|
||||
Die sachlogische Dimension der Wirklichkeit greift auch für den Gedanken.
|
||||
|
||||
Etwas außerhalb dieser Dimension zu denken, ist nicht nicht möglich, „ weil wir sonst unlogisch denken müssten“ (Satz 3.03).
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Sowenig es a priori wahre B ilder gibt, sowenig gibt es a priori wahre Gedanken (Sätze 3.0 4 & 3.05).
|
||||
|
||||
Außer der Gleichsetzung des Gedankens mit dem Bild also keine neuen Ideen.
|
||||
|
||||
Dass Wittgenstein das Thema Gedanke kurz hält – ihn insbesondere nicht detaillierter beschreibt – passt zum Vorwort 18
|
||||
|
||||
LPA – Vorwort Absätze 3 & 4.
|
||||
:
|
||||
|
||||
Das Buch will also dem Denken eine Grenze ziehen, oder vielmehr – nicht dem Denken, sondern dem Ausdruck der Gedanken: Denn um dem Denken eine Grenze zu ziehen, müssten wir beide Seiten dieser Grenze denken können [ … ].
|
||||
|
||||
Die Grenze wird also nur in der Sprache gezogen werden können und was jenseits der Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein.
|
||||
|
||||
Eine Analyse des Denkens selbst ist Wittgensteins Auffassung nach nicht möglich. Statt dessen konzentriert er sich in der Abhandlung auf das Medium, das die Gedanken zugänglich macht, die Sprache.
|
||||
|
||||
3.031 Man sagte einmal, dass Gott alles schaffen könne, nur nichts, was den logischen Gesetzen zuwider wäre. – Wir können nämlich von einer „unlogischen“ Welt nicht sagen, wie sie aussähe.
|
||||
|
||||
## D er Satz
|
||||
|
||||
3.1 Im Satz drückt sich der Gedanke sinnlich wahrnehmbar aus.
|
||||
|
||||
3.11 Wir benützen das sinnlich wahrnehmbare Zeichen (Laut- oder Schriftzeichen etc.) des Satzes als Projektion der möglichen Sachlage.
|
||||
|
||||
Die Projektionsmethode ist das Denken des Satz-Sinnes.
|
||||
|
||||
3.12 Das Zeichen, durch welches wir den Gedanken ausdrücken, nenne ich das Satzzeichen. Und der Satz ist das Satzzeichen in seiner projektiven Beziehung zur Welt.
|
||||
@@ -0,0 +1,7 @@
|
||||
Methapher zur Unterscheidung objektiver / subjektiver Wahrnehmung:
|
||||
|
||||
Man nimmt einen Eimer und füllt ihn an zwei Wasserhähnen mit Wasser.
|
||||
|
||||
Danach versucht man herauszufinden, welches Wasser aus welchem Hahn stammt.
|
||||
|
||||
Wir haben EINE Wahrnehmung.
|
||||
@@ -0,0 +1,33 @@
|
||||
Was ist Wahrheit?
|
||||
—
|
||||
Wittgensteins Logisch-philosophische Abhandlung
|
||||
|
||||
Abriss der Thesen
|
||||
|
||||
Marcus Hinz
|
||||
|
||||
ἐστιν ἐ στιν
|
||||
|
||||
## Satzreihe 1 - Ontologie
|
||||
|
||||
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
|
||||
|
||||
## Satzreihe 2 - Das Bild
|
||||
|
||||
## Vorbemerkungen: Gegenst a nd, Sachverhalt & Wirklichkeit
|
||||
|
||||
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)
|
||||
|
||||
2.011 Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes sein zu können.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.0122 Das Ding ist selbständig, insofern es in allen mögliche n Sachlagen vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sachverhalt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz.)
|
||||
|
||||
2.0123 Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglich keiten seines Vorkommens in Sachverhalten.
|
||||
|
||||
(Jede solche Möglichkeit muss in der Natur des Gegenstandes liegen.)
|
||||
|
||||
Es kann nicht nachträglich eine neue Möglichkeit gefunden werden.
|
||||
|
||||
##
|
||||
@@ -0,0 +1,721 @@
|
||||
Was ist Wahrheit?
|
||||
—
|
||||
Wittgensteins
|
||||
Logisch - Philosophische Abhandlung
|
||||
|
||||
Marcus Hinz
|
||||
|
||||
ἔστιν ἔστιν
|
||||
|
||||
Inhalt
|
||||
|
||||
Inhalt
|
||||
|
||||
1 Tatsachen und Sachverhalte 1
|
||||
|
||||
1.1 Russells Sicht 1
|
||||
|
||||
1.2 Die Idee 2
|
||||
|
||||
1.2.1 Tatsachen 3
|
||||
|
||||
1.2.2 Sachverhalte 3
|
||||
|
||||
2 Gegenstände & Logischer Raum 7
|
||||
|
||||
2.1 Gegenstände und Sachverhalte 7
|
||||
|
||||
2.1.1 Die Substanz der Welt 8
|
||||
|
||||
2.1.2 Die Form des Gegenstands 11
|
||||
|
||||
2.2 Der logische Raum 12
|
||||
|
||||
(Eine erste) Einleitung
|
||||
|
||||
—
|
||||
|
||||
Wittgenstein und der Linguistic Turn
|
||||
|
||||
Zu Beginn ein e kurze Einordnung der Diskussion, die ich in diesem Buch führen möchte.
|
||||
|
||||
De r Ausgangspunkt meiner Überlegungen zur Abhandlung sind Wittgensteins einleitende Bemerkungen zur Ontologie (Satzreihe 1.* und Sätze 2 & 2.01 der Abhandlung ), in denen er die Begriffe Tatsache und Sachverhalt einführt, aber eine klare Abgrenzung der Begriffe schuldig bleibt.
|
||||
|
||||
Zur Abgrenzung dieser Begriffe habe ich eine These formuliert, die es erlaubt, die Abhandlung insgesamt als geschlossenen Text zu verstehen, statt sie – wie häufig zu lesen – als Ansammlung zusammenhangloser Aphorismen zu begreifen.
|
||||
|
||||
Meine Idee unterstellt der Abhandlung ein klares ontologisches Konzept, das in Satzreihe 5 zum tragenden Element der allgemeinen Satzform wird, mit der Wittgenstein die philosophischen Probleme „im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben“
|
||||
|
||||
LPA Einleitung, letzter Absatz
|
||||
glaubt.
|
||||
|
||||
Ontologische Überlegungen so sehr ins Zentrum Wittgensteins Denken zu rücken, passt nicht zu seinem philosophischen Hintergrund.
|
||||
|
||||
Der frühe Wittgenstein wird zu den Denkern des Linguistic Turn gerechnet, von manchen sogar als der eigentliche Protagonist der Sprachlichen Wende betrachtet.
|
||||
|
||||
Kennzeichnendes Merkmal des Linguistic Turn ist die Abwendung von ontologischen Fragestellungen hin zu einer Analyse der Sprache und ihres Funktionierens.
|
||||
|
||||
Zentral ist dabei die Annahme, dass die Komplexität und Intrans parenz der Umgangssprache Ideen nahelegt, die in der alten Philosophie zu gravierenden Irrtümern geführt haben.
|
||||
|
||||
Ziel einer neuen Philosophie ist es deshalb, diese Irrtümer zu vermeiden.
|
||||
|
||||
An die Stelle einer Analyse der Wirklichkeit tritt die Analyse der Sprach mechanismen, die die Irrtümer der alten Philosophie verursachen.
