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03 - Der Logische Raum
Ziel des Kapitels
[2026-05-30 12:09] Klärung der grundlegenden Begriffe
Sachverhalt / Tatsache / Sachlage / Logischer Raum / Welt / Wirklichkeit
Argumentationsführung
Teil a — Das Modell
[2026-05-30 12:27] Start mit Tatsache / Sachverhalt
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Einstieg über Papageno Bild Was sieht man: Opernfigur vs. Bariton -> Vielgestaltigkeit
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Gegenstand --> Selbständigkeit als Form der Unselbständigkeit
Gegenstand von außen durch mögliches Vorkommen in Sachverhalten gegeben
W als "Anti-Kant": das Gegenteil des Noumenons (Ding an sich) --> Nichts gibt dem Gegenstand von innen her Halt
[2026-05-30 12:25] Gegen McGinns „treacherous": W ist hier nicht trügerisch. Er sagt ganz klar, dass Gegenstände unselbständig sind (Selbständigkeit als Form der Unselbständigkeit, 2.0122) — die Oberfläche ist keine Falle. -
Die ontologische Lesart
Prima facie gegeben: Gegenstände als atomare Substanz der Welt
[2026-05-30 15:29] Es entsteht ein harter Widerspruch, liest man Gegenstände ontologisch:- 1.1: „Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge."
- 2.01: „Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen.)"
Ontologisch gelesen (Gegenstand/Ding als Baustein der Welt, vgl. 2.021 „Substanz der Welt") kollidiert 2.01 mit 1.1: die Welt wäre dann doch aus Dingen aufgebaut.
[2026-05-31 13:35] Es gibt zwei wesentliche Passagen, in denen W sich zur Ontologie äußert: 4.211 und 5.557 f. — In beiden Passagen sagt er nicht, dass es keine Ontologie gäbe (so weit hat Hacker/Pears Recht), hält aber fest, dass es unmöglich ist, das Thema mit philosophischen Mitteln zu lösen. Ein Ergebnis kann nur Unsinn sein. (das muss man dann eben auch akzeptieren)
Für W: Wir können einfache Zeichen, die für Komplexe stehen, nicht von solchen unterscheiden, die für echte Gegenstände stehen.
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[2026-05-31 13:35] Komplex vs. Gegenstand
Einführung 29er Aufsatz - Reverse Engineering Komplex Komplexe als unbestimmte Teile eines Sachverhalts --> Farbbeispiel: Grün als Summe der Grüntöne (Nicht Graduierung)Aber gleiche Zeichenkomplexität Das Zeichen des Komplexes verhält sich wie ein echter Name: Durch die Strukturgleichheit der einfachen Zeichen verhalten sich Komplexe logisch betrachtet wie Gegenstände, und das Kalkül unterscheidet beides auch nicht. die Anwendung der Logik entscheidet, welche Elementarsätze es gibt (5.557). Wohlgemerkt: nicht, weil es keine echten gäbe, sondern weil wir nicht entscheiden können, welche es sind. Damit ist klar: JA — es gibt eine ontologische Welt. NEIN — wir können mit philosophischen Mitteln NICHT entscheiden, wie sie geartet ist. Der Versuch kann nur zu Unsinn führen. Scharniersatz 5.557,f: Auch wenn das Argument epistemisch klingt, im Ende wird es als grammatisch aufgelöst ERST GANZ AM END).
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[2026-05-30 12:59] Der Gegenstand ist einfach
Widerspricht eigentlich der ontologischen Unschärfe, die Einfacheit eben NICHT garantiert. Zwei Beispiele, warum sie trotzdem einfach sein müssen: 1. Kontrafaktische Analyse
Beispielsatz: „Papageno heiratet Papagena."
Kontrafaktische Annahme: Papageno ist ein Komplex aus Kopf / Leib / Armen / Beinen.
Dann müsste „Kopf, Leib, Arme, Beine heiraten Papagena" denselben Sinn haben.
