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# Ramsey — Analyse
*Frank Plumpton Ramsey, „Critical Notice: Tractatus Logico-Philosophicus", *Mind*, N. S., Vol. 32, No. 128 (October 1923), pp. 465478.*
Quelle: `literatur/ramsey-tlp-review.md` (710 Zeilen, pdftotext aus JSTOR-PDF).
## Gesamtcharakter
**Die historisch entscheidende Erstrezension der ABH** — geschrieben 1923 von dem Mann, der 1922 (als 19-Jähriger!) die englische Übersetzung *gemeinsam mit C. K. Ogden* angefertigt hatte. Ramsey kannte den Text intim und hatte 1923 Wittgenstein in Puchberg besucht, um Übersetzungsfragen zu klären.
Tonlage: **wohlwollend-kritisch**. Ramsey nennt die ABH „a most important book", schwierig zu verstehen — und beginnt sofort mit einer eigenständigen Rekonstruktion der Bildtheorie, weil er Russells Einleitung „is not an infallible guide to Mr. Wittgenstein's meaning" (Z. 36). Die Rezension ist methodisch außergewöhnlich: Ramsey paraphrasiert, definiert nach, schlägt eigene Klärungen vor und kritisiert dort, wo er Argumente unschlüssig findet.
**Bedeutung für die Wittgenstein-Rezeptionsgeschichte:**
- Erste *philosophisch ernsthafte* Auseinandersetzung mit der ABH.
- Bringt **frühe technische Vorbehalte** zur Sprache, die Wittgenstein selbst aufnimmt (in *Philosophischen Bemerkungen* 1929 und in der Diskussion mit Schlick/Waismann).
- Ramseys eigene Arbeit zu Wahrheit, Theorien und Quantoren (insbesondere *Universals* 1925, *Facts and Propositions* 1927) baut direkt auf dieser Lektüre auf.
- Wittgensteins **Rückkehr nach Cambridge 1929** geschieht teils auf Ramseys Drängen; Ramseys Tod 1930 (mit 26 Jahren!) trifft Wittgenstein schwer.
## Argumentationsgang
### Teil 1 — Würdigung und methodische Vorbehalte (Z. 150)
- ABH ist „of extraordinary interest and deserves the attention of all philosophers". Auch wenn das System unsolide wäre, enthielte das Buch „a large number of profound obiter dicta" (Z. 1416).
- **Schwierigkeit**: Wittgensteins Stil — nummerierte Sätze statt zusammenhängender Prosa — gewinnt epigrammatische Schärfe, aber verhindert „adequate explanations of many of his technical terms and theories" (Z. 3132).
- **Russell-Einleitung kritisch:** „it is possible that he [Russell] is not an infallible guide to Mr. Wittgenstein's meaning" (Z. 36). Ramsey signalisiert: ich rekonstruiere selbst.
### Teil 2 — Bildtheorie (Z. 50200)
**Der wichtigste Abschnitt der Rezension.** Ramsey rekonstruiert die Bildtheorie Schritt für Schritt.
- **Picture als Tatsache:** „A picture is a fact, the fact that its elements are combined with one another in a definite way. These elements are co-ordinated with certain objects" (Z. 6163).
- **Representing relation:** die Zuordnung der Bildelemente zu den Gegenständen. Ramsey liest 2.1513 so, dass das Bild ohne diese Relation kein Bild wäre.
- **Definition von „represents" und „sense":** Ramsey deutet 5.542 als implizite Definition. Wenn wir sagen, ein Bild stelle eine Tatsache dar, *meinen* wir damit, dass seine Elemente in dieser Weise verbunden sind und durch die Repräsentations-Relation mit den Gegenständen koordiniert sind.
- **Struktur und Form (Z. 76 ff.):** „The way in which objects hang together in the atomic fact is the structure of the atomic fact. The form is the possibility of the structure" (2.032, 2.033). Ramsey kritisiert die Unklarheit: „It is to be regretted that the above definitions do not make it clear whether two facts can ever have the same structure or the same form" (Z. 8890).
