# Kenny — Analyse *Anthony Kenny, Wittgenstein. Revised Edition. Blackwell 2006 (erstes Erscheinen 1973).* Quelle: `literatur/kenny-wittgenstein.md` (8498 Zeilen, epub→md). Zeilennummern beziehen sich auf diese Datei. ## Gesamtcharakter Klassische Gesamtdarstellung von Wittgensteins Œuvre mit Schwerpunkt Sprachphilosophie und Philosophie des Geistes; bewusst selektiv (kaum Mathematikphilosophie). Kennys Leitthese: organische **Kontinuität** zwischen Früh-, Mittel- und Spätwerk, nicht zwei unverbundene Philosophien. Die überarbeitete Auflage (2005) verteidigt diese Position gegen die "New Wittgenstein"-Lesart (Diamond/Conant) und gegen die Aufnahme W.s in szientistische Theoriebildungsprogramme (Quine, Davidson, Chomsky). Methode: präzise Textzitation, paraphrasierende Rekonstruktion, knappe systematische Argumentation. Theoretisch zurückhaltend bei der ABH-Ontologie: Kenny berichtet, was W. sagt, ohne die Standard-Lesart von "Gegenstand" als referent-eines-Namens systematisch zu hinterfragen. ## Kapitelweise ### Introduction to the Revised Edition (Z. 305–730) - **Hauptthese:** W.s zentrale Einsichten (Sprache-/Geistphilosophie) sind irreversible Fortschritte; aktuelle Philosophie ignoriert sie zugunsten von "Szientismus" (Quine, Davidson, Chomsky, kognitive Wissenschaft). - **Argumentationsgang:** - Kontinuitätsthese ist seit den Mittelwerken Allgemeingut (Z. 337–339). - Quine-Davidson-Chomsky drücken Philosophie in Richtung empirischer Wissenschaft (Z. 388–403). - W. dagegen: Phil. ist Tätigkeit, nicht Theorie; löst Probleme durch Umordnung des Bekannten, nicht durch neue Fakten (TLP 4.111, PI 109). - Ryle als legitimer Erbe (Z. 410–413). - Spannung im Spätwerk: W.s eigene Theorie der Philosophie (keine Thesen) vs. seine eigene Praxis (substanzielle Aussagen wie "meaning is use"); diese Spannung hat W. nie aufgelöst (Z. 625–710). - **ABH-Stellen:** 4.111, 5.5422, 6.54. - **Schlüsselbegriffe:** Szientismus, Therapie, Saying/Showing, Continuity-Thesis. - **Resonanz mit Buchprojekt:** Kenny erkennt selbst, dass W. zwischen anti-theoretischer Methodologie und de-facto Theseproduktion oszilliert — strukturell analog zum Spannungsverhältnis zwischen "Außenstandpunkt unmöglich" und perspektivischer Innensicht. ### Kap. 1 — Biographical Sketch of Wittgenstein's Philosophy (Z. 1232–2007) - **Hauptthese:** Biographisch-philosophischer Überblick; W.s Kernfrage (Sprache↔Welt, logische Form) bleibt konstant, Methoden ändern sich. - **Argumentationsgang:** - Wien 1889, Familienhintergrund, Manchester (Aeronautik) → Frege/Russell → Cambridge 1911–1913. - Notes on Logic 1913: "Phil. is not deductive, gives no pictures of reality, teaches logical form" (NB 93, Z. 751). - Frontnotizen → Tractatus 1918, publiziert 1921. - Schulmeisterjahre 1919–1926 (Krise, Depression). - Vienna-Circle-Gespräche 1926–1929 (Schlick, Carnap, Waismann, Feigl). - Rückkehr Cambridge 1929 → Mittlere Phase (Bemerkungen, Grammatik), Aufgabe des Atomismus. - Spätwerk: PI, OC. - **ABH-Stellen:** 