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# Was ist Wahrheit — Entwurf 2019-03-13
**Quelle:** `archive/2019-03-13 - Was ist Wahrheit.fodt`
**Charakter:** Längerer, ausgearbeiteter Buchentwurf vom 13. März 2019. Strukturell sehr ähnlich zur undatierten `archive-was-ist-wahrheit.md`, aber **deutlich ausführlicher** in Einleitung und Argumentation. Trägt das prägnante Kapitelmotto "**Thing Thinking Strikes Back**".
**Umfang:** ~39K Zeichen, 844 Zeilen (nach Stripping), ~7K Wörter
**Datierung:** 2019-03-13
## Hauptthesen
- **Linguistic-Turn-Rahmung** wie in archive-Fassung: Wittgenstein als Vollender des Linguistic Turn — Frege/Russell als Vorläufer; Wittgensteins ontologisches Fundament macht den Linguistic Turn erst konsistent.
- **Zwei Bedenken gegen pure Linguistic-Turn-Lesart**:
1. **Universalien-Problem**: Linguistic Turn ist klar nominalistisch ("Wo wohnt Rot?"). Wittgenstein dagegen weist schon die Frage zurück (5.61) — trifft keine Sonderbehandlung für Universalien gegenüber anderen Gegenständen.
2. **Textkonsistenz**: Russells Lesart Tatsache=Verbindung-von-Sachverhalten macht ABH schon bei 2.01 inkonsistent zu 1.1.
- **Tatsachen ≠ Verbindungen von Sachverhalten**: Es gibt keine ABH-Stelle, an der Wittgenstein das schreibt. Lösung: Tatsachen sind nicht aus Gegenständen zusammengesetzt, Sachverhalte schon.
- **Tatsache = Stück Welt mit Mindestmaß an Sinneinheit**: Brendel/Papageno-Bild als Beispiel; "Foto" ohne Sinneinheit ist keine Tatsache.
- **Sachverhalt als Bezugsweise**: Brendel-Auftritt vs. Papageno-Auftritt — zwei wahre, logisch unabhängige Aussagen über dieselbe Tatsache.
- **Lindauer-Marionetten-Test**: zweite Tatsache mit Marionette beweist, dass Papageno unabhängig vom Sänger steht.
- **"Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugsweise nur für sich existiert, gibt es nicht."**
- **Gegenstände sind nichts in der Welt**, sondern Aspekte/Bezugsweisen auf Tatsachen.
- **"Thing Thinking Strikes Back"**: pointierte Kapitel-Überschrift für die Spannung mit Satzreihen 2.0 — Wittgenstein wirkt dingontologisch, ist es aber nicht.
- **Substanzargument 2.0211** durchgespielt mit Blote/Blelbe/Blaume. "Bedeutung ist im Gegensatz zum Sinn keine Funktion der Bestandteile."
- **Sokrates-Plato-Zirkel** identisch zur archive-Fassung.
- **Skelett vs. Exoskelett** Metapher.
- **Gegenstand als Hohlform** — abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen er vorkommen kann.
- **Argumentstellen / Programmierer-Analogie**: Methodensignaturen in typisierten Sprachen.
- **Teekanne-Beispiel** mit Farbe Rot — neu gegenüber archive-Fassung: zwei Aussagen ("Es ist eine Teekanne mit Deckel und Sieb" / "Der Deckel hat dieselbe Farbe wie der Griff"). Eine Dingontologie verheddert sich am Ort und Vorkommen der Farbe. W.s Lesart: verschiedene Bezugsweisen auf eine dinglich unbestimmte Tatsache.
## Zentrale Begriffe
- **Tatsache** — Stück Welt mit Sinneinheit, Aussagen-fähig ohne Kontext.
- **Sachverhalt** — Bezugsweise auf eine Tatsache; aus Gegenständen aufgebaut.
- **Sachlage** — vorerst synonym mit Sachverhalt gelesen.
- **Gegenstand** — Aspekt/Bezugsweise; kein Ding in der Welt; Hohlform.
- **Dingontologie** — Position, die Gegenstände als konstituierende Bausteine der Welt setzt; wird durchgängig kontrastiert mit W.s Position.
- **Linguistic Turn** — Rahmen; Wittgenstein als Vollender.
- **Universalien** — von Nominalisten als Pseudoprobleme abgetan; W. weist die Frage zurück.
- **Substanz der Welt** — Gegenstände, aber als formale Bedingung, nicht stofflich.