|
||||
|
||||
Auf Basis dieser Analyse haben Bertrand Russell und Alfred North Whitehead auf der einen Gottlob Frege auf der anderen Seite versucht, Sprache n zu entwickeln, mit der sich die Welt ohne irreführenden Ballast beschreiben lässt.
|
||||
|
||||
Eine klare Sprache macht unklares Denken unmöglich.
|
||||
|
||||
Denken ist in diesem Sinne etwas genuin sprachliches, eine Art innerer Monolog, der nur richtig geführt werden muss, um den Irrtümern der alten Philosophie zu entgehen.
|
||||
|
||||
Auch Wittgenstein sieht in der Verwendung einer solchen Sprache den Schlüssel zur Vermeidung der Irrtümer, die am Anfang philosophischer Scheinprobleme stehen.
|
||||
|
||||
LPA Sätze 3.325 & 4.003
|
||||
|
||||
Er folgt deshalb den Denkansätzen Freges und Russells aber nicht kritiklos, sieht in ihnen vielmehr erste Schritte, die weitergeführt werden müssen, um das gesteckte Ziel zu erreichen.
|
||||
|
||||
In der Abhandlung vollendet Wittgenstein sozusagen den Kreis, der mit der Sprachlichen Wende begonnen wurde. Im Buch möchte ich Wittgenstein s Ideen vorstellen, den Lingu i stic Turn zum Ziel zu führen.
|
||||
|
||||
Mit seinen Überlegungen hat Wittgenstein ein Modell der Welt sui generis geschaffen. Etwas Ähnliches habe nirgends gesehen.
|
||||
|
||||
Er kommt aus dem Linguistic Turn, die Ideen weißen aber auch eine erstaunliche Nähe zu z.B. Platon oder Leibnitz auf.
|
||||
|
||||
Der Versuch, Wittgenstein in einen Kontext zu stellen, und ihn aus diesem Kontext heraus zu verstehen, macht deshalb wenig Sinn. Insofern werde ich mich – von wenigen Stellen abgesehen – auf die Abhandlung selbst konzentrieren.
|
||||
|
||||
Nur Russell – genauer die Einleitung, die er zur Abhandlung verfasst hat – werde ich häufiger zitieren, um eine andere Meinung zum Text zu haben.
|
||||
|
||||
Ich tue Russell damit Unrecht.
|
||||
|
||||
Wittgenstein hat alles nur erdenkliche unternommen, um das Verständnis der Abhandlung zu erschweren oder unmöglich zu machen
|
||||
|
||||
Die Abhandlung ist sicher die einzige philosophische Schrift, die es zum Libretto einer Oper geschafft hat.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Und los …
|
||||
|
||||
## Tatsachen und Sachverhalte
|
||||
|
||||
Eine der größten Schwierigkeiten, denen man beim Lesen der Abhandlung begegnet, ist Wittgensteins Eigenart, Termini technici einzuführen, ohne sie als solche zu kennzeichnen, geschweige denn ihre Bedeutung zu erläutern.
|
||||
|
||||
Den ersten Kandidaten begegnet man direkt zu Beginn der Abhandlung : Wittgenstein führt hier die Begriffe Tatsache und Sachverhalt ein.
|
||||
|
||||
Der Terminus Tatsache wird in Satzreihe 1 direkt zu Beginn der Abhandlung eingeführt. Dort handelt Wittgenstein in kurzen Worten seine Ontologie ab:
|
||||
|
||||
1 Die Welt ist alles, was der Fall ist.
|
||||
|
||||
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
|
||||
|
||||
In Satz 1.1 grenzt Wittgenstein seine Tatsachenontologie gegen eine – sicherlich üblichere – Dingontologie ab.
|
||||
|
||||
Ihrem Grundgedanken nach betrachtet eine Ding ontologie Dinge als die konstituierenden Elemente der Welt. Tatsachen sind Kombinationen von Dingen, sind also aus den Dingen hergeleitet.
|
||||
|
||||
In diesem Sinne ist die Welt die Gesamtheit der Dinge, alles andere nur eine Ableitung daraus.
|
||||
|
||||
Wittgenstein setzt de m Ding die Tatsache als kon sti tuierendes Element der Welt entgegen.
|
||||
|
||||
Er kehrt das Verhältnis von Ding und Tatsache dabei aber nicht einfach nur um. Statt dessen führt er mit den Sachverhalten eine Ebene ein, die zwischen Tatsachen und Dingen steht:
|
||||
|
||||
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
|
||||
|
||||
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegen ständen. (Sachen, Dingen.)
|
||||
|
||||
Während Wittgenstein d ie Beziehung von Gegen stand und Sach verhalt erläutert, bleibt er in der Beschreibung de r Beziehung von Tatsache und Sachverhalt vage:
|
||||
|
||||
Die Tatsache „ist das Bestehen von Sachverhalten“. „ist“ legt hier eine sehr enge Beziehung von Tatsache und Sachverhalt nahe, erklärt aber nicht, wie sich diese Beziehung gestaltet.
|
||||
|
||||
## Russells Sicht
|
||||
|
||||
In seinem Vorwort zur Abhandlung erläutert Russell seine Sicht:
|
||||
|
||||
What is complex in the world is a fact. Facts which are not compounded of other facts are what Mr. Wittgenstein calls Sachverhalte, whereas a fact which may consist of two or more facts is a Tatsache: thus, for example “Socrates is wise” is a Sachverhalt, as well as a Tatsache, whereas “Socrates is wise and Plato is his pupil” is a Tatsache but not a Sachverhalt.
|
||||
|
||||
Russell schwebt an dieser Stelle wohl ein hierarchisches Modell vor, in dem die Gegenstände die Bausteine von Komplexe n sind, die selbst wieder Bausteine größere r Komplexe sein können.
|
||||
|
||||
Sachverhalt und Tatsache unterscheiden sich dieser Sicht nach nicht wesentlich:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Jeder Sachverhalt ist für sich selbst bereits eine Tat sache.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Beziehung von Tatsache und Sachverhalt ist analog der von Ding und Sachverhalt: Eine Tat sache ist eine einfache Verbindung von Sach ver halten.
|
||||
|
||||
Russell dehnt den Text an dieser St elle:
|
||||
|
||||
In Satz 2 definiert Wittgenstein die Tatsache als das Bestehen von Sachverhalten
|
||||
|
||||
Einer Tatsachen entsprechen mehrere Sachverhalte.
|
||||
|
||||
In Satz 2.06 wird die Kardinalität noch etwas deutlicher:
|
||||
|
||||
2.06 [ … ]
|
||||
|
||||
(Das Bestehen von Sachverhalten nennen wir auch eine positive, das Nichtbestehen eine negative Tatsache.)
|
||||
. Strenger Lesart nach lässt diese Aus sage keinen Raum, einen einzelnen Sach verhalt als Tatsache zu be trachten.
|
||||
|
||||
Wichtiger:
|
||||
|
||||
Russells Lesart nach wird die Abhandlung bereits an dieser Stelle inkon sis tent:
|
||||
|
||||
Ist der Sachverhalt eine Verbindung von Gegen ständen und die Tatsache wiederum eine Verbindung von Sachverhalten, ist auch die Tatsache – zumindest mittelbar – aus Gegenständen zusammengesetzt.
|
||||
|
||||
Dann wären aber die Gegenstände die konstitu ieren den Elemente der Welt, nicht, wie in Satz 1.1 postuliert, die Tatsachen.
|
||||
|
||||
## Die Idee
|
||||
|
||||
Russells widersprüchliche Annahme kann im Text nicht direkt nachgewiesen werden:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Es gibt keine Stelle in der Abhandlung, in der Wittgenstein schreib t, dass eine Tatsache aus Gegenständen zusam mengesetzt ist.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Genauso wenig gibt es eine Stelle, in der Wittgenstein schreibt, dass eine Tatsache eine Verbindung von Sachverhalten ist.
