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Bild und Form — Atlas atlas
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wittgenstein

Bild und Form — werkübergreifend

Wie ändert sich Wittgensteins Bildbegriff von der ABH bis zu den Spätschriften?

Grobe Beobachtung: „Bild" ist in jedem Werk präsent, aber die Funktion verschiebt sich:

  • ABH: Bild als logische Struktur (Sätze sind Bilder der Tatsachen);
  • BB / PU: Bilder halten den Denker gefangen — kritisches Konzept;
  • PPF / BPP / LSPP: Bilder als Phänomen-Beschreibung (Aspektsehen), Bildwahrnehmung;
  • BGM: das Bild eines Verfahrens, eines Beweises;
  • BdF: Farbe als „phänomenales Bild".

Häufigkeitsmatrix (grep Bild / engl. picture)

Werk Treffer Funktion
Tagebücher 19141916 78 Werkstatt der Bildtheorie
ABH 64 Hauptort der Bildtheorie
BB (engl. „picture") 53 „a picture held us captive" — kritisch
PU 110 Augustinus-Bild (krit.); „ein Bild hielt uns gefangen" (PU § 115)
Zettel 80 Quer; Bilder, die wir mit Worten verknüpfen
BPP 207 Häufigster Werkstattort; Aspektbild
LSPP 113 Fortsetzung BPP
PPF 55 Aspekt-Sehen: Hase-Ente-Bild (Abschnitt xi)
BGM 126 Beweisbild, Bild eines Rechenverfahrens
BdF 27 Farbe als phänomenales Bild
ÜG 14 Weltbild (§ 95: „Bild der Welt")
VB 22 methodisch: „Vergleichsobjekte", „Vorbilder"

Hauptstellen pro Werk

ABH

Bildtheorie als zentrales Stück der 2er-Reihe und 3er-Reihe:

  • 2.1 „Wir machen uns Bilder der Tatsachen."
  • 2.11 „Das Bild stellt die Sachlage im logischen Raume dar."
  • 2.12 „Das Bild ist ein Modell der Wirklichkeit."
  • 2.132.15 Konstituenten des Bildes (Elemente, Verbindung).
  • 2.151 Form der Abbildung.
  • 2.16 „Die Tatsache muss, um Bild zu sein, etwas mit dem Abgebildeten gemeinsam haben."
  • 2.17 „Was das Bild mit der Wirklichkeit gemein haben muss…": die Form der Abbildung.
  • 2.18 „Was jedes Bild, welcher Form immer, mit der Wirklichkeit gemein haben muss…": die logische Form.
  • 2.1812.182 Bild als „logisches Bild"; jedes Bild ist auch ein logisches Bild.
  • 2.221 „Was das Bild darstellt, ist sein Sinn."
  • 2.223 „Um zu erkennen, ob das Bild wahr oder falsch ist, müssen wir es mit der Wirklichkeit vergleichen."
  • 3.01 „Die Gesamtheit der wahren Gedanken sind ein Bild der Welt."
  • 4.01 „Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit."
  • 4.011 „Auf den ersten Blick scheint der Satz … kein Bild von der Wirklichkeit zu sein…"
  • 4.012 „Offenbar nehmen wir den Satz von der Form aRb' als Bild wahr."
  • 4.0144.0141 Bild als Schallplatte / Notenschrift / Sprache.
  • 4.021 „Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit; denn ich kenne die durch ihn dargestellte Sachlage, wenn ich den Satz verstehe."

Tagebücher 19141916

Hauptwerkstatt der Bildtheorie. Schlüsselbemerkungen:

  • 20.10.1914: erste Notiz zum „Paris-Modell" (Gerichtsverhandlung in Paris mit Spielzeugautos und Puppen, die einen Unfall rekonstruieren — Schlüsselszene der Bildtheorie-Entstehung).
  • 3.10.1914 ff.: Verhältnis Bild ↔ Tatsache.
  • 28.5.1915: „Wir machen uns Bilder der Tatsachen" — die ABH-2.1-Formulierung.

PU

Bilder werden kritisch behandelt:

  • § 1: Augustinus-Zitat als „dieses Bild der Sprache".
  • § 96: „Der Satz, die Sprache, das Denken, die Welt — stehen einer hinter dem anderen, jedes dem andern äquivalent. (Aber wozu sollen diese Worte nun dienen?) Diese Voraussetzungen sind … einem Bild zugrunde gelegt."
  • § 109: „Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache."
  • § 115: „Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unsrer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen."
  • § 422427: das Bild als Erklärungsmittel und als Quelle der Verwirrung.

PPF

Aspektsehen — die Spätphase-Erweiterung des Bildbegriffs:

  • Abschnitt xi: Das Hase-Ente-Bild (von Jastrow). Aspektsehen, Aspektwechsel, Bedeutungserlebnis, „den Aspekt aufleuchten sehen".
  • „Imponderabilien des Bildes" — Bild als nicht physikalisch reduzible Erscheinung.

