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# Heinrich Hertz — Die Prinzipien der Mechanik
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*Heinrich Hertz, Die Prinzipien der Mechanik in neuem Zusammenhange dargestellt. Mit einem Vorworte von H. v. Helmholtz. Leipzig: Johann Ambrosius Barth, 1894.*
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Quelle: `resources/Heinrich Hertz - Die Prinzipien der Mechanik.pdf` (Google-Books-Scan, 352 Seiten).
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Konvertierung: tesseract (englisches Sprachmodell, da kein deutsches installiert; Antiqua-Text). **Nur PDF-Seiten 1–95 OCR-erfasst — das deckt das gesamte Wittgenstein-relevante Material ab** (Helmholtz-Vorwort, Hertz-Vorrede, Einleitung). Der mechanische Hauptteil (PDF-Seiten 95–352) ist nicht erfasst.
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**OCR-Qualität:** brauchbar, aber mit etlichen Artefakten:
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- „ü/ö/ä" wird oft als „ii/é/d/i" gelesen (z. B. „dafs" statt „daß", „kénnen" statt „können", „iiberhaupt" statt „überhaupt").
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- „ß" erscheint inkonsistent als „fs", „(s", „I"s".
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- Seitenüberschriften und Seitenzahlen sind als Zeilen erhalten.
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Für präzise Zitate ist das Original (Google Books oder Project Gutenberg) zu konsultieren. Diese MD ist eine **Suchgrundlage**, kein Zitiertext.
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PDF-Seitenmarkierungen `[PDF-PAGE N]` sind erhalten.
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Vorwort von H. v. Helmholtz.
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Am 1, Januar 1894 starb Hemwricn Hertz. Fir alle, die
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den Fortschritt der Menschheit in der miéglichst breiten Ent-
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wickelung ihrer geistigen Fahigkeiten und in der Herrschaft
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des Geistes iiber die natiirlichen Leidenschaften wie tiber die
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widerstrebenden Naturkrafte zu sehen gewohnt sind, war die
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Nachricht vom Tode dieses bevorzugten Lieblings des Genius
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eine tief erschiitternde. Durch seltenste Gaben des Geistes
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und Charakters begiinstigt, hat er in seinem leider so kurzen
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Leben eine Fiille fast unverhofiter Friichte geerntet, um deren
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Gewinnung sich wahrend des vorausgehenden Jahrhunderts
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viele von den begabtesten seiner Fachgenossen vergebens be-
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miht haben. — In alter, klassischer Zeit wirde man gesagt
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haben, er sei dem Neide der Gétter zum Opfer gefallen. Hier
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schienen Natur und Schicksal in ganz ungewéhnlicher Weise
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die Entwickelung eines Menschengeistes begiinstigt zu haben,
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der alle zur Lésung der schwierigsten Probleme der Wissen-
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schaft erforderlichen Anlagen in sich vereinigte. Es war ein
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Geist, der ebenso der héchsten Scharfe und Klarheit des
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vIn. Vorwort von H. v. Helmholtz.
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logischen Denkens fahig war, wie der gréfsten Aufmerksamkeit
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in der Beobachtung unscheinbarer Phainomene. Der unein-
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geweihte Beobachter geht an solchen leicht vortiber, ohne auf
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sie zu achten; dem schirferen Blicke aber zeigen sie den Weg
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an, durch den er in neue unbekannte Tiefen der Natur ein-
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zudringen vermag.
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Hemearico Hurrz schien pridestiniert zu sein, der Mensch-
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heit solche neue Hinsicht in viele bisher verborgene Tiefen der
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Natur zu erschliefsen, aber alle diese Hoffnungen scheiterten
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an der ttickischen Krankheit, die, langsam und unaufhaltsam
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vorwarts schleichend, dieses der Menschheit so kostbare Leben
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vernichtete und alle darauf gesetzten Hoffnungen grausam
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zerstérte. ,
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Ich selbst habe diesen Schmerz tief empfunden, denn unter
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allen Schiilern, die ich gehabt habe, durfte ich Hzetz immer
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als denjenigen betrachten, der sich am tiefsten in meinen
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eigenen Kreis von wissenschaftlichen Gedanken eingelebt hatte,
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‘und auf den ich die sichersten Hoffnungen fir ihre weitere
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Entwickelung und Bereicherung glaubte setzen zu diirfen.
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Hemeicu Rupotr Hertz ward am 22. Februar 1857 in
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Hamburg als Altester Sohn des damaligen Rechtsanwalts,
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spiiteren Senators Dr. Hertz geboren. Nachdem er bis zu
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seiner Konfirmation den Unterricht in einer der stidtischen
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Biargerschulen erhalten hatte, trat er nach einem Jahre hius-
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licher Vorbereitung fiir héher reichende Studien in die Ge-
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lehrtenschule seiner Vaterstadt, das Johanneum, ein und ver-
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liefs dieselbe 1875 mit dem Zeugnis der Reife. Er gewann
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schon als Knabe die Anerkennung seiner Eltern und Lehrer
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wegen seines ungewdhnlich regen Pflichtgeftihls. Die Art.
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seiner Begabung zeigte sich schon friith dadurch, dafs er aus
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eigenem Antriebe neben seinen Schulfaichern mechanische Ar-
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beiten an der Hobel- und Drehbank betrieb, daneben Sonntags
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die Gewerbeschule besuchte, um sich im geometrischen Zeichnen
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zu tiben, und sich mit den einfachsten Hilfsmitteln brauch-
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bare Instrumente optischer und mechanischer Art zu erbauen
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bestrebte..
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Als er nach Beendigung seines Schulkursus sich zu der
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Vorwort von H. v. Helmholtx. x
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Wahl eines Berufs entschliefsen mufste, wihlte er den des
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Ingenieurs. Es scheint, dafs die auch in spiteren Jahren
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als ein charakteristischer Grundzug seines Wesens hervor-
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tretende Bescheidenheit ihn an seiner Begabung fir theore-
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tische Wissenschaft zweifeln liefs, und dafs er sich bei der
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Beschiftigung mit seinen geliebten mechanischen Arbeiten des
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Erfolges sicherer fiihlte, weil er. deren Tragweite schon damals
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ausreichend verstand. Vielleicht hat ihn auch die in seiner
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Vaterstadt herrschende, mehr dem Praktischen zugeneigte
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Sinnesweise beeinflufst. Ubrigens beobachtet man nicht selten
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diese Art zaghafter Bescheidenheit gerade bei jungen Leuten
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_ von hervorragenden Anlagen. Sie haben wohl eine deutliche
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Vorstellung von den Schwierigkeiten, die vor der Erreichung
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des ihnen vorschwebenden hohen Zieles zu tiberwinden sind,
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und miissen ihre Krafte erst praktisch erprobt haben, ehe
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sie das zu ihrem schweren Werke nétige Selbstvertrauen ge-
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winnen. Aber auch in ihrer spateren Entwickelung pflegen
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reich veranlagte Naturen um so unzufriedener mit ihren
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eigenen Werken zu sein je héher ihre Fahigkeiten und ihre
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Ideale reichen. Die Begabtesten erreichen offenbar nur des-
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halb das Hichste, weil sie am empfindlichsten gegen jede Un-
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vollkommenheit sind, und am wunermiidlichsten an deren
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Beseitigung arbeiten.
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Volle zwei Jahre dauerte bei Hemeice Hertz dieses
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Stadium des Zweifels. Dann entschlofs er sich im Herbst 1877
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zur akademischen Laufbahn, da er bei reifenden Kenntnissen
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sich innerlich iiberzeugte, dafs er nur in wissenschaftlicher Ar-
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beit dauernde Befriedigung finden wirde. Der Herbst 1878
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fihrte ihn nach Berlin, wo ich ihn zuerst als Praktikanten in
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dem von mir geleiteten physikalischen Laboratorium der Uni-
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versitit kennen lernte. Schon wahrend er die elementaren
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Ubungsarbeiten durchfihrte, sah ich, dafs ich es hier mit einem
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Schiller von ganz ungewdhnlicher Begabung zu thun hatte,
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und da mir am Ende des Sommersemesters die Aufgabe zu-
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fiel, das Thema zu einer physikalischen Preisarbeit fir die ©
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Studierenden vorzuschlagen, wahlte ich eine Frage aus der
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Elektrodynamik, in der sicheren, nachher auch bestitigten —
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x . Vorwort von H. v. Helmholtz.
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Voraussetzung, dafs Hertz sich dafiir interessieren und sie mit
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Erfolg angreifen werde.
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Die Gesetze der Elektrodynamik wurden damals in Deutsch-
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land noch von der Mehrzahl der Physiker aus der Hypothese
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von W. Wesee hergeleitet, welche die elektrischen und mag-
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netischen Erscheinungen auf eine Modifikation der NEwrton’-
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schen Annahme von unmittelbar und geradlinig in die Ferne
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wirkenden Krafte zuriickzufiihren suchte. Die Abnahme der
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betreffenden Krafte in der Ferne sollte demselben Gesetze
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wie die von NEwron angenommene Gravitationskraft und die
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von Covutoms zwischen je zwei elektrisierten Massenpunkten
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gemessene scheinbare Fernkraft folgen, es sollte namlich die
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Intensitat der Kraft dem Quadrate des Abstandes der auf
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einander wirkenden elektrischen Quanta umgekehrt, dem Pro-
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dukte der beiden Quanta aber direkt proportional sein, und
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zwar mit abstofsender Wirkung zwischen gleichnamigen, an-
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ziehender zwischen vungleichnamigen Mengen. Ubrigens
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wurde in Weser’s Hypothese die Ausbreitung dieser Kraft
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durch den unendlichen Raum als augenblicklich und mit un-
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endlicher Geschwindigkeit erfolgend vorausgesetzt. Der ein-
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zige Unterschied zwischen W. Wxsrr’s Annahme und der von
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Covitoms bestand darin, dafs Wrsrr voraussetzte, auch die
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Geschwindigkeit, mit der sich die beiden elektrischen Quanta
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einander naherten oder von einander entfernten, und auch
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die Beschleunigungen dieser Geschwindigkeiten kénnten einen
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Einflufs auf die Gréfse der Kraft zwischen den beiden elek-
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trischen Mengen haben. Neben dieser Wxsur’schen Hypo-
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these bestanden noch eine Reihe 4hnlicher anderer, die alle
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das Gemeinsame hatten, dafs sie die Gréfse der CouLoms’schen
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Kraft noch durch den Kinflufs irgend einer Komponente der
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Geschwindigkeit der bewegten elektrischen Quanta modifiziert
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ansahen. Solche Hypothesen waren von F’.E. NevMANN, von dessen
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Sohne C. Neumann, von Riemann, Grossmann, spiter von
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Cuavsrus aufgestellt worden. Magnetisierte Molekeln galten
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als Achsen elektrischer Kreisstréme, nach einer schon von AmM-
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PrRE aufgefundenen Analogie ihrer nach aufsen gerichteten
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Wirkungen.
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Vorwort von H. v. Helmholtz. xI
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Diese bunte Blumenlese von Annahmen war in ihren Folger-
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ungen sehr wenig iibersichtlich und erforderte zu ihrer Ab-
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leitung verwickelte Rechnungen, Zerlegungen der Einzelkrifte
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in ihre verschieden gerichteten Komponenten u.s.w. So war!
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das Gebiet der Elektrodynamik um jene Zeit zu einer un-|
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wegsamen Wiiste geworden. Beobachtete Thatsachen und |
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Folgerungen aus hichst zweifelhaften Theorien liefen ohne
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sichere Grenze durcheinander. In dem Streben, dieses Wirrsal
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tibersehen zu lernen, hatte ich es tibernommen, das Gebiet
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der Elektrodynamik, so weit ich sah, zu klaren, und die.
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unterscheidenden Folgerungen der verschiedenen Theorien auf-
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zusuchen, um wo mdglich durch passend angestellte Versuche
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zwischen ihnen zu entscheiden.
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Es ergab sich daraus folgendes allgemeine Resultat:
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Alle Erscheinungen, die vollkommen geschlossene Stréme
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bei ihrer Zirkulation durch in sich zuriicklaufende metallische
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Leitungskreise hervorrufen und die die gemeinsame Higentiim-
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lichkeit haben, dafs es, wahrend sie fliefsen, zu keiner erheb-
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lichen Verainderung der in einzelnen Teilen des Leiters
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angesammelten elektrischen Ladungen kommt, liefsen sich aus
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allen den genannten Hypothesen gleich gut ableiten. Ihre
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Folgerungen stimmten sowohl mit Ampzre’s Gesetzen der
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elektromagnetischen Wirkungen, wie mit den von Fanra-
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pay und Lenz entdeckten und von F. E. Neumann verallge-
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meinerten Gesetzen der induzierten elektrischen Stréme wohl
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tiberein. In wunvollstiindig geschlossenen leitenden Kreisen
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dagegen fihrten die verschiedenen oben genannten Hypothesen
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zu wesentlich verschiedenen Folgerungen. Die erwahnte gute
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Ubereinstimmung aller der verschiedenen damaligen Theorien
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mit den an vollstandig geschlossenen Strémungen beobachteten
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Thatsachen erklirt sich leicht daraus, dafs man geschlossene
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Stréme beliebig lange Zeit und in beliebiger Starke unterhalten
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kann, jedenfalls lange genug, dafs die von ihnen ausgeiibten
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Krifte volle Zeit haben, ihre Wirkungen sichtbar zu entfalten,
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dafs deshalb die thatséchlichen Wirkungen solcher Stréme und
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ihre Gesetze wohlbekannt und genau ermittelt waren. Daher
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wiirde jede Abweichung einer neu aufgestellten Theorie von
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xo Vorwort von H. v. Helmholtx.
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irgend einer der bekannten Thatsachen dieses wohl durch-
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gearbeiteten Gebietes schnell aufgefallen und zur Widerlegung
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der Theorie benutzt worden sein.
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Dagegen sammeln sich an den offenen Enden ungeschlossener
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Leiter, wo sich isolierende Massen zwischen diese Enden ein-
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schieben, durch jede elektrische Bewegung lings der Linge des
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Leiters sogleich elektrische Ladungen an, herrihrend von der
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gegen das Ende des Leiters hindrangenden Elektricitit, die
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ibrén Weg durch den Isolator nicht fortsetzen kann. Hine aufser-
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ordentlich kurze Dauer der Strémung geniigt in einem solchen
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Falle, um die abstofsende Kraft der am Ende angehiuften
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Elektricitét gegen die gleichnamige nachdringende so hoch zu
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steigern, dafs diese in ihrer Bewegung vollstandig gehemmt
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wird, wonach zunichst das weitere Zustrémen aufhért und
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nach momentaner Ruhe dann ein schnelles Zuriickdriingen der
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angesammelten Elektricitaét folgt.
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Es war fiir jeden Kenner der thats&chlichen Verhiltnisse
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zu jener Zeit klar, dafs sich das vollkommene Verstaéndnis der
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Theorie der elektromagnetischen Erscheinungen nur durch die
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genaue Untersuchung der Vorginge bei diesen sehr schnell
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voriibergehenden ungeschlossenen Strémen werde gewinnen
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lassen. W. Weser hatte versucht, gewisse Schwierigkeiten
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seiner elektrodynamischen Hypothese zu beseitigen oder zu
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vermindern dadurch, dafs er sich auf die Méglichkeit berufen,
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die Elektricitit kénne einen gewissen Grad von Beharrungs-
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vermégen haben, wie es den schweren Kérpern zukomme.
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Scheinbar zeigen bei Schliefsung und Unterbrechung jedes
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Stromes sich Wirkungen, die den Anschein eines Beharrungs-
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vermégens der Elektricitaét vortiuschen. Diese rihren aber
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von der sogenannten elektrodynamischen Induktion d. h. von
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einer gegenseitigen Kinwirkung nahe gelegener Stromleiter auf
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einander her und sind in ihren Gesetzen seit Farapay wohl-
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bekannt. Wahres Beharrungsvermégen miifste nur der Masse
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der bewegten Elektricitét proportional sein, ohne von der Lage
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des Leiters abzuhingen. Wenn etwas derart existierte, miif{ste
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es sich durch eine Verlangsamung der oscillierenden Bewegungen
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der Elektricitiét zu erkennen geben, wie sie nach jahen Unter-
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Vorwort von H. v. Helmholtz. xu
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brechungen elektrischer Stréme in gut leitenden Drahten sich
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zeigen. Auf diesem Wege liefs sich die Bestimmung einer
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oberen Grenze fiir den Wert dieses Beharrungsvermigens er-
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warten, und deshalb stellte ich die Aufgabe, iiber die Grilfse
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von Extrastrémen Versuche auszufihren. Aus diesen sollte
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wenigstens eine obere Grenze fir die bewegte Masse fest-
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gestellt werden. Es waren schon in der Aufgabe, als zu diesen
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Versuchen besonders geeignet erscheinend, Extrastréme aus
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doppeltdrahtigen Spiralen vorgeschlagen, deren Zweige in ent-
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gegengesetzter Richtung durchflossen waren. In der Liésung
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dieser Aufgabe bestand die erste gréfsere Arbeit von Hemricu
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Hertz. Er giebt darin eine pricise Antwort auf die gestellte
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Frage und zeigt, dafs hiéchstens 1/,, bis 1/,, des Extrastromes
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aus einer doppeltdrahtigen Spirale der Wirkung einer Trigheit
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der Elektricitét zuzuschreiben sei. Diese Arbeit wurde mit
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dem Preise gekrént.
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Aber Hzrrz beschrankte sich nicht auf die vorgeschlagenen
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Versuche. Er erkannte namlich, dafs bei geradlinig aus-
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gespannten Drihten die Induktionswirkungen, trotz ihrer sehr
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viel geringeren Starke, viel genauer zu berechnen waren, als
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bei Spiralen mit vielen Windungen, weil er hier die Lagerungs-
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verhaltnisse nicht genau abmessen konnte. Daher beniitzte er
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zu weiteren Versuchen eine Leitung aus zwei Rechtecken
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von geraden Drahten und fand hier, dafs der von dem Be-
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harrungsvermiégen herriihrende Extrastrom héchstens 1/,,, von
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dem Werte des Induktionsstromes betrage.
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Untersuchungen tiber den Hinflufs der Centrifugalkraft in
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einer schnell rotierenden Platte auf die Bewegung eines sie
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durchfliefsenden elektrischen Stromes fihrten ihn zu einer
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noch viel tiefer liegenden oberen Grenze des Beharrungs-
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vermégens der Elektricitit.
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Diese Versuche haben ihm offenbar die ungeheure Be-
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weglichkeit der Elektricitét eindringlich zur Anschauung ge-
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bracht und ihm geholfen, die Wege zu finden, um seine
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wichtigsten Entdeckungen zu machen.
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In England waren durch Farapay ganz andere Vor-
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stellungen tiber das Wesen der Elektricitét verbreitet. Seine
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XIV Vorwort von H. v. Helmholix.
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in schwerverstandlicher abstrakter Sprache vorgetragenen Ideen
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brachen sich nur langsam Bahn, bis sie in CuanrkK MaxweEuu
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einen berufenen Interpreten fanden. Farapay’s Hauptbestreben
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bei der Erklirung der elektrischen Erscheinungen ging dahin,
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alle Voraussetzungen, bestehend in Annahmen von nicht direkt
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wahrnehmbaren Vorgaéngen oder Substanzen, auszuschliefsen.
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Vor allem wies er, wie es einst zu Anfang seiner Laufbahn
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schon Newron gethan, die Hypothese von der Existenz der
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Fernkrafte zuriick. Es schien ihm undenkbar, wie die dlteren
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Theorien annahmen, dafs direkte und unmittelbare Wirkungen
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zwischen zwei réumlich getrennten Kérpern bestehen sollten,
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ohne dafs in den zwischenliegenden Medien irgend eine Ver-
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ainderung vor sich gehe. Daher suchte er zundchst nach
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Spuren von Veranderungen in Medien, welche zwischen elektri-
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sierten oder zwischen magnetischen Kérpern lagen. Es gelang
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ihm der Nachweis von Magnetismus oder Diamagnetismus bei
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fast allen bisher fiir unmagnetisch geltenden Kérpern. Ebenso
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wies er nach, dafs unter der Einwirkung elektrischer Kriifte
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gut isolierende Kérper eine Veranderung erlitten; diese be-
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zeichnete er als ,dielektrische Polarisation der Iso-
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latoren“.
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Es liefs sich nicht verkennen, dafs die Anziehung zwischen
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zwei mit Elektricitiét beladenen Leitern oder zwischen zwei
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entgegengesetzten Magnetpolen in Richtung ihrer Kraftlinien
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sich wesentlich verstérken mufste, wenn man dielektrisch oder
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magnetisch polarisierte Medien zwischen sie einschaltete. Quer
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gegen die Kraftlinien mufste dagegen eine Abstofsung ent-
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stehen. Nach diesen Entdeckungen konnte nicht mehr ge-
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leugnet werden, dafs ein Teil der magnetischen und elektrischen
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Fernwirkung durch Vermittelung der zwischenliegenden polari-
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sierten Medien zu stande kame, ein anderer konnte freilich
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immerhin noch iibrig bleiben, der einer direkten Fernkraft
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angehorte.
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Farapay und Maxwstt neigten sich der einfacheren An-
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nahme zu, dafs iiberhaupt Fernkrifte nicht existierten, und Max-
|
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WELL entwickelte die mathematische Fassung dieser Hypothese,
|
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welche allerdings eine vollstindige Umkehr der bisherigen An-
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[PDF-PAGE 21]
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||
Vorwort von H. v. Helmholtz. xv
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schauungen verlangte. Danach mufste der Sitz der Verinder-
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ungen, welche die elektrischen Erscheinungen hervorbringen,
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||
nur noch in den Isolatoren gesucht werden, Entstehen und
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Vergehen der Polarisationen in den Isolatoren muiste der
|
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Grund der scheinbar in den Leitern stattfindenden elektrischen
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||
Bewegungen sein. Ungeschlossene Stréme gab es nicht mehr,
|
||
denn die Anhaufung elektrischer Ladungen an den Enden
|
||
der Leitung und die dabei in den sie trennenden Isolatoren
|
||
auftretende dielektrische Polarisation stellte eine Aquivalente
|
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elektrische Bewegung in den zwischenliegenden Isolatoren dar,
|
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die die Liicke des Stromes zu erginzen geeignet schien.
|
||
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Schon Farapay hatte mit seiner sehr sicheren und tief-
|
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gehenden inneren Anschauung geometrischer und mechanischer
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Fragen erkannt, dafs die Verteilung der elektrischen Fern-
|
||
wirkungen im Raume nach diesen Annahmen genau mit der
|
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durch die alte Theorie gefundenen stimmen mulste.
|
||
|
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MaxweEt. bestitigte und erweiterte dies mit den Hilfs-
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||
mitteln der mathematischen Analysis zu einer vollstindigen
|
||
Theorie der Elektrodynamik. Ich selbst erkannte sehr wohl
|
||
das Zwingende in den von Farapay gefundenen Thatsachen
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||
und untersuchte zunachst die Frage, ob Fernwirkungen iber-
|
||
haupt existierten uud in Betracht gezogen werden missten.
|
||
Der Zweifel schien mir zundchst in einem so verwickelten Ge-
|
||
biete der wissenschaftlichen Vorsicht gemafs zu sein und konnte
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zu entscheidenden Versuchen hinleiten.
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Das war der Stand der Frage, als Hemerica Hertz
|
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nach Beendigung seiner vorgenannten Preisarbeit in die Unter-
|
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suchung eintrat.
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Nach Maxwett’s Auffassung war es wesentlich entscheidend
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fiir seine Theorie, ob das Entstehen und Vergehen dielektrischer
|
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Polarisation in einem Isolator dieselben elektrodynamischen
|
||
Wirkungen in der Umgebung hervorbringt, wie ein galvanischer
|
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Strom in einem Leiter. Diesen Nachweis zu erbringen erschien
|
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mir als eine ausfiihrbare und hinreichend wichtige Arbeit, um
|
||
sie zum Gegenstand einer der grofsen Preisaufgaben der Ber-
|
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liner Akademie zu machen.
|
||
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[PDF-PAGE 22]
|
||
XVI Vorwort von H. v. Helmholtz.
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Wie sich, an diese von den Zeitgenossen vorbereiteten
|
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Keime ankniipfend, die Entdeckungen von Herrz weiter ent-
|
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wickelten, hat er selbst in der EKinleitung seines interessanten
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Buches: Untersuchungen iiber die Ausbreitung der
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elektrischen Kraft so anschaulich und interessant entwickelt,
|
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dafs kein Anderer dazu etwas wesentliches oder gar besseres
|
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hinzufiigen kénnte. Dieser Bericht ist als eine héchst auf-
|
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richtige und eingehende Darstellung einer der wichtigsten
|
||
und folgenreichsten Entdeckungen von hervorragendem Werte.
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Leider besitzen wir nicht viel ahnliche Akten iiber die innere
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psychologische Geschichte der Wissenschaft, und wir sind dem
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Verfasser auch dafiir den griéfsten Dank schuldig, dafs er uns
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so tief in das Innere seiner Gedankenwerkstatt und selbst in
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die Geschichte seiner zeitweiligen Irrtiimer hat schauen lassen.
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Nur iiber die Folgen dieser neuen Entdeckungen wire
|
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noch einiges hinzuzufiigen.