--> Leicht zu widerlegen: „Papagenos Kopf, Leib und Arme, aber Taminos Beine heiraten Papagena" — kompletter Unsinn. --> Ich muss Papageno im Satz behalten: „Papagenos Kopf, Arme, Leib und Beine heiraten Papagena" — Zirkel perfekt.[2026-05-30 13:18] Zweiter Teil — Kenny:
Kenny umgeht den Zirkel, indem er statt Papageno das Ensemble aus Kopf, Leib, Armen, Beinen Papagena heiraten lässt — Verbundenheit statt Name. (Fn schon hier möglich: diese Idee scheint mir allein schon völlig absurd.) Erste Frage: Was, wenn das linke Bein nicht will? Wird es in die Ehe gezwungen? Wie viele Glieder müssen ja sagen, damit es gilt? Wendet einer ein, dass man diese Fragen aus logischer Sicht nicht stellen darf, beweist er nur, dass die unterstellte Komplexität keine echte ist --> der Verbund verhält sich wie EIN Ding, und dieses Ding heißt eben Papageno.
[Claude-Schärfung, prüfen] Dilemma nicht an „Zustimmung" hängen, sondern an „haben die Teile eigenständige logische Stellung — kann ich sie einzeln variieren?". Eigenständige Glieder ⇒ einzeln variierbar (absurd); nicht eigenständig ⇒ ein Name. Das widerwillige Bein bleibt Illustration. Schließt den Schlupf, dass Kenny „heiraten" nie vom Bein, sondern nur vom konfigurierten Ganzen prädiziert.
[2026-05-30 15:13] 2. Umgekehrt — ein Wort erfinden (Blaume)
Kunstwort: blaue Blume → Blaume (analog Blote / Blelbe). Beispielsatz: „Die Blaume blüht."Ein Komplex hat Konfigurationen (Permutationen seiner Teile). Etwas abzubilden, das so-oder-anders sein kann, verlangt Mannigfaltigkeit — die hat nur der Satz (3.144: Namen = Punkte, Sätze = Pfeile; 4.04). „blaue Blume" ist eine Konfiguration → bipolar, kann zutreffen oder nicht. „Blaume" ist ein Name → Bedeutung, aber kein Sinn → kann nicht falsch sein. Der Satz kann falsch sein, das Wort nicht. Ein Name bildet nicht ab, er benennt. Presst man den Komplex in einen Namen, fällt die Bildhaftigkeit weg — die Konfiguration findet keinen Ausdruck mehr. (Rückbezug auf Komplex- Diskussion oben)
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[2026-05-30 15:56] Intern / extern / Form
- intern = alle Eigenschaften, die den Raum strukturieren / ihm Form geben.
- extern = alle Eigenschaften, die zur Identifikation genutzt werden können.
Blaume extern beschrieben <--> kann blühen z.B. interne Eigenschaft
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[2026-05-30 15:50] Gegenstand als Stützpunkt des logischen Raums Gegenstände gehören zum logischen Raum, nicht zum empirischen / ontologischen. Einfachheit ist Bedingung des Sinns von Sätzen --> Bedingung für das Funktionieren von Bildern Sie sind Stützpunkte: um jeden Gegenstand gruppieren sich die möglichen Sachverhalte seines Vorkommens. Rot → Farbraum (2.013; 2.0131: „er hat sozusagen den Farbenraum um sich"). Gleichzeitg führen die ontologische Unschärfe zur Entkopplung von Bild und Welt, die wir oben in der Bildtheorie gesehen haben
Gegenstand = Summe seiner Vorkommens-Möglichkeiten (2.0123/2.0124: „Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vorkommens"). Cashet „Selbständigkeit als Form der Unselbständigkeit" (oben) ein.
Beispiel: Papagenoraum / Taminoraum / Papagenaraum → Zauberflötenraum.
lokal halten: Die Räume addieren sich nicht frei — die Form der Gegenstände gibt vor, welche Sachverhalte möglich sind (2.0141); der volle logische Raum (2.063) ist mehr als ein einzelner Zauberflötenraum.