|
||||
|
||||
Der Widerspruch wäre vermieden, wenn die Beziehung von Sachverhalt und Tatsache so gestaltet ist, dass Sachverhalte zwar aus Gegenständen zusammengesetzt sind, Tatsachen dagegen nicht.
|
||||
|
||||
Hier eine These, die Russells Widerspruch vermeidet, und der Abhandlung da rüber hinaus e inen Überbau gibt , der eine Sicht auf den Text als schlüssiges Ganzes erlaubt, statt ihn – wie häufig zu lesen – als eine Ansammlung von Aphorismen erscheinen zu lassen.
|
||||
|
||||
## Tatsachen
|
||||
|
||||
Eine Tatsache ist jedes Stück Welt, über das wir, ohne den Kontext zu kennen, sinnvolle Aus sagen treffen können
|
||||
|
||||
Ich vermeide hier bewusst die Aussage, dass Tatsachen unab hängig voneinander sind.
|
||||
|
||||
Wittgenstein sagt von Sachverhalten zwar explizit, dass sie unabhängig voneinander sind (Satz 2.061), von Tatsachen sagt er das aber nicht (Satz 1.21).
|
||||
|
||||
Inzwischen glaube ich, dass der Unterschied, den Wittgenstein hier macht, eine Signifikanz mit Blick aus Satz 6.45 hat.
|
||||
|
||||
Selbst wenn es Abhängigkeiten zur Tatsache gibt, die wir nicht kennen, können wir doch Aussagen zur Tatsache machen.
|
||||
|
||||
Wir müssen nicht die Welt als Ganzes vor Augen haben, um Bilder der Welt haben zu können – das zeigt umgekehrt dann aber auch die Grenzen der Bilder.
|
||||
. Zum Beispiel so etwas
|
||||
|
||||
Ich werde Tatsachen immer als Fotografien darstellen. Das ist natürlich ein Kompromiss: Gerüche, Haptik und Geräusche werden so z um B eispiel nicht abgebildet, obwohl sie Teil der Tatsache sind. Es ist das Beste, das ich in einem Buch liefern kann.
|
||||
:
|
||||
|
||||
Wolfga ng Brendel als Papageno in Mozarts Zauberflöte, München 2005
|
||||
|
||||
Der Kontext der dargestellten Tatsache ist nicht bekannt. Man weiß z.B. nicht, ob sich noch weitere Sänger auf der Bühne befinden. Genauso wenig ist klar, ob es sich um eine Probe oder eine Aufführung handelt, etc..
|
||||
|
||||
Trotzdem ist es möglich sinnvolle Aussagen zur Tatsache zu machen, etwa, dass ein Mann auf einer Bühne steht.
|
||||
|
||||
Anders in diesem Fall:
|
||||
|
||||
Foto
|
||||
|
||||
In diesem Fall kann man keine Sinn einheit erkennen, w eshalb sich bestenfalls diffuse Aussagen treffen lassen. Es ist keine Tat sache, einfach weil nicht klar wäre, worin sie denn bestünde.
|
||||
|
||||
## Sachverhalte
|
||||
|
||||
Zu den Sachverhalten kommt man, stellt man die Frage, aus welchen Dingen sich die Tatsache zusammensetzt.
|
||||
|
||||
Es gibt tausend Antworten auf diese Frage. Ich möchte zwei herausgreifen und ein wenig näher betrachten:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zau ber flöte.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.
|
||||
|
||||
Beide Aussagen sind wahr, beide Aussagen beziehen sich auf denselben Gegenstand, nämlich
|
||||
|
||||
diesen da.
|
||||
|
||||
Aus dingontologischer Sicht ist das ein Problem:
|
||||
|
||||
Sollen die Dinge die konstituierenden Elemente der Welt sein, muss jederzeit klar sein, was ein Gegenstand ist, sonst wäre die Welt nicht eindeutig bestimmt.
|
||||
|
||||
Hier sieht es so aus, als wäre ein Ding zwei Dinge gleichzeitig: Ein Opernsänger und eine Opernfigur.
|
||||
|
||||
Die Antwort scheint zunächst einfach:
|
||||
|
||||
Die Aussagen, die ich ausgewählt habe, notieren nicht voll ständig. Richtig hätte es heißen müssen:
|
||||
|
||||
„ Es ist Wolfgang Brendel in der Rolle des Papageno bei seinem ersten Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“
|
||||
|
||||
Das Subjekt dieser Aussage ist Wolfgang Brendel, der so als das konstituierende Ding in der Tatsache gekennzeichnet wird. Die Opernfigur Papageno wird als Attribut de r Konstituente auf gelöst, und verschwindet damit als kon sti tuierendes Element der Welt. Die geforderte Eindeutigkeit ist hergestellt.
|
||||
|
||||
Ein Gegenargument:
|
||||
|
||||
Die wenigsten werden gewusst haben, dass die singende Person Wolfgang Brendel ist, viele davon aber sehr wohl Papageno erkannt haben.
|
||||
|
||||
Der Sänger hat zunächst nichts mit der Opernfigur zu tun.
|
||||
|
||||
Ich kann den Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ verstehen, ohne Wolfgang Brendel zu kennen.
|
||||
|
||||
Die zugrunde liegende Tatsache stellt also keine not wendige Beziehung zwischen Sänger und Oper nfigur her.
|
||||
|
||||
Deutlicher wird das Argument, nimmt man eine zweite Tatsache hinzu:
|
||||
|
||||
Papageno in Mozarts Zauberflöte, Lindauer Marionettenoper, 2012 (?)
|
||||
|
||||
Wieder Papagenos erster Auftritt in der Zauberflöte.
|
||||
|
||||
Dieser Umstand setzt beide Tatsachen in Beziehung zueinander: Man kann etwa Papagenos Kostüm oder sein Erscheinen auf der Bühne in der jeweiligen Inszenierung vergleichen.
|
||||
|
||||
Diesmal ist Papageno eine Marionette.
|
||||
|
||||
Der Vergleich funktioniert nur, wenn der Sänger für die Opern figur unerheblich ist; wenn man vom Sänger absehen und trotz dem die Opernfigur betrachten kann.
|
||||
|
||||
Der Satz „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ handelt nicht von Wolfgang Brendel und es ist eine wesentliche Eigenschaft des Satzes, nicht von Wolfgang Brendel zu handeln.
|
||||
|
||||
Wäre dem nicht so, könnte man z.B. die Kostüme nur ver gleichen, wenn Wolfgang Brendel sie trägt.
|
||||
|
||||
Die Sätze „ Es ist Papagenos erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte.“ und „ Es ist Wolfgang Brendels erste r Auftritt in Mozarts Zauberflöte“ sind logisch unabhängig von einander und müssen es sein.
|
||||
|
||||
Trotzdem treffen beide Sätze gleichermaßen auf dasselbe Stück Welt – dieselbe Tatsache – zu.
|
||||
|
||||
Die Sätze beschreiben zwei Sachverhalte, die unabhängig von einander aber gleichberechtigt auf
|
||||
|
||||
zutreffen.
|
||||
|
||||
Das ist Wittgensteins Grund gedanke:
|
||||
|
||||
2 Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten.
|
||||
|
||||
Zu jeder Tatsache – jedem Stück Welt – gibt es ver schiedene, logisch von einander unabhängige Zugangs weisen, die nicht auf einander reduziert werden können.
|
||||
|
||||
Jeder dieser Zugangsweisen ent spricht ein Sachverhalt, der gleichberechtigt neben allen anderen Sachverhalten, die auf die Tatsache zutreffen, besteht.