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Die Ansichten, deren Richtigkeit Hertz spiter bestitigt
|
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hat, waren allerdings, wie oben bemerkt, vor ihm durch
|
||
Farapay und Maxwett als méglich oder selbst als héchst
|
||
wahrscheinlich schon aufgestellt, aber die thatsichlichen Be-
|
||
weise ihrer Richtigkeit fehlten noch. Hertz hat nun in der
|
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That diese Beweise geliefert. Nur einem ungewéhnlich auf-
|
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merksamen Beobachter, der die Tragweite jeder unvermuteten
|
||
und bis dahin unbeachteten Erscheinung sogleich durchschaut,
|
||
konnten die héchst unscheinbaren Phanomene auffallen, die ihn
|
||
auf den richtigen Weg geleitet haben. Es wire eine hoffnungs-
|
||
lose Aufgabe gewesen, schnell wechselnde Stréme mit einer
|
||
Dauer von Zehntausendteilen oder gar nur Millionteilen einer
|
||
Sekunde am Galvanometer oder mittels irgend einer anderen
|
||
damals geiibten experimentellen Methode sichtbar zu machen.
|
||
Denn alle endlichen Kriafte brauchen eine gewisse Zeit zur
|
||
Hervorbringung endlicher Geschwindigkeiten und zur Ver-
|
||
schiebung von Kiérpern von irgend welchem Gewicht, auch
|
||
so geringem, wie es die Magnetnadeln unserer Galvanometer
|
||
zu haben pflegen. Aber elektrische Funken kénnen zwischen
|
||
den Enden einer Leitung sichtbar werden, wenn auch nur
|
||
fir ein Milliontel Sekunde die elektrische Spannung an den
|
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[PDF-PAGE 23]
|
||
Vorwort von H. v. Helmholix. XVII
|
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||
Enden einer solchen Leitung hoch genug gesteigert wird,
|
||
dafs der Funke eine winzige Luftschicht durchbrechen kann.
|
||
Hertz war durch seine friheren Untersuchungen schon wohl-
|
||
bekannt mit der Regelmafsigkeit und enormen Geschwindigkeit
|
||
dieser sehr schnellen Oscillationen der Elektricitét, und seine
|
||
Versuche, auf diesem Wege die fliichtigsten elektrischen Be-
|
||
wegungen zu entdecken und sichtbar zu machen, gelangen
|
||
ihm verhaltnismifsig schnell. Er fand sehr bald die Bedingungen,
|
||
unter denen er die Oscillationen ungeschlossener Leitungen
|
||
in solcher Regelmafsigkeit erzielen konnte, dafs er ihre Ab-
|
||
hangigkeit von den verschiedensten Nebenumstinden ermitteln
|
||
und dadurch die Gesetze ihres Auftretens und sogar den Wert
|
||
ihrer Wellenlinge in der Luft und ihre Fortpflanzungs-
|
||
geschwindigkeit ermitteln konnte. Bei dieser ganzen Unter-
|
||
suchung mufs man immer wieder den Scharfsinn seiner Uber-
|
||
legungen und sein experimentelles Geschick bewundern, die
|
||
sich in der gliicklichsten Weise erganzten,
|
||
|
||
Herz hat durch diese Arbeiten der Physik neue Anschau-
|
||
ungen natiirlicher Vorgiinge von dem gréfsten Interesse gegeben.
|
||
Es kann nicht mehr zweifelhaft sein, dafs die Lichtschwingungen
|
||
elektrische Schwingungen in dem den Weltraum fillenden
|
||
Ather sind, dafs dieser selbst die Eigenschaften eines Isolators
|
||
und eines magnetisierbaren Medium hat. Die elektrischen
|
||
Oscillationen im Ather bilden eine Zwischenstufe zwischen
|
||
den verhiltnismafsig langsamen Bewegungen, welche etwa
|
||
durch elastisch ténende Schwingungen magnetisierter Stimm-
|
||
gabeln dargestellt werden, und den ungeheuer schnellen
|
||
Schwingungen des Lichts andererseits; aber es lafst sich nach-
|
||
weisen, dafs ihre Fortpflanzungsgeschwindigkeit, ihre Natur
|
||
als Transversalschwingungen, die damit zusammenhingende
|
||
Moéglichkeit der Polarisationserscheinungen, der Brechung und
|
||
Reflexion vollstindig denselben Verhiltnissen entsprechen wie
|
||
bei dem Lichte und bei den Warmestrahlen. Nur fehlt den
|
||
elektrischen Wellen die Fahigkeit das Auge zu affizieren,
|
||
wie diese auch den dunklen Warmestrahlen fehlt, deren
|
||
Schwingungszahl dazu nicht grofs genug ist.
|
||
|
||
Es ist gewils eine grofse Errungenschaft, die vollstandigen
|
||
|
||
a"
|
||
|
||
[PDF-PAGE 24]
|
||
xVII Vorwort von H. v. Helmholtz.
|
||
|
||
Beweise dafir geliefert zu haben, dafs das Licht, eine so ein-
|
||
flufsreiche und so geheimnifsvolle Naturkraft, einer zweiten
|
||
ebenso geheimnisvollen, und vielleicht noch beziehungsreicheren
|
||
Kraft, der Elektricitét, auf das engste verwandt ist. Ftr die
|
||
theoretische Wissenschaft ist es vielleicht noch wichtiger, ver-
|
||
stehen zu kénnen, wie anscheinende Fernkrafte durch Uber-
|
||
tragung der Wirkung von einer Schicht des zwischenliegenden
|
||
Medium zur niachsten fortgeleitet werden. Freilich bleibt noch
|
||
das Ratsel der Gravitation stehen, die wir noch nicht folge-
|
||
richtig anders, denn als eine reine Fernkraft zu erklaren
|
||
wissen.
|
||
Herricu Hertz hat sich durch seine Entdeckungen einen
|
||
: bleibenden Ruhm in der Wissenschaft gesichert. Sein Andenken
|
||
,wird aber nicht nur durch seine Arbeiten fortleben, auch seine
|
||
: liebenswiirdigen Charaktereigenschaften, seine sich immer gleich-
|
||
bleibende Bescheidenheit, die freudige Anerkennung fremden
|
||
‘Verdienstes, die treue Dankbarkeit, die er seinen Lehrern be-
|
||
;wahrte, wird Allen, die ihn kannten, unverge(slich sein. Ihm
|
||
‘selbst war es nur um die Wahrheit zu thun, die er mit Aufser-
|
||
_stem Ernst und mit aller Anstrengung verfolgte; nie machte
|
||
sich die geringste Spur. von Ruhmsucht oder persénlichem
|
||
Interesse bei ihm geltend. Auch da, wo er einiges Recht ge-
|
||
habt hitte, Entdeckungen fir sich in Anspruch zu nehmen,
|
||
war er eher geneigt stillschweigend zuriickzutreten. Im ganzen
|
||
still und schweigsam, konnte er doch heiter an fréhlichem
|
||
:Freundeskreise teilnehmen und die Unterhaltung durch manches
|
||
treffende Wort beleben. Er hat wohl nie einen persénlichen
|
||
:Gegner gehabt, obgleich er gelegentlich tiber nachlissig ge-
|
||
‘machte oder renomistisch auftretende Bestrebungen, die sich
|
||
fir Wissenschaft ausgaben, ein scharfes Urteil fallen konnte.
|
||
; Sein dufserer Lebensgang verlief folgendermafsen: Im Jahre
|
||
\ 1880 trat er als Assistent im Physikalischen Laboratorium der
|
||
// Berliner Universitét ein; 1883 veranlafste ihn das preulsische
|
||
\ Kultusministerium, sich in Kiel mit Aussicht auf baldige Be-
|
||
‘| forderung zu habilitieren. Zu Ostern 1885 wurde er als ordent-
|
||
y licher Professor der Physik an die technische Hochschule zu
|
||
; Karlsruhe berufen. Hier machte er seine hauptsichlichsten
|
||
|
||
~
|
||
|
||
[PDF-PAGE 25]
|
||
Vorwort von H. v. Helmholtx. xix
|
||
|
||
Entdeckungen, und hier verheiratete er sich mit Fraulein
|
||
Elisabeth Doll, der Tochter eines Kollegen. Schon nach zwei
|
||
Jahren erhielt er einen Ruf als Ordinarius der Physik an die
|
||
Universitit Bonn, dem er zu Ostern 1889 folgte.
|
||
|
||
In den nun folgenden leider so kurzen Jahren seines
|
||
Lebens brachten ihm seine Zeitgenossen alle dufseren Zeichen |
|
||
der Ehre und Anerkennung entgegen. Im Jahre 1888 wurde/
|
||
ihm die Matteucci-Medaille von der italienischen Gesellschaft
|
||
der Wissenschaften, 1889 von der Academie des Sciences in
|
||
Paris der Preis La Caze und von der K. K. Akademie zu Wien,
|
||
der Baumgartner-Preis, 1890 die Rumford-Medaille von der
|
||
Royal Society in London, 1891 der Bressa-Preis von der Kénig-:
|
||
lichen Akademie in Turin verlichen. \
|
||
|
||
Die Akademien von Berlin, Miinchen, Wien, Gottingen, ,
|
||
Rom, Turin und Bologna, sowie viele andere gelehrte Gesell-.
|
||
schaften wahlten ihn zum korrespondierenden Mitglied, und .
|
||
die preufsische Regierung verlich ihm den Kronenorden.
|
||
|
||
Er sollte sich seines steigenden Ruhmes nicht lange er-
|
||
freuen. Eine qualvolle Knochenkrankheit fing an sich zu ent-
|
||
wickeln; im November 1892 schon trat das Ubel drohend auf.
|
||
Kine damals ausgefithrte Operation schien das Leiden fiir kurze
|
||
Zeit zuriickzudringen. Hertz konnte seine Vorlesungen, wenn |
|
||
auch mit grofser Anstrengung, bis zum 7. Dezember 1893 fort- ;
|
||
setzen; am 1. Januar 1894 erldste ihn der Tod von seinen }
|
||
Leiden.
|
||
|
||
Wie sehr das Nachsinnen von Herrz auf die allgemeinsten
|
||
Gesichtspunkte der Wissenschaft gerichtet war, zeigt auch
|
||
wieder das letzte Denkmal seiner irdischen Thitigkeit, das
|
||
vorliegende Buch tiber die Prinzipien der Mechanik.
|
||
|
||
Er hat versucht, darin eine konsequent durchgefiihrte Dar-
|
||
stellung eines vollstindig in sich zusammenhangenden Systems
|
||
der Mechanik zu geben und alle einzelnen besonderen Gesetze
|
||
dieser Wissenschaft aus einem einzigen Grundgesetz abzu-
|
||
leiten, welches logisch genommen natiirlich nur als eine plau-
|
||
sible Annahme betrachtet werden kann. Er ist dabei zu den
|
||
altesten theoretischen Anschauungen zuriickgekehrt, die man
|
||
eben deshalb auch wohl als die einfachsten und natirlichsten
|
||
|
||
[PDF-PAGE 26]
|
||
xx Vorwort von H. v. Helmholtz.
|
||
|
||
ansehen darf, und stellt die Frage, ob diese nicht ausreichen
|
||
wirden, alle die neuerdings abgeleiteten allgemeinen Prinzipien
|
||
der Mechanik konsequent und in strengen Beweisen herleiten
|
||
zu kénnen, auch wo sie bisher nur als induktive Verallge-
|
||
meinerungen aufgetreten sind. .
|
||
|
||
Die erste Entwickelung der wissenschaftlichen Mechanik
|
||
kniipfte sich an die Untersuchungen des Gleichgewichts und
|
||
der Bewegung fester Kérper, die mit einander in unmittelbarer
|
||
Berthrung stehen, woftir die einfachen Maschinen, Hebel, Rollen,
|
||
schiefe Ebenen, Flaschenziige die erlauternden Beispiele gaben.
|
||
Das Gesetz von den virtuellen Geschwindigkeiten ist die ur-
|
||
springlichste, allgemeine Lésung aller dahin gehirigen Auf-
|
||
gaben. Spiter entwickelte Gate: die Kenntnis der Trag-
|
||
heit und der Bewegungskraft als einer beschleunigenden Kraft,
|
||
die freilich von ihm noch dargestellt wird als eine Reihe von
|
||
Stéfsen. Erst Newron kam zum Begriff der Fernkraft und
|
||
ihrer naheren Bestimmung durch das Prinzip der gleichen
|
||
Aktion und Reaktion. Es ist bekannt, wie sehr anfangs ihm
|
||
selbst und seinen Zeitgenossen der Begriff unvermittelter Fern-
|
||
wirkung widerstrebte.
|
||
|
||
Von da ab entwickelte sich die Mechanik weiter unter
|
||
Benutzung von Newron’s Begriff und Definition der Kraft, und
|
||
man lernte allmahlich auch die Probleme behandeln, in denen
|
||
sich konservative Fernkrafte mit dem Kinfluls fester Verbin-
|
||
dungen kombinieren, deren allgemeinste Lésung in p’ALEMBERT’s
|
||
Prinzip gegeben ist. Die allgemeinen prinzipiellen Sitze der
|
||
Mechanik (Gesetz von der Bewegung des Schwerpunkts, der
|
||
Flachensatz fir rotierende Systeme, das Prinzip von der Er-
|
||
haltung der lebendigen Krafte, das Prinzip der kleinsten Aktion)
|
||
haben sich alle entwickelt unter der Voraussetzung von NEw-
|
||
ton’s Attributen der konstanten, also auch konservativen An-
|
||
ziehungskrafte zwischen materiellen Punkten und der Existenz
|
||
fester Verbindungen zwischen denselben. Sie sind urspriing-
|
||
lich nur unter der Annahme solcher gefunden und bewiesen
|
||
worden. Man hat dann spiter durch Beobachtung gefunden,
|
||
dafs die so hergeleiteten Sitze eine viel allgemeinere Geltung
|
||
in der Natur in Anspruch nehmen durften, als aus ihrem Be-
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 27]
|
||
Vorwort von H. v. Helmholtz. XXI
|
||
|
||
weise folgte, und hat demniachst gefolgert, dafs gewisse all-
|
||
gemeinere Charaktere der Newrton’schén konservativen An-
|
||
ziehungskrifte allen Naturkriften zukommen, vermochte aber
|
||
diese Verallgemeinerung aus einer gemeinsamen Grundlage
|
||
nicht abzuleiten. Hertz hat sich nun bestrebt, fir die Me-
|
||
chanik eine solche Grundanschauung zu finden, welche fihig
|
||
wire, eine vollkommene folgerichtige Ableitung aller bisher als
|
||
allgemeingtiltig anerkannten Gesetze der mechanischen Vor-
|
||
ginge zu geben, und er hat das mit grofsem Scharfsinn und
|
||
unter einer sehr bewundernswirdigen Bildung eigentimlich
|
||
verallgemeinerter kinematischer Begriffe durchgefihrt. Als
|
||
einzigen Ausgangspunkt hat er die Anschauung der Altesten
|
||
mechanischen Theorien gewihlt, nimlich die Vorstellung, dafs
|
||
alle mechanischen Prozesse so vor sich gehen, als ob alle Ver-
|
||
bindungen zwischen den auf einander wirkenden Teilen feste
|
||
waren. Freilich mufs er die Hypothese hinzunehmen, dafs es
|
||
eine grofse Anzahl unwahrnehmbarer Massen und unsichtbarer
|
||
Bewegungen derselben gebe, um dadurch die Existenz der
|
||
Krifte zwischen den nicht in unmittelbarer Beriithrung mit ein-
|
||
ander befindlichen Kérpern zu erkliren. Einzelne Beispiele, die
|
||
erléutern kénnten, wie er sich solche hypothetischen Zwischen-
|
||
glieder dachte, hat er aber leider nicht mehr gegeben, und es
|
||
wird offenbar noch ein grofses Aufgebot wissenschaftlicher Ein-
|
||
bildungskraft dazu gehéren, um auch nur die einfachsten Fille
|
||
physikalischer Krafte danach zu erkléren. Er scheint hierbei
|
||
hauptsichlich auf die Zwischenschaltung cyklischer Systeme
|
||
mit unsichtbaren Bewegungen Hoffnung gesetzt zu haben.
|
||
Englische Physiker, wie Lord Kxuvm in seiner Theorie
|
||
der Wirbelatome, und Maxwet in seiner Annahme eines
|
||
Systems von Zellen mit rotierendem Inhalt, die er seinem
|
||
Versuch einer mechanischen Erklarung der elektromagnetischen
|
||
Vorginge zu Grunde gelegt hat, haben sich offenbar durch
|
||
aihnliche Erklarungen besser befriedigt gefthlt, als durch die
|
||
blofse allgemeinste Darstellung der Thatsachen und ibrer Ge-
|
||
setze, wie sie durch die Systeme der Differentialgleichungen
|
||
der Physik gegeben wird. Ich mufs gestehen, dafs ich selbst
|
||
bisher an dieser letzteren Art der Darstellung festgehalten,
|
||
|
||
[PDF-PAGE 28]
|
||
xxII Vorwort von H. v. Helmholix.
|
||
|
||
und mich dadurch am besten gesichert fihlte; doch miéchte
|
||
ich gegen den Weg, den so hervorragende Physiker, wie die
|
||
drei genannten, eingeschlagen haben, keine prinzipiellen Ein-
|
||
wendungen erheben.
|
||
|
||
Freilich werden noch grofse Schwierigkeiten zu tiberwinden
|
||
sein bei dem Bestreben, aus den von Huertz entwickelten
|
||
Grundlagen Erklarungen fiir die eimzelnen Abschnitte der
|
||
Physik zu geben. Im ganzen Zusammenhange aber ist die
|
||
Darstellung der Grundgesetze der Mechanik von Hurrz ein
|
||
Buch, welches im héchsten Grade jeden Leser interessieren
|
||
mufs, der an einem folgerichtigen System der Dynamik, dar-
|
||
gelegt in héchst vollendeter und geistreicher mathematischer
|
||
Fassung, Freude hat. Méglicherweise wird dieses Buch in der
|
||
Zukunft nock von hohem heuristischen Wert sein als Leit-
|
||
faden zur Entdeckung neuer allgemeiner Charaktere der Natur-
|
||
krifte.
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 29]
|
||
Vorwort des Verfassers.
|
||
|
||
Alle Physiker sind einstimmig darin, dafs es die Auf-
|
||
gabe der Physik sei, die Erscheinungen der Natur auf die
|
||
einfachen Gesetze der Mechanik zuriickzufihren. Welches aber
|
||
diese einfachen Gesetze sind, dariber herrscht nicht mehr die
|
||
gleiche Einstimmigkeit. Die Meisten verstehen unter jener
|
||
Bezeichnung wohl schlechthin die Newron’schen Gesetze der
|
||
Bewegung. In Wahrheit aber erhalten diese letzteren Gesetze
|
||
ihren inneren Sinn und ihre physikalische Bedeutung erst
|
||
durch den stillen Nebengedanken, dafs die Krifte, von welchen
|
||
sie reden, einfacher Natur sind und einfache Eigenschaften
|
||
haben. Was nun aber hier noch einfach und noch zulassig
|
||
sei, und was schon nicht mehr, das steht nicht fest; eben
|
||
hier ist der Punkt, wo die Berufung auf allgemeine Kinstim-
|
||
migkeit aufhért. Daher sehen wir auch wirklich Meinungs-
|
||
verschiedenheiten entstehen, ob diese oder jene Annahme noch
|
||
der gewéhnlichen Mechanik entspreche, oder ob nicht mehr.
|
||
Dafs hier offene Fragen liegen, tritt freilich nur bei neuen
|
||
Aufgaben hervor, hier aber als erstes Hindernis der Unter-
|
||
suchung. So ist z. B. der Versuch verfriht, die Bewegungs-
|
||
|
||
[PDF-PAGE 30]
|
||
XXIV Vorwort des Verfassers.
|
||
|
||
gleichungen des Athers auf die Gesetze der Mechanik zuriick-
|
||
fihren zu wollen, solange man sich nicht eindeutig dariiber
|
||
verstindigt hat, was man mit diesem Namen bezeichnet
|
||
haben will.
|
||
|
||
Die Aufgabe, deren Lisung die folgende Untersuchung
|
||
anstrebt, ist diese, die hier vorhandene Liicke auszufillen und
|
||
eine vollkommen bestimmte Zusammenstellung der Gesetze
|
||
der Mechanik anzugeben, welche mit dem Stande unserer
|
||
heutigen Kenntnis vertraglich ist, welche nimlich in Beziehung
|
||
auf den Umfang dieser Kenntnis weder zu eng ist, noch zu
|
||
weit. Die Zusammenstellung soll nicht zu eng sein, das heifst,
|
||
es soll keine natiirliche Bewegung geben, welche ihren Forder-
|
||
ungen nicht gehorcht. Die Zusammenstellung aber soll auch
|
||
nicht zu weit sein, das heifst, sie soll auch keine Bewegung
|
||
zulassen, deren Vorkommen in der Natur schon nach dem
|
||
.Stande unserer heutigen Erfahrung ausgeschlossen ist. Ob
|
||
die Zusammenstellung, welche ich als Liésung dieser Aufgabe
|
||
im Folgenden gebe, die einzig mégliche ist, oder ob es andere,
|
||
vielleicht bessere mégliche giebt, bleibt dahingestellt. Dafs
|
||
aber die gegebene Zusammenstellung in jeder Hinsicht eine
|
||
mégliche ist, beweise ich dadurch, dafs ich ihre Folgen ent-
|
||
wickele, und zeige, dafs bei voller Entfaltung sie den Inhalt
|
||
der gewohnlichen Mechanik aufzunehmen vermag, sofern sich
|
||
der letztere auf die wirklichen Krafte und Zusammenhange
|
||
der Natur beschrinkt und sich nicht als Spielplatz mathe-
|
||
matischer Ubungsarbeit betrachtet.
|
||
|
||
Durch diese Entwickelung ist freilich aus einer theore-
|
||
tischen Abhandlung ein Buch geworden, welches eine voll-
|
||
stindige Ubersicht aller wichtigeren allgemeinen Sitze der
|
||
Dynamik enthilt und welches sogar als ein systematisches
|
||
Lehrbuch dieser Wissenschaft gelten kann. Zu einer ersten
|
||
Einfihrung ist dasselbe freilich aus verschiedenen Griinden
|
||
nicht wohl geeignet; mit umsomehr Uberzeugung aber bietet
|
||
es sich Demjenigen als Fihrer an, welcher den Inhalt der
|
||
Mechanik aus der gewéhnlichen Darstellung schon einiger-
|
||
mafsen kennt. Einem Solchen hofft es einen Standpunkt
|
||
zeigen zu kénnen, von welchem aus die physikalische Bedeu-
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 31]
|
||
Vorwort des Verfassers. xxv
|
||
|
||
tung, die innere Verwandtschaft und die Tragweite der mecha-
|
||
nischen Prinzipien in durchsichtiger Klarheit vor Augen liegt;
|
||
von welchem aus auch der Begriff der Kraft wie die tbrigen
|
||
mechanischen Grundbegriffe des letzten Restes von Dunkelheit
|
||
entkleidet erscheinen.
|
||
|
||
Die Aufgabe, welche sich die vorliegende Untersuchung
|
||
stellt, ist in verdeckter Weise bereits behandelt und mit einer
|
||
miglichen Lisung beantwortet durch von HenmHo.rz in seiner
|
||
Arbeit iiber das Prinzip der kleinsten Wirkung und in der
|
||
damit zusammenhangenden Arbeit iber cyklische Systeme’).
|
||
In der ersteren wird die These aufgestellt und vertreten, dafs
|
||
die Mechanik auch dann noch die samtlichen Vorgange der
|
||
Natur zu umfassen vermag, wenn man nicht nur die Nrw-
|
||
ton’schen Grundlagen als allgemeingiiltig betrachtet, sondern
|
||
auch die besonderen Voraussetzungen, welche neben jenen
|
||
dem Hamuiron’schen Prinzip zu Grunde liegen. In der zweit-
|
||
genannten Arbeit wird zum ersten Male in allgemeiner Weise
|
||
Sinn und Bedeutung der verborgenen Bewegungen behandelt.
|
||
Von jenen Arbeiten ist meine eigene Untersuchung im Ganzen
|
||
und in ihren Teilen wesentlich beeinflufst und abhingig; der
|
||
Abschnitt tiber cyklische Systeme ist ihnen fast unmittelbar
|
||
entnommen. Von der Form abgesehen, bestehen die Ab-
|
||
weichungen meiner eigenen Lisung hauptsichlich in zwei
|
||
Punkten: Einmal suche ich dasjenige von vornherein von den
|
||
Elementen der Mechanik fern zu halten, was von HeLMnourz
|
||
durch nachtragliche Kinschrankung aus der schon entwickelten
|
||
Mechanik wieder entfernt. Zweitens entferne ich aus der
|
||
Mechanik in gewissem Sinne weniger, indem ich mich nicht
|
||
auf das Hamiiton’sche Prinzip, noch auf ein anderes Integral-
|
||
prinzip stiitze. Die Griinde hierfitir und die Folgen hiervon
|
||
werden aus der Arbeit selbst erhellen.
|
||
|
||
Ahnliche Gedankenreihen, wie in den von HzetmHotz’schen
|
||
Arbeiten sind angesponnen in der bedeutenden Abhandlung
|
||
|
||
1) H. von Hetuworrz, Uber die physikalische Bedeutung des Prin-
|
||
zips der kleinsten Wirkung, Journal fir die reine und angewandte Mathe-
|
||
matik, 100, p. 187—166, 213-222, 1887; Prinzipien der Statik mono-
|
||
cyklischer Systeme, ebenda, 97, p. 111—140, 317—336, 1884.
|
||
|
||
[PDF-PAGE 32]
|
||
XXVI Vorwort des Verfassers.
|
||
|
||
von J. J. THomson iiber die physikalischen Anwendungen der
|
||
Dynamik?’). . Ebenfalls entwickelt hier der Verfasser die Folgen
|
||
einer Dynamik, welche neben den Newton’schen Gesetzen der
|
||
Bewegung noch weitere, besondere, nicht ausdriicklich aus-
|
||
gesprochene Voraussetzungen zur Grundlage hat. Auch an
|
||
diese Abhandlung also hatte ich mich anlehnen kénnen; that-
|
||
sichlich war meine eigene Untersuchung schon ziemlich fort-
|
||
geschritten, als ich jene genauer kennen lernte. Das gleiche
|
||
darf ich von den in mathematischer Hinsicht verwandten, aber
|
||
weit alteren Arbeiten von BeLtRami?) und Liescuirz‘) sagen;
|
||
doch konnte ich noch reiche Anregung aus denselben schipfen,
|
||
ebenso aus der neueren Darstellung, welche DarBoux*) von
|
||
jenen Arbeiten mit eigenen Zusiitzen gegeben hat. Manche
|
||
mathematische Abhandlungen, welche ich hatte beriicksichtigen
|
||
kénnen und sollen, mégen mir entgangen sein. In allgemeiner
|
||
Hinsicht verdanke ich sehr viel dem schénen Buche iiber die
|
||
Entwickelung der Mechanik von Mace). Es ist selbstver-
|
||
standlich, dafs ich die bekannteren Lehrbiicher der allgemeinen
|
||
Mechanik zu Rate zog, nicht am wenigsten die umfassende
|
||
Darstellung der Dynamik in dem Lehrbuche von THomson
|
||
und Tarr®), Wertvoll war mir auch das Heft einer Vorlesung
|
||
iiber analytische Dynamik von Borcuarpt, welches ich im
|
||
Winter 1878/79 nachschrieb. Hiermit habe ich die von mir
|
||
|
||
_ 1) J. J. Taomson, On some Applications of Dynamical Principles
|
||
to Physical Phenomena, Philosophical Transactions 176, II, p. 8307—342,
|
||
1885.
|
||
|
||
2) Bertram, Sulla teoria generale dei parametri differenziali; Me-
|
||
morie della Reale Accademia di Bologna, 25. Febbrajo 1869.
|
||
|
||
5) R. Laescuitz, Untersuchung eines Problems der Variationsrech-
|
||
nung, in welchem das Problem der Mechanik enthalten ist. Journal fir
|
||
die reine und angewandte Mathematik, 74, p. 116—149, 1872. Bemer-
|
||
kungen zu dem Prinzip des kleinsten Zwanges. Ebenda, 82, p. 316—842,
|
||
1877.
|
||
|
||
*) G. Darsovux, Legons sur la théorie générale des surfaces, Livre V,
|
||
Chapitres 6, 7, 8. Paris 1889.
|
||
|
||
5) E. Macu, Die Mechanik in ihrer Entwickelung historisch-kritisch
|
||
dargestellt. Leipzig 1883.
|
||
|
||
*) W. Txomson und P. G. Tarr, Handbuch der theoretischen Phy-
|
||
_sik, deutsche Ausgabe von Hetmnortz und Werrarm, Braunschweig 1871.
|
||
|
||
—_ ee 7
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 33]
|
||
Vorwort des Verfassers. XXVII
|
||
|
||
benutzten Quellen genannt; im Texte werde ich nur soviel
|
||
citieren, als die Sache selbst es verlangt. Im einzelnen habe
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ich ja auch nichts vorzutragen, das neu ware und nicht aus
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vielen Biichern genommen werden kénnte. Was, wie ich hoffe,
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neu ist, und worauf ich einzig Wert lege, ist die Anordnung
|
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und Zusammenstellung des Ganzen, also die logische, oder,
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wenn man will, die philosophische Seite des Gegenstandes.
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Meine Arbeit hat ihr Ziel erreicht oder verfehlt, jenachdem
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in dieser Richtung etwas gewonnen ist oder nicht.
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Inhalt.
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Nummer Seite
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Vorbemerkung des Herausgebers. . . . . . . +. es. v
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Vorwort von H. v. Helmholtz. . . ......2.2.4.. vil
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Vorwort des Verfassers . . . ......... ~. ~. #£4xXXTD
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Einleitung . . . . . ce ee we ee 1
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Erstes Buch. Zur Geometrie und Kinematik
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der materiellen Systeme.
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Vorbemerkung . . : es an );)
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Abschnitt 1. Zeit, Raum, Masse coe 2 58
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Abschnitt 2. Lagen und Verriickungen ‘der ‘Punkte
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und Systeme. 9 55
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Lage; Konfiguration ‘and absolute Lage; End-
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liche Verriickungen a) der Punkte, b) der
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||
Systeme; Zusammensetzung der Verriickungen.
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Abschnitt 3. Unendlich kleine Verriickungen und
|
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Bahnen der Systeme materieller Punkte . 53 69
|
||
Unendlich kleine Verriickungen; Verriickungen
|
||
in Richtung der Koordinaten; Benutzung par-
|
||
tieller Differentialquotienten; Bahnen der
|
||
|
||
Systeme.
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||
Abschnitt 4. Mégliche und unmdgliche Verriickun-
|
||
gen. Materielle Systeme .. 109 = 88
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Zusammenhang; Analytische Darstellung des
|
||
Zusammenhanges ;, Bewegungsfreiheit; Ver-
|
||
riickungen senkrecht zu den méglichen Ver-
|
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||
riickungen.