- **Skelett / Exoskelett** — Metapher für Ding- vs. Sachverhaltsontologie.
- **Hohlform** — Bezeichnung für den Gegenstand bei W.
- **Argumentstelle** — Position im Sachverhalt; durch Typ und Reihenfolge bestimmt.
- **Sinn vs. Bedeutung** — Sinn: Funktion der Bestandteile; Bedeutung: einfach, nicht zusammensetzbar.
## Argumentationsstruktur
1. **(Erste) Einleitung — Wittgenstein und der Linguistic Turn**: Linguistic-Turn-Verortung, zwei Bedenken gegen pure Zuordnung (Universalien, Textkonsistenz), Wittgenstein als Vollender, Russell als Sparringspartner.
2. **Tatsachen und Sachverhalte**: 1.1 vs. Dingontologie, 2 & 2.01 führen Sachverhalt ein, Vagheit bei Tatsache↔Sachverhalt.
3. **Russells Sicht**: Zitat aus Vorwort, hierarchisches Modell, Widerspruch zu 1.1.
4. **Die Idee** (Auflösung): Tatsachen sind nicht aus Gegenständen zusammengesetzt.
5. **Tatsachen**: Brendel/Papageno-Bild, Vergleich zu "Foto"-Tatsache ohne Sinneinheit.
6. **Sachverhalte**: Zwei Aussagen → zwei Sachverhalte über dieselbe Tatsache. Lindauer-Marionetten-Test. Schluss: "Gegenstände sind nichts in der Welt."
7. **Thing Thinking Strikes Back Gegenstände & Logischer Raum**:
- Vorbemerkungen-Diagnose (Nullnummern).
- Sachverhalt vs. Sachlage vorerst synonym.
- 2.01 (Form) vs. 2.02 (Substanz) — Reihenfolge: Substanz zuerst, weil Dingontologie Blaupause.
8. **Die Substanz der Welt**:
- Argumente für Dingontologie (Konstanten, Selbstidentität, Kants Ding an sich).
- Substanzargument 2.0211 durchgespielt mit Blote/Blaume.
- Sokrates-Plato-Zirkel.
- Bedeutung ≠ Sinn.
9. **Form des Gegenstands**:
- 2.0122: Selbständigkeit als Form der Unselbständigkeit.
- Skelett/Exoskelett.
- Hohlform.
10. **Der logische Raum**:
- Schlüssel/Schloss-Verhältnis (2.013).
- Argumentstellen / Programmierer-Analogie.
- Cäsar/Napoleon-Beispiel.
- Cäsar/Alter-Beispiel (Cäsar wurde 3 Jahre alt = Unsinn).
- **Teekanne-Beispiel** mit Farbe Rot — Universalien neu eingebracht.
11. **Bricht ab** nach Schlusspointe zum Teekannenbeispiel, mitten in "Wittgenstein" (Z. 844).
## Schlüsselzitate
> "Meine Idee unterstellt der Abhandlung ein klares ontologisches Fundament, das auf Tatsachen und Sachverhalten beruht. In Satzreihe 5 wird dieses Fundament zum tragenden Element der Formulierung der allgemeinen Satzform" — Z. 48-50
> "Hinter der Annahme [Existenz von Rot als Ding] steht die naive Sicht, dass alles, was in der Sprache eine dingliche Form hat, auch eine dingliche Entsprechung in der Welt braucht. So wird überflüssigerweise ein metaphysischer Gegenstand geschaffen, der nur zu Verwirrungen führt. Es ist z.B. völlig unklar, wo dieses Ding seinen Platz in der Welt hätte (Wo wohnt Rot, und wer zahlt die Miete?)." — Z. 106-108
> "Wittgensteins Antwort ist gleich in zwei Hinsichten nicht nominalistisch: Der Nominalismus gibt vor, die Frage nach der Existenz der Universalien entscheiden zu können. Wittgenstein weißt schon die Frage zurück." — Z. 120-126
> "Er gibt der Wende damit ein Fundament, das es erst ermöglicht, viele ihrer Gedanken konsistent und vollständig zu auszusprechen." — Z. 142 (über W.s Verhältnis zum Linguistic Turn)
> "Mit Russells Lesart wird die Abhandlung aber bereits an dieser Stelle inkonsistent: Ist der Sachverhalt eine Verbindung von Gegenständen und die Tatsache wiederum eine Verbindung von Sachverhalten, ist auch die Tatsache zumindest mittelbar aus Gegenständen zusammengesetzt. Dann wären aber die Gegenstände die konstituierenden Elemente der Welt, nicht, wie in Satz 1.1 postuliert, die Tatsachen." — Z. 228-232
