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Was ist Wahrheit (undatierter Archiv-Entwurf)
Quelle: archive/Was ist Wahrheit.fodt
Charakter: Undatierter, durchformulierter Entwurf mit Inhaltsverzeichnis. Liest sich wie eine vollständige Frühfassung der ersten beiden inhaltlichen Kapitel ("Tatsachen und Sachverhalte", "Gegenstände & Logischer Raum"). Bricht im Logischen-Raum-Kapitel ab.
Umfang: ~34K Zeichen, 722 Zeilen, ~6K Wörter
Datierung: Undatiert, aber inhaltlich/strukturell zwischen den 2018/2019er Entwürfen und der jetzigen Arbeitsfassung. Kein "Vom Bild zum Solipsismus"-Untertitel — vermutlich ältere thematische Fokussierung auf den Ontologie-/Logik-Komplex.
Hauptthesen
- Linguistic-Turn-Rahmung: Wittgenstein als Vollender des Linguistic Turn — der Kreis, der mit der sprachlichen Wende begonnen wurde, wird in der ABH geschlossen. Frege/Russell/Whitehead als Vorläufer.
- Wittgenstein hat ein Modell der Welt sui generis geschaffen ("Etwas Ähnliches habe nirgends gesehen") — Nähe zu Platon und Leibniz wird erwähnt, aber Kontextualisierung wird abgelehnt.
- Russells Sachverhalt/Tatsache-Lesart führt zu Widerspruch: Russell setzt hierarchisches Modell voraus (Sachverhalt = einfache Tatsache; Tatsache = Verbindung von Sachverhalten) → impliziert Gegenstände als Bausteine der Welt → kollidiert mit 1.1.
- Die Idee — eigene Auflösung: Sachverhalte sind aus Gegenständen zusammengesetzt, Tatsachen nicht. Tatsachen sind Stücke Welt, über die sich unabhängig Aussagen machen lassen; Sachverhalte sind verschiedene Bezugsweisen auf dieselbe Tatsache.
- Gegenstände sind nichts in der Welt, sondern Bezugsweisen auf Tatsachen: Dies ist die expliziteste Formulierung der anti-ontologischen Lesart in den durchgearbeiteten Texten dieses Pools.
- Brendel-Papageno als Doppel-Tatsache: Brendel + Marionetten-Papageno aus Lindau — zwei Tatsachen, in denen Papageno auftritt, beweisen, dass die Opernfigur unabhängig vom Sänger steht.
- Blote/Blelbe/Blaume-Test des Substanzarguments: 2.0211 wird durchgespielt mit einem Kunstwort "Blaume" (blaue Blume). Sinn von "Die Blaume blüht" darf nicht von Wahrheit eines anderen Satzes (Beschreibungssatz für Blaume) abhängen → einfache Zeichen können nur Einfaches bedeuten.
- Sokrates/Plato-Zerlegung als Zirkel: Russells Beispiel zur Komplexität wird durchgespielt. Auflösung in Körperteile führt zu Regress; Auflösung erfordert immer das gerade ersetzende Zeichen — Zirkel.
- Bedeutung vs. Sinn: "Bedeutung ist – im Gegensatz zum Sinn – keine Funktion der Bestandteile eines Ausdrucks." Einfache Zeichen können nichts Zusammengesetztes bedeuten.
- Skelett vs. Exoskelett: Dingontologie unterstellt inneres Skelett des Gegenstands; Wittgensteins Lesart ein Exoskelett aus Sachverhalten, in denen der Gegenstand vorkommen kann.
- Gegenstand als Hohlform: "Zur Frage, was ein Ding ist, trägt das Ding selbst nichts bei. Statt dessen wird seine Form durch die Sachverhalte bestimmt."
- Argumentstellen + Programmierer-Analogie: Methodensignaturen in typisierten Sprachen entsprechen Argumentstellen in Sachverhalten. Cäsar/Napoleon-Beispiel: Typ + Reihenfolge der Argumente sind nicht beliebig.
- Sinnvoll ≠ Wahr: "Cäsar wurde 3 Jahre alt" ist unsinnig, obwohl 3 im sinnvollen Bereich liegt — wegen Cäsars sonstigen Sachverhalten.
Zentrale Begriffe
- Tatsache — Stück Welt, über das unabhängig vom Kontext sinnvolle Aussagen möglich sind.
- Sachverhalt — Bezugsweise auf eine Tatsache; aus Gegenständen zusammengesetzt.
- Sachlage — synonym mit Sachverhalt gelesen, vorläufig.