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Abschnitt 5. Von den ausgezeichneten Bahnen der
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||
materiellen Systeme . . 151 100
|
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1} Geradeste Bahnen; 2. Kiirzeste ‘und geods-
|
||
tische Bahnen; 8. Beziehungen zwischen gerade-
|
||
sten und geodatischen Bahnen.
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||
|
||
Abschnitt 6. Von der geradesten Entfernung in ho-
|
||
|
||
lonomen Systemen . . 197 119
|
||
1. Flachen von Lagen; 2. Geradeste Entfermung
|
||
Abschnitt 7. Kinematische Begriffe coe 237 187
|
||
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1. Vektorgréfsen in Bezug auf ein " System;
|
||
2. Bewegung der Systeme, Geschwindigkeit,
|
||
Moment, Beschleunigung, Energie, Benutzung
|
||
partieller Differentialquotienten.
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||
Schlufsbemerkung zum ersten Buch . . . . . . . « « 295 “158
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||
Inhait. XxIx
|
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||
Zweites Buch. Mechanik der materiellen Systeme.
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||
Numuaier
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Vorbemerkung . . . ~~. s+ e+ et ee ee se 296
|
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Abschnitt 1. Zeit, Raum, Masse. ....... . 297
|
||
Abschnitt 2. Das Grundgesetz . . . . 808
|
||
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||
Das Gesetz; Berechtigung " desselben, Ein-
|
||
schrinkung desselben, Zerlegung desselben,
|
||
Methode seiner Anwendung, Angentiherte An-
|
||
wendung.
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||
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||
Abschnitt 3. Bewegung der freien Systeme. . . 331
|
||
Allgemeine Eigenschaften der Bewegung: 1. Be-
|
||
stimmtheit der Bewegung, 2. Erhaltung der
|
||
Energie, 3. Kleinste Beschleunigung, 4. Kiirzeste
|
||
Bahn, 5. Kiirzeste Zeit, 6. Kleinstes Zeitintegral
|
||
der Energie. Analytische Darstellung: Diffe-
|
||
rentialgleichungen der Bewegung. Innerer
|
||
Zwang der Systeme. Holonome Systeme. Dyna-
|
||
mische Modelle.
|
||
|
||
Abschnitt 4. Bewegung der unfreien Systeme. . . 429
|
||
I. Geleitetes unfreies System. II. Systeme
|
||
durch Kriifte beeinflufst: Einftihrung der Kraft,
|
||
Wirkung und Gegenwirkung, Zusammensetzung
|
||
der Krifte, Bewegung unter dem Einflufs von
|
||
|
||
_ Kriiften, Innerer Zwang, Energie und Arbeit,
|
||
Gleichgewicht und Statik, Maschinen und innere
|
||
Krifte, Messung der Krifte.
|
||
|
||
Abschnitt 5. Systeme mit verborgenen Massen . . 546
|
||
I. Cyklische Bewegung: Cyklische Systeme,
|
||
Krafte und Kriftefunktion, Reciproke Eigen-
|
||
tiimlichkeiten, Energie und Arbeit, Zeitintegral
|
||
der Energie. II. Verborgene cyklische Be-
|
||
wegung: Konservative Systeme, Differential-
|
||
gleichungen der Bewegung, Integralsiitze far
|
||
holonome Systeme, Endliche Bewegungs-
|
||
gleichungen fir holonome Systeme; Nicht-
|
||
konservative Systeme.
|
||
|
||
Abschnitt 6. Von den Unstetigkeiten der Bewegung 668
|
||
Stofskraft oder Stofs; Zusammensetzung der
|
||
Stésse; Bewegung unter dem Einflufs von
|
||
Stéssen; Innerer Zwang beim Stosse; Energie
|
||
und Axbeit; Zusammenstofs zweier Systeme
|
||
|
||
Schlafsbemerkung zum zweiten Buch . . . . . . 184
|
||
|
||
Nachweis der Definitionen und Bezeichnungen .
|
||
|
||
Seite
|
||
157
|
||
157
|
||
162
|
||
|
||
170
|
||
|
||
199
|
||
|
||
235
|
||
|
||
286
|
||
|
||
306
|
||
|
||
309
|
||
312
|
||
|
||
[PDF-PAGE 36]
|
||
|
||
[PDF-PAGE 37]
|
||
Kinleitung.
|
||
|
||
Es ist die nachste und in gewissem Sinne wichtigste Auf-
|
||
gabe unserer bewulsten Naturerkenntnis, dafs sie uns befahige,
|
||
zukinftige Erfahrungen vorauszusehen, um nach dieser Vor-
|
||
aussicht unser gegenwirtiges Handeln einrichten zu kénnen.
|
||
Als Grundlage fir die Lésung jener Aufgabe der Erkenntnis
|
||
benutzen wir unter allen Umstaénden vorangegangene Erfah-
|
||
rungen, gewonnen durch zufallige Beobachtungen oder durch
|
||
absichtlichen Versuch. Das Verfahren aber, dessen wir uns
|
||
zur Ableitung des Zukiinftigen aus dem Vergangenen und
|
||
damit zur Erlangung der erstrebten Voraussicht stets bedienen,
|
||
ist dieses: Wir machen uns innere Scheinbilder oder Symbole
|
||
der aufseren Gegenstande, und zwar machen wir sie von
|
||
solcher Art, dafs die denknotwendigen Folgen der Bilder stets
|
||
wieder die Bilder seien von den naturnotwendigen Folgen der
|
||
abgebildeten Gegenstinde. Damit diese Forderung iiberhaupt
|
||
erfiillbar sei, miissen gewisse Ubereinstimmungen vorhanden
|
||
sein zwischen der Natur und unserem Geiste. Die Erfahrung
|
||
lehrt uns, dafs die Forderung erfillbar ist und dafs also solche
|
||
Ubereinstimmungen in der That bestehen. Ist es uns einmal
|
||
gegliickt, aus der angesammelten bisherigen Erfahrung Bilder
|
||
von der verlangten Beschaffenheit abzuleiten, so kénnen wir
|
||
|
||
Hertz, Mechanik. 1
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 38]
|
||
2 Finleitung.
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||
|
||
an ihnen, wie an Modellen, in kurzer Zeit die Folgen ent-
|
||
wickeln, welche in der dufseren Welt erst in langerer Zeit
|
||
oder als Folgen unseres eigenen Eingreifens auftreten werden;
|
||
wir vermégen so den Thatsachen vorauszueilen und kénnen
|
||
nach der gewonnenen Hinsicht unsere gegenwirtigen Entschliisse
|
||
richten. — Die Bilder, von welchen wir reden, sind unsere
|
||
Vorstellungen von den Dingen; sie haben mit den Dingen die
|
||
eine wesentliche Ubereinstimmung, welche in der Erfillung
|
||
der genannten Forderung liegt, aber es ist fiir ihren Zweck
|
||
nicht ndtig, dafs sie irgend eine weitere Ubereinstimmung mit
|
||
den Dingen haben. In der That wissen wir auch nicht, und
|
||
haben auch kein Mittel 2u erfahren, ob unsere Vorstellungen
|
||
von den Dingen mit jenen in irgend etwas anderem iiberein-
|
||
stimmen, als allein in eben jener einen fundamentalen Be-
|
||
ziehung.
|
||
|
||
Kindeutig sind die Bilder, welche wir uns von den Dingen
|
||
machen wollen, noch nicht bestimmt durch die Forderung,
|
||
dafs die Folgen der Bilder wieder die Bilder der Folgen
|
||
seien. Verschiedene Bilder derselben Gegenstinde sind még-
|
||
lich und diese Bilder kénnen sich nach verschiedenen Rich-
|
||
tungen unterscheiden. Als unzulissig sollten wir von vorn-
|
||
herein solche Bilder bezeichnen, welche schon einen Wider-
|
||
spruch gegen die Gesetze unseres Denkens in sich tragen und
|
||
wir fordern also zunichst, dafs alle unsere Bilder logisch zu-
|
||
lassige oder kurz zulissige seien. Unrichtig nennen wir zu-
|
||
lassige Bilder dann, wenn ihre wesentlichen Beziehungen den
|
||
Beziehungen der dulfseren Dinge widersprechen, das heifst
|
||
wenn sie jener ersten Grundforderung nicht geniigen. Wir
|
||
verlangen demnach zweitens, dafs unsere Bilder richtig seien.
|
||
Aber zwei zulissige und richtige Bilder derselben dufseren
|
||
Gegenstinde kénnen sich noch unterscheiden nach der Zweck-
|
||
mifsigkeit. Von zwei Bildern desselben Gegenstandes wird
|
||
dasjenige das zweckmilsigere sein, welches mehr wesentliche
|
||
Beziehungen des Gegenstandes wiederspiegelt als das andere;
|
||
welches, wie wir sagen wollen, das deutlichere ist. Bei gleicher -
|
||
Deutlichkeit wird von zwei Bildern dasjenige zweckm&lsiger
|
||
sein, welches neben den wesentlichen Ziigen die geringere Zahl
|
||
iiberfliissiger oder leerer Beziehungen enthialt, welches also
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 39]
|
||
Einleitung. 3
|
||
|
||
das einfachere ist. Ganz werden sich leere Beziehungen nicht
|
||
vermeiden lassen, denn sie kommen den Bildern schon deshalb
|
||
zu, weil es eben nur Bilder und zwar Bilder unseres beson-
|
||
deren Geistes sind und also von den Eigenschaften seiner
|
||
Abbildungsweise mitbestimmt sein miissen.
|
||
|
||
Wir haben bisher die Anforderungen aufgeziéhlt, welche
|
||
wir an die Bilder selbst stellen; etwas ganz anderes sind die
|
||
Anforderungen, welche wir an eine wissenschaftliche Darlegung
|
||
solcher Bilder stellen. Wir verlangen von der letzteren, dafs
|
||
sie uns klar zum Bewulstsein fihre, welche Eigenschaften den
|
||
Bildern zugelegt seien um der Zuldssigkeit willen, welche um
|
||
der Richtigkeit willen, welche um der Zweckmalsigkeit willen.
|
||
Nur so gewinnen wir die Méglichkeit an unsern Bildern zu
|
||
andern, zu bessern. Was den Bildern beigelegt wurde um
|
||
der Zweckma(sigkeit willen, ist enthalten in den Bezeichnungen,
|
||
Definitionen, Abkiirzungen, kurzum in dem, was wir nach
|
||
Willkiir hinzuthun oder wegnehmen kénnen. Was den Bildern
|
||
zukommt um ihrer Richtigkeit willen, ist enthalten in den Er-
|
||
fahrungsthatsachen, welche beim Aufbau der Bilder gedient
|
||
haben. Was den Bildern zukommt, damit sie zulissig seien,
|
||
ist gegeben durch die Kigenschaften unseres Geistes. Ob ein
|
||
Bild zulassig ist oder nicht, kénnen wir eindeutig mit ja und
|
||
nein entscheiden und zwar mit Giiltigkeit unserer Entscheidung
|
||
fir alle Zeiten. Ob ein Bild richtig ist oder nicht, kann eben-
|
||
falls eindeutig mit ja und nein entschieden werden, aber
|
||
nur nach dem Stande unserer gegenwartigen Erfahrung und
|
||
unter Zulassung der Berufung an spitere reifere Erfahrung.
|
||
Ob ein Bild zweckmiafsig sei oder nicht, dafir giebt es
|
||
tberhaupt keine eindeutige Entscheidung, sondern es kénnen
|
||
Meinungsverschiedenheiten bestehen. Das eine Bild kann
|
||
nach der einen, das andere nach der andern Richtung Vor-
|
||
teile bieten, und nur durch allmahliches Priifen vieler Bilder
|
||
werden im Laufe der Zeit schliefslich die zweckmifsigsten
|
||
gewonnen.
|
||
|
||
Dies sind die Gesichtspunkte, nach welchen man, wie mir
|
||
scheint, den Wert physikalischer Theorieen und den Wert der
|
||
Darstellung physikalischer Theorieen zu beurteilen hat. Jeden-
|
||
|
||
1*
|
||
|
||
[PDF-PAGE 40]
|
||
4 Finleitung.
|
||
|
||
falls sind es die Gesichtspunkte, von welchen aus wir jetzt
|
||
die Darstellungen betrachten wollen, welche man von den Prin-
|
||
zipien der Mechanik gegeben hat. Dabei ist es freilich zu-
|
||
nichst nétig, bestimmt zu erkliren, was wir mit diesem Namen
|
||
bezeichnen.
|
||
|
||
In strengem Sinne verstand man urspriinglich in der
|
||
Mechanik unter einem Prinzip jede Aussage, welche man nicht
|
||
wieder auf andere Sitze der Mechanik selbst zurickfihrte,
|
||
sondern welche man als unmittelbares Ergebnis anderer
|
||
Quellen der Erkenntnis angesehen wissen wollte. Es konnte
|
||
infolge der geschichtlichen Entwickelung nicht ausbleiben, dafs
|
||
S&tze, welche unter besonderen Voraussetzungen einmal mit
|
||
Recht als Prinzipien bezeichnet wurden, spater diesen Namen,
|
||
wiewohl mit Unrecht, beibehielten. Seit Lacranex ist die Be-
|
||
merkung haufig wiederholt worden, dafs die Prinzipien des
|
||
Schwerpunktes und der Flaichen im Grunde nur Lehrs&tze
|
||
allgemeinen Inhalts seien. Man kann aber mit gleichem Rechte
|
||
bemerken, dafs auch die iibrigen sogenannten Prinzipien nicht
|
||
unabhingig von einander diesen Namen fihren kénnen, sondern
|
||
dafs jedes von ihnen auf den Rang einer Folgerung oder eines
|
||
Lehrsatzes herabsteigen mufs, so bald die Darstellung der
|
||
Mechanik auf eines oder mehrere der iibrigen gegriindet wird.
|
||
‘Der Begriff des mechanischen Prinzipes ist demnach kein
|
||
scharf festgehaltener. Wir wollen deshalb zwar jenen Satzen
|
||
in Einzelaussagen ihre herkémmliche Benennung belassen;
|
||
wenn wir aber schlechthin und allgemein von den Prinzipien
|
||
der Mechanik reden, so wollen wir darunter nicht jene einzelnen
|
||
konkreten Satze verstanden wissen, sondern jede iibrigens be-
|
||
liebige Auswahl unter ihnen und unter ahnlichen Satzen, welche
|
||
der Bedingung genitigt, dafs sich aus ihr ohne weitere Be-
|
||
rufung auf die Erfahrung die gesamte Mechanik rein deduktiv
|
||
entwickeln lifst. Bei dieser Bezeichnungsweise stellen die
|
||
Grundbegriffe der Mechanik zusammen mit den sie verkettenden
|
||
Prinzipien das einfachste Bild dar, welches die Physik von den
|
||
Dingen der sinnlichen Welt und den Vorgingen in ihr her-
|
||
zustellen vermag. Und da wir von den Prinzipien der Mechanik
|
||
durch verschiedene Auswahl der Satze, welche wir zu Grunde
|
||
legen, verschiedene Darstellungen geben kénnen, so erhalten
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 41]
|
||
Hinleitung. 5
|
||
|
||
wir verschiedene solche Bilder der Dinge, welche Bilder wir
|
||
priifen und mit einander vergleichen kénnen in Bezug auf ihre
|
||
Zulassigkeit, ihre Richtigkeit und ihre Zweckmial{sigkeit.
|
||
|
||
1.
|
||
|
||
Kin erstes Bild liefert uns die gewdhnliche Darstellung
|
||
der Mechanik. Wir verstehen hierunter die in den Einzel-
|
||
heiten abweichende, in der Hauptsache tibereinstimmende Dar-
|
||
stellung fast aller Lehrbiicher, welche das Ganze der Mechanik
|
||
behandeln, fast aller Vorlesungen, welche sich iiber den ge-
|
||
samten Inhalt dieser Wissenschaft verbreiten. Diese Dar-
|
||
stellung bildet den kéniglichen Weg und die grofse Heerstralse,
|
||
auf welcher die Schar der Schiiler in das Innere der Mechanik
|
||
eingefihrt wird; sie folgt genau dem Gang der historischen
|
||
Entwickelung und der Reihenfolge der Entdeckungen; ihre Haupt-
|
||
stationen sind gekennzeichnet durch die Namen eines ARcHI-
|
||
MEDES, GALILEI, NEwron, Lacranee. Als gegebene Vorstellungen
|
||
legt diese Darstellung zu Grunde die Begriffe des Raumes,
|
||
der Zeit, der Kraft und der Masse. Die Kraft ist dabei ein-
|
||
gefihrt als die vor der Bewegung und unabhingig von der
|
||
Bewegung bestehende Ursache der Bewegung. Zuerst treten
|
||
auf nur Raum und Kraft fir sich, und ihre Beziehungen werden
|
||
in der Statik behandelt. Die reine Bewegungslehre oder
|
||
Kinematik begniigt sich, die beiden Begriffe Raum und Zeit in
|
||
Verbindung zu setzen. Die Gaxier’sche Vorstellung von der
|
||
Tragheit liefert einen Zusammenhang zwischen Raum, Zeit und
|
||
Masse allein. In den Newron’schen Gesetzen der Bewegung
|
||
treten zuerst alle vier Grundbegriffe neben einander in Ver-
|
||
knipfung auf. Diese Gesetze bilden die eigentliche Wurzel
|
||
der weiteren Entwickelung, aber sie geben noch keinen all-
|
||
gemeinen Ausdruck fiir den Einflufs starrer riumlicher Ver-
|
||
bindungen; hier erweitert das p’ALEMBERT’sche Prinzip das
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 42]
|
||
allgemeine Ergebnis der Statik auf den Fall der Bewegung
|
||
und schliefst als letztes den Reigen der nicht aus einander
|
||
ableitbaren, unabhangigen Grundaussagen. Alles weitere da-
|
||
gegen ist deduktive Ableitung. In der That sind die auf-
|
||
gezahlten Begriffe und Gesetze nicht nur notwendig, sondern
|
||
auch hinreichend, um den gesamten Inhalt der Mechanik aus
|
||
ihnen mit Denknotwendigkeit zu entwickeln und alle abrigen
|
||
sogenannten Prinzipien als Lehrsatze und Folgerungen aus
|
||
besonderen Voraussetzungen erscheinen zu lassen. Jene auf-
|
||
gezahlten Begriffe und Gesetze geben uns also ein erstes
|
||
System der Prinzipien der Mechanik in unserer Ausdrucks-
|
||
weise; damit zugleich also auch das erste allgemeine Bild von
|
||
den natiirlichen Bewegungen der Kérperwelt.
|
||
|
||
Es erscheint nun von vornherein sehr fernliegend, dafs
|
||
man an der logischen Zulassigkeit dieses Bildes auch nur
|
||
zweifeln kénne. Es erscheint fast unmdglich, dafs man daran
|
||
denke, logische Unvollkommenheiten aufzufinden in einem
|
||
Systeme, welches von unzahligen und von den besten Képfen
|
||
immer und immer wieder durchdacht worden ist. Aber ehe
|
||
man hierauf hin die Untersuchung abbricht, wird man fragen
|
||
miissen, ob auch alle und ob die besten Képfe immer von
|
||
dem Systeme befriedigt gewesen sind. In jedem Falle mufs es
|
||
billig gleich im Anfang Wunder nehmen, wie leicht es ist,
|
||
Betrachtungen an die Grundgesetze anzukniipfen, welche sich
|
||
ganz in der iiblichen Redeweise der Mechanik bewegen und
|
||
welche doch das klare Denken unzweifelhaft in Verlegenheit
|
||
setzen. Versuchen wir dies zunachst an einem Beispiele zu
|
||
zeigen. Wir schwingen einen Stein an einer Schnur im Kreise
|
||
herum; wir iibén dabei bewufstermafsen eine Kraft auf den Stein
|
||
aus; diese Kraft lenkt den Stein bestandig von der geraden
|
||
Bahn ab, und wenn wir diese Kraft, die Mafse des Steines
|
||
und die Lange der Schnur verandern, so finden wir, dafs die
|
||
Bewegung des Steines in der That stets in Ubereinstimmung
|
||
mit dem zweiten Newron’schen Gesetze erfolgt. Nun aber ver-
|
||
langt das dritte Gesetz eine Gegenkraft zu der Kraft, welche
|
||
von unserer Hand auf den Stein ausgetbt wird. Auf die
|
||
Frage nach dieser Gegenkraft lautet die jedem gelaufige Ant-
|
||
wort: es wirke der Stein auf die Hand zuriick infolge der
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 43]
|
||
Schwungkraft, und diese Schwungkraft sei der von uns aus-
|
||
getibten Kraft in der That genau entgegengesetzt gleich. Ist
|
||
nun diese Ausdrucksweise zulissig? Ist das was wir jetzt
|
||
Schwungkraft oder Centrifugalkraft nennen, etwas anderes als
|
||
die Trigheit des Steines? Durfen wir, ohne die Klarheit
|
||
unserer Vorstellungen zu zerstéren, die Wirkung der Trigheit
|
||
doppelt in Rechnung stellen, namlich einmal als Mafse, zweitens
|
||
als Kraft? In unseren Bewegungsgesetzen war die Kraft die
|
||
vor der Bewegung vorhandene Ursache der Bewegung. Diirfen
|
||
wir, ohne unsere Begriffe zu verwirren, jetzt auf einmal von
|
||
Kraften reden, welche erst durch die Bewegung entstehen,
|
||
welche eine Folge der Bewegung sind? Ditrfen wir uns den
|
||
Anschein geben, als hitten wir iiber diese neue Art von
|
||
Kraften in unseren Gesetzen schon etwas ausgesagt, als kinnten
|
||
wir ihnen mit dem Namen ,,Kraft‘‘ auch die Kigenschaften
|
||
der Krifte verleihen? Alle diese Fragen sind offenbar zu
|
||
verneinen, es bleibt uns nichts iibrig als zu erliutern: die Be-
|
||
zeichnung der Schwungkraft als einer Kraft sei eine uneigent-
|
||
liche, ihr Name sei wie der Name der lebendigen Kraft als
|
||
eine historische Uberlieferung hinzunehmen und die Bei-
|
||
behaltung dieses Namens sei aus Niitzlichkeitsgriinden mehr
|
||
zu entschuldigen als zu rechtfertigen. Aber wo bleiben als-
|
||
dann die Anspriiche des dritten Gesetzes, welches eine Kraft
|
||
fordert, die der tote Stein auf die Hand ausiibt und welches
|
||
durch eine wirkliche Kraft, nicht durch einen blofsen Namen
|
||
befriedigt sein will?
|
||
|
||
Ich glaube nicht, dafs diese Schwierigkeiten kiinstlich
|
||
oder mutwillig heraufbeschworen sind; sie dringen sich uns
|
||
von selbst auf. Sollte sich nicht ihr Ursprung bis in die
|
||
QGrundgesetze zuriickverfolgen lassen? Die Kraft, von welcher
|
||
die Definition und die ersten beiden Gesetze reden, wirkt auf
|
||
einen Kérper in einseitig bestimmter Richtung. Der Sinn des
|
||
dritten Gesetzes ist, dafs die Krafte stets zwei Kérper verbinden
|
||
und ebenso gut vom ersten zum zweiten, wie vom zweiten zum
|
||
ersten gerichtet sind. Die Vorstellung der Kraft, welche dieses
|
||
Gesetz und die Vorstellung, welche jene Gesetze voraussetzen
|
||
und in uns erwecken, scheinen mir um ein Geringes ver-
|
||
schieden, dieser geringe Unterschied aber reicht vielleicht aus,
|
||
|
||
[PDF-PAGE 44]
|
||
8 Kealeitung.
|
||
|
||
um die logische Tribung zu erzeugen, deren Folgen in unserem
|
||
Beispiele zum Ausbruch kamen. Doch haben wir nicht nitig,
|
||
auf die Untersuchung weiterer Beispiele einzugehen. Wir
|
||
kdnnen allgemeine Wahrnehmungen als Zeugen fir die Be-
|
||
rechtigung unserer Zweifel aufrufen. Eine erste solche Wahr-
|
||
nehmung scheint mir die Erfahrung zu bilden, dafs es sebr
|
||
schwer ist, gerade die Einleitung in die Mechanik denkenden
|
||
Zuhorern vorzutragen ohne einige Verlegenheit, ohne das Ge-
|
||
fihl, sich hier und da entschuldigen zu missen, ohne den
|
||
Wunsch, recht schnell aiber die Anfange hinwegzugelangen zu
|
||
Beispielen, welche fir sich selbst reden. Ich meine, Newron
|
||
selbst mfisse diese Verlegenheit empfunden haben, wenn er die
|
||
Masse etwas gewaltthatig definiert als Produkt aus Volumen
|
||
und Dichtigkeit. Ich meine, die Herren Taomson und Tarr
|
||
miissen ihm nachempfunden haben, wenn sie anmerken, dies
|
||
sei eigentlich mehr eine Definition der Dichtigkeit als der
|
||
Masse, und sich gleichwohl mit derselben als einzigen Defini-
|
||
tion der Masse begniigen. Auch Lacranag, denke ich, miisse
|
||
jene Verlegenheit und den Wunsch, um jeden Preis vorwarts-
|
||
zukommen, verspiirt haben, als er seine Mechanik kurzer-
|
||
hand mit der Erklaérung einleitete, eine Kraft sei eine Ur-
|
||
sache, welche einem Kérper eine Bewegung erteilt ,,oder zu
|
||
erteilen strebt“‘; gewifs nicht ohne die logische Harte einer
|
||
solchen Uberbestimmung zu empfinden. Ein zweites Zeugnis
|
||
nehme ich aus der Thatsache, dass wir schon fiir die elemen-
|
||
taren Satze der Statik, fiir den Satz vom Parallelogramm der
|
||
Krifte, den Satz der virtuellen Geschwindigkeiten, u. s. w. zahl-
|
||
reiche Beweise besitzen, welche von ausgezeichneten Mathe-
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matikern herritthren, welche den Anspruch machen, streng zu
|
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sein und welche doch wieder nach dem Urteil anderer hervor-
|
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ragender Mathematiker diesem Anspruch keineswegs geniigen.
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In einer logisch vollendeten Wissenschaft, in der reinen
|
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Mathematik, ist eine Meinungsverschiedenheit in solcher Frage
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schlechterdings undenkbar. Als ein sehr belastendes Zeugnis
|
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aber erscheinen mir auch die iiber Gebiihr oft gehérten Be-
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hauptungen: das Wesen der Kraft sei noch riatselhaft, es sei
|
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eine Hauptaufgabe der Physik, das Wesen der Kraft zu er-
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forschen, und dhnliche Aussagen mehr. In gleichem Sinne
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bestiirmt man den Elektriker immer wieder nach dem Wesen
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[PDF-PAGE 45]
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Einleitung. 9
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der Elektricitat. Warum fragt nun niemand in diesem Sinne
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nach dem Wesen des Goldes oder nach dem Wesen der Ge-
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schwindigkeit? Ist uns das Wesen des Goldes bekannter als
|
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das der Elektricitit, oder das Wesen der Geschwindigkeit be-
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kannter als das der Kraft? Kénnen wir das Wesen irgend
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eines Dinges durch unsere Vorstellungen, durch unsere Worte
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erschépfend wiedergeben? Gewifs nicht. Ich meine, der Unter-
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schied sei dieser: Mit den Zeichen ,,Geschwindigkeit“ und
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» Gold“ verbinden wir eine grofse Zahl von Beziehungen zu
|
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anderen Zeichen, und zwischen allen diesen Beziehungen finden
|
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sich keine uns verletzenden Widerspriiche. Das genigt uns
|
||
und wir fragen nicht weiter. Auf die Zeichen ,, Kraft“ und
|
||
» Hlektricitét“‘ aber hat man mehr Beziehungen gehiuft, als
|
||
sich véllig mit einander vertragen; dies fihlen wir dunkel, ver-
|
||
langen nach Aufklaérung und 4ufsern unsern unklaren Wunsch
|
||
in der unklaren Frage nach dem Wesen von Kraft und Elek-
|
||
tricitat. Aber offenbar irrt die Frage in Bezug auf die Ant-
|
||
wort, welche sie erwartet. Nicht durch die Erkenntnis von
|
||
neuen und mehreren Beziehungen und Verkntipfungen kann
|
||
sie befriedigt werden, sondern durch die Entfernung der Wider-
|
||
spriiche unter den vorhandenen, vielleicht also durch Ver-
|
||
minderung der vorhandenen Beziehungen. Sind diese schmer-
|
||
zenden Widerspriiche entfernt, so ist zwar nicht die Frage
|
||
nach dem Wesen beantwortet, aber der nicht mehr gequilte
|
||
Geist hért auf, die far ihn unberechtigte Frage zu stellen.