3.5, 4, 4.001, 4.002, 4.011, 4.012, 2.18–2.182, 3.2–3.24, 6.5–6.51, 6.52–6.521, 6.54, Preface. - **Schlüsselbegriffe:** Picture theory, logical form, organic development. - **Bemerkenswerte Stellen:** - Russells Account von W.s Bewerbung: "if I am a complete idiot, I shall become an aeronaut" (Z. 745–747). - Lehrer-Krise: "Our life is like a dream" (LLW, Z. 762). ### Kap. 2 — The Legacy of Frege and Russell (Z. 2008–2397) - **Hauptthese:** Frege/Russell stellen das logische Werkzeug bereit (Funktion-Argument, Quantor, Typentheorie), das W. zugleich übernimmt und kritisiert. Zentraler Konflikt: Wie über die Form der Logik reden, ohne sie zu verfälschen? - **Argumentationsgang:** - Frege: Function-Argument-Notation, Quantoren, Sinn/Bedeutung-Unterscheidung (Z. 1437–1577). "Morgenstern/Abendstern": identische Bedeutung, verschiedene Sinne. - W.s Bewunderung: Frege als ständig vorausgesetzt; gleichzeitig kritisch. - W.s Erfindung: Wahrheitstabellen als mechanisches Entscheidungsverfahren (TLP 4.31–4.45, 5.101); alle logischen Wahrheiten gleichrangig, gegen Frege/Russells axiomatische Hierarchie (Z. 1670, TLP 6.127). - Begriffsschrift vs. Umgangssprache: "is" als Kopula, Identität, Existenz (Z. 1695–1735, TLP 3.323). - Russells Theorie definiter Beschreibungen: "Der F ist G" wird analysiert in (∃x)(Fx ∧ (∀y)(Fy→y=x) ∧ Gx) (Z. 1739–1880). - Russells Paradox und Typentheorie (Z. 1935–1986); Axiom of Infinity als problematisch (empirisch, nicht logisch). - **ABH-Stellen:** 3.323, 3.325, 4.31, 4.41, 4.46, 5.31, 6.127, 6.1271, 4.063, 2.0211, 5.4733, 2.0201, 4.0312, 4.0031. - **Schlüsselbegriffe:** Function-argument, sense/reference, truth-table, definite description, theory of types, Axiom of Infinity. - **Resonanz mit Buchprojekt:** Russells Versuch, Typenrestriktionen auszusprechen, scheitert grundsätzlich (siehe Kap. 3) — kein Außenstandpunkt zur Logik möglich. Bereitet die Kritik der Bildtheorie auf die Frage vor: Wie kann ein Bild sich seine eigene Form *zeigen*, ohne sie zu sagen? - **Bemerkenswerte Stellen:** - "Russell's merit is to have shown that the apparent logical form of a proposition need not be its real form" (TLP 4.0031, Z. 1878–1880). - W. später zu Schlick: "Russell had in mind things like chairs and tables ... but there is no reason to imagine that elementary propositions will resemble subject-predicate forms" (wwK 43, Z. 4162–4163). ### Kap. 3 — The Criticism of Principia (Z. 2398–2958) - **Hauptthese:** Die Typentheorie ist der untaugliche Versuch, das Unaussagbare zu sagen. Statt semantischer Regeln nur syntaktische; logische Eigenschaften zeigen sich, lassen sich nicht sagen. "Logic must take care of itself" (TLP 5.473). - **Argumentationsgang:** - "Class of men is a man" als angeblicher Unsinn: trivial bzgl. Marken/Lauten, sinnvoll nur bzgl. Symbolen mit Bedeutung — aber dann wird gesagt, was nur gezeigt werden könnte (Z. 2012–2051). - Lösung: Regeln rein syntaktisch (TLP 3.33–3.331); illogische Sprache unmöglich (3.031, 5.4731). - Saying