|
||||
|
||||
Umgekehrt:
|
||||
|
||||
Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugs weise – nur für sich – existiert, gibt es nicht.
|
||||
|
||||
dieses da ist wirklich zwei Dinge gleichzeitig: Je nach Bezugsweise Papageno oder Wolfgang Brendel.
|
||||
|
||||
Ge genstände sind in diesem Sinne nichts in der Welt. Sie kennzeichnen vielmehr Aspekte der Welt – mögliche Bezugsweisen auf Tatsachen, die die Welt konstituieren.
|
||||
|
||||
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
|
||||
|
||||
## Gegenstände & Logischer Raum
|
||||
|
||||
Mit Satzreihe 1 schließt Wittgenstein seine Gedanken zur Ontologie ab und wendet sich in Satzreihe 2 dem Bild zu.
|
||||
|
||||
Trotzdem sind Gegenstände (Sachen / Dinge) Thema der Vorbemerkungen
|
||||
|
||||
Ich habe den Teil zur Form der Abhandlung noch nicht in das neue Manuskript übernommen. Kurz zum Thema Vorbemerkung:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Wittgenstein erläutert die Systematik der Satznummern in Fußnote zu Satz 1.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Satznummern, die eine 0 enthalten, sollte es laut dieser Systematik nicht geben.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Über 50% des Textes findet sich in Sätzen mit Satznummern, die eine 0 enthalten.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Meine These zur Systematik dieser Nummern:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die 0 in der Satznummer führt einer seits dazu, dass die Nummer länger wird. Das logische Gewicht so num merierter Sätze wird dadurch geringer.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
In der Sortierung rutscht der so num merierte Satz aber vor die Sätze mit regulärer Nummerierung.
|
||||
|
||||
Die 0 in der Satznummer gibt Wittgenstein die Möglichkeit Sätze an der regulären Systematik vorbei, vor andere Sätze zu schmuggeln, ohne ihnen ein ungewollt hohes logisches Gewicht geben zu müssen.
|
||||
|
||||
Ich behandle diese Sätze als einleitende Bemerkungen zum eigentlichen Thema, das in den regulär nummerierten Sätzen besprochen wird.
|
||||
|
||||
0 steht für eine Vorbemerkung zu regulären Sätzen, 00 für Vorbemerkungen zu Sätzen, deren Nummer eine 0 enthält.
|
||||
zur Satzreihe (Sätze 2.0ff).
|
||||
|
||||
Was aus dingontologischer Sicht unsinnig ist, ist aus Wittgensteins tatsachenontologischer Sicht nur konsequent:
|
||||
|
||||
Gegenstände sind nicht die konstituierenden Elemente der Welt, kennzeichnen vielmehr Bezugsweisen auf die Welt. Gegenstände sind Teil des Wies, nicht des Was‘ der Welt
|
||||
|
||||
Dazu LPA Satz 5.552.
|
||||
und das Wie zeigt sich in Bildern.
|
||||
|
||||
Bilder stellen Sachverhalte da.
|
||||
|
||||
In den Vorbemerkungen betrachtet Wittgenstein zunächst die Bestandteile des Sachverhalts – Gegenstände (Sachen / Dinge). In einem zweiten Schritt betrachtet er ihre Möglichkeiten, sich zum Sachverhalt zu verbinden – den logischen Raum.
|
||||
|
||||
An dieser Stelle führt Wittgenstein in Satz 2.0121 mit der Sachlage auch einen neuen Terminus technicus ein. Die Abgrenzung der Sachlage ist besonders gegen der Sachverhalt nicht einfach
|
||||
|
||||
Liest man Satzreihe 2.0* mit Blick auf die Wörter „Sachverhalt“ und „Sachlage“ aufmerksam, kann man sie für Synonyme halten.
|
||||
|
||||
Mal benutzt Wittgenstein den einen mal den anderen Ausdruck, ohne dass sich eine Regel erkennen ließe (dazu besonders Sätze 2.0124 & 2.014).
|
||||
|
||||
Diese Beobachtung ist richtig. Trotzdem sind die Termini keine Synonyme. Wichtig zur Abgrenzung sind nicht die Termini selbst, sondern der logische Raum.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Zentral zur Abgrenzung ist der logische Raum, der zum Zeitpunkt der Einführung des Terminus aber noch nicht eingeführt ist.
|
||||
|
||||
Ich werde die Termini Sachverhalt und Sachlage deshalb zunächst synonym lesen, und die Abgrenzung nachholen, sobald der logische Raum eingeführt wurde.
|
||||
|
||||
## G egenstände und Sachverhalte
|
||||
|
||||
Sein erster Auftritt in der Zauberflöte ist nicht de r ein zige Sachverhalt, in de m Papageno vorkommt.
|
||||
|
||||
Papageno ist z.B. ein Vogelfänger und ein ziemlich ängstlicher Typ, der zum Trinken neigt.
|
||||
|
||||
In jedem dieser Sachverhalte spielt derselbe Papageno eine Rolle, der auch seinen ersten Auftritt in der Zauberflöte hat.
|
||||
|
||||
Der Gegenstand kann also nicht auf einen einzigen Sach verhalt reduziert werden.
|
||||
|
||||
Papageno muss ein gemeinsame r und deshalb unabhängiger Teil ver schie dener Sachverhalte sein.
|
||||
|
||||
Ein Ding ist so gesehen im Minimum nichts weiter als das, was all diesen Sachverhalten gemeinsam ist und unabhängig von ihnen existieren muss. Dann sind Dinge aber doch konstituierende Elemente der Welt.
|
||||
|
||||
Dieses Argument ist zentrales Thema der Vorbemerkungen zu Satzreihe 2.
|
||||
|
||||
Der eigentlich argumentative Teil umfasst dabei S ätze 2.01 ff und 2.02 ff.
|
||||
|
||||
In Satzreihe 2.01 bedient Wittgensteins die tatsachenonto lo gische Sicht – die Form des Gegenstands, während er in Satzreihe 2.02 d ie dingontologische Sicht – die Substanz der Welt – betrachtet.
|
||||
|
||||
Da ich bis hierher eine „Dingontologie“ als Blaupause für meine Diskussion der Abhandlung nutze, ist es an dieser Stelle günstiger, mit Satzreihe 2.02 zu beginnen:
|
||||
|
||||
## Die Substanz der Welt
|
||||
|
||||
Die Annahme, dass es Dinge in der Welt gibt, hat Gründe:
|
||||
|
||||
Gegenstände sind Konstanten, die uns in verschiedenen Kon texten immer wieder begegnen.
|
||||
|
||||
Diese vom Einzelfall unabhängige Konstanz setzt eine gewisse Integrität – einen inneren Halt – des Gegenstands voraus, der nur durch ein Ding gegeben sein kann.
|
||||
|
||||
Oft ist von der Selbstidentität des Dings die Rede. Wittgenstein dazu in Satz 5.5303.
|
||||
|
||||
Manchen Lesarten nach ist das Kants Ding an sich.
|
||||
|
||||
Gibt man die Idee des Dings in der Welt auf, geht die se Integrität verloren.
|
||||
|
||||
Wittgenstein dazu:
|
||||
|
||||
2.02 Der Gegenstand ist einfach.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.021 Die Gegenstände bilden die Substanz der Welt. Darum können sie nicht zusammengesetzt sein.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.024 Die Substanz ist das, was unabhängig von dem was der Fall ist, besteht.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.027 Das Feste, das Bestehende und der Gegenstand sind Eins.