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Wir haben in diesen Ausfiihrungen die Zulassigkeit des
|
||
betrachteten Bildes so stark verdachtigt, dafs es scheinen muls,
|
||
als sei es unsere Absicht, diese Zuldssigkeit zu bestreiten und
|
||
schliefslich zu verneinen. Soweit geht indes unsere Absicht
|
||
und unsere Uberzeugung nicht. Mégen die logischen Unbe-
|
||
stimmtheiten, welche uns um die Sicherheit der Grundlagen
|
||
besorgt machten, auch wirklich bestehen, sie haben sicherlich
|
||
keinen einzigen der zahllosen Erfolge verhindert, welche die
|
||
Mechanik in ihrer Anwendung auf die Thatsachen errungen
|
||
hat. Sie kénnen also auch nicht bestehen in Widerspriichen
|
||
zwischen den wesentlichen Zfigen unseres Bildes, also nicht
|
||
in Widerspriichen zwischen denjenigen Beziehungen der
|
||
Mechanik, welche Beziehungen der Dinge enteprechen. Sie
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||
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[PDF-PAGE 46]
|
||
10 .- Kinleitung.
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||
miissen sich vielmehr beschriinken auf die unwesentlichen Ziige,
|
||
auf alles dasjenige, was wir selbst nach Willkiir dem von der
|
||
Natur gegebenen wesentlichen Inhalte hinzugedichtet haben.
|
||
Dann aber lassen sich jene Verlegenheiten auch vermeiden.
|
||
Vielleicht treffen unsere Einwinde tiberhaupt nicht den Inhalt
|
||
des entworfenen Bildes, sondern nur die Form der Darstellung
|
||
dieses Inhalts. Wir sind gewiss nicht zu streng, wenn wir
|
||
meinen, diese Darstellung sei noch niemals zur wissenschaft-
|
||
lichen Vollendung durchgedrungen, es fehle ihr noch durchaus
|
||
die hinreichend scharfe Unterscheidung dessen, was in dem
|
||
entworfenen Bilde aus Denknotwendigkeit, was aus der Er-
|
||
fahrung, was aus unserer Willkiir stammt. In diesem
|
||
Urteile treffen wir zusammen mit hervorragenden Physikern,
|
||
welche sich mit diesen Fragen beschiftigt und tiber dieselben
|
||
geiulsert haben,?) freilich ohne dafs von einer Ubereinstimmung
|
||
aller gesprochen werden kénnte.?) Jenes Urteil findet ferner
|
||
eine Bestaétigung in der wachsenden Sorgfalt, welche in den
|
||
neueren Lehrbiichern der Mechanik der logischen Zergliederung
|
||
der Elemente gewidmet wird.’) In Ubereinstimmung mit den
|
||
Verfassern dieser Lehrbiicher und mit jenen Physikern sind
|
||
wir selbst der Uberzeugung, dafs die vorhandenen Liicken nur
|
||
Liicken der Form sind, und durch geeignete Anordnung der
|
||
Definitionen, Bezeichnungen und weiter durch vorsichtige Aus-
|
||
drucksweise jede Unklarheit und Unsicherheit vermieden werden
|
||
kann. In diesem Sinne geben wir, wie Jedermann, die Zu-
|
||
lissigkeit des Inhalts der Mechanik zu. Es erfordert aber die
|
||
Wirde und Grisse des Gegenstandes durchaus, dafs die logische
|
||
Reinheit nicht nur mit gutem Willen zugegeben, sondern dals
|
||
sie durch eine vollendete Darstellung auch so erwiesen werde,
|
||
dafs es nicht méglich sei, sie auch nur zu verdachtigen.
|
||
|
||
1) Siehe E. Maca, Die Mechanik in ihrer Entwickelung. Leipzig
|
||
1883, 8. 228. Siehe ferner in der ,,Nature“ von 1898 eine neuerdings
|
||
von Herrn O. Lopez angeregte und im Schofse der Physical Society in
|
||
London fortgefihrte Diskussion iiber die Grundgesetze der Mechanik.
|
||
|
||
2) Siehe Tsomson & Tarr, Theoretische Physik, § 205 ff.
|
||
|
||
8) Siehe E. Buppe, Allgemeine Mechanik der Punkte und starren
|
||
Systeme, Berlin 1890, S. 111—138. Die daselbst gegebene Darstellung giebt
|
||
zugleich ein deutliches Bild von der Gréfse der Schwierigkeiten, welchen
|
||
die widerspruchsfreie Anwendung der Elemente begegnet.
|
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[PDF-PAGE 47]
|
||
Einleitung. 11
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Leichter und der allgemeinen Zustimmung sicherer kénnen
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||
wir das Urteil fallen ttber die Richtigkeit des von uns betrach-
|
||
teten Bildes. Niemand wird widersprechen, wenn wir ver-
|
||
sichern, dafs diese Richtigkeit nach dem ganzen Umfange
|
||
‘unserer bisherigen Erfahrung eine vollkommene sei, dafs alle
|
||
diejenigen Ziige unseres Bildes, welche tiberhaupt den Anspruch
|
||
machen, beobachtbare Beziehungen der Dinge wiederzugeben,
|
||
solchen Beziehungen auch wirklich und richtig entsprechen.
|
||
Wir beschranken allerdings unsere Zuversicht auf den Inhalt
|
||
der bisherigen Erfahrung; was zukinftige Erfahrungen anlangt,
|
||
so werden wir noch Gelegenheit haben, auf die Frage nach
|
||
der Richtigkeit zuriickzukommen. Manchem wird freilich diese
|
||
Vorsicht nicht nur iibertrieben, sondern geradezu sinnwidrig
|
||
diinken; in der Meinung vieler Physiker erscheint es als einfach
|
||
undenkbar, dafs auch die spi&teste Erfahrung’ an den fest-
|
||
stehenden Grundsitzen der Mechanik noch etwas zu andern
|
||
finden kénne. Und doch kann das was aus Erfahrung stammt,
|
||
durch Erfahrung wieder vernichtet werden; jene allzuginstige
|
||
Meinung von den Grundgesetzen kann also offenbar nur des-
|
||
halb entstehen, weil in ihnen die Elemente der Erfahrung
|
||
einigermafsen versteckt und mit den unabinderlichen denk-
|
||
notwendigen Elementen verschmolzen sind. Die logische Un-
|
||
bestimmtheit der Darstellung, welche wir vorher schlechtweg
|
||
riigten, bietet also auch einen gewissen Vorteil; sie giebt den
|
||
Fundamenten den Schein der’ Unabanderlichkeit; es war viel-
|
||
leicht in den Anfangen der Wissenschaft weise, sie einzufiihren
|
||
und eine zeitlang bestehen zu lassen. Man stellte die Richtig-
|
||
keit des Bildes auf alle Falle sicher dadurch, dafs man sich vor-
|
||
behielt im Notfalle aus einer Erfahrungsthatsache eine Definition
|
||
zu machen oder umgekehrt. In einer vollendeten Wissenschaft
|
||
aber ist solches Tasten, ein solcher Schein der Sicherheit nicht
|
||
erlaubt; in der gereiften Erkenntnis ist die logische Reinheit
|
||
in erster Linie zu bericksichtigen; nur logisch reine Bilder
|
||
sind zu prtifen auf ihre Richtigkeit, nur richtige Bilder zu ver-
|
||
gleichen nach ihrer Zweckmafsigkeit. Das dringende Bedirfnis
|
||
verfahrt oft umgekehrt: Die Bilder werden erfunden passend
|
||
fir einen beabsichtigten Zweck, dann geprift auf ihre Richtig-
|
||
keit, endlich und zuletzt gesiubert von inneren Wider-
|
||
spriichen.
|
||
|
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[PDF-PAGE 48]
|
||
12 Kinleitung.
|
||
|
||
Ist diese letzte Bemerkung nur einigermafsen zutreffend,
|
||
so erscheint es uns nur natiirlich, dafs das betrachtete System
|
||
der Mechanik hiéchste Zweckmalsigkeit aufweist, sobald es
|
||
angewandt wird auf die einfachen Erscheinungen, fiir welche
|
||
es zuerst erdacht wurde, also vor allem auf die Wirkang der
|
||
Schwerkraft und die Aufgaben der praktischen Mechanik. Wir
|
||
diirfen uns aber hierbei nicht beruhigen, wir haben uns zu
|
||
erinnern, dafs wir hier nicht die Bediirfnisse des taglichen
|
||
Lebens und nicht den Standpunkt vergangener Zeiten vertreten
|
||
wollen, dafs wir vielmehr den gesamten Umfang der heutigen
|
||
physikalischen Erkenntnis ins Auge fassen und dafs wir iiber-
|
||
dies von der Zweckmafsigkeit in einem besonderen Sinne reden,
|
||
welchen wir im Kingange genau bestimmt haben. Darnach
|
||
haben wir die Pflicht, zunichst zu fragen: Ist das entworfene
|
||
Bild vollkommen deutlich? Enthalt es alle Ziige, welche die
|
||
heutige Erkenntnis an den natiirlichen Bewegungen zu unter-
|
||
scheiden vermag? Diese Frage beantworten wir nun ent-
|
||
schieden mit nein. Nicht alle Bewegungen, welche die Grund-
|
||
gesetze zulassen und welche die Mechanik als mathematische
|
||
Ubungsaufgaben behandelt, kommen in der Natur vor; wir
|
||
kénnen von den natiirlichen Bewegungen, Kriften, festen Ver-
|
||
bindungen mehr aussagen, als es die angenommenen Grund-
|
||
gesetze thun. Seit der Mitte dieses Jahrhunderts sind wir
|
||
fest tiberzeugt, dafs keine Krafte in der Natur wirklich vor-
|
||
kommen, welche eine Verletzung des Prinzips von der Erhal-
|
||
tung der Energje bedingen wiirden. Weit dlter ist die Uber-
|
||
zeugung, dafs nur solche Krafte vorkommen, welche sich
|
||
darstellen lassen als Summe von Wechselwirkungen zwischen
|
||
unendlich kleinen Elementen der Materie. Auch diese Ele-
|
||
mentarkrifte sind nicht frei. Als allgemein zugegebene Kigen-
|
||
schaften derselben kénnen wir anfiihren, dass sie unabhingig
|
||
sind vom absoluten Werte der Zeit und vom absoluten Orte im
|
||
Raume. Andere Kigenschaften sind umstritten. Man hat bald
|
||
vermutet, bald in Frage gestellt, ob die Klementarkrafte nur
|
||
bestehen kénnen in Anziehungen und Abstofsungen nach der
|
||
Verbindungslinie der wirkenden Massen; ob ihre Gréfse nur
|
||
bedingt sei durch die Entfernung oder ob sie nicht auch ab-
|
||
hingen kénne von der absoluten oder der relativen Geschwin-
|
||
digkeit und nur von dieser, oder ob nicht auch die Be-
|
||
|
||
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[PDF-PAGE 49]
|
||
Finleitung. 13
|
||
|
||
schleunigung oder noch héhere Differentialquotienten des Wegs
|
||
nach der Zeit in Betracht kommen kénnten. So wenig man
|
||
sich also einig ist tiber alle bestimmten EKigenschaften, welche
|
||
den Elementarkriften beizulegen sind, so sehr stimmt man
|
||
doch iiberein in der Meinung,. dafs sich mehr solche allge-
|
||
meine Higenschaften angeben und aus der schon vorhandenen
|
||
Beobachtung ableiten lassen, als die Grundgesetze enthalten.
|
||
Man ist tiberzeugt, dafs die Elementarkrafte, unbestimmt ge-
|
||
sprochen, einfacher Natur sein miissen. Was in dieser Hin-
|
||
sicht von den Kriften gilt, kann man in gleicher Weise von
|
||
den festen Verbindungen der Kérper sagen, welche mathe-
|
||
matisch durch Bedingungsgleichungen zwischen den Koordinaten
|
||
dargestellt werden und deren Kinflufs durch das p’ ALEMBERT-
|
||
sche Prinzip bestimmt ist. Mathematisch kann man jede be-
|
||
liebige endliche oder Differentialgleichung zwischen den Ko-
|
||
ordinaten hinschreiben und verlangen, dafs sie befriedigt werde;
|
||
aber nicht immer la{st sich eine physikalische, eine natiirliche
|
||
Verbindung angeben, welche die Wirkung jener Gleichung hat;
|
||
oft liegt die Vermutung, bisweilen die Uberzeugung vor, dats
|
||
eine solche Verbindung durch die Natur der Dinge ausge-
|
||
schlossen sei. In welcher Weise aber sind die zulassigen Be-
|
||
dingungsgleichungen einzuschranken? Wo ist die Grenzlinie
|
||
zwischen ihnen und den vorstellbaren? Man hat sich hiufig
|
||
begniigt, nur endliche Bedingungsgleichungen in Betracht zu
|
||
ziehen. Diese Einschrinkung aber geht zu weit, denn nicht
|
||
integrierbare Differentialgleichungen kénnen als Bedingungs-
|
||
gleichungen bei natirlichen Problemen wirklich auftreten.
|
||
|
||
Kurzum, sowohl was die Krifte, als was die festen Ver-
|
||
bindungen anlangt, enthalt unser System der Prinzipien zwar
|
||
alle die natiirlichen Bewegungen, aber es umfingt gleichzeitig
|
||
sehr viele Bewegungen, welche nicht natiirliche sind. Ein
|
||
System, welches diese letzteren oder doch einen Teil derselben
|
||
ausschlésse, wiirde mehr wirkliche Beziehungen der Dinge zu
|
||
einander wiederspiegeln und also in diesem Sinne zweckmalsiger
|
||
sein. Doch haben wir die Pflicht, auch noch in einer zweiten
|
||
Richtung nach der Zweckmia(sigkeit unseres Bildes zu fragen.
|
||
Ist unser Bild auch einfach? Ist es sparsam an unwesent-
|
||
lichen Ziigen, an Ziigen also, welche von uns zwar zulassiger
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 50]
|
||
14 Ennleitung.
|
||
|
||
aber doch willkirlicher Weise den wesentlichen Ziigen der
|
||
Natur hinzugefiigt werden? Unsere Bedenken bei Beantwortung
|
||
dieser Frage kniipfen sich wiederum an den Begriff der Kraft.
|
||
Es kann nicht geleugnet werden, dafs in sebr vielen Fallen
|
||
die Krafte, welche unsere Mechanik zur Behandlung physika-
|
||
lischer Fragen einfihrt, nur als leergehende Nebenrader mit-
|
||
laufen, um itberall da aufser Wirksamkeit zu treten, wo es
|
||
gilt, wirkliche Thatsachen darzustellen. In den einfachen Ver-
|
||
haltnissen, an welche die Mechanik urspringlich ankniipfte,
|
||
ist das freilich nicht der Fall. Die Schwere eines Steines,
|
||
die Kraft des Armes scheinen ebenso wirklich, ebenso der
|
||
unmittelbaren Wahrnehmung zuginglich, wie die durch sie er-
|
||
zeugten Bewegungen. Aber wir brauchen nur etwa zur Bewegung
|
||
der Gestirne tiberzugehen, um schon andere Verhiltnisse zu
|
||
haben. Hier sind die Krafte niemals Gegenstand der unmittel-
|
||
baren Erfahrung gewesen; alle unsere friheren Erfahrungen
|
||
beziehen sich nur auf den scheinbaren Ort der Gestirne. Wir
|
||
erwarten auch in Zukunft nicht die Krafte wahrzunehmen,
|
||
sondern die zukinftigen Erfahrungen, welche wir erwarten,
|
||
betreffen wiederum nur die Lage der. leuchtenden Punkte am
|
||
Himmel, als welche uns die Gestirne erscheinen. Nur bei der
|
||
Ableitung der zuktinftigen Erfahrungen aus den vergangenen
|
||
treten als Hilfsgréfsen voriibergehend die Cravitationskrafte
|
||
ein, um wieder aus der Uberlegung zu verschwinden. Ganz
|
||
allgemein liegt die Sache so bei der Betrachtung der mole-
|
||
kularen Krafte, der chemischen, vieler elektrischen und magne-
|
||
tischen Wirkungen. Und wenn wir nun nach reiferer Erfahrung
|
||
zuriickkehren zu den einfachen Kraften, tiber deren Bestehen
|
||
wir keinen Zweifel hatten, so werden wir belehrt, dalfs diese
|
||
mit tiberzeugender Gewifsheit von uns wahrgenommenen Krifte
|
||
jedenfalls nicht wirkliche waren. Der Trieb jedes Kérpers
|
||
gegen die Erde hin, welchen wir mit. Handen zu greifen
|
||
glaubten, dieser Trieb, so sagt uns die reifere Mechanik, ist
|
||
als solcher nicht wirklich, er ist das als Einzelkraft nur vor-
|
||
gestellte Ergebnis einer unfafsbaren Anzahl wirklicher Krifte,
|
||
welche die Atome des Kérpers gegen alle Atome des Weltalls
|
||
hinziehen. Auch hier sind dann also die wirklichen Krifte
|
||
niemals Gegenstand der friitheren Erfahrung gewesen, noch -
|
||
erwarten wir sie in zukinftigen Erfahrungen anzutreffen. Nur
|
||
|
||
|
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[PDF-PAGE 51]
|
||
Einleitung. — 15
|
||
|
||
wihrend des Prozesses, mit welchem wir die zukinftigen Er-
|
||
fahrungen aus den vergangenen ableiten, treten sie leise ein
|
||
und wieder aus. Doch selbst wenn die Krifte nur von uns
|
||
in die Natur hineingetragen waren, dirften wir darum ihre
|
||
Kinfihrung noch nicht als unzweckmifsig bezeichnen. Wir
|
||
waren uns von vornherein klar dariiber, dafs sich unwesent-
|
||
liche Nebenbeziehungen in unsern Bildern nicht ganz wirden
|
||
vermeiden lassen. Nur miglichste Kinschrankung dieser Be-
|
||
ziehungen, nur weise Besonnenheit in ihrem Gebrauch
|
||
durften wir verlangen. Kann man aber behaupten, dalfs die
|
||
Physik in dieser Richtung immer mit Sparsamkeit zu Wege
|
||
gehen konnte? Mulste sie nicht vielmehr die Welt bis zum
|
||
Ubermals erfiillen mit den verschiedensten Arten von Kraften,
|
||
mit Kriaften, welche selbst niemals in die Erscheinung treten,
|
||
sogar mit solchen, welche nur ganz ausnahmsweise iiberhaupt
|
||
eine Wirkung haben? Wir sehen etwa ein Stik Eisen auf
|
||
dem Tische ruhen, wir vermuten demnach, dafs keine Bewegungs-
|
||
ursachen, keine Krifte daseien. Die Physik, welche auf unserer
|
||
- Mechanik aufgebaut und durch dies Fundament notwendig
|
||
bestimmt ist, belehrt uns eines anderen. Jedes Atom des
|
||
Kisens wird zu jedem anderen Atom des Weltalls durch die
|
||
Gravitationskraft hingezogen. Jedes Atom des EHisens ist aber
|
||
auch magnetisch und dadurch mit jedem anderen magnetischen
|
||
Atom des Weltalls durch neue Krifte verbunden. Aber die
|
||
Korper des Alls sind auch erfillt mit bewegter Elektricitat
|
||
und von diesen bewegten Elektricitiiten gehen weitere ver-
|
||
wickelte Krafte aus, welche an jedem magnetischen Atom des
|
||
Eisens ziehen. Und insofern die Teile des Kisens selbst Elek-
|
||
tricitaét enthalten, haben wir wieder andere Kriafte in Betracht
|
||
zu ziehen; neben diesen dann noch verschiedene Arten von
|
||
Molekularkraften. Einige dieser Krafte sind nicht klein; ware
|
||
von allen Kraften nur ein Teil wirksam, so kénnte dieser Teil
|
||
das Eisen in Sticke reifsen. In Wahrheit aber sind alle
|
||
Krafte so gegen einander abgeglichen, dafs die Wirkung der
|
||
gewaltigen Zurtistung Null ist; dafs trotz tausend vorhandenen
|
||
Bewegungsursachen Bewegung nicht eintritt; dafs das Hisen
|
||
eben ruht. Wenn wir nun diese Vorstellungen unbefangen
|
||
Denkenden vortragen, wer wird uns glauben? Wen werden wir
|
||
tiberzeugen, dafs wir noch von wirklichen Dingen reden und
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 52]
|
||
16 Finleitung.
|
||
|
||
nicht von Gebilden einer ausschweifenden Einbildungskraft?
|
||
Wir selbst aber werden nachdenklich werden, ob wir wirk-
|
||
lich die Ruhe des Eisens und seiner Teile in einfacher Weise
|
||
geschildert und abgebildet haben. Ob sich die Verwickelung
|
||
tiberhaupt vermeiden lafst, ist zunachst ja fraglich; aber das
|
||
ist nicht fraglich, dafs ein System der Mechanik, welches sie
|
||
vermeidet oder ausschliefst, einfacher und in diesem Sinne
|
||
zweckmiifsiger ist, als das hier betrachtete, welches solche
|
||
Vorstellungen nicht nur zulafst, sondern uns geradezu aufzwingt.
|
||
|
||
Fassen wir noch einmal in kiirzester Form die Bedenken
|
||
zusammen, welche uns bei Betrachtung der gewdhnlichen Dar-
|
||
stellungsweise der Prinzipien der Mechanik aufstiefsen. Was
|
||
die Form anlangt, schien uns, dafs der logische Wert der
|
||
einzelnen Aussagen nicht hinreichend klar festgelegt worden
|
||
sei. Was die Sache anlangt, schien uns, dafs die von der
|
||
Mechanik betrachteten Bewegungen sich nicht véllig mit den
|
||
zu betrachtenden natiirlichen Bewegungen decken. Manche
|
||
Higenschaften der natiirlichen Bewegungen werden in der
|
||
Mechanik nicht beriicksichtigt; viele Beziehungen, welche die
|
||
Mechanik betrachtet, fehlen wahrscheinlich in der Natur. Auch
|
||
wenn diese Ausstellungen als gerechtfertigt anerkannt werden,
|
||
dirfen sie uns freilich nicht zu der Meinung verleiten, dals
|
||
die gewdhnliche Darstellung der Mechanik ihren Wert und
|
||
ihre bevorzugte Stellung deshalb einbiifsen miisse oder je ein-
|
||
biifsen werde; aber sie rechtfertigen es doch hinreichend, dafs wir
|
||
uns auch nach anderen Darstellungen umsehen, welche in den
|
||
getadelten Beziehungen Vorteile bieten und den darzustellen-
|
||
den Dingen noch enger angepalst sind.
|
||
|
||
2.
|
||
|
||
Ein zweites Bild der mechanischen Vorginge ist weit
|
||
jinmgeren Ursprungs als das erste. Seine Entwickelung aus
|
||
und neben jenem ist eng verknipft mit den Fortschritten,
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 53]
|
||
Einlettung. 17
|
||
|
||
welche die physikalische Wissenschaft in den letzten Jahr-
|
||
zebnten gemacht hat. Noch bis in die Mitte des Jahrhunderts
|
||
erschien als letztes Ziel und als letzte anzustrebende Er-
|
||
klarung der Naturerscheinungen die Riickfihrung derselben
|
||
auf unzahlige Fernkrifte zwischen den Atomen der Materie.
|
||
Diese Anschauungsweise entsprach vollstindig dem Systeme der
|
||
mechanischen Prinzipien, welches wir als das erste bezeichnet
|
||
haben; sie wurde durch jenes bedingt, wie jenes durch sie.
|
||
Jetzt, gegen Ende des Jahrhunderts hat die Physik einer
|
||
anderen Denkweise ihre Vorliebe zugewandt. Beeinflufst von
|
||
dem tiberwiltigenden Eindrucke, welchen die Auffindung des
|
||
Prinzipes von der Erhaltung der Energie ihr gemacht hat,
|
||
liebt sie es, die in ihr Gebiet fallenden Erscheinungen als
|
||
Umsetzungen der Energie in neue Formen zu behandeln, und
|
||
die Rickfihrung der Erscheinungen auf die Gesetze der
|
||
Energieverwandlung als ihr letztes Ziel zu betrachten. Diese
|
||
Behandlungsart kann auch schon von vornherein auf die
|
||
elementaren Vorginge der Bewegung selbst angewandt
|
||
werden; alsdann entsteht eine neue, von der ersten ver-
|
||
schiedene Darstellung der Mechanik, in welcher von An-
|
||
fang an der Begriff der Kraft zuricktritt zu Gunsten des
|
||
Begriffs der Energie. Eben dieses so entstandene neue
|
||
Bild der elementaren Bewegungsvorgange ist es, welches
|
||
wir als das zweite bezeichnen und welchem wir jetzt
|
||
unsere Aufmerksamkeit widmen wollen. Wenn wir bei Be-
|
||
sprechung des ersten Bildes den Vorteil hatten, dafs wir
|
||
das Bild selbst als deutlich vor dem Auge aller Physiker
|
||
stehend voraussetzen konnten, so ist das bei diesem zweiten
|
||
Bilde nun freilich nicht der Fall. Dasselbe ist sogar wohl noch
|
||
niemals in allen seinen EKinzelheiten ausgemalt worden, es giebt
|
||
meines Wissens kein Lehrbuch der Mechanik, welches sich
|
||
von vornherein auf den Standpunkt der Energielehre stellte,
|
||
und den Begriff der Energie vor dem Begriff der Kraft ein-
|
||
fahrte. Vielleicht ist auch noch niemals eine Vorlesung tber
|
||
Mechanik nach diesem Plane eingerichtet worden. Aber die
|
||
Méglichkeit eines solchen Planes hat schon den Begriindern
|
||
der Energielehre eingeleuchtet; die Bemerkung, dafs man auf
|
||
diese Weise den Begriff der Kraft mit seinen Schwierigkeiten
|
||
|
||
vermeiden kénne, ist dfters gemacht; in einzelnen besonderen
|
||
Hertz, Mechanik. 2
|
||
|
||
[PDF-PAGE 54]
|
||
18 Einleitung.
|
||
|
||
Anwendungen treten in der Wissenschaft immer hiufiger
|
||
Schlussreihen auf, welche ganz dieser Denkweise angehéren.
