--- title: Regel und Regelfolgen — Atlas type: atlas tags: - regel - regelfolgen - übung - abrichtung --- # Regel und Regelfolgen — werkübergreifend **Regelfolgen** ist das **methodische Herzstück der Spätphilosophie**. Hauptorte: **PU §§ 185–242** (zentrale Passage) und **BGM I, VI** (parallel ausgearbeitet). ## Häufigkeit | Werk | Treffer „Regel" | |---|---:| | ABH | 5 | | BB (engl. „rule") | 49 | | PU | **49** | | Zettel | 22 | | **BGM** | **215** | | ÜG | 17 | ## ABH — fast abwesend In der ABH spielt „Regel" keine systematische Rolle: - 3.331, 3.334, 6.126: „Regeln des Zeichengebrauchs"; logische Syntax als Regelsystem. - Aber: das Thema „Was heißt es, einer Regel zu folgen?" ist in der ABH nicht entwickelt — sie *setzt* Regelfolgen voraus (logische Syntax) und problematisiert es nicht. ## Mittlere Phase (BB, mittlere Manuskripte) In den Brown Books ist Regelfolgen schon Hauptthema: - Sprachspiele als Regelspiele. - Verhältnis zwischen Anweisung und Anwendung. ## PU §§ 185–242 **Das Hauptstück.** Schlüsselgedanken: - **§ 185**: der Schüler, der die Reihe „+2" plötzlich anders fortsetzt — „1000, 1004, 1008". - **§ 198**: „Was hat den Ausdruck der Regel … mit meinen Handlungen zu tun?" - **§ 201**: „Unser Paradox war dies: eine Regel könnte keine Handlungsweise bestimmen, da jede Handlungsweise mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen sei." Auflösung: „Daß es da ein Mißverständnis gibt, zeigt sich schon darin, dass wir … einer nach dem andern Deutungen geben." - **§ 202**: „Darum ist 'der Regel folgen' eine Praxis. Und der Regel zu folgen *glauben* ist nicht: der Regel folgen. Und darum kann man nicht der Regel 'privatim' folgen, weil sonst der Regel zu folgen glauben dasselbe wäre, wie der Regel folgen." - **§ 217**: „Wenn ich der Regel folge, wähle ich nicht. Ich folge der Regel *blind*." - **§ 219**: „**Wenn ich der Regel folge, wähle ich nicht. Ich folge der Regel *blind*.**" (Wiederholung.) - **§ 242**: Übereinstimmung in den Urteilen — nicht in den Meinungen, sondern in der „Lebensform". - **§ 243** ff. (Privatsprache): folgt direkt aus § 202. ## BGM — paralleler Hauptort **BGM I §§ 1–48** und **BGM VI §§ 1–48** sind die mathematische Parallelfassung der PU-Regelfolgen-Diskussion. - **BGM I § 1–4**: Formel y = x². Was heißt es, dass die Formel den Übergang „bestimmt"? - **BGM VI §§ 1–48**: was heißt es, im konkreten Fall „dieselbe" Regel anzuwenden? Was heißt „weitergehen" — und wann ist Übereinstimmung erzwungen, wann nur empirisch? - **BGM VII §§ 47–60**: Abrichtung als Grundlage des Regelfolgens. ## Zettel - Z 295 ff.: Regel als „Ausdruck einer Übung". - Z 304: „Die Regel ist nur in einer Praxis verankert." ## ÜG ÜG erweitert das Regelfolgen-Schema auf **Sicherheits-Sätze**: - ÜG §§ 1–65: was es heißt, einen Satz als unbezweifelbar zu nehmen. - ÜG §§ 95–99: das **Flussbett des Denkens** — bestimmte Sätze sind „der Fluss", andere „das Bett". Auch hier: das, was dem Folgen einer Regel zugrundeliegt, ist die Praxis selbst. ## Sekundärlit-Schlachtfeld - **Kripke**, *Wittgenstein on Rules and Private Language* (1982) — die berühmte „Kripkenstein"-Lesart. **Skeptische Lösung**: keine Tatsache macht es wahr, dass ich die Regel „verstehe"; nur die Gemeinschaftspraxis. - **McDowell**, „Wittgenstein on Following a Rule" (1984) — gegen Kripke. - **Baker/Hacker**, *Scepticism, Rules and Language* (1984) — gegen Kripke. - **Mühlhölzer** und **Floyd** für die BGM-Seite. ## Für das Buchprojekt - Im **Hauptbuch-Scope** (ABH-Lektüre) Regelfolgen **nicht primär**, aber als Spätphase-Echo der ABH-Annahmen interessant. - Verbindung zur **User-These**: die ABH setzt die Regelhaftigkeit der Logik voraus; die PU/BGM fragt zurück, was diese Regelhaftigkeit selbst trägt. **Das ist die strukturelle Bewegung von „Bild → Praxis"**. - Strukturparallele zur Beobachter-Frage: die Regel wird nicht von außen befestigt, sondern in der Praxis (Lebensform) konstituiert — wie der Beobachter in der ABH nicht in der Welt steht, sondern Grenze der Welt ist.