- **Identitätsthese:** Ramsey vermutet, dass die Struktur einer Tatsache auch davon abhängt, welche Gegenstände beteiligt sind — sodass zwei verschiedene Tatsachen niemals dieselbe Struktur haben.
**Kritische Spitze:** Ramsey arbeitet heraus, dass „**logische Form**" bei Wittgenstein die Art ist, wie die Gegenstände im Bild und in der Tatsache zueinander stehen. Diese Form selbst kann das Bild nicht abbilden — es weist sie nur auf (2.172). Ramsey nimmt diese Position auf und versucht, sie technisch zu schärfen.
### Teil 3 — Tautologie, Wahrheitsfunktion, Logik (Z. 200400)
- Ramsey lobt Wittgensteins Diagnose der Logik: **Logische Sätze sind tautologisch**, sie sagen nichts über die Welt, sondern sind „Resultate von Wahrheits-Operationen" (5.3).
- **Wahrheitstabellen** als Wittgensteins eigene Erfindung — Ramsey hebt das hervor.
- **Verhältnis zu Russell:** Ramsey arbeitet Wittgensteins Distanzierung von Russells *Principia Mathematica* heraus.
- Kritische Stelle: Wittgensteins Behauptung, die *allgemeine Satzform* (5.5) lasse sich angeben. Ramsey hat hier Vorbehalte, ohne die Position direkt abzulehnen.
### Teil 4 — Identität und Quantoren (Z. 400550)
Ramseys eigentliche technische Spezialität.
- **Wittgensteins Identitäts-Behandlung (5.535.5302):** Identität wird nicht durch „=" ausgedrückt, sondern durch Zeichengleichheit. Ramsey sieht die Eleganz der Position, aber auch praktische Schwierigkeiten.
- **Quantoren:** Wittgensteins „N(ξ̄)"-Operation und die allgemeine Form des Satzes. Ramsey kommentiert, dass diese Konstruktion stark vereinfachend ist, weil sie *unendliche* Konjunktionen voraussetzt.
- **Axiom of Infinity:** Wittgensteins Bemerkung, dass das Axiom keine logische Wahrheit sei. Ramsey sympathisch, aber: was bedeutet das für die Mathematik?
### Teil 5 — Solipsismus, Mystisches, Ethik (Z. 600710)
- **Solipsismus (5.65.64):** Ramsey rekonstruiert das Argument: Grenzen der Sprache = Grenzen der Welt; das metaphysische Subjekt ist die Grenze, nicht ein Bewohner der Welt.
- **Schopenhauer-Anschluss** wird kurz erwähnt — Ramsey sieht den Hintergrund.
- **Mystisches (6.44):** „The feeling of the world as a limited whole is the mystical feeling". Ramsey *widerspricht* Russell, der daraus „die Totalität der Werte von x ist mystisch" abgeleitet hatte. „I do not think we can follow Mr. Russell in deducing from this that the totality of values of x is mystical" (Z. 700702). Ramseys Lesart: das Mystische = das Gefühl, dass die Welt nicht alles ist, dass etwas „außerhalb" liegt — ihr Sinn.
- **Schlussbemerkung:** Wittgenstein macht „remarks, always interesting, sometimes extremely penetrating, on many other subjects, such as the Theory of Types, Ancestral-Relations, Probability, the Philosophy of Physics and Ethics" (Z. 705708). Knappe Würdigung des Restes.
## ABH-Stellen (Kurzkommentar)
- **2.032, 2.033, 2.034** — Struktur vs. Form (Z. 82): Hauptobjekt von Ramseys Schärfung.
- **2.1513** — „belongs to the picture" (Z. 64): Repräsentations-Relation.
- **2.172** — Form weist sich auf, kann sich nicht abbilden: Ramsey nimmt das als zentral.
- **5.542** — „A glaubt p" → „‚p' says p" (Z. 75): Ramsey liest dies als implizite Definition von „represents".
- **5.5302** — Russells Identitätszeichen mehrdeutig.
- **5.65.64** — Solipsismus.
- **6.44** — das Mystische, mit Anti-Russell-Lesart.
## Schlüsselbegriffe
- **picture, fact, sense** — Hauptbegriffstriade.
- **representing relation** — Ramseys Zentralbegriff für die Bildtheorie.