|
||
Wir kénnen daher recht wohl eine Skizze entwerfen, welche
|
||
uns die groben Umrisse des Bildes vorfihrt; wir kénnen im
|
||
allgemeinen den Plan angeben, nach welchem die beabsichtigte
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||
Darstellung der Mechanik geordnet werden miifste. Wie im
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ersten Bilde, so gehen wir auch hier aus von vier von einander
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unabhiangigen Grundbegriffen, deren Beziehungen zu einander
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den Inhalt der Mechanik bilden sollen. Zwei derselben haben
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einen mathematischen Charakter: Raum und Zeit; die beiden
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anderen: Masse und Energie, werden eingefithrt als in ge-
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gebener Menge vorhandene, unzerstérbare und unvermehrbare
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physikalische Wesenheiten. Freilich wird es nétig sein, neben
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dieser Erklirung auch deutlich anzugeben, durch welche kon-
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kreten Erfahrungen wir in letzter Instanz das Vorhandensein
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von Masse und Energie feststellen wollen. Hier nehmen wir
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an, dass dies méglich und dass es geschehen sei. Dass die
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Menge der Energie, welche mit bestimmten Massen verbunden
|
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ist, von dem Zustande dieser Massen abhangig ist, ist selbst-
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verstandlich. Es ist aber als eine erste allgemeine Erfahrung
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einzufihren, dafs die vorhandene Energie sich stets in zwei
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Teile zerfillen lafst, von welchen der eine allein durch die
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gegenseitige Lage der Massen bedingt ist, der andere aber
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von ihrer absoluten Geschwindigkeit abhangt. Der erste Teil
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wird als potentielle Energie, der zweite Teil als kinetische
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Energie definiert. Die Form fir die Abhingigkeit der kine-
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tischen Energie von der Geschwindigkeit der bewegten Kérper
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ist in allen Fallen die gleiche und bekannt; die Form fur die
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Abhiangigkeit der potentiellen Energie von der Lage der Kérper
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kann nicht allgemein angegeben werden, sie bildet vielmehr
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die besondere Natur und die charakteristische Higentiimlich-
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keit der gerade betrachteten Massen. Es ist die Aufgabe der
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Physik, diese Form fir die uns umgebenden Naturkérper aus
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friheren Erfahrungen zu ermitteln. Bis hierher treten in den
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Betrachtungen im wesentlichen nur drei Elemente, namlich
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Raum, Masse und Energie in Beziehung. Um die Beziehungen
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||
aller vier Grundbegriffe und damit den zeitlichen Ablauf der
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||
Erscheinungen festzulegen, bedienen wir uns eines der Inte-
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||
gralprinzipien der gewdhnlichen Mechanik, welche sich zu ihren
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[PDF-PAGE 55]
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Finleitung. 19
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Aussagen des Energiebegrifis bedienen. Welches derselben
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wir anwenden, ist ziemlich gleichgiltig; wir kénnen und wir
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wollen etwa das Hammiron’sche Princip wahlen. Wir wiirden
|
||
dann also als einziges erfahrungsmifsiges Grundgesetz der
|
||
Mechanik den Satz aufstellen, dafs jedes System natiirlicher
|
||
Massen sich so bewegt, als sei ihm die Aufgabe gestellt, ge-
|
||
gebene Lagen in gegebener Zeit zu erreichen und zwar in
|
||
solcher Weise, dafs die Differenz zwischen kinetischer und
|
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potentieller Energie im Mittel tiber die ganze Zeit so klein
|
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ausfalle wie miéglich. Ist dieses Gesetz auch in der Form
|
||
nicht einfach, so giebt es doch durch eine einzige Bestimmung
|
||
die natirlichen Umwandlungen der Energie zwischen ihren
|
||
Formen in eindeutiger Weise wieder, es gestattet daher den
|
||
Ablauf der wirklichen Erscheinungen fiir die Zukunft voll-
|
||
stindig vorauszubestimmen. Mit der Aufstellung dieses neuen
|
||
Gesetzes sind die unentbehrlichen Grundlagen der Mechanik
|
||
abgeschlossen. Was wir noch hinzufigen kénnen, sind nur
|
||
mathematische Ableitungen und etwa. Vereinfachungen oder
|
||
Hilfsbezeichnungen, welche vielleicht zweckmalsig, aber jeden-
|
||
falls nicht notwendig sind. Zu diesen letzteren gehért dann
|
||
auch der Begriff der Kraft, welcher in den Grundlagen selbst
|
||
nicht auftrat. Seine Hinfihrung ist zweckmafsig, sobald wir
|
||
nicht nur Massen in Betracht ziehen, welche mit konstanten
|
||
Mengen von Energie verbunden sind, sondern auch solche
|
||
Massen, welche Energie an andere Massen abgeben oder von
|
||
ihnen empfangen. Aber die Hinfitthrung geschieht nicht durch
|
||
neue Erfahrung, sondern durch eine Definition, welche in mehr
|
||
als einer Weise gefafst werden kann. Dementsprechend sind
|
||
auch die Higenschaften der so definierten Krifte nicht aus
|
||
der Erfahrung zu ermitteln, sondern lassen sich aus der De-
|
||
finition und dem Grundgesetz ableiten und selbst die Be-
|
||
stitigung dieser Higenschaften durch die Erfahrung ist iiber-
|
||
flissig, es wire denn, dafs man noch an der Richtigkeit des
|
||
ganzen Systems zweifelte. Der Kraftbegriff als solcher kann
|
||
also in diesem System keine logischen Schwierigkeiten mehr
|
||
bereiten; auch fir die Beurteilung der Richtigkeit des Systems
|
||
kann er nicht in Frage kommen, nur auf die grifsere oder
|
||
kleinere Zweckmifsigkeit desselben kann er Hinflufs haben.
|
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||
Q*
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[PDF-PAGE 56]
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||
20 . Einleitung.
|
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||
In der angedeuteten Weise also hatten wir etwa die
|
||
Prinzipien der Mechanik zu ordnen, um sie der Anschauungs-
|
||
weise der Energielehre anzupassen. Es fragt sich nun aber,
|
||
ob das entstandene zweite Bild vor dem erstbetrachteten etwas
|
||
voraus habe, und wir wollen deshalb seine Vorziige und Nach-
|
||
teile naher ins Auge fassen.
|
||
|
||
Diesmal liegt es in unserem Interesse, dafs wir uns zu-
|
||
erst an die Zweckmilsigkeit halten, weil in Bezug auf diese
|
||
ein Fortschritt am unzweifelhaftesten hervortritt. Denn unser
|
||
zweites Bild der natirlichen Bewegungen ist zunachst ent-
|
||
schieden deutlicher; es giebt mehr Kigentiimlichkeiten derselben
|
||
wieder als das erste. Wenn wir das Hammron’sche Prinzip
|
||
aus den allgemeinen Grundlagen der Mechanik ableiten wollen,
|
||
miissen wir den letzteren gewisse Voraussetzungen fiber die
|
||
wirkenden Krafte und iiber die Beschaffenheit etwaiger fester
|
||
Verbindungen hinzufigen. Diese Voraussetzungen sind hidchst
|
||
allgemeiner Art, aber sie bedeuten darum doch ebenso viele
|
||
wichtige Einschrinkungen der durch das Prinzip dargestellten
|
||
Bewegungen. Und umgekehrt lassen sich daher auch aus dem
|
||
Prinzip eine ganze Reihe von Beziehungen, insbesondere von
|
||
Wechselbeziehungen zwischen jeder Art von méglichen Kraften
|
||
ableiten, welche in den Prinzipien des ersten Bildes fehlen,
|
||
welche aber in dem zweiten Bilde, und gleichzeitig, worauf es
|
||
ankommt, in der Natur sich finden. Der Nachweis, dafs dem
|
||
so sei, bildet den eigentlichen Inhalt und das Ziel der Arbeiten,
|
||
welche von Hetmnonrz unter dem Titel: ,,Uber die physi-
|
||
kalische Bedeutung des Prinzips der kleinsten Wirkung“ ver-
|
||
éffentlicht hat. Wir treffen aber die Sachlage wohl genauer,
|
||
wenn wir sagen, die Thatsache selbst, welche bewiesen werden
|
||
soll, bilde die Entdeckung, welche in jener Arbeit mitgeteilt
|
||
und dargelegt wird. Denn einer Entdeckung bedurfte in der
|
||
That die Erkenntnis, dafs aus so allgemeinen Voraussetzungen
|
||
sich so besondere, wichtige und zutreffende Folgerungen
|
||
ziehen lassen. Auf jene Abhandlung kénnen wir uns daher
|
||
auch berufen zur Erhartung unserer Behauptung im einzelnen,
|
||
und insofern jene Abhandlung zur Zeit den Aufsersten Fort-
|
||
schritt der Physik bezeichnet, kinnen wir uns der Frage aber-
|
||
hoben halten, ob ein noch engerer Anschlufs an die Natur
|
||
|
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[PDF-PAGE 57]
|
||
Hinleitung. 21
|
||
|
||
erreichbar sei, etwa durch Einschrinkung der fir die poten-
|
||
tielle Energie zulassigen Formen. Lieber wollen wir betonen,
|
||
dafs unser jetziges Bild auch in Hinsicht der Einfachheit die
|
||
Klippen vermeidet, an welchen die Zweckmalsigkeit unseres
|
||
ersten Bildes sich gefahrdet fand. Denn fragen wir nach dem
|
||
eigentlichen Grunde, aus welchem die Physik es heutzutage
|
||
liebt, ihre Betrachtungen in der Ausdrucksweise der Energie-
|
||
lehre zu halten, so diirfen wir antworten: weil sie es auf diese
|
||
Weise am besten vermeidet, von Dingen zu reden, von welchen
|
||
sie sehr wenig weifs und welche auf die wesentlich beabsich-
|
||
tigten Aussagen auch keinen Hinflufs haben. Wir bemerkten
|
||
schon gelegentlich, dafs die Riickfiihrung der Erscheinungen
|
||
auf die Kraft uns zwingt, unsere Uberlegung bestindig an die
|
||
Betrachtung der einzelnen Atome und Molekiile anzukniipfen.
|
||
Nun sind wir ja allerdings gegenwiartig tiberzeugt davon, dals
|
||
die wigbare Materie aus Atomen besteht; auch haben wir von
|
||
der Gréfse dieser Atome und ihren Bewegungen in gewissen
|
||
Fallen einigermafsen bestimmte Vorstellungen. Aber die Ge-
|
||
stalt der Atome, ihr Zusammenhang, ihre Bewegungen in den
|
||
meisten Fallen, alles dies ist uns ganzlich verborgen; ihre
|
||
Zahl ist in allen Fallen uniibersehbar grofs. Unsere Vor-
|
||
stellung von den Atomen ist daher selbst ein wichtiges und
|
||
interessantes Ziel weiterer Forschung, keineswegs aber ist sie
|
||
besonders geeignet, als bekannte und gesicherte Grundlage
|
||
mathematischer Theorieen zu dienen. Einen so streng den-
|
||
kenden Forscher, wie es Gustav KracuHorr war, berihrte
|
||
es daher fast peinlich, die Atome und ihre Schwingungen ohne
|
||
zwingende Notwendigkeit in den Mittelpunkt einer theoretischen
|
||
Ableitung gestellt zu sehen. Die willkirlich angenommenen
|
||
Eigenschaften der Atome mégen ohne Hinflufs auf das End-
|
||
resultat sein, das letztere mag richtig sein. Gleichwohl sind
|
||
die Kinzelheiten der Ableitung selbst zum grofsen Teile mut-
|
||
mafslich falsch, die Ableitung ist ein Scheinbeweis. Die Altere
|
||
Denkweise der Physik lafst hier kaum eine Wahl, einen Aus-
|
||
weg zu. Dagegen bietet die Auffassung der Energielehre und
|
||
damit unser zweites Bild der Mechanik den Vorteil, dafs in
|
||
die Voraussetzungen der Probleme nur die der Erfahrung un-
|
||
mittelbar zuganglichen Merkmale, Parameter, oder willkiirlichen
|
||
Koordinaten der betrachteten Kérper eintreten; dafs die Be-
|
||
|
||
[PDF-PAGE 58]
|
||
22 Hinlettung.
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||
|
||
trachtungen mit Hiilfe dieser Merkmale in endlicher und ge-
|
||
schlossener Form fortschreiten und dafs auch das Endresultat
|
||
unmittelbar wieder in greifbare Erfahrung kann iibersetzt
|
||
werden. Aufser der Energie selbst in ihren wenigen Formen
|
||
treten keine Hilfskonstruktionen in die Betrachtung ein. Unsere
|
||
Aussagen kénnen sich auf die bekannten Kigentiimlichkeiten
|
||
der betrachteten Kirpersysteme beschrinken, ohne dals wir
|
||
unsere Unkenntnis der Einzelheiten durch willkiirliche und ein-
|
||
flufslose Hypothesen verdecken miifsten. Nicht nur das End-
|
||
resultat, sondern auch alle Schritte der Ableitung desselben
|
||
kénnen als richtig und sinnvoll vertreten werden. Dies sind die
|
||
Vorziige, welche diese Methode der heutigen Physik lieb gemacht
|
||
haben, welche also auch unserem zweiten Bilde der Mechanik
|
||
eigen sind, und welche wir in unserer Bezeichnungsweise als Vor-
|
||
ztige der Hinfachheit, also der Zweckmafsigkeit aufzufassen haben.
|
||
|
||
Leider werden wir wieder unsicherer tiber den Wert
|
||
unseres Systems, wenn wir seine Richtigkeit und seine logische
|
||
Zulassigkeit priifen. Schon die Frage nach der Richtigkeit
|
||
giebt zu gerechtfertigten Zweifeln Anlafs. Keineswegs diirfen
|
||
wir der Ubereinstimmung mit der Natur schon deshalb sicher
|
||
sein, weil sich das Hamiuton’sche Prinzip ja auch aus den
|
||
zugegebenen Grundlagen der NewrTon’schen Mechanik ableiten
|
||
lafst. Wir haben zu bedenken, dafs diese Ableitung nur dann
|
||
stattfindet, wenn gewisse Voraussetzungen zutreffen, und dafs
|
||
anderseits unser System nicht nur den Anspruch macht,
|
||
einige Bewegungen der Natur richtig zu beschreiben, sondern
|
||
dafs es behauptet, alle Bewegungen der Natur zu umfassen.
|
||
Wir haben also zu untersuchen, ob auch wirklich neben den
|
||
Newton’schen Gesetzen jene besondern Voraussetzungen All-
|
||
gemeingiltigkeit haben, und ein einziges Beispiel der Natur,
|
||
welches widerspriche, wiirde die Richtigkeit des Systems als
|
||
solches umwerfen, wenn es auch die Giiltigkeit des Hammron-
|
||
schen Prinzips als allgemeinen Lehrsatzes nicht im mindesten
|
||
erschitterte. Hier entsteht nun das Bedenken nicht sowohl
|
||
ob unser Bild die gesamte Mannigfaltigkeit der Krifte, sondern
|
||
ob es auch wirklich die gesamte Mannigfaltigkeit der starren
|
||
Verbindungen enthielte, welche zwischen den Kérpern der
|
||
Natur auftreten kénnen. Die Anwendung des Hamiiron’schen
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 59]
|
||
Hinleitung. 23
|
||
|
||
Prinzips auf ein materielles System schliesst nicht aus, dafs
|
||
zwischen den gewahiten Koordinaten desselben feste Zusammen-
|
||
hinge bestehen, aber es verlangt immerhin, dafs diese Zu-
|
||
sammenhinge sich mathematisch ausdriicken lassen durch
|
||
endliche Gleichungen zwischen den Koordinaten; es gestattet
|
||
nicht das Auftreten solcher Zusammenhiange, welche mathe-
|
||
matisch nur durch Differentialgleichungen wiedergegeben werden
|
||
kénnen. Die Natur selbst aber scheint Zusammenhinge der
|
||
letzteren Art nicht einfach auszuschliessen. Denn dieselben
|
||
treten zum Beispiel auf, sobald dreidimensionale Kérper mit
|
||
ihren Oberflichen ohne Gleitung auf einander rollen. Durch
|
||
diese Verbindung, welche wir in unserer Umgebung oft vor-
|
||
finden, ist die Lage beider Kérper zu einander nur insofern
|
||
beschrankt, als sie stets einen Punkt der Oberfliche gemein
|
||
haben miissen; die Bewegungsfreiheit der Kérper aber ist noch
|
||
um einen Grad weiter beschrankt. Es lassen sich also aus
|
||
der Verbindung mehr Gleichungen zwischen den Anderungen
|
||
der Koordinaten herleiten als zwischen den Koordinaten selbst,
|
||
unter jenen muss daher mindestens eine sein, welche mathe-
|
||
matisch als eine nicht integrabele Differentialgleichung zu
|
||
bezeichnen ist. Auf derartige Fille nun gestattet das Hamm-
|
||
ton’sche Prinzip keine Anwendung mehr, oder genau ge-
|
||
sprochen: Die mathematisch mégliche Anwendung des Prinzips
|
||
fihrt zu physikalisch falschen Resultaten. Man beschrinke
|
||
die Betrachtung auf den einfachen Fall einer Kugel, welche
|
||
allein ihrer Trigheit folgend auf einer festen horizontalen
|
||
Ebene ohne Gleitung rollt; man kann hier ganz wohl durch
|
||
blofse Betrachtung ohne Rechnung sowohl die Bewegungen
|
||
tibersehen, welche die Kugel wirklich ausfihren kann, als auch
|
||
die Bewegungen, welche dem Hammrton’schen Prinzip ent-
|
||
sprechen wiirden und welche so ausfallen miifsten, dafs die
|
||
Kugel bei konstanter lebendiger Kraft gegebene Ziele in kiir-
|
||
zester Zeit erreicht. Man kann sich daher auch ohne Rechnung
|
||
tiberzeugen, dafs beide Arten von Bewegungen sehr verschiedene
|
||
Eigentiimlichkeiten aufweisen. Wahlen wir Anfangs- und
|
||
Endlage der Kugel beliebig aus, so giebt es doch offenbar
|
||
stets einen bestimmten Ubergang aus einer zur andern, auf
|
||
welchem die Zeit des Ubergangs, also das Hamiuron’sche
|
||
Integral ein Minimum wird. In Wahrheit ist aber gar nicht
|
||
|
||
[PDF-PAGE 60]
|
||
24 Evnleitung.
|
||
|
||
aus jeder Lage in jede andere ohne die Mitwirkung von Kriften
|
||
ein natiirlicher Ubergang méglich, wenn auch die Wahl der
|
||
Anfangsgeschwindigkeit vollkommen frei steht. Aber selbst
|
||
dann, wenn wir Anfangs- und Endlage so wihlen, dafs eine
|
||
natiirliche freie Bewegung zwischen beiden méglich ist, so ist
|
||
dies gleichwohl nicht diejenige, welche dem Minimum der Zeit
|
||
entspricht. Bei gewissen Anfangs- und Endlagen kann der
|
||
Unterschied sehr auffallend sein. In diesem Falle wiirde eine
|
||
Kugel, welche dem Prinzip gemiifs sich bewegte, entschieden
|
||
den Schein eines belebten Wesens annehmen, welches ziel-
|
||
bewulst einer bestimmten Lage zusteuert, wihrend neben ihr
|
||
die Kugel, welche dem Gesetze der Natur folgt, den Hindruck
|
||
einer toten, gleichférmig dahinkreiselnden Masse hervorrufen
|
||
wiirde. Es wiirde nichts helfen, wollten wir an Stelle des
|
||
Hamiuton’schen Prinzips das Prinzip der kleinsten Wirkungen
|
||
oder ein anderes Integralprinzip in den Vordergrund ricken,
|
||
da alle diese Prinzipien nur einen geringen Unterschied der
|
||
Bedeutung aufweisen und sich in der hier betrachteten Hin-
|
||
‘sicht ganz gleich verhalten. Ubrigens ist der Weg vorgezeichnet,
|
||
auf welchem allein wir das System verteidigen und gegen den
|
||
Vorwurf der Unrichtigkeit in Schutz nehmen kénnen. Wir
|
||
haben zu leugnen, dafs starre Verbindungen der angefthrten
|
||
Art mit Strenge in der Natur wirklich vorkommen. Wir
|
||
haben auszufiihren, dafs jedes sogenannte Rollen ohne Gleitung
|
||
in Wahrheit ein Rollen mit geringer Gleitung, also ein Vor-
|
||
gang der Reibung sei. Wir haben uns darauf zu berufen, dafs
|
||
ganz allgemein die Vorginge in reibenden Flachen zu den-
|
||
jenigen gehéren, welche noch nicht auf klar verstandene Ur-
|
||
sachen zuriickgefihrt werden kénnen, sondern fiir welche nur
|
||
gerade empirisch die erzeugten Krafte ermittelt sind; daher
|
||
gehére das ganze Problem zu denjenigen, zu deren Behandlung
|
||
zur Zeit die Beniitzung der Krafte und damit der Umweg
|
||
tiber die gewéhnlichen Methoden der Mechanik noch nicht
|
||
vermieden werden kénne. Uberzeugend wirkt freilich diese
|
||
Verteidigung nicht. Denn ein Rollen ohne Gleiten widerspricht
|
||
weder dem Energieprinzipe noch einem anderen allgemein an-
|
||
erkannten Grundsatze der Physik; der Vorgang ist in der
|
||
sichtbaren Welt mit so grofser Ann&herung verwirklicht, dafs
|
||
man sogar Integrationsmaschinen auf die Voraussetzung seines
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 61]
|
||
Einleitung. 25
|
||
|
||
genauen Eintretens gegriindet hat; wir haben daher kaum ein
|
||
Recht, sein Vorkommen als unméglich auszuschliefsen, am
|
||
wenigsten aus der Mechanik noch unbekannter Systeme, wie
|
||
es die Atome oder die Teile des Athers sind. Aber selbst:
|
||
wenn wir zugeben, dass die fraglichen Verbindungen in der
|
||
Natur nur angendhert verwirklicht sind, selbst dann bereitet
|
||
uns das Versagen des Hamiuron’schen Prinzips in diesen
|
||
Fallen Schwierigkeiten. Von jedem Grundgesetze unseres
|
||
mechanischen Systems werden wir verlangen miissen, dafs es
|
||
angewandt auf angenahert richtige Verhiltnisse immer noch
|
||
angenahert richtige Resultate gebe, nicht aber ganzlich falsche.
|
||
Denn da schliesslich alle starren Zusammenhinge, welche wir
|
||
der Natur entnehmen und in die Rechnung einfiithren, den
|
||
wirklichen Verhaltnissen nur angenihert entsprechen, so ge-
|
||
raten wir sonst in ginzliche Unsicherheit, auf welche unter
|
||
ihnen wir das Gesetz iiberhaupt noch anwenden diirfen, auf
|
||
welche nicht mehr. Doch wollen wir die vorgetragene Ver-
|
||
teidigung auch nicht ginzlich verwerfen; wir wollen entgegen-
|
||
kommend zugeben, dafs die aufgeworfenen Zweifel nur die
|
||
Zweckmilsigkeit des Systems, nicht aber seine Richtigkeit
|
||
betreffen, so dafs die aus ihnen entspringenden Nachteile durch
|
||
andere Vorteile aufgewogen werden kénnen.
|
||
|
||
Die wahren Schwierigkeiten erwarten uns nun aber erst,
|
||
sobald wir versuchen, die Grundlagen des Systems so zu
|
||
ordnen, dafs den Anforderungen der logischen Zulassigkeit mit
|
||
aller Strenge geniigt werde. Wir diirfen bei der Kinfihrung
|
||
der Energie nicht dem gewdhnlichen Wege folgend von den
|
||
Kraften ausgehen, von diesen zur Kriftefunktion, zur poten-
|
||
tiellen Energie, zur Energie tberhaupt fortschreiten. Hine
|
||
solche Anordnung wiirde der ersten Darstellung der Mechanik
|
||
angehéren. Vielmehr haben wir, ohne eigentlich mechanische
|
||
Entwickelungen schon vorauszusetzen, diejenigen einfachen
|
||
unmittelbaren Erfahrungen anzugeben, durch welche wir all-
|
||
gemein das Vorhandensein eines Vorrats von Energie und
|
||
die Bestimmung seiner Menge definiert wissen wollen. Wir
|
||
haben oben nur angenommen, nicht aber bewiesen, dals eine
|
||
solche Bestimmung miéglich sei. Mehrere ausgezeichnete
|
||
Physiker versuchen heutzutage, der Energie so sehr die Higen-
|
||
|
||
[PDF-PAGE 62]
|
||
26 Fanleitung.
|
||
|
||
schaften der Substanz zu leihen, dafs sie annehmen, jede
|
||
kleinste Menge derselben sei zu jeder Zeit an einen bestimmten
|
||
Ort des Raumes geknipft und bewahre bei allem Wechsel
|
||
desselben und bei aller Verwandlung der Energie in neue
|
||
Formen dennoch ihre Identitat. Diese Physiker missen
|
||
notwendig die Uberzeugung vertreten, dafs sich Definitionen
|
||
der verlangten Art wirklich geben lassen, und es war daher
|
||
wohl erlaubt, die Méglichkeit derselben anzunehmen. Sollen
|
||
wir selbst aber eine konkrete Form dafir aufweisen, welche
|
||
uns geniigt und welche allgemeiner Zustimmung sicher ist, so
|
||
geraten wir in Verlegenheit; zu einem befriedigenden und
|
||
abschliefsenden Ergebnis scheint diese ganze Anschauungs-
|
||
weise noch nicht gelangt. Eine besondere Schwierigkeit mufs
|
||
auch von vornherein der Umstand bereiten, dafs die angeblich
|
||
substanzartige Energie in zwei so ganzlich verschiedenen
|
||
Formen auftritt, wie es die kinetische und die potentielle
|
||
Form sind. Die kinetische Energie bedarf im Grunde an
|
||
sich keiner neuen Grundbestimmung, da sie aus den Begriffen
|
||
der Geschwindigkeit und der Masse abgeleitet werden kann;
|
||
die potentielle Energie hingegen, welche eine selbstandige
|
||
Feststellung fordert, widerstrebt zugleich jeder Definition,
|
||
welche ihr die Higenschaften einer Substanz beilegt. Die
|
||
Menge einer Substanz ist eine notwendig positive Grisse; die
|
||
in einem System enthaltene potentielle Energie scheuen wir
|
||
uns nicht, als negativ anzunehmen. Bedeutet ein analytischer
|
||
Ausdruck die Menge einer Substanz, so hat eine additive
|
||
Konstante in dem Ausdruck dieselbe Wichtigkeit wie der Rest;
|
||
in dem Ausdruck fir die potentielle Energie eines Systems
|
||
hat eine additive Konstante niemals eine Bedeutung. Endlich
|
||
kann der Inhalt eines physikalischen Systems an einer Sub-
|
||
stanz nur abhingen von dem Zustande des Systems selbst,
|
||
der Inhalt gegebener Materie an potentieller Energie aber
|
||
hangt ab von dem Vorhandensein entfernter Massen, welche
|
||
vielleicht niemals Einflufs auf das System hatten. Ist das
|
||
Weltall und damit die Menge jener entfernten Massen unendlich,
|
||
so wird der Inhalt auch endlicher Mengen von Materie an
|
||
vielen Formen potentieller Energie unendlich gross. Dies
|
||
sind alles Schwierigkeiten, welche durch die gesuchte Definition
|
||
der Energie beseitigt oder umgangen werden miifsten. Obwohl
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 63]
|
||
Einleitung. 27
|
||
|
||
wir nun auch nicht behaupten wollen, dafs eine solche Umgehung
|
||
unméglich sei, so kénnen wir sie doch gegenwirtig noch nicht als
|
||
geleistet ansehen, und es wird am vorsichtigsten sein, wenn wir
|
||
es einstweilen noch als eine offene Frage betrachten, ob sich das
|
||
System tiberhaupt in logisch einwurfsfreier Form entwickeln lafst.
|
||
|
||
Es ist vielleicht der Mihe wert, an dieser Stelle auch
|
||
die Frage zu erértern, ob ein anderer Kinwurf gerechtfertigt
|
||
sei, den man vielleicht gegen die Zulissigkeit des hier be-
|
||
trachteten Systems richten kénnte. Soll ein Bild gewisser
|
||
aufserer Dinge in unserem Sinne zulassig sein, so miissen die
|
||
Zige desselben nicht allein unter sich in Kinklang stehen,
|
||
sondern sie diirfen auch nicht den Ziigen anderer in unserer
|
||
Erkenntnis schon feststehender Bilder widersprechen. Darauf-
|
||
hin kénnte man nun behaupten: Es sei nicht denkbar, dafs
|
||
das Haminron’sche Prinzip oder ein Satz von verwandten
|
||
Eigenschaften in Wahrheit ein Grundgesetz der Mechanik und
|
||
damit ein Grundgesetz der Natur vorstelle, denn von einem
|
||
Grundgesetze sei von vornherein Hinfachheit und Schlichtheit
|
||
za erwarten, das Hamiiron’sche Prinzip aber stelle, wenn
|
||
man es analysiere, eine Aaufserst verwickelte Aussage dar.
|
||
Nicht allein mache es die gegenw&rtige Bewegung abhingig
|
||
von Folgen, welche erst in der Zukunft hervortreten kénnen
|
||
und mute dadurch der leblosen Natur Absichten zu, sondern,
|
||
was schlimmer sei, es mute der Natur sinnlose Absichten zu.
|
||
Denn das Integral, dessen Minimum das Hammron’ sche Prinzip
|
||
fordert, habe keine einfache physikalische Bedeutung; es sei
|
||
aber fir die Natur ein unverst&indliches Ziel, einen mathe-
|
||
matischen Ausdruck zum Minimum zu machen oder seine
|
||
Variation zum Verschwinden zu bringen. Die gewdhnliche
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Antwort, welche die heutige Physik auf derartige Angriffe
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bereit hilt, ist diese, dafs die Voraussetzungen, von welchen
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die Betrachtungen ausgehen, metaphysischen Ursprungs seien,
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dafs aber die Physik darauf verzichtet habe und es nicht mehr
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als Pflicht anerkenne, den Anspriichen der Metaphysik gerecht
|
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zu werden. Sie lege kein Gewicht mehr auf die Griinde,
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welche von metaphysischer Seite einst zu Gunsten der Prin-
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zipien vorgebracht seien, welche einen Zweck in der Natur
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andeuten; ebensowenig aber kénne sie jetzt Hinwinden meta-
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[PDF-PAGE 64]
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28 Exnleitung.