vs. Showing (4.121–4.1212): logische Form spiegelt sich, kann nicht beschrieben werden. - Logische Konstanten denotieren nicht (TLP 4.0312, 4.0621). "Not" bringt keinen neuen Sachverhalt ein (p und ¬p betreffen denselben Sachverhalt); "and"/"or" sind inter-definierbar (TLP 5.42, 5.461); Identitätszeichen lässt sich aus idealer Notation eliminieren (TLP 5.53–5.5303). - Russells Apparat (Typentheorie, Axiomatik, Konstanten) als zu kritisierender Überbau; Lösung über Untersuchung der Elementarproposition. - 29. Sept. 1914 — "Eureka-Eintrag": Pariser Gerichtsmodell als Schlüssel zur Bildtheorie (NB 7, Z. 2357–2382). - **ABH-Stellen:** 5.473, 3.33–3.331, 3.031, 5.4731, 4.121, 4.1212, 4.022, 4.12, 4.0621, 5.43, 5.44, 5.42, 5.461, 5.53–5.5303, 4.0312, 5.472. - **Schlüsselbegriffe:** Syntaktische Regeln, Saying/Showing, Tautologie, allgemeine Satzform, Indefinables, Pariser Gerichtsmodell. - **Resonanz mit Buchprojekt:** Direkte Vorbereitung der Bild-Eigenschaft, sich nicht außerhalb seiner selbst stellen zu können. Wenn Sprache sich von außen nicht kritisieren lässt, ist die Konsequenz: nur perspektivische Innenklärung möglich. - **Bemerkenswerte Stelle:** "In a proposition a world is as it were put together experimentally. … This must yield the nature of truth straight away (if I were not blind)" (NB 29.9.1914, Z. 2361–2366). ### Kap. 4 — The Picture Theory of the Proposition (Z. 2398–2958) - **Hauptthese:** Proposition als Bild eines möglichen Sachverhalts; Theorie der Repräsentation überhaupt. Pictorial form (Möglichkeit der Struktur, gemeinsam mit dem Dargestellten) vs. representational form (was Bild und Wirklichkeit unterscheidet und Falschheit erlaubt). - **Argumentationsgang:** - "Bild" weit gefasst: Gemälde, Modelle, Karten, Skulpturen, Notenschrift, Schallplatten (TLP 2.1–2.225, Z. 2402–2410). - Pariser Gerichtsmodell: pictorial relationship (TLP 2.1514) + Struktur (TLP 2.15) + pictorial form (TLP 2.171). - Pictorial form als Möglichkeit der gemeinsamen Struktur (TLP 2.151, 2.161); ohne sie kein Bild möglich. - Spannung Z. 2475–2480: Wie berührt Bild Wirklichkeit? Einmal "pictorial form" (TLP 2.1511), einmal "feelers"/Korrelationen (TLP 2.1515) — Kenny markiert die Inkonsistenz. - Representational form: was Bild von Wirklichkeit unterscheidet, ermöglicht Falschheit (NB 15, TLP 2.171–2.173, Z. 2485). - Bild ist Faktum (Konstellation seiner Elemente); kann wahr oder falsch sein (TLP 2.21–2.225). - Satz als sinnlicher Ausdruck des Gedankens (TLP 3, 3.1); Bipolarität (Pfeil-Metapher TLP 3.144, NB 97). - **ABH-Stellen:** 2.1, 2.1–2.225, 2.1514, 2.15, 2.151, 2.161, 2.171, 2.151–2.1515, 2.1511, 2.1515, 2.18, 2.0141, 2.202, 2.21–2.225, 2.221–2.225, 3, 3.1, 3.144, 3.14, 4.01, 4.022, 4.023, 4.024, 4.026, 4.0621. - **Schlüsselbegriffe:** Bild, pictorial relationship (Abbildende Beziehung), pictorial form, representational form, Struktur, Bipolarität, Pfeil/Direction. - **Resonanz mit Buchprojekt:** Kerntext für die Bild-These des Buchprojekts ("Bild