|
||||
|
||||
2.0271 Der Gegenstand ist das Feste, Bestehende; die Konfiguration ist das Wechselnde, Unbestän dige.
|
||||
|
||||
2.0272 Die Konfiguration der Gegenstände bildet den Sachverhalt.
|
||||
|
||||
Wittgenstein nimmt zwei Gedanken de s Arguments oben auf:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Dinge sind vo m Einzelfall unabhängig.
|
||||
|
||||
Dinge sind die Konstanten – das Feste, Bestehende – aus denen die Sachverhalte – die Konfigurationen – aufgebaut sind.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Diese Unabhängigkeit muss durch eine besondere Eigenschaft der Gegenstände gesichert sein:
|
||||
|
||||
Gegenstände sind einfach.
|
||||
|
||||
Wie weit Wittgenstein trotz dieser Äußerungen von einer Dingontologie entfernt ist, zeigt das Argument, das zeigen soll, warum Gegenstände nicht zusammengesetzt sein können:
|
||||
|
||||
2.0211 Hätte die Welt keine Substanz, so würde, ob ein Satz Sinn hat, davon abhängen, ob ein anderer Satz wahr ist.
|
||||
|
||||
2.0212 Es wäre dann unmöglich, ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen.
|
||||
|
||||
Schon beim ersten Hinsehen ist klar, dass Wittgenstein hier auf der bildlichen Ebene argumentiert.
|
||||
|
||||
Mit dem Argument greift er der Abhandlung aber weit vor. An dieser Stelle ist es am einfachsten, es auszuprobieren:
|
||||
|
||||
Nehmen wir an, ich sei der Auffassung, die Farbe sei bei der Namensgebung der Blume schon immer sträflich vernachlässigt worden.
|
||||
|
||||
Statt von Blumen möchte ich deshalb im Falle von:
|
||||
|
||||
roten Blumen → Bloten
|
||||
|
||||
gelben Blumen → Blelben
|
||||
|
||||
blauen Blumen → Blaumen
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
sprechen.
|
||||
|
||||
Mit der Blote, Blelbe und Blaume habe ich drei Gegenstände eingeführt, die Wittgensteins Anforderung an einen Gegenstand aus Satz 2.02331 genügen: Man kann Blote, Blelbe und Blaume „durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen“.
|
||||
|
||||
Als sinnvollen Satz, der von einem der Gegenstände handelt, nehmen wir einfach „Die Blaume blüht“.
|
||||
|
||||
Man muss also zeigen können, dass der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht“ davon abhängt, dass eine Blaume einfach – nicht zusammengesetzt – ist.
|
||||
|
||||
Es geht nicht darum, ob der Satz wahr oder falsch ist, sondern darum, ob er überhaupt einen Sinn hat, der wahr oder falsch sein kann.
|
||||
|
||||
Im Argument ist von einem zweiten Satz die Rede, von dessen Wahr- oder Falschheit der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht.“ nicht abhängen darf.
|
||||
|
||||
Die zur Definition der Gegenstände genutzten Beschreibungen sind naheliegende Kandidaten.
|
||||
|
||||
Dass es sich bei den Beschreibungen um Sätze handelt, sieht man daran, dass sich ihr Sinn funktional aus den Satzbestandteilen herleiten lä sst. Nehmen wir den Satz „blaue Blume“:
|
||||
|
||||
Ersetzt man „blaue“ durch „rote“ ergibt sich ein neuer Sinn, genauso ersetzt man „Blume“ durch „Auto“.
|
||||
|
||||
Dazu zunächst Satz 4.032.
|
||||
|
||||
Im Argument spielt Wittgenstein mit der Unterscheidung von Sinn und Bedeutung, die noch nicht eingeführt sind. Das Thema wird noch näher beleuchtet.
|
||||
|
||||
Die Änderung des Sinns ist in beiden Fällen eine Funktion der Änderung des Bestandteils.
|
||||
|
||||
Da sie Sätze sind, können Beschreibungen wahr oder falsch sein. „blaue Blume“ trifft z.B. auf
|
||||
|
||||
zu, während sie auf
|
||||
|
||||
nicht zutrifft.
|
||||
|
||||
Und wäre die Beschreibung falsch, weil es sich in Wirklichkeit nicht um eine Blume, sondern ein Auto handelt, wäre der Satz „Die Blaume blüht.“ unsinnig.
|
||||
|
||||
Der Sinn des Satzes „Die Blaume blüht.“ würde von der Wahrheit des Satzes „blaue Blume“ abhängen.
|
||||
|
||||
Das ist unmöglich: Der Sinn des Satzes ist gegeben, ohne dass es eine Tatsache gibt, auf die er angewendet wird.
|
||||
|
||||
Die Ver gleichs tatsache, d ie ich bräuchte, um festzustellen, ob „ blaue Blume“ wahr oder falsch ist, ist für das Verständnis des Sinns nicht notwendig.
|
||||
|
||||
Noch etwas einfacher und plastischer kann man dasselbe Argument an eine m logischen Zirkel in einer Bemerkung Russells in der Einleitung verdeutlichen:
|
||||
|
||||
It is impossible, for example, to make a statement about two men (assuming for the moment that the men may be treated as simples), without employing two names […]
|
||||
|
||||
Mit den Personen meint Russell Sokrates und Platon.
|
||||
|
||||
I n seiner Bemerkung in der Klammer bezweifelt er, dass diese Personen als einfache Dinge betrachte t werden können.
|
||||
|
||||
Im Umkehrschluss handelt es sich bei Sokrates und Platon um Komplexe – also zusammensetzte Dinge.
|
||||
|
||||
Als Nächstes stellt sich die Frage, aus welchen Dingen sich die Person en dann zusammensetz en.
|
||||
|
||||
Hier gibt es viele mögliche Antworten. Man kann sie etwa als die Summe ihrer Handlungen und Erlebnisse auffassen, oder als die Summe ihrer Organe, etc..
|
||||
|
||||
Die Diskussion, welche Bausteine denn die richtigen sind, und warum es ausgerechnet diese sein sollten, möchte ich an dieser Stelle außen vor lassen.
|
||||
|
||||
Für den Zirkel ist es unerheblich, welche Bausteine man für den Komplex wählt. Man kann auch die Summe aller möglichen Bausteine wählen.
|
||||
|
||||
Nehmen wir für den Moment an, dass die Körperteile einer Person die Bausteine sind, aus denen sie sich zusammensetzt.
|
||||
|
||||
Russells Beispielsatz
|
||||
|
||||
Plato liebt Sokrates.
|
||||
|
||||
ließt sich dann
|
||||
|
||||
Kopf, Arme, Beine und Rumpf lieben Kopf, Arme, Beine und Rumpf.
|
||||
|
||||
Passt fast, aber nicht ganz: Der Satz
|
||||
|
||||
Demokrits Kopf, Heraklits Arme, Kritias Beine und Thales Rumpf lieben Antiphons Kopf, Aristoteles Arme, Diogenes Beine und Epiktets Rumpf.
|
||||
|
||||
erfüllt den transformierten Satz, sagt aber nicht, was mit Plato liebt Sokrates gemeint ist.
|
||||
|
||||
Im Minimum muss sicher gestellt sein, dass die Körperteile zur jeweils gemeinten Person gehören. Also notieren wir:
|
||||
|
||||
Platos Kopf, Platos Arme, Platos Beine und Platos Rumpf lieben Sokrates Kopf, Sokrates Arme, Sokrates Beine und Sokrates Rumpf.
|
||||
|
||||
qed.
|
||||
|
||||
Der Satz hat einen von den Tatsachen unabhängigen Sinn.
|
||||
|
||||
„Blaume“ ist ein einfaches Zeichen.