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physischen Charakters gegen ebendieselben Prinzipien ihr Ohr
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leihen. Wenn wir bei solchem Rechten zu entscheiden hatten,
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so wirden wir nicht unbillig denken, wenn wir uns mehr auf
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Seiten des Angreifers, als des Verteidigers stellten. Kein Be-
|
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denken, welches tiberhaupt Eindruck auf unsern Geist macht,
|
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kann dadurch erledigt werden, dafs es als metaphysisch be-
|
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zeichnet wird; jeder denkende Geist hat als solcher Bedirf-
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nisse, welche der Naturforscher metaphysische zu nennen ge-
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wohnt ist. Uberdies lafst sich in dem vorliegenden Falle, wie
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wohl in allen ahnlichen, die gesunde und berechtigte Quelle
|
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unseres Bedirfnisses ganz wohl aufweisen. Freilich konnen
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wir von der Natur nicht a priori Einfachheit fordern, noch
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auch urteilen, was in ihrem Sinne einfach sei. Aber den Bil-
|
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dern, welche wir uns von ihr machen, konnen wir als unsern
|
||
eigenen Schopfungen Vorschriften machen. Wir urteilen nun
|
||
mit Recht, dafs, wenn unsere Bilder den Dingen gut angepalst
|
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sind, dafs dann die wirklichen Beziehungen der Dinge durch
|
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einfache Beziehungen zwischen den Bildern miissen wieder-
|
||
gegeben werden. Wenn aber die wirklichen Beziehungen
|
||
zwischen den Dingen nur durch verwickelte, ja dem unvor-
|
||
bereiteten Geiste sogar unverstandliche Beziehungen zwischen
|
||
den Bildern sich wiedergeben lassen, so urteilen wir, dafs
|
||
diese Bilder den Dingen nur ungeniigend angepalfst sind. Unsere
|
||
Forderung der Einfachheit geht also nicht an die Natur, son-
|
||
dern an die Bilder, welche wir uns von ihr machen, und unser
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||
Widerspruch gegen eine verwickelte Aussage als Grundgesetz
|
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driickt nur die Uberzeugung aus. dafs, wenn der Inhalt der
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||
Aussage richtig und umfassend sei, er sich durch zweck-
|
||
mifsigere Wahl der Grundvorstellungen auch in einfacherer
|
||
Form miisse aussprechen lassen. Kine andere Aufserung der-
|
||
selben Uberzeugung ist der in uns erwachende Wunsch, von dem
|
||
aufseren Verstandnisse eines derartigen Gesetzes zu seinem tieferen
|
||
und eigentlichen Sinn vorzudringen, von dessen Vorhandensein
|
||
wir iiberzeugt sind. Ist diese Auffassung richtig, so bildet in
|
||
der That der vorgebrachte Einwurf ein berechtigtes Bedenken
|
||
gegen das System, aber er trifft dann nicht sowohl seine Zulassig-
|
||
keit, als vielmehr seine Zweckmafsigkeit und er kime bei der
|
||
Beurteilung der letzteren in Betracht. Es ist indessen nicht
|
||
notig, deshalb nochmals zur Besprechung jener zurickzukehren.
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||
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[PDF-PAGE 65]
|
||
Finleitung. 29
|
||
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||
Uberblicken wir noch einmal dasjenige, was wir tiber die
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||
Vorziige des zweiten Bildes vorzubringen hatten, so kénnen
|
||
wir von der Gesamtheit desselben nicht allzu befriedigt sein.
|
||
Obgleich die ganze Richtung der neueren Physik uns anlockt,
|
||
den Begriff der Energie in den Vordergrund zu stellen und
|
||
ihn auch in der Mechanik als Grund- und Eckstein unseres
|
||
Aufbaues zu benutzen, so bleibt es doch mehr als zweifelhaft,
|
||
ob wir bei diesem Vorgehen die Hiarten und Rauhigkeiten
|
||
vermeiden kénnen, welche uns in dem ersten Bilde der Mechanik
|
||
anstéfsig waren. In der That habe ich auch diesem zweiten
|
||
Wege der Darstellung nicht deshalb eine langere Besprechung
|
||
gewidmet, um zur Beschreitung desselben zu ermutigen, son-
|
||
dern vielmehr um anzudeuten, aus welchen Griinden ich selbst
|
||
ibn aufgegeben habe, nachdem ich zuerst ihn zu verfolgen
|
||
versucht hatte.
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||
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||
3.
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||
Eine dritte Anordnung der Prinzipien der Mechanik ist
|
||
diejenige, welche in dem Hauptteil des Buches ausfihrlich
|
||
dargelegt werden soll, deren Hauptziige wir aber schon hier
|
||
in der Einleitung vorfithren wollen, um sie in demselben Sinne
|
||
einer Kritik zu unterwerfen, wie es mit den beiden ersten
|
||
geschehen ist. Von jenen unterscheidet sie sich wesentlich
|
||
dadurch, dafs sie von nur drei unabhingigen Grundvor-
|
||
stellungen ausgeht; denen der Zeit, des Raumes und der
|
||
Masse. Sie betrachtet daher als ihre Aufgabe, die natiirlichen
|
||
Beziehungen zwischen diesen dreien und allein zwischen diesen
|
||
dreien darzustellen. Ein vierter Begriff, wie der Begriff der
|
||
Kraft oder der Energie, an welchen sich vorhin die Schwierig-
|
||
keiten kniipften, ist als selbstandige Grundvorstellung beseitigt.
|
||
Die Bemerkung, dafs drei von einander unabhangige Vor-
|
||
stellungen nétig, aber auch hinreichend seien zur Entwicklung
|
||
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[PDF-PAGE 66]
|
||
30 Kinleitung.
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||
der Mechanik, hat schon G. Krzcuuorr seinem Lehrbuche der
|
||
Mechanik vorangestellt. Ganz ohne Ersatz kann freilich die
|
||
so in den Grundvorstellungen ausfallende Mannigfaltigkeit nicht
|
||
bleiben. In unserer Darstellung suchen wir die entstehende
|
||
Liicke auszufillen durch Beniitzung einer Hypothese, welche
|
||
hier nicht zum ersten Male aufgestellt wird, welche man aber
|
||
nicht in die Elemente der Mechanik selbst einzufihren gewohnt
|
||
ist, und deren Wesen wir etwa in der folgenden Weise
|
||
erlautern kénnen.
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||
|
||
Versuchen wir die Bewegungen der uns umgebenden
|
||
K6rper zu verstehen und auf einfache und durchsichtige
|
||
Regeln zuriickzufihren, indem wir aber nur dasjenige beriick-
|
||
sichtigen, was wir unmittelbar vor Augen haben, so schlagt
|
||
unser Versuch im allgemeinen fehl. Wir werden bald gewahr,
|
||
dafs die Gesamtheit dessen, was wir sehen und greifen kénnen
|
||
noch keine gesetzmifsige Welt bildet, in welcher gleiche Zu-
|
||
stande stets gleiche Folgen haben. Wir iiberzeugen uns, dafs
|
||
die Mannigfaltigkeit der wirklichen Welt gréfser sein mufs
|
||
als die Mannigfaltigkeit der Welt, welche sich unseren Sinnen
|
||
unmittelbar offenbart. Wollen wir ein abgerundetes, in sich
|
||
geschlossenes, gesetzmifsiges Weltbild erhalten, so miissen wir
|
||
hinter den Dingen, welche wir sehen, noch andere, unsichtbare
|
||
Dinge vermuten, hinter den Schranken unserer Sinne noch
|
||
heimliche Mitspieler suchen. Diese tieferliegenden Linflisse
|
||
erkannten wir in den ersten beiden Darstellungen an und wir
|
||
dachten sie uns als Wesen einer eigenen und besonderen Art,
|
||
deshalb schufen wir zu ihrer Wiedergabe in unserem Bilde
|
||
die Begriffe der Kraft und der Energie. Es steht uns aber
|
||
noch ein anderer Weg offen. Wir kénnen zugeben, dafs ein
|
||
verborgenes Etwas mitwirke und doch leugnen, dafs dieses
|
||
Etwas einer besonderen Kategorie angehére. Es steht uns
|
||
frei anzunehmen, dafs auch das Verborgene nichts anderes sei
|
||
als wiederum Bewegung und Masse, und zwar solche Bewegung
|
||
und Masse, welche sich von der sichtbaren nicht an sich
|
||
unterscheidet, sondern nur in Beziehung auf uns und auf
|
||
unsere gewoéhnlichen Mittel der Wahrnehmung. Diese Auf-
|
||
fassungsweise ist nun eben unsere Hypothese. Wir nehmen
|
||
also an, dafs es méglich sei, den sichtbaren Massen des
|
||
|
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[PDF-PAGE 67]
|
||
Einlettung. 31
|
||
|
||
Weltalls andere denselben Gesetzen gehorchende Massen hinzu-
|
||
zudichten von solcher Art, dafs dadurch das Ganze Gesetz-
|
||
mifsigkeit und Verstindlichkeit gewinnt, und zwar nehmen
|
||
wir an, dafs dies ganz allgemein und in allen Fallen miglich
|
||
sei, und dafs es daher andere Ursachen der Erscheinungen
|
||
auch gar nicht gebe, als die hierdurch zugelassenen. Was
|
||
wir gewohnt sind als Kraft und als Energie zu bezeichnen ist
|
||
dann fir uns nichts weiter als eine Wirkung von Masse und
|
||
Bewegung, nur braucht es nicht immer die Wirkung grob-
|
||
sinnlich nachweisbarer Masse und grobsinnlich nachweisbarer
|
||
Bewegung zu sein. Eine derartige Erklarung einer Kraft aus
|
||
Bewegungsvorgingen pflegt man eine dynamische zu nennen,
|
||
und man kann wohl sagen, dafs die Physik gegenwartig der-
|
||
artigen Erklarungen in hohem Grade hold ist. Die Krifte
|
||
der Warme hat man mit Sicherheit auf die verborgenen Be-
|
||
wegungen greifbarer Massen zuriickgefihrt. Durch Maxwx1’s
|
||
Verdienst ist die Vermutung fast zur Uberzeugung geworden,
|
||
dafs wir in den elektrodynamischen Kriften die Wirkung der
|
||
Bewegung verborgener Massen vor uns haben. Lord Kevin
|
||
rickt die Méglichkeit dynamischer Erklarungen der Krifte
|
||
mit Vorliebe in den Vordergrund seiner Betrachtungen; in
|
||
seiner Theorie von der Wirbelnatur der Atome hat er ein
|
||
dieser Anschauung entsprechendes Bild des Weltganzen zu
|
||
geben versucht. von Heumaoutz hat in der Untersuchung
|
||
fiber die cyklischen Systeme die wichtigste Form der verbor-
|
||
genen Bewegung ausfihrlich und zum Zwecke allgemeiner An-
|
||
wendung behandeilt; durch ihn ist den Ausdriicken ,,verborgene“
|
||
Masse, ,,verborgene“ Bewegung die Geltung technischer Aus-
|
||
driicke im Deutschen verliehen. Hat aber jene Hypothese die
|
||
Fahigkeit, die geheimnisvollen Krifte allmahlich aus der Mechanik
|
||
wieder zu eliminieren, so kann sie auch verhindern, dafs die-
|
||
selben iiberhaupt in die Mechanik eintreten. Und entspricht
|
||
die Verwertung der Hypothese zu ersterem Zwecke der Denk-
|
||
weise der heutigen Physik, so mufs das Gleiche von ihrer
|
||
Benutzung zu letzterem Zwecke gelten. Dies ist der leitende
|
||
Gedanke, von welchem wir ausgehen und durch dessen Ver-
|
||
folgung dasjenige Bild entsteht, welches wir als das dritte
|
||
bezeichneten, und dessen allgemeine Umrisse wir nun um-
|
||
fahren wollen.
|
||
|
||
[PDF-PAGE 68]
|
||
82 Einleitung.
|
||
|
||
Zuerst fithren wir also ein die drei unabhingigen Grund-
|
||
begriffe Zeit, Raum und Masse als Gegenstinde der Erfahrung,
|
||
indem wir angeben, durch welche konkreten sinnlichen Erfah-
|
||
rungen wir uns Zeiten, Massen, riumliche Gréfsen bestimmt
|
||
denken wollen. Was die Massen anbelangt, so behalten wir
|
||
uns vor, neben den sinnlich wahrnehmbaren Massen durch
|
||
Hypothese verborgene Massen einzufihren. Wir stellen sodann
|
||
die Beziehungen zusammen, welche zwischen jenen konkreten
|
||
Erfahrungen stets obwalten und welche wir als die wesent-
|
||
lichen Beziehungen zwischen den Grundbegriffen festzuhalten
|
||
haben. Es ist naturgemafs, dafs wir die Grundbegriffe zu-
|
||
nichst zu je zweien verbinden. Die Beziehungen, welche
|
||
Raum und Zeit allein betreffen, kénnen wir als Kinematik
|
||
voraussenden. Zwischen Masse und Zeit allein besteht keine
|
||
Verknitipfung. Masse und Raum dagegen treten wieder zu-
|
||
sammen zu einer Reihe wichtiger erfahrungsmifsiger Bezie-
|
||
hungen. Wir finden nimlich zwischen den Massen der Natur
|
||
gewisse rein raumliche Zusammenhinge, welche darin bestehen,
|
||
dafs von Anbeginn an fir alle Zeiten, und also unabhangig
|
||
von der Zeit, jenen Massen gewisse Lagen und gewisse Ande-
|
||
rungen der Lage als mégliche, alle anderen aber als unmiégliche
|
||
vorgeschrieben und zugeordnet sind. Wir kénnen iiber diese
|
||
Zusammenhinge ferner allgemein aussagen, dafs sie nur die
|
||
relative Lage der Massen unter einander betreffen und weiter-
|
||
gehend, dafs sie gewissen Bedingungen der Stetigkeit gentigen,
|
||
welche ihren mathematischen Ausdruck darin finden, dafs sich
|
||
die Zusammenhinge selbst stets durch homogene lineare Glei-
|
||
chungen zwischen den ersten Differentialen derjenigen Gréfsen
|
||
wiedergeben lassen, durch welche wir die Lage der Massen
|
||
bezeichnet haben. Die Zusammenhinge bestimmter materieller
|
||
Systeme im einzelnen zu erforschen ist nicht Sache der
|
||
Mechanik, sondern der experimentellen Physik; die bezeich-
|
||
nenden Merkmale, durch welche sich die verschiedenen mate-
|
||
riellen Systeme der Natur unterscheiden, sind nach unserer
|
||
Vorstellung eben einzig und allein die Zusammenhange ihrer
|
||
Massen. In den bisherigen Erérterungen haben wir nur je
|
||
zwei der Grundbegriffe fir sich verbunden, nunmehr wenden
|
||
wir uns der eigentlichen Mechanik im engeren Sinne zu, in
|
||
welcher alle drei zusammenzutreten haben. Es gelingt uns
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 69]
|
||
Hinleitung. 83
|
||
|
||
ihre erfahrungsmalsige allgemeine Verknitipfung zusammen-
|
||
zufassen in ein einziges Grundgesetz, welches eine sehr nahe
|
||
Analogie mit dem gewéhnlichen Tragheitsgesetz zieht. In der
|
||
That lafst es sich in der Ausdrucksweise, welche wir benutzen,
|
||
wiedergeben in der Aussage: jede nattirliche Bewegung eines
|
||
selbstindigen materiellen Systems bestehe darin, dafs das
|
||
System mit gleichbleibender Geschwindigkeit eine seiner ge-
|
||
radesten Bahnen verfolge. Diese Aussage ist allerdings nur
|
||
verstandlich, nachdem die benutzte mathematische Redeweise
|
||
gehirig erértert ist; der Sinn des Satzes aber lafst sich auch
|
||
in der gewdhnlichen Sprache der Mechanik wiedergeben. Jener
|
||
Satz fafst namlich einfach das gewodhnliche Trigheitsgesetz
|
||
und das Gavss’sche Prinzip des kleinsten Zwanges in eine
|
||
einzige Behauptung zusammen. Er sagt also aus, dafs, wenn
|
||
die Zusammenhinge des Systems einen Augenblick geldést
|
||
werden kénnten, dafs sich dann seine Massen in geradliniger
|
||
und gleichférmiger Bewegung zerstreuen wiirden, dafs aber,
|
||
da solche Auflésung nicht méglich ist, sie jener angestrebten
|
||
Bewegung wenigstens so nahe bleiben als méglich. Wie jenes
|
||
Grundgesetz in unserem Bilde der erste Erfahrungssatz der
|
||
eigentlichen Mechanik ist, so ist er auch der letzte. Aus ihm
|
||
zusammen mit der zugelassenen Hypothese verborgener Massen
|
||
und gesetzmilsiger Zusammenhinge leiten wir den tbrigen
|
||
Inhalt der Mechanik rein deduktiv ab. Um ihn gruppieren
|
||
wir die iibrigen allgemeinen Prinzipien nach ihrer Verwandt-
|
||
schaft zu ihm und untereinander, als Folgerungen oder als
|
||
Teilaussagen. Wir bemithen uns zu zeigen, dafs bei dieser
|
||
Anordnung der Inhalt unserer Wissenschaft nicht weniger reich
|
||
und mannigfaltig ausfillt, als der Inhalt einer Mechanik, welche
|
||
von vier Grundvorstellungen ausgeht, jedenfalls nicht weniger
|
||
reich und mannigfaltig als es die Darstellung der Natur ver-
|
||
langt. Ubrigens erweist es sich auch hier bald als zweck-
|
||
mafsig, den Begriff der Kraft einzufihren. Aber die Kraft
|
||
tritt nun nicht auf als etwas von uns unabhiangiges und uns
|
||
fremdes, sondern als eine mathematische Hilfskonstruktion,
|
||
deren Eigenschaften wir véllig in unserer Gewalt haben, und
|
||
welche also auch fiir uns nichts Ratselhaftes an sich haben
|
||
kann. Nach dem Grundgesetze mufs namlich tberall da, wo
|
||
|
||
zwei Kérper demselben System angehéren, die Bewegung des
|
||
Hertz, Mechanik. 83
|
||
|
||
[PDF-PAGE 70]
|
||
34 Exnleitung.
|
||
|
||
einen durch die Bewegung des anderen mitbestimmt sein. Der
|
||
Begriff der Kraft entsteht nun dadurch, dafs wir es aus an-
|
||
gebbaren Griinden zweckmifsig finden, diese Bestimmung
|
||
der einen Bewegung durch die andere in zwei Stadien zu zer-
|
||
legen und uns zu sagen: die Bewegung des ersten Kérpers
|
||
bestimme zunichst eine Kraft, diese Kraft erst bestimme die
|
||
Bewegung des zweiten Kérpers. Auf diese Weise wird jede
|
||
Kraft zwar stets Ursache einer Bewegung, mit gleichem Rechte
|
||
aber zugleich auch stets Folge einer Bewegung; sie wird, genau
|
||
gesprochen, das nur gedachte Mittelglied zwischen zwei Be-
|
||
wegungen. Hs ist klar, dafs bei dieser Auffassung die allge-
|
||
meinen. Higenschaften der Krifte mit Denknotwendigkeit aus
|
||
dem Grundgesetze folgen mtissen und wenn wir in méglichen
|
||
Erfahrungen diese Higenschaften bestitigt sehen, so kann uns
|
||
dies nicht einmal verwundern, wenn anders wir an unserm
|
||
Grundgesetz nicht zweifeln. Mit dem Begriffe der Energie und
|
||
mit allen anderen einzufitthrenden Hilfskonstruktionen liegt die
|
||
Sache ganz ebenso.
|
||
|
||
Was wir bisher gesagt haben, betraf den physikalischen
|
||
Inhalt des vorzufithrenden Bildes und erschépfte denselben im
|
||
Rahmen dieser Einleitung; es wird zweckmafsig sein, nun
|
||
auch eine kurze Erérterung der besonderen mathematischen
|
||
Form zu widmen, in welcher wir denselben wiedergeben wer-
|
||
den. Jener Inhalt ist von dieser Form ganz unabhingig und
|
||
es ist vielleicht nicht ganz klug gehandelt, dafs wir einen von
|
||
dem Herkémmlichen abweichenden Inhalt sogleich in einer
|
||
ungewohnten Form darbieten. Indessen weichen ja sowohl
|
||
Form als Inhalt ein jedes fir sich nur sehr wenig von wohl-
|
||
bekannten Dingen ab, aufserdem passen eben dieser Inhalt und
|
||
diese Form so zu einander, dafs ihre Vorziige sich gegenseitig
|
||
stiitzen. Das wesentliche Merkmal der benutzten Terminologie
|
||
besteht nun darin, dafs sie gleich von vornherein ganze
|
||
Systeme von Punkten vorstellt und in Betracht zieht, nicht
|
||
aber jedesmal von den einzelnen -Punkten ausgeht. Hinem
|
||
jeden sind die Ausdricke ,Lage eines Systems von Punkten“
|
||
und ,,Bewegung eines Systems von Punkten“ geliufig. Es ist
|
||
eine nicht unnatirliche Fortsetzung dieser Redeweise, wenn
|
||
wir die Gesamtheit der bei der Bewegung durchlaufenen Lagen
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 71]
|
||
Einleitung. 35
|
||
|
||
eines Systems als seine Bahn bezeichnen. Jeder kleinste Teil
|
||
dieser Bahn ist alsdann ein Bahnelement. Von zwei Bahn-
|
||
elementen kann das eine ein Teil des andern sein, sie unter-
|
||
scheiden sich alsdann noch nach der Gréfse und nur nach
|
||
dieser. Zwei Bahnelemente, welche von derselben Lage aus-
|
||
gehen, kénnen aber auch verschiedenen Bahnen angehdren,
|
||
alsdann ist keines von beiden ein Teil des anderen und sie
|
||
unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich der Gréfse; wir sagen
|
||
deshalb, dafs sie auch verschiedene Richtung haben. Durch diese
|
||
Aussagen sind freilich die Merkmale ,,Gréfse“ und ,,Richtung“
|
||
fir die Bewegung eines Systems noch nicht eindeutig bestimmt;
|
||
wir kénnen aber unsere Definition geometrisch oder analytisch
|
||
so vervollstindigen, dafs ihre Folgen weder mit sich selbst
|
||
noch mit dem Gesagten in Widerspruch geraten und dafs
|
||
zugleich die definierten Grdfsen in der Geometrie des Systems
|
||
genau den Gréfsen entsprechen, welche wir in der Geometrie
|
||
des Punktes mit den gleichen Namen bezeichnen, mit welchen
|
||
bekannten Gréfsen sie auch stets zusammenfallen, sobald das
|
||
System sich auf einen Punkt reduziert. Sind aber einmal die
|
||
Merkmale Grifse und Richtung bestimmt, so liegt es nahe
|
||
genug, die Bahn eines Systems gerade zu nennen, wenn alle
|
||
ihre Elemente die gleiche Richtung haben; und krumm, sobald
|
||
die Richtung der Elemente sich von Lage zu Lage 4&ndert.
|
||
Als Mafs der Kriimmung bietet sich wie in der Geometrie des
|
||
Punktes die Anderungsgeschwindigkeit der Richtung mit der
|
||
Lage von selber dar. Durch diese Definition sind nun aber
|
||
schon eine ganze Reihe von Beziehungen gegeben und die Zahl
|
||
derselben wichst, sobald die Bewegungsfreiheit des betrachteten
|
||
Systems durch seine Zusammenhinge eingeschrankt ist. Ins-
|
||
besondere lenken alsdann gewisse Klassen von Bahnen die
|
||
Aufmerksamkeit auf sich, welche sich unter den méglichen
|
||
durch besondere einfache Eigenschaften auszeichnen. Hierher
|
||
gehéren vor allen Dingen diejenigen Bahnen, welche in jeder
|
||
ihrer Lagen so wenig wie méglich gekriimmt sind und welche
|
||
wir als die geradesten Bahnen des Systems bezeichnen. Sie
|
||
sind es, von welchen in dem Grundgesetz die Rede ist und
|
||
welche wir schon oben bei Anfiihrung desselben erw&hnt haben.
|
||
Hierher gehéren ferner diejenigen Bahnen, welche die kiirzeste
|
||
Verbindung zwischen irgend zweien ihrer Lagen bilden, und
|
||
3*
|
||
|
||
[PDF-PAGE 72]
|
||
36 Finleitung.
|
||
|
||
welche wir als kirzeste Bahnen des Systems bezeichnen.
|
||
Unter gewissen Bedingungen fallen die Begriffe der geradesten
|
||
und der kirzesten Bahnen zusammen. Dies Verhiltnis ist
|
||
uns durch Erinnerung an die Theorie der krummen Ober-
|
||
flachen sogar hichst geliufig, aber allgemein und unter allen
|
||
Umstinden hat es gleichwohl nicht statt. Die Sammlung und
|
||
Ordnung aller hier auftretenden -Beziehungen gehért in die
|
||
Geometrie der Punktsysteme und die Entwickelung dieser Geo-
|
||
metrie hat eigenen mathematischen Reiz; wir verfolgen dieselbe
|
||
aber nur soweit als es der augenblickliche Zweck der physi-
|
||
kalischen Anwendung erfordert. Da ein System von x Punkten
|
||
eine 3nfache Mannigfaltigkeit der Bewegung darbietet, welche
|
||
aber durch die Zusammenhinge des Systems auch auf jede
|
||
beliebige Zahl vermindert werden kann, so entstehen viele
|
||
Analogien mit der Geometrie eines mehrdimensionalen Raumes,
|
||
welche zum Teil so weit gehen, dafs dieselben Satze und Be-
|
||
zeichnungen hier und dort Bedeutung haben kénnen. Es ist
|
||
aber in unserem Interesse zu betonen, dafs diese Analogien
|
||
nur formale sind, und dals trotz eines gelegentlich fremdartigen
|
||
Klanges sich unsere Betrachtung ausnahmslos auf konkrete Ge-
|
||
bilde des Raumes unserer Sinnenwelt beziehen, dafs also auch
|
||
alle unsere Aussagen migliche Erfahrungen darstellen und
|
||
wenn es ndtig ware, durch unmittelbare Versuche, namlich
|
||
durch Messung an Modellen bestitigt werden kénnten. Den
|
||
Vorwurf, dafs wir beim Aufbau einer Erfahrungswissenschaft
|
||
die Welt der Erfahrung verlassen, diesen Vorwurf haben wir
|
||
also nicht zu fiirchten. Dagegen haben wir Rede zu stehen
|
||
auf die Frage, ob sich denn die Weitliufigkeit einer neuen
|
||
und ungewohnten .Ausdrucksweise lohne, und welchen ent-
|
||
sprechenden Nutzen wir von der Anwendung derselben erwarten?