Substanz der Welt nur eine Form: Strkturiertter / geordneter logischer Raum
- [2026-05-30 17:40] Begriffliche Abgrenzungen / Leserisiken:
- Wittgenstein stellt den Sachverhalt zu zwei Begriffen in eine 1:n-Beziehung:
- Tatsache / Sachverhalt → Bezugsweisen (wie oben dargestellt).
- (evtl. noch schärfen: Welt besteht aus Tatsachen, Bilder stellen aber immer Sachlagen / Sachverhalte dar.)
- 2.11: W stellt einer Sachlage n bestehende und nicht bestehende Sachverhalte gegenüber.
- Wittgenstein stellt den Sachverhalt zu zwei Begriffen in eine 1:n-Beziehung:
- [2026-06-05 16:34] Kleiner Exkurs zur Sachlogik bei W: 29er-Problem und Farbenausschluss.
- Rekonstruktion über Einzelsachverhalte vs. Anzahl von Objekten in einer Argumentstelle.
- Zahl als Teil des Elementarsatzes.
Teil b — Die dunkle Seite
[2026-06-05 18:14]
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Tatsachenfeststellung — der Holismus.
Wittgenstein verbindet mit dem logischen Raum einen starken Holismus: Der einzelne Satz bestimmt zwar nur einen Ort, aber „durch ihn [muss] schon der ganze logische Raum gegeben sein" (3.42) — sonst würden Verneinung, logische Summe und Produkt „immer neue Elemente einführen". Der Sinn eines Satzes setzt also die Totalität aller Sätze voraus. Belege: 3.42; 4.0641 (der verneinende Satz bestimmt seinen Ort als außerhalb des verneinten — beide spannen den ganzen Raum); logischer Ort 3.4–3.411. --> Das einfache, lokale Modell aus Teil a (Gegenstand als Stützpunkt, einzelne Sachverhaltsräume) entpuppt sich als verkappte Totalität. Dieselbe Sache von zwei Seiten. -
Notwendigkeit — kein Beiwerk, sondern Preis der Bestimmtheit. Der Holismus ist nicht angehängt, sondern erzwungen — durch die Forderung der Bestimmtheit des Sinnes (3.23). Soll der Sinn vollständig scharf sein, muss die Grenze des Satzes gegen alles andere gezogen sein; die Totalität muss schon gegeben sein. Die Ableitung gibt W selbst, in der Klammer von 3.42. Also: Bestimmtheit → Totalität → Holismus. --> Damit ist McGinns „unexaminiertes Dogma" schon hier entkräftet: der Holismus ist motiviert, nicht herbeigeredet. Offen bleibt allein, ob der Zwang auch wirklich gegeben ist — der Schuldschein (Punkt 3), zahlbar erst am Buchende.
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[2026-06-05 20:12] Der Holismus im Text — wo er steht.
- Schon Satzreihe 1: 1.11 / 1.12. Die Welt ist „durch die Tatsachen bestimmt und dadurch, dass es alle Tatsachen sind" (1.11); die Gesamtheit bestimmt, „was der Fall ist und auch, was alles nicht der Fall ist" (1.12). Holismus und negative Seite stehen also schon im allerersten Block — und dort bereits miteinander verkoppelt.
- Im Kern verankert: 2.012. „In der Logik ist nichts zufällig": Kann ein Ding im Sachverhalt vorkommen, „so muss die Möglichkeit des Sachverhalts im Ding bereits präjudiziert sein." Die Möglichkeiten stecken im Gegenstand, sie werden ihm nicht hinzugefügt.
- Höhepunkt: 2.0123. „Wenn ich den Gegenstand kenne, so kenne ich auch sämtliche Möglichkeiten seines Vorkommens in Sachverhalten." Entscheidend der Nachsatz: „Es kann nicht nachträglich eine neue Möglichkeit gefunden werden." --> „Nicht nachträglich": Die Welt (/Wirklichkeit) ist mit den Gegenständen in allen ihren Möglichkeiten schon vollständig festgelegt. --> Punkt 3 ist damit der Beleg für die Tatsachenfeststellung aus Punkt 1: dass das lokale Modell von Anfang an die geschlossene Totalität war.