- Gegenstand / Ding / Sache — nichts in der Welt; Aspekt einer Tatsache, der eine Bezugsweise konstituiert. Hohlform, nicht Substanz.
- Substanz der Welt — Gegenstände; aber nicht stofflich verstanden.
- Linguistic Turn — Rahmen, in den der frühe Wittgenstein gehört.
- Bedeutung vs. Sinn — Bedeutung ist einfach, nicht zusammensetzbar. Sinn ist Funktion der Bestandteile eines Ausdrucks.
- Argumentstelle — die Position im Sachverhalt, in die ein Gegenstand eintritt; durch Typ und Reihenfolge bestimmt.
- Exoskelett (eigene Metapher) — die Sachverhalte, in denen der Gegenstand vorkommt, sichern seine Identität von außen.
- Hohlform — Bezeichnung für den Gegenstand bei W.s Lesart.
Argumentationsstruktur
- (Erste) Einleitung — Wittgenstein und der Linguistic Turn: kontextuelle Verortung; Russell/Frege/Whitehead als Vorläufer; W.s Eigenständigkeit.
- Tatsachen und Sachverhalte:
- W.s Eigenart: Termini ohne Erläuterung.
- 1.1 setzt Tatsache gegen Ding.
- 2 & 2.01 führen Sachverhalt ein, lassen Verhältnis Tatsache↔Sachverhalt vage.
- Russells Sicht (Zitat aus Russells Einleitung): hierarchisches Modell, das zu Widerspruch mit 1.1 führt.
- Die Idee (eigene These): Sachverhalte aus Gegenständen, Tatsachen nicht.
- Tatsachen mit Brendel/Papageno-Beispiel.
- Sachverhalte: Zwei wahre Aussagen über dieselbe Tatsache; Doppel-Brendel/Marionetten-Papageno; logische Unabhängigkeit der Sachverhalte.
- Gegenstände & Logischer Raum:
- Nullnummern-Diagnose als Vorbemerkung-Strategie.
- W. beginnt mit Substanz (2.02), dann Form (2.01).
- Substanz der Welt: Dinge als Konstanten in Kontexten. Blote/Blaume-Test. Sokrates-Plato-Zirkel.
- Bedeutung vs. Sinn.
- "Gegenstände sind nichts in der Welt, sind vielmehr notwendige Bedingung der Bestimmtheit des Sinns eines Bildes."
- Form des Gegenstands:
- Selbständigkeit als Form der Unselbständigkeit.
- Skelett-Exoskelett-Metapher.
- Gegenstand als Hohlform.
- Der logische Raum:
- Beziehung Gegenstand↔Sachverhalt: Schlüssel ins Schloss.
- Argumentstellen / Programmierer-Analogie.
- Cäsar/Napoléon (Beispiel 1) — Typ + Reihenfolge.
- Cäsar/Alter (Beispiel 2) — Sinnvoll ≠ Wahr (Cäsar wurde 3 Jahre alt).
- Bricht ab im Logischen-Raum-Kapitel, mitten in der Erläuterung des Alters-Beispiels.
Schlüsselzitate
"Mit seinen Überlegungen hat Wittgenstein ein Modell der Welt sui generis geschaffen. Etwas Ähnliches habe nirgends gesehen." — Z. 77
"Wittgenstein hat alles nur erdenkliche unternommen, um das Verständnis der Abhandlung zu erschweren oder unmöglich zu machen" — Z. 87 (Fußnote zum Russell-Zitat-Programm)
"Russells Lesart nach wird die Abhandlung bereits an dieser Stelle inkonsistent: Ist der Sachverhalt eine Verbindung von Gegenständen und die Tatsache wiederum eine Verbindung von Sachverhalten, ist auch die Tatsache – zumindest mittelbar – aus Gegenständen zusammengesetzt. Dann wären aber die Gegenstände die konstituierenden Elemente der Welt, nicht, wie in Satz 1.1 postuliert, die Tatsachen." — Z. 157-161
"Der Widerspruch wäre vermieden, wenn die Beziehung von Sachverhalt und Tatsache so gestaltet ist, dass Sachverhalte zwar aus Gegenständen zusammengesetzt sind, Tatsachen dagegen nicht." — Z. 175
"Ein Ding, das außerhalb jeder Bezugsweise – nur für sich – existiert, gibt es nicht." — Z. 285
"Gegenstände sind in diesem Sinne nichts in der Welt. Sie kennzeichnen vielmehr Aspekte der Welt – mögliche Bezugsweisen auf Tatsachen, die die Welt konstituieren." — Z. 289