|
||
Als Antwort nennen wir darauf als ersten Nutzen die grofse
|
||
Hinfachheit und Kiirze, mit welcher sich die meisten allgemeinen
|
||
und umfassenden Aussagen wiedergeben lassen. In der That
|
||
erfordern Si&tze, welche ganze Systeme behandeln hier nicht
|
||
mehr Worte und nicht mehr Begriffe, als wenn sie unter
|
||
Benutzung der gewdhnlichen Ausdrucksweise in Bezug auf
|
||
einen einzelnen Punkt ausgesagt wiirden. Die Mechanik des
|
||
materiellen Systems erscheint hier nicht mehr als eine Er-
|
||
weiterung und Verwickelung der Mechanik des einzelnen Punktes,
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 73]
|
||
Etinleitung. 37
|
||
|
||
sondern die letztere fallt als selbstiindige Untersuchung fort
|
||
oder tritt doch nur gelegentlich als Vereinfachung und beson-
|
||
derer Fall der ersteren auf. Wendet man etwa ein, diese
|
||
Einfachheit sei kinstlich erzeugt, so antworten wir, dals es
|
||
gar keine andere Methode’ gebe, einfache Beziehungen zu
|
||
schaffen, als die kiinstliche und wohlerwogene Anpassung
|
||
unserer Begriffe an die darzustellenden Verhiltnisse. Will man
|
||
aber in jenem Vorwurf des Kiinstlichen den Nebensinn des
|
||
Gesuchten und Unnatiirlichen hervorheben, so dtrfen wir dem
|
||
entgegenhalten, dafs man vielleicht mit mehr Recht die Be-
|
||
trachtung ganzer Systeme fiir das Natiirliche und Naheliegende
|
||
halten kénne, als die Betrachtung einzelner Punkte. Denn in
|
||
Wahrheit ist uns das materielle System unmittelbar gegeben,
|
||
der einzelne Massenpunkt eine Abstraktion; alle wirkliche Er-
|
||
fahrung wird unmittelbar nur an Systemen gewonnen und die
|
||
an einfachen Punkten méglichen Erfahrungen sind daraus durch
|
||
Verstandesschliisse abgezogen. Als einen zweiten, allerdings
|
||
nicht sehr wesentlichen Nutzen heben wir die Vorziige der
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Form hervor, welche durch unsere mathematische Hinkleidung
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dem Grundgesetz gegeben werden kann. Ohne jene Einklei-
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dung miifsten wir es zerlegen in das erste Newron’sche Ge-
|
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setz und das Gavuss’sche Prinzip des kleinsten Zwanges. Beide
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zusammen wiirden nun zwar genau dieselbe Thatsache dar-
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stellen, aber sie wiirden neben dieser Thatsache andeutungs-
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weise noch ein wenig mehr enthalten und dieses Mehr ware
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ein Zuviel. Erstens rufen sie die unserer Mechanik fremde
|
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Vorstellung wach, dafs die Zusammenhinge der materiellen
|
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Systeme doch auch gelést werden kénnten, obwohl wir die-
|
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selben als von Anbeginn an bestehende und als ginzlich un-
|
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lésbare bezeichnet haben. Zweitens kann man bei Benutzung
|
||
des Gavss’schen Prinzips nicht vermeiden, die Nebenvorstellung
|
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zu erwecken, dafs man nicht nur eine Thatsache, sondern zu-
|
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gleich auch den Grund dieser Thatsache mitteilen wolle. Man
|
||
kann nicht aussagen, dafs die Natur eine Gréfse, welche man
|
||
Zwang nennt, bestandig so klein als méglich halt, ohne anzu-
|
||
deuten, dafs dies geschehe, eben weil jene Grifse fir die Natur
|
||
einen Zwang, das heifst ein Unlustgefithl bedeute. Man kann
|
||
nicht aussagen, dafs die Natur verfahre wie ein verstindiger
|
||
Rechner, der seine Beobachtung ausgleicht, ohne nahezulegen,
|
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[PDF-PAGE 74]
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||
38 Einleitung.
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dafs hier wie dort wohltiberlegte Absicht der Grund des Ver-
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fahrens sei. Gewifs liegt gerade ein besonderer Reiz in der-
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artigen Seitenblicken und dies hat Gauss selbst in gerechter
|
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Freude an seiner schénen und fiir unsere Mechanik grund-
|
||
legenden Entdeckung hervorgehoben. Aber doch miissen wir
|
||
uns gestehen, dafs dieser Reiz nur ein Spiel mit dem Geheimnis-
|
||
vollen ist; im Ernste glauben wir selbst nicht an unser Ver-
|
||
mégen, durch derartige Andeutungen halb schweigend das Welt-
|
||
ratsel zu lésen. Unser eigenes Grundgesetz vermeidet solche
|
||
Winke ginzlich. Indem es genau die Form des gewéhnlichen
|
||
Trigheitsgesetzes annimmt, giebt es so gut wie dieses eine
|
||
nackte Thatsache ohne jeden Schein einer Begriindung der-
|
||
selben. In demselben Mafse, in welchem es dadurch Armer
|
||
und ungeschmiickter erscheint, in demselben Mafse ist es ehr-
|
||
licher und wahrer. . Doch vielleicht verfiihrt mich die Vorliebe
|
||
fur die kleine Abinderung, welche ich selbst an dem Gavss’-
|
||
schen Prinzip angebracht habe, dafs ich Vorziige in ihr er-
|
||
blicke, welche fremden Augen notwendig verborgen sind. Sicher
|
||
aber wird man, denke ich, dagegen zustimmen, wenn ich als
|
||
dritten Nutzen unserer Methode anftihre, dafs dieselbe ein
|
||
helles Licht auf die von Hamrron erfundene Behandlungs-
|
||
weise mechanischer Probleme mit Hilfe charakteristischer
|
||
Funktionen wirft. Diese Behandlungsweise hat in den sechzig
|
||
Jahren ihres Bestehens Anerkennung und Ruhm genug gefunden,
|
||
aber sie ist doch mehr aufgefafst und behandelt worden wie
|
||
ein neuer Seitenzweig der Mechanik, dessen Wachstum und
|
||
Weiterbildung neben der gewéhnlichen Methode und unab-
|
||
hangig von derselben vor sich zu gehen habe. In unserer
|
||
Form der mathematischen Darstellung aber trigt die Ha»n-
|
||
ton’sche Methode nicht den Charakter eines Seitenzweiges, son-
|
||
dern sie erscheint als die gerade, naturgemifse und sozusagen
|
||
selbstverstiindliche Fortsetzung der elementaren Aussagen in
|
||
allen den Fallen, in welchen sie tiberhaupt anwendbar ist.
|
||
Auch das lafst unsere Darstellungsweise klar hervortreten,
|
||
dafs die Hammron’sche Behandlungsweise nicht in den be-
|
||
sonderen physikalischen Grundlagen der Mechanik ihre Wurzeln
|
||
hat, wie man wohl gewéhnlich annimmt, sondern dafs sie im
|
||
Grunde genommen eine rein geometrische Methode ist, welche
|
||
begriindet und ausgebildet werden kann, ganz unabhingig von
|
||
|
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[PDF-PAGE 75]
|
||
Einleitung. 39
|
||
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||
der Mechanik, und welche mit dieser in keiner engeren Be-
|
||
ziehung steht, als alle andere von der Mechanik benutzte
|
||
geometrische Erkenntnis auch. Ubrigens ist es von den Mathe-
|
||
matikern seit lange bemerkt worden, dafs die Hammmron’sche
|
||
Methode rein geometrische Wahrheiten enthiélt und zum klaren
|
||
Ausdruck derselben eine eigentiimliche, ihr angepafste Aus-
|
||
drucksweise geradezu fordert. Nur ist diese Thatsache in
|
||
etwas verwirrender Form zu Tage getreten, namlich in den
|
||
Analogieen, welche man beim Verfolg der Hamuinron’schen
|
||
Gedanken zwischen der gewdhnlichen Mechanik und der Geome-
|
||
trie eines vieldimensionalen Raumes gefunden hat. Unsere
|
||
Ausdrucksweise giebt eine einfache und verstindliche Erklirung
|
||
dieser Analogieen; sie gestattet auch die Vorteile derselben zu
|
||
geniefsen und sie vermeidet doch die Unnatiirlichkeit, welche
|
||
in der Verquickung eines Zweiges der Physik mit aufsersinn-
|
||
lichen Abstraktionen liegt.
|
||
|
||
Wir haben nunmebr unser drittes Bild der Mechanik nach
|
||
Inhalt und Form soweit geschildert, als es angeht ohne dem
|
||
Buche selbst vorzugreifen; zugleich hinreichend, um es den
|
||
beabsichtigten Fragen nach seiner Zulassigkeit, seiner Richtig-
|
||
keit und seiner Zweckmilfsigkeit unterwerfen zu kénnen. Was
|
||
zunichst die logische Zulissigkeit des entworfenen Bildes
|
||
anlangt, so denke ich, dafs dieselbe selbst strengen Anforde-
|
||
rungen geniigen kénne, und hoffe, dafs diese Meinung der Zu-
|
||
stimmung begegnen mige. Ich lege auf diesen Vorzug der
|
||
Darstellung das grifste Gewicht, ja einzig Gewicht. Ob das
|
||
entworfene Bild zweckmifsiger ist, als ein anderes, ob es fahig
|
||
ist alle zukinftige Erfahrung zu umfassen, ja ob es auch
|
||
nur alle gegenwirtige Erfahrung umfafst, alles dies ist mir
|
||
fast nichts gegen die Frage, ob es in sich abgeschlossen, rein
|
||
und widerspruchsfrei ist. Denn nicht deshalb habe ich es zu
|
||
zeichnen versucht, weil die Mechanik nicht bereits fir ihre
|
||
Anwendungen geniigend Zweckmilsigkeit zeigte, noch weil
|
||
dieselbe mit der Erfahrung irgend in Widerstreit geraten
|
||
ware, sondern allein um mich von dem driickenden Gefihle
|
||
zu befreien, dafs ihre Elemente nicht frei seien von Dunkel-
|
||
heiten und Unverstindlichkeiten fir mich. Nicht das einzig
|
||
mogliche Bild der mechanischen Vorginge, noch auch das
|
||
|
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[PDF-PAGE 76]
|
||
40 Exnleitung.
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||
beste Bild, sondern itberhaupt nur ein begreifbares Bild wollte
|
||
ich suchen und an einem Beispiel zeigen, dafs ein solches
|
||
moglich sei und wie es etwa aussehen miisse. Die Voll-
|
||
kommenheit ist uns freilich in jeder Richtung unerreichbar,
|
||
und ich mulfs mir gestehen, dafs trotz vieler Mithe das erlangte
|
||
Bild nicht in allen Punkten von so tiberzeugender Klarheit
|
||
ist, dafs es nicht dem Zweifel ausgesetzt und der Verteidigung
|
||
bedirftig ware. Doch scheint mir von Einwinden allgemeiner
|
||
Art nur ein einziger hinreichend nahe zu liegen, dafs es sich
|
||
lohnt, ihn vorwegzunehmen und abzuschneiden. Er betrifft die
|
||
Natur der starren Verbindungen, welche wir zwischen den
|
||
Massen annehmen, und welche wir auch in unserem System
|
||
auf keine Weise entbehren kénnen. Viele Physiker werden
|
||
zunichst der Ansicht sein, dafs mit diesen Verbindungen doch
|
||
schon Krifte in die Elemente der Mechanik eingefiihrt und zwar in
|
||
heimlicher und deshalb unerlaubter Weise eingefihrt seien. Denn
|
||
— so werden sie sagen — starre Verbindungen sind nicht denkbar
|
||
ohne Krafte; starre Verbindungen kénnen nicht auf andere Weise
|
||
zu stande kommen, als indem sie durch Kriafte erzwungen werden.
|
||
Wir antworten darauf: Kure Behauptung ist allerdings richtig fir
|
||
die Denkweise der gewéhnlichen Mechanik, aber sie ist nicht richtig
|
||
unabhangig von dieser Denkweise; sie erscheint nicht zwingend
|
||
dem Geist, welcher die Sache unbefangen und wie zum erstenmal
|
||
betrachtet. Gesetzt wir finden, auf welche Weise auch immer,
|
||
dafs der Abstand zweier bestimmter punktformiger Massen zu
|
||
allen Zeiten und unter allen Umstinden derselbe bleibt, so
|
||
kénnen wir dieser Thatsache Ausdruck verleihen, ohne andere
|
||
als réumliche Vorstellungen zu benutzen und die ausgesagte
|
||
Thatsache hat als Thatsache fir die Voraussicht zukinftiger
|
||
Erfahrung und fir alle andern Zwecke ihren Wert unabhingig
|
||
von einer etwaigen Erklarung, welche wir besitzen oder nicht
|
||
besitzen. Auf keinen Fall wird der Wert der Thatsache
|
||
erhéht oder unser Verstindnis von ihr verbessert dadurch, dafs
|
||
wir sie in der Form mitteilen: Zwischen jenen Massen wirke
|
||
eine Kraft, welche ihren Abstand konstant halt, oder: Zwischen
|
||
ihnen sei eine Kraft thitig, welche verhindert, dafs sich ihr
|
||
Abstand von seinem festen Wert entferne. Aber — so wird
|
||
man uns wieder einwenden — wir sehen ja, dafs die letztere
|
||
Erklarung, obwohl scheinbar nur eine lacherliche Umschreibung,
|
||
|
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[PDF-PAGE 77]
|
||
Einleitung. 41
|
||
gleichwohl richtig ist. Denn alle Verbindungen der wirklichen
|
||
Welt sind nur angenihert starr und der Schein der Starrheit
|
||
wird nur dadurch hervorgebracht, dafs die elastischen Krifte
|
||
die kleinen Abweichungen von der Ruhelage bestindig wieder
|
||
vernichten. Wir antworten: Von solchen starren Verbindungen
|
||
der greifbaren Kérper, welche nur angenahert verwirklicht
|
||
sind, wird unsere Mechanik selbstverstindlich als Thatsache
|
||
auch nur aussagen, dafs ihnen angendhert geniigt werde und
|
||
zu dieser Aussage, auf welche es ankommt, bedarf sie wiederum
|
||
des Begriffs der Kraft nicht. Will unsere Mechanik aber in
|
||
zweiter Annaherung die Abweichungen und damit die elastischen
|
||
Kriafte beriicksichtigen, so wird sie fir diese wie fur alle
|
||
Krafte eine dynamische Erklirung annehmen; bei der Suche
|
||
nach den wirklich starren Verbindungen wird sie vielleicht zur
|
||
Welt der Atome hinabzusteigen haben, aber diese Erérterungen
|
||
sind hier nicht am Platze, sie bertihren nicht mehr die Frage,
|
||
ob es logisch zulaissig sei, feste Verbindungen unabhingig
|
||
von und vor den Kriften zu behandeln. Dafs diese Frage zu |
|
||
bejahen sei und nur dies wiinschten wir zu erweisen und
|
||
glauben wir erwiesen zu haben. Steht aber dies fest, so
|
||
kénnen wir aus der Natur der festen Verbindungen die Eigen-
|
||
schaften der Krifte und ihr Verhalten ableiten ohne uns
|
||
damit einer petitio principii schuldig gemacht zu haben.
|
||
Andere Einwinde &hnlicher Art sind méglich, kénnen aber,
|
||
wie ich glaube, in &bnlicher Art erledigt werden.
|
||
|
||
Dem Wunsche, die logische Reinheit des Systems auch
|
||
in allen Einzelheiten zu erweisen, habe ich dadurch Ausdruck
|
||
gegeben, dafs ich fir die Darstellung die altere synthetische
|
||
Form benutzt habe. Diese Form bietet fiir jenen Zweck schon
|
||
darin einen gewissen Vorteil, dafs sie uns zwingt, jeder wesent-
|
||
lichen Aussage den beabsichtigten logischen Wert in abwechs-
|
||
lungsarmer aber bestimmter Angabe vorauszuschicken. Dadurch
|
||
werden die bequemen Vorbehalte und Vieldeutigkeiten unméglich
|
||
gemacht, zu welchen die gewéhnliche Sprache durch den Reich-
|
||
tum ihrer Verkniipfung verlockt. Der wichtigste Vorteil der
|
||
gewahliten Form ist aber dieser, dafs sie stets nur auf Vor-
|
||
bewiesenes sich beruft, niemals auf spiter zu erweisendes,
|
||
so dafs man der ganzen Kette sicher ist, wenn man beim Vor-
|
||
|
||
[PDF-PAGE 78]
|
||
42 Einleitung.
|
||
|
||
wartsschreiten nur jedes einzelne Glied geniigend prift. In
|
||
dieser Hinsicht habe ich den Pflichten dieser Art der Dar-
|
||
stellung mit Strenge zu geniigen gesucht. Im ibrigen ist es
|
||
selbstverstandlich, dafs die Form allein vor Irrtum und Uber-
|
||
sehen keinen Schutz gewahren kann und bitteich etwa eingeflossene
|
||
' Fehler nicht um des etwas anspruchsvollen Vortrags willen
|
||
strenger zu beurteilen. Ich hoffe, solche Fehler werden stets
|
||
verbesserungsfahig sein und daher keinen wesentlichen Punkt
|
||
betreffen. Bisweilen bin ich itbrigens bewulster Weise zur
|
||
Vermeidung allzu grofser Weitliufigkeit hinter der vollen
|
||
Scharfe zurtickgeblieben, welche die Darstellungsweise eigentlich
|
||
fordert. Es bedarf keiner besonderen Begriindung, dafs ich
|
||
den Betrachtungen der eigentlichen Mechanik, welche von
|
||
physikalischer Erfahrung abhingt, diejenigen Beziehungen
|
||
vorausgeschickt habe, welche allein Folge der gewahliten De-
|
||
finitionen und mathematischer Notwendigkeit sind, und welche,
|
||
wenn tiberhaupt, so doch jedenfalls in anderm Sinne als jene
|
||
mit der Erfahrung zusammenhingen. Nichts hindert tibrigens
|
||
den Leser, mit dem zweiten Buche zu beginnen. Die durch-
|
||
sichtige Analogie mit der Mechanik des einzelnen Punktes und
|
||
der bekannte Stoff werden ihn den Sinn der vorgetragenen
|
||
Satze leicht erraten lassen. Hat er der benutzten Redeweise
|
||
Zweckmilsigkeit zugebilligt, so ist immer noch Zeit, dafs er
|
||
sich aus dem ersten Buche von ihrer Zulissigkeit iiberzeuge.
|
||
|
||
Wenden wir uns jetzt der zweiten wesentlichen Forderung
|
||
zu, welcher unser Bild zu geniigen hat, so ist es zundchst
|
||
unzweifelhaft, dafs das System sehr viele natirliche Bewegungen
|
||
richtig darstellt. Allein nach den Anspriichen des Systems
|
||
geniigt dies nicht; es mufs als notwendige Erginzung die Be-
|
||
hauptung dahin erweitert werden, dafs das System alle natiir-
|
||
lichen Bewegungen ohne Ausnahme umfasse. Auch dies kann
|
||
man, denke ich, behaupten, wenigstens in dem Sinne, dafs
|
||
sich zur Zeit keine bestimmten Erscheinungen angeben lassen,
|
||
welche dem System nachweislich widersprachen. Es ist frei-
|
||
lich klar, dafs die Ausdehnung auf alle Erscheinungen einer
|
||
scharfen Priifung nicht zuginglich ist, dafs daher das System
|
||
tiber das Ergebnis sicherer Erfahrung ein wenig hinausgeht
|
||
und also den Charakter einer Hypothese trigt, welche ver-
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 79]
|
||
Finlettung. 48
|
||
|
||
suchsweise angenommen wird und auf plétzliche Widerlegung
|
||
durch ein einziges Beispiel oder allm&hliche Bestitigung durch
|
||
sehr viele Beispiele wartet. Vornehmlich sind es zwei Stellen,
|
||
an welchen ein Hinausgehen iiber sichere Erfahrung statt-
|
||
findet: Die eine betrifft unsere Beschrinkung der miglichen
|
||
Zusammenhinge, die andere betrifft die dynamische Erklérung
|
||
der Krafte. Mit welchem Rechte kénnen wir versichern, dafs
|
||
alle Zusammenhinge der Natur durch lineare Differential-
|
||
gleichungen erster Ordnung sich ausdriicken lassen? Diese
|
||
Annahme ist fiir uns nicht eine nebensichliche, welche wir
|
||
auch fallen lassen kénnten; mit ihr fiele unsere Mechanik;
|
||
denn es fragt sich, ob auf Verbindungen allgemeinster Art
|
||
unser Grundgesetz anwendbar bliebe. Und doch sind Ver-
|
||
bindungen allgemeinerer Art nicht nur vorstellbar, sie werden
|
||
auch in der gewéhnlichen Mechanik ohne Bedenken zugelassen.
|
||
Dort hindert uns nichts, die Bewegung eines Punktes zu unter-
|
||
suchen, dessen Bahn der einzigen Beschrinkung unterworfen
|
||
ist, dafs sie mit einer gegebenen Ebene einen gegebenen Winkel
|
||
bilde, oder dafs ihr Kriimmungshalbmesser bestandig einer
|
||
gegebenen anderen Linge proportional sei. Diese Bedingungen
|
||
fallen schon nicht mehr unter diejenigen, welche unsere Mechanik
|
||
zulifst. Woher nehmen wir aber die Gewifsheit, dafs sie auch
|
||
durch die Natur der Dinge ausgeschlossen seien? Wir kénnen
|
||
erwidern, dafs man vergeblich versuche, diese und &hnliche
|
||
Verbindungen durch ausfihrbare Mechanismen zu verwirk-
|
||
lichen und wir kénnen uns in dieser Ansicht auf die gewaltige
|
||
Autoritit von He~muoitz’s berufen. Aber in jedem Beispiel
|
||
kénnen Méglichkeiten tibersehen worden sein, und noch so
|
||
viele Beispiele wiirden nicht hinreichen, die allgemeine Be-
|
||
hauptung zu erweisen. Mit mehr Recht kénnen wir, wie mir
|
||
scheint, als Grund unserer Uberzeugung anfihren, dafs alle
|
||
Verbindungen eines Systems, welche aus dem Rahmen unserer
|
||
Mechanik heraustreten, in dem einen oder in dem andern
|
||
Sinne eine unstetige Aneinanderreihung seiner miglichen Be-
|
||
wegungen bedeuten wiirden, dafs es aber in der That eine
|
||
Erfahrung allgemeinster Art sei, dafs die Natur im Unendlich-
|
||
kleinen tiberall und in jedem Sinne Stetigkeit aufweise, eine
|
||
Erfahrung, die sich in dem alten Satze ,,natura non facit
|
||
saltus“, zu fester Uberzeugung verdichtet hat. Ich habe des-
|
||
|
||
[PDF-PAGE 80]
|
||
44 Einleitung.
|
||
|
||
halb auch im Texte Wert darauf gelegt, die zugelassenen Ver-
|
||
bindungen allein durch ihre Stetigkeit zu definieren, und ihre
|
||
Kigenschaft, sich durch Gleichungen bestimmter Form dar-
|
||
stellen zu lassen, erst aus jener abzuleiten. Eigentliche Sicher-
|
||
heit wird indessen auch so nicht erlangt. Denn die Unbestimmt-
|
||
heit jenes alten Satzes lifst es zweifelhaft erscheinen, ob die
|
||
Grenzen seiner berechtigten Tragweite hinreichend feststehen
|
||
und wieweit er tiberhaupt das Ergebnis wirklicher Erfahrung,
|
||
wieweit das Ergebnis willkiirlicher Voraussetzung ist. Am ge-
|
||
wissenhaftesten wird es daher sein, zuzugeben, dafs unsere
|
||
Annahme iiber die zulassigen Verbindungen den Charakter
|
||
einer versuchsweise angenommenen Hypothese trage. Ganz
|
||
ihnlich liegen die Dinge in betreff der dynamischen Erklirung
|
||
der Krafte. Wir kénnen allerdings zeigen, dafs gewisse Klassen
|
||
verborgener Bewegungen Krafte erzeugen, welche, wie die Fern-
|
||
krafte der Natur, sich mit beliebiger Annaherung als Ablei-
|
||
tungen von Kraftefunktionen darstellen lassen. Es stellt sich
|
||
auch heraus, dafs die Formen dieser Kriftefunktionen sehr
|
||
allgemeiner Natur sein kénnen und wir leiten in der That gar
|
||
keine Einschrinkungen derselben ab. Aber auf der anderen
|
||
Seite bleiben wir auch den Beweis schuldig, dafs sich jede
|
||
' beliebige Form der Kraftefunktionen erzielen lafst und es bleibt
|
||
daher die Frage offen, ob nicht etwa gerade eine der in der
|
||
Natur vorkommenden Formen einer solchen Erklérungsweise
|
||
sich entzieht. Es bleibt auch hier abzuwarten, ob die Zeit
|
||
unsere Annahme widerlegen oder durch das Ausbleiben einer
|
||
Widerlegung mehr und mehr wahrscheinlich machen wird. Ein
|
||
gutes Vorzeichen kénnen wir darin sehen, dafs die Ansicht
|
||
vieler ausgezeichneter Physiker sich der Hypothese immer
|
||
mehr zuneigt. Ich erinnere nochmals an die Wirbeltheorie
|
||
der Atome von Lord Kxtvin, welche uns ein Bild des mate-
|
||
riellen Weltganzen vorfihrt, wie es mit den Prinzipien unserer
|
||
Mechanik in vollem Kinklange ist. Und doch verlangt unsere
|
||
Mechanik keineswegs eine so grofse Hinfachheit und Beschran-
|
||
kung der Voraussetzungen, wie sie sich Lord Krnvin auferlegt
|
||
hat. Wir wirden unsere Grundsitze noch nicht verlassen,
|
||
wenn wir anniéhmen, dafs die Wirbel um starre oder um bieg-
|
||
same, aber unausdehnbare Kerne kreisten und auch das welt-
|
||
erfillende Medium kénnten wir anstatt der blofsen Inkom-
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 81]
|
||
Einleitung. 45
|
||
|
||
pressibilitat viel verwickelteren Bedingungen unterwerfen, deren
|
||
allgemeinste Form noch zu untersuchen wire. Es erscheint
|
||
also keineswegs ausgeschlossen, dafs wir mit den von unserer
|
||
Mechanik zugelassenen Hypothesen zur Erklarung der Er-
|
||
scheinungen auch ausreichen.
|
||
|
||
Einen Vorbehalt miissen wir indessen hier einschalten.
|
||
Es ist gewils eine gerechtfertigte Vorsicht, wenn wir im Texte
|
||
das Gebiet unserer Mechanik ausdriicklich beschranken auf die
|
||
unbelebte Natur und die Frage vollkommen offen lassen, wie
|
||
weit sich ihre Gesetze dariiber hinaus erstrecken. In Wahr-
|
||
heit liegt die Sache ja so, dafs wir weder behaupten kénnen,
|
||
dafs die inneren Vorgiinge der Lebewesen denselben Gesetzen
|
||
folgen, wie die Bewegungen der leblosen Kérper, noch auch
|
||
behaupten kénnen, dafs sie andern Gesetzen folgen. Der An-
|
||
schein aber und die gewdhnliche Meinung spricht fir einen
|
||
grundsatzlichen Unterschied. Und dasselbe Gefithl, welches
|
||
uns antreibt, aus der Mechanik der leblosen Welt jede An-
|
||
deutung einer Absicht, einer Empfindung, der Lust und des
|
||
Schmerzes, als fremdartig auszuscheiden, dasselbe Gefthl lafst
|
||
uns Bedenken tragen, unser Bild der belebten Welt dieser
|
||
reicheren und bunteren Vorstellungen zu berauben. Unser
|
||
Grundgesetz, vielleicht ausreichend die Bewegung der toten
|
||
Materie darzustellen, erscheint wenigstens der flichtigen
|
||
Schatzung zu einfach und zu beschriinkt, um die Mannigfaltig-
|
||
keit selbst des niedrigsten Lebensvorganges wiederzugeben.
|
||
Dafs dem so ist, scheint mir nicht ein Nachteil, sondern eher
|
||
ein Vorzug unseres Gesetzes. Eben weil es uns gestattet das
|
||
Ganze der Mechanik umfassend zu iiberblicken, zeigt es uns
|
||
auch die Grenzen dieses Ganzen. Eben weil es uns nur eine
|
||
Thatsache giebt, ohne derselben den Schein der Notwendigkeit
|
||
beizulegen, lafst es uns erkennen, dafs alles auch anders sein
|
||
kénnte. Vielleicht wird man solche Erérterungen an dieser
|
||
Stelle fir iiberfliissig halten. In der That ist man auch nicht
|
||
gewohnt, sie in der gewéhnlichen Darstellung der Mechanik
|
||
bei den Elementen behandelt zu sehen. Aber dort gewahrt
|
||
die véllige Unbestimmtheit der eingefithrten Krifte noch einen
|
||
weiten Spielraum. Man behilt sich stillschweigend vor, spiter
|
||
etwa, einen Gegensatz zwischen den Kriften der belebten und
|
||
|
||
[PDF-PAGE 82]
|
||
46 Einleitung.
|
||
|
||
‘der unbelebten Natur festzustellen. In unserer Darstellung
|
||
ist das betrachtete Bild von vornherein so scharf umrissen,
|
||
dafs sich nachtriglich kaum mehr tief eingreifende Einteilungen
|
||
werden vornehmen lassen. Wollen wir daher die aufgeworfene
|
||
Frage nicht tiberhaupt ignorieren, so miissen wir gleich im
|
||
Eingang Stellung zu derselben nehmen.