kann sich nicht außerhalb seiner selbst stellen"). TLP 2.174 — "A picture cannot, however, place itself outside its representational form" — ist Kennys Formulierung der ABH-Form der Darstellung. Pictorial vs. representational form ist genau die Achse: das Gemeinsame mit dem Dargestellten (Innen) vs. das Unterscheidende (Außenstandpunkt der Repräsentation). Letzteres ist nicht ein Außen "ans Welt", sondern Strukturmerkmal der Darstellung. ### Kap. 5 — The Metaphysics of Logical Atomism (Z. 2959–3952) - **Hauptthese:** Die ABH-Ontologie (Welt = Tatsachen, Tatsachen = Konfigurationen einfacher Gegenstände, deren Form ihre Kombinationsmöglichkeiten ist) folgt logisch aus der Sprach- und Bildtheorie, nicht umgekehrt. W. gibt keine Beispiele einfacher Gegenstände — und das ist nicht zufällig. - **Argumentationsgang:** - Pronouncements über die Welt zuerst, obwohl logisch sekundär (Z. 2963–2968). - Welt = Totalität der Tatsachen (TLP 1.1); Tatsache positiv/negativ (TLP 2.06); Sachverhalt = Kombination von Gegenständen (TLP 2.011). - Gegenstand: Form = Möglichkeit der Kombination (TLP 2.0123, 2.01231, 2.0141); wenn ein Gegenstand gegeben, alle gegeben (TLP 5.524 mit 2.0124). - Gegenstände einfach, unzerstörbar, gemeinsamer Bestand aller möglichen Welten (TLP 2.02–2.0271). - Sachverhalte unabhängig (TLP 2.061); damit auch Tatsachen (TLP 1.21). - "Most baffling of all, no examples are given of objects" (Z. 3013). - W. glaubt an einfache Gegenstände nicht weil Beispiele angebbar, sondern weil sie als Korrelate für Namen und Elementarsätze einer vollständig analysierten Sprache postuliert werden müssen (Z. 3031–3034). - Schachanalogie als Kenny-Vorschlag zur Veranschaulichung (Z. 3037ff). - Bestimmtheit des Sinns (TLP 2.0211, 3.23–3.24): wenn Namen Komplexe denotieren, wären Sätze, die solche enthalten, nicht voll bestimmt — daher Analyse muss enden (Z. 3253–3398). - **ABH-Stellen:** 1.1, 1.13, 1.21, 1.12, 1.13, 2.011, 2.0123, 2.01231, 2.0141, 2.02, 2.0201, 2.022, 2.023, 2.0231, 2.0271, 2.0233, 2.02331, 2.021, 2.023, 2.024, 2.025, 2.06, 2.061, 2.0131, 2.0251, 2.032, 2.033, 2.013, 3.42, 5.524, 2.0124, 2.0211, 3.23, 3.24. - **Schlüsselbegriffe:** Sachverhalt, Gegenstand, logical atomism, simple/complex, ungenerable/indestructible objects, substance of the world, logical space, Bestimmtheit des Sinns, Analyse, Indefinables, Schach-Analogie. - **Resonanz mit Buchprojekt:** Kennys Lesart von "Gegenstand" bleibt der Standard-Lesart treu (Gegenstände sind etwas, das es gibt, auch wenn nicht beispielangebbar). Er gibt aber selbst den entscheidenden Hinweis (Z. 3031–3034): W. postuliert sie nicht weil er sie kennt, sondern weil seine Sprachanalyse sie *fordert*. Genau hier liegt der Ansatz für eine formal/transzendentale Lesart: Gegenstände sind dann nicht weltliche Entitäten, sondern formale Korrelate eines Darstellungsverfahrens. Kenny zieht diesen Schritt nicht selbst. - **Bemerkenswerte Stellen:** - "The lack of examples is not accidental" (Z. 3031). - "Specks in the