107 lines
6.6 KiB
Plaintext
107 lines
6.6 KiB
Plaintext
Soweit, wie bisher ausgearbeitet, hat die Rekonstruktion aber ein Defizit:
|
||
|
||
Der Bildinhalt ergibt sich dem Gedanken bis hierher nach aus der Identität der strukturellen Eigenschaften von Bild und Welt. Diese Idee setzt also für jeden gegebenen Bildinhalt ein gegebenes Pedant in der Welt voraus.
|
||
|
||
Das gilt für wahre Bilder, für falsche nicht.
|
||
|
||
## Falsche Sätze : Welt, Wirklichkeit und logischer Raum
|
||
|
||
Falsche Bilder bilden die Welt offensichtlich erwei s e nicht ab.
|
||
|
||
Diese m Umstand kann man durch die Bezugsweise des Bilds auf die Welt Rechnung tragen: Bild und falsches Bild beziehen sich auf dieselbe Welt, nur auf verschiedene Art und Weise.
|
||
|
||
Diese Rekonstruktion ist nach dem Modell der Abhandlung nicht möglich:
|
||
|
||
Abbildung besteht in der Identität der Struktur von Bild und Abgebildetem und ist damit unmittelbar gegeben.
|
||
|
||
D iese Sicht lässt keinen Raum für logische Abstraktion — verschiedene Bezugsweisen — des Bilds auf die Welt 1
|
||
Wittgenstein widerspricht dieser Idee dann auch an verschiedenen Stellen der Abhandlung sehr deutlich. Dazu Satz 4.061.
|
||
|
||
In Satz 4.022 formuliert Wittgenstein positiv, dass es nur eine Bezugsweise des Satzes auf die Welt gibt.
|
||
|
||
Das Thema wird später im Kapitel Neinologie genauer unter die Lupe genommen.
|
||
.
|
||
|
||
Wittgenstein löst das Problem durch die Einführung der Form und des logischen Raums:
|
||
|
||
2.15 Dass sich die Elemente des Bildes in bestimmter Art und Weise zu einander verhalten, stellt vor, dass sich die Sachen so zu einander verhalten.
|
||
|
||
Dieser Zusammenhang der Elemente des Bildes heiße seine Struktur und ihre Möglichkeit seine Form der Abbildung.
|
||
|
||
2.151 Die Form der Abbildung ist die Möglichkeit, dass sich die Dinge so zu einander verhalten, wie die Elemente des Bildes.
|
||
|
||
Bilder beziehen sich nicht unmittelbar auf die Welt, stellen vielmehr mögliche Konstellationen 2
|
||
Ich führe den Begriff „Konstellation“ als Hilfsbegriff ein, um Wittgensteins Terminus „Sachverhalt“ zunächst zu vermeiden.
|
||
|
||
Wittgensteins Terminus lebt von der Abgrenzung zur Tatsache und Sachlage, die aber erst auf Basis der Bildtheorie verstanden werden kann.
|
||
in der Welt dar 3
|
||
Dass sich Bilder immer nur auf mögliche Konstellationen beziehen, kann man allein daran sehen, dass das Beispiel verstanden werden kann, ohne zu wissen, welcher Mensch denn nun genau abgebildet werden soll; geschweige denn sitzen müsste, um abgebildet zu sein.
|
||
.
|
||
|
||
Die Form ermöglicht die Existenz falscher Bilder als mögliche Konstellationen in der Welt.
|
||
|
||
Soll durch die Einführung der Form das Prinzip der Identität zwischen Bild und Abgebildeten nicht gebrochen werden, können sich Bilder dann aber nicht unmittelbar auf Welt beziehen:
|
||
|
||
2.11 Das Bild stellt die Sachlage im logischen Raume, das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten vor.
|
||
|
||
2.17 Was das Bild mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie auf seine Art und Weise – richtig oder falsch – abbilden zu können, ist seine Form der Abbildung.
|
||
|
||
Er setzt das Modell eines eigenen Raumes, in dem de Bilder angesiedelt sind, dagegen: Bilder beschreiben Sachlagen im logischen Raum4
|
||
Dazu Satz 2.11
|
||
. Der dort dargestellte Inhalt muss mit der Wirklichkeit — der logisch strukturierten Welt — verglichen werden, um zu sehen, ob das Bild wahr oder falsch ist.