> "Der Text lässt demnach Raum, die Inkonsistenz in Russells Sicht zu vermeiden. Dazu müsste die Beziehung von Tatsache und Sachverhalt so gestaltet sein, dass zwar Sachverhalte aus Gegenständen zusammengesetzt sind, Tatsachen dagegen nicht." — Z. 242-244
> "Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugsweise nur für sich existiert, gibt es nicht." — Z. 352
> "Gegenstände sind in diesem Sinne nichts in der Welt. Sie kennzeichnen vielmehr Aspekte der Welt mögliche Bezugsweisen auf Tatsachen, die die Welt konstituieren." — Z. 356
> "Wittgenstein deutet die Selbständigkeit der Gegenstände in ihr Gegenteil um: Ein Gegenstand ist nicht durch sich selbst, sondern durch die Sachverhalte, deren Teil er sein kann, bestimmt." — Z. 671
> "Damit wird der Gegenstand zur Hohlform: Zur Frage, was ein Ding ist, trägt das Ding selbst nichts bei." — Z. 703
> "Wittgensteins Idee nach unterscheiden sich die beiden Aussagen [Teekanne-Beispiel] nicht. In beiden Aussagen wurden lediglich verschiedene Bezugsweisen auf eine dinglich unbestimmte Tatsache gewählt." — Z. 830-832
> "Das etwas in der Welt, das das Ding eigentlich ausmacht, und sozusagen seine Identität sichert, gibt es schlicht nicht. Die Tatsache ist vielmehr für verschiedene Zugangsweisen offen." — Z. 842
## Themen-Tags
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## Auffälligkeiten / Lücken / Spannungen
- **"Thing Thinking Strikes Back"** als Kapitel-Überschrift: prägnant, mit Spannungs-Versprechen. In späteren Fassungen fehlt diese rhetorische Markierung — möglicher Verlust.
- **Universalien-Argument** vs. Linguistic Turn ist hier explizit ausgeführt — in der archive-Fassung gibt es das nur angerissen. In späteren Fassungen ganz verschwunden (kann später unter Solipsismus/Empirische Tautologie aufgegriffen werden, ist aber nicht so direkt verbunden).
- **Teekanne-Beispiel** mit Farbe Rot — anschauliche Ergänzung zur Universalien-Frage. In späteren Fassungen nicht aufgegriffen.
- **Bricht im Logischen-Raum-Kapitel ab** mitten in der Argumentation.
- **Klare Spannung beim Substanz-Konzept**: 2.0211 "muss" eine Substanz angenommen werden — gleichzeitig wird die Lesart explizit anti-dingontologisch geführt. Auflösung über "Substanz = Bedeutungsbedingung, nicht stofflich" wird hier expliziter ausgeführt als anderswo.
## Verbindungen
- **archive-was-ist-wahrheit**: 2019er-Fassung ist Vorgänger der archive-Fassung; der Kerntext ist in der archive-Fassung schon weitgehend übernommen, aber gekürzt (Linguistic-Turn-Bedenken kürzer, Teekanne-Beispiel weg).
- **2018-was-ist-wahrheit**: noch ältere Fassung, vermutlich Vorstufe von 2019.
- **kap01-original**: setzt die Bildtheorie hinzu, die hier noch nicht behandelt wird; übernimmt die anti-ontologische Lesart.
- **kap02-satz / kap01-2026**: weiterentwickelte Versionen; Linguistic-Turn-Verortung weggefallen, dafür neue Programmatik.
- **Thesen-Abriss**: identischer ABH-Stellenkanon (1.1, 2.01, 2.0122, 2.0123).
- **Expose HP Schütt**: vermutlich destillierte Form des 2018/2019-Materials.
- **Anscombe**: Sachverhalt-Tatsache-Diskussion deckt sich teilweise; Anscombe stützt sich auch auf den Monte-Cassino-Brief (2018-Quelle), während Marcus den Brief nicht zitiert sondern stattdessen den Textbefund vs. Russell argumentiert.
- **McGinn** (über Sekundärlit): die "Gegenstände sind nichts in der Welt" Position deckt sich. Universalien-Frage als Pseudoproblem nominalistischer Provenienz wird bei W. zurückgewiesen — passt zur formal/transzendentalen Lesart.