|
||||
|
||||
Schreibe ich statt „Blaume“ „Blaame“ oder „Plaume“ sind das Fehler in der Rechtschreibung, ich erhalte keine andere Bedeutung.
|
||||
|
||||
Und wäre dem so, hätten wir es mit einem Satz und seinem Sinn zu tun.
|
||||
|
||||
Das ist der wesentliche Unterschied zwischen Sinn und Bedeutung. Dazu noch einmal Satz 4.032.
|
||||
|
||||
Bedeutung ist – im Gegensatz zum Sinn – keine Funktion der Bestandteile eines Ausdrucks.
|
||||
|
||||
Deshalb kann das, was das Zeichen vertritt – seine Bedeutung, auch nur einfach sein. Sollte es hier Differenzierungen geben, könnten sie im Zeichen keinen Ausdruck finden. Die Bedeutung des Zeichens wäre unklar.
|
||||
|
||||
Einfache Zeichen können nichts Zusammengesetztes bedeuten.
|
||||
|
||||
Die Bedeu tung von „Blaume“ wurde durch einen Satz festgelegt.
|
||||
|
||||
Wesentlich für die Bedeutung ist aber, dass sie einfach ist und nicht wahr oder falsch sein kann. Nur so kann sie den Sinn eines Satzes eindeutig bestimmen.
|
||||
|
||||
Wittgenstein argumentiert an dieser Stelle rein formal – sprachmechanisch könnte man sagen.
|
||||
|
||||
Die Semantik von „Blaume“ spielt keine Rolle. Nehmen wir folgenden möglichen Einwand zur Illustration:
|
||||
|
||||
Der Satz „Die Blaume blüht.“ ist sinnvoll, weil Blaume von Blume hergeleitet ist:
|
||||
|
||||
Blaume ist nicht einfach, sondern aus der Farbe Blau und der Blume zusammengesetzt. Die Sinnhaftigkeit des Satzes „Die Blaume blüht“ ist dann – sozusagen – vom Blumenteil der Blaume geerbt. Wittgenstein:
|
||||
|
||||
2.0231 Die Substanz der Welt kann nur eine Form [lies: Möglichkeiten] und keine materiellen Eigenschaften bestimmen. Denn diese werden erst durch die Sätze dargestellt – erst durch die Konfiguration der Gegenstände gebildet.
|
||||
|
||||
2.0232 Beiläufig gesprochen: Die Gegenstände sind farblos.
|
||||
|
||||
Der Einwand verfängt nicht, weil Wittgenstein früher ansetzt:
|
||||
|
||||
Die angeführte semantische Beziehung zwischen Blume und Blaume ist unstrittig gegeben.
|
||||
|
||||
Doch erfordert allein die Darstellung der Beziehung, dass „Blaume“ zunächst eine Bedeutung hat.
|
||||
|
||||
Diese Bedeutung meint Wittgenstein, wenn er vom Gegenstand spricht:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Sie muss gegeben sein.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Sie ist ihrem Wesen nach einfach.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Sie steht vor jeder möglichen Aussage über den Gegenstand, die wahr oder falsch sein könnte:
|
||||
|
||||
Der Gegenstand ist farblos.
|
||||
|
||||
Der Duktus der Argumentation in Satzreihe 2.02 ist klar ding onto logisch: Wittgenstein schreibt von der Substanz der Welt, und Gegenständen, die einfach sein müssen.
|
||||
|
||||
Er reduziert die Argumente der Dingontologie aber deutlich auf die bildlich / sprachliche Ebene.
|
||||
|
||||
Gegenstände sind nichts in der Welt, sind vielmehr notwendige Bedingung der Bestimmtheit des Sinns eines Bildes.
|
||||
|
||||
Klarer wird diese Haltung noch, betrachtet man Satzreihe 2.01:
|
||||
|
||||
## Die Form des Gegenstands
|
||||
|
||||
Ist der Gegenstand nicht Teil der Welt, kann es mit seiner Unab hängig keit nicht so weit her sein, wie Satzreihe 2.02 bei flüchtigem Lesen vermuten lä sst. Wittgenstein:
|
||||
|
||||
Zur Erinnerung: Derzeit lese ich Sachverhalt und Sachlage noch synonym.
|
||||
|
||||
2.01 Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)
|
||||
|
||||
2.011 Es ist dem Ding wesentlich, der Bestandteil eines Sachverhaltes sein zu können.
|
||||
|
||||
2.012 In der Logik ist nichts zufällig: Wenn das Ding im Sach verhalt vorkommen kann, so muss die Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein.
|
||||
|
||||
[ … ]
|
||||
|
||||
2.0122 Das Ding ist selbständig, insofern es in allen möglichen Sachlagen vorkommen kann, aber diese Form der Selbständigkeit ist eine Form des Zusammenhangs mit dem Sach ver halt, eine Form der Unselbständigkeit. (Es ist unmöglich, dass Worte in zwei verschiedenen Weisen auftreten, allein und im Satz. )
|
||||
|
||||
Wittgenstein deutet die Selbstä ndigkeit der Gegenstände in ihr Gegen teil um: Ein Gegenstand ist nicht durch sich selbst, sondern durch die Sachverhalte, deren Teil er sein kann, bestimmt.
|
||||
|
||||
Sein Argument ist auch hier – wie Falle der Substanz der Welt – ein sprachliches.
|
||||
|
||||
Zum besseren Verständnis eine Metapher:
|
||||
|
||||
Die Dingontologie unterstellt ein Skelett, das dem Gegenstand von innen her seine Form gibt, und ihn deshalb unabhängig von den Kon texten, in denen er steht, klar abgrenzt.
|
||||
|
||||
Anders Wittgenstein: Er unterstellt ein Exoskelett, das d ie Integrität des Gegenstand s von außen her sichert. Dieses Exoskelett sind die Sachverhalte, in denen der Gegenstand vorkommen kann.
|
||||
|
||||
Gemeinsam ist beiden Ideen aber, dass der Gegenstand jeder zeit vollständig bestimmt sein muss.
|
||||
|
||||
Das eine Mal, um die Welt zu retten.
|
||||
|
||||
Das andere Mal, um zu wissen, wovon man spricht.
|
||||
|
||||
Im Rahmen einer Ding ontologie leistet der Gegenstand das selbst.
|
||||
|
||||
Wittgensteins Idee nach kann der Gegenstand das nicht mehr leisten: Er ist eine abhängige Größe.
|
||||
|
||||
Wenn trotzdem jederzeit klar sein soll, ob man es mit Papageno zu tun hat, oder nicht, müssen die Größen, die Papageno bestimmen, jederzeit vollständig bekannt sein.
|
||||
|
||||
Das heißt, es muss jederzeit klar sein, in welchen Sachverhalten Papageno vorkommt oder auch nur vorkommen kann.
|
||||
|
||||
2.0123 Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vor kom mens in Sachverhalten.
|
||||
|
||||
[ ... ]
|
||||
|
||||
Es kann nicht nachträglich eine neue Mög lich keit gefunden werden.
|
||||
|
||||
Wittgenstein reduziert den Gegenstand auf die abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen er vorkommen kann.
|
||||
|
||||
Damit wird der Gegenstand zur Hohlform: Zur Frage, was ein Ding ist, trägt das Ding selbst nichts bei.
|
||||
|
||||
Statt dessen wird seine Form durch die Sachverhalte bestimmt.
|
||||
|
||||
Ich weiß nicht, ob Wittgenstein hier ein Wortspiel sah.