|
||
|
||
Obwohl Wittgenstein die Begriffe schon in Satzreihe 2.0* nutzt, steht hinter diesem Dreiklang ein komplexes Modell, das erst zu verstehen ist, wenn die Bildtheorie für den Satz dargelegt ist5
|
||
Zentral sind hier Termini Tatsache, Sachverhalt und Sachlage. Ich werde sie erst zum Ende dieses Teils einführen können.
|
||
.
|
||
|
||
Wichtig schon hier: Diese Konstruktion ermöglicht es, der wirklichen Welt eine gedachte entgegenzusetzen, und beide zu vergleichen 6
|
||
Dazu Satz 4.031
|
||
.
|
||
|
||
Der logische Raum wird zum Möglichkeitsraum, in dem abweichende Realitäten gegen die bestehende gesetzt werden können. Fundament des Ganzen ist das Prinzip der Identität der Strukturen, das garantiert, dass der Bildinhalt unmittelbar aus dem Bild entnommen werden kann.
|
||
|
||
Am Beispiel:
|
||
|
||
bildet einen sitzenden Menschen ab.
|
||
|
||
Das Prinzip der Identität der Strukturen:
|
||
|
||
Es gibt keine sinnvolle Möglichkeit, aus diesem Bild das Bild eines laufenden Menschen zu machen.i
|
||
Abgrenzung zur Definition
|
||
|
||
Ich habe geschrieben, dass es keine sinnvolle Möglichkeit gibt, aus das Bild eines laufenden Menschen zu machen.
|
||
|
||
Eine Recht einfache Möglichkeit genau das zu tun, scheint die Definition zu sein.
|
||
|
||
Wittgenstein geht auf das Thema im Zusammenhang mit der Form der Abbildung nicht ein. Man kann am Beispiel aber recht einfach zeigen, warum diese Idee nicht trägt, und so mehr Klarheit in Wittgensteins Idee vom Bild bringen:
|
||
|
||
: Laufender Mensch Def inition
|
||
|
||
Mit Hilfe der Definition stellt doch einen laufenden Menschen dar.
|
||
|
||
Damit ist eine Möglichkeit geschaffen, Wittgensteins Prinzip der Identität der Struktur zu brechen. Eine Analyse zeigt, dass dieser Eindruck falsch ist:
|
||
|
||
1: Man kann am definierten Zeichen den Inhalt nicht mehr erkennen.
|
||
|
||
Solange als Bild verwendet wird, ergibt sich der Inhalt aus der Stellung der Bildelemente zueinander, und man kann mit denselben Elementen auch andere Bilder – etwa den stehenden Menschen oben – aufbauen.
|
||
|
||
Im Falle des definierten Zeichens, muss ich den Inhalt lernen, er wird quasi von außen angeheftet. Die Bildelemente spielen dabei keine Rolle mehr: Mit der Definition wird die Struktur des Bilds aufgehoben.
|
||
|
||
2: Die beiden Möglichkeiten der Verwendung sind disjunkt.
|
||
|
||
Die Bildelemente beizubehalten und gleichzeitig zu behaupten, stelle einen laufenden Menschen dar, ist widersprüchlich.
|
||
|
||
Dieser Widerspruch zeigt wiederum, dass die Verwendung von als Bild nichts mit der Verwendung als definiertes Zeichen zu tun hat – nichts zu tun haben darf.
|
||
|
||
Die Definition macht aus ein einfaches Zeichen, das im Bild nur vertreten kann. Das Zeichen kann frei gewählt werden, und steht damit in keinem Zusammenhang zum Vertretenen. Informationen über das Vertretene werden im Bild nicht transportiert.
|
||
|
||
Die Definition widerlegt Wittgensteins Beobachtungen nicht, weil sie die Unterscheidung zwischen struktureller Abbildung und Vertretung nicht aufheben kann.
|
||
|
||
Die Logik gibt die Anordnung der Glieder zwingend vor.
|
||
|
||
Der logische Raum als unabhängiger Möglichkeitsraum:
|
||
|
||
Der Bildinhalt besteht unabhängig davon, ob es einen Menschen gibt, der abgebildet wird, oder nicht.
|
||
|
||
Würde der Bildinhalt davon abhängen, dass sich das Bild auf einen Menschen (=die Welt) bezieht, den es richtig ( =Der Mensch sitzt), oder falsch (z.B. = Der Mensch steht) abbildet, sollte der Bildinhalt unklar sein, weil ich nicht gesagt habe, ob und auf welchen Menschen sich das Bild bezieht. Der Bildinhalt ist aber klar und vollständig.
|