visual field … are clearly not indestructible objects" — auch das Sense-Datum scheidet aus (Z. 3024–3027). ### Kap. 6 — The Dismantling of Logical Atomism (Z. 3953–4520) - **Hauptthese:** Nach 1929 erkennt W., dass Elementarsätze nicht unabhängig sein können (Farbausschlussproblem). Das zwingt zu einer schrittweisen Demontage des Atomismus, bei gleichzeitiger Bewahrung der Bildtheorie in modifizierter Form. Gegenstände werden umgedeutet: nicht Dinge, sondern Elemente einer Darstellungsmethode (Maßstab/Ruler-Metapher). - **Argumentationsgang:** - "Some Remarks on Logical Form" (1929, RLF 31–37, Z. 3966–4057): Gradabstufungen (Länge, Tonhöhe, Helligkeit) als Tautologien, nicht Erfahrung. Eine Helligkeit schließt andere aus — kein Konjunktionsproblem lösbar. - Konsequenz: Elementarsätze sind nicht logisch unabhängig (Widerruf von TLP 6.3751). - Ruler-Metapher (PB 317, wwK): Proposition-Systeme legen sich wie Maßstab an die Wirklichkeit; nicht einzelne Sätze, sondern Systeme der Vergleichbarkeit (Z. 4078–4209). - Gegenstände → Elemente der Methode der Darstellung (Z. 4157–4172, wwK 43, 87, 89): "Russell hatte Stühle und Tische im Sinn", was W. nie wollte. - Verteidigung der Bildtheorie in modifizierter Form: Bild kann unvollständig sein, ist Teil eines Systems. - **ABH-Stellen:** 3.315, 6.3751, 2.0131; weitere TLP-Stellen werden im Kontext der Demontage zitiert. - **Schlüsselbegriffe:** Color-exclusion, statements of degree, Proposition-System, Maßstab/Ruler, Elemente der Darstellungsmethode, PB-Korrekturen. - **Resonanz mit Buchprojekt:** **Schlüsselkapitel.** Kenny dokumentiert exakt den Schritt, der die transzendentale/formale Lesart von "Gegenstand" rechtfertigt: Gegenstände nicht als weltliche Atome, sondern als Bestandteile einer Methode (Ruler). Das ist die Brücke zur Lesart, die Mach (Sensualismus → Strukturanalyse) und Einstein (kein privilegierter Standpunkt → invariante Form) als Hintergrund hat. - **Bemerkenswerte Stellen:** wwK-43-Passage (Z. 4162–4163); Maßstabs-Anwendung als Bild (Z. 4078ff). ### Kap. 7 — Anticipation, Intentionality and Verification (Z. 4521–5185) - **Hauptthese:** Die Mittlere Phase entwickelt die Mehrfachfunktion von Sätzen (imperativ/indikativ), die interne Relation zwischen Erwartung und Erfülltsein, und das Verifikationsprinzip (in einer schwachen Form). Frühform von "meaning is use" bereits in den Bemerkungen (PB 59). - **Argumentationsgang:** - PI-Locomotive-Cabin-Passage (PI 12) bereits in PB 58 — Vielfalt der Funktionen schon mittelfristig erkannt (Z. 4530–4544). - "Meaning is use"-Vorform in PB 59 (Z. 4543). - Imperativ/Indikativ-Unterscheidung: Bildtheorie als Theorie des Proposition-Radicals (PI Z. 4593–4597); pictorial element separabel von Behauptungselement (TLP 4.022). - Intentionalität: Erwartung intern auf Erfülltes bezogen, nicht über Drittes (PB 63ff). - Verifikationismus in schwacher Form: Sinn = Verifikationsweise (modifiziert). - Erste-Person-Asymmetrie: "I am in pain" nicht durch Beobachtung