[2026-06-14] Formulierungen (griffig) — das Monströse:
- Die Möglichkeiten der Welt stehen vollständig fest, bevor irgendeine Tatsache eintritt. Die Tatsache bringt nichts Neues hinzu — sie wird nur einsortiert. In der Logik gibt es keine Überraschungen.
- Jede mögliche Tatsache ist schon festgelegt, bevor sie besteht. Was geschieht, fügt dem Möglichen nichts hinzu; es nimmt nur einen Platz ein, der längst vorgesehen war.
- Die Welt ist in allen ihren Möglichkeiten vollständig vorbestimmt. Eine Tatsache zu bestimmen heißt nicht, etwas zu entdecken, sondern sie an ihren vorab feststehenden Ort einzuordnen.
Implikation: Man kann nichts lernen. Eine neue Möglichkeit wäre keine örtliche Ergänzung, sie würde den ganzen Raum verändern (andere Gegenstände → anderer Raum). Darum betrifft jeder Satz den ganzen logischen Raum: er bestimmt nur einen Ort, setzt aber den ganzen Raum voraus (3.42). Belege: „keine Überraschungen in der Logik" (6.1251); alle logischen Sätze im Voraus angebbar (6.125).
Belegstellen
(noch zu füllen)
Stärke / Schwäche
(noch zu füllen)
Sekundärliteratur
McGinn
- Wittgenstein macht aus dem logischen Raum ein Monster — und das genau aus dem Grund, den McGinn benennt: weil er überall logische Klarheit vermutet, eben nur verdeckt
- McGinn-Zitat (p. 33): "Wittgenstein's conception of what it is that needs to be made clear is itself completely determined by his unexamined commitment … to the idea that where there is sense … there too there must be perfect logical order, that is, to a conception of language as an exact calculus operated according to precise rules."
- Sie hat sogar Recht, dass das mit der Gegenstandssemantik zusammenhängt
- Aber sie identifiziert das nicht als Wittgensteins eigenes Problem (wie Kenny es tut)
- [2026-05-30 12:05] Ihr fehlt die Unterscheidung Tatsache / Sachverhalt / Sachlage — und damit die Vielgestaltigkeit der Tatsache. Deshalb bleibt bei ihr alles ein wenig mystisch (vgl. Diskussion 2026-05-24).
- [2026-05-30 12:05] Hinweis Bild/Satz: Erst im logischen Raum zeigt sich, dass alle Bilder Sätze sind (Bild = Spezialfall des Satzes). McGinn läuft umgekehrt: Bild ⊃ logisches Bild ⊃ Satz (Satz = engster Fall) — Richtungs-Konflikt, hier zu klären.
- [2026-05-30 12:25] „Treacherous": McGinn hält die Eröffnungssätze (1–2.063) isoliert/wörtlich gelesen für trügerisch — erst nach der Bildtheorie als „logic in metaphysical guise" lesbar (change of aspect). Gegenposition → Argumentationsführung.
Randnotizen
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[2026-05-30 18:00] Neinologie (Ort noch offen, wird relevant):
- „a ist rot" schließt „a ist grün" aus (verneint ihn); „a ist blau" genauso.
- ABER ein negativer Sachverhalt „a ist nicht grün" leistet etwas ganz anderes.
- W behandelt die Negation selbst aufwändig — nicht als Nebenbemerkung.
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[2026-05-31 10:25] W spricht 1929 (SRLF) von „many different logical forms" — sachlich dasselbe wie ABH 4.128 „Die logischen Formen sind zahllos".
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[2026-05-31 10:25] 1929 (SRLF): die normale Sprache kann bestimmte Phänomene nicht fassen — „We meet with the forms of space and time with the whole manifold of spatial and temporal objects, as colours, sounds, etc., etc., with their gradations, continuous transitions, and combinations in various proportions, all of which we cannot seize by our ordinary means of expression." Eine Abweichung zur ABH.