|
||||
|
||||
2.0141 Die Möglichkeit seines Vorkommens in Sach ver halten, ist die Form des Gegenstandes.
|
||||
|
||||
## Der logische Raum
|
||||
|
||||
Die Beziehung von Gegenstand und Sachverhalt ist aber nicht beliebig. Der Gegenstand muss zum Sachverhalt passen, wie ein Schlüssel ins Schloss:
|
||||
|
||||
2.013 Jedes Ding ist, gleichsam, in einem Raume möglicher Sachverhalte. Diesen Raum kann ich mir leer denken, nicht aber das Ding ohne den Raum.
|
||||
|
||||
2.0131 Der räumliche Gegenstand muss im unend lichen Raume liegen. (Der Raumpunkt ist eine Argumentstelle.)
|
||||
|
||||
Der Fleck im Gesichtsfeld muss zwar nicht rot sein, aber eine Farbe muss er haben: er hat sozusagen den Farbenraum um sich. Der Ton muss eine Höhe haben, der Gegenstand des Tastsinnes eine Härte, usw.
|
||||
|
||||
Gegenstände treten in die Argumentstellen
|
||||
|
||||
Für Leute die programmieren können:
|
||||
|
||||
Den Argumentstellen entsprechen in typisierten Sprachen die Metho den signaturen.
|
||||
der Sachverhalte ein, müssen also in Typ und Position zum Sachverhalt passen.
|
||||
|
||||
Ein konkreteres Beispiel als die Beispiele Wittgensteins macht die Sache an schau licher:
|
||||
|
||||
Auch hier greift Wittgenstein der Abhandlung vor.
|
||||
|
||||
Ich habe das Beispiel deshalb ein wenig vereinfacht. Das Thema wird im Rahmen des logischen Urbilds (Satz 3.315) näher beleuchtet.
|
||||
|
||||
Nehmen wir den Sachverhalt „ Cäsar war größer als Napoléon.“
|
||||
|
||||
D ie Beziehung „größer sein als“ stellt zwei Argumentstellen zur Verfügung (im Beispiel durch Cäsar und Napoléon besetzt ). Es gilt:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Die Argumentstellen können nich t mit beliebig en Typen besetzt werden:
|
||||
|
||||
„Wasser war größer als Napoléon.“ ist unsinnig.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
Argumentstellen können auch nicht in beliebiger Reihe nfolge besetzt werden:
|
||||
|
||||
„ Napoléon war größer als Cäsar.“ sagt etwas anderes als „ Cäsar war größer als Napoléon.“.
|
||||
|
||||
Die Argumentstelle bestimmt demnach den eintretenden Gegen stand. Sie bestimmt ihn aber nicht, indem sie auf etwas in der Welt zeigt:
|
||||
|
||||
Ob in die erste Position Cäsar, Napoléon, Wittgenstein oder ein Blauwal eintritt, ist unwesentlich. Wesentlich ist nur, dass man von dem Gegenstand sinnvoll sagen kann, dass er größer als ein anderer ist – Wasser erfüllt dieses Kriterium nicht. „ist größer als“ ist Teil der Form dieser Gegenstände.
|
||||
|
||||
Ein weiteres Beispiel führt zum logischen Raum:
|
||||
|
||||
Der Sachverhalt: „Cäsar wurde 55 Jahre alt“.
|
||||
|
||||
Auch die Beziehung „Jahre alt geworden sein“ bietet zwei Argumentstellen an. Je nach Besetzung der ersten Argumentstelle kann in die zweite ein sinnvolles Alter für die Besetzung der ersten Stelle eintreten.
|
||||
|
||||
Im Beispiel ist die erste Stelle von einem Menschen besetzt. Also kann in die zweite Stelle ein sinnvoller Wert für das Alter eines Menschen eintreten.
|
||||
|
||||
Setzen wir großzügig einen Wert zwischen 0 und 120 an. Ein einfacher Test:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
„Cäsar wurde 67 Jahre alt“→ falsch aber sinnvoll.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
„Cäsar wurde 5693 Jahre alt“ → Unsinn.
|
||||
|
||||
Der Test betrachtet die obere Grenze des Alters eines Menschen. Ein Test für die untere Grenze:
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
„Cäsar wurde - 200 Jahre alt“ → Unsinn.
|
||||
|
||||
-
|
||||
|
||||
„Cäsar wurde 3 Jahre alt“ → Unsinn.
|
||||
|
||||
Der zweite Sachverhalt ist unsinnig, sollte aber nur falsch sein:
|
||||
|
||||
3 fällt in den sinnvollen Bereich des Alters eines Menschen.
|
||||
|
||||
Das Problem an dieser Stelle ist klarer Weise Cäsar:
|
||||
|
||||
Cäsar hat z.B. Gallien erobert und war römischer Diktator. Diese Sachverhalte passen nicht zu einem Lebensalter von nur 3 Jahren.
|
||||
@@ -0,0 +1,106 @@
|
||||
Soweit, wie bisher ausgearbeitet, hat die Rekonstruktion aber ein Defizit:
|
||||
|
||||
Der Bildinhalt ergibt sich dem Gedanken bis hierher nach aus der Identität der strukturellen Eigenschaften von Bild und Welt. Diese Idee setzt also für jeden gegebenen Bildinhalt ein gegebenes Pedant in der Welt voraus.
|
||||
|
||||
Das gilt für wahre Bilder, für falsche nicht.
|
||||
|
||||
## Falsche Sätze : Welt, Wirklichkeit und logischer Raum
|
||||
|
||||
Falsche Bilder bilden die Welt offensichtlich erwei s e nicht ab.
|
||||
|
||||
Diese m Umstand kann man durch die Bezugsweise des Bilds auf die Welt Rechnung tragen: Bild und falsches Bild beziehen sich auf dieselbe Welt, nur auf verschiedene Art und Weise.
|
||||
|
||||
Diese Rekonstruktion ist nach dem Modell der Abhandlung nicht möglich:
|
||||
|
||||
Abbildung besteht in der Identität der Struktur von Bild und Abgebildetem und ist damit unmittelbar gegeben.
|
||||
|
||||
D iese Sicht lässt keinen Raum für logische Abstraktion — verschiedene Bezugsweisen — des Bilds auf die Welt 1
|
||||
Wittgenstein widerspricht dieser Idee dann auch an verschiedenen Stellen der Abhandlung sehr deutlich. Dazu Satz 4.061.
|
||||
|
||||
In Satz 4.022 formuliert Wittgenstein positiv, dass es nur eine Bezugsweise des Satzes auf die Welt gibt.
|
||||
|
||||
Das Thema wird später im Kapitel Neinologie genauer unter die Lupe genommen.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Wittgenstein löst das Problem durch die Einführung der Form und des logischen Raums:
|
||||
|
||||
2.15 Dass sich die Elemente des Bildes in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten, stellt vor, dass sich die Sachen so zu einander verhalten.
|
||||
|
||||
Dieser Zusammenhang der Elemente des Bildes heiße seine Struktur und ihre Möglichkeit seine Form der Abbildung.
|
||||
|
||||
2.151 Die Form der Abbildung ist die Möglichkeit, dass sich die Dinge so zu einander verhalten, wie die Elemente des Bildes.
|
||||
|
||||
Bilder beziehen sich nicht unmittelbar auf die Welt, stellen vielmehr mögliche Konstellationen 2
|
||||
Ich führe den Begriff „Konstellation“ als Hilfsbegriff ein, um Wittgensteins Terminus „Sachverhalt“ zunächst zu vermeiden.
|
||||
|
||||
Wittgensteins Terminus lebt von der Abgrenzung zur Tatsache und Sachlage, die aber erst auf Basis der Bildtheorie verstanden werden kann.