verifiziert. - **ABH-Stellen:** 4.022 (Z. 4573). - **Schlüsselbegriffe:** Proposition-Radical, Imperativ/Indikativ, Intentionalität, Erwartung/Erfüllung, Verifikationsprinzip, Erste-Person-Asymmetrie. - **Resonanz mit Buchprojekt:** Begrenzt — eher Ausweitung der Bildtheorie auf Sprechakttypen. ### Kap. 8 — Understanding, Thinking and Meaning (Z. 5186–5850) - **Hauptthese:** Verstehen, Denken und Bedeuten sind keine inneren mentalen Prozesse, sondern Fähigkeiten / Beherrschung von Techniken. Die Mental-Mechanismus-Vorstellung ist metaphysische Fiktion. - **Argumentationsgang:** - PG 5, 25, 31, 39–43: Bedeutung als Verwendung, Symbol erhält Leben durch Gebrauch. - Augustinian picture (Z. 5219ff): Bedeutung als Korrelation Name/Träger — Hauptzielscheibe der Spätphilosophie. - Verstehen ≠ innerer Akt (PG 40, 41, 65; BB 4, 5, 17 passim). - Mental mechanism / ethereal substance als philosophische Verirrung. - **ABH-Stellen:** 3.32, 3.327, 3.328, 3.33 (Z. 5857–5867); 3.5, 4 (Z. 5876). - **Schlüsselbegriffe:** Understanding, Verwendung, Mental mechanism, Augustinian picture, Symbol-Leben. - **Resonanz mit Buchprojekt:** Methodisch wichtig — zeigt, dass auch "Sehen einer Form" keine innere Operation, sondern Techniken-Beherrschung ist. Untermauert anti-mentalistische Bildtheorie. ### Kap. 9 — Language-Games (Z. 5851–6502) - **Hauptthese:** Sprachspiel-Begriff entwickelt das Sprache-als-Werkzeug-Bild aus den Anfängen der 1930er. Bedeutung als Verwendung ist bereits in TLP 3.32–3.33 angelegt (Sign vs. Symbol). - **Argumentationsgang:** - TLP 3.32 (Z. 5857): Sign vs. Symbol; Symbol zeigt sich nur in der signifikanten Verwendung (TLP 3.327). - TLP 3.328: Wenn Zeichen wie sinnvoll funktioniert, hat es Sinn. - W. hielt früh die Korrelation Zeichen↔Objekt für psychologisch, also außerhalb der Phil. (NB 129, Z. 5871) — diese Position revidiert W. später. - Frege-Zitat aus TLP 3.3 (nur im Satzkontext hat Name Bedeutung) wird in BM zu: nur im Gebrauch ist ein Stab ein Hebel. - Spiel-Metapher zuerst bei Schlick (Juni 1930) im Formalismus-Diskussionen. - **ABH-Stellen:** 3.32, 3.327, 3.328, 3.33, 3.5, 4, 3.3, 6.53. - **Schlüsselbegriffe:** Sprachspiel, Sign/Symbol, Verwendung, Familienähnlichkeit (im Kapitelfortgang), Werkzeug-Metapher. - **Resonanz mit Buchprojekt:** Sekundär für die ABH-Lektüre, aber bestätigt Kennys Kontinuitätsthese — Spielcharakter der Sprache ist in den ABH-Begriffen Sign/Symbol bereits angelegt. ### Kap. 10 — Private Languages (Z. 6503–7342) - **Hauptthese:** Eine Privatsprache (Worte, die nur eigene private Empfindungen bezeichnen, PI 243) ist unmöglich. Konsequenz: Empirismus und Cartesianischer Solipsismus, die eine solche Sprache implizit voraussetzen, sind falsch. - **Argumentationsgang:** - PI 39–64, 89–137: Atomismus-Kritik (für Kap. 12 reserviert); PI 243–363: privates Sprachargument. - Private Sprache = Worte, deren Bedeutung sich allein dem Sprecher zeigt. - Implizit in vielen empiristischen Theorien; daher ihr Scheitern macht diese Theorien falsch. - Skeptizismus à la "Was du rot nennst, könnte mein grün sein" (BB 60, PI 272) ist sinnlos. - W. selbst zitierend (TLP 6.51): Skeptizismus ist offensichtlicher Unsinn, wo keine Fragen gestellt werden können. - **ABH-Stellen:** 6.51, 6.53 (im Hintergrund); explizit weniger ABH-Verweise. - **Schlüsselbegriffe:** Privatsprache, ostensive Definition, Beetle-in-Box, Skeptizismus. - **Resonanz mit Buchprojekt:** **Wichtig.