- **structure vs. form** — Schärfungsangebot.
- **identity** — Ramseys eigene technische Spezialität, hier kritisch.
- **mystical** — Anti-Russell-Lesart.
## Resonanz mit Buchprojekt
- **Erste philosophisch ernsthafte Bildtheorie-Rekonstruktion**: für jedes Kapitel des Buchs, das die Bildtheorie betrifft, ist Ramsey 1923 die *unhintergehbare* Referenz. Sie ist *vor* aller späteren Schulbildung verfasst — und liegt damit besonders nahe an dem, was Wittgenstein selbst meinte.
- **Anti-Russell-Lesart der Bildtheorie** ist eine Vorform der heutigen anti-metaphysischen Lesart (Ishiguro, McGinn). Ramsey signalisiert: nicht alles, was Russell sagt, deckt sich mit Wittgenstein.
- **6.44-Lesart** („Mystisches = Sinn außerhalb der Welt") ist eine *Korrektur Russells*, mit der die User-Lesart vom „Beobachter als Grenze" anschlussfähig wäre.
- **Identitäts-Diskussion** ist für das Buch nicht primär relevant (Funktion-vs-Operation behandelt Wittgenstein eher in 5.2x), aber Ramseys Skepsis ist methodisch interessant.
- **Wichtige biographische Pointe**: Ramsey hat die ABH 1922 *übersetzt* und 1923 in Puchberg mit Wittgenstein diskutiert. Die Rezension ist die einzige zu Lebzeiten Wittgensteins, die er ernst genommen hat (Brief an Russell, Wittgensteins eigene Bemerkungen 1929/30 zu Ramsey).
- **Ramseys Tod 1930** und seine Rolle für Wittgensteins Rückkehr zur Philosophie sind biographisch wichtig (vgl. McGuinness, Monk).
## Auffälligkeiten
- **Sehr früh**: 18 Monate nach der englischen Ausgabe. Das ist eine fast simultane Rezeption.
- **Eigenständigkeit**: Ramsey paraphrasiert nicht Russell, sondern liest direkt. Hochmoderne Lesehaltung für 1923.
- **Tonlage**: sehr fair, sachlich kritisch, ohne Polemik. Kontrast zur späteren scharfen Polemik (Carnap, Schlick) gegenüber der „mystischen" ABH.
- **Vorbote der mittleren Phase**: Wittgenstein nimmt einige von Ramseys Vorbehalten (Identität, allgemeine Satzform) in den *Philosophischen Bemerkungen* (19291930) auf — Ramseys Rezension ist *einer der Anstöße* für die Selbstrevision der ABH.
- **OCR-Artefakte**: das JSTOR-PDF ist gut lesbar, aber pdftotext verlöst etliche Worttrennungen. Für präzise Zitate Mind 1923 selbst konsultieren.
## Verwandte Stellen
- `literatur/russell-introduction.md` — Russells Einleitung, die Ramsey hier mehrfach kritisch zitiert.
- `literatur/hintikka-solipsism__analyse.md` — Hintikka 1958 nimmt Ramseys Solipsismus-Linie (zumindest in der Atmosphäre) auf.
- `literatur/kraft-sequential__analyse.md` — Krafts sequenzielle Lesart steht im Geist von Ramseys früher Direktauslegung.
- `ideenpool/topics/bildtheorie.md` — Buchprojekt-Topic.
- `ideenpool/topics/russell-und-frege-kritik.md` — Russells Einleitung als Negativfolie.
## Zur historischen Einordnung
Ramsey, Frank Plumpton (19031930):
- Mathematiker, Philosoph, Ökonom; King's College Cambridge.
- 1922: Mitübersetzer der ABH (engl. Erstausgabe, mit Ogden).
- 1923: Diese Rezension. Besuche Wittgenstein in Puchberg.
- 1925: *Universals*.
- 1927: *Facts and Propositions*.
- 1929: stirbt am 19. Januar 1930 an Gelbsucht/Hepatitis.
Wittgenstein hat Ramsey in PU-Vorwort als einen der Hauptanreger der Spätphilosophie genannt (neben Sraffa).