|
||
|
||
Uber die Zweckmilsigkeit unseres dritten Bildes kénnen
|
||
wir uns ziemlich kurz fassen. Wir kénnen aussagen, dals
|
||
dieselbe, wie der Inhalt des Buches zeigen soll, nach Deut-
|
||
lichkeit und Einfachheit etwa derjenigen gleichkommt, welche
|
||
wir dem zweiten Bilde zusprachen, und dafs wir dieselben
|
||
Vorziige, welche wir dort rihmten, auch hier hervorheben
|
||
kénnen. Allerdings ist der Umkreis der zugelassenen Méglich-
|
||
keiten hier nicht ganz so eng gezogen wie dort, da diejenigen
|
||
starren Verbindungen, deren Fehlen wir dort hervorhoben,
|
||
hier durch die Grundannahmen nicht ausgeschlossen sind.
|
||
Aber diese Erweiterung entspricht der Natur und ist daher
|
||
ein Vorzug; auch hindert sie nicht, die allgemeinen Kigen-
|
||
schaften der natiirlichen Krifte herzuleiten, in welchen die
|
||
Bedeutung des zweiten Bildes lag. Hinfachheit besteht hier
|
||
wie dort zunichst im Sinne der physikalischen Anwendung.
|
||
Auch hier kénnen wir unsere Betrachtung auf beliebige der
|
||
Beobachtung zugangliche Merkmale der materiellen Systeme
|
||
beschrénken, und aus ihren vergangenen Veriinderungen durch
|
||
Anwendung des Grundgesetzes die zukiinftigen ableiten, ohne
|
||
dafs wir ndtig hatten, die Lagen aller Einzelmassen des
|
||
Systems zu kennen und ohne dafs wir nétig hiatten, diese
|
||
Unkenntnis durch willkirliche, einflufslose und wahrscheinlich
|
||
falsche Hypothesen zu itiberdecken und zu bemanteln. Im
|
||
Gegensatz zum zweiten Bilde besitzt aber unser drittes Hin-
|
||
fachheit auch in dem Sinne, dafs sich seine Vorstellungen der
|
||
Natur so anschmiegen, dafs die wesentlichen Beziehungen der
|
||
Natur durch einfache Beziehungen zwischen den Begriffen
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||
wiedergegeben werden. Das zeigt sich nicht nur im Grund-
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gesetze selbst, sondern auch in den zahlreichen allgemeinen
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Folgerungen desselben, welche den sogenannten Prinzipien
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der Mechanik entsprechen. Es mufs allerdings zugegeben
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werden, dafs diese Einfachheit nur eintritt, so lange wir es
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Einleitung. 47
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mit vollstindig bekannten Systemen zu thun haben, und dafs
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sie wieder verschwindet, sobald verborgene Massen sich ein-
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mischen. Aber auch in diesen Fallen liegt dann der Grund
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der Verwickelung klar auf der Hand; wir verstehen, dafs der
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Verlust der Einfachheit nicht in der Natur, sondern in unserer
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mangelhaften Kenntnis derselben beruht; wir begreifen, dafs
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die eintretenden Komplikationen nicht allein eine migliche,
|
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sondern die notwendige Folge unserer besonderen Voraus-
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setzungen sind. Auch das mufs zugegeben werden, dafs die
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Mitwirkung verborgener Massen, welche vom Standpunkte
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unserer Mechanik aus der entlegene und besondere Fall ist,
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dafs diese Mitwirkung gerade der gewéhnliche Fall der Pro-
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bleme des taglichen Lebens und der Technik ist. Daher ist
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es auch niitzlich, hier nochmals zu betonen, dafs wir von einer
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Zweckmialsigkeit tiberhaupt nur geredet haben in einem beson-
|
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deren Sinne, nimlich im Sinne eines Geistes, welcher ohne
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Ricksicht auf die zufillige Stellung des Menschen in der Natur
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das Ganze unserer physikalischen Erkenntnis objectiv zu um-
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fassen und in einfacher Weise darzustellen sucht; dafs wir
|
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aber keineswegs redeten von einer Zweckmilsigkeit im Sinne
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der praktischen Anwendung und der Bediirfnisse des Menschen.
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In betreff dieser letzteren kann die fir sie ausdricklich
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erdachte gewohnliche Darstellung der Mechanik wohl niemals
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durch eine zweckmilsigere ersetzt werden. Zu dieser Dar-
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stellung verhalt sich die von uns hier vorgefiihrte etwa wie
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die systematische Grammatik einer Sprache zu einer Gram-
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matik, welche den Lernenden méglichst bald erlauben soll,
|
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sich tiber die Notwendigkeiten des tiglichen Lebens zu ver-
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standigen. Man weifs wie verschieden die Anforderungen an
|
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beide sind und wie verschieden ihre Anordnungen ausfallen
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miissen, wenn beide ihrem Zweck so genau wie miglich ent-
|
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sprechen sollen.
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48 Finleitung.
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Blicken wir zum Schlusse noch einmal zuriick auf die
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drei Bilder der Mechanik, welche wir vorgefthrt haben und
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suchen wir einen letzten uud endgiiltigen Vergleich zwischen
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ihnen anzustellen. Das zweite Bild lassen wir nach dem, was
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wir gesagt haben, fallen. Das erste und dritte Bild wollen
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wir gleichstellen in Bezug auf die Zulissigkeit, indem wir an-
|
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nehmen, dafs dem ersten Bilde eine in logischer Hinsicht voll-
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standig befriedigende Gestalt gegeben sei, wie wir ange-
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||
nommen haben, dafs sie gegeben werden kénne. Wir wollen
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||
beide Bilder auch gleichstellen in Bezug auf die Zweckmalsig-
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keit, indem wir annehmen, dafs man das erste Bild durch
|
||
geeignete Zusatze erginzt habe und indem wir annehmen, dafs
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||
die nach verschiedener Richtung gehenden Vorziige einander
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das Gleichgewicht halten. Dann bleibt als einziger Wert-
|
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mafsstab die Richtigkeit der Bilder, welche durch die Gewalt
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der Dinge bestimmt ist, und welche nicht in unserer Willkir
|
||
liegt. Und hier machen wir nun die wichtige Bemerkung, dafs
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nur das eine oder das andere jener Bilder, nicht aber beide
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gleichzeitig richtig sem kénnen. Denn suchen wir die wesent-
|
||
lichen Beziehungen beider Darstellungen auf ihren kirzesten
|
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Ausdruck zu bringen, so kénnen wir sagen: Das erste Bild
|
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nehme als letzte konstante Elemente in der Natur die relativen
|
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Beschleunigungen der Massen gegen einander an, aus diesen
|
||
leite sie gelegentlich angenihert, aber auch nur angenihert feste
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||
Verhiltnisse zwischen den Lagen ab. Das dritte Bild aber
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nehme als die streng unverinderlichen Elemente der Natur
|
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feste Verhiltnisse zwischen den Lagen an, aus diesen leite sie,
|
||
wo die Erscheinungen es erfordern, angenahert, aber auch nur
|
||
angenihert unverinderliche relative Beschleunigungen zwischen
|
||
den Massen her. Kénnten wir nun die Bewegungen der Natur
|
||
nur genau genug erkennen, so wiifsten wir sogleich, ob in
|
||
ihnen die relative Beschleunigung oder ob die relativen Lagen-
|
||
verhiltnisse der Massen oder ob beide nur angenihert unver-
|
||
anderlich sind. Wir wiifsten dann auch sogleich, welche von
|
||
unseren beiden Annahmen falsch ist oder ob beide falsch
|
||
sind, denn richtig kénnen nicht beide gleichzeitig sein. Die
|
||
gréfste Einfachheit steht auf seiten des dritten Bildes. Was
|
||
uns zwingt, gleichwohl zunichst zu Gunsten des ersten zu
|
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||
Einleitung. 49
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||
entscheiden, igt der Umstand, dafs wir wirklich in den Fern-
|
||
kraften relative Beschleunigungen aufweisen kénnen, welche
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||
bis an die Grenze unserer Beobachtung unverinderlich scheinen,
|
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wahrend alle festen Verbindungen zwischen den Lagen der
|
||
greifbaren Kérper schon innerhalb der Wahrnehmung unserer
|
||
Sinne sich schnell nur angendhert als konstant erweisen. Aber
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||
dies Verhiltnis andert sich zu Gunsten des dritten Bildes,
|
||
sobald die verfeinerte Erkenntnis uns etwa zeigt, dafs die
|
||
Annahme unveranderlicher Fernkriéfte nur eine erste An-
|
||
naherung an die Wahrheit liefert, welcher Fall in dem Ge-
|
||
biete der elektrischen und magnetischen Krafte bereits ein-
|
||
getreten ist. Und die Wage schlagt vollends fiber zu Gunsten
|
||
des dritten Bildes, sobald eine zweite Annaherung an die
|
||
Wahrheit dadurch erzielt werden kann, dafs man die vermeint-
|
||
liche Wirkung der Fernkrafte zuriickfihrt auf Bewegungsvor-
|
||
gange in einem raumerfillenden Mittel, dessen kleinste Teile
|
||
starren Verbindungen unterliegen, ein Fall der gleichfalls in
|
||
dem erwihnten Gebiete nahezu verwirklicht erscheint. Hier
|
||
also liegt das Feld, auf welchem auch der Entscheidungskampf
|
||
zwischen den verschiedenen von uns betrachteten Grund-
|
||
annahmen der Mechanik ausgefochten werden muls. Die
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||
Entscheidung selbst aber setzt voraus, dafs vorher die vor-
|
||
handenen Méglichkeiten nach allen Richtungen hin griindlich
|
||
erwogen seien. Sie nach einer besonderen Richtung zu ent-
|
||
wickeln, ist der Zweck der vorliegenden Arbeit. Diese Arbeit
|
||
ist also notwendig gewesen, auch wenn es noch lange dauern
|
||
sollte, bis eine Entscheidung miglich ist, und auch dann, wenn
|
||
diese Entscheidung schliefslich zu Ungunsten des hier ausfihr-
|
||
lich entwickelten Bildes ausfallen sollte.
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||
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||
Hertz, Mechanik. 4
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[PDF-PAGE 86]
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||
ERSTES BUCH.
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||
ZUR GEOMETRIE UND KINEMATIK
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||
DER MATERTELLEN SYSTEME.
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||
Vorbemerkung. Den Uberlegungen des ersten Buches 1
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||
bleibt die Erfahrung véllig fremd. Alle vorgetragenen Aus-
|
||
sagen sind Urteile a priori im Sinne Kant’s. Sie beruhen auf
|
||
den Gesetzen der inneren Anschauung und den Formen der
|
||
eigenen Logik des Aussagenden und haben mit der dufseren
|
||
Erfahrung desselben keinen anderen Zusammenhang, als ihn
|
||
diese Anschauungen und Formen etwa haben.
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||
Abschnitt 1. Zeit, Raum, Masse.
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||
Erlauterung. Die Zeit des ersten Buches ist die Zeit 2
|
||
unserer inneren Anschauung. Sie ist daher eine Grifse, von
|
||
deren Anderung die Anderungen der iibrigen betrachteten
|
||
Gréfsen abhingig gedacht werden kénnen, wahrend sie selbst
|
||
stets unabhingig verinderlich ist.
|
||
|
||
Der Raum des ersten Buches ist der Raum unserer Vor-
|
||
stellung. Er ist also der Raum der Evuxim’schen Geometrie
|
||
mit allen Higenschaften, welche diese Geometrie ihm zuspricht.
|
||
Es ist gleichgiiltig fir uns, ob man diese Higenschaften an-
|
||
sieht als gegeben durch die Gesetze der inneren Anschauung,
|
||
oder als denknotwendige’ Folgen willkirlicher Definitionen.
|
||
|
||
Die Masse des ersten Buches wird eingefihrt durch eine
|
||
Definition.
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||
54 Erstes Buch.
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Definition 1. Ein Massenteilchen ist ein Merkmal, durch
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||
welches wir einen bestimmten Punkt des Raumes zu einer
|
||
gegebenen Zeit eindeutig zuordnen einem bestimmten Punkte
|
||
des Raumes zu jeder anderen Zeit.
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||
|
||
Jedes Massenteilchen ist unverinderlich und unzerstir-
|
||
bar. Die durch dasselbe Massenteilchen gekennzeichneten
|
||
Punkte des Raumes zu zwei verschiedenen Zeiten fallen zu-
|
||
sammen, wenn die Zeiten zusammenfallen. Diese Bestim-
|
||
mungen sind bereits in der Definition enthalten, wenn deren
|
||
Wortlaut richtig gefafst wird.
|
||
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||
Definition 2. Die Zahl der Massenteilchen in einem
|
||
beliebigen Raume, verglichen mit der Zahl der Massenteilchen,
|
||
welche sich in einem festgesetzten Raume zu festgesetzter Zeit
|
||
finden, heifst die in dem ersteren Raume enthaltene Masse.
|
||
|
||
Die Zahl der Massenteilchen in dem Vergleichsraume kann
|
||
und soll unendlich grofs gewihlt werden. Die Masse des ein-
|
||
zelnen Massenteilchens wird alsdann nach der Definition un-
|
||
endlich klein. Die Masse in einem beliebigen Raume kann
|
||
daher jeden rationalen oder irrationalen Wert annehmen.
|
||
|
||
Definition 3. Eine endliche oder unendlich kleine Masse,
|
||
vorgestellt in einem unendlich kleinen Raume, heifst ein mate-
|
||
rieller Punkt.
|
||
|
||
Ein materieller Punkt besteht also aus einer beliebigen
|
||
Anzahl mit einander verbundener Massenteilchen. Diese Zahl
|
||
soll stets unendlich grofs sein, was dadurch erreicht werden
|
||
kann, dafs wir uns die Massenteilchen von héherer Ordnung
|
||
unendlich klein denken, als die etwa betrachteten materiellen
|
||
Punkte von verschwindender Masse. Die Massen der mate-
|
||
riellen Punkte, insbesondere auch die Massen der unendlich
|
||
kleinen materiellen Punkte kénnen darnach in jedem beliebigen
|
||
rationalen oder irrationalen Verhdltnis zu einander stehen.
|
||
|
||
Definition 4. Eine Anzahl gleichzeitig betrachteter ma-
|
||
terieller Punkte heifst ein System materieller Punkte, oder
|
||
kurz ein System. Die Summe der Massen der einzelnen Punkte
|
||
ist nach 4 die Masse des Systems.
|
||
|
||
Ein endliches System besteht also aus einer endlichen
|
||
Zahl endlicher oder aus einer unendlichen Anzahl unendlich
|
||
|
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||
Lage der Punkte und Systeme. 55
|
||
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||
kleiner materieller Punkte oder aus beiden. Stets ist es er-
|
||
laubt, das System materieller Punkte anzusehen als zusammen-
|
||
gesetzt aus einer unendlichen Anzahl von Massenteilchen.
|
||
|
||
Anmerkung 1. Im folgenden werden wir das endliche
|
||
System stets behandeln als bestehend aus einer endlichen Zahl
|
||
endlicher materieller Punkte. Da wir aber keine obere Grenze
|
||
festsetzen fiir die Zahl derselben und keine untere fir ihre
|
||
Masse, so umfassen unsere allgemeinen Aussagen als besonderen
|
||
Fall auch den Fall, dafs das System unendlich viele unendlich
|
||
kleine materielle Punkte enthalt. Auf die Besonderheiten,
|
||
welche die analytische Behandlung dieses Falles nétig macht,
|
||
werden wir indessen nicht eingehen.
|
||
|
||
Anmerkung 2. Der materielle Punkt kann angesehen
|
||
werden als ein besonderer Fall und als das einfachste Bei-
|
||
spiel eines Systems materieller Punkte.
|
||
|
||
Abschnitt 2. Lagen und Verrtickungen der Punkte
|
||
und Systeme.
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||
Lage.
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||
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Definition 1. Der Punkt des Raumes, welcher durch
|
||
ein gewisses Massenteilchen zu einer gewissen Zeit gekenn-
|
||
zeichnet ist, wird die Lage des Massenteilchens zu jener Zeit
|
||
genannt. Lage eines materiellen Punktes heifst die gemein-
|
||
same Lage seiner Massenteilchen.
|
||
|
||
Definition 2. Die gleichzeitig vorgestellte Gesamtheit
|
||
der Lagen aller Punkte eines Systems heifst die Lage des
|
||
Systems.
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||
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||
Definition 3. Jede beliebige Lage eines materiellen
|
||
Punktes im unendlichen Raume heifst eine geometrisch denk-
|
||
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||
10
|
||
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1
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||
56 ‘ Erstes Buch.
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||
bare oder kurz eine denkbare Lage des Punktes. Die Gesamt-
|
||
heit irgend welcher denkbaren Lagen der Punkte eines Systems
|
||
heifst eine denkbare Lage des Systems.
|
||
|
||
Zu einer jeden Zeit kénnen sich unterscheiden zwei Massen-
|
||
teilchen durch ihre Lage, zwei materielle Punkte durch ihre
|
||
Masse und ihre Lage, zwei Systeme materieller Punkte durch
|
||
Zahl, Masse und Lage ihrer Punkte. Nach anderen Rich-
|
||
tungen als diesen aber kénnen sich auf Grund unserer bis-
|
||
herigen Definitionen Massenteilchen, materielle Punkte, Systeme
|
||
materieller Punkte nicht unterscheiden.
|
||
|
||
Analytische Darstellung der Lage. a) des Punktes.
|
||
Die Lage eines materiellen Punktes kann analytisch dargestellt
|
||
|
||
’ werden durch die Angabe der drei rechtwinklig-geradlinigen
|
||
|
||
cartesischen Koordinaten desselben in Bezug auf ein ruhendes,
|
||
festes Axensystem. Diese Koordinaten sollen dauernd mit
|
||
2,2,2x, bezeichnet werden. Jeder denkbaren Lage des Punktes
|
||
entspricht ein eindeutig bestimmtes Wertsystem dieser Koordi-
|
||
naten, und umgekehrt jedem willktrlich gewahlten Wertsystem
|
||
der Koordinaten eine eindeutig bestimmte denkbare Lage des
|
||
Punktes.
|
||
|
||
Anstatt durch seine rechtwinkligen Koordinaten kann die
|
||
Lage eines Punktes auch bestimmt werden durch irgend welche
|
||
rGréfsen p,...pp--+Pr, sobald durch Ubereinkunft bestimmte
|
||
Wertsysteme dieser Griéfsen bestimmten Lagen stetig zuge-
|
||
ordnet sind und umgekehrt. Die rechtwinkligen Koordinaten
|
||
sind alsdann Funktionen dieser Gréfsen, und umgekehrt. Die
|
||
Gréfsen p, bezeichnen wir als allgemeine Koordinaten des
|
||
Punktes. Ist r > 3, so miissen zwischen den p, aus geome-
|
||
trischen Griinden r — 3 Gleichungen bestehen, welche gestatten,
|
||
die p, als Funktionen dreier unabhangiger Groéfsen, z. B. der
|
||
2,2,2,, darzustellen. Es soll indessen eine Abhingigkeit der
|
||
Koordinaten von einander aus rein geometrischen Griinden aus-
|
||
geschlossen sein, und deshalb stets vorausgesetzt werden, dafs
|
||
r=8 sei. Ist r < 3, so werden nicht alle denkbaren Lagen
|
||
des Punktes durch Wertsysteme der p, dargestellt, sondern
|
||
nur ein Teil derselben. Die durch die p, nicht dargestellten
|
||
Lagen sollen bei Benutzung der p, dadurch selbst als von der
|
||
Betrachtung ausgeschlossen gelten.
|
||
|
||
|
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|
||
Konfiguration und absolute Lage. 57
|
||
|
||
Analytische Darstellung. b) des Systems. Die Lage
|
||
eines Systems von materiellen Punkten kann analytisch dar-
|
||
gestellt werden durch Angabe der 3n rechtwinkligen Koor-
|
||
dinaten der Punkte des Systems. Diese Koordinaten sollen
|
||
dauernd bezeichnet werden mit z,...2,...2g,, wobei 2, 2,2,
|
||
die Koordinaten des ersten Punktes, 23,2 23,1 23, die ent-
|
||
sprechend gerichteten Koordinaten des uten Punktes bedeuten
|
||
mégen. Diese 3n Koordinaten x, bezeichnen wir auch kurz
|
||
als die rechtwinkligen Koordinaten des Systems. Jeder denk-
|
||
baren Lage des Systems entspricht ein eindeutig bestimmtes
|
||
Wertsystem seiner rechtwinkligen Koordinaten, und umgekehrt
|
||
jedem willkirlich gewahlten Wertsystem der z, eine eindeutig
|
||
bestimmte denkbare Lage des Systems. _
|
||
|
||
Anstatt durch die rechtwinkligen Koordinaten kénnen wir
|
||
die Lage eines Systems auch bestimmen durch irgendwelche
|
||
rGréfsen p,...po...pr, sobald durch Ubereinkunft bestimmte
|
||
Wertsysteme dieser Gréfsen bestimmten Lagen stetig zuge-
|
||
ordnet sind und umgekehrt. Die rechtwinkligen Koordinaten
|
||
sind dadurch Funktionen dieser Gréfsen, und umgekehrt. Die
|
||
Gréfsen p, bezeichnen wir als allgemeine Koordinaten des
|
||
Systems. Ist r > 3n, so miissen zwischen den p, ‘aus geome-
|
||
trischen Griinden r— 3n Gleichungen bestehen. Wir wollen
|
||
indessen ausschliefsen, dafs zwischen den Koordinaten aus
|
||
rein geometrischen Griinden eine Abhingigkeit bestehe, und
|
||
es sei daher stets r=3n. Ist r< 3n, so werden nicht alle
|
||
denkbaren Lagen des Systems durch Wertsysteme der p, dar-
|
||
gestellt, sondern nur ein Teil derselben. Die durch die p,
|
||
nicht dargestellten Lagen sollen bei Benutzung der Koordi-
|
||
naten p, dadurch selbst als von der Betrachtung ausgeschlossen
|
||
gelten.
|
||
|
||
Konfiguration und absolute Lage.
|
||
|
||
Definition 1. Die.Gesamtheit der gegenseitigen Lagen
|
||
der Punkte eines Systems heifst die Konfiguration des Systems.
|
||
|
||
Die Konfiguration des Systems und die absolute Lage der
|
||
Konfiguration im Raume bestimmen zusammen die Lage des
|
||
Systems.
|
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13
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18
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||
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||
58 Prstes Buch.
|
||
|
||
Definition 2. Konfigurationskoordinate nennen wir jede
|
||
Koordinate des Systems, deren Wert nicht gedndert werden
|
||
kann, ohne dafs dadurch die Konfiguration des Systems sich
|
||
anderte.
|
||
|
||
Ob eine bestimmte Koordinate Konfigurationskoordinate
|
||
ist oder nicht, hingt also nicht ab von der Wahl der iibrigen
|
||
gleichzeitig benutzten Koordinaten.
|
||
|
||
Definition 8. Koordinate der absoluten Lage heifst jede
|
||
Koordinate des Systems, durch deren Anderung die Kon-
|
||
figuration nicht geéndert werden kann, solange die ibrigen
|
||
Koordinaten des Systems sich nicht andern.
|
||
|
||
Ob eine bestimmte Koordinate Koordinate der absoluten
|
||
Lage ist oder nicht, hangt also ab von der Wahl der iibrigen
|
||
gleichzeitig benutzten Koordinaten.
|
||
|
||
Folgerungen.
|
||
|
||
1. Kine Koordinate kann nicht zugleich Konfigurations-
|
||
koordinate und Koordinate der absoluten Lage sein. Dagegen
|
||
kann und wird im allgemeinen eine beliebig herausgegriffene
|
||
Koordinate weder Konfigurationskoordinate noch auch Koor-
|
||
dinate der absoluten Lage sein.
|
||
|
||
2. Sobald n> 8, kénnen 3n von einander unabhingige
|
||
Koordinaten aller Lagen auf mannigfaltige Art so gewahlt
|
||
werden, dafs sich unter ihnen bis zu 3n—6 Konfigurations-
|
||
koordinaten finden, aber auf keine Weise so, dafs sich mehr
|
||
als 3n—6 Konfigurationskoordinaten unter ihnen finden.
|
||
|
||
Denn wihlen wir unter die Koordinaten die 3 Abstiinde
|
||
dreier beliebiger Punkte des Systems von einander und die
|
||
3(n— 38) Abstiinde der iibrigen von jenen, so haben wir
|
||
bereits 3n— 6 Konfigurationskoordinaten, und je 3n— 6 ver-
|
||
schiedene Funktionen jener Abstinde werden ebenfalls 3n —6
|
||
Konfigurationskoordinaten des Systems sein. Weniger Kon-
|
||
figurationskoordinaten kénnen vorhanden sein; denn es sind
|
||
z. B. gar keine vorhanden, wenn wir die 3n rechtwinkligen
|
||
Koordinaten benutzen. Mehr Konfigurationskoordinaten aber
|
||
kénnen sich unter unabhangigen Koordinaten nicht finden;
|
||
|
||
|
||
[PDF-PAGE 95]
|
||
Konfiguration und absolute Lage. 59
|
||
|
||
denn wiren unter beliebigen Koordinaten mehr als 3n—6
|
||
Konfigurationskoordinaten vorhanden, so liefsen sich die letz-
|
||
teren als Funktionen jener 3n—6 Abstinde darstellen, waren
|
||
also nicht von einander unabhingig.
|
||
|
||
8. Sobald n> 8, kénnen 3n unabhangige Koordinaten
|
||
aller denkbaren Lagen eines Systems auf mannigfaltige Art
|
||
so gewahlt werden, dafs sich unter ihnen bis zu 6, aber nicht
|
||
mehr als 6 Koordinaten der absoluten Lage finden.
|
||
|
||
Denn wahlen wir die Koordinaten so, dafs sich unter
|
||
ihnen 3n—6 Konfigurationskoordinaten finden, und figen
|
||
hinzu 6 beliebige Koordinaten, etwa 6 der rechtwinkligen
|
||
Koordinaten des Systems, so sind die letzteren eo ipso Koor-
|
||
dinaten der absoluten Lage, da keine Anderung derselben die
|
||
Konfiguration andert, solange die iibrigen festgehalten werden.
|
||
Weniger als 6 Koordinaten der absoluten Lage kénnen vor-
|
||
handen sein; denn es sind z. B. keine vorhanden, wenn wir
|
||
die rechtwinkligen Koordinaten des Systems benutzen. Mehr
|
||
als 6 aber kénnen nicht vorhanden sein; denn waren fir eine
|
||
bestimmte Wahl der Koordinaten mehr vorhanden, so waren
|
||
alle denkbaren Konfigurationen bestimmt durch die ibrigen
|
||
weniger als 3n—6 Koordinaten, es liefsen sich also fir das
|
||
System iiberhaupt nicht 3n—6 von einander unabhingige Kon-
|
||
figurationskoordinaten angeben, was gegen Folgerung 2 wire.
|
||
|
||
4. Sind 8n unabhingige Koordinaten eines Systems
|
||
von nz Punkten so gewdhlt, dafs sich unter ihnen 3x — 6 Kon-
|
||
figurationskoordinaten finden, so sind die ibrigen 6 notwendig
|
||
Koordinaten der absoluten Lage. Sind jene 3n Koordinaten
|
||
so gewahlt, dafs sich unter ihnen 6 Koordinaten der absoluten
|
||
Lage finden, so sind die tibrigen 3n— 6 notwendig Konfigu-
|
||
rationskoordinaten.
|
||
|
||
Denn fande sich unter den letzteren 3n — 6 Koordinaten
|
||
auch nur eine, welche gedndert werden kénnte ohne die Kon-
|
||
figuration zu andern, so wire die absolute Lage der Konfigu-
|
||
ration bestimmt durch mehr als 6 unabhiangige Koordinaten,
|
||
was nicht méglich.
|
||
|
||
5. Als Koordinate der absoluten Lage kann jede Grifse
|
||
benutzt werden, deren Anderung eine Anderung in der Lage
|
||
|
||
19
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||
|
||
20
|