"Gegenstände sind nicht die konstituierenden Elemente der Welt, kennzeichnen vielmehr Bezugsweisen auf die Welt. Gegenstände sind Teil des Wies, nicht des Was' der Welt … und das Wie zeigt sich in Bildern. Bilder stellen Sachverhalte da." — Z. 334-339
"Bedeutung ist – im Gegensatz zum Sinn – keine Funktion der Bestandteile eines Ausdrucks." — Z. 536
"Einfache Zeichen können nichts Zusammengesetztes bedeuten." — Z. 540
"Gegenstände sind nichts in der Welt, sind vielmehr notwendige Bedingung der Bestimmtheit des Sinns eines Bildes." — Z. 584
"Wittgenstein deutet die Selbständigkeit der Gegenstände in ihr Gegenteil um: Ein Gegenstand ist nicht durch sich selbst, sondern durch die Sachverhalte, deren Teil er sein kann, bestimmt." — Z. 604
"Die Dingontologie unterstellt ein Skelett, das dem Gegenstand von innen her seine Form gibt, und ihn deshalb unabhängig von den Kontexten, in denen er steht, klar abgrenzt. Anders Wittgenstein: Er unterstellt ein Exoskelett, das die Integrität des Gegenstands von außen her sichert. Dieses Exoskelett sind die Sachverhalte, in denen der Gegenstand vorkommen kann." — Z. 610-612
"Wittgenstein reduziert den Gegenstand auf die abschließende Aufzählung aller Sachverhalte, in denen er vorkommen kann. Damit wird der Gegenstand zur Hohlform: Zur Frage, was ein Ding ist, trägt das Ding selbst nichts bei." — Z. 634-637
"Den Argumentstellen entsprechen in typisierten Sprachen die Methodensignaturen." — Z. 658 (Programmierer-Analogie)
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Auffälligkeiten / Lücken / Spannungen
- Bricht im Logischen-Raum-Kapitel ab (mitten in einer Beispielerläuterung).
- Linguistic-Turn-Rahmung ist in den späteren Fassungen weggefallen oder verschoben — der jetzige Haupttext beginnt anders.
- "Exoskelett-Metapher" ist eine schöne, kommunikative Formulierung — taucht in den späteren Fassungen so nicht mehr auf. Könnte ein Verlust sein.
- Sokrates-Plato-Zirkelargument ist klarer ausgearbeitet als in späteren Fassungen.
- Argumentstellen mit Programmierer-Analogie — der Autor bringt seine IT-Perspektive ein. Auch in späteren Fassungen vorhanden (Brendel-Cluster), aber dort weniger explizit.
- "Wittgenstein hat alles nur erdenkliche unternommen, um das Verständnis der Abhandlung zu erschweren oder unmöglich zu machen" — die polemische Spitze in der Fußnote ist in späteren Fassungen weicher formuliert.
- Sachlage = Sachverhalt vorerst synonym — Differenzierung explizit auf später verschoben, die hier noch nicht geleistet wird. Auch in späteren Texten teils ungelöst.
- Methoden-Hinweise stehen im Text (Z. 192, 299, 343 etc.) — der Autor hat sich entschieden, Fußnoten/Klammern für Meta-Aspekte zu nutzen.
Verbindungen
- 2018 / 2019-was-ist-wahrheit: vermutlich ältere, ähnlich strukturierte Fassungen.
- kap01-original: setzt die Ontologie-Analyse fort, kommt zu der gleichen anti-ontologischen Lesart, ergänzt aber das Bildtheorie-Kapitel.
- kap02-satz: die Idee "Gegenstände sind nichts in der Welt" wird dort weiter ausgearbeitet und explizit gegen Russell/Frege gestellt.
- Expose HP Schütt: vermutlich destillierte Form dieser Argumentation für externe Leser.
- Thesen-Abriss: die hier durchgegangenen ABH-Stellen (1.1, 2, 2.01, 2.011, 2.0122, 2.0123, 2.0141) sind dort als Skelett aufgeführt.
- Anscombe (
literatur/anscombe-introduction.md): Anscombe verwirft Stenius' Vorschlag, Sachlage als nicht-atomares Pendant zu Sachverhalt zu lesen — ähnliche Diagnose der Begriffsverwirrung. - McGinn: die Position "Gegenstände sind nichts in der Welt … notwendige Bedingung der Bestimmtheit des Sinns" deckt sich mit McGinns elucidatory reading (siehe
project_users_gegenstand_reading.mdin memory).