** Implizite Auflösung der Solipsismus-Frage von TLP 5.6ff: nicht durch metaphysische Widerlegung, sondern durch grammatische Auflösung der Voraussetzungen. Strukturparallele zur Tautologie-Lesart des Solipsismus: was W. in der ABH zeigt (5.62), wird im Spätwerk grammatisch ausbuchstabiert. ### Kap. 11 — On Scepticism and Certainty (Z. 7343–7909) - **Hauptthese:** OC bewegt sich zwischen Descartes/Moore und löst beide Positionen grammatisch auf. Sicherheit und Zweifel sind kategorial unterschieden vom Wissen; "Hinge propositions" sind Voraussetzung dafür, dass Zweifel überhaupt Sinn hat. - **Argumentationsgang:** - Cartesischer Zweifel (Sinne, Traum, böser Geist) und seine zwei Ausnahmen (eigenes Bewusstsein, eigene Sprache). - Moores Common Sense (Z. 7373). - W. (OC, 1949–51) führt dreiseitiges Gespräch. - Some "external world propositions" haben denselben epistemischen Status wie mathematische Sätze (OC 455, 651, Z. 7398). - Aber: Anspruch, sie zu *wissen*, ist sinnlos (OC 6 ff.). - "Hinge propositions" als Angeln, um die das Sprachspiel sich dreht; sie sind nicht selbst Gegenstand des Spiels. - **ABH-Stellen:** Nur implizit (TLP 6.5–6.51 als Vorbote). - **Schlüsselbegriffe:** Hinge propositions, Zweifel, Sicherheit, Moore, Cartesianismus, "Standard metre" (Z. 50). - **Resonanz mit Buchprojekt:** Verbindung zur Form der Darstellung: "Standard metre at Paris is part of method of representation, not represented" (PI 50) ist die Spät-Version der Gegenstand-als-Methodenelement-These aus Kap. 6. ### Kap. 12 — The Continuity of Wittgenstein's Philosophy (Z. 7910–8328) - **Hauptthese:** Drei oft genannte Brüche zwischen ABH und PI: (1) Atomismus, (2) ideale Essenz vs. ordentliche Sprache, (3) Bildtheorie vs. Gebrauchstheorie. Kenny: (1) zutreffend, (2) teils zutreffend, teils irreführend, (3) fast vollständig irreführend. - **Argumentationsgang:** - Atomismus wurde schrittweise aufgegeben (Kap. 6). Anerkannt. - Ideale Sprache: W. revidiert die Forderung; aber das ist Entwicklung, nicht Bruch. - Bild vs. Gebrauch: nur scheinbarer Gegensatz; "Use" ist im ABH bereits angelegt (Kap. 9). Die Bildtheorie wird nicht ersetzt, sondern in den Gebrauchsrahmen eingebettet (Proposition-Radical, Sprachspiele). - Komplexe ≠ Tatsachen (PG 200, PB 301, BB 31): W. selbst kritisiert *Lesarten* seiner Tractatus, betont aber kein Tractatus-Selbstwiderruf. - Bestimmtheits-Argument der ABH (TLP 2.0201–2.0211, Z. 7964–7966) wird in PI 39–64 sprachlich aufgelöst: "simple" ist sprachspielrelativ. - **ABH-Stellen:** 2.0201, 2.0211, 3.143 (Z. 7998, 8012), 2.0271 (Z. 8019), 4.001 (Z. 7991), 5.563 (Z. 7990), 4.011 (Z. 8045), 4.032 (Z. 8176), 6.53 (Z. 8278). - **Schlüsselbegriffe:** Continuity-Thesis, Atomismus, Determinacy, simple/complex. - **Resonanz mit Buchprojekt:** Stützt die Lesart, dass die ABH-Einsichten weiterleben — auch unter geänderter Form. Insbesondere die "Form der Darstellung" überlebt als "method of representation" (Standard-Metre). ## Querschnitt ### Kennys Lesart des Substanzarguments Kenny rekonstruiert das Bestimmtheits-/Substanzargument (TLP 2.0201–2.0211, 2.021–2.027) faithful und ohne metaphysische Übersteigerung. Entscheidend (Z. 3031–3034): W. postuliert einfache Gegenstände nicht, weil er sie kennt oder Beispiele geben könnte, sondern weil seine Sprachanalyse sie als Korrelate elementarer Namen *fordert*. Kenny zieht den Schritt zur formal/transzendentalen Umdeutung nicht selbst — bleibt bei ontologischer Standardlesart —, aber liefert den Ansatzpunkt: das Argument ist analytisch von der Sprachseite getrieben, nicht ontologisch begründet. ### Kennys Lesart der Bildtheorie Sorgfältige Rekonstruktion der Bildtheorie (Kap. 4) mit der wichtigen Unterscheidung pictorial form (innere Möglichkeit gemeinsamer Struktur) vs. representational form (was Bild und Wirklichkeit unterscheidet und Falschheit erlaubt). Kenny markiert eine Inkonsistenz bei W. zwischen "pictorial form berührt Wirklichkeit" (TLP 2.1511) und "Korrelationen als Fühler" (TLP 2.1515). TLP 2.174 ("Picture cannot place itself outside its representational form") wird referiert, aber nicht als zentrale These ausgebaut. ### Kennys Lesart von Solipsismus / 5.6ff Kein eigenes Kapitel zu 5.6ff. Solipsismus erscheint nur am Rande in Kap. 1 (Z. 1042: "idealism and solipsism") und Kap. 11/10 als grammatische Auflösung im Spätwerk (Privatsprachargument als implizite Antwort). Kenny behandelt Solipsismus nicht als Tautologie im Sinne von TLP 5.62, sondern verlegt die ABH-Position via Privatsprachargument ins Spätwerk. Das deckt sich nicht direkt mit der Tautologie-Lesart des Buchprojekts, ist aber kompatibel: in beiden Fällen ist Solipsismus keine inhaltliche These, sondern eine grammatisch-strukturelle Klärung. ### Kennys Position zur Kontinuitätsfrage Klare Hauptthese des Buches und seines Vorworts: organische Entwicklung, nicht Zwei-Wittgensteins. In der Revised Edition kommt die Spannung dazu: W.s eigene metaphilosophische Theorie (Phil. = Tätigkeit, keine Thesen) steht in Spannung zu seiner Praxis (substanzielle Aussagen). Kenny stellt fest: W. hat diese Spannung nie aufgelöst. ### Kennys Verhältnis zur Sekundärliteratur - Anscombe, Stenius, Black, Pears: Standard-Tradition (Z. 8333–8344). - Hacker-Baker: Analytical Commentary als monumentale Referenz (Z. 372–376, 8367–8372). - Kripke: erwähnt (Z. 8377). - Diamond/Conant ("New Wittgenstein"): nicht namentlich genannt, aber in der "Suggestions for Further Reading" nicht aufgenommen — Kennys implizite Abgrenzung. - McGuinness: als Biograph und Übersetzer geschätzt (Z. 8352, 8365).