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Solipsismus und Grenze — Atlas atlas
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Solipsismus und Grenze — werkübergreifend

Wittgensteins Solipsismus existiert effektiv nur in der Frühphase (ABH + Tagebücher). In den Spätschriften erscheint der Begriff praktisch nicht mehr — die Frage „wo ist das Subjekt in der Welt?" wird auf andere Weise weitergeführt (Privatsprachen-Argument, Innen-Außen-Problematik).

Häufigkeit

Werk „Solipsismus" „Subjekt"
ABH 3 7
Tagebücher 19141916 4 27
PU 1 4
Zettel 0 3
ÜG 0 0
BPP 0 5
LSPP 0 1
BB (engl.) 0 n.a.

ABH — Hauptort

5.6er-Reihe ist die einzige systematische Auseinandersetzung mit dem Solipsismus.

  • 5.6 „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt."
  • 5.61 „Die Logik erfüllt die Welt; die Grenzen der Welt sind auch ihre Grenzen."
  • 5.62 „Diese Bemerkung gibt den Schlüssel zur Entscheidung der Frage, inwieweit der Solipsismus eine Wahrheit ist. Was nämlich der Solipsismus meint, ist ganz richtig, nur lässt es sich nicht sagen, sondern es zeigt sich. Dass die Welt meine Welt ist, das zeigt sich darin, dass die Grenzen der Sprache (der Sprache, die allein ich verstehe) die Grenzen meiner Welt bedeuten."
  • 5.621 „Die Welt und das Leben sind Eins."
  • 5.63 „Ich bin meine Welt. (Der Mikrokosmos.)"
  • 5.631 „Das denkende, vorstellende, Subjekt gibt es nicht."
  • 5.632 „Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt."
  • 5.633 „Wo in der Welt ist ein metaphysisches Subjekt zu merken? Du sagst, es verhält sich hier ganz, wie mit Auge und Gesichtsfeld. Aber das Auge siehst du wirklich nicht. Und nichts am Gesichtsfeld lässt darauf schließen, dass es von einem Auge gesehen wird."
  • 5.6331 Die Augen-Figur (philologisch entscheidend: laut Lampert/Graßhoff 2004 ein Punkt am Rand des Gesichtsfelds, nicht ein Augapfel außerhalb — siehe literatur/kraft-sequential__analyse.md).
  • 5.634 „Nichts an unserer Erfahrung ist auch a priori."
  • 5.64 „Hier sieht man, dass der Solipsismus, streng durchgeführt, mit dem reinen Realismus zusammenfällt. Das Ich des Solipsismus schrumpft zum ausdehnungslosen Punkt zusammen, und es bleibt die ihm koordinierte Realität."
  • 5.641 „Das philosophische Ich ist nicht der Mensch, nicht der menschliche Körper, oder die menschliche Seele, von der die Psychologie handelt, sondern das metaphysische Subjekt, die Grenze — nicht ein Teil der Welt."
  • 6.43 (auch relevant): „Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen."
  • 6.431 „Wie auch beim Tod die Welt sich nicht ändert, sondern aufhört."

Tagebücher 19141916 — Werkstatt

Die ABH-5.6er-Reihe wird in den Tagebüchern vorbereitet, vor allem August/September 1916:

  • 2.8.1916: „Das Subjekt … gehört nicht zur Welt, sondern ist eine Grenze der Welt."
  • 5.8.1916: „Wenn alle 'physikalischen Objekte' zur Welt gehören und nicht zum Ich, so gehört auch das psychologische Ich, sofern es das 'denkende, vorstellende Subjekt' ist, nicht zur Welt."
  • 11.8.1916: „Ich bin meine Welt."
  • 12.8.1916 und folgende Einträge: ausführliche Reflexionen zum „Außenstandpunkt", zum „Mikrokosmos", zum Tod.

Die Tagebücher enthalten deutlich mehr und weniger verdichtetes Material zum Thema als die ABH — wichtig für die User-These „Solipsismus als empirische Tautologie" und für die Linie zur Einstein-Verallgemeinerung (siehe ideenpool/topics/beobachter-als-grenze.md).

PU

Solipsismus wird nur einmal explizit erwähnt — und zwar kritisch:

  • § 402: „Du nennst es ja im Gegensatz zu 'das ist ein Schmerz' eine Behauptung; und nicht im Gegensatz zu 'er hat Schmerzen'. — Aber das ist eine grammatische Bemerkung; ich kann sagen: 'Ich habe das' aus dem Solipsismus oder aus dem Realismus übersetzen — aber die Übersetzung lässt das Wesen der Sache unangetastet."

PU konstruiert das Solipsismus-Problem um: in der Linie des Privatsprachen-Arguments (§§ 243 ff.) wird die Frage zur grammatischen umgeschrieben.

Spätschriften

  • ÜG spricht von „Weltbild" (§§ 9495), nicht von Solipsismus. Aber die Funktion ist verwandt: bestimmte Sätze sind „der Hintergrund, auf welchem ich zwischen wahr und falsch unterscheide" — die ABH-Frage nach der Grenze der Welt erscheint hier als Frage nach den nicht-empirischen Voraussetzungen der Sprachspiele.

Übergreifende These (für das Buchprojekt)

  • ABH-Solipsismus ist nicht der klassische Solipsismus. Hintikka 1958 (siehe literatur/hintikka-solipsism.md) hat das philologisch entschieden: „die Sprache, die allein ich verstehe" = „the only language that I understand". Das Ich ist eine linguistisch-strukturelle Größe (Totalität der Sprache/möglichen Gedanken), kein psychisches Subjekt.
  • 5.64 ist die Pointe: streng durchgeführter Solipsismus = reiner Realismus. Das ist die User-Lesart („empirische Tautologie").
  • Die Spätphase ersetzt das Thema durch das Privatsprachen-Argument und die Innen-Außen-Diskussion (siehe Atlas/innen-aussen-empfindung.md).
  • „Mach" als Vorläufer kommt im Werk Wittgensteins selbst nicht vor. Die Mach-Linie ist eine Außen-Rekonstruktion, keine Wittgenstein-Selbstangabe.

Querverbindungen

  • literatur/hintikka-solipsism__analyse.md — Hintikkas philologische Korrektur und Lesart.
  • literatur/kraft-sequential__analyse.md Kap. 6.2 — Augen-Analogie, Lampert/Graßhoff-Figur, PT-Renumbering.
  • literatur/mcginn-elucidating__analyse.md Kap. 11 — Solipsismus.
  • ideenpool/topics/solipsismus.md — Buchprojekt-Topic.
  • ideenpool/topics/beobachter-als-grenze.md — Verallgemeinerung der Position.
  • dialog/2026-05-23_bild_perspektive_einstein.md — empirische Tautologie.