Files
wittgenstein/wittgenstein-schriften/Atlas/sprachspiel-und-bedeutung.md
T
marcusH 261c0c5241 reorg
2026-05-27 09:05:00 +02:00

86 lines
3.8 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters
This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.
---
title: Sprachspiel und Bedeutung — Atlas
type: atlas
tags:
- sprachspiel
- bedeutung-als-gebrauch
- familienähnlichkeit
---
# Sprachspiel und Bedeutung — werkübergreifend
Der Begriff **„Sprachspiel"** taucht in der ABH **nicht** auf — er ist eine **Erfindung der Spätphase**, beginnend mit den Blue/Brown Books (1933/34, englisch „language game") und den ersten deutschen Manuskripten Mitte der 1930er.
## Häufigkeit
| Werk | Sprachspiel | Bedeutung |
|---|---:|---:|
| ABH | 0 | 28 |
| TB 19141916 | 0 | 41 |
| BB (engl. „language game") | 14 | n. a. |
| PU | 41 | 88 |
| Zettel | 41 | 27 |
| ÜG | 33 | 18 |
| BGM | 48 | 43 |
| BPP | 70 | 99 |
| LSPP | 35 | 60 |
| PPF | 9 | 28 |
| BdF | 8 | 6 |
| VB | 0 | 8 |
## Hauptstellen
### Blue Book (Vorform)
- Beginnt mit der Frage „What is the meaning of a word?" — und arbeitet sich von dort an Augustinus-artigen Konzepten ab.
- Erster Auftritt von „**language game**" (lower-case): vereinfachte Sprachpraxen, die als Studienobjekte konstruiert werden.
### Brown Book (Vorform der PU §§17)
- Beginnt mit dem berühmten **Bauarbeiter-Beispiel**: „A is building with building-stones …" — Sprache als „**Block, Säule, Platte, Balken**".
- Wittgenstein nummeriert hier zum ersten Mal „Sprachspiele" durch (1, 2, 3, …) als Methode der „**Auseinanderlegung**".
### PU
- **§ 1**: Augustinus-Bild der Sprache.
- **§ 2**: das Bauarbeiter-Beispiel (aus dem Brown Book).
- **§ 7**: „**Sprachspiel**" wird eingeführt: „Auch das Ganze: der Sprache und der Tätigkeiten, mit denen sie verwoben ist."
- **§ 23**: Liste der Sprachspiele — Befehlen, Berichten, Schauspielern, Witzemachen … „die Vielfalt der Sprachspiele".
- **§ 43**: „**Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.**" (Schlüsselsatz.)
- **§ 6567**: **Familienähnlichkeit**. „Anstatt etwas anzugeben, was allem … gemeinsam ist, sage ich, es ist diesen Erscheinungen gar nicht eines gemeinsam … sondern sie sind miteinander in vielen verschiedenen Weisen verwandt." (§ 65)
- **§ 71**: Familienähnlichkeit als unscharfer Begriff — und das ist nicht defizient.
- **§ 130131**: das Sprachspiel als „**Vergleichsobjekt**", nicht als Vorbild der wirklichen Sprache.
- **§ 138139**: Bedeutung und Verstehen.
### Zettel
- Z 22: Sprachspiele als „Vergleichsobjekte".
- Z 391, 412 ff.: Familien-Ähnlichkeit, Bedeutungserlebnis.
### BGM
- BGM I § 5, § 35, § 165 ff.: Mathematik als Sprachspiel; Rechnen als Praxis.
- Sprachspiel der Beweisführung; Regel und ihr Gebrauch.
### BPP / LSPP
- Sprachspiele in der psychologischen Begriffsarbeit: was bedeutet „Erinnerung", „Hoffnung", „Wunsch"? Antwort jeweils: das Sprachspiel, in dem das Wort gebraucht wird.
- BPP I § 552, § 668: Familienähnlichkeit psychischer Begriffe.
### ÜG
- ÜG § 65, § 204, § 519: Sprachspiele setzen Sicherheiten voraus, die selbst nicht im Sprachspiel begründet werden.
- ÜG § 559: „Du musst bedenken, dass das Sprachspiel sozusagen etwas Unvorhersehbares ist."
## Übergreifende Beobachtungen
- **„Bedeutung als Gebrauch"** ist die Spätphase-Antithese zur ABH-These „Name bedeutet Gegenstand" (ABH 3.203: „Der Name bedeutet den Gegenstand.").
- **Familienähnlichkeit** ist die Spätphase-Antithese zur ABH-These einer gemeinsamen logischen Form (ABH 2.18, 4.5).
- **Sprachspiel** ist methodisches Werkzeug, nicht Theorie der Sprache: PU § 130 expliziert, dass Sprachspiele „Vergleichsobjekte" sind.
## Für das Buchprojekt
- Hauptbuch behandelt **ABH**; Sprachspiel-Begriff dort nicht zentral.
- Relevant nur als **Spätphase-Echo**: Wo sich die ABH-Bildtheorie der PU stellt, ist das Sprachspiel die methodische Auflösung der ABH-Festlegungen.
- Beispiel: **ABH 4.5** „Die allgemeine Satzform" ↔ **PU § 65** „Familienähnlichkeit".