BPP / LSPP

Werkstätten zum Aspektbild. Hauptbemerkungen über:

  • Sehen eines Bildes als Erkennen einer Struktur.
  • Vergleich Bild ↔ Schmerzempfindung ↔ Bedeutungserlebnis.
  • Bilder, die wir spontan deuten vs. Bilder, die wir bewusst auslegen.

BGM

Bild des Beweisverfahrens:

  • Beweis als „Bild eines Übergangs".
  • Bild der Regel: „und wenn ich die Regel anwende, lege ich ein Bild zugrunde."
  • Bilder gegenüber Berechnungen.

BdF

Farben als phänomenale „Bilder":

  • I § 46: das Farbenraum-Modell.
  • II § 26: durchsichtige vs. undurchsichtige Farben — strukturelle Bilder.
  • III § 86 ff.: Goethes Farbenlehre als „phänomenologisches Bild", nicht physikalische Theorie.

ÜG

  • § 94: „Aber mein Weltbild habe ich nicht durch Überzeugung von seiner Richtigkeit; nicht durch Überzeugung von seinem Wert. Es ist der überkommene Hintergrund, auf welchem ich zwischen wahr und falsch unterscheide."
  • § 9599: das Bild des Flussbettes / der festen Sätze.

VB

Methodische Bemerkungen zum Bild:

  • Bild als „Vergleichsobjekt" (paralleler Begriff zu PU § 130131).
  • „Ein Vorbild, das uns vorschwebt" — als kritischer Begriff.

Form / logische Form — Häufigkeitsmatrix

Werk Treffer
ABH 76
BB (engl. „form") 68
BGM 59
BPP 55
PU 53
TB 45
LSPP 25
Zettel 18

ABH-Hauptstellen zu „Form"

  • 2.0233 „Zwei Gegenstände von der gleichen logischen Form sind … durch ihre Form unterschieden."
  • 2.0271 „Der Gegenstand ist das Feste, Bestehende; die Konfiguration ist das Wechselnde, Unbeständige."
  • 2.025 „Sie [die Substanz] ist Form und Inhalt."
  • 2.033 „Die Form ist die Möglichkeit der Struktur."
  • 2.151 „Die Form der Abbildung ist die Möglichkeit, dass sich die Dinge so zueinander verhalten, wie die Elemente des Bildes."
  • 2.171 „Das Bild kann jede Wirklichkeit abbilden, deren Form es hat."
  • 2.172 „Seine Form der Abbildung aber kann das Bild nicht abbilden; es weist sie auf."
  • 2.18 „Was jedes Bild, welcher Form immer, mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie überhaupt — richtig oder falsch — abbilden zu können, ist die logische Form, das ist, die Form der Wirklichkeit."
  • 4.12 „Der Satz kann die gesamte Wirklichkeit darstellen, aber nicht das, was er mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie darstellen zu können — die logische Form."
  • 4.121 „Was sich in der Sprache spiegelt, kann sie nicht darstellen. Was sich in der Sprache ausdrückt, können wir nicht durch sie ausdrücken."

PU-Reflexe

PU geht von der „logischen Form" ab und ersetzt sie durch die Familie der Sprachspiele:

  • § 23 Liste der Sprachspiele: Befehlen, Erzählen, Schauspielern, Witzemachen … „die Vielfalt der Sprachspiele" als Antwort auf die ABH-These der einen logischen Form.
  • § 6567: Familienähnlichkeit als Ersatz für eine gemeinsame Form.

Übergreifende These (als Hypothese für das Buchprojekt)

Wittgensteins „Bild" ist nie nur ein technischer Begriff der ABH, sondern ein methodisches Werkzeug, das er sein Leben lang testet:

  • In ABH konstitutiv: Sätze sind Bilder.
  • In BB/PU kritisch: Bilder, die wir mit unseren Worten verknüpfen, halten uns gefangen.
  • In BPP/PPF/LSPP phänomenologisch: Bilder als gesehen — Aspektsehen.
  • In BGM operativ: das Bild des Beweises, der Regelanwendung.
  • In BdF strukturell-grammatisch: das Bild der Farbordnung.

Die Linie „Form" zeigt eine ähnliche Entwicklung: in ABH die logische Form (eine), in PU Familien von Formen, in BdF und BGM innere Verhältnisse / grammatische Strukturen.

Wichtige Konsequenz: Wer „Bildtheorie" sagt, muss sagen, welches Wittgenstein-Werk gemeint ist. Die ABH-Bildtheorie ist nicht die PU-Bilder, und beide sind nicht das Aspektbild der PPF.