6.2 KiB
Topic: Bildtheorie
Wittgensteins zentrales Argument der ABH ("zentrales Argument … mehr hat er nicht anzubieten" — kap02-satz Z. 600). Die gesamte Abhandlung beruht auf dem Modell-Begriff.
Drei Kernprinzipien
- Entkopplung durch Vertretung: Die Zuordnung von Bildelement zu Gegenstand ist frei; im Gegenzug werden keine Informationen über das Vertretene im Bild transportiert.
- Strukturelle Identität (Nachahmung): Der Bildsinn ist durch die strukturelle Identität von Bild und Abgebildetem unmittelbar gegeben; nicht von außen anzutragen. Das Bild zeigt seinen Sinn.
- Beschränkung durch die Form: Bilder sind rein deskriptiv — sie können nur darstellen, was sich durch ihre Struktur nachahmen lässt; was in ihrer Form liegt.
Beispiele (Modellrepertoire des Buchs)
- Gliederpuppe — Hauptbeispiel; ermöglicht unmittelbare Anschauung der Theorie.
- Stadtplan Worms — Vertretung durch Linien/geometrische Formen; strukturelle Eigenschaft: relative Lage.
- Kuchengraphik — Vertretung durch Kreissektoren; strukturelle Eigenschaft: Anzahl und Winkelgröße. Formale Bedingungen: Exklusivität und Vollständigkeit der Klassifikation.
- Weg-Zeit-Diagramm (freier Fall) — Vertretung durch Achsen-Punkte; Beschleunigung ablesbar (≈9.81 m/s²).
- Halcyon-Maps "tallest building" (Eiffelturm/Kölner Dom) — Beispiel für Modell-Projektion mit gezielter Inhaltsauswahl.
- Eigene Fotos (Brendel als Papageno, Lindauer Marionetten) — als Beispielmaterial für Tatsachen.
Form der Abbildung — Drei Begriffe
- Form der Abbildung: die Möglichkeit, dass sich die Dinge so verhalten wie die Bildelemente (2.151). Was Bild und Welt gemein haben müssen.
- Form der Darstellung: Notation des Bildes — willkürlich, austauschbar. Wittgenstein verwendet den Begriff nur in Satzreihe 2.17.
- Logische Form = Form der Abbildung minus Form der Darstellung. Was allen Bildern gleichen Inhalts gemeinsam ist.
Formel (kap01-original Z. 834, kap01-2026 Z. 144): Form der Abbildung − Form der Darstellung = Logische Form.
Abgrenzung zur Definition
Eine Definition könnte scheinbar Bilder umdeuten ("dieses bewegungsstarre Modell stellt einen laufenden Menschen dar" qua Def.). Aber:
- Am definierten Zeichen ist der Inhalt nicht mehr erkennbar.
- Bildverwendung und Verwendung als definiertes Zeichen sind disjunkt.
Die Definition macht aus dem Bildelement ein einfaches Zeichen, das nur vertreten kann. Behandelt in buffer und kap01-original.
Falsche Bilder
Identität von Bild und Welt schließt scheinbar falsche Bilder aus. Lösung: Bilder beziehen sich nicht direkt auf die Welt, sondern stellen mögliche Sachlagen im logischen Raum dar (2.11). Der dort dargestellte Inhalt wird mit der Wirklichkeit verglichen, um Wahr-/Falschheit festzustellen. → buffer
Gedanke als Kern hinter den Sprachzwecken
- Wittgenstein postuliert in der Abhandlung hinter den Sprachzwecken einen gemeinsamen logischen Kern: den Gedanken (ABH 3: "Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke"). Über den Gedanken ist die Bildtheorie an die Satztheorie geknüpft.
- Eigene Ausarbeitung: kap02-satz Z. 57 → satz-und-satzzeichen.
Selbstkritik (offene Stelle)
Hand/Fuß-Tausch in der Gliederpuppe: Das Längen/Breiten-Verhältnis der Elemente unterscheidet sich — also kann nicht jedes Element jeden Gegenstand vertreten. Damit lerne ich aus dem Vertreter doch etwas über das Vertretene. Der Autor markiert das als "lässlich" (exkurs-bildtheorie-solipsismus Z. 269-275, expose-hp-schuett-old Z. 762-778), weist aber darauf hin, dass das beim Wort/Satz nicht greifen sollte.
ABH-Schlüsselstellen
- 2.1 "Wir machen uns Bilder der Tatsachen."
- 2.12 "Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit."
- 2.13 / 2.131: Vertretung.
- 2.14 / 2.141: Bild als Tatsache.
- 2.15: Strukturelle Identität.
- 2.151: Form der Abbildung.
- 2.151-2.1515: Abbildende Beziehung; Maßstab-Metapher; "Fühler der Bildelemente".
- 2.16/2.161: Identität als Bedingung der Abbildung.
- 2.17: "Was das Bild mit der Wirklichkeit gemein haben muss …"
- 2.171: "Das Bild kann jede Wirklichkeit abbilden, deren Form es hat."
- 2.172: "Seine Form der Abbildung aber, kann das Bild nicht abbilden; es weist sie auf." (Zeigen!)
- 2.173/2.174: Form der Darstellung (nur hier erwähnt).
- 2.18-2.19: Logische Form. "Das logische Bild kann die Welt abbilden."
- 2.2-2.225: Ergebnisse — Sinn des Bilds; "Ein a priori wahres Bild gibt es nicht."
Stellen im Ideenpool
- kap02-satz (aktuelle Arbeitsfassung): kap02-satz — Z. 151-390.
- kap01-original (umfassend): kap01-original — Z. 212-462.
- exkurs-bildtheorie-solipsismus (destillierte Form mit Solipsismus-Brücke): exkurs-bildtheorie-solipsismus — Z. 112-432.
- expose-hp-schuett-old (mit Selbstkritik): expose-hp-schuett-old — Z. 577-886.
- expose-hp-schuett (Stub): expose-hp-schuett — Z. 439-443.
- buffer (Wahr/Falsch + Definition): buffer — gesamter Text.
- xmind-mindmap (Outline mit Untertopics): xmind-mindmap.
- kap01-2026 (Outline + Formel): kap01-2026 — Z. 124-148.
Sekundärliteratur
- Anscombe (
literatur/anscombe-introduction.md): Kap. 4-5 (Negation und Bildtheorie) — Bildtheorie nicht als "Spielerei", sondern als Kern der ABH. Bildtheorie + Wahrheitsfunktionen sind bei Anscombe "one and the same". - McGinn: Bilder als Klärung dessen, was Sätze als Sätze tun. Anti-realistisch.
- Kenny (
literatur/kenny-wittgenstein.md): "The Picture Theory of the Proposition" (Kap. 4) als eigenes Kapitel; legt mehr Gewicht auf Sprache→Welt-Korrelation. - Russell (in
literatur/russell-introduction.md): erwähnt die Bildtheorie nicht explizit. Wird im Buch als "geht am Argument vorbei" diagnostiziert.
Programmatische Funktion
In allen Buchfassungen wird Start mit der Bildtheorie (Satzreihe 2.1, nicht 1.* oder 2.0*) als Lese-Strategie vorgeschlagen ("Wittgensteins eigene Darstellung scheitert lesepraktisch, weil 2.0 die Bildtheorie schon voraussetzt"). Die Bildtheorie ist die methodische Grundlage des Buchs, nicht nur des Inhalts.
Verwandte Topics
gegenstand · tatsache-sachverhalt-sachlage · form · logischer-raum · satz-und-satzzeichen · zeigen-sagen