|
||||
in der Welt dar 3
|
||||
Dass sich Bilder immer nur auf mögliche Konstellationen beziehen, kann man allein daran sehen, dass das Beispiel verstanden werden kann, ohne zu wissen, welcher Mensch denn nun genau abgebildet werden soll; geschweige denn sitzen müsste, um abgebildet zu sein.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Die Form ermöglicht die Existenz falscher Bilder als mögliche Konstellationen in der Welt.
|
||||
|
||||
Soll durch die Einführung der Form das Prinzip der Identität zwischen Bild und Abgebildeten nicht gebrochen werden, können sich Bilder dann aber nicht unmittelbar auf Welt beziehen:
|
||||
|
||||
2.11 Das Bild stellt die Sachlage im logischen Raume, das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten vor.
|
||||
|
||||
2.17 Was das Bild mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie auf seine Art und Weise – richtig oder falsch – abbilden zu können, ist seine Form der Abbildung.
|
||||
|
||||
Er setzt das Modell eines eigenen Raumes, in dem de Bilder angesiedelt sind, dagegen: Bilder beschreiben Sachlagen im logischen Raum4
|
||||
Dazu Satz 2.11
|
||||
. Der dort dargestellte Inhalt muss mit der Wirklichkeit — der logisch strukturierten Welt — verglichen werden, um zu sehen, ob das Bild wahr oder falsch ist.
|
||||
|
||||
Obwohl Wittgenstein die Begriffe schon in Satzreihe 2.0* nutzt, steht hinter diesem Dreiklang ein komplexes Modell, das erst zu verstehen ist, wenn die Bildtheorie für den Satz dargelegt ist5
|
||||
Zentral sind hier Termini Tatsache, Sachverhalt und Sachlage. Ich werde sie erst zum Ende dieses Teils einführen können.
|
||||
.
|
||||
|
||||
Wichtig schon hier: Diese Konstruktion ermöglicht es, der wirklichen Welt eine gedachte entgegenzusetzen, und beide zu vergleichen 6
|
||||
Dazu Satz 4.031
|
||||
.
|
||||
|
||||
Der logische Raum wird zum Möglichkeitsraum, in dem abweichende Realitäten gegen die bestehende gesetzt werden können. Fundament des Ganzen ist das Prinzip der Identität der Strukturen, das garantiert, dass der Bildinhalt unmittelbar aus dem Bild entnommen werden kann.
|
||||
|
||||
Am Beispiel:
|
||||
|
||||
bildet einen sitzenden Menschen ab.
|
||||
|
||||
Das Prinzip der Identität der Strukturen:
|
||||
|
||||
Es gibt keine sinnvolle Möglichkeit, aus diesem Bild das Bild eines laufenden Menschen zu machen.i
|
||||
Abgrenzung zur Definition
|
||||
|
||||
Ich habe geschrieben, dass es keine sinnvolle Möglichkeit gibt, aus das Bild eines laufenden Menschen zu machen.
|
||||
|
||||
Eine Recht einfache Möglichkeit genau das zu tun, scheint die Definition zu sein.
|
||||
|
||||
Wittgenstein geht auf das Thema im Zusammenhang mit der Form der Abbildung nicht ein. Man kann am Beispiel aber recht einfach zeigen, warum diese Idee nicht trägt, und so mehr Klarheit in Wittgensteins Idee vom Bild bringen:
|
||||
|
||||
: Laufender Mensch Def inition
|
||||
|
||||
Mit Hilfe der Definition stellt doch einen laufenden Menschen dar.
|
||||
|
||||
Damit ist eine Möglichkeit geschaffen, Wittgensteins Prinzip der Identität der Struktur zu brechen. Eine Analyse zeigt, dass dieser Eindruck falsch ist:
|
||||
|
||||
1: Man kann am definierten Zeichen den Inhalt nicht mehr erkennen.
|
||||
|
||||
Solange als Bild verwendet wird, ergibt sich der Inhalt aus der Stellung der Bildelemente zueinander, und man kann mit denselben Elementen auch andere Bilder – etwa den stehenden Menschen oben – aufbauen.
|
||||
|
||||
Im Falle des definierten Zeichens, muss ich den Inhalt lernen, er wird quasi von außen angeheftet. Die Bildelemente spielen dabei keine Rolle mehr: Mit der Definition wird die Struktur des Bilds aufgehoben.
|
||||
|
||||
2: Die beiden Möglichkeiten der Verwendung sind disjunkt.
|
||||
|
||||
Die Bildelemente beizubehalten und gleichzeitig zu behaupten, stelle einen laufenden Menschen dar, ist widersprüchlich.
|
||||
|
||||
Dieser Widerspruch zeigt wiederum, dass die Verwendung von als Bild nichts mit der Verwendung als definiertes Zeichen zu tun hat – nichts zu tun haben darf.
|
||||
|
||||
Die Definition macht aus ein einfaches Zeichen, das im Bild nur vertreten kann. Das Zeichen kann frei gewählt werden, und steht damit in keinem Zusammenhang zum Vertretenen. Informationen über das Vertretene werden im Bild nicht transportiert.
|
||||
|
||||
Die Definition widerlegt Wittgensteins Beobachtungen nicht, weil sie die Unterscheidung zwischen struktureller Abbildung und Vertretung nicht aufheben kann.
|
||||
|
||||
Die Logik gibt die Anordnung der Glieder zwingend vor.
|
||||
|
||||
Der logische Raum als unabhängiger Möglichkeitsraum:
|
||||
|
||||
Der Bildinhalt besteht unabhängig davon, ob es einen Menschen gibt, der abgebildet wird, oder nicht.
|
||||
|
||||
Würde der Bildinhalt davon abhängen, dass sich das Bild auf einen Menschen (=die Welt) bezieht, den es richtig ( =Der Mensch sitzt), oder falsch (z.B. = Der Mensch steht) abbildet, sollte der Bildinhalt unklar sein, weil ich nicht gesagt habe, ob und auf welchen Menschen sich das Bild bezieht. Der Bildinhalt ist aber klar und vollständig.
|
||||
@@ -0,0 +1,28 @@
|
||||
# Sheet: Was ist Wahrheit
|
||||
- Was ist Wahrheit
|
||||
- Einleitung
|
||||
- Wittgensteins Anpruch
|
||||
> 3000 Jahre Philosopiegeschite auf 84 Seiten Text lösen
|
||||
> Diesen gigantuischen Anspruch ernst nehmen (nicht wie Russell)
|
||||
- Wuttgesteins zentrale Idee: Das Bild
|
||||
-
|
||||
- Entkopplung von Bild und Abgebildetem
|
||||
- Reine Deskriptivität (Strukturelle Abbildung)
|
||||
- Notwendig vorgegebener Bildaufbau
|
||||
- Beispiele für die Universalität der Überlegung
|
||||
- Kuchengraphik
|
||||
- Beispiel aus der Einleitung
|
||||
- Lageplan
|
||||
- Gedanke und Satz (Satzreihe 3)
|
||||
- Das Modell: Gedanke / Satz / Satzzeichen
|
||||
- Unterschiede zum Bild (keine Nachahmung)
|
||||
- Strukturelle Eigenschaften des Satzes
|
||||
- Der Satz als Tatsache
|
||||
- Unterscheidung einfache Zeichen / Satz
|
||||
- Vertretung / Beschreibung beim Satz
|
||||
- Elementarsatz und Gegenestand
|
||||
- Komplexe
|
||||
- Symbol / Satzvariable
|
||||
- Bedeutung und Symbol
|
||||
- Satzvariable
|
||||
- Der logische Raum
|
||||
